11.2 - Xit'xi
11.2 - Xit'xi
Xit’xi saß mit verschränkten Beinen vor der Nische, in der Xi’grep, Xep’lu und Ix lagen. Er bat sie, ihm zu erklären, was die bleichen Fremden in ihrem Dorf wollten, und ob ihre Absichten wirklich so ehrenhaft waren, wie sie behaupteten. Mit geschlossenen Augen wartete er auf ihre Antwort, aber statt einer Erklärung erinnerte Ix ihn an die Vergangenheit.
“Erinnere dich des bleichen Fremden, der in dein Dorf gekommen ist, um Handel zu treiben”, sagte er. “Erinnere dich deiner eigenen Neugierde.”
Damals hatten Xep’lu und Ix ihn zur Vorsicht gemahnt, aber Xit’xi hatte der Stimme des Fremden nachgeben müssen. Sie war so viel kräftiger und näher gewesen als die Stimme seines Gottes und seines Dämons. Der Fremde hatte sich seiner angenommen und viel mit ihm gesprochen, hatte ihm die Dinge gezeigt und sie benannt. Xit’xi hatte die Namen der Dinge gelernt, und nach und nach hatte er den Fremden immer besser verstanden.
Xi’greps Dämon hatte den König auf ihn aufmerksam gemacht, und Xi’grep hatte ihn in seine Dienste genommen; und Xit’xi hatte beim König gesessen und für ihn die Worte des Fremden übersetzt. Xi’grep war zufrieden gewesen, und auch Xi’su, Bruder und Gott des Xi’grep, hatte genickt, und Xit’xi hatte sich große Ehre gemacht, und sein Ansehen war angewachsen. Xi’grep hatte ihm befohlen, auch andere die Sprache des Fremden zu lehren, und er hatte sogar Xi’grep selbst unterrichten dürfen.
Als Xi’greps Vertreter am Rande seines Reiches gestorben war, hatte er Xit’xi hierher entsandt, das Reich zu vertreten. Eine weitere große Ehre für Xit’xi.
Er war als junger Mann in dieses Dorf gekommen, ohne Familie, ohne Weib oder Kinder, und die Vertreter der anderen Reiche hatten auf ihn herabgeblickt. Ein Mann galt nur dann als vollkommen, wenn er Weib und Kind vorweisen konnte - ein junger Mann musste sich zunächst noch beweisen. Xit’xi hatte Zuflucht im Beisammensein mit Sklavinnen gesucht und gefunden, denn die einzige Frau des Dorfes im heiratsfähigen Alter war All’epu, aber die war bereits dem Sohn des Ti’xim versprochen, und die Ehre verbot es Xit’xi, sich einzumischen. Er betete zu Xi’grep, ihm ein Weib zu schicken, damit er eine Familie gründen und den Namen seines Königs und Gottes in die Welt tragen konnte.
Ein Räuspern riss ihn aus den Erinnerungen, die Ix und Xep’lu ihm einflüsterten, und als er aufsah, stand Rotax’em im Eingang seiner Hütte. Rotax’em verneigte sich und bat, eintreten zu dürfen.
Xit’xi war überrascht. Er bat Rotax’em herein und wies ihm eine Decke neben der Feuerstelle, auf die sein Gast sich setzen konnte, und Rotax’em folgte der Einladung und ließ sich mit einem Seufzen zu Boden sinken. Der dicke Mann schlug die Beine übereinander und atmete tief. Xit’xi spürte die Neugierde in seiner Brust brennen. Xep’lu und Ix schwiegen und warteten.
“Xit’xi ...“, begann Rotax’em vorsichtig. “Die fremden Götter haben die Nacht in meiner Hütte verbracht, und ich habe mit Hektor gesprochen, der mir erklärt hat, was sein Ansinnen ist.”
“Du hast mit Hektor gesprochen?“, fragte Xit’xi überrascht. “Du sprichst die Sprache der Fremden?”
