10.3 - Begegnung
10.3 - Begegnung
“Hörst du das?”
Hektor schlug die Augen auf, spürte die Hand auf der Schulter, die ihn wachrüttelte. Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte, ob es Stunden gewesen waren oder nur wenige Minuten, aber er fühlte sich, als hätte er die Augen gerade erst geschlossen. Die Anstrengung steckte ihm in den Knochen; die Flucht vor Ceptus und Salivar und dem Rest ihrer Kameraden, der Marsch durch den Urwald, das Waten durch den Fluss, die andauernde Furcht vor Entdeckung durch die eigenen Leute oder durch Wilde, die ihnen einen Hinterhalt legten.
Es war hell, aber er wusste nicht, ob es noch das Licht des späten Nachmittags war oder bereits das des folgenden Morgens.
“Wie lange habe ich geschlafen?“, fragte er benommen.
“Stunden”, flüsterte Callidus und legte ihm die Hand auf den Mund. “Sei still.”
“Was ...”
“Ruhe!“, zischte Callidus.
Hektor sah sich um. Seine Kameraden waren wach und lauschten angespannt. Hektor tat es ihnen gleich. War Ceptus in der Nähe? Hatte ihr Hauptmann sie entdeckt? Panik kroch in ihn hinein.
Er hörte die Geräusche des Waldes, hörte tropfendes Wasser, hörte Tiere - große und kleine - die knurrten und fauchten, die gackerten und lärmten. Er hörte Affen, die sich hohle Laute zubrüllten, hörte das Zwitschern von Vögeln. Aber all das war weit weg. Die nähere Umgebung war still. Als habe sich eine Kuppel des Schweigens über sie gestülpt und sie vom Treiben des Urwalds ausgeschlossen.
Dann hörte er etwas. Ein leises Klatschen. Noch weit weg, aber unverkennbar, sobald man es unter dem fernen Lärmen der Natur wahrgenommen hatte.
Hektor riss die Augen auf, Callidus nickte.
“Was ist das?”
Callidus schüttelte den Kopf. “Ich weiß nicht. Ich habe es vor wenigen Augenblicken gehört und euch alle geweckt.”
“Es klingt wie ...“, begann Otio, aber Callidus fiel ihm ins Wort: “Ruhe!“. Otio verstummte.
Wieder hörten sie ein leises Klatschen, aber lauter als zuvor. Das Geräusch näherte sich. Dann die ersten leisen Stimmen und das Schnauben von Tieren.
“Menschen”, murmelte Scelus.
Callidus fauchte ihn an: “Sei still!”
Hektor lauschte. “Das ist nicht Ceptus. Das sind Peitschen. Tiere werden geführt.”
Scelus nickte zustimmend.
“Zieht euch zurück”, flüsterte Callidus. “Langsam. Leise.”
Sectator warf den anderen einen Blick zu. “Vielleicht sind es Händler.”
“Vielleicht auch nicht.” Callidus warf ihm einen finsteren Blick zu.
Die fünf Männer krochen vorsichtig in das Unterholz, fort von der Lichtung, an deren Rand sie geschlafen hatten.
Die Geräusche wurden lauter und lauter, bis sie nicht mehr zu verkennen waren: Stimmen, die in einer unbekannten Sprache sprachen; das Schnauben von Tieren; das Klatschen kleiner Peitschen.
Und dann waren sie da. Durch das Unterholz vor sich erkannten sie Umrisse: Wilde, die Tiere führten. Bepackte Tiere, die sie hin und wieder mit einem Ruf oder dem Schlag einer kleinen Peitsche antrieben.
Hektor starrte sie mit großen Augen an. Callidus legte die Hand an sein Schwert, Sectator nahm seine Muskete in beide Hände.
Hektor bemerkte das und schüttelte den Kopf.
Callidus nickte energisch.
Scelus betrachtete beide und fuhr sich mit dem Zeigefinger quer über die Kehle.
Sectator und Otio erwiderten die Blicke kopfschüttelnd und mit weit aufgerissenen Augen, während Callidus erneut energisch nickte. Hektor schüttelte noch einmal den Kopf.
“Wir werden sie töten!“, knurrte Callidus.
“Sie können uns führen!”
“Wir können ihnen nicht trauen.”
