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Kapitel 13 - 13.1 - Die Reise beginnt

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Kapitel 13 - 13.1 - Die Reise beginnt

Nachdem Hektor Rotax’em vor Ceptus gewarnt hatte, schien der ihn mit anderen Augen zu betrachten. Jedes Misstrauen war verschwunden, er war voll Bewunderung und Hingabe, betrachtete ihn wie einen guten Freund, sah zu ihm auf und wich kaum von seiner Seite.

Callidus und die anderen scherzten darüber, aber sie taten es leise, damit Xit’xi sie nicht hörte und ihren Spott bemerkte. Hektor war es unangenehm, Rotax’em wie einen dankbaren Hund an seiner Seite zu haben, aber es gab ihm auch Gelegenheit, mehr über X’er und seine Stadt zu erfahren.

Rotax’em gab bereitwillig Auskunft, und Xit’xi ließ sich von seiner Bewunderung anstecken; er übersetzte ebenso eifrig, wie Rotax’em berichtete.

Soweit Hektor es verstand, bestand die Stadt aus befestigten Häusern, in deren Mitte sich der Vorplatz des Palastes und der Königspalast selbst befanden. Der Palast war gleichzeitig Tempel und Sitz des Gottes X’ude. Die innere Stadt teilte sich in verschiedene Bereiche, in denen Stoffe gewebt und Leder gegerbt, in denen Getreide gemahlen und zu Brot verarbeitet, in denen Vieh gehalten und geschlachtet wurde.

Callidus schüttelte ungläubig den Kopf. “Unmöglich. Das sind Tiere ohne Verstand, keine Menschen mit Sinn und Tradition. Wie sollten sie eine solche Stadt bauen?”

“Bist du sicher?“, fragte Hektor. Rotax’ems Bericht erschien ihm fantastisch, aber er spürte erste Zweifel. Waren diese Wilden ihnen ähnlicher, als sie es wahrhaben wollten? Bildeten sie sich ihre eigene Überlegenheit nur ein?

Und Rotax’em berichtete noch mehr: die innere Stadt war von Getreidefeldern umgeben, die von Bauern in kleinen Dörfern bewirtschaftet wurden; acht oder zehn Hütten in jedem Dorf. Sklaven, die sie auf Eroberungszügen gegen die Nachbarreiche erbeutet hatten, verrichteten die Hauptarbeit, bis ihre Kraft erlosch und sie ihren Nutzen verloren. Dann wurden sie X’ude geopfert oder einfach im Wald verscharrt. Außerdem gab es ein Dorf von Jägern und Fischern, welches die Stadt mit Fleisch und Fisch versorgte. Und es gab die Mine, in der Edelsteine geschlagen wurden, welche die Stadt weithin berühmt gemacht hatten. Die Sklaven, die in dieser Mine schufteten, waren in einem eigenen Lager untergebracht.

“Wie viele Wilde sollen dort hausen?“, fragte Callidus ungeduldig. “Wenn er die Wahrheit spricht ...”

Hektor fragte Xit’xi, Xit’xi fragte Rotax’em und Rotax’em schien in sich hineinzulauschen, bevor er mit glasigem Blick verzweifelt mit den Schultern zuckte.

“Unendlich viele”, übersetzte Xit’xi.

Callidus lachte heiser. “Diese Wilden können nicht einmal zählen.”

Hektor überschlug, was Rotax’em berichtet hatte. “Wenn Rotax’em die Wahrheit sagt, leben hunderte oder gar tausend Menschen in dieser Stadt und ihren Dörfern.”

Callidus winkte ab. “Du erwartest zu viel von diesen Tieren.”

“Wer weiß ...”

“Ohne Kultur? Ohne Wissenschaft? Ohne den Glauben an Gott?”

Hektor zuckte mit den Schultern. “Vielleicht sind sie uns näher, als wir denken.”

Callidus wich erschrocken zurück. “Vorsicht, Hektor”, knurrte er. “Die Teufel wollen dich verführen.”

Hektor lachte. “Wilde oder Teufel? Entscheide dich.”

Callidus starrte ihn finster an. “Das macht keinen Unterschied!”

Aber nicht nur die Soldaten beobachteten Rotax’em und seine Begleiter, auch Rotax’em und seine Begleiter beobachteten die Soldaten.

Am zweiten Tag ihres Marsches trat Xi’la aus dem Schatten des Waldes, um gemeinsam mit Rotax’em zu gehen. Rotax’em freute sich, denn Xi’la hatte geschwiegen, seit sie aufgebrochen waren, und Rotax’em hatte sich nach den Worten seines Dämons gesehnt. Xi’la schwieg noch, aber Rotax’em sah ihm an, dass er bald sprechen würde - etwas beschäftigte ihn.

Rotax’em warf Xit’xi einen Blick zu, der in ein Gespräch mit seinem eigenen Dämon vertieft war. Er betrachtete die Sklaven, die die Lasttiere antrieben und sich dabei ausgelassen unterhielten, und er warf einen vorsichtigen Blick auf Hektor und die anderen bleichen Götter. Sie bildeten den Schluss ihres Zuges, unterhielten sich angeregt und ließen immer wieder ihre Blicke durch den Wald und über die kleine Karawane schweifen.

“Du bringst die bleichen Teufel zu X’er”, sagte Xi’la schließlich, und Rotax’em erschrak. Er war so sehr in der Betrachtung der Fremden versunken gewesen, dass er nicht mehr an seinen Dämon gedacht hatte.

“Ja. Sie wollen ihren Brüdern X’er und X’ude ihren Respekt erweisen.”

