13.2 - Vertrauensverlust
13.2 - Vertrauensverlust
Sie hatten gerade das Lager für den Abend aufgeschlagen, und Rotax’em beaufsichtigte die Sklaven beim Abladen der Lasttiere, als der Bote in ihre Mitte trat. Ein junger Mann, dünn und sehnig, ein guter Läufer; die Bilder auf seiner Haut wiesen ihn als X’ers Untertan aus. Mit großen Augen sah er sich in ihren Reihen um und seine Augen wurden noch größer, als er die Fremden erblickte, die sich am Rand der Lichtung niedergelassen hatten. Er zögerte, schien wieder in den Wald zurückweichen zu wollen, aus dem er hervorgebrochen war wie ein ungestümer Eber, aber Rotax’em hob die Hand und rief ihn zu sich. Bei seinem Anblick verschwand der Schrecken aus dem Gesicht des jungen Mannes und ein Lächeln erschien auf seinen Lippen und in seinen Augen.
“Gegrüßt seist du, Rotax’em”, rief er, trat zu Rotax’em und legte ihm die Hand auf die Schulter.
Rotax’em beantwortete die Begrüßung mit einer Umarmung. Er kannte den jungen Boten nicht, aber ein Gesandter des X’er war ihm immer willkommen.
“Setz dich zu mir, Freund”, sagte er und wies dem jungen Mann einen Platz am Feuer. Dann gab er ihm Wasser.
Der Bote trank einen tiefen Schluck aus dem ledernen Beutel, warf noch einmal einen unsicheren Blick auf die Fremden, die seine Ankunft mit großer Aufmerksamkeit verfolgt hatten, und wandte sich wieder an Rotax’em.
“X’er schickt mich mit einer Botschaft zu dir, Rotax’em. Der Gott und König spricht: Xi’tim hat Krieger ausgesandt, sich an X’er und X’ude für ihren großen Sieg zu rächen. Du musst dich beeilen, das Getreide in die Stadt zu bringen und den Feinden zu entgehen. Es wäre schlimm, sollte ihnen in die Hände fallen, was für X’er und X’ude bestimmt ist.”
“Xi’tim?” Rotax’em war überrascht.
“Ein Bote des Xi’tim hat X’er den Krieg erklärt, und X’er hat Späher ausgesandt. Mich und einen weiteren hat er geschickt, dich zu warnen, aber der andere hat dich nicht gefunden, denn du gehst einen anderen Weg als sonst.”
“Einen anderen Weg?“, flüsterte Rotax’em überrascht. Das konnte nur daran liegen, dass Xi’la ihn nicht beraten hatte. Dann besann er sich und rief: “Aber Xi’tim ist ein schwacher König und Bu’bul ist ein schwacher Gott.”
“Unterschätze nie ein verwundetes Tier”, ermahnte Xi’la ihn. “Ein verwundetes Tier ist am gefährlichsten, denn es fürchtet den Tod nicht mehr.”
Rotax’em stimmte zu. “Xi’tim ist wie ein verwundetes Tier. Ohne Furcht und darum gefährlich.”
Der junge Bote nickte. Rotax’em winkte Xit’xi heran, der abseits gewartet hatte.
“Xi’tim sendet viele Krieger aus, die Stadt von X’er und X’ude zu erobern.”
Xit’xis Augen weiteten sich. “Ti’xim wird die Taten seines Königs und Gottes preisen”, rief er aus.
Rotax’em nickte. An Ti’xim hatte er nicht gedacht, und auch Xi’la, der mit finsterer Miene an seiner Seite saß, hatte den Freund und Nachbarn vergessen.
“Wir müssen in der Stadt sein, bevor die Feinde sie erreichen. Das Getreide darf ihnen nicht in die Hände fallen”, fuhr Rotax’em fort. “Schmach und Schande sind unser, wenn Xi’tims Krieger uns gefangennehmen.”
“Schmach und Tod”, stimmte Xit’xi zu. “Wir werden kämpfend sterben, zur Ehre unserer Ahnen.”
“Übersetze den Fremden, was du gehört hast”, bat Rotax’em ihn. “Erkläre ihnen, dass Feinde unseren Weg kreuzen mögen und wir uns beeilen müssen.”
“Vielleicht können sie uns helfen ...“, murmelte Xit’xi versonnen.
“Vielleicht”, stimmte Rotax’em zu.
Gemeinsam erhoben sie sich und ließen den Boten zurück, der von den Sklaven Essen gebracht bekam. Sie überquerten die Lichtung und traten zu den Fremden, die am Boden sitzen blieben und ihnen mit finster glühenden Augen entgegenblickten. Rotax’em verneigte sich vor ihnen, und Xit’xi folgte seinem Beispiel. Dann übersetzte Xit’xi, und die Augen der Götter weiteten sich.
Hektor und der Gott Callidus antworteten mit heftigen Worten, und Rotax’em wich erschrocken zurück, fürchtete, dass sie ihn in ihrem Zorn erschlugen. Die drei anderen, die er als niedere Götter erkannt hatte, sprachen ebenfalls aufgebracht durcheinander, aber zögerlicher als ihre Anführer.
“Hektor und Callidus sind besorgt”, übersetzte Xit’xi. “Sie fragen: Wie weit ist es noch zur Stadt des X’er? Wie viele Krieger hat X’er, die Stadt gegen die Krieger des Xi’tim zu verteidigen? Sie fürchten um die Sicherheit von X’er und X’ude.”
Rotax’em spürte einen kalten Schauer auf seinem Rücken. Wie schlimm musste alles sein, wenn selbst die Götter sich um ihre Brüder sorgten?
“Erkläre es ihnen”, bat er. “Und sprich wahr. Wir werden nur kurz rasten und essen und dann aufbrechen, wenn der Mond noch hoch am Himmel steht. Wir werden die Nacht hindurch marschieren, und wir werden erst rasten, wenn die Sonne sich erhoben und nach Ablauf des Tages wieder zur Ruhe gebettet hat. Wir werden eilen wie der Wind, der durch den Wald streift, und den kein Mensch bändigen kann. Wir werden schneller sein als Xi’tims Krieger, und wir werden X’er und seine Stadt unbeschadet erreichen.”
Xit’xi übersetzte, und die Gesichter der Fremden wurden ernst, aber sie nickten, und Hektor erhob sich und legte Rotax’em eine Hand auf die Schulter. Er blickte ihm direkt ins Angesicht, und Rotax’em sah das Feuer einer fremden Welt in den Augen, die so blau waren wie der Himmel. Er hatte noch nie solche Augen gesehen. War das nicht der beste Beweis ihrer Göttlichkeit? Dann sprach Hektor, und Xit’xi übersetzte: “Der Fremde spricht: Groß ist Rotax’ems Weisheit. Du hast die Schwere der Situation erkannt und zur Eile gemahnt, und unser Vertrauen in die Fähigkeiten unseres Führers ist unermesslich. Wir wissen nun, dass du uns einen sicheren Weg in X’ers Stadt weisen wirst.”
Rotax’em