8.3 - Die Stille der Zeichen
8.3 - Die Stille der Zeichen
Am nächsten Tag saß Rotax’em vor seiner Hütte im Schatten, hatte die Beine untergeschlagen und schaute seiner Frau dabei zu, wie sie einen Vogel rupfte, den er am Morgen im Wald mit Pfeil und Bogen geschossen hatte. Es war ein warmer, sonniger Tag, und sie war in ihre Arbeit vertieft und bemerkte seine Blicke nicht, und er betrachtete sie, sagte aber nichts. Die Frauen der anderen waren ebenfalls mit Hausarbeiten beschäftigt, die Männer saßen im Schatten und schauten ihnen zu.
Als ein junger Mann aus dem Wald trat und sich umblickte, wurde Rotax’em aufmerksam. An seinem Halsschmuck erkannte er einen Untertanen des X’er, also stand er auf und ging ihm entgegen. Der junge Mann war klein und schmächtig, aber sehnig und schien ausdauernd und ein guter Läufer.
“Bist du Rotax’em?“, fragte der Fremde.
Die anderen Männer sahen nun ebenfalls auf. Neugierige Blicke folgten dem jungen Mann.
“Ich bin Rotax’em.”
“Ich bin ein Bote des X’er”, erklärte der Fremde und hielt ihm eine Rolle aus gegerbter Tierhaut entgegen. “Ich bringe dir die Worte unseres Königs und Gottes.”
Rotax’em nahm die Tierhaut entgegen und entrollte sie. Die Zeichen leuchteten ihm entgegen, aber sie blieben stumm.
“Was spricht X’er?“, fragte der Bote.
Rotax’em spürte einen Schauer über seinen Körper laufen. Er sah die Zeichen auf der Tierhaut, aber sie sprachen nicht zu ihm. Die Zeichen waren die gemalten Worte des X’er und gewöhnlich reichte ein Blick, um die Stimme seines Königs zu hören, aber nun musste er sich selbst bemühen, die Botschaft zu entziffern. Schweiß trat ihm auf die Stirn, er kniff die Augen zusammen; es war anstrengend, sich an die Bedeutung der einzelnen Zeichen zu erinnern. Auch Xi’la und Xit’na’ref halfen ihm nicht.
“X’er spricht die Worte ...“, begann er, stockte dann. Seine Beine wurden weich und sein Magen krampfte, als läge ein schwerer Stein darin. Noch nie hatte er eine Botschaft von X’er erhalten und die Zeichen beim Entrollen nicht zu sich sprechen hören.
Der Bote wartete, trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Er spürte, dass etwas nicht in Ordnung war.
“X’er spricht, dass er mit Nun’xis einig geworden sei. X’er und X’umip werden miteinander handeln, und Nun’xis und sein Gefolge sind bereits zu ihrem König aufgebrochen, um Getreide und Vieh zu holen. X’er schickt Maultiere mit edlen Steinen, die Nun’xis als Bezahlung entgegennehmen wird. Nun’xis wird Vieh und Getreide hierherbringen, und ich werde ihm die edlen Steine übergeben”, stieß Rotax’em schließlich hervor. Er hatte die Bedeutung der Zeichen erfasst, aber er hatte die Stimme seines Königs nicht vernommen, und er wusste, dass er den genauen Wortlaut nicht hatte wiedergeben können.
“Eine große Ehre”, murmelte der Bote.
“Eine große Ehre”, stimmte Rotax’em bebend zu. “Aber warum schickt X’er die Worte erst jetzt? Xa’ger hat schon vor Tagen Kunde von Nun’xis erhalten.”
Der Bote betrachtete ihn verständnislos.
Rotax’em zitterte bei dem Gedanken, in X’ers Gunst gesunken zu sein. Dann erinnerte Xi’la, sein Dämon, ihn an das Gesetz der Gastfreundschaft. “Geh zu meinem Weib und lass dir Essen und Trank geben und ruhe dich eine Weile aus, bevor du den Heimweg antrittst.”
Der Bote bedankte sich und saß wenig später neben Re’lum auf dem Boden und aß Beeren und Fleisch, die vom Vortag übriggeblieben waren, und trank dazu frisches Wasser.
