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9.2 - Hektor macht sich Gedanken

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9.2 - Hektor macht sich Gedanken

Hektor war in einem kleinen Küstenort geboren worden, als Sohn eines Fischers; aber von den frühen Jahren wusste er nichts mehr, und auch an seinen Vater hatte er keine Erinnerung. Der Vater war früh gestorben - bevor Hektor drei Jahre alt gewesen war: sein Boot war in einem plötzlich aufziehenden Sturm gekentert und er war ertrunken. Danach hatte seine Mutter den Jungen allein aufgezogen.

Seine Familie war neu in dem kleinen Dorf gewesen, ohne Verwandte, die ihnen hätten beistehen können. Fremde wurden nur zögerlich in die Gemeinschaft aufgenommen, und so waren sie auf sich allein gestellt gewesen, argwöhnisch von den anderen Dorfbewohnern beobachtet.

Dann war seine Mutter krank geworden.

Die alten Frauen im Dorf hatten ihr nicht helfen können; der Weg in die nächste Stadt, in der es einen Arzt gegeben hatte, war für seine Mutter zu weit gewesen. Die Krankheit hatte kurz, aber heftig gewütet, und sie war gestorben, als Hektor gerade einmal sechs Jahre alt gewesen war. Er war allein zurückgeblieben.

Die Dorfbewohner hatte sich nicht um ihn gekümmert. Alle hatten es schwer, jeder hatte genug mit sich selbst zu tun, und verwaiste Kinder gab es viele. Man mied sie, missachtete sie und erschlug sie, wenn sie einbrachen, um Essen zu stehlen. Verwaiste Kinder galten nicht mehr als Tiere, und genauso verhielten sie sich auch.

Schließlich waren Hektor und einige andere Kinder aufgebrochen und in die Stadt gezogen. Der Marsch war lang gewesen, hatte mehrere Tage gedauert, und nicht alle hatten den Weg überlebt. Schwäche, Tiere und Banditen hatten unter ihnen gewütet, hatten junge Leben beendet, bevor sie wirklich begonnen hatten. Aber irgendwann waren sie angekommen und hatten sich durch das Stadttor geschlichen, um in den engen Gassen von Abfall und Diebstahl zu leben.

In der Stadt hatte Hektor Callidus kennengelernt. Callidus war ein Jahr jünger als Hektor und seine Kindheit war ähnlich verlaufen. Sein Vater war ein Dieb gewesen, seine Mutter eine Hure; er hatte von klein auf gelernt, zu lügen und zu stehlen. Seine Eltern waren bei einer, von der Regierung angeordneten, Säuberungsaktion von Soldaten zusammengetrieben worden - ebenso wie viele andere. Einen Prozess hatte es nicht gegeben, man hatte sie einfach hingerichtet, und Calldius war als Waise zurückgeblieben. Er war einige Monate vor Hektor in die Stadt gekommen und hatte sich dort bereits sein Leben eingerichtet. Obwohl er der Jüngere war, hatte er Hektor unter seine Fittiche genommen und ihm geholfen; ein Gefühl, das neu für Hektor gewesen war und ihn sehr beeindruckt hatte. Er war Callidus dankbar gewesen, denn der hatte ihm erklärt, wie man hier überlebte.

Und sie hatten überlebt. Jahrelang. Mehr schlecht als recht ... Aber sie hatten überlebt.

Für die Städter waren die Kinder eine Plage gewesen, und sie hatten sie loswerden wollen. Die Kinder waren lästig und gefährlich, stahlen nicht nur sondern töteten mitunter auch. Die Armee hatte immer wieder Säuberungsaktionen durchgeführt, hatte Straßenkinder zusammengetrieben und sie eingesperrt oder erschlagen. Viele von ihnen waren in den Bergwerken und Steinbrüchen verschwunden und dort nach kurzer Zeit ums Leben gekommen.

Hektor und Callidus war es stets gelungen, diesen Säuberungen zu entgehen, und Hektor hatte sich stets bemüht, möglichst viele ihrer Kameraden zu warnen und ihnen zu helfen, so wie Callidus ihm geholfen hatte, aber einmal hatte man sie ergriffen, und ihnen war die Wahl geblieben zwischen dem Galgen und dem Dienst in der Armee. Die Entscheidung war ihnen leichtgefallen.

Vierzehn war Hektor gewesen, als er seinen Dienst in der Armee angetreten hatte, und zum ersten Mal hatte er Kleidung, ein Dach über dem Kopf und genug zu essen bekommen. Entgegen all seiner Erwartungen hatte er Hoffnung auf ein besseres Leben entwickelt.

