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9.4 - Desertieren

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9.4 - Desertieren

“Heute Nacht verschwinden wir”, flüsterte Hektor seinen Kameraden zu. Es war kurz nach Tagesanbruch und sie saßen in kleinen Gruppen zusammen und würgten ihr Frühstück hinunter. Es unterschied sich nicht von ihrem Mittagessen oder ihrem Abendessen.

“Warum heute Nacht?“, fragte Otio.

“Wir brauchen einen der Gefangenen als Führer.”

“Und wir wissen nicht, wie lange der Hauptmann sie am Leben lässt”, ergänzte Callidus.

“Er wird sie befragen wollen”, warf Scelus ein.

“Das müssen wir hoffen.” Hektor nickte. “Wenn nicht ...”

“Wozu hätte er sie sonst gefangengenommen?“, fragte Otio.

Callidus warf ihm einen herablassenden Blick zu und schüttelte den Kopf. Otio erwiderte den Blick finster, schwieg aber.

“Wohin werden wir gehen?“, fragte Scelus schließlich. “Wir wissen nicht, wo wir sind, wir wissen nicht, wohin wir wollen. Wohin soll der Wilde uns führen, außer in einen Hinterhalt?”

“In sein Dorf”, antwortete Hektor. “Am Schlangenfluss, wo die Sonne hoch ist.”

“Was soll das bedeuten?“, fragte Scelus. “Ein Fluss voller Schlangen?”

Callidus zuckte mit den Schultern. “Viele Windungen.”

“Wo die Sonne hoch ist”, sagte Hektor. “Südlich von hier ... Ein Dorf im Süden, an einem Fluss, der sich durch den Urwald windet.”

“Und dann?” Scelus war skeptisch. “Falls er uns in sein Dorf führt? Was tun wir dort? Sie werden uns massakrieren, genauso wie wir ihre Krieger getötet haben.”

Hektor schüttelte den Kopf. “Nicht, wenn wir einen ihrer Männer nach Hause bringen. Sie werden verstehen. Der Wilde wird ein gutes Wort für uns einlegen.”

“Wenn er den Marsch überlebt.” Scelus schnaubte. “Die Sache gefällt mir nicht."

“Was erwartet uns in seinem Dorf?“, fragte Sectator.

“Nichts.” Hektor schüttelte den Kopf. “Aber an dem Fluss liegt auch eine Stadt. Eine Stadt voller Edelsteine. Das hat er gesagt. Edelsteine. Die Stadt muss voll davon sein.”

Otio schüttelte den Kopf. “Ammenmärchen.” Aber seine Stimme schwankte. Er blickte zu Boden, als wüsste er etwas.

“Du hast davon gehört?“, fragte Callidus überrascht.

“Erzählungen.” Otio sah sich nach den übrigen Soldaten um, die nach und nach ihr Frühstück beendeten. Salivar stand am anderen Ende des Lagers bei Ceptus; im Augenblick hatten sie von ihm nichts zu befürchten. “In meiner Heimatstadt hat mir ein fahrender Händler von jemandem berichtet, der hier Städte voller Reichtümer gesehen haben will. Alles nur Geschichten und Ammenmärchen. Städte voller Gold, Städte voller Edelsteine. Ich habe mich davon an der Nase herumführen lassen und bin zum Militär gegangen; das war meine einzige Möglichkeit, hierher zu kommen. Ich habe mich freiwillig gemeldet, um in diesem Regenwald zu verrecken. Gott stehe mir bei.”

Callidus schlug ihm auf die Schulter und lachte leise.

“Und dann?”

“Wir werden sehen.” Hektor zuckte mit den Schultern. “Wollt ihr euch in dieser grünen Hölle von Ceptus zu Tode schinden lassen? Wir sind hergekommen, um reich zu werden, nicht um uns von Wilden abschlachten zu lassen.”

“Ich bin dabei”, rief Sectator leise. “Wenn es etwas zu holen gibt, bin ich dabei.”

“Dann lasst uns beten, dass der Hauptmann die Wilden am Leben lässt”, flüsterte Hektor.

Callidus stimmte zu. “Wenn nicht, haben wir keine Chance.”

“Ihr da! Herkommen!“, donnerte Ceptus in diesem Augenblick durch das Lager. Hektor und seine Freunde erstarrten.

“Hat er etwas gehört?“, fragte Callidus leise.

“Schneller, Soldaten!“, rief Ceptus.

