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10.4 - Ankunft im Außenposten

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10.4 - Ankunft im Außenposten

Stunde um Stunde marschierten sie hinter den Wilden her, die ihre Lasttiere den Weg entlangtrieben und sich dabei unterhielten. Die Wilden schienen ihre Anwesenheit fast vergessen zu haben, hin und wieder wandte einer von ihnen sich nach Hektor und seinen Kameraden um, und beinahe schien er überrascht von ihrem Anblick, aber dann folgte ein Nicken und ein Lächeln und er wandte sich wieder nach vorn und trieb sein Lasttier voran.

“Erst haben sie Angst vor uns, dann ignorieren sie uns”, murmelte Otio. “Das ist unnatürlich.”

“Sie sind wie Tiere”, erwiderte Scelus. “Haben sie sich an dich gewöhnt, denken sie nicht mehr über dich nach.”

“Tiere können beißen.”

“Und die Wilden haben Waffen.”

“Seid ruhig!“, befahl Hektor. “Seid dankbar, dass sie uns führen. Und dass sie in uns keine Gefahr sehen.”

“Hektor hat Recht”, stimmte Sectator zur. “Solange sie uns nicht als Gefahr sehen, haben wir von ihnen nichts zu befürchten.”

Callidus knurrte unzufrieden. “Wenn sie in uns keine Gefahr sehen, fürchten sie uns auch nicht. Was hält sie davon ab, uns anzugreifen?”

“Was hätten sie davon?“, fragte Hektor.

“Ruhm”, brummte Callidus. “Ehre.”

Hektor schüttelte den Kopf.

Als es dunkel wurde, schlugen die Wilden ein Lager auf und kümmerten sich um ihre Tiere. Hektor und seine Kameraden suchten sich ebenfalls einen Platz und ließen sich nieder. Gemeinsam lagerten sie um das Feuer, und die Wilden begannen damit, Geschichten zu erzählen, denen die Soldaten nicht folgen konnten, und immer wieder stand einer der Wilden auf und schien etwas vorzuführen, worüber die anderen lachten; dann trieben sie ihn an, weiterzumachen, bis der nächste an der Reihe war. Immer wieder warfen sie Hektor auffordernde Blicke zu, und dieser begriff schließlich, dass es nun an ihm war, eine Geschichte zu erzählen; also erzählte er ihnen von der Überfahrt über das große Wasser, erzählte ihnen von den Schiffen, die auf den Wellen tanzten und von der unendlichen Weite des Meeres. Er spielte ihnen die Wellen und den Seegang vor, und sie folgten ihm mit ihren Augen, ohne zu verstehen, was er sagte, aber sie waren fasziniert und hingen an seinen Lippen und klatschten und nickten.

Callidus schüttelte darüber den Kopf, aber Otio und Sectator folgten Hektors Geschichte ebenfalls fasziniert, während Scelus sich abwandte.

Am nächsten Tag setzten sie ihren Weg im Morgengrauen fort. Die Wilden führten ihre Lasttiere, ohne Hektor und seine Kameraden zu beachten. Die folgten ihnen in kurzem Abstand.

“Wie machst du ihnen klar, dass wir eine Stadt voller Edelsteine suchen?“, fragte Callidus Hektor schließlich. “Du erzählst Geschichten, aber sie begreifen nicht. Du machst dich vor diesen Tieren lächerlich, um sie zu unterhalten, aber sie werden niemals verstehen, was wir von ihnen wollen.”

Hektor zuckte mit den Schultern. “Vielleicht gibt es jemanden in ihrem Dorf, der unsere Sprache spricht. Jemanden, der schon Kontakt mit Händlern hatte.”

“Und wenn nicht?”

“Dann finden wir einen anderen Weg.”

Gegen Mittag rasteten sie, aßen etwas und ruhten sich aus, dann sprangen die Wilden plötzlich wieder auf und führten ihre Tiere weiter. Niemand hatte etwas gesagt, niemand hatte ein Kommando gegeben. Hektor und seine Kameraden waren von der Plötzlichkeit des Aufbruchs überrascht, folgten aber.

