9.3 - Zusammenprall
9.3 - Zusammenprall
Am folgenden Tag gerieten sie in einen Hinterhalt. Es war Nachmittag, sie waren müde vom langen Marsch, und Hektor und seine Kameraden bildeten wieder die Nachhut. Schreie drangen durch den Urwald, Grunzen und Brüllen, das Aufeinanderschlagen von Waffen und das Donnern von Musketen.
Hektor und Callidus zogen ihre Schwerter und stürmten voran, Scelus schloss sich ihnen an, Sectator und Otio nahmen ihre Musketen vom Rücken und luden sie, bevor sie folgten.
Das Scharmützel dauerte nicht lange. Eine Gruppe Wilder hatte sich im dichten Unterholz verborgen und fünf Soldaten mit Giftpfeilen verwundet; die Männer lagen am Boden, ihre Körper zuckten und krampften, sie hatten Schaum vor dem Mund. Alle wussten, dass sie die nächsten Minuten nicht überleben würden; das hatten sie bei ihrem ersten Kampf mit Einheimischen gelernt. Der Hauptmann selbst trat zu jedem einzelnen von ihnen, blickte ihm in die Augen und stieß ihm sein Schwert ins Herz. Die Soldaten beobachteten diesen Gnadenakt schweigend; einige nickten zustimmend.
Ein paar Männer zerrten drei Wilde aus dem Unterholz und warfen sie dem Hauptmann zu Füßen.
“Die lagen noch im Hinterhalt.”
“Sehr gut, Salivar.” Ceptus betrachtete die Gefangenen, dann wandte er sich an seine Soldaten. “Ihr dort, begrabt die Toten. Und ihr dort drüben ... durchkämmt das Unterholz. Ich will keine Überraschungen.”
Die Soldaten teilten sich in Gruppen auf und befolgten die Befehle. Hektor und Callidus halfen, die Toten zu begraben; das war besser, als durch das Unterholz zu streifen, in ständiger Gefahr, Giftpfeilen zum Opfer zu fallen. Sollten andere diese Aufgabe übernehmen.
Salivar zerrte unterdessen einen der Gefangen zu einem Baum, schlug ihm mit dem Knauf seines Schwertes in den Magen und band ihn dann am Stamm fest. Andere verfuhren mit den übrigen Gefangenen ebenso.
“Was sollen wir mit ihnen tun, Hauptmann?“, rief Salivar. “Verhören?”
“Noch nicht.” Ceptus schüttelte den Kopf. “Geben wir ihnen zuerst einen Grund, mit uns zu sprechen.”
Salivar lachte und gab Anweisungen, dann schlugen die Männer auf die Gefangenen ein. Hektor hörte Knochen krachen und sah Blut spritzen. Es waren nur Wilde, kaum mehr als Tiere, aber auch Tiere misshandelte man nicht. Er wandte den Blick ab, um dem Spektakel nicht zuschauen zu müssen.
“Ist das zu viel für dich, Soldat?“, fragte Ceptus laut. Der Hauptmann stand plötzlich neben ihm, packte ihn an den Schultern und drehte ihn so, dass er Salivar und seine Männer genau im Blick hatte. “Schau es dir an, Soldat!“, befahl Ceptus. “Schau dir an, wie wir die Tiere zum Schreien bringen.”
Hektor biss sich auf die Zunge, wagte aber nicht, sich abzuwenden. Er wusste nicht, was diese Wilden ihnen verraten sollten, aber wenn er das fragte, würde er sich neben ihnen an einem Baum wiederfinden.
“Schlagt sie, bis sie an Flucht nicht mehr denken können. Aber lasst sie mir am Leben”, mahnte Ceptus, als die Schläge heftiger wurden und die Wilden nicht einmal mehr stöhnten. “Ich habe noch nicht entschieden, ob sie einen Nutzen für uns haben.”
“Jawohl, Hauptmann.” Salivar keuchte. Er hielt seine Kameraden zurück und schlug nun methodischer zu. Schmerzen zufügen, ohne zu töten.
Ceptus stieß Hektor von sich und ging hinüber zu Salivar. Hektor warf Callidus einen Blick zu.
“Salivar und seine Kumpane sind Schweine”, flüsterte der, bleich vor Zorn.
“Sei still”, zischte Hektor. “Sonst sind wir die nächsten!”
Callidus bebte, aber er hielt sich zurück, und gemeinsam mit den anderen verfolgten sie das Spektakel, bis Ceptus die Hand hob und Salivar und die übrigen mit der Misshandlung der Gefangenen aufhörten. Erst dann durften sie sich abwenden.
