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Kapitel 7 - 7.1 - Erste Schritte

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Kapitel 7 - 7.1 - Erste Schritte

Als X’exis die Augen aufschlug war es dunkel in seiner Hütte, aber ein schwacher Lichtschein schimmerte vor der Tür und kroch in den Raum. Der Morgen dämmerte, und es war kalt, und X’exis zitterte am ganzen Körper. Sein Magen knurrte und grollte, und er wusste nicht, seit wie vielen Tagen er nichts mehr gegessen und getrunken hatte.

Benommen setzte er sich auf und schaute sich um. Er sah das Lager, das er mit Ret’am geteilt hatte; nun war es kalt und leer. Sein Blick fiel auf die Nische, in der Tak’six und Rot’ud und X’er saßen und schwiegen, und auf die Feuerstelle, in der keine Glut glomm, in der nur kalte Asche lag. Auf allen vieren kroch er hinüber und kratzte ein wenig Holz und Zunder zusammen und nahm einen Feuerstein und schlug einen Funken, und nach wenigen Augenblicken brannte ein Feuer und er hockte sich daneben und wärmte sich daran.

Dann nahm er den Krug mit schalem Wasser und nahm ein wenig Getreide, das er zerdrückte und mit dem Wasser übergoss und einen Getreidebrei daraus machte. Er rührte den Brei und rührte und rührte, und irgendwann aß er ihn. Mit den Fingern führte er den Brei zum Mund und kaute auf den zerdrückten Körnern und schließlich war die Schüssel Brei geleert, und das Knurren seines Magens hatte nachgelassen. Er trank einen Schluck und krümmte sich, als ein plötzlicher Schmerz ihn durchfuhr, aber dann beruhigte sein Magen sich wieder, und er atmete tief durch.

Wieder fiel sein Blick auf das Lager, das er mit Ret’am geteilt hatte, und ein Stich fuhr in seine Brust und zerschnitt sein Herz. Tränen schossen in seine Augen und liefen seine Wangen hinab, und ein lautes Schluchzen erfüllte seinen Körper. Er schlug sich mit den Händen gegen den Kopf, um den Schmerz zu überdecken, aber das gelang ihm nicht, und jaulend warf er sich in den Staub und zog die Beine an die Brust.

Er lag am Rande des dunklen Lochs, aus dem er gerade erst hervorgekrochen war, und er wollte sich wieder hineinfallen lassen, um in dem Nebel zu verschwinden, der ihn umschlossen und seine Schmerzen gedämpft hatte. Er wollte so lange in dem Nebel bleiben, bis sein Körper zu schwach war, sich zu erheben, und er zu Ret’am und zu den Ahnen gerufen wurde.

Aber dann dachte er an Ag’am. Ag’am hatte nach einer zweiten Kräuterfrau gefragt. Er flehte zu Rot’ud, aber sein Dämon antwortete ihm nicht, und so musste er sich selbst erinnern, und er dachte daran, dass Ret’am ihm von dem Trank erzählt hatte, den die andere ihr gegeben und den sie getrunken hatte. Die andere. Sie hatte seinen Sohn und sein Weib getötet.

Bebend setzte X’exis sich auf. Ret’am war getötet worden. Nicht X’ude hatte ihn gestraft, es war eine Kräuterfrau gewesen, die Ret’am den tödlichen Trank gegeben hatte. Eine Kräuterfrau ...

Tak’six und Rot’ud schwiegen weiterhin, aber X’exis erhob sich mühsam, stellte sich schwankend auf beide Beine und trat den ersten Schritt aus der Hütte hinaus in den Sonnenschein. Die Dämmerung war vorüber, die Sonne war schon über den Horizont geklettert. Sie hatte den höchsten Punkt ihrer Wanderung noch nicht erreicht, aber das Leben im Dorf hatte bereits begonnen, und seine Nachbarn glotzten ihn mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mündern an. Niemand kam zu ihm, um mit ihm zu sprechen, niemand reichte ihm eine Hand, ihm zu helfen oder ihn zu stützen. Sie wichen vor ihm zurück und tuschelten untereinander. X’exis ignorierte das.

Mühsam und wankend ging er zwischen den Hütten hindurch, folgte dem Weg, den er vor einigen Tagen gegangen war, bis er den Rand des Dorfes erreicht hatte und Ag’ams Hütte vor sich sah. Wieder zögerte er vor der Tür, und wieder wurde er von einer Stimme begrüßt: “Was willst du, X’exis?”

Dieses Mal war er nicht überrascht. Er senkte den Kopf und trat ein, und Ag’am saß vor ihm und betrachtete ihn mit traurigen Augen, und ihre Arme waren ausgebreitet, ihn zu umarmen. X’exis zögerte, aber dann kniete er sich vor ihr auf den Boden und ließ zu, dass sie ihn an sich drückte, und er legte seine Arme um sie und drückte sie ebenfalls an sich, und er spürte ihre Hände auf seinem Rücken und fühlte Wärme und Erleichterung. Dann ließen sie voneinander ab, und er setzte sich vor ihr auf den Boden.