Stunden vergingen. Sie hatten sich schon lange vom Schlangenfluss entfernt und waren tiefer in den Regenwald eingedrungen. Der Weg war mal breiter, mal schmaler geworden, aber immer noch als ausgetretener Pfad zu erkennen. Es war offensichtlich, dass sie einer häufig genutzten Straße folgten.

Dann öffnete der Wald sich vor ihnen und sie traten auf eine Lichtung hinaus, an deren Rändern Holzhütten verstreut standen. Die Lichtung war der zentrale Platz dieser kleinen Siedlung, und Dutzende von Wilden sprachen miteinander und gingen ihren Geschäften nach und erstarrten plötzlich, als sie Hektor und seine Kameraden sahen.

Der Anführer ihrer Karawane trat vor Hektor und deutete eine Verbeugung an und lachte. Er sprach auf Hektor ein und wies auf die Siedlung und auf ein paar Männer, die am Rande des Platzes in einer Gruppe beisammenstanden; die Frauen und Kinder, die sich ängstlich in die Hütten zurückzogen, beachtete er nicht. Dann drehte er sich um und ging auf die Gruppe der Männer zu und gab Hektor ein Zeichen, ihm zu folgen. Seine Begleiter begannen inzwischen damit, die Lasttiere von ihren Weidenkörben zu befreien.

Hektor warf Callidus und den anderen einen Blick zu. Callidus erwiderte den Blick finster, unzufrieden brummend. Sectator trat Hektor zur Seite und nickte. Gemeinsam folgten sie dem Wilden über den Dorfplatz.

Ihr Führer war inzwischen bei der Gruppe angekommen und redete auf sie ein. Die Männer wirkten erschrocken, ihre Blicke wanderten zwischen Hektor und Sectator und dem Anführer ihrer Karawane hin und her, und sie antworteten ihm aufgeregt und heftig, und ihr Karawanenführer erschrak und drehte sich nach den Soldaten um und sank in sich zusammen. Er schien sich hinter den anderen verstecken zu wollen.

“Was haben sie ihm erzählt?“, fragte Sectator murmelnd.

“Nichts Gutes”, erwiderte Hektor leise.

Sectator wollte die Hand auf den Knauf seines Schwertes legen, aber Hektor hielt ihn mit einem strengen Blick zurück.

Einer aus der Gruppe trat vorsichtig einen Schritt auf sie zu und sprach sie an. Hektor straffte sich, der andere wich einen Schritt zurück.

“Wir kommen in friedlicher Absicht”, sagte Hektor laut. Er hob die Hände, mit den Handflächen nach oben, damit sie sahen, dass er nichts in ihnen verbarg. “Wir wollen euch nichts tun. Wir brauchen eure Hilfe.”

Die Wilden sprachen aufgeregt durcheinander, aber keiner von ihnen griff nach einer Waffe; das beruhigte Hektor ein wenig. Diese Menschen wussten nichts mit ihnen anzufangen, waren offensichtlich verunsichert, schienen Hektor und seine Kameraden aber noch nicht als Gefahr zu betrachten.

“Rotax’em”, sagte der Wilde vor ihm schließlich und klopfte sich auf die Brust.

“Was sagt er?“, fragte Sectator überrascht.

“Ich glaube, das ist sein Name”, antwortete Hektor leise. Er schlug sich ebenfalls auf die Brust, seine Rüstung schepperte unter dem Schlag. Dann sagte er mit kräftiger Stimme: “Hektor.”

Der Wilde war bei dem lauten Scheppern der Rüstung erschrocken einen Schritt zurückgewichen, aber nun klopfte er sich erneut auf die Brust. “Rotax’em”, wiederholte er. Dann zeigte er auf Hektor und sagte: “Hektor.”

Hektor nickte. Er klopfe sich wieder auf die Rüstung und sagte: “Hektor.” Dann wies er mit dem Finger auf den Wilden und sagte: “Rotax’em.”

Der Wilde beobachtete ihn aufmerksam, dann nickte er und lachte. Hektor lachte mit ihm.