Die Männer beeilten sich, durchquerten das Lager und blieben salutierend vor ihm stehen. Ceptus schien zufrieden.

“Bringt mir die Gefangenen”, befahl er. Er wies noch einen weiteren Soldaten an, ihnen zu helfen.

“Gleich werden wir wissen, wie es um unsere Pläne steht”, murmelte Callidus.

Hektor und er traten zu dem Wilden, der sie zu seinem Dorf führen sollte; sie lösten den Strick, mit dem er an den Baum gefesselt war; der Gefangene öffnete nicht einmal die Augen. Sein Atem ging unruhig und rasselnd; ihnen war nicht klar, ob er den Tag überleben konnte.

Gemeinsam schleiften sie ihn vor ihren Hauptmann und hielten ihn aufrecht.

Ceptus trat vor den Mann und griff mit seiner behandschuhten Hand in dessen Haar, zog seinen Kopf in den Nacken und sah ihm aufmerksam ins Gesicht.

“Fast menschlich”, sagte er, laut hörbar. “Man könnte meinen, diese wilden Teufel haben Gefühle wie wir.”

Salivar lachte. “Eine gewagte Idee, Herr Hauptmann.”

Ceptus lächelte. “Wohl eher Tieren vergleichbar als uns. Auch wenn sie eine Sprache sprechen und sich miteinander verständigen können. Aber tun Tiere das nicht auch? Können nicht auch Tiere miteinander sprechen?”

Salivar zögerte; Ceptus winkte ab.

“Hinrichten”, sagte er.

“Hauptmann!“, entfuhr es Hektor. Aus dem Augenwinkel sah er, wie seine Kameraden erstarrten, und ihm selbst brach kalter Schweiß aus. Es war nicht gut, dem Hauptmann zu widersprechen, aber wenn er nichts unternahm, hatten sie ihren Führer verloren.

“Was ist, Soldat?” Ceptus starrte ihn an. Salivar tauchte neben ihm auf und durchbohrte Hektor mit seinem finsteren Blick.

“Wollt ihr die Gefangenen nicht verhören, Herr Hauptmann?“, fragte Hektor mit brechender Stimme. “Vielleicht ... können sie uns aus dieser grünen Hölle führen ...”

“Stellst du mein Vorgehen in Frage, Soldat?“, fragte Ceptus. Seine Stimme war ruhig, unheilvoll.

“Nein, Herr Hauptmann.” Hektor schüttelte den Kopf, zitterte am ganzen Körper. Ceptus hatte andere wegen weniger deutlicher Widerworte exekutieren lassen. Salivar stand bereit. “Auf keinen Fall, Herr Hauptmann.”

“Dann widersprich mir nicht”, sagte Ceptus.

“Nein, Herr Hauptmann.” Hektor schüttelte den Kopf. “Niemals, Herr Hauptmann.”

“Diese Tiere sind es nicht wert, dass wir uns weiter mit ihnen befassen”, erklärte Ceptus schulmeisterlich. “Schlagt ihnen die Köpfe ab und steckt sie auf Spieße, damit andere sehen, mit wem sie es zu tun haben.”

Die Männer standen wie erstarrt.

“Habt ihr nicht gehört?”

Salivar trat neben ihm hervor und zog sein Schwert.

“Runter mit ihm”, knurrte der Adjutant.

Hektor und Callidus zwangen den Gefangenen vor Salivar in die Knie und hielten seine Arme fest; sein Kopf hing kraftlos herab.

Salivar stellte sich neben den Wilden, hob sein Schwert und schlug ihm mit zwei kräftigen Hieben das Haupt von den Schultern. Hektor und Callidus schlossen die Augen, hielten den Körper des Gefangenen fest.

Ceptus wirkte gelangweilt. “Schafft ihn fort. Werft den Körper in den Wald. Und ihr zwei, ihr steckt den Kopf auf einen Spieß und stellt ihn in die Mitte des Lagers. Verfahrt mit den anderen Gefangenen ebenso.”

Die Soldaten schritten ohne Widerworte zur Tat. Salivar enthauptete auch die anderen beiden Gefangenen, die Leichname wurden in den Wald geworfen, die Köpfe auf Spieße gesteckt und in der Mitte des Lagers aufgestellt.

“Möge Gott uns vergeben”, flüsterte Sectator leise.

Hektor schüttelte traurig den Kopf. “Wie könnte er?”

