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8.2 - Heimweh

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8.2 - Heimweh

“Das ist X’er, unser König und Gott”, sagte Rotax’em, als er die kleine Holzstatue aus dem Schrein nahm und in die Mitte des Raumes trug. “Er ist der Herrscher über unser Volk und wohnt in einem großen Palast in seiner Stadt.”

Re’lum trug die Schüssel mit dem Wasser herbei, All’epu die Schüssel mit den Blüten. Re’xup, sein Sohn, legte ihm das Tuch zu Füßen, mit dem er die Statue vom Staub befreien und waschen würde.

“X’er spricht zu mir, wenn ich seines Rates bedarf”, erklärte Rotax’em seinen Kindern, wie er es ihnen jeden Tag erklärte, wenn sie die Waschung der Statuen vornahmen.

“Ja, Vater”, erwiderten seine Kinder.

Rotax’em tauchte das Tuch in die Schüssel mit dem Wasser und wusch den Leib des X’er. Re’lum nahm von den Blüten, die All’epu ihr bereithielt und streute sie über ihren König und Gott. Gemeinsam dankten sie X’er für seine Führung und seinen Rat und baten ihn darum, einen weiteren Tag über sie zu wachen und sie zu schützen. Danach trug Rotax’em die Statue zurück zur Nische und stellte sie hinein.

“Das ist X’ude, unser Gott, Bruder des mächtigen X’er”, sagte Rotax’em dann und nahm die Statue des X’ude aus der Nische und trug sie in die Mitte des Raumes. “Gemeinsam mit X’er sitzt er auf dem Thron im großen Thronsaal des Palastes und herrscht über unser Volk und seine Stadt.”

Rotax’em wusch den Leib des X’ude, und Re’lum bestreute ihn mit Blüten. Auch ihm dankten sie gemeinsam für seine Führung und seinen Rat und baten ihn darum, einen weiteren Tag über sie zu wachen und sie zu schützen.

“Spricht X’ude zu dir, Vater?“, fragte Re’xup ihn, als er die Statue des X’ude zurück in die Nische stellte.

Rotax’em schüttelte den Kopf. “Nein, mein Sohn. X’ude spricht nur mit X’er und dem Hohepriester, nicht mit einem niederen Mann wie mir. X’er ist seine Stimme und verkündet seinen Rat und seinen Befehl. Der Hohepriester steht X’er bei und bekräftigt die Worte des X’ude. Wir hören die Stimme des Gottes nicht, wir hören die Stimme des Königs.”

“Aber X’er spricht zu dir?“, fragte All’epu.

“Ja, meine Tochter”, antwortete Rotax’em voller Stolz. “X’er spricht zu mir, wenn ich mich mit einer Frage an ihn wende; und X’er erteilt mir Befehle, wenn ihm danach ist. Ich habe in seinem Thronsaal vor ihm gekniet und habe ihn gesehen und seine Stimme vernommen, und er begleitet mich überall hin, wohin ich in seinem Namen gehe.”

“Hast du X’ude gesehen?“, fragte Re’xup ehrfürchtig.

“Ich habe X’ude gesehen.” Rotax’em nickte, und seine Kinder bewunderten ihn mit großen Augen. “Auf seinem Thron zu X’ers Linker. Sie sind umgeben von Götzen und Dämonen, die aus dem Stein der Wände geschnitten sind und alles beobachten, was im Thronsaal geschieht.”

“Ist es ein großer Thronsaal?“, fragte Re’xup, wie jeden Tag.

“Ja, mein Sohn. Der Saal ist größer als dieses Dorf, in dem wir leben. Alle Hütten hätten in ihm Platz, und die Wände sind übersät mit den edlen Steinen, die X’er in seiner Mine aus dem Fels schlägt. Und die Götzen sind lebendig und halten mit ihm Rat.”

“Hast du es auch gesehen, Mutter?“, fragte All’epu.

Re’lum schüttelte den Kopf. “Ich war nie im Palast. Aber ich habe die große Treppe gesehen, die zum Palast hinaufführt, und ich habe X’er gesehen und gehört, wenn er auf der obersten Stufe der großen Treppe stand und zu seinem Volk sprach. Und ich habe den Hohepriester gesehen, der an seiner Seite stand.”

“Und die Stadt funkelt vor edlen Steinen?“, fragte Re’xup.

“Ja, mein Sohn”, antwortete sie. “Es ist, wie euer Vater es sagt: die edlen Steine glitzern im Licht der großen Sonne wie Sterne, die vom Himmel gefallen sind. Und auch die Straßen um den Palast strahlen und leuchten. Aber nicht die Häuser der Adligen und auch nicht die Häuser der Händler und Krieger. Nur der Palast des Königs ist übersät mit den edlen Steinen, und nur sein Haus funkelt, als seien die Sterne vom Himmel gefallen.”