“Was nun?“, rief Callidus über den Dorfplatz. “Wie kommen wir von hier zur Stadt? Frag deinen neuen Freund!” Seine Stimme war laut und voller Wut, und die Wilden sahen sich erschrocken nach ihm um.

“Und wie?” Hektor blickte Callidus herausfordernd an. “Du könntest helfen.”

Callidus lachte zornig. “Frag nach einer Stadt voller Edelsteine”, rief er höhnisch. “Am Schlangenfluss. Wo die Sonne hoch ist.”

Otio und Scelus lachten. Hektor spürte Zornesröte in sein Gesicht schießen. Sectator legte ihm eine Hand auf den Arm.

“Die Wilden beobachten uns”, sagte er leise. “Wenn wir streiten, macht uns das in ihren Augen schwach.”

“Du hast Recht”, murmelte Hektor und straffte sich wieder. Er wandte sich zu Rotax’em, der ihn immer noch aufmerksam betrachtete. Die Männer, die sie hergeführt hatten und die Bewohner dieses kleinen Dorfes waren inzwischen wieder zu ihrer Arbeit übergegangen, als wären Hektor und seine Kameraden nicht anwesend. Beinahe so, als hätten sie entschieden, zu ignorieren, was sie nicht kannten. Nur Rotax’em, ihr Karawanenführer und drei weitere Männer, die vielleicht so etwas wie die Dorfältesten sein mochten, standen noch bei ihnen.

“Wir suchen eine Stadt”, erklärte Hektor langsam. “Eine Stadt voller funkelnder Steine. Steine wie Sterne. Wie Sterne, die vom Himmel gefallen sind.” Die Wilden hingen an seinen Lippen und nickten, aber in ihren Augen sah er kein Verständnis.

“Was nun?“, fragte Sectator leise.

“Eine Stadt?“, versuchte Hektor es noch einmal. Rotax’em und die anderen blickten ihn noch immer mit leeren Augen an.

Callidus lachte höhnisch. “Das ist sinnlos!”

“Stadt?“, fragte eine vorsichtige Stimme. “Sterne vom Himmel? Wo Sonne hoch?”

Hektor sah sich überrascht um. Ein junger Mann war einen zögerlichen Schritt aus der Gruppe herausgetreten.

“Du sprichst unsere Sprache?“, fragte Hektor erleichtert.

“Xit’xi”, sagte der junge Mann und klopfte sich auf die Brust. Dann wies er auf Hektor und sagte: “Hektor.”

Hektor nickte. “Ja”, sagte er. “Hektor.” Dann wies er auf den jungen Mann und wiederholte dessen Namen: “Xit’xi.” Der nickte und lächelte. “Du sprichst unsere Sprache, Xit’xi”, stellte Hektor fest.

“Händler”, sagte Xit’xi. “Bleiche Männer. Wie ihr. Bei Xi’grep. Gott. König. Haben Xit’xi Sprache gelehrt. Xi’grep hat Xit’xi hierher gesandt. Händler für Gott. Für König.”

“Xi’grep ist dein Gott?“, fragte Hektor.

“Und König. Hat Xit’xi hierher gesandt. Soll Handel treiben. Xit’xi kluger Mann, kann Handel treiben für Gott und König.”

“Kennst du die Stadt voller funkelnder Steine?“, fragte Hektor. Er war benommen von dieser glücklichen Fügung. “Steine wie Sterne? Sterne, die vom Himmel gefallen sind?”

“X’er”, antwortete Xit’xi ernst.

“X’er?“, fragte Hektor. “Ist das die Stadt?”

“X’er!“, rief Rotax’em aus und machte große Augen.

Hektor und Sectator warfen sich einen überraschten Blick zu.

“X’er ... Gott und König”, erklärte Xit’xi. “Von Rotax’em.”

“Dein Gott?“, fragte Hektor und wandte sich an Rotax’em. “X’er ist dein Gott?”

“X’er!“, bekräftigte Rotax’em mit großen Augen.

“X’er hat funkelnde Steine”, bestätigte Xit’xi. “Stadt voller funkelnder Steine.” Dann wandte er sich an Rotax’em und sprach auf ihn ein. Rotax’ems Augen wurden noch größer, dann lächelte er und nickte. Er redete nun seinerseits auf Xit’xi ein, aufgeregt und immer schneller und schneller.