“Fünf Tage ist dein Weib nun schon bei den Ahnen”, sagte Ag’am langsam, und X’exis hörte, verstand aber nicht. “Hast du gegessen?”

X’exis versuchte, sich zu erinnern. Rot’ud schwieg weiterhin, aber er sah eine Schüssel Getreidebrei vor seinem inneren Auge, und er nickte.

“Ja”, murmelte er.

“Das ist gut”, sagte die Kräuterfrau. “Du brauchst Kraft, wenn du Leben willst.”

X’exis schüttelte benommen den Kopf.

“Die Ahnen werden dich nicht zu ihr lassen, wenn du keinen guten Tod stirbst”, mahnte die Alte. “Nur ein tapferer Mann darf sein Weib bei den Ahnen besuchen.”

“Bin ich denn nicht tapfer?“, fragte X’exis.

“Ein tapferer Krieger und ein guter Jäger”, antwortete sie. “Aber dich in deiner Hütte zu vergraben und um eine Tote zu jammern, gereicht dir nicht zur Ehre, X’exis. Die Ahnen blicken nicht mit Wohlwollen auf dich herab.”

“Die Ahnen sprechen nicht zu mir”, murmelte X’exis.

Ag’am nickte. “Sie sind enttäuscht. Du musst deine Kraft wiederfinden, X’exis. Du musst wieder den Mut des Kriegers und die List des Jägers finden. Nur dann werden die Ahnen wohlwollend auf dich herabblicken. Und nur dann wirst du dein Weib in ihren Reihen wiedersehen.”

X’exis starrte auf den Boden. Er hörte die Worte, aber er verstand nicht.

“Die andere”, sagte er schließlich, als ihm wieder einfiel, woran er in seiner Hütte gedacht hatte. Rot’ud fehlte ihm, Rot’ud, der ihm immer eingeflüstert hatte, was er tun sollte.

“Die andere?”

“Die andere Kräuterfrau. Du hast sie gesehen. Du hast nach ihr gefragt. Und ich habe Ret’am nach ihr gefragt, als du Kräuter gesammelt hast. Die andere hat ihr einen Trank gegeben. Einen Trank, um meinen Sohn groß und mächtig zu machen, damit er einst ein tapferer Krieger und Jäger wird, so wie ich es bin. Aber der Trank hat ihn getötet. Ihn und mein Weib.”

“Ein Trank?“, flüsterte Ag’am. “Die andere hat ihr einen Trank gegeben?”

“Einen schlimmen Trank.” X’exis nickte müde. “Ret’am hat es mir gesagt. Sie hat sich geschämt, denn als sie getrunken hatte, ist unser Sohn gestorben und hat sie mit sich zu den Ahnen geholt.”

Ag’am schwieg.

“Wer war die andere?“, fragte X’exis.

Ag’am zuckte zusammen. “Ret’am war von Sinnen”, sagte sie. “Keine Kräuterfrau würde einer Frau etwas antun, die einen Sohn in sich trägt. Ret’ams Dämon hat ihr falsche Worte in den Mund gelegt.”

“Wer war die andere?“, wiederholte X’exis.

Ag’am schüttelte den Kopf.

“Wer war die andere?”

“Ich weiß nicht ...”

X’exis beugte sich vor und legte ihr die Hände auf die Schultern. Vor Ret’ams Tod hätte er das nicht gewagt, er hätte sich vor den magischen Kräften der Kräuterfrau gefürchtet, aber nun war er innerlich taub. Rot’ud erinnerte ihn nicht daran, sich zu fürchten, also fürchtete er sich nicht. Er schüttelte sie.

“Wer war die andere?“, wiederholte er.

Ag’am riss die Augen auf, und X’exis sah Angst in ihnen.

“Was willst du von der anderen?”

“Ich muss wissen, warum sie Ret’am diesen Trank gegeben hat”, sagte er leise. “Ich muss verstehen ...”

“Verstehen?“, fragte Ag’am. Ihre Stimme bebte, ihre Augen flackerten.

“Warum Ret’am sterben musste.”

“Ich weiss nicht ...”

“Es gibt nicht viele Kräuterfrauen”, erkannte X’exis, ohne dass Rot’ud es ihm eingab. “Ihr wisst voneinander. Ihr kennt euch. Du weisst, wer die andere war.”

“Ich ...”

“Ich sehe es an deinen Augen”, sagte er und starrte ihr ins Gesicht. Sie wich vor ihm zurück, aber er hielt weiterhin ihre Schultern umklammert, und sie konnte sich seinem Griff nicht entziehen. “Wer war die andere?”

Ag’am schluckte, sie zögerte, aber schließlich senkte sie die Augen. “Ma’sina”, sagte sie. “Aus dem Dorf der Töpfer.”

“Am Rand der Stadt, direkt neben dem Palast ...”

Ag’am nickte.

X’exis hielt ihre Schultern noch einen Moment umklammert, aber schließlich ließ er von ihr ab. Mühsam erhob er sich und wankte zur Tür. Er warf noch einen Blick zurück, aber die Alte hielt die Augen gesenkt und starrte vor sich auf den Boden, und X’exis nickte und verließ die Hütte. Er hatte genug gehört.