“Werden wir es ebenfalls sehen?“, fragte Re’xup seine Eltern.

“Ihr werdet es ebenfalls sehen”, versprach Rotax’em. “Eines Tages werde ich euch in meine Heimat senden, in die Stadt des X’er, und ihr werdet sehen, wie groß und gewaltig und schön sie ist.”

“Wann wirst du uns schicken, Vater?“, fragte All’epu.

“Wenn X’er es mir aufgibt”, antwortete Rotax’em und warf einen Blick auf den Leib des X’er, der sie aus seiner Nische heraus betrachtete. “Doch nun lasst uns das Essen bereiten, lasst uns das Fleisch braten und auf Spieße stecken und lasst uns X’er und X’ude mit dem Geruch des Fettes erfreuen, das wir zu ihren Ehren in die Flammen geben, damit sie unser Opfer annehmen und uns weiterhin beschützen.”

In diesen Momenten war Rotax’em glücklich. Wenn er mit seiner Familie zusammensaß und sich seinem König und seinem Gott nahe fühlte. Wenn er X’er und X’ude ansprach und sie ihm zuhörten, und wenn X’er ihm antwortete. Aber nicht jeder Tag war so.

Es gab auch die schlimmen Tage.

Tage, an denen Rotax’em zu X’er sprach, an denen X’er ihm aber nicht antwortete. Das waren Tage, an denen er X’er Opfer brachte, die seinem König und Gott nicht gefielen, und nichts konnte ihn dazu bewegen, Rotax’em zu antworten.

Besonders schlimm war es, wenn auch Xi’la, sein Götze und Wächter über das Haus und seine Familie, und Xit’na’ref, sein Vater, der schon lange zu den Ahnen gegangen war, ihm nicht mehr beistanden. Wenn er seine Worte an sie richtete und sie um ihren Rat und ihre Hilfe bat, und sie stumm in der Nische standen und ihn mit ihren großen, toten Augen betrachteten, ohne ihm Antwort zu geben.

An diesen Tagen war Rotax’em voller Furcht und Sorge; an diesen Tagen fürchtete er, nie wieder Rat und Weisung von seinem Gott und König zu erhalten. Er wusste, er würde jämmerlich zugrunde gehen, denn ohne die Worte seines Gottes, und ohne den Rat seines Götzen und seiner Ahnen konnte Rotax’em nicht überleben. Sie waren es, die ihm erklärten, wie er sich in der Welt zu bewegen hatte; sie waren es, die ihn dazu erzogen, eines Tages einer von ihnen zu sein, damit er selbst seinen Kindern als Ahne und Geist beistehen und sie anleiten konnte.

An diesen Tagen schämte Rotax’em sich. Sah man ihm an, dass er keine Antworten erhielt? Stand es ihm wie ein Zeichen auf die Stirn gebrannt? Dann lief er in den Wald und kauerte sich in den dichten Büschen zusammen und grämte sich und jammerte und weinte; dann betete er zu X’er und X’ude und versprach ihnen große Opfer.

Einige Tage später war ein solcher Tag.

Er hatte X’er und X’ude um Weisung gebeten, wann er Re’xup zu X’er in die Stadt schicken solle, damit er in den Kreis des Volkes aufgenommen wurde, aber X’er hatte ihm nicht geantwortet. Immer wieder hatte er seine Frage gestellt, hatte seinen König und Gott angefleht, ihm zu antworten, aber X’er hatte geschwiegen.

Re’xup hatte ihn mit gefurchter Braue und finsteren Augen betrachtet, hatte ihn gemustert, als habe er ein dunkles Mal im Gesicht. Spürte der Junge, dass X’er ihm nicht antwortete? Ahnte sein Sohn, dass er die Verbindung zu seinem König verlor?

Nun versteckte er sich im Wald, am ganzen Körper zitternd und bebend, seine Haut bedeckt von kaltem Schweiß. Er fühlte sich krank, und vielleicht war er das auch; vielleicht war es eine Krankheit, seinen König und Gott nicht mehr zu hören.

Was sollte er tun? Er wusste es nicht. Die schlimmen Tage häuften sich. Je länger er von seiner Heimat fort war, je länger er in der Fremde hauste, ohne den Zusammenhalt seines Volkes, desto schwieriger wurde es, die Stimmen zu hören, die ihn durch sein Leben leiteten.

In der Fremde entfernte er sich von seinem Gott.

Sein Magen rebellierte, er würgte trocken, sein ganzer Körper krampfte. Dann erbrach er sich in das Gebüsch, in dem er hockte. Er krümmte sich und jammerte, und irgendwann war er zu erschöpft, wieder aufzustehen. Er sank zu Boden und schlief ein.

Es war schon dunkel, als er wieder erwachte. Zitternd und frierend, und mit schweren Beinen kehrte er zu seiner Hütte zurück.