Rotax’em starrte auf die stumme Rolle aus gegerbter Tierhaut. Er sah die Zeichen und es war ihm gelungen, sich ihre Bedeutung zu erarbeiten, aber sie sprachen nicht zu ihm, wie er es gewohnt war. Er fürchtete sich. X’er schwieg nun schon seit Tagen. Hatte er etwas getan, seinen König zu erzürnen?
Mit der Rolle in der Hand ging er in den Wald, fort von seinen Nachbarn, die ihm neugierig hinterherbklickten, und fort vom Dorf, damit er in Ruhe nachdenken konnte. Auf einer Lichtung fand er einen umgestürzten Baum, auf dessen Stamm er sich setzte.
“Du bist betrübt, mein Sohn”, sagte Xit’na’ref.
“Vater!“, rief er erleichtert aus.
“Was bedrückt dich?”
“X’er spricht nicht zu mir, und auch die Zeichen, die er mir geschickt hat, sind stumm geblieben. Sie haben mir ihre Geschichte nicht erzählt, ich musste sie mir selbst ausdenken”, klagte er.
Xit’na’ref betrachtete ihn nachdenklich. “Ein schlechtes Omen.”
“Ein schlechtes Omen”, stimmte Rotax’em zu. “Aber was bedeutet es?”
Xit’na’ref kratzte sich am Kopf und kniff die Augen zusammen, wie er es immer tat, wenn er angestrengt nachdachte. Rotax’em wartete ungeduldig auf seine Antwort.
“Du wirst X’er fremd. Er will nicht mehr mit dir reden”, sagte sein Vater schließlich.
Rotax’em erschrak. “Hat er mich vergessen?”
Xit’na’ref machte eine abwägende Handbewegung. “Er sieht dich nicht, und du schwindest aus seinen Gedanken”, erklärte er dann. “Er hat keinen Götzen von dir, so wie du einen von ihm hast. X’er ist in deinem Haus, aber du bist nicht in seinem. Er sieht dich nicht und er denkt nicht an dich, und deshalb schweigt er. Er vergisst dich.”
“Aber das darf nicht sein!“, rief Rotax’em aus und raufte sich ängstlich die Haare. “Was bin ich, wenn mein König und Gott sich nicht an mich erinnert? Ich habe keine Führung, ich weiß nicht, was ich tun soll!”
“Du musst zu ihm gehen und ihm Opfer bringen”, erklärte Xit’na’ref ihm bestimmt. “Du musst X’umips Getreide und das Vieh begleiten und es persönlich zu X’er bringen, und dann musst du dem König Opfer auf seinem Altar bringen.”
“Und dann wird er wieder zu mir sprechen?”
“Wenn du ihm auf seinem Altar Opfer bringst, wird er sich an dich erinnern. Und wenn er sich an dich erinnert, wird er wieder zu dir sprechen”, versprach Xit’na’ref. “Er wird stolz auf dich sein, dass du ihn in der Fremde vertrittst, und er wird sich der Opfer erfreuen und dir wohlgesonnen sein.”
Rotax’em spürte Erleichterung, die sich in seinem Körper ausbreitete, und sah seinen Vater voller Dankbarkeit an. Es war lange her, dass er einen Fuß in seine Heimatstadt gesetzt hatte, und der Gedanke daran, sie wiederzusehen, beflügelte ihn. Sein Herz pochte schneller und lebhafter, und seine Stimmung hob sich.
“Ich werde das Getreide und das Vieh begleiten, und ich werde X’er Opfer bringen” rief er, und sein Vater nickte zufrieden.
Rotax’em stand von dem Baum auf und rollte die Worte seines Königs wieder zusammen, dann kehrte er zum Dorf zurück. Er überquerte den kleinen Dorfplatz und winkte seinen Nachbarn fröhlich zu, dann stellte er sich vor Re’lum, die bereits mit dem Essen auf ihn wartete, und hob sie lachend vom Boden und küsste sie fröhlich schmatzend auf den Mund. X’er würde sich an ihn erinnern und wieder mit ihm sprechen. Heute war ein guter Tag.