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7.3 - Erkenntnis

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7.3 - Erkenntnis

Eine Weile schlief X’exis, dann erwachte er, dann schlief er wieder. Er war erschöpft, all seine Kraft war aufgebraucht, in seinem Inneren herrschte Leere. Keine Stimme, die zu ihm sprach, niemand, der ihm erklären konnte, was um ihn herum geschah.

Wieder und wieder sah er Ma’sina vor sich, sah ihr Gesicht, das vor Angst verzerrt gewesen war. Sie hatte sich vor der Klinge gefürchtet, die er an ihren Hals gehalten hatte, hatte sich davor gefürchtet, vor ihrer Zeit zu den Ahnen geschickt zu werden. Sie war eine Kräuterfrau, kein Krieger. Ein Krieger sehnte sich danach, ehrenvoll zu den Ahnen zu gehen, eine Kräuterfrau hatte diesen Wunsch nicht. Aber sie hatte die Macht, andere vor ihrer Zeit aus der Welt zu reißen, und das hatte Ma’sina mit Ret’am getan.

X’exis spürte eine Welle des Zorns über sich hinwegspülen, aber die war genauso schnell vorüber, wie sie gekommen war. Wieder sah er nur die Angst in den Augen der alten Frau. Sie hatte Ret’am den Trank nicht gebracht, weil ihr Dämon ihr das eingegeben hatte, sondern weil jemand anderes dies gefordert hatte. Und sie hatte nicht gewagt, den Namen preiszugeben. Selbst die Klinge an ihrem Hals hatte sie nicht überreden können - eher wäre sie gestorben, als das Geheimnis zu lüften. Wieder spürte er Müdigkeit, wieder schwand jeder Drang, der Alten etwas anzutun, um den Tod seines Sohnes und seines Weibes zu rächen.

Er wusste nicht, wer sie beauftragt hatte, aber etwas nagte an ihm, ein schwerer Stein legte sich in seinen Magen, ein enger Reif legte sich um seine Brust und erschwerte ihm das Atmen. Er flehte zu Rot’ud, ihm zu sagen, was er übersah, er bat Tak’six, ihm beizustehen, aber beide schwiegen und ließen ihn im Dunkeln. Als Ret’am zu den Ahnen gegangen war, hatte sie seine Verbindung zu ihnen getrennt. Furcht breitete sich in seinem Körper aus und lähmte ihn.

Um sich abzulenken, stand er auf und verließ die Hütte. Er betrachtete seine Nachbarn, die ihren Geschäften nachgingen, ohne mit ihm zu sprechen. Sie beobachteten ihn aus den Augenwinkeln, blieben hin und wieder stehen, lauschten den Worten ihrer Dämonen, die ihnen Dinge ins Ohr flüsterten, ohne dass X’exis sie sehen oder hören konnte. Er wünschte sich, dass Rot’ud ihm ebenfalls etwas ins Ohr flüsterte, aber das tat der nicht.

Als er durch das Dorf ging, wichen seine Nachbarn ihm aus, einige tuschelten miteinander, als er an ihnen vorüberging, und er begriff, dass er anders war, als sie. Er war nicht mehr der X’exis, der mit seinen Freunden in den Krieg gezogen und als Hauptmann zurückgekehrt war, er war nicht mit der X’exis, der mit Ret’am verheiratet gewesen war und auf die Geburt seines Sohnes gewartet hatte. Ret’ams Tod hatte etwas in ihm verändert, aber er wusste nicht, was. Und seine Ahnen waren nicht bereit, es ihm zu erklären.

Nachdenklich ging er zum Ufer des Sees und betrachtete den Einbaum, mit dem er so oft zum Fischen hinausgefahren war. Er war immer einer der besten Fischer gewesen, hatte sich auf die Worte seines Vaters verlassen können, der ihm erklärt hatte, wohin er sich wenden sollte. Nur beim letzten Fischzug nicht. Tak’six hatte geschwiegen, und X’exis hatte nicht weiter gewusst. Nun blickte er über das Wasser und verstand, wie die Fische zogen, wusste, wann sie den Fluss hinunter schwammen und im See Halt machten. Nun verstand er, wann sie den See wieder verließen, um weiterzuziehen, ohne dass er wusste wohin. Er erinnerte sich an die vielen Male, an denen er reichen Fang ins Boot gezogen hatte, und an das Verständnis, das Tak’six ihm mit seinen ewigen Wiederholungen eingeflößt hatte. Nun wiederholte Tak’six nichts mehr, aber X’exis spürte, dass es nicht mehr nötig war. Er hatte die Wanderung der Fische verstanden.

Wer hatte Ret’am etwas antun wollen? Die Frage kehrte zu ihm zurück, während er über das Wasser hinausstarrte, von den neuen Erkenntnissen überwältigt, die sich in ihm breitmachten. Wem hatte sie etwas getan? Wer konnte Rache an ihr üben wollen?

