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10.5 - Callidus ist misstrauisch

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10.5 - Callidus ist misstrauisch

“Ich traue diesen Wilden nicht”, knurrte Callidus. Es war Abend, sie hatten gegessen und saßen im Hauptraum von Rotax’ems Hütte beisammen. Der Wilde und seine Familie hatten sich in eine kleine Schlafkammer zurückgezogen, um ihnen Platz zu machen.

Hektor schüttelte den Kopf. “Sie haben uns bislang nur Gastfreundschaft gezeigt. Wir haben nichts zu befürchten.”

“Der Wilde hat vor Tonfiguren gekniet und mit ihnen gesprochen. Seine Blicke waren durchtrieben. Das hat nichts Gutes zu bedeuten.”

“Er hat gebetet”, warf Sectator ein.

“Und sein Gott antwortet?” Scelus lachte. Callidus klopfte ihm auf die Schulter. “Er hat vor einer kleinen Tonfigur gekauert und mit ihr gesprochen.”

“Du hältst beim Beten ein Kreuz in der Hand”, sagte Hektor.

Scelus winkte ab. “Das kann man nicht vergleichen.”

“Er betet zu seinem Gott, wir beten zu unserem.”

“Ketzerei”, ermahnte Otio ihn. “Wir beten zu Gott. Diese Wilden kommunizieren mit Teufeln und Dämonen. Callidus hat Recht. Man kann ihnen nicht trauen.”

“Sie sind freundlich.” Hektor blieb bei seiner Meinung. “Sie haben uns Wasser gegeben und Fleisch und Bohnenbrei und Früchte. Ich habe schon lange nicht mehr so gut gegessen.”

Sectator lachte, aber Callidus brachte ihn mit einem zornigen Blick zum Schweigen.

“Treibe deine Scherze, Hektor”, sagte er. “Aber denk an meine Worte: sie warten nur darauf, uns den Hals durchzuschneiden. Wir liegen zwischen Tieren. Jetzt sind sie satt und träge, aber was, wenn sie hungrig sind? Und misstrauisch? Was geschieht dann? Tiere sind unberechenbar.”

“Wie Ceptus?“, fragte Hektor.

Callidus schnaubte zornig, Otio und Scelus warfen Hektor finstere Blicke zu.

Hektor zuckte mit den Schultern. “Der Hauptmann macht mir mehr Angst als diese Wilden.”

“Nur, weil du nicht verstehst, was sie sagen”, gab Callidus höhnisch zurück. “Würdest du sie verstehen, wüsstest du, was sie planen.”

“Du verstehst ihre Worte?“, fragte Sectator herausfordernd. “Du weisst, was sie vorhaben?”

“Ich bin nicht dumm. Ich lasse ihnen keine Zeit.”

“Was willst du tun?“, fragte Hektor.

“Im Augenblick schlafen sie”, erklärte Callidus leise. “Sie sind vollgefressen und träge. Wir sind zu fünft, wir sind bewaffnet. Wir können von Hütte zu Hütte gehen und sie im Schlaf schlachten. Dann sind wir sicher.”

Hektor schüttelte den Kopf. Es waren nur Wilde, aber er verabscheute den Plan seines Freundes.

“Sie haben uns nichts getan.”

“Und wir lassen ihnen keine Gelegenheit.”

“Wie finden wir die Stadt?“, fragte Hektor. “Diese Wilden können uns führen. Ohne sie ... wird es schwierig.”

“Sie haben Wege und Straßen.” Callidus machte eine abfällige Handbewegung. “Wenn es eine Straße gibt, die hierherführt, gibt es auch eine Straße zu ihrer Stadt. Wir müssen nur einen Weg nach Süden finden.”

“Und dann? Wenn wir in die Stadt kommen? Wir wissen nicht, wie groß die Stadt ist. Wir wissen nicht, wie viele Menschen dort leben.”

“Menschen?” Callidus lachte. “Du nennst diese Tiere Menschen? Wilder Abschaum. Nicht mehr.”

“Sie sprechen”, antwortete Hektor gepresst. “Sie beten. Sie haben Familien. Sie mögen Wilde sein, aber sie sind mehr als nur Tiere.”

“Hört, hört”, rief Scelus halblaut aus.

Otio schüttelte den Kopf.

“Hast du etwa Gefallen an ihnen gefunden, Hektor?” Callidus betrachtete ihn spöttisch.

Hektor ging nicht darauf ein. “Was willst du tun, wenn wir in ihre Stadt kommen? Falls wir sie finden sollten ... Was willst du tun? Nachts hineinschleichen und einem nach dem anderen den Hals durchschneiden? Wie viele mögen es sein? Hunderte? Tausende?”

“Tausende?” Callidus lachte. Scelus und Otio stimmten mit ein. Sectator schüttelte ungläubig den Kopf. “Ich glaube, du überschätzt diese Tiere. Die Stadt kann kaum größer sein als dieses Dorf. Diese Wilden leben in Rudeln, nicht in Stämmen oder Gemeinschaften. Du machst sie menschlicher als sie sind. Du lässt dich von diesen Teufeln blenden.”

“Und wenn es doch mehr sind?“, fragte Hektor. “Wenn ihre Zahl so groß ist, dass wir sie nicht überwältigen können?”

“Kein Tier kann in solch großer Zahl zusammenleben”, knurrte Callidus.

“Glaubst du nicht, dass es besser ist, als Freund in die Stadt geführt zu werden? Von Einheimischen?“, fragte Hektor. “Deshalb haben wir die Händler am Leben gelassen, und schau, was es uns gebracht hat: wir haben Essen bekommen, wir haben ein Lager für die Nacht. Sie haben mit uns gesprochen und wollen uns den Weg zeigen.”

“Das ist noch nicht entschieden”, erinnerte Sectator ihn.

“Hätten wir die Händler getötet, wären wir hier nicht auf Gastfreundschaft getroffen”, fuhr Hektor fort, ohne den Einwand zu beachten.

Callidus starrte ihn finster an. “Wenn nur einer von ihnen die Hand gegen uns erhebt ...”

“Dann werde ich an deiner Seite stehen”, sagte Hektor. “Wir werden sie erschlagen, wie man einen Hund erschlägt, der nach seinem Herrn schnappt. Aber bis dahin ... Sie sind uns nützlich, Callidus. Wir brauchen sie.”

“Pah.” Callidus spuckte aus, aber er fügte sich.

Hektor hielt ihm die Hand entgegen. Callidus zögerte einen Augenblick, bevor er einschlug.