7.2 - X'exis und Ma'sina
7.2 - X'exis und Ma'sina
Zunächst kehrte X’exis zu seiner Hütte zurück. Zu wissen, wer Ret’am den Trank gegeben hatte, hatte ihn erschrocken, und er wollte neben seinem Lager sitzen und seine Beine umklammern und weinen. Er bewegte sich noch immer durch einen dichten Nebel, der ihm den Blick verhängte, und sein Körper war schwach und zitterte. Er dachte an sein Weib, dachte an ihre letzten Atemzüge, dachte an die Verzweiflung, die er gefühlt hatte, und daran, dass niemand bei ihm gewesen war. Nicht Tak’six, nicht Rot’ud, niemand. Allein hatte er neben Ret’am gesessen und nicht gewusst, was er tun sollte.
Irgendwann fielen ihm die Augen zu, und als er sie wieder öffnete, war es Nacht, und er lag auf der Seite, hatte sich in das Lager gewälzt, das noch ein wenig nach Ret’am roch. Tränen flossen aus seinen Augen, seine Arme und Beine zitterten, seine Brust bebte, sein Atem ging zitternd. Wieder schlossen sich seine Augen, und wieder schlief er ein.
Als er das nächste Mal erwachte, fiel helles Tageslicht auf einen Fleck neben der Tür. Ohne Feuer lag er in einem dämmrigen Halbdunkel, und wieder folgte er dem Grollen seines Magens. Er bereitete einen Gerstenbrei und aß ihn und trank klares Wasser, das er sich wohl am vergangenen Abend noch aus dem See geholt hatte, ohne sich daran zu erinnern.
Er warf einen Blick auf Rot’ud und X’er, aber die hatten ihre Augen abgewandt und sprachen nicht zu ihm, und die Leere breitete sich in seinem Körper aus und er starrte benommen auf den Boden. Schließlich erinnerte er sich an den Namen, den Ag’am ihm am Vortag genannt hatte: Ma’sina. Er erinnerte sich ohne die Hilfe seines Dämons, und das erstaunte ihn, aber er akzeptierte es. Seine Stirn legte sich in Falten, und in seinem Kopf drehte es sich, und schließlich erhob er sich mühsam und verließ die Hütte und trat den Weg in die Stadt an, um mit Ma’sina zu sprechen.
Seine Nachbarn sprachen zu ihm, als er an ihnen vorüberging, aber er hörte sie nicht, und als er sie nicht beachtete, ließen sich sich wieder zurückfallen und er ging den Weg allein. Die Felder waren voller Sklaven, die Gräben gruben und Wasser aus dem See hineinleiteten. Er wusste nicht, wie viele Tage seit dem Kriegszug vergangen waren, aber auch an den erinnerte er sich ohne die Hilfe seines Vaters oder seines Dämons. Er sah den Tod des X’ep’nis, als geschähe es gerade jetzt, sah den Rückmarsch, sah den Krieger, den er verurteilt hatte, weil der die Beute des X’er geschmälert hatte. Er sah, wie X’er ihn zu sich gerufen hatte, sah wie Ai’lif ihn sich zum Ehemann ausgesucht und wie er sie abgewiesen hatte.
Ein kalter Schauer überlief seinen Körper bei dieser Erinnerung, als sei ein Krug kalten Wassers über ihm ausgeschüttet worden, und seine Arme und Beine zitterten beim Gehen. Dann war es vorüber, und die Bilder verschwanden, und er erinnerte sich nur noch an den Namen der zweiten Kräuterfrau, erinnerte sich an Ma’sina.
Dann war er in der Stadt und ging in das Dorf der Töpfer und fragte nach der Kräuterfrau, fragte nach Ma’sina, und die Frauen und Männer, mit denen er sprach, blickten ihn verunsichert an. Niemand ging in ein anderes Viertel, um die Kräuterfrau aufzusuchen, und ihre Dämonen flüsterten ihnen ein, dass er X’exis war, aus dem Dorf der Jäger und Fischer, und er hatte seine eigene Kräuterfrau, zu der er gehen konnte, wenn er ihre Hilfe benötigte.
Schließlich jedoch wies man ihm den Weg, und er fand sich vor einer steinernen Hütte wieder, die am Rand des Dorfes stand, direkt dahinter der Regenwald, als habe man versucht, sie so weit wie möglich aus dem Dorf zu vertreiben, ohne sie zu sehr zu verärgern. Eine Stimme erklang aus dem Inneren.
“Wer bist du?“, fragte sie. “Ich erkenne dich nicht. Was willst du von mir?” Ihre Stimme klang unsicher, als ahnte sie, dass ihr Dämon ihr etwas verheimlichte.
“Ich will dich sprechen, Ma’sina”, antwortete X’exis.
“Wer bist du?“, wiederholte die Alte, ohne aus der Hütte zu treten, und X’exis wurde von einer plötzlichen Unruhe gepackt, senkte das Haupt und trat durch die Tür in das Innere des kleinen Hauses und sah sich nach ihr um.
Ma’sina saß auf einer wollenen Decke neben der Tür und schaute zu ihm auf. Ihre Augen schauten neugierig, aber gelassen.
“Du kennst meinen Namen”, sagte sie und wies zu einer zweiten Decke, auf der X’exis sich niederließ. “Nun verrate mir auch deinen.”