“Ohne sie werden wir das Dorf nicht finden. Und auch nicht die Stadt.”
“Sei es drum!”
“Nein”, knurrte Hektor und stand auf.
Die Wilden zogen vorüber, eine ganze Karawane, die sich den Weg entlangschob. Hektor zählte fünfzehn oder zwanzig Packtiere, die mit großen Weidenkörben beladen waren, und mindestens zehn Männer, die ihn bislang noch nicht entdeckt hatten. Er atmete tief ein, gab sich einen Ruck, und trat hinter ihnen auf den Weg. Callidus wollte ihn zurückhalten, aber er riss sich mit einer energischen Bewegung los und trat einen Schritt nach vorn.
“Wartet!“, rief er.
Die Wilden sahen sich überrascht nach ihm um und erstarrten. Ihre Augen wurden groß, ihre Münder klappten auf, sie schnappten nach Luft, standen wie Stein.
“Hektor”, zischte Callidus und trat zu ihm auf den Weg.
Die Augen der Wilden wurden noch größer, sie begannen zu zittern. Sie machten keine Anstalten zu fliehen oder anzugreifen, schienen die Situation nicht zu begreifen.
Hektor breitete die Arme aus und trat einen Schritt auf sie zu. “Wir sind Freunde!“, rief er ihnen zu.
Das riss sie aus ihrer Erstarrung und plötzlich liefen sie panisch durcheinander, riefen sich in ihrer fremden Sprache Dinge zu, schoben die Tiere vor sich her und stießen sich gegenseitig bei Seite, bei dem Versuch, vor Hektor und Callidus zu fliehen.
Die beiden beobachteten das einen Augenblick, sahen zu, wie die Männer lärmten, ohne etwas zu erreichen und schließlich wieder zitternd und mit großen Augen stehenblieben. Bebend versuchten sie, die Packtiere zwischen sich und die beiden Soldaten zu bringen.
Callidus betrachtete das Durcheinander kopfschüttelnd. “Feige Tiere.”
Hektor dachte an ihre bisherigen Begegnungen mit den Einheimischen, dachte an die Toten, an die aufgespießten Köpfe. Hatten sie Geschichten gehört? Dann verstand er ihre Angst.
“Otio”, rief er leise. “Scelus. Sectator.”
Ihre Kameraden brachen aus dem Unterholz hervor und traten zu ihnen auf den Weg. Einer der Wilden fiel bei ihrem Anblick auf die Knie, versuchte, sich klein zu machen; die anderen wichen zurück, duckten sich tiefer hinter die Packtiere, die von der Aufregung unbeeindruckt schienen.
“Die Esel sind mutiger”, lachte Scelus vorsichtig.
“Das sind keine Esel”, sagte Otio.
“Nein.” Sectator trat kopfschütelnd einen Schritt vor. “Keine Esel. Lange Hälse, kleine Köpfe. Was sind das für Tiere?”
“Was machen wir mit ihnen?” Otio kratzte sich am Kopf. Die Unsicherheit der Wilden schien ihm Mut zu machen. Aber er war ratlos.
“Wir werden mit ihnen sprechen”, sagte Hektor.
Callidus widersprach: “Wir werden sie töten. Noch sind sie beeindruckt, aber wenn sie ihre erste Angst überwunden haben ... Sie werden uns massakrieren oder in einen Hinterhalt locken.”
“Das dürfen wir nicht zulassen”, stimmte Scelus zu.
“Ohne ihre Hilfe sind wir in dieser grünen Hölle verloren”, hielt Hektor dagegen.
“Warum?” Callidus trat einen Schritt bei Seite und blickte Hektor herausfordernd an. “Am Schlangenfluss. Wo die Sonne hoch ist. Dort drüben ist der Schlangenfluss. Dort ist Süden. Wir werden den Weg allein finden.”
“Und dann?“, fragte Hektor. “Wie geht es weiter? Fallen wir zu fünft in ihre Stadt ein? Kämpfen wir gegen ihre Krieger? Nein.” Er schüttelte den Kopf. “Es ist einfacher, als Freunde zu kommen. Es ist einfacher, sich von ihnen führen zu lassen.”
Sectator brummte zustimmend, Scelus knurrte etwas unverständliches.
“Sie beobachten uns”, sagte Otio schließlich.
