10.2 - Entkommen
10.2 - Entkommen
Callidus und Scelus wollten flussaufwärts fliehen, da sie glaubten, Ceptus erwartete das nicht, aber Hektor schüttelte den Kopf. “Gegen diese Strömung haben wir keine Chance. Wir werden unsere Kräfte aufzehren und nicht vorankommen. Wir müssen mit der Strömung fliehen.”
Ein kurzer Streit entbrannte, aber Sectator und Otio schlugen sich auf Hektors Seite. Zähneknirschend gaben Callidus und Scelus nach.
Mit der Strömung kamen sie gut voran. Ihre Rüstungen wogen schwer, aber keiner von ihnen wollte sie aufgeben, daher konnten sie sich nicht im Wasser treiben lassen. Mühsam stapften sie durch den schlammigen Grund des Flusses und kämpften darum, das Gleichgewicht nicht zu verlieren und unterzugehen. Dennoch hatten sie die Stelle, an der sie vom Ufer in den kleinen Fluss gestiegen waren, bald aus den Augen verloren.
Mehrere Male hätten sie ans Ufer klettern können, waren aber im Wasser geblieben. Hektor hoffte, dass Ceptus Zeit damit vergeuden würde, jede dieser Stellen zu untersuchen, dass er seine Soldaten ausschwärmen und die Umgebung durchsuchen lassen würde; den Gedanken an Schlangen verdrängten sie so gut es ging, und nur hin und wieder stieß einer der Männer ein erschrockenes Keuchen aus, wenn im Wasser etwas an ihm entlangstrich.
Sie wussten nicht, wie weit sie gekommen waren; sie wussten nicht, wie lange sie sich durch den Fluss gekämpft hatten. Es war anstrengend, sich in der Strömung auf den Beinen zu halten, und schließlich kletterten sie erschöpft an ein niedriges Ufer, warfen sich auf den Rücken und blieben eine Weile keuchend liegen. Keiner von ihnen hatte genug Luft, zu sprechen. Sie waren müde und erschöpft.
“Weiter?“, fragte Hektor nach einer Weile.
“Ja.” Callidus erhob sich mühsam vom Boden. Die anderen folgten seinem Beispiel. “Wohin?”
Über dem Fluss war das Blätterdach nicht so dicht, und Hektor konnte die Sonne ausmachen.
“Dorthin.” Er wies in den Urwald hinein. “Dort ist Süden.”
“Hoffentlich hast du Recht”, murmelte Otio, aber er lachte erschöpft. Hektor kicherte müde und klopfte ihm auf die Schulter.
“Bist du sicher, dass der Wilde dich verstanden hat, Hektor?” Callidus stand vor ihm und betrachtete ihn nachdenklich. “Bist du sicher, dass es nicht nur eine Falle ist?”
Hektor schüttelte den Kopf. “Keine Falle. Er wollte mit uns fliehen. Er wusste, dass wir seine einzige Chance waren.”
Callidus warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. “Wären wir direkt geflohen ... Vielleicht. Aber du wolltest warten.”
“Wir mussten warten”, verteidigte Hektor sich. Aber er war nicht sicher. Hätten sie die Chance ergreifen und sofort mit dem Gefangenen fliehen sollen? Dann hätten sie ihre Kameraden nicht mitnehmen können. An den stummen Blicken der anderen sah er, dass sie ähnliches dachten.
Callidus warf einen Blick in die Runde, dann zuckte er mit den Schultern. “Was geschehen ist, ist geschehen.”
Der Regenwald wurde lichter, und sie kamen besser voran. Das Unterholz wurde spärlicher, und plötzlich stolperten sie auf einen Weg, der sich durch den Wald schlängelte. Ein breiter Weg: breit genug, um einen Karren darauf zu ziehen. Überrascht blieben sie stehen, sahen sich erstaunt um, entdeckten tiefe Spuren im Boden.
Ungläubig kniete Hektor nieder und untersuchte die Abdrücke. “Lasttiere?” fragte er die anderen.
Sectator nickte. “Sieht so aus.”
“Eine Straße.” Callidus lachte, hob die Arme und ließ sie wieder fallen. “Wer hätte das gedacht? Eine Straße in dieser gottverlassenen Hölle.”
“Hat der Wilde von einer Straße gesprochen?“, fragte Scelus.
“Nein.” Hektor schüttelte den Kopf. Sein Blick war noch immer auf die Spuren geheftet. “Nur von einem Fluss. Dem Schlangenfluss.”
Otio kratzte sich am Kopf. “Vielleicht führt die Straße dorthin. Die Wilden haben Wege gebaut”, fügte er dann benommen hinzu.