“Du hast meinem Weib einen Trank gegeben, Ma’sina”, sagte X’exis, ohne auf ihre Worte einzugehen. Tak’six und Rot’ud hatten ihn nicht begleitet, er saß allein vor der Kräuterfrau, und die Worte kamen ihm in den Sinn, ohne dass sie ihm zugeflüstert wurden.
“Habe ich das?“, fragte die Alte. Unsicherheit mischte sich in ihre Stimme. “Wer ist dein Weib?”
“Sie ist bei den Ahnen”, antwortete X’exis dumpf.
Ma’sina erbleichte. “X’exis”, flüsterte sie.
“Du kennst meinen Namen.”
“X’exis”, stammelte sie leise. “Sohn des Tak’six.”
“Hauptmann des Dorfes der Jäger und Fischer. Ehemann der Ret’am, Vater eines ungeborenen Sohnes.”
Die Alte schwieg, aber ihre Hände zitterten und verrieten ihre Furcht.
“Du hast meinem Weib einen Trank gegeben, um meinen Sohn groß und mächtig zu machen. Gerade so wie mich”, sagte X’exis und beobachtete sie aufmerksam. “Glaubst du, ich bin groß und mächtig?”
Ma’sina rutschte unruhig auf ihrer Decke hin und her. Ihre Blicke gingen zur Seite, fielen auf die Tür, und ihr Dämon flüsterte ihr ein, aber X’exis erhob sich und trat neben die Tür und ließ sich dort auf den Boden sinken, und Ma’sina sackte in sich zusammen.
“Ja”, flüsterte sie. “Das glaube ich.”
“Dein Trank hat meinen Sohn getötet”, sagte X’exis. Der Nebel um ihn herum riss auf, und er spürte einen tiefen Schmerz in seiner Brust, als er sprach. “Meinen ungeborenen Sohn. Dein Trank hat ihn getötet, und mein ungeborener Sohn hat mein Weib vergiftet. Er ist zu den Ahnen gegangen und hat mein Weib mit sich genommen.”
“Ich weiß“, flüsterte Ma’sina.
“Dein Trank hat mir alles genommen.” Die Worte fielen wie Steine von seiner Brust, und aus seinen Augen strömten Tränen, die wie Feuer auf seinen Wangen brannten.
“Ja, X’exis”, sagte sie leise.
“Warum?” X’exis starrte ihr ins Gesicht. Etwas in ihm hatte das Bedürfnis, zu verstehen, was geschehen war.
“Um den Weg freizumachen”, flüsterte Ma’sina. “Dein ungeborener Sohn hat dich an dein Weib gebunden”, erklärte sie langsam, mit zitternder Stimme. “Ist der Sohn fort, kannst du dich von deinem Weib lösen. Aber von seinem Mann verstoßen zu werden bedeutet große Scham für ein Weib. Darum ist es besser, wenn die Mutter mit dem Sohn geht.”
X’exis schüttelte den Kopf, um die Worte an ihren Platz zu rütteln, aber sie fanden keinen Halt.
“Den Weg frei machen?”
“Du bist ein großer Mann, X’exis; ein mächtiger Mann”, flüsterte Ma’sina. “Viele Frauen wollen dein Weib sein.”
Die Augen der Kräuterfrau schauten ängstlich zu ihm auf, und er spürte, dass ihre Stimme nicht die ganze Wahrheit gesprochen hatte.
“Wer?“, fragte er.
Ma’sina biss sich auf die Lippen und senkte den Blick. X’exis stand auf und packte ihre Haare, zog sie empor. Sie wimmerte, wehrte sich aber nicht, was ihn verunsicherte. Er hatte mit ihren Schreien gerechnet, hatte mit Gegenwehr gerechnet. Er griff nach dem Messer, das er im Schurz trug, zog es hervor und legte die Klinge an ihren Hals. Ein Tropfen Blut erschien auf der Klinge. Ma’sina wimmerte lauter und presste die Augen zusammen.
“Wer?“, wiederholte X’exis.
Ma’sina presste die Lippen noch fester aufeinander und schüttelte langsam den Kopf, und die Klinge glitt über ihren Hals und leckte mehr Blut, aber Ma’sina schüttelte den Kopf immer weiter, und plötzlich verließ X’exis die Kraft.
Er wischte die Klinge an ihrem Kleid sauber, dann steckte er das Messer zurück in seinen Schurz und ließ Ma’sina los, die zu Boden sackte und sich auf der gewebten Decke zusammenrollte und die Beine eng an ihren Körper zog.
X’exis stand über ihr, benommen und unschlüssig. Hatte er sie töten wollen? Hatte er erfahren wollen, wer ihr den Auftrag gegeben hatte? Tak’six und Rot’ud waren nicht bei ihm, ihm seine Taten zu erklären. Schließlich beugte er sich hinab und streichelte der Alten über die Haare, und sie rollte sich enger zusammen und sie wimmerte wieder, und X’exis verließ die Hütte. Der Drang, sie zu töten, war verschwunden, und der Nebel kehrte zurück, und wie durch eine dichte Wolke kehrte er aus dem Dorf der Töpfer zurück in das Dorf der Fischer und Jäger und zurück zu seiner Hütte, wo er sich auf das Lager setzte und seine Beine umklammerte und vor sich auf den Boden starrte.