Kapitel 12 - 12.1 - Kriegserklärung
Kapitel 12 - 12.1 - Kriegserklärung
X’er schritt an dem hölzernen Gitter entlang und betrachtete die Sklaven, die er von Xi’tim und Bu’bul erbeutet hatte. Sie kauerten auf dem Boden, zusammengepfercht wie Vieh, jammernd und grunzend, stinkend und schwitzend, und versuchten, sich vor ihm im Staub zu verstecken. Eine wohlige Wärme breitete sich bei diesem Anblick in seinem Bauch aus, und auch X’ude nickte zufrieden. Xod’rex’ax folgte ihnen schweigend.
“Wir haben gut daran getan, dem Xia’gel das Haupt vom Leib zu schlagen und es Xi’tim und Bu’bul zu schicken”, sagte X’er schließlich.
“Ja, mein König. Ihr habt gut daran getan.”
“Xi’tim hat keine neuen Boten geschickt, er winselt vor unserer Stärke und versteckt sich zwischen den Schweinen des Waldes, denen er gleicht.”
“Ja, mein König.”
“Xi’tim wird es nicht wagen, sich aus dem Staub zu erheben und seine Männer und Frauen und Kinder erneut von uns zu fordern”, sprach X’ude nun mit dröhnender Stimme, und die Sklaven kauerten sich noch tiefer in den Staub. Ihr Jammern wurde lauter. “Er hat sich unserer Stärke ergeben, so wie ich es vorhergesagt habe.”
“Ja, X’ude.” X’er nickte zufrieden. Dann wandte er sich an Xod’rex’ax. “Wann können wir diese Sklaven dem X’ude opfern? X’ude wird ungeduldig; es dürstet ihn nach dem Blut unserer Feinde. Er soll sich an dem Duft des Blutes und Fettes ergötzen, damit er uns weiter wohlgesonnen bleibt.”
“Am Tag des vollen Mondes, mein König”, erwiderte Xod’rex’ax.
“Aber der Tag des vollen Mondes ist gerade erst vorüber”, rief X’er.
Xod’rex’ax nickte. “Beinahe einen vollen Mond noch müssen wir warten, bis das große Fest stattfinden kann und die Sklaven geopfert werden können. Bis dahin müssen wir uns gedulden, denn erst wenn der volle Mond auf das vollendete Werk des Opfers scheint, kann X’ude sich wahrhaftig an dem Blut und Fett der Sklaven ergötzen.”
X’er warf X’ude einen Blick zu, und der nickte.
“Du hast wahr gesprochen, Xod’rex’ax”, erwiderte X’er gepresst. “So soll es sein.”
“Lass dir von den Minen berichten”, forderte X’ude ihn auf. “Und von den Feldern.”
X’er nickte und gab Anweisung, den Vorsteher der Mine und den Vorsteher der Feldarbeiter in den Thronsaal zu rufen, damit sie ihm Bericht erstatteten.
Gemeinsam kehrten X’er, X’ude und Xod’rex’ax zum Palast zurück und erklommen die mit edlen Steinen geschmückten Stufen, erhoben sich aus den Niederungen der Sterblichen wieder hinauf in das Reich des Königs und Gottes. X’er schritt an den Ahnen vorüber, die ihm freundliche Worte zuflüsterten, und trat in den Thronsaal, wo er sich auf dem steinernen Thron niederließ.
Der Minenvorsteher wurde zuerst vor ihn geführt. Der Mann warf sich in den Staub, bis der Hohepriester ihm erlaubte, sich zu erheben und Bericht zu erstatten, und der Mann sprach davon, dass die Sklaven nun im Berg schufteten und die edlen Steine aus dem Fels schlugen, und dass alles wieder so war, wie es sein sollte.
“Dann kannst du mir bringen, was mir zusteht?“, fragte X’er.
“Ja, mein König, ganz wie es dir zusteht”, stammelte der Minenvorsteher.
X’er war zufrieden und entließ den Mann.
