Kapitel 10 - 10.1 - Durch die Nacht
Kapitel 10 - 10.1 - Durch die Nacht
Mit einem letzten Blick auf das Lager führte Hektor seine Kameraden hinaus in die Finsternis. Sie bewegten sich vorsichtig, vermieden jedes Geräusch, knickten keinen Ast, raschelten nicht im Unterholz. Atemlos schlichen sie unter den Bäumen entlang, während der Urwald um sie herum immer lauter und lauter wurde. Die Geräusche, die sie im Schutz des Lagers hatten ertragen können, wurden umso bedrohlicher, je weiter sie sich von ihren Kameraden entfernten. Hektor spürte kalten Schweiß, der sich wie eine dünne Schicht über seinen ganzen Körper legte, und trotz der noch immer drückenden Wärme fror er. Er riss sich zusammen, damit seine Kameraden nichts bemerkten.
“Wie weit sind wir gekommen?“, fragte Callidus irgendwann.
“Ich weiß nicht”, gab Hektor zu.
“Wie lange sind wir unterwegs?“, zischte Scelus.
“Ich weiß nicht”, wiederholte Hektor.
“Woher weißt du, wann wir den Weg nach Westen einschlagen müssen?”
“Nach Gefühl”, knurrte Hektor.
“Bist du sicher, dass wir immer noch Richtung Norden gehen?”
“Nein.”
“Du bist dir nicht sicher?“, rief Scelus halblaut.
Hektor blieb so abrupt stehen, dass Callidus gegen ihn stieß. Ihre Rüstungen krachten gegeneinander, und die Männer zuckten zusammen und warteten atemlos. Sie lauschten in die Dunkelheit, wussten nicht, wie weit sie vom Lager entfernt waren, aber außer den Geräuschen des nächtlichen Waldes hörten sie nichts.
“Warum bleibst du stehen?“, zischte Callidus zornig.
“Kannst du den Himmel sehen?“, fragte Hektor Scelus, ohne Callidus zu beachten.
“Nein.”
“Ich auch nicht”, knurrte Hektor. “Woher soll ich wissen, ob wir nach Norden marschieren?”
“Ich dachte, weil du führst ...“, murmelte Scelus missmutig.
“Willst du führen?”
“Nein!”
“Dann sei still!”
“Ich...”
“Sei still!“, fuhr auch Callidus ihm über den Mund.
Sectator und Otio hatten den Streit schweigend verfolgt.
Sie setzten ihren Weg fort. Hektor versuchte, etwas vor sich zu erkennen, versuchte einen Weg zu bahnen, ohne zu viele Spuren zu hinterlassen, versuchte, die Richtung zu bestimmen. Der Schweiß floss ihm unter dem Helm hervor, über die Stirn, in die Augen. Seine Sicht verschwamm; er wischte sich immer wieder mit der Hand über das Gesicht.
“Nach Westen”, murmelte er schließlich und änderte die Marschrichtung.
“Bist du sicher, dass es Westen ist?“, hörte er Scelus hinter sich. Callidus schnaubte zornig.
Hektor ballte die Hände zu Fäusten und biss sich auf die Zunge. Sie alle waren angespannt. Er durfte keinen Streit beginnen.
“Was war das?“, flüsterte Otio.
“Was?“, fragte Callidus.
Die Männer blieben stehen, lauschten, versuchten in der nächtlichen Kakophonie etwas auszumachen.
“Ein Rascheln ...”
Callidus knurrte. “Alles raschelt.”
“Es klang wie ein Tier.”
“Der Wald ist voller Tiere.” Hektor wünschte sich ein Feuer herbei. Eine Fackel, mit der sie den Weg leuchten und gleichzeitig Tiere fernhalten konnten. In der Finsternis durch den Wald zu irren, ängstigte ihn zutiefst.
“Vielleicht Wilde”, flüsterte Otio.
“Die werden schlafen”, erwiderte Callidus barsch.
“Vielleicht jagen sie nachts”, murmelte Sectator.
Sie schlichen weiter. Immer wieder hörten sie Geräusche, die sie verunsicherten, immer wieder hielten sie an, aber immer wieder setzten sie ihren Weg fort, ohne etwas entdeckt zu haben.
“Besser ein Raubtier als der Hauptmann”, zischte Scelus irgendwann.
“Was?”
“Ein Raubtier macht kurzen Prozess”, erklärte Scelus. “Der Hauptmann wird sich Zeit lassen. Er wird ein Exempel statuieren.”
“Er darf uns nicht finden”, murmelte Callidus.
Schweigend zogen sie weiter, bis Hektor glaubte, dass es an der Zeit war.
“Nach Süden”, sagte er.
“War das schon eine halbe Stunde?“, fragte Sectator.
“Ich weiß nicht.” Hektor zuckte mit den Schultern, ohne daran zu denken, dass seine Kameraden ihn kaum sehen konnten. “Ich habe kein Zeitgefühl mehr.”
“Aber du bist dir sicher, dass wir nach Süden gehen?”
“Nein.”
Otio betete leise, und Sectator stieß ein kurzes Schluchzen aus.
“Seid ruhig!“, mahnte Hektor. “Wir nähern uns dem Lager wieder. Lasst uns hoffen, dass wir den Bogen weit genug geschlagen haben.“
“Wir würden sie hören”, sagte Callidus. “Sie müssen längst bemerkt haben, dass du nicht mehr auf deinem Posten bist.”
“Wenn wir lange genug unterwegs sind, ja”, stimmte Hektor zu.
“Und wenn du uns direkt zum Lager zurückgeführt hast?”
“Ich glaube nicht, dass ...”