Hektor riss seinen Blick von Callidus los und sah sich nach den Wilden um, die hinter ihren Packtieren hervorgekommen waren und sie unverhohlen neugierig anstarrten. Sie schienen ihre erste Angst überwunden zu haben und tuschelten miteinander.
Hektor trat einen Schritt auf sie zu. “Wir kommen in Frieden!”
Die Wilden wichen vorsichtig zurück, liefen aber nicht wieder kopflos durcheinander.
“Wir sind eure Freunde”, fuhr Hektor fort und machte weitere, langsame Schritte auf die Männer zu. Diese wichen weiter zurück, immer noch vorsichtig, aber die Lücke zwischen ihnen wurde kleiner.
“Wir brauchen eure Hilfe”, erklärte Hektor ihnen. Ihre Blicke blieben verständnislos, aber er sprach weiter, so wie er zu einem Tier sprach, das er beruhigen wollte. “Wir suchen nach der Stadt am Schlangenfluss. Der Stadt voller glänzender Steine.”
Die Wilden sprachen aufgeregt durcheinander, in ihrer fremden Sprache, die Hektor nicht verstand, und vergaßen darüber, weiter zurückzuweichen. Als er schließlich vor ihnen stand, verstummten sie und betrachteten ihn überrascht, als hätten sie nicht mit ihm gerechnet.
“Wir sind Freunde”, wiederholte Hektor und hielt ihnen seine Handflächen entgegen. Callidus und die anderen schlossen langsam zu ihm auf. Hektor hörte das Rasseln und Klirren ihrer Rüstungen und sah erneut Furcht in den Augen der Wilden aufkeimen. Hektor hob die Hand und seine Kameraden blieben stehen und die Wilden betrachteten ihn voller Respekt. “Könnt ihr uns führen?”
Einer der Wilden trat aus der Gruppe heraus und stellte sich vor ihn. Der Mann warf seinen Begleitern unsichere Blicke zu, aber die nickten ihm beruhigend zu, und er atmete tief durch. Dann begann er zu sprechen, redete auf Hektor und seine Kameraden ein, sprach immer schneller und schneller.
Hektor hob die Hand und unterbrach ihn: “Ich verstehe dich nicht.”
Der Mann verstummte abrupt.
“Könnt ihr uns führen?“, fragte Hektor noch einmal. Er sprach langsam und eindringlich.
Mit Gesten versuchte er, den Wilden klarzumachen, dass sie sich ihnen anschließen und mit ihnen gehen wollten; die warfen sich erneut verständnislose Blicke zu. Hektor versuchte es noch einmal, aber wieder scheiterte er. Callidus schnaubte.
“Zuviel der Mühe”, brummte er.
Die Wilden spürten die Feindseligkeit seiner Worte und wichen vor ihnen zurück.
“Schenk ihnen etwas, Hektor”, riet Sectator hastig.
Hektor sah ihn überrascht an, nickte dann aber. Er überlegte kurz, kramte ein schmutziges Tuch aus seiner Rüstung hervor, zeigte es dem Wilden, der zu ihm getreten war und überreichte es ihm. Der nahm es vorsichtig entgegen und betrachtete es, hielt es sich vor die Augen, dann vor die Nase und sog die Luft ein. Dann lachte er. Hektor lachte mit ihm. Der Wilde nickte, nahm ein ledernes Band von seinem Arm und hielt es Hektor entgegen, der es annahm und, wie der Wilde zuvor, es zunächst vor seine Augen hielt und dann an die Nase und daran schnupperte. Dann lachte er, und der Wilde lachte mit ihm. Hektor knotete das Band um seinen Arm, zeigte darauf und deutete eine Verbeugung an. Der Wilde tat es ihm gleich.
“Was tust du?“, fragte Callidus.
“Könnt ihr uns führen?“, fragte Hektor wieder, ohne auf Callidus zu achten.
Die Wilden schienen zu begreifen, was er von ihnen wollte. Sie sprachen durcheinander, aufgeregt und hektisch, schließlich bedeutete ihr Anführer Hektor und seinen Kameraden, sich ihm anzuschließen. Hektor nickte und verbeugte sich noch einmal, dann setzten die Wilden ihren Weg fort, als seien sie niemals unterbrochen worden, und Hektor und die anderen folgten ihnen.