Callidus und er waren gemeinsam ausgebildet worden und dann von Kampf zu Kampf, von Schlacht zu Schlacht geschickt worden. Sie hatten volle Bäuche und verkaterte Köpfe kennengelernt und hatten die Welt gesehen. Sie hatten erfahren, was Kameradschaft war; Kameradschaft, wie es sie nur beim Militär geben konnte; Kameradschaft, in der man sein Leben für das seiner Waffenbrüder einsetzte und sich darauf verließ, dass die das gleiche taten. Sie hatten Freunde gefunden und sie hatten zugesehen, wie diese Freunde in ihren Armen verblutet waren.

Jahrelang waren sie von Schlacht zu Schlacht geführt worden, immer im Krieg für Herrscher, die sie nicht kannten. Bestenfalls kannten sie ihre Namen. Ihre Vorgesetzten und viele ihrer Kameraden waren vom Stolz durchdrungen, für ihr Land und ihren König einzustehen, aber dieses Gefühl hatten Hektor und Callidus nie geteilt. Sie wollten leben. Sie wollten nicht für das gute Leben eines anderen sterben.

Dann waren Freiwillige gesucht worden, die bereit waren, in ein neues, ein unbekanntes Land zu ziehen, um dort den Anspruch ihres Herrschers geltend zu machen. Ein Land, das niemand von ihnen zuvor betreten hatte; ein Land, das voller Reichtum war, voller Gold und Edelsteine. Reisende Händler hatten von diesem Land berichtet und von den unermesslichen Schätzen, die es zu erbeuten galt. Jedem Soldaten, der an diesem Kriegszug teilnahm, war ein fantastischer Sold versprochen worden; mehr Geld, als jeder von ihnen in einem Leben voll Entbehrung und Knechtschaft verdienen konnte.

Hektor und Callidus hatten sich gemeldet.

Sie waren auf Schiffe getrieben worden, mit denen sie das Meer bezwungen hatten. Mehrere Wochen eingeschlossen in den engen Bäuchen kleiner Nussschalen, zusammengepfercht wie Vieh das zum Schlachter geführt wurde. Einige ihrer Kameraden waren auf der Reise krepiert, ihre Leichen waren achtlos ins Meer geworfen worden, als Fraß für die Fische. Aber die meisten waren lebendig, vielleicht geschwächt oder krank, an das Ziel ihrer Reise gelangt: an das Ufer einer neuen Welt.

Ceptus hatte sie an den Strand geführt, sie hatten den feuchten Boden geküsst und hatten dann zwei Tage am Meer biwakiert, um wieder zu Kräften zu kommen. Vier Schiffe waren über das Meer gefahren und hatten insgesamt sechshundert Soldaten transportiert, von denen über fünfhundert die neue Welt erreicht hatten. Vier Trupps, die in das Landesinnere vorstoßen sollten.

Vor drei Wochen waren sie aufgebrochen, und seitdem hatten sie keinen der anderen mehr gesehen.

“Ob von den anderen Trupps noch jemand lebt?“, fragte Sectator beim Abendessen. Sie aßen das gleiche madenzerfressene Brot und den gleichen Getreideschleim wie mittags; der Speiseplan war nicht abwechslungsreich. Einige hatten kleinere Tiere gefangen, die sie über dem Feuer brieten, aber nicht alle waren erfolgreich gewesen. Hektor und Callidus hatten ein Schwein getötet, aber das war so mager, dass es gerade für sie und ihre drei Kameraden reichte.

“Ihnen wird es gehen wie uns”, sagte Hektor.

“Wenn es so weitergeht, wird von uns bald niemand übrig sein”, murmelte Otio.

Die Soldaten schwiegen. Hektor dachte an die erste Begegnung mit Einheimischen zurück, vier Tage, nachdem sie von den Schiffen aufgebrochen waren: eine für beide Seiten unerwartete Begegnung. Zuerst waren sie vor Schreck wie erstarrt gewesen, so plötzlich waren die Wilden wie Geister aus dem Unterholz hervorgetreten; dann hatte es einen kurzen, heftigen Kampf gegeben. Die zehn Einheimischen hatten gekämpft wie wilde Tiere, aber das hatte gegen die Übermacht der Soldaten nicht ausgereicht, und Ceptus hatte alle enthaupten lassen. Bis auf den letzten Mann. Dann hatten sie ihre Köpfe auf Stangen aufgespießt und im Urwald zurückgelassen, um ein Zeichen zu setzen.