Traurig schüttelte X’exis den Kopf. Er wandte sich vom See wieder ab und ging zum Wald, in dem er so oft mit Id’nan und X’unis gejagt hatte. Vielleicht konnte er in den Spuren der Tiere eine Antwort finden. Vor seinem inneren Auge sah er, wie er sich an ein Schwein heranpirschte, wie sein Vater es ihn gelehrt hatte. Er verstand nun die Kleinigkeiten, auf die es zu achten galt, musste sich nicht mehr von Tak’six oder Rot’ud leiten lassen. Sie schwiegen, aber er wusste dennoch, worauf er bei der Jagd achten musste. Mit einem traurigen Lächeln setzte er sich am Waldrand auf einen umgestürzten Stamm und blickte über das Dorf und seine Nachbarn. Noch immer starrten einige zu ihm herüber, und er sah sie mit ihren Dämonen tuscheln, ohne dass er ihre Dämonen sah. Hatte er sie jemals gesehen? Hatte er Rot’ud an seiner Seite gesehen? Er erinnerte sich an seinen Vater, der vor Jahren gestorben war, erinnerte sich an seine Mutter, die von Feinden verschleppt worden war. Er spürte den Schmerz des Knaben, der er damals gewesen war, aber Rot’ud? Hatte er ihn jemals gesehen?

Unsicher vergrub er seinen Kopf in den Händen. Er verstand nicht, was geschah, aber er begriff, dass er es alleine herausfinden musste. Die Ahnen würden ihn nicht mehr leiten. Er musste sich selbst erklären, was sie erwarteten und dann ihren Wünschen entsprechend handeln, um eines Tages bei ihnen aufgenommen zu werden. Er fühlte sich unendlich einsam.

Aber Ret’am? Wer hätte ihr etwas antun wollen? Sie hatte keine Feinde gehabt, niemanden, dem sie im Wege gestanden hatte. Verzweifelt raufte er sich die Haare. Er spürte, dass er etwas übersah, spürte, dass eine Erkenntnis auf ihn wartete, er sie aber noch nicht greifen konnte.

Und dann begriff er.

Nur ein mächtiger Auftraggeber konnte Ma’sina so sehr in Angst versetzen, dass sie eher ihr Leben opferte, als zu verraten, wer sie gesandt hatte. Reich und mächtig. Ein Adliger. Aber welcher Adlige kannte X’exis und Ret’am? X’exis war ein einfacher Jäger und Fischer. Er war ein guter Krieger und noch besserer Jäger, sein Vater hatte ihn alles gelehrt, und er hatte ihn noch übertroffen. Aber kein Adliger kannte ihn.

Nur jemand, der über den Menschen stand, konnte eine Kräuterfrau so sehr verängstigen, nur jemand, der über Leben und Tod gebot. X’er. Der König und Gott. Aber warum sollte X’er den Tod Ret’ams fordern? Hatte X’exis nicht zu seinen Ehren den Kriegszug gegen Xi’tim zu einem erfolgreichen Ende geführt? In seinem Namen hatte er einen Krieger gerichtet, der seine Beute geschmälert hatte, und X’er hatte das gutgeheißen. Hatte er sich gegen X’er etwas zuschulden kommen lassen, dass der König und Gott ihn so sehr strafte?

Dann erinnerte er sich an Ai’lif, an die Prinzessin, die ihm gesagt hatte, dass sie ihn zum Mann nehmen wolle, weil er der Tapferste unter den Kriegern war, und er erinnerte sich, dass er sie abgewiesen hatte. Sie hatte verstanden und ihm freundlich zugenickt. Sie hatte ihn vor ihrem Vater gelobt und gesagt, er sei wahrlich der Tapferste unter den Kriegern, denn nur der Tapferste konnte der Prinzessin einen Wunsch ausschlagen und leben. Sie hatte für ihn gesprochen und sie hatte verstanden.

Noch einmal durchlebte X’exis die Erleichterung, die er bei ihren Worten verspürt hatte, und die Freude, als er Ret’am wieder in seine Arme geschlossen hatte.

Etwas nagte in ihm, und er wünschte sich eine Stimme, die ihm erklären konnten, wessen Namen Ma’sina nicht hatte aussprechen wollen.

Die Augen der Prinzessin, als er sie abgewiesen hatte. Die Prinzessin in seiner Hütte, als Ret’am zu den Ahnen gegangen war. Woher hatte sie davon gewusst? Woher hatte sie gewusst, dass sein ungeborener Sohn gestorben war? Dass er Ret’am mit sich genommen hatte? Hatte sie zu ihm gesprochen? Er erinnerte sich nicht.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte X’exis auf den Boden zu seinen Füßen.

Ai’lif war die Prinzessin, sie war die Tochter des X’er, des Königs und Gottes seines Volkes, und ein König und Gott wusste, was in den Häusern seiner Untertanen geschah. Aber X’er hatte schon lange nicht mehr in seinem Haus zu ihm gesprochen, und X’exis hatte befürchtet, den König und Gott aus seinem Heim vertrieben zu haben. Woher also wusste sie es?

War sie es, die Ma’sina beauftragt hatte? War sie es, die ihn frei und für sich haben wollte? Hatte sie ihm das gesagt, als sie in seiner Hütte vor ihm gekniet hatte? War all das nicht nur ein Schemen gewesen, den sein verwirrter Geist sich ausgedacht hatte?

Zitternd umklammerte X’exis seine Knie, als der Gedanke zu einer Gewissheit wurde und er begriff, dass nur Ai’lif einen Grund gehabt hatte, Ret’am aus dem Leben reißen zu lassen. Die Prinzessin, die er verschmäht und beleidigt hatte, hatte sich ihre Rache genommen, wie es ihr zustand. Nicht er hatte sterben müssen, sondern sein Weib, und der Preis war damit so viel höher gewesen, als hätte sie ihn zu den Ahnen gesandt. Der Gedanke daran ließ ihn erbeben.