Ceptus ließ das Lager an Ort und Stelle aufschlagen, und die Gefangenen blieben während der Nacht an die Bäume gebunden. Die Soldaten wechselten sich mit dem Wachestehen ab, und Salivar achtete darauf, dass auch Hektor zum Wachdienst eingeteilt wurde.
“Schau sie dir genau an”, grinste er, als er Hektor den Befehl erteilte.
Als Hektor und Callidus schließlich mit dem Wachestehen an der Reihe waren, ergriff Hektor die Gelegenheit, ermahnte seinen Freund, ihn zu warnen, sollte sich jemand nähern, und stellte sich dicht vor den Gefangenen, den sie bewachten. Der Wilde war bei Bewusstsein, schien jedoch kaum etwas von seiner Umgebung wahrzunehmen. Sein Atem ging röchelnd, in seinem Gesicht klebte getrocknetes Blut, und er konnte die geschwollenen Augen kaum öffnen. Hektor hatte andere gesehen, die weniger schlimmen Verletzungen erlegen waren. Das Durchhaltevermögen des Gefangenen nötigte ihm Respekt ab.
Er wusste nicht, was er tun sollte, starrte den Wilden zunächst einfach nur an, aber dann folgte er einer Eingebung.
“Kannst du mich verstehen?“, flüsterte er.
Der Gefangene zeigte keine Reaktion, und Hektor zögerte zunächst, aber als er seine Frage einige Male wiederholte und dabei immer eindringlicher wurde, hob der Wilde mühsam den Kopf und öffnete langsam ein Auge. Offensichtlich litt er starke Schmerzen.
Ein heiseres Krächzen kam aus seinem Mund, aber keine Worte.
“Sprichst du unsere Sprache?“, fragte Hektor. Es hatte Berichte von Reisenden und Händlern gegeben, die sich zwischen die Wilden gewagt und unter ihnen gelebt hatten. Hektor hatte dies für Ammenmärchen gehalten, aber wenn er Kontakt zu dieser geschundenen Kreatur aufnehmen wollte, war es seine einzige Hoffnung.
“Kannst du mich verstehen?“, versuchte er es noch einmal.
“Was tust du?“, fragte Callidus neben ihm, und Hektor erschrak.
“Pass auf, dass niemand kommt!”
“Was tust du?“, wiederholte Callidus.
“Ich versuche, mit dem Wilden zu sprechen”, zischte Hektor. Er ließ seinen Blick über das Lager wandern. Hatte jemand etwas von dem mitbekommen, was hier geschah?
“Warum?” Callidus starrte ihn verständnislos an.
“Vielleicht kann er uns einen Weg aus diesem Urwald zeigen”, flüsterte Hektor, und aus dem Augenwinkel sah er eine Reaktion bei dem Gefangenen. Der Kopf war ihm zurück auf die Brust gesunken, kam aber mühsam wieder hoch.
“Verstehst du uns?“, fragte Hektor ihn erneut.
Der Kopf hob und senkte sich kaum merklich. Ein Nicken. Hektor spürte einen kurzen Augenblick vollkommener Euphorie.
“Woher kennst du unsere Sprache?”
Der Gefangene kämpfte, presste schließlich ein Wort über seine Lippen: “Händler.” Es war kaum wahrzunehmen und noch schlechter zu verstehen, aber Hektor und Callidus erstarrten.
“Dieser Teufel spricht unsere Sprache”, zischte Callidus und bekreuzigte sich.
Hektor starrte seinen Freund mit großen Augen an. “Die Geschichten sind wahr”, flüsterte er. “Händler haben mit den Wilden Geschäfte gemacht ...” Dann wandte er sich wieder an den Gefangenen: “Woher kommst du?”
“Dorf.” Ein kraftloses Flüstern.
“Gibt es dort Händler?”
“Dorf”, wiederholte der Gefangene.
“Wir bringen dich zu deinem Dorf”, versprach Hektor leise, und ein Funke schien in dem geschwollenen Auge aufzuglühen. “Wir werden dich befreien. Wenn du uns mitnimmst.”
Der Gefangene zeigte keine Reaktion; Hektor beobchtete ihn panisch. Hatte er verstanden? Er legte ihm eine Hand auf die Schulter, spürte die warme, verschwitzte Haut unter seinen Fingern. Sie fühlte sich an wie die Haut eines Menschen.
“Wo liegt dein Dorf?“, fragte er.
“Stadt.”
“Stadt?” Callidus zischte gereizt. “Ich denke, ein Dorf.”
“Pass auf, dass uns niemand überrascht!“, knurrte Hektor. Callidus wandte sich schnaubend von ihm ab und hielt den Blick auf das Lager gerichtet. Die meisten Soldaten lagen dort in ihre Decken gehüllt auf dem Boden und schliefen. Selbst einige der anderen Wachen schliefen. Niemand schien zu bemerken, dass sie mit dem Gefangenen sprachen.
