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Kapitel 11 - 11.1 - Rotax'em hört die bleichen Teufel

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Kapitel 11 - 11.1 - Rotax'em hört die bleichen Teufel

Rotax’em fühlte sich benommen, als er vor der Nische niederkniete, in der X’er und Xit’na’ref und Xi’la zur Ruhe gebettet waren. Re’lum und All’epu waren ängstlich vor den bleichen Teufeln zurückgewichen, als er sie in ihre Hütte geführt hatte, und Re’xup hatte nach einer Waffe greifen wollen. Re’xup war mutig und würde ihm einst Ehre machen, aber heute hatte er ihn zurückgehalten. Die bleichen Teufel waren ihre Gäste, und das Gastrecht war heilig.

Die Fremden hatten sich schwerfällig in seiner Hütte bewegt. Ihre undurchdringliche, schimmernde Haut machte sie steif und behäbig; aber Rotax’em zweifelte nicht an ihrer Kraft und Macht. Sie trugen Waffen, wie er sie noch nie gesehen hatte, und Xi’la hatte ihn zur Vorsicht gemahnt. Er durfte ihren Zorn nicht auf sich ziehen; sie waren mächtige Wesen und konnten ihn und seine Familie mit einem Handstreich auslöschen.

Während des Essens hatten die bleichen Teufel leise miteinander gesprochen und Rotax’em und seine Familie eingehend gemustert. Rotax’em hatte sich unter ihren Blicken sehr klein gefühlt, und er hatte die Stimmen seines Dämons und seiner Ahnen herbeigesehnt, aber die waren stumm geblieben. Vielleicht fürchteten sie sich ebenfalls vor den Fremden.

Xit’xi hatte bei ihnen gesessen und übersetzt. Rotax’em hatte nun größeren Respekt vor dem jungen Mann und vor Xi’grep, dessen Gott und König.

Schließlich hatten sie den Fremden den großen Raum der Hütte überlassen, während Rotax’em und seine Familie sich in die Schlafkammer drängten, um unter sich zu sein und mit den Göttern zu sprechen. Re’lum, Re’xup und All’epu hatten sich zum Schlafen auf dem Strohlager aneinandergedrängt und mit Fellen bedeckt; Rotax’em war allein wach geblieben, um mit den Göttern und Ahnen zu sprechen.

Nun kniete er vor X’er, das Gesicht auf dem Boden, die Hände zu seinem Gott und König ausgestreckt. “Die Fremden wünschen, dass ich ihnen den Weg zu dir zeige”, erklärte er vorsichtig. “Die bleichen Teufel sagen: Führt uns zu X’er und seiner Stadt aus funkelnden Steinen, die sind wie Sterne, vom Himmel gefallen, damit wir dem großen Gott und König unseren Respekt erweisen.”

Rotax’em wartete, auf dem Boden kauernd, das Gesicht in den Staub gepresst, aber er erhielt keine Antwort. Also bat er Xi’la um Rat, aber auch sein Dämon blieb ihm eine Antwort schuldig.

Kälte kroch in seine Arme und Beine, sein Herz schlug schneller, flatterte unstet wie ein Schmetterling, sein Magen krampfte sich zusammen. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

Noch einmal flehte er zu X’er. Oder sollte er sich gar an X’ude wenden? War es recht, den Gott mit seinen Sorgen zu belästigen? Da meldete eine andere Stimme sich zu Wort: “Rotax’em, treuer Diener des X’er, ich gebe dir Weisung, wie du mit den Fremden verfahren sollst.”

Rotax’em erschrak. Es war eine fremde Stimme, die er bisher nur in einer fremden Sprache hatte sprechen hören: keine menschliche Sprache, sondern die Sprache der bleichen Teufel. Es war die Stimme Hektors. Hektor, der sich mit der Faust auf die schimmernde Brust geschlagen hatte, dass sie geklungen hatte wie der Gong, den Rotax’em einst in X’ers Palast gesehen hatte. Ängstlich sah er sich um, aber es befand sich niemand in der Kammer, außer seiner Familie, die auf dem Stroh lag und in tiefen, erschöpften Schlaf gefallen war. Er hörte den Atem der Fremden aus dem Nebenraum; tiefer, gleichmäßiger Atem. Hektor stand nicht bei ihm, und trotzdem hörte er seine Stimme. Vorsichtig kroch er zur Tür, um einen Blick auf die bleichen Teufel zu werfen, aber die lagen ruhig, und er sah Hektor zwischen den anderen, mit geschlossenen Augen, und seine Brust hob und senkte sich langsam, wie bei einem Menschen in tiefem Schlaf. Rotax’em schauderte ein weiteres mal und zog sich wimmernd wieder von der Tür zurück. Er drängte sich an X’er und Xi’la und Xit’na’ref, die in ihrer Nische lagen und schwiegen.

“Wir sind mächtige Götter, und wir sind von weither gekommen, X’er unseren Respekt zu erweisen”, fuhr die Stimme des Teufels Hektor fort, und Rotax’em versuchte sich noch kleiner zu machen. Wie mächtig mussten diese Götter sein, dass sie mit ihm sprachen, ohne dass er sie sah? Dass sie mit ihm sprachen, währen ihre Leiber ruhten? Nur X’ude war so mächtig. Selbst X’er sprach nur zu ihm, wenn er ihn vor sich hatte, oder wenn er eine Rolle mit Zeichen in der Hand hielt, die X’er gemalt hatte. Nur Götter und Teufel sprachen im Traum.

“Wir sind als Freunde gekommen, um unseren Bruder zu besuchen”, fuhr der Teufel Hektor fort. “Und wir haben dich erwählt, uns zu ihm zu führen, Rotax’em.”

