Kapitel 8 - 8.1. - Der Außenposten
Kapitel 8 - 8.1. - Der Außenposten
Bei Sonnenaufgang bereitete Rotax’em Xi’la und X’er das Opfer, bevor er Re’lum, seinem Weib, die hölzerne Schüssel gab. Re’lum schöpfte den Brei mit den Fingern, führte ihn zum Mund und aß langsam, bevor sie ihm die Schüssel zurückgab. Rotax’em aß ebenfalls, bis er satt war, dann stand er auf und verließ die hölzerne Hütte, in der sie inmitten des Waldes lebten.
Ihre Hütte stand am Rand eines kleinen Platzes - kaum mehr als eine Lichtung - um die sich einige weitere Hütten kauerten. In einer der Hütten lebte Ti’xim, Sohn des Xi’rap, mit seinem Weib Anxi’me, aus dem Königreich des Xi’tim. Xa’ger, Sohn des Ax’inoc, aus dem Königreich des X’umip, lebte mit seinem Weib Ma’xinop in einer weiteren Hütte. Und dann war da noch Xit’xi, Sohn des Xep’lu, aus dem Königreich des Xi’grep. Xit’xi war jung, teilte das Lager noch nicht mit einem Weib, und die anderen blickten gutmütig auf ihn herab. In den restlichen Hütten lebten Sklaven, die ihnen bei der täglichen Arbeit halfen.
X’er hatte Rotax’em persönlich ausgesandt, in diesem Außenposten Handel mit den anderen Königreichen zu treiben, und für Rotax’em war das eine besondere Ehre. Seinen Nachbarn war von ihren Königen die gleiche Ehre zuteilgeworden, und sie vier bildeten eine wichtige Verbindung zwischen den Reichen. Wer Handel treiben wollte, wandte sich an sie, sie waren der verlängerte Arm ihres Königs, und sie hielten untereinander den Frieden auch in Zeiten des Kriegs.
Aber es war ein einsames Leben, fernab des eigenen Volkes, ohne den Zusammenhalt der Freunde, ohne Nachbarn, denen man vertrauen konnte, ohne den direkten Kontakt mit den Götzen und Göttern der Heimat.
Rotax’em streckte sich und gähnte lang und ausgiebig. Er war ein kräftiger Mann mit stattlichem Bauch, der von seiner hervorragenden Stellung zeugte, und einem breiten, freundlichen Gesicht. Als er sich umschaute, entdeckte er Ti’xim auf der anderen Seite des Platzes, der ebenfalls aus seiner Hütte getreten war und nun zum Himmel aufblickte. Rotax’em ging zu ihm hinüber.
“Du wagst dich aus deiner Hütte?“, fragte er fröhlich. “Nachdem dein König dem X’er im Krieg unterlegen ist?”
Ti’xim musterte ihn finster. “Gib acht, dass du nicht über deine großen Worte stolperst. Xi’tim und Bu’bul werden den Krieg zu X’er und X’ude bringen und zehn Mal so viele Sklaven erbeuten, wie X’er es getan hat.”
Rotax’em lachte und schlug Ti‘xim mit einer Hand freundschaftlich auf die Schulter.
“Gut gesprochen, Freund Ti’xim”, sagte er. “Gibt es Nachricht von deinem König und Gott?”
Ti’xim schüttelte den Kopf. “Nein, der letzte Bote brachte Kunde vom verlorenen Kampf. Xi’tim hat eine Gesandtschaft zu X’er geschickt, um die Herausgabe der Sklaven und eine Entschädigung auszuhandeln. Aber sie sind noch nicht zurückgekehrt.”
“X’er wird ihnen nichts geben”, antwortete Rotax’em zufrieden. “X’er ist ein mächtiger König und X’ude ein mächtiger Gott. Sie werden sich nicht dem Willen von Xi’tim und Bu’bul unterwerfen.”
Ti’xim zuckte mit den Schultern. “Dann werden Xi’tim und Bu’bul blutige Vergeltung üben.”
“Es wird ihnen nicht gelingen. X’er und X’ude sind zu mächtig.”
“Wir werden sehen. Wie geht es All’epu? Ist deine Tochter wohlauf und gesund?”
All’epu zählte inzwischen zehn Sommer und war im heiratsfähigen Alter. Manche Väter warteten länger damit, ihre Tochter einem Mann zum Weib zu geben, aber in Rotax’ems Familie war es seit jeher Brauch gewesen, die Töchter früh in die Welt zu schicken. Er hatte mit seinem Vater darüber beraten, und sie waren sich einig, den Brauch zu ehren. Aber einen Mann für seine Tochter zu finden, war nicht leicht. Sie lebten fernab der Heimat und konnten nur im Dorf wählen, und der einzige junge Mann war Te’rox, Sohn des Ti’xim. Ein guter Junge, auch wenn er der Sohn des Feindes war.