Dann wurde der Vorsteher der Feldarbeiter vor ihn gebracht, und auch der war zufrieden und erklärte, dass die Sklaven die Gräben aushoben, damit die Felder bewässert werden konnten, auch wenn X’ude ihnen den Regen versagte. Sie erledigten ihre Aufgabe und mehrten seinen Ruhm, ganz so, wie der Gott es forderte.
X’er nickte und entließ den Vorsteher der Feldarbeiter.
“X’ude ist dir wohlgesonnen, mein König”, sagte Xod’rex’ax.
“Ja. X’ude ist zufrieden. Wir haben Stärke bewiesen und seinem Namen Ehre gemacht.” X’er nickte zufrieden und warf X’ude einen Blick zu, und der Gott lächelte.
Einige Tage später jedoch trat ein Diener in die Kammer des X’er und meldete einen Boten, den Xi’tim zu ihnen gesandt hatte.
“Ein Bote des Xi’tim?”
Der Diener stand mit geneigtem Haupt vor ihm und nickte ängstlich. “Ja, mein König. Der Hohepriester hat ihn vor den Thronsaal führen lassen, damit er euch seine Nachricht überbringe.”
X’er nickte und schickte den Diener davon. Dann wandte er sich an X’ude. “Was mag Xi’tim von uns wollen? Will er sich uns unterwerfen?”
X’ude schwieg, seine Stirn war umwölkt und finster; X’er spürte einen schweren Stein in seinem Bauch. Gemeinsam verließen sie die Kammer und gingen zum Thronsaal, gingen um das Podest herum und nahmen Platz.
Xod’rex’ax erwartete sie bereits.
“Lasst den Boten eintreten”, befahl der Hohepriester den Wachen.
Ein junger Mann wurde in den Saal geführt, der sich ihnen mit unsicheren Schritten näherte. Seine Blicke hetzten zwischen den Dämonen hin und her, die ihn aus den Wänden beobachteten, und als die Wachen ihn festhielten, so dass er nicht weitergehen konnte, richtete er den Blick nach vorn und erstarrte beim Anblick X’ers und X’udes und warf sich vor ihnen in den Staub.
X’er betrachtete das wohlwollend. Xi’tims Boten wussten, wie sie sich einem König und Gott gegenüber zu verhalten hatten.
“Wer ist das?“, fragte er Xod’rex’ax, der die Frage an den Boten weiterreichte, der sich nun in eine kniende Haltung erhob, den Blick weiterhin in den Staub gerichtet.
“Ein Bote des Xi’tim bin ich”, begann der junge Mann mit zitternder Stimme, “und ich bringe die Worte meines Königs und Gottes.”
“Sprich, Bote des Xi’tim”, erlaubte X’er. “Sprich die Worte deines Königs.”
Der Bote schluckte. “Dies spricht der König: X’er, König und Gott deines Volkes, du hast meine Männer und Frauen und Kinder geraubt und meinen Unterhändler getötet. Du hast Xia’gel den Kopf abgeschlagen wie einem Tier und hast mir sein Haupt geschickt, um mich zu verhöhnen. Darum erkläre ich, Xi’tim, König und Gott meines Volkes, Bruder des Bu’bul, des mächtigsten der Götter, dir den Krieg. Ich werde meine Kämpfer aussenden, damit sie dich und dein Volk erschlagen und mir Sklaven bringen, die ich auf meinen Feldern schuften lassen werde wie Vieh, bis sie deinen Namen verhöhnen und schließlich vergessen.”
Der Bote verstummte und warf sich wieder in den Staub.
X’er starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, vor seinem Mund sammelte sich zorniger Schaum, seine Arme und Beine zitterten, und sein Magen zog sich zu einer kleinen, heißen Kugel zusammen. Xod’rex’ax und X’ude waren erstarrt. Xi’tims Worte dröhnten in ihren Ohren.