“Rotax’em ist Diener von X’er”, übersetzte Xit’xi den Söldnern, die aufmerksam zuhörten. Auch Callidus und die anderen waren nähergekommen. “X’er schlägt Steine aus dem Berg. Funkelnde Steine. Wie Sterne. Stadt voller funkelnder Steine. X’er lebt in Palast. Treppe voller Sterne. Treppe in den Himmel.”

“Das ist die Stadt”, flüsterte Callidus Hektor fasziniert ins Ohr. “Frag, wie wir dorthin kommen.”

“Wie finden wir die Stadt des X’er?“, fragte Hektor den jungen Mann.

Xit’xi wandte sich an Rotax’em und sprach mit ihm, Rotax’em hörte zu und wiegte den Kopf, bevor er antwortete.

“Rotax’em fragt: warum Fremde X’er besuchen?”

Callidus knurrte, aber Hektor legte ihm eine Hand auf den Arm.

“Wir wollen dem großen Gott und König unseren Respekt erweisen”, erklärte Hektor Xit’xi. “Wir sind von weit her gekommen und wollen zu ihm reisen und uns vor ihm verneigen. Er muss ein großer Gott und König sein, wenn er in einer Stadt voller Sterne lebt.”

“Was redest du?“, fragte Scelus kopfschüttelnd, aber Xit’xi nickte ernst.

Der junge Mann wandte sich an Rotax’em und übersetzte, und auch der hörte mit ernstem Blick zu und nickte dann. Wieder antwortete er etwas, und Hektor und seine Kameraden warteten gespannt auf Xit’xis Übersetzung.

“Rotax’em versteht. Rotax’em spricht: Kein größerer Gott und König. X’er ist größter Gott und König.” Bei diesen Worten spuckte Xit’xi einmal aus. Hektor schmunzelte. Offensichtlich waren Xit’xi und Rotax’em unterschiedlicher Meinung.

“Könnt ihr uns zu X’er führen? Wir wollen ihm unseren Respekt erweisen.”

Xit’xi sprach mit Rotax’em und Rotax’em sprach mit Xit’xi.

“Rotax’em spricht: Rotax’em geht zu X’er, bringt Getreide.” Damit wies er auf die Weidenkörbe, die mit Hektor und seinen Kameraden in dem kleinen Dorf eingetroffen waren. “Rotax’em fragt X’er, ob Fremde begleiten dürfen.”

“X’er ist hier?“, fragte Hektor überrascht.

“X’er überall”, antwortete Xit’xi. “Auch Xi’grep. Gott und König. In jedem Haus.”

“Ich glaube, er wird zu seinem Gott beten und ihn fragen, ob er uns mitnehmen darf”, flüsterte Sectator Hektor zu.

Rotax’em sprach nun auf Hektor ein, klopfte sich auf die Brust und gab ihm ein Zeichen, ihm zu folgen.

“Fremde schlafen bei Rotax’em”, erklärte Xit’xi. “Rotax’em gibt Fremden Essen und Trinken. Spricht mit X’er. X’er entscheidet.”

Hektor warf Callidus und den anderen einen Blick zu. “Ich glaube, wir haben eine Chance”, sagte er. Die anderen wirkten unsicher.

“Willst du in die Hütte dieses Wilden gehen?“, fragte Callidus.

“Sie werden uns in der Nacht die Kehlen durschneiden”, flüsterte Otio.

“Warum sollten sie das tun?”

“Er will zu seinem Gott beten, ob er uns in die Stadt führen darf. Was, wenn sein Gott ihm das verbietet? Wenn er ihm sagt, dass er uns töten und in den Wald werfen soll?”

“Du sorgst dich zuviel, Otio.” Hektor lachte und klopfte seinem Kameraden auf die Schulter. “Kommt, lassen wir unseren Gastgeber nicht warten.”

Damit wandte er sich zu Rotax’em um, der geduldig auf sie wartete, nickte ihm zu und folgte ihm zu seiner Hütte.