12.3 - X'exis wird zu X'er gerufen
12.3 - X'exis wird zu X'er gerufen
Erst als der Bote ihn an der Schulter packte und rüttelte, bemerkte X’exis, dass jemand in seine Hütte gekommen war. Er starrte in das fremde Gesicht, starrte in die weitaufgerissenen Augen, in den offenen Mund, in den Ausdruck der Furcht, und es berührte ihn nicht. Er kannte das Gesicht nicht, wusste nicht, wer dort vor ihm stand. War es ein Nachbar? Ein Krieger des Königs? Ein Dämon, der sich vor ihn stellte, um ihn zu verhöhnen? Tak’six und Rot’ud hatten nicht mehr mit ihm gesprochen. X’exis hatte gejammert und gefleht, aber sie hatten sich von ihm abgewandt. Tak’six war im Nebel verschwunden und Rot’ud hatte nur ein lebloses, tönernes Abbild hinterlassen.
“X’er verlangt nach dir, X’exis.”
X’exis schüttelte langsam den Kopf. Es konnte kein Dämon sein: er hörte die Stimme, wenn er auch die Worte nicht greifen konnte.
“Was ...” Sein Mund war trocken, seine Lippen rissig. Hatte er in den letzten Tagen getrunken? Er wusste nicht, wie oft die Sonne untergegangen war und sich wieder über den Horizont gehoben hatte, seit seinem Gespräch mit Ma’sina - seit er wusste, dass die Prinzessin Ret’ams Tod beauftragt hatte.
“X’er, dein König und Gott, verlangt nach dir, X’exis”, wiederholte der Fremde. “Du bist X’exis, aus dem Dorf der Fischer und Jäger. Ich soll dich holen.”
“X’er?” Langsam drangen die Worte zu ihm durch, wie durch den Nebel, der morgens über dem See lag. Er spürte ein wenig Kraft in seinen Körper strömen.
Der Bote packte ihn am Arm und zog ihn vom Boden hoch.
“Was ist mit dir?“, rief der Fremde mit lauter Stimme und weit aufgerissenen Augen. “Du stinkst wie ein Tier, und deine Stimme knistert wie eine vertrocknete Ähre. X’er verlangt nach dir!”
Endlich verstand X’exis, und er spürte die Furcht, die seinen Körper durchströmte. Seine Arme und Beine bebten.
Das Gesicht des Boten entspannte sich. “Folge mir!” Dann betrachtete er ihn noch einmal, besann sich eines Besseren und schickte ihn zum See, damit er sich wusch.
X’exis folgte den Anweisungen wie in einem Traum, hörte nur noch die Stimme des Boten, die die Leere in ihm ausfüllte, und er befolgte den Befehl begierig. Er lief hinunter zum See, sprang ins Wasser und wälzte sich hin und her, schrubbte mit den Händen über seinen Körper und den Schurz, mit dem er bekleidet war, rieb sich den Schmutz aus den Haaren. Er sah seine Nachbarn, die am Ufer des Sees standen und ihn beobachteten, die miteinander tuschelten und mit den Fingern auf ihn wiesen, aber X’exis beachtete sie nicht. Er wollte nur den Anweisungen des Boten folgen - den ersten Worten, die seit Tagen an ihn gerichtet worden waren. Die ersten Worte, die ihm sagten, was er zu tun hatte.
“Nun komm!”
X’exis kämpfte sich aus dem Wasser und folgte dem Boten, der bereits den Weg zum Palast eingeschlagen hatte.
Die Rufe seiner Nachbarn hörte X’exis kaum, hörte nur das Schnaufen des Boten und seinen eigenen schweren Atem, als sie über die Felder liefen. Die waren nicht mehr so trocken und rissig, wie vor dem Kriegszug gegen Xi’tim, sondern dunkel und fruchtbar, von Gräben und Wasser durchzogen. Pflanzen wuchsen; Getreide, das sie ernten konnten. Er sah die Sklaven auf den Feldern; erinnerte sich daran, wie er sie erbeutet hatte; erinnerte sich daran, dass er den Feldzug zu einem guten Ende geführt hatte, nachdem X’ep’nis der Schädel gespalten worden war.