Callidus stieß ihm mit der Faust gegen die Schulter und warf ihm einen zornigen Blick zu. “Tiere bauen keine Straßen.”
Hektor drehte sich, blickte den Weg in beide Richtungen entlang. “Vielleicht sind es keine Tiere”, murmelte er.
“Was willst du damit sagen?” Callidus baute sich vor ihm auf, die Hände in die Hüften gestemmt.
Hektor erwiderte den Blick überrascht, wich aber nicht zurück. Er dachte an den Schrecken, den er verspürt hatte, als er Worte in seiner eigenen Sprache aus dem Mund des gefangenen Wilden vernommen hatte; er dachte an die Stadt voller Edelsteine, von der er gesprochen hatte. Fast war es gewesen, als hätte er einem echten Menschen gegenübergestanden.
“Nichts”, antwortete er schließlich. “Nichts will ich damit sagen. Aber ... Tiere bauen keine Straßen. Und trotzdem stehen wir auf einer.”
“Die Händler könnten sie angelegt haben”, schlug Otio vorsichtig vor. “Die, von denen man schon Geschichten gehört hat?”
Hektor und Callidus warfen ihm einen überraschten Blick zu. Hektor zögerte, aber Callidus nickte. “So muss es sein.”
Hektor wollte etwas erwidern, aber ihm fehlten die Worte. Er verstand den Streit nicht, den Callidus begonnen hatte, und er wollte ihn nicht fortsetzen. Also wandte er sich ab und folgte dem Pfad in südlicher Richtung. Vielleicht führte dieser Weg zum Fluss, vielleicht führte er zu dem Dorf des toten Gefangenen - oder zu irgendeinem Dorf. Alles weitere würde sich fügen.
Callidus und die anderen folgten ihm vorsichtig. Zunächst fühlten sie sich schutzlos, und sie hielten Ausschau nach Eingeborenen, die sich im lichten Unterholz verborgen hielten, aber sie sahen niemanden, und langsam schlich sich eine trügerische Sorglosigkeit ein. Auf dem Weg kamen sie gut voran; der Weg gab ihnen das Gefühl, das Schlimmste hinter sich gebracht zu haben. Für eine Weile vergaßen sie beinahe, dass sie sich in einem fremden Land befanden, in dem sie jederzeit von einem Tier oder einem Wilden angegriffen werden konnten.
Als sie schließlich ein Rauschen vor sich hörten, begannen sie zu laufen, und als die ersten Sonnenstrahlen vor ihnen durch den Wald drangen, lachten sie wie Kinder. Dann traten sie aus dem dichten Urwald heraus und fanden sich am Ufer eines Flusses wieder. Das Wasser strömte schnell in seinem breiten Bett, und nicht weit von ihnen entfernt krachte er mit ohrenbetäubendem Donnern über eine Klippe in die Tiefe. Der Weg führte an seinem Ufer entlang Richtung Süden, und sie folgten seinem Lauf, bis sie an die Felskante gelangten. Das Tosen und Rauschen war nun so laut, dass sie ihr eigenes Lachen kaum hören konnten.
Der Anblick, der sich ihnen bot, war atemberaubend. Unbeschreibliche Wassermassen stürzten neben ihnen in die Tiefe, die kalte Gischt hüllte sie in einen kühlenden Nebel, der sie frösteln ließ, und in der Tiefe bahnte der Fluss sich in einem neuen Bett seinen Weg durch den Urwald.
“Ist das ...?“, begann Callidus, gegen den Lärm anbrüllend.
Hektor nickte. “Das muss er sein”, schrie er zurück. “Schau, wie weit du seinen Lauf überblicken kannst, und schau, wie er sich windet. Das muss der Schlangenfluss sein.”
Beeindruckt standen die fünf Männer neben dem tosenden Wasserfall und blickten über den Lauf des Flusses hinweg, der im Licht der Sonne funkelte und glänzte. Hektors Augen schmerzten, so hell reflektierte das Wasser. Es dauerte eine Weile, bis sie sich von dem Anblick losreißen konnten, aber schließlich folgten sie dem Weg, der sich zunächst wieder vom Ufer entfernte und sich unweit des Flusses den Hang hinunterwand. Erst unten, neben dem kleinen See, der sich am Fuße des Wasserfalls gebildet hatte, und aus dem der Fluss weiterströmte, hielten sie an.
“Lasst uns noch eine Stunde marschieren und dann rasten”, schlug Scelus vor.
Hektor schüttelte den Kopf.
“Dort vorn ist eine Lichtung. Die können wir als Lager nutzen.”
“Und Ceptus?”
Hektor lachte leise. “Wir haben seit Stunden nichts gehört. Ich glaube nicht, dass sie uns noch auf den Fersen sind.”