“Ihren Brüdern!” Xi’la spuckte wütend aus und Rotax’em trat erschrockenen bei Seite.

“Was hast du, Xi’la?”

“Die bleichen Teufel sind nicht die Brüder von X’er und X’ude.” Xi’la starrte ihn aus finsteren Augen an. “Wie kannst du das glauben?”

“Der Gott Hektor hat es mir gesagt”, antwortete Rotax’em irritiert. “In einem Traum.”

“Der bleiche Teufel spricht nicht die Sprache der Menschen.” Xi’la hatte Schaum vor dem Mund.

“Er hat sich mir in einem Traum zu erkennen gegeben”, erklärte Rotax’em zitternd.

“Die bleichen Teufel haben deine Sinne verwirrt!”

Rotax’em schaute sich erschrocken nach den Fremden um, aber die beachteten Xi’la nicht.

“Wieso beachten sie deinen Frevel nicht?“, fragte er Xi’la überrascht.

“Sie sind keine Götter; sie sind nur Teufel, die durch die Wälder ziehen und die wahren Menschen töten. Sie nehmen die wahren Menschen gefangen und schlagen ihre Köpfe ab, um sie auf Spieße zu stecken. Ti’xim hat davon berichtet.”

“Aber Xit’xi hat ihresgleichen getroffen. Und Xi’grep hat Handel mit ihnen getrieben.”

Noch einmal spuckte Xi’la voller Abscheu auf den Boden. “Sie haben sich auf die bleichen Teufel eingelassen.” Seine Stimme wurde eindringlich. “Du darfst die bleichen Teufel nicht zu X’er bringen. Sie sind keine Götter.”

“Aber der Gott Hektor hat ...“, begann Rotax’em, wurde aber von Xit’xi unterbrochen, der ihm die Hand auf die Schulter legte.

“Freund Rotax’em.”

Rotax’em wandte sich überrascht von Xi’la ab, der die Arme vor der Brust verschränkte und mit umwölkter Stirn bei Seite trat und wieder im Wald verschwand. Einen Moment noch starrte Rotax’em sehnsüchtig auf das Unterholz, dann schaute er zu Xit’xi und wich überrascht zurück. Hektor stand ebenfalls an seiner Seite. Der Fremde betrachtete ihn mit emporgezogener Braue und einem Blick, der seinen Körper bis ins Innerste durchdrang. Er spürte die Unruhe in seiner Brust und sein Atem ging stoßweise, seine Beine waren schwer wie Stein.

“Hektor fragt, wie weit der Weg zur Stadt des X’er noch sei”, erklärte Xit’xi.

“Wenige Tage.”

“Der Fremde fragt, wie viele Tage.”

Rotax’em sah sich unsicher nach Xi’la um. Sein Dämon kannte den Weg und wusste, wie weit es noch war; er selbst war stets unter der Obhut seiner Ahnen gereist. Die Ahnen waren es, die ihm sagten, wann er eintreffen würde. Aber dann sah er ein Bild vor sich und war erleichtert; Xi’la hatte ihm eine Eingebung geschickt.

“Drei mal noch wird die Sonne sich zur Ruhe betten. Wenn sie am vierten Tag am höchsten steht, werden wir in der Stadt des X’er eintreffen.”

Xit’xi übersetzte, und der Fremde nickte. Seine Augen blickten zufrieden, sein Mund lächelte.

“Es sind bleiche Teufel, keine Götter”, flüsterte Xi’la, und Rotax’em fuhr erschrocken zusammen. Er hatte nicht bemerkt, dass Xi’la wieder aus dem Wald herausgetreten war. Er sah den finsteren Blick, mit dem Hektor Xi’la und ihn betrachtete, und fürchtete, den bleichen Gott erzürnt zu haben.

“Sprich nicht so von den Fremden, Xi’la.”

Xit’xi senkte den Blick und trat einen Schritt bei Seite. Man belauschte die Gespräche zwischen einem Mann und seinem Dämon nicht.

Hektors Stirn umwölkte sich.

“Götter wissen, wie weit sie reisen”, sprach Xi’la finster. “Sie fragen die Menschen nicht danach.”

“Es ist eine Prüfung”, erwiderte Rotax’em.

“Ja.” Xi’la schnaubte. “X’er und X’ude prüfen dich. Sie wollen wissen, ob du den bleichen Teufeln unterliegst.”

“Nein.” Rotax’em schüttelte den Kopf.

Hektor sprach, und Rotax’em und Xit’xi zuckten zusammen. Rotax’em starrte Hektor an, dann Xit’xi, dann Xi’la, der sich wieder in den Wald zurückzog und ihn alleine ließ, dann wieder Hektor.

“Der Fremde fragt, mit wem du sprichst”, übersetzte Xit’xi.

Rotax’ems Magen zog sich zusammen, seine Brust zitterte. “Weiß er das denn nicht?”

Xit’xi zuckte mit den Achseln. “Was können die Fremden schon wissen? Sie sind keine Menschen wie wir.”

“Aber ... Mit Xi’la.”

Xit’xi übersetzte. Hektor lauschte und sprach, Xit’xi antwortete etwas, bevor er übersetzte.

“Der Fremde fragt, wer Xi’la sei. Ich habe ihm gesagt, er ist dein Dämon.”

Rotax’em nickte zufrieden. “Das ist gut.”

Hektor betrachtete ihn noch einen Augenblick mit umwölkter Stirn, dann nickte er und kehrte zu den anderen zurück. Rotax’em erschauderte. Hatte er falsch geantwortet?