Und dann erreichten sie die Stadt, und die Menschen sahen ihnen neugierig nach, aber er hörte nicht, ob sie zu ihm sprachen, hörte nicht, ob sie sich daran erinnerten, dass er als Krieger in den Kampf gezogen, aber als Held zurückgekehrt war. Ängstlich sah er sich um, aber weder Tak’six noch Rot’ud waren bei ihm. Er presste die Lippen aufeinander und folgte dem Boten verbissen.
Sie gelangten zum Palast. Die edlen Steine funkelten im Licht der Sonne, aber die Fratzen der Dämonen waren steinerne Antlitze ohne Regung. X’exis erschrak. Noch nie hatte er sie so gesehen: seelenlos und ohne Leben ... Dann folgte er dem Boten die Treppe hinauf, in das Reich der Könige und Götter, und er schnaufte vor Anstrengung. Sie traten durch das große Tor in das Innere des Palastes, und auch hier waren die Fratzen der Dämonen steinern und leblos, und er fühlte die Angst, die sich immer weiter in ihm ausbreitete. Wenn die Dämonen nicht mehr in seiner Nähe sein wollten, war er aus dem Leben und der Gemeinschaft gefallen.
Der Bote führte ihn zum Thronsaal, und er wartete vor der Tür, bis diese geöffnet und er in den Saal geschoben wurde, und dort sah er X’er, der auf seinem Thron saß und sah auch Xod’rex’ax, der zu Füßen des Podestes stand, auf dem X’er thronte. Er sah Ai’lif, die neben dem Thron des Vaters stand und mit bitteren Augen auf ihn herabblickte, und ein Stich fuhr ihm in die Brust. Er sah den leeren Sitz des X’ude. X’ude war nicht bei ihnen.
X’exis lief in die Mitte des Saales und warf sich in den Staub; er presste das Gesicht auf den Boden und wartete, bis X’er zu ihm sprach.
“Erhebe dich, X’exis, tapferer Hauptmann meiner Krieger. Du erweist mir die Ehre, wie es sich einem Untertanen geziemt, nun erhebe dich und hebe auch dein Antlitz, damit ich dir in die Augen schauen und mir dir sprechen kann.”
Zögernd stemmte X’exis sich vom Boden empor, richtete sich vorsichtig und langsam auf und hob zuletzt den Kopf, um X’er anzublicken, der ihn von seinem Thron herab wohlwollend betrachtete.
X’exis erstarrte unter dem Blick seines Königs, konnte sich nicht rühren, konnte nur seine Augen zwischen X’er und Ai’lif wandern lassen. Der Anblick der Prinzessin erschütterte ihn und er dachte an den Moment, in dem sie bei ihm in der Hütte gewesen sein mochte oder auch nicht; er dachte daran, dass sie ihm ihre Hand angeboten und er sie ausgeschlagen hatte; er dachte an das Leben seiner Frau, das daraufhin zu Ende gegangen war, vernichtet vom Trank einer Kräuterfrau und der Rache einer Prinzessin.
X’er warf einen Blick auf X’udes Thron, nickte und sprach, und X’exis begriff, dass der Gott anwesend war und X’exis allein ihn nicht sehen konnte. Wieder legte die Angst sich um seine Brust wie ein Seil, das enger und enger zusammengezogen wurde.
“Höre, was X’ude spricht”, sagte X’er. “Du hast dich im Kampf bewiesen, hast unseren Ruhm gemehrt und uns zur Ehre gereicht, als du den Kriegszug gegen Xi’tim zu einem erfolgreichen Ende gebracht hast. Nun haben Xi’tim und Bu’bul uns den Krieg erklärt, und unsere Späher haben berichtet, dass sie ihre Kämpfer ausrüsten und für den Kampf bereit machen. In wenigen Tagen werden Xi’tims Krieger an die Grenzen unseres Reiches gelangen, und wir müssen uns vorbereiten, damit wir sie erschlagen, bevor sie in die Stadt vordringen. Sammle deine Krieger, X’exis, und ordne sie.”