Dann sprang X’er auf und entriss einem seiner Wächter eine steinerne Axt, sprang die Stufen des Podestes hinab und stand mit zwei Schritten vor dem Boten, den er am Schopf packte und mit einem Ruck vom Boden zerrte. Mit der rechten hob er die steinerne Axt, um sie auf den Hals des jungen Mannes krachen zu lassen, aber X’ude hielt ihn zurück.
“Lass den Boten!“, donnerte X’ude. “Lass ihn los!”
X’er erbebte, hielt den wimmernden Mann noch einen Augenblick am Schopf gepackt, dann ließ er von ihm ab und warf die steinerne Axt bei Seite. Der Bote sank zitternd zu Boden.
“Diesen Boten zu töten, bringt dir keine Ehre”, sagte X’ude mit leiser Stimme. “Ihn zu erschlagen, heißt, ein Schwein erschlagen. Sende ihn zurück zu Xi’tim und verhöhne ihn.”
“Xi’tim verhöhnen?“, fragte X’er. Sein Blick war von einem roten Schleier vernebelt. “Ich soll den Boten zurückschicken, um Xi’tim zu verhöhnen?”
“Ja, mein König”, stimmte Xod’rex’ax zu. Der Hohepriester schien erleichtert.
Zornig stampfte X’er mit dem Fuss auf den Boden, packte den Boten erneut am Schopf und zog ihn hoch. Er hielt ihn direkt vor sein Gesicht. Die angstverzerrten Züge widerten ihn an.
“Hast du gehört?“, knurrte er. “Hast du gehört, was X’ude mir geraten hat? Sag deinem niederen König Xi’tim und seinem von einer wilden Sau gezeugten Bruder, eurem Gott Bu’bul, dass wir über seine Kriegserklärung lachen. Wenn ihr es wagt, eure Kämpfer gegen uns zu senden, werden wir sie erschlagen. Nicht einer von ihnen wird in seine Heimat zurückzukehren; nicht einer von ihnen wird am Leben bleiben, um auf unseren Feldern oder in unserer Mine zu schuften. Wir werden sie erschlagen und die Felder mit ihrem Blut tränken und unsere Ernte rot färben. Xi’tims Krieger sind machtlos im Kampf gegen uns. Hast du das verstanden?”
Der Bote nickte verängstigt, Tränen standen in seinen Augen, seine Arme und Beine zitterten.
X’er stieß ihn von sich. Der junge Mann stürzte zu Boden, rappelte sich auf und warf sich sofort wieder vor ihm in den Staub.
“Schafft ihn weg und lasst ihn zu seinem schwachen König zurückkehren!“, befahl X’er seinen Wachen. Zwei von ihnen packten den Boten unter den Armen und zogen ihn aus dem Thronsaal.
Schnaubend kehrte X’er zu seinem Thron zurück und ließ sich auf ihn niedersinken. Mit finsterem Blick starrte er auf den Boden zu seinen Füßen.
“Warum schickt er einen Boten?“, fragte er X’ude schließlich. “Warum hat er nicht einfach Krieger ausgesandt, wie es Brauch ist?”
X’ude schwieg.
“Xi’tim ist verblendet”, erklärte der Hohepriester. “Xi’tim und sein Bruder Bu’bul überschätzen ihre Kraft. Sie denken, sie seien euch ebenbürtig. Vielleicht gar mächtiger.”
“Mächtiger?” X’er lachte; X’ude schnaubte abfällig.
“Die Kriegserklärung soll dich demütigen”, erklärte Xod’rex’ax. “Xi’tim sagt, dass X’er und X’ude sich nicht gegen ihn zur Wehr setzen können, selbst wenn er sie warnt. Er lacht über euch, mein König und Gott.”
“Das sagt er uns?“, fragte X’er. X’ude starrte ihn mit dunkel umwölkter Stirn an, antwortete aber nicht. Ein solches Verhalten kannten sie nicht, und X’ude wusste keine Antwort.
“Das sagt er”, bestätigte Xod’rex’ax. “Er lacht über euch.”
X’er knurrte. “Dann werden wir ihm das Lachen aus der Kehle schneiden.”