Kapitel 9 - 9.1 - Urwald
Kapitel 9 - 9.1 - Urwald
Keuchend und grunzend kämpften die Männer sich durch den dichten Urwald. Ihre Rüstungen wogen schwer, die Helme drückten auf ihren Köpfen, die Hitze war unerträglich. Immer zwei Mann bildeten die Vorhut und schlugen mit ihren Macheten einen schmalen Pfad in das Unterholz. Keiner hielt lange durch; einen Weg durch das Gestrüpp zu bahnen, war harte Arbeit.
Ceptus, ihr Hauptmann, trieb sie eisern an, während Salivar, sein Adjutant, mit brutaler Härte durchgriff. Die Männer fürchteten sie und gehorchten. Ceptus war im Auftrag des Königs mit ihnen in diese Hölle gezogen; ihm zu widersprechen, hieß, der Krone zu widersprechen.
Der Tross aus schwitzenden und fluchenden Söldnern schob sich unaufhaltsam durch das Dickicht des Regenwaldes. Hektor und seine Kameraden bildeten die Nachhut.
Einhundertdreißig Mann waren vor drei Wochen von der San Bernardo an Land gegangen, aber Eingeborene und die feindliche Umgebung hatten ihren Tribut gefordert. Schlangen, Jaguarangriffe, giftige Pfeile. Knapp einhundert von ihnen waren noch übrig.
“Wann rasten wir endlich?“, knurrte Callidus.
Hektor legte den Kopf in den Nacken, nahm den Helm vom Kopf, wischte sich mit dem Arm den Schweiß von Stirn und Augen. Die Sonne war durch das dichte Blätterdach nur zu erahnen.
“Es muss um die Mittagszeit sein”, murmelte er.
Callidus lachte bitter. “Heiß genug ist es jedenfalls.”
“So heiß ist es den ganzen Tag”, brummte Scelus. Wie Hektor hatte er den Helm abgenommen und sich den Schweiß von der Stirn gewischt.
“Aufschließen!“, donnerte die Stimme des Hauptmanns durch das Unterholz. Hektor und seine Kameraden erschraken und beeilten sich, die Lücke zu schließen, die sich zwischen ihnen und dem Rest des Trupps aufgetan hatte. Ceptus ließ man nicht warten.
“Sklaventreiber”, brummte Scelus und spuckte aus.
“Vorne ein Sklaventreiber, hinten die Eingeborenen.” Hektor lachte leise. “Wenn wir zurückfallen, töten sie uns.”
“Feige Wilde”, murmelte Sectator.
“Schlaue Wilde”, erwiderte Hektor grinsend. “Wenige Männer gegen eine Armee? Was sollen sie tun?”
Callidus schüttelte missmutig den Kopf. “Bewunderst du sie etwa?”
“Ich habe Respekt”, antwortete Hektor. “Unterschätze niemals deine Feinde.”
Otio schnaubte. “Sie schlachten uns ab. Und wofür? Warum sind wir hier? Warum kämpfen wir uns durch diesen verdammten Urwald?”
“Das weiß nur Gott”, antwortete Callidus. “Und der König.”
Hektor zuckte mit den Schultern. Seine Rüstung rasselte. “Frag den Hauptmann.”
“Damit Salivar mich auspeitscht?” Otio hob abwehrend die Hände. Sein Erschrecken war nur zum Teil gespielt. “Der letzte Zweifler hat bitter gebüßt.”
“Dann sei ruhig.”
Bald darauf verkündete Ceptus die Mittagsrast, und ein erleichtertes Raunen ging durch die Reihen. Der Trupp zog sich auf einer Lichtung zusammen, die Männer schlossen auf, und jeder widmete sich seinen Aufgaben: Feuerholz sammeln; Lichtung sichern; Kranke und Verwundete versorgen, die am Rande des Lagers niedergelegt wurden.
Hektor sammelte Feuerholz, Callidus und Scelus halfen dem Koch, die Feuerstelle vorzubereiten.
“Es wird wieder nur Schweinefraß geben”, murmelte Scelus unzufrieden.
“Immerhin gibt es Essen”, sagte Hektor. “Immerhin machen wir eine Rast.”
Callidus lachte trocken. “Der Hauptmann hat gelernt.”