“Wo liegt deine Stadt?“, fragte Hektor.
“Fluss ... Schlangenfluss ... Sonne hoch ...” Der Gefangene hustete.
Hektor wandte sich schnell von ihm ab und stellte sich neben Callidus.
“Was ist los?” Salivar war plötzlich aus dem Dunkel aufgetaucht und musterte sie misstrauisch. “Was war das für ein Geräusch?”
“Der Gefangene”, antwortete Hektor. Schweiß stand ihm auf der Stirn. “Er hat gehustet.”
Salivar lachte bösartig. “Wenn er dazu noch Kraft hat ...” Er betrachtete den Gefangenen geringschätzig, wandte sich wieder ab und kehrte in die Mitte des Lagers zurück.
Hektor und Callidus beobachteten, wie Salivar sich auf den Boden legte und sich in seine Decke wickelte. Er lag mit dem Rücken zu ihnen, und sie atmeten erleichtert auf.
“Das war knapp”, murmelte Callidus.
“Der Gefangene stammt aus einer Stadt”, flüsterte Hektor ihm zu.
“Eine Stadt? Wo?”
Hektor zuckte mit den Schultern. So weit waren sie noch nicht gekommen.
“Ich frage weiter. Pass auf, dass niemand kommt.”
Hektor schlich wieder zu dem Gefangenen, der ihn aus ausdruckslosen Augen betrachtete; Hektor schauderte bei diesem Anblick. Salivar und seine Männer hatten beinahe alles Leben aus diesem Wilden herausgeprügelt, er wirkte seelenlos, ein belebtes Stück Fleisch.
“Wo liegt deine Stadt?”
“Kostbare Steine ...“, murmelte der Gefangene.
“Kostbare Steine?“, fragte Hektor. “Edelsteine?”
“Funkeln ... Sterne ...” Trotz der Mühe, mit der er die Worte hervorstieß, schien er stolz zu sein. “Kostbare Steine ... Stadt voll ...”
“Eine Stadt voll kostbarer Steine?” Hektor spürte kalten Schweiß in seinen Handflächen. Er wollte den Mann packen und die Worte aus ihm herausschütteln. “Wo liegt diese Stadt?”
“Dorf”, murmelte der Gefangene kraftlos.
“Dein Dorf? Wo liegt es?”
“Schlangenfluss ...”
“Dort liegt die Stadt ...”
“Dorf ... Schlangenfluss ...” Der Wilde schüttelte den Kopf mühsam.
“Das Dorf liegt ebenfalls an dem Schlangenfluss?“, fragte Hektor. “Der Fluss verbindet das Dorf und die Stadt?”
Der Gefangene nickte mühsam. Ein kaum merkliches Lächeln stahl sich in seine Mundwinkel. Er freute sich, verstanden worden zu sein.
“Wirst du uns führen?“, fragte Hektor. “Wenn wir dich befreien? Wirst du uns zu deinem Dorf führen? Wirst du uns den Weg zeigen?”
Der Wilde nickte, hustete noch einmal. Wieder stellte Hektor sich neben Callidus und wartete.
“Was sagt er?”
“Wenn wir ihn befreien, wird er uns führen.”
“Wohin? Sein Dorf? Seine Stadt?”
“In sein Dorf. Von dort in die Stadt. Dort gibt es Edelsteine.”
“Edelsteine?” Callidus horchte auf.
“Sagt er. Kostbare Steine. Steine, die funkeln wie Sterne.”
“Nicht bei Verstand”, flüsterte Callidus.
“Er scheint sehr stolz darauf.”
Er wartete noch einen Moment, aber als sich im Lager niemand regte, kehrte er zu dem Gefangenen zurück.
“Morgen werden wir dich befreien, und du kannst uns den Weg weisen.”
Der Gefangene schüttelte mühsam den Kopf. “Jetzt ...”
“Nicht jetzt.” Hektor schüttelte den Kopf. “Wir müssen mit unseren Kameraden sprechen. Nicht jetzt. Morgen. Noch ein Tag. Morgen werden wir dich befreien und du wirst uns zu deinem Dorf führen. Dein Dorf. Am Schlangenfluss.”
“Ja.” Der Kopf sank zurück auf die Brust, der Atem wurde tiefer und schwerer. Der Mann hatte das Bewusstsein verloren.
Hektor stellte sich wieder neben Callidus.
“Wir müssen mit den anderen sprechen. Morgen Abend machen wir uns aus dem Staub.”
“Der Kerl wird morgen noch nicht laufen können”, knurrte Callidus.
“Zur Not tragen wir ihn”, antwortete Hektor. “Wir brauchen ihn als Führer.”