Der König machte eine kurze Pause, hielt den Kopf zu X’udes Thron geneigt, als lausche er, dann nickte er und fuhr fort: “Immer einer von dreien soll Wache stehen, während die anderen beiden ihrer Arbeit nachgehen und ihre Familien versorgen und mir geben, was mir gebührt. Und jeden Tag sollt ihr wechseln, so dass am zweiten Tag der zweite und am dritten Tag der dritte und so fort Wache stehen. Und der Krieger, der wacht und nicht seiner Arbeit nachgehen kann, erhält für diesen Tag für sich und seine Familie Nahrung aus den Speichern des Königs, damit er seine Aufgabe gut und gewissenhaft erledigen kann.”
X’exis warf sich erneut vor X’er in den Staub und wartete, bis der Hohepriester ihm den Befehl gab, sich zu erheben. Er folgte ihm, denn es waren die einzigen Worte, die durch die Stille drangen, und als X’exis vorsichtig den Kopf hob, waren X’er und Ai’lif bereits aus dem Thronsaal verschwunden. Die Götzen und Dämonen waren nur steinerne Fratzen ohne Leben.
Bebend ließ X’exis sich aus dem Thronsaal führen.
Nachdem er aus dem Palast gebracht worden war, lief X’exis zurück in sein Dorf. Die Worte seines Königs und Gottes gingen ihm durch den Kopf, und er wiederholte sie immer und immer wieder, damit er sie unterwegs nicht verlor. Tak’six und Rot’ud hatten ihn endgültig verlassen und würden ihm X’ers Weisung nicht einflüstern, sollte er sie vergessen.
Schweißgebadet kam er im Dorf an und rief seine Nachbarn zusammen. Die scharten sich um ihn, mit großen Augen, von einem Fuß auf den anderen tretend, leise tuschelnd, mit den Nachbarn oder ihren Götzen und Ahnen. Die konnte X’exis weder sehen noch hören, was ihn mehr und mehr verunsicherte.
Stammelnd und stotternd wiederholte er die Worte des Königs, teilte dann die Krieger ein, damit jeder dritte Wache stünde, während die anderen ihrer Arbeit nachgingen. Er legte fest, wer der zweite und wer der erste für einen jeden dritten war und wies die Weiber an, zu den Getreidespeichern des Königs zu gehen, wenn ihr Mann Wachdienst hatte, um Getreide für die Familie zu holen, wie der König es angewiesen hatte.
Seine Nachbarn betrachteten ihn mit unsicheren Blicken, dann gingen sie tuschelnd auseinander, aber sie nickten dabei, und X’exis wusste, dass sie die Befehle befolgen würden. Sie fürchteten den Zorn des X’er, sollten sie Xi’tims Krieger nicht rechtzeitig entdecken.
Schließlich kehrte X’exis in seine Hütte zurück, setzte sich hinein und zog die Knie ans Kinn. Er schlang die Arme um seine Beine und wiegte sich langsam vor und zurück. Er hatte noch nie erlebt, dass ein Kriegszug angekündigt worden war; er hatte noch nie einen Feldzug erlebt, der kein frühmorgendlicher Überfall gewesen war. Vielleicht wussten die Ahnen, was das bedeutete, vielleicht wussten es die Dämonen, aber weder Tak’six noch Rot’ud antworteten auf sein Flehen, und das erwartete er auch nicht mehr.
Er dachte an Ret’am, dachte an ihr Gesicht, dachte an den harten, heißen Bauch, in dem ihr Sohn gestorben war. Er sah die dunklen Ringe unter ihren Augen und das bleiche Gesicht, als sie ihren letzten Atemzug ausgehaucht hatte. Dann brach er in Tränen aus, die seinen ganzen Körper schüttelten. Wie sollte er an Xi’tim denken? Wie sollte er seine Nachbarn in den Krieg führen? Er hatte die Befehle des Königs überbracht und das hatte all seine Kraft gefordert, und nun ließ er sich zur Seite sinken und starrte blicklos auf den Boden neben seinem Kopf.