Rotax’em blieb still.

“X’er wird dich ehren und dich als seinen Freund und guten Diener betrachten, ebenso wie wir das tun. Wir werden gütig auf deine Familie herabblicken, und du wirst uns lieb und teuer sein, wenn du uns zu unserem Bruder bringst.”

Rotax’em duckte sich, als er die nächsten Worte sprach: “Wieso sprichst du nun die Sprache der Menschen? Warum sprichst du sie nicht, wenn wir uns gegenüberstehen?” Vorsichtig hob er den Blick ein klein wenig, und er sah einen Schimmer aus dem Nebenraum dringen. Dort lag Hektor in seiner silbernen Haut.

“Ich habe dich erwählt, mit mir zu sprechen, Rotax’em. Nur du und ich werden miteinander sprechen, wie Brüder es tun. Sind andere dabei, werde ich weiterhin die Sprache der Götter sprechen, die du nicht verstehst.”

Rotax’em verstand das nicht, aber er wagte es nicht, zu widersprechen. Die Entscheidungen der Götter waren zu akzeptieren. Etwas anderes brannte jedoch auf seiner Seele.

“Wie soll ich euch führen, wenn ich euch nicht verstehe?“, fragte er ängstlich.

“Xit’xi soll uns begleiten. Unsere Brüder haben ihn bereits besucht und ihn unsere Sprache gelehrt. Es wird dir zur Ehre gereichen, wenn Xit’xi uns begleitet und wir durch ihn zu dir sprechen. Und Xit’xi wird mit X’er den Handel mit Xi’grep besprechen. Xi’grep wird mit X’er Handel treiben wollen, wenn er von X’ers Sieg über den schwachen Xi’tim gehört hat.”

“Woher weisst du ...“, entfuhr es Rotax’em, aber er biss sich auf die Zunge.

“Wir sind Götter”, antwortete der Teufel Hektor. “Wir wissen. Darum wollen wir unsere Brüder X’er und X’ude in ihrer Stadt voller funkelnder Steine besuchen. Deine Aufgabe ist es, uns zu führen.”

“Ja, Hektor, Gott und fremder König”, murmelte Rotax’em. Er verneigte sich in Richtung des Nebenraumes.

Und dann war es vorbei. Hektor hatte ihn zurückgelassen und der Schimmer im Nebenraum verschwand, und Rotax’em wusste, dass ihre Unterhaltung beendet war. X’er und Xit’na’ref und Xi’la schwiegen noch immer, aber Rotax’em legte sich erleichtert zu seiner Familie auf das Lager und zog das Fell über sich, um sich in der Nacht zu wärmen. Der fremde Gott hatte zu ihm gesprochen, und es war gut.

Am nächsten Morgen versammelte Rotax’em seine Familie um sich, bevor sie sich vom Lager erhoben und die Kammer verließen.

“In der Nacht habe ich X’er und Xit’na’ref und Xi’la um Weisung gebeten, aber sie haben geschwiegen und mir nicht geantwortet”, berichtete er, und Re’lum, Re’xup und All’epu hingen an seinen Lippen. “Sie haben geschwiegen und mich allein gelassen und eine dunkle Wolke hat sich über meine Stirn gelegt und ein kalter Fels lag in meiner Brust. Aber dann hat der Gott Hektor zu mir gesprochen.”

Re’xup fuhr zurück, Re’lum und All’epu atmeten erschrocken aus.

“Der Gott Hektor?”

“Die bleichen Teufel sind Götter. Sie sind hier, X’er Respekt und Ehre zu erweisen und sie haben mir befohlen, sie zu führen.”

“Aber X’er ist unser Gott und König und X’ude ist sein Bruder und er muss den Befehl erteilen”, rief Re’xup fassungslos, “nicht die bleichen Teufel, die in unser Dorf gekommen sind.”

Rotax’em schüttelte geduldig den Kopf. “Wir können uns den Göttern nicht widersetzen.”

“Sie sind bleiche Teufel”, hielt Re’xup dagegen. Re’lum und All’epu jammerten leise. “Wie kannst du sie Götter nennen, wenn sie durch den Wald ziehen und Menschen töten und ihre Köpfe auf Spieße stecken, Vater?”

Rotax’em zögerte. “Das sind Geschichten.”

“Ich bitte dich, Vater, tu es nicht”, jammerte All’epu und starrte ihn aus ängstlichen Augen an. “Die Blicke der Fremden sind finster und über ihrer Stirn liegen dunkle Wolken. Ein kalter Stein liegt in meiner Brust, wenn ihr Blick auf mich fällt; ich fürche mich vor ihnen.”

Rotax’em legte ihr eine Hand auf den Kopf, aber All’epu war noch nicht fertig. “Wenn du sie führst, werden sie deinen Kopf abschlagen, wie sie das mit den Menschen tun, und sie werden ihn auf einen Spieß stecken.”

Rotax’em schüttelte den Kopf. “Sie sind Götter, und wir müssen ihrem Befehl gehorchen. Der Gott Hektor hat in der Nacht zu mir gesprochen und es mir erklärt. Er duldet keinen Widerspruch.”

Re’xup, Re’lum und All’epu warfen sich vor ihm auf den Boden und fassten seine Füße und flehten ihn an, noch einmal mit X’er und mit Xit’na’ref und mit Xi’la Rücksprache zu halten und von seinem Vorhaben abzusehen. Aber Rotax’em blieb standhaft.

“Ich werde sie führen.” sagte er mit fester Stimme. “Das ist ihr Befehl, und ich bin nur ein Mensch und darf mich den Befehlen der Götter nicht widersetzen.”