“All’epu ist wohlauf. Sie bereitet sich auf ihre Hochzeit vor.”
“Te’rox ist voller Vorfreude.”
“Ein guter Junge. Ein guter Jäger. Er wird meine Tochter ehren und für sie sorgen.”
Ti’xim nickte zustimmend, dann blickte er über seine Schulter. “Dort kommt Xa’ger. Ihr habt einen Handel vereinbart, Rotax’em?”
Xa’ger trat zu ihnen und begrüßte sie.
“Hast du Neuigkeiten von Nun’xis und seiner Gesandtschaft?“, fragte Rotax’em, nachdem sie ein paar freundliche Worte gewechselt hatten.
“Ja.” Xa’ger klopfte sich mit den Händen auf den runden Bauch, dass es klatschte. “Nun’xis hat mir vor einigen Tagen Kunde geschickt, dass seine Verhandlungen mit X’er erfolgreich verlaufen sind. X’er will mit X’umip Handel treiben, und Nun’xis ist auf dem Weg zu unserem König und Gott, ihm die Botschaft zu überbringen. Nun’xis wird Getreide bringen, damit X’er die ehrlichen Absichten erkennt und seinerseits edle Steine entsendet, um den Handel aufzunehmen.”
“Das ist gut.” Rotax’em nickte zufrieden. “Dein König ist ein mächtiger König, und es ist gut, Verbündete zu haben, die einem nicht im Krieg unterliegen.”
Bei diesen Worten legte er Ti’xim eine Hand auf die Schulter, die dieser brummend bei Seite wischte.
“X’umip ist ein mächtiger König, und Mux’nom ist ein mächtiger Gott”, erwiderte Xa’ger voller Stolz. “Sie sind dem X’er und X’ude ebenbürtig, vielleicht sogar mächtiger. Mögen sie einander immer wohlgesonnen sein, damit es nicht zum Krieg zwischen uns kommt.”
Rotax’em lachte, dann legte er Ti’xim erneut eine Hand auf die Schulter. Diesmal ließ Ti’xim sie dort liegen.
“Was sind Kriege zwischen unseren Völkern für uns?“, fragte Rotax’em. “Wir leben an einem Ort des Friedens. Unsere Völker müssen miteinander leben, auch wenn sie sich bekämpfen. Unsere Götter sind wie Geschwister: immer im Streit miteinander und doch können sie nicht voneinander lassen.”
Xa’ger und Ti’xim stimmten ihm zu, und Rotax’em verabschiedete sich von den beiden und achtete nicht mehr auf das Wortgefecht, das sie sich nun lieferten. Es war jeden Tag das gleiche, und es war nicht wichtig, ihnen zuzuhören. Auf der anderen Seite des Platzes hatte er den jungen Xit’xi gesehen, der gerade aus seiner Hütte getreten war und noch sehr verschlafen wirkte. Ein Sklavenmädchen kroch hinter ihm aus der Türöffnung, und Rotax’em wusste, warum der Junge so müde war.
“Guten Morgen, Freund Xit’xi”, begrüßte Rotax’em ihn gutmütig. “Ich sehe, deine Nacht war anstrengend, aber erfolgreich.” Lachend trat er zu ihm und hielt ihm eine Schüssel, aus der Xit’xi Wasser schöpfte und sich Gesicht und Oberkörper wusch.
“Sehr anstrengend”, antwortete Xit’xi schließlich grinsend. “Sehr erfolgreich.”
“Hast du Kunde von Xi’grep, deinem König und Gott?”
“Nein, noch nicht.” Xit’xi schüttelte den Kopf. “Ich habe einen Boten ausgesandt, um von dem Kriegszug des X’er gegen den Xi’tim zu berichten. Xi’grep wird Handel treiben wollen, wenn er von dem ruhmreichen Sieg des mächtigen X’er erfährt. Xi’grep hat großes Interesse an den funkelnden Steinen, die X’er in seiner Mine aus dem Fels schlägt, und ich bin sicher, er wird unendliche Güter im Ausgleich bieten.”
Rotax’em stimmte zu. “Berichte mir, sobald ein Bote sich meldet.”
“Das werde ich, Freund Rotax’em.” Xit’xi nickte, dann verabschiedete er sich von ihm und ging hinüber zu Ti’xim und Xa’ger, um sie zu begrüßen und sich an ihrem gutmütigen Streit zu beteiligen.
Rotax’em blickte ihm zufrieden hinterher. Dann kehrte er fröhlich zurück zu seinem Haus, um seine Frau und seine Kinder in die Arme zu schließen. Der Tag hatte gut begonnen.