In diesem Augenblick brach vor ihnen tumultartiger Lärm durch den Wald. Sie waren ihrem Lager viel zu nahe gekommen und hörten die aufgeregten Stimmen ihrer Kameraden. Vor ihnen leuchtete der Schein mehrerer Feuer auf; die Stimme des Hauptmanns dröhnte durch die Nacht, ohne dass sie die Worte verstehen konnten, dazu waren sie doch noch zu weit entfernt. Erschrocken warfen sie sich auf den Boden, zu ängstlich, sich zu rühren oder zu atmen.
Sie hörten das Rasseln und Scheppern der Rüstungen und die zornigen Stimmen von Ceptus und Salivar, und dann sahen sie Lichter, die sich in den Wald hinein bewegten. Zu ihrer Linken. Weit fort.
“Wir haben einen Kreis geschlagen”, zischte Callidus.
“Ich glaube, wir bewegen uns Richtung Osten”, murmelte Hektor.
“Immerhin sind wir ihnen nicht in die Arme gelaufen.”
“Sie müssen unseren Spuren erst einmal folgen. Wir haben immer noch einen Vorsprung”, sagte Callidus. “So wie Hektor es gesagt hat. Wohin nun?”
“Nach Süden!“, zischte Hektor.
“Weißt du denn, wo Süden liegt?“, knurrte Scelus aufgebracht.
“Hier entlang”, antwortete Hektor. “Wir sind nach Norden aufgebrochen. Dorthin, wo die anderen uns jetzt suchen. Wir laufen in die Gegenrichtung. Folgt mir.”
Mit den Feuern als Anhaltspunkt wandten sie sich Richtung Süden und schoben sich hektisch durch den Urwald. Die aufgeregten Stimmen hinter ihnen fielen immer weiter zurück, und die Feuer waren schon bald nicht mehr auszumachen.
“Es wird heller”, flüsterte Otio irgendwann.
“Fackeln?“, fragte Hektor.
“Tageslicht”, antwortete Callidus.
Hektor blieb stehen und sah sich nach seinen Kameraden um; tatsächlich konnte er sie erkennen. Nicht nur dunkle Schatten oder geisterhafte Schemen. Sie standen leibhaftig vor ihm, und das Licht reichte aus, ihre erschrockenen Gesichter zu erkennen.
“Dann müssen wir uns beeilen”, sagte er. “Unsere Verfolger haben es leichter, wenn es hell wird. Folgt mir!” Hektor lief voraus, seine Kameraden folgten ihm keuchend.
“Und wenn die anderen uns hören?”
“Die machen zu viel Lärm!”
“Hört ihr sie schon?”
“Noch nicht.”
Hektor lief weiter, seine Kameraden blieben dicht auf seinen Fersen. Keiner sprach, alle lauschten auf Ceptus und Salivar und den Rest des Trupps. Hinter ihnen blieb es ruhig.
Dann hörten sie ein Brüllen und blieben wie angewurzelt stehen.
“Was war das?”
“Ein Jaguar?“, fragte Hektor.
“Etwas großes”, stimmte Callidus zu.
“Vor uns oder hinter uns?”
“Ich weiß nicht.”
“Was jetzt?”
Sie zögerten. Lauschten in den Wald. Dann hörten sie es noch einmal: Ein lautes Brüllen, zornig, gewaltig, hinter ihnen. Dort, wo auch ihre Verfolger sein mussten.
“Lasst uns verschwinden!“, rief Callidus.
“Vielleicht erwischt es den Hauptmann!” Sectator lachte irre.
“So viel Glück haben wir nicht.” Hektor lief weiter. Wieder hörten sie ein Brüllen und noch einmal und noch einmal und von Mal zu Mal wurde es leiser.
“Es bleibt zurück”, keuchte Sectator.
Dann stoppte Hektor wieder, und wieder krachte Callidus gegen ihn.
“Was ist?“, rief der zornig.
“Wasser”, sagte Hektor.
Der Regenwald endete plötzlich und vor ihnen strömte ein schmaler Fluss vorüber. Nicht breit, nicht tief, das Wasser floss nicht schnell. Auf der anderen Seite war der Wald so dicht wie an ihrem Ufer.
“Ist das der Schlangenfluss?”
Hektor schüttelte den Kopf. “Zu klein. Ich glaube nicht ... Nein. Das ist er nicht.”
“Sollen wir ihn durchqueren?“, rief Otio. “Was tun wir?”
“Wir laufen ein Stück mit dem Strom”, antwortete Hektor. “Im Wasser. Verwischen unsere Spuren.”
“Aber im Wasser sind Schlangen.”
“Halt den Mund!“, schnitt Hektor seinem Kameraden das Wort ab. “Ins Wasser. Wir waten den Fluss entlang. Wir suchen uns am anderen Ufer eine Stelle, an der wir den Fluss verlassen können, ohne zu viele Spuren zu hinterlassen. Vielleicht verliert der Hauptmann uns auf diese Weise.”
“Aber ...”
“Hektor hat Recht”, rief Sectator.
“Ins Wasser!“, befahl Hektor und sprang seinen Kameraden voraus. Einen kurzen, panischen Moment fürchtete er zu ertrinken. Der Fluss war tiefer, als er erwartet hatte; die schwere Rüstung zog ihn unter Wasser, und er bekam keine Luft, aber dann fanden seine Füße Halt, und er konnte sich wieder aufrichten. Das Wasser reichte ihm bis über den Gürtel, und die Strömung schob ihn kräftig vor sich her, aber er konnte stehen und gehen, und seine Kameraden folgten ihm, und zum ersten Mal, seit sie das Lager verlassen hatten, glaubte er daran, dass ihre Flucht gelingen konnte.