8.4 - Bleiche Teufel
8.4 - Bleiche Teufel
Einige Tage später jedoch geschah etwas Unerwartetes.
“Habt ihr die Geschichten gehört?“, fragte Ti’xim seine Nachbarn. Rotax’em, Xa’ger und Xit’xi schauten ihn neugierig an.
“Welche Geschichten?”
Ti’xim schüttelte sich, als müsse er sich überwinden, zu ihnen zu sprechen, und Rotax’em betrachtete ihn nervös. Xi’la flüsterte ihm ins Ohr, dass Ti’xim Angst habe.
“Ich war auf der Jagd”, erklärte Ti’xim. “Ich hatte mich in einem Busch versteckt, um auf eine Sau zu lauern, aber statt eines Schweins kam ein Fremder an mir vorüber, und er blieb bei mir stehen. Ich wusste nicht, ob er Freund war oder Feind, wusste nicht, ob ich mit ihm kämpfen sollte, oder mit ihm reden, aber er kam mir zuvor und er berichtete mir.”
“Was hat er dir berichtet?”
“Von bleichen Teufeln”, antwortete Ti’xim mit dumpfer Stimme.
“Bleiche Teufel?” Rotax’em runzelte die Stirn. “Was ist das?”
Ti’xim schüttelte den Kopf. “Ich weiß nicht. Der Fremde berichtete, was ihm berichtet worden war, er hat sie nicht selbst gesehen. Aber es heißt, sie verkleiden sich, als seien sie Menschen wie wir, aber sie sind groß und haben glänzende Haut, die eine Axt nicht zu durchdringen vermag, und ihre Gesichter sind bleich unter dichten schwarzen Haaren.”
“Ich weiß nichts von einer glänzenden Haut”, meldete Xit’xi sich zu Wort, und die anderen schauten ihn überrascht an. Der junge Mann wand sich unter ihren Blicken, errötete, fuhr aber fort: “Einer der bleichen Teufel war einst in meinem Dorf, um zu handeln. Er hatte eine eigene Sprache und er hat mir die Dinge benannt.”
Die anderen starrten ihn mit offenen Mündern an, und Rotax’em schüttelte ungläubig den Kopf.
“Du kennst die bleichen Teufel?“, fragte Ti’xim.
“Einer von ihnen hat zu mir gesprochen”, stimmte Xit’xi zu. “Er hat mir die Dinge benannt und mich seine Sprache gelehrt.”
Ti’xim wich vor ihm zurück, und auch die anderen traten einen Schritt beiseite. Xit’xi beobachtete das und schien unglücklich.
“Aber der Fremde sprach nicht von einem einzelnen bleichen Teufel”, sagte Ti’xim vorsichtig. “Er sprach von vielen. Und er sagte, dass sie groß sind und ihre Haut glänzt, und ...”
Xit’xi schüttelte den Kopf. “Davon weiß ich nichts”, murmelte er.
Rotax’em warf ihm noch einen unsicheren Blick zu, dann konzentrierte er sich wieder auf Ti’xim. Seine Worte schienen drängender als Xit’xis Erklärungen, und er konnte sich ihnen nicht entziehen. Er spürte den Schauer, der über seinen Rücken lief, und auch die anderen warfen sich weiterhin beunruhigte Blicke zu.
“Was wollen die bleichen Teufel?“, fragte Xa’ger schließlich.
“Sie ziehen durch den Wald und töten, wer ihnen begegnet”, antwortete Ti’xim. Xit’xi wurde bleich und zog den Kopf zwischen die Schultern.
“Sind sie eine Plage der Götter?”
“Vielleicht.” Ti’xim betrachtete seine Nachbarn mit großen Augen. “Der Fremde sagte, es seien unendlich viele. Sie bewegen sich bei Tag und schlafen in der Nacht, als wären sie Menschen, wie wir, aber sie tragen donnernde Stöcke und funkelnde Waffen, und sie schlagen denen, die ihnen begegnen, die Köpfe ab und stecken sie auf Spieße, die sie in den Wald stellen.”
“Warum tun sie das?“, fragte Rotax’em.
“Das weiß niemand”, antwortete Ti’xim, mit einem unsicheren Seitenblick auf Xit’xi. Aber der blieb stumm und folgte seinen Worten ebenso ängstlich, wie die anderen auch. “Aber sie sind sehr mächtig, und nur wenigen ist es bislang gelungen, einen von ihnen zu töten.”
“Zu töten?“, fragte Xit’xi erschrocken.
Rotax’em hingegen spürte Erleichterung. “Man kann sie töten?”
Ti’xim nickte, und ein wenig Sicherheit kehrte in sein Gesicht zurück. “Das sagte der Fremde.” Doch dann schlich sich wieder Unsicherheit in seine Stimme. “Aber er berichtete nur, was ihm berichtet worden war. Er hat es nicht selbst gesehen.”
Unter den Männern brach eine aufgeregte Diskussion los, in der sich ihre eigenen Worte und die Worte ihrer Dämonen und Ahnen vermischten. Der Gedanke an die bleichen Teufel ängstigte sie, und die Ahnen wussten keinen Rat. Nur Xit’xi war leise und hielt sich zurück, und er schien den Worten seines Dämons zu lauschen und sich an Dinge aus seiner Vergangenheit zu erinnern.
Das fiel Rotax’em auf, und er sprach seinen Nachbarn an.
“Ist es wahr, dass die bleichen Teufel getötet werden können?“, fragte er.
Xit’xi starrte ihn aus großen Augen an. “Ich weiß es nicht”, murmelte er.
“Hat nicht einer der bleichen Teufel dir die Dinge gedeutet und dich ihre Sprache gelehrt?“, fragte Rotax’em, was Xi’la ihm einflüsterte.
Xit’xi nickte. “Ja. Das hat er.”
“Hast du ihn bluten sehen?“, fragte Xi’la, und Rotax’em wiederholte die Frage.
Xit’xis kniff die Augen zusammen, lauschte den Worten seines Dämons, und schließlich nickte er. “Ja”, sagte er. “Ich habe ihn bluten sehen. Eine kleine Wunde, ein Schnitt mit einem Messer. Er hat die Wunde verbunden, aber er hat geblutet, wie wir.”
Rotax’em und die anderen nickten erleichtert.
“Dann müssen wir unsere Waffen schärfen”, sagte Rotax’em, was Xi’la ihm ins Ohr sprach. “Wir müssen uns bereit machen für die bleichen Teufel.”
Die Männer nickten ihre Zustimmung, murmelten ein paar Worte, und gingen dann auseinander, jeder zu seiner Hütte.
Rotax’em spürte einen schweren Klumpen in seinem Magen, und er beschloss, Re’lum und seinen Kindern nicht von den Teufeln zu berichten. Es würde sie zu sehr ängstigen. Aber er würde seine Axt nehmen und ihren Kopf aus Stein schleifen, so wie Xi’la es ihm riet, und er würde bereit sein für die bleichen Teufel. Er würde gegen sie kämpfen und sie besiegen; er würde X’er zur Ehre gereichen.