Hektor nickte müde. In den ersten beiden Wochen hatte es keine Mittagsrast gegeben, Ceptus hatte sie ohne Unterlass vorwärts gejagt, von einem inneren Feuer angetrieben, das sie in seinen Augen brennen sahen. Aber die Erschöpfung hatte ihren Tribut gefordert, einige Männer hatten nicht durchgehalten, waren zusammengebrochen, waren gestorben. Erst da hatte Ceptus ein Einsehen gehabt.
Es dauerte nicht lange, bis ein Feuer loderte und der Koch das Essen zubereitete. Jeder von ihnen hatte sein Brot bei sich, das in der Feuchtigkeit von Maden zerfressen und kaum zu genießen war. Der Koch rührte zusätzlich einen Schleim aus Getreide an, den sie mit dem Brot mühsam hinunterwürgten.
“Schweinefraß“, flüsterte Callidus. Scelus lachte leise.
Sie achteten darauf, dass niemand sie hörte. Unzufriedenheit war gleichbedeutend mit Rebellion, und auf Rebellion stand der Tod. Der Hauptmann hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er sie mit harter Hand durch den Urwald führen würde, und zwei Männer waren bereits zum Tode verurteilt und exekutiert worden, weil sie sich über das Essen beschwert hatten. Salivar hatte die Männer mit einem kräftigen Schwung seines Schwertes enthauptet und ihre Köpfe, als Mahnung für den Rest, auf Spieße gesteckt. Der Anblick hatte Wirkung gezeigt.
“Was meint ihr, wie lange die noch durchhalten?“, fragte Sectator. Er warf den Kranken und Verwundeten einen Blick zu, die bleich und zitternd am Rand der Lichtung lagen. Einige ihrer Kameraden saßen bei ihnen, und versuchten, ihnen Brei und Wasser einzuflößen.
“Drei Mann mit Fieber, einer mit einer offenen Wunde am Bein, einer mit schwerer Wunde in der Schulter. Die Schlangenbisse sind schon gestorben”, fasste Hektor nüchtern zusammen. “Der Wald ist nicht gut für sie. Die Fliegen nisten sich überall ein, und die Beinwunde stinkt zum Himmel. Ich glaube nicht, dass einer von ihnen die nächsten Tage überlebt.”
“Sollten wir sie dann nicht erlösen?“, fragte Callidus. Sein Gesicht war bleich, sein Blick finster. “Ihrem Leiden ein Ende setzen und sie Gott überantworten?” Seine Worte waren hart, aber seine Stimme voller Mitgefühl. Sie alle hatten mitangesehen, wie Kameraden elendig in diesem Regenwald verreckt waren, und jeder von ihnen hoffte, dass ihnen dieses Schicksal erspart blieb.
“Das wäre Sünde”, flüsterte Hektor.
“Ist es nicht eine größere Sünde, sie so leiden zu lassen?”
Hektor schüttelte den Kopf. “Solange der Hauptmann glaubt, sie mitschleifen zu müssen, werden wir das tun. Ich werde mich dem Hauptmann nicht widersetzen.”
“Feigling”, knurrte Callidus, aber dann grinste er. “Genau wie ich. Genau wie wir alle. Brüder in Feigheit.”
Hektor lachte, und Callidus schlug ihm auf die Schulter.
Irgendwann gab Salivar das Signal, und die Rast war vorüber. Sie löschten das Feuer, sammelten ihre Waffen zusammen, setzten ihre Helme auf, die sie zum Essen abgenommen hatten. Dann trieb der Hauptmann sie wieder an, und zwei Männer bildeten die Vorhut, um einen Weg durch das Unterholz zu schlagen.
“Ihr zwei! Zu den Verwundeten!“, befahl Ceptus. Hektor und Callidus folgten dem Befehl und nahmen eine der Bahren, auf denen ein Kamerad im Fieberdelirium lag, schwitzte und murmelte. Hektor betrachtete ihn traurig. Ein junger Mann, kaum zwanzig Jahre alt, weit von zu Hause und seiner Mutter, war er in einem fremden Land krank geworden und würde hier sterben, ohne seine Heimat je wiederzusehen.
Während sie ihn trugen, redete der Bursche, mal lauter, mal leiser. Immer wieder flüsterte er einen Namen, der seine Verlobte oder seine Mutter gewesen sein mochte, aber irgendwann verstummte er. Callidus betrachtete ihn düster und schüttelte den Kopf. Hektor wusste, wie es um ihn stand.
Noch vor dem Abend begruben sie seinen Leichnam am Wegesrand. Ein Kranker weniger.