“Nein.” Rotax’em schüttelte den Kopf, und seine Augen blickten traurig. “Ich spreche nicht die Sprache der Götter, aber der Gott Hektor hat nachts in der Sprache der Menschen zu mir gesprochen. Götter können in vielen Sprachen sprechen, nicht nur in ihrer eigenen. Er hat mir sein Ansinnen erklärt.”
Xit’xi wartete verständnislos. Xep’lu und Ix schwiegen weiterhin.
“Aber der Gott Hektor ist nicht bereit, zu mir in der Sprache der Menschen zu sprechen, wenn andere ihn hören. Es ziemt sich nicht, dass andere verstehen, was die Götter sagen. Sind andere anwesend, wird er nur in der Sprache der Götter sprechen, und ich verstehe nicht, was er sagt.”
“Er will, dass du ihn begleitest”, flüsterte Ix Xit’xi zu.
Xit’xi schüttelte den Kopf.
“Sprich mit Hektor, wenn ihr allein seid”, schlug er vor.
Rotax’em schüttelte den Kopf. “Hektor hat im Traum zu mir gesprochen. Du kennst die Götter. Niemand kann sie zwingen, zu uns zu sprechen, sie tun es nur, wenn ihnen danach ist. Wir können sie anflehen und zu ihnen beten, aber ob sie uns antworten, entscheiden sie selbst. Und sie schweigen häufiger, als dass sie sprechen.”
Xit’xi nickte traurig. “Du sprichst wahr, Rotax’em”, sagte er. Er hatte noch nie eine Antwort von Xi’su erhalten, gleichgültig, wie oft er zu ihm gesprochen hatte.
“Begleite uns”, bat Rotax’em vorsichtig, und Xit’xi sah das Flehen in den Augen des anderen. Er spürte einen harten Klumpen in seinem Magen, und Ix lachte leise an seiner Seite.
“Du musst das Dorf verlassen und deine Aufgabe vernachlässigen, mit der Xi’grep dich beauftragt hat, wenn du Rotax’em und seinen Sklaven in die Stadt des X’er folgst”, flüsterte sein Dämon.
Xit’xi zögerte.
“Xit’na’ref und Xi’la haben mich daran erinnert, dass du im Dienst des Xi’grep stehst”, sprach Rotax’em langsam. “Sie sagen, dass ich dir etwas bieten muss, wenn ich will, dass du mit mir gehst.”
“Wieder sprichst du wahr”, antwortete Xit’xi, und eine Last fiel von seinen Schultern. “Auch Ix hat mich daran erinnert, dass ich nicht von hier fortgehen darf, ohne den Ruhm meines Königs zu mehren.”
“Ich will Worte zu X’er sprechen, um ein Handelsabkommen mit Xi’grep zu befördern”, sagte Rotax’em. “Und du sollst die Einzelheiten mit X’er und X’ude aushandeln, im Namen deines Königs, und so wie es X’er und X’ude beliebt.”
“Ich habe bereits einen Boten zu Xi’grep geschickt”, sagte Xit’xi langsam. “Doch der hat noch nicht geantwortet. Wie kann ich ohne Weisung in seinem Namen handeln?”
Rotax’em schwieg mit furchtsam schimmernden Augen.
Ix und Xep’lu sprachen leise miteinander und Xit’xi beobachtete sie, und schließlich nickten sie und beugten sich zu ihm und flüsterten ihm ein. Xit’xi lauschte, dann nickte er.
“Ich will mit dir gehen, Rotax’em, und ich will übersetzen. Und ich bin dir dankbar, wenn du bei X’er gute Worte über mich verlierst, damit ich vor ihn treten und ihm meine Dienste anbieten kann, um Handel mit Xi’grep zu verabreden. Es ist gut, wenn Freundschaften bestehen, bevor man Handel treibt.”
Rotax’em lachte auf und erhob sich, als sei eine große Last von ihm abgefallen. Auch Xit’xi erhob sich von seinem Platz vor der Nische, und die beiden Männer gaben sich die Hand und umarmten einander, und Rotax’em verabschiedete sich von ihm und verließ seine Hütte. Xit’xi blickte ihm nach und war zufrieden. Ix hatte ihm versprochen, dass er Xi’grep große Ehre machen würde.