Der Trupp setzte sich in Bewegung, und der Marsch verlief ruhig, wie an allen anderen Tagen. Mittags eine Rast, abends wurde das Lager aufgeschlagen. Die Männer sanken erschöpft zu Boden, schlossen die Augen und schliefen ein. Auch Ceptus und Salivar legten sich irgendwann am Feuer nieder und schliefen. Nur die Wachen hielten die Augen geöffnet und starrten hinaus in den finsteren Urwald. Stunden vergingen.

Vor zwei Nächten war Neumond gewesen, und nur eine schmale Sichel hatte sich über den Horizont geschoben, kaum ausreichend, das dichte Laubdach über ihnen zu durchdringen. Die Feuer waren heruntergebrannt. Die Wachen standen um das Lager verteilt, einige von ihnen waren eingenickt.

Hektor war hellwach. Seine Gedanken kreisten um den Gefangenen, den er nicht hatte retten können, und er fragte sich, ob sie wirklich nur Tiere waren, wie Ceptus gesagt hatte. Er hatte Schmerz und Leid in den Augen des Mannes gesehen, vielleicht gar eine Seele. Dieser Gedanke ließ ihn nicht los.

Wie in der Nacht zuvor hatte er Wachdienst, und sein Blick war hinaus in das Dickicht gerichtet, seine Ohren nahmen jedes Geräusch wahr. Er hörte das Rascheln, als Callidus und die anderen sich ihm näherten, auch wenn sie sich so leise bewegten, dass sie keinen der Schlafenden weckten.

Bis zur Morgendämmerung hatten sie noch vier oder fünf Stunden; Zeit genug, sich einen Vorsprung zu verschaffen.

“Seid ihr bereit?“, hatte Hektor seinen Kameraden beim Abendessen zugeflüstert.

“Ohne unseren Führer?”

“Wir haben eine Richtung”, hatte Callidus erwidert. “Südlich von hier. Wo die Sonne hoch ist.”

“Ich weiß nicht.” Otio hatte gezögert, aber die anderen hatten ihn überstimmt. Alles war besser, als weiter von Ceptus und Salivar durch den Regenwald getrieben zu werden. Keiner von ihnen glaubte noch daran, in die Heimat zurückzukehren und seinen Sold in Empfang zu nehmen.

“Es ist soweit”, flüsterte Callidus.

Die fünf Männer drängten sich eng zusammen, jeder von ihnen atmete noch einmal tief durch und lauschte in die Stille des Lagers. Die anderen Wachen hatten nichts bemerkt, und der Rest der Soldaten schlief. Selbst Ceptus und Salivar lagen regungslos neben den Resten ihres Lagerfeuers.

“Wenn wir desertieren, gibt es kein zurück”, flüsterte Hektor ihnen zu. “Wir sind auf uns allein gestellt. Wir fünf gegen den Rest. Jeder von uns muss sich auf die anderen verlassen können, jeder von uns muss mit seinem Leben für die anderen einstehen. Sonst werden wir es nicht schaffen. Seid ihr dazu bereit?”

Die anderen warfen sich kurze Blicke zu, dann nickten sie.

Hektor war zufrieden. “Wir müssen das Lager einmal umrunden”, erklärte er dann. “Aber wir werden einen großen Bogen machen. Eine halbe Stunde nach Norden, dann nach Westen, wieder eine halbe Stunde, dann nach Süden.”

“Das kostet uns viel Zeit”, flüsterte Scelus nervös.

“So verhindern wir, dass die anderen Wachen uns bemerken”, antwortete Hektor. “Außerdem legen wir eine falsche Fährte. Sie werden uns zuächst im Norden suchen. Wir haben nichts verloren. Unsere Verfolger müssen den gleichen Weg nehmen.”

“Hektor hat Recht.” Callidus nickte. “Niemand weiß, wohin wir wollen.”

Sectator war unruhig. “Dann lasst uns aufbrechen. Bevor man beim Wachwechsel bemerkt, dass du nicht mehr auf deinem Posten bist.”

Die Männer brummten zustimmend und schlichen leise in den Wald. Hektor ging voran, gefolgt von Callidus, dann Scelus, Sectator und Otio, der die Nachhut bildete.

“Selbst beim Desertieren bist du der Langsamste.” Scelus lachte leise.

Otio schnaubte.

“Still!“, zischte Hektor. “Zwei Stunden! Kein Wort!”

Callidus unterdrückte ein Lachen.