Hektor hatte ein Würgen unterdrücken müssen. Vielleicht waren die Einheimischen nur Tiere, aber auch Tiere behandelte man mit Respekt. Die Schändung ihrer Leichen hatte ihn verunsichert.

Die Männer kauten langsam auf dem Fleisch, das Hektor von dem Schwein herunterschnitt und verteilte.

“Wann bekommen wir unseren Sold?“, fragte Callidus nach einer Weile. “Uns wurde viel versprochen. Ich habe noch nichts davon gesehen.”

“Was willst du in dieser Hölle mit deinem Sold?“, fragte Hektor.

Callidus zuckte mit den Schultern. “Ihn in den Händen halten.”

“Er wäre dir nur eine Last. Willst du noch mehr durch dieses gottverdammte Land schleppen? Wenn wir zurückkehren, werden wir entlohnt. Nicht vorher.”

“Der König muss weniger Sold zahlen, wenn nur die Hälfte der Männer heimkehrt”, sagte Scelus.

Callidus brummte. “Ein kluger Mann, unser König.”

Wieder kauten sie schweigend. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

“Wir sollten unser eigenes Glück machen”, sagte Otio nach einer Weile.

“Was meinst du?” Callidus hob den Kopf.

“Der König ist weit weg. Warum sollen wir für ihn unser Leben opfern? Warum nicht für uns selbst? Wenn dieses Land so reich an Gold und Edelsteinen ist ... Warum finden wir sie dann nicht für uns?”

Hektor runzelte die Stirn. “Du meinst ...”

“Der Hauptmann wird uns weiter durch diese Wildnis hetzen, bis keiner von uns übrig ist. Und wofür? Damit unser König reicher und reicher wird, während wir vor die Hunde gehen?“, forderte Otio ihn heraus.

Callidus spann den Gedanken weiter. “Aber wenn wir uns absetzen ... Wenn wir ...”

“Desertieren”, brummte Hektor.

Callidus legte den Finger an den Mund und zischte leise. “Sei ruhig!” Er blickte sich vorsichtig um, ob jemand ihrer Unterhaltung gefolgt war.

“Wir sollen unsere Kameraden im Stich lassen?“, fragte Hektor flüsternd. “Uns allein durch diesen Urwald schlagen? Wohin?”

“Alles ist besser, als unter unserem Hauptmann zu bleiben”, erwiderte Otio.

Scelus und Sectator nickten zustimmend, sagten aber nichts.

“Lasst uns zumindest darüber nachdenken”, stimmte Callidus nach einer Weile zu. “Was haben wir zu verlieren?”

Hektor sah ihn mit emporgezogener Braue an. “Unser Leben.”

Scelus schnaubte. “Das ist ohnehin verloren. Ob mit unserem Hauptmann oder ohne ihn. Keiner von uns wird die Heimat je wiedersehen.”

Callidus lachte. “Wenn du vor mir gehst, erhebe ich Anspruch auf deinen Sold.”

Scelus warf ihm einen finsteren Blick zu, widersprach aber nicht.

Hektor spürte trotz der abendlichen Wärme einen kalten Schauer, der über seinen Rücken und seine Arme lief. Er warf einen Blick in die Runde und sah ernste Gesichter.

“Denkt ihr alle so?”

Callidus, Scelus, Otio und Sectator erwiderten seinen Blick. Jeder einzelne von ihnen nickte, ohne zu zögern.

“Und du?” Callidus legte ihm eine Hand auf die Schulter und betrachtete ihn ernst. “Was denkst du?”

Hektor zögerte. Er hatte nichts übrig für den Hauptmann, und er hatte sein Leben häufig genug für sein Land und seinen König riskiert. Es war an der Zeit, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und sein Glück selbst zu formen.

Er nickte. “Ich bin dabei”, sagte er, und die anderen atmeten erleichtert auf. “Aber wir brauchen einen Plan. Wenn wir einfach verschwinden, wird der Hauptmann uns im Handumdrehen wieder einfangen. Oder wir laufen den nächsten Wilden in die Arme.”

Die anderen nickten zustimmend.

Callidus knurrte leise, warf einen Blick in die Mitte des Lagers, wo Ceptus und Salivar am Feuer saßen. “Wir sollten uns nicht zu viel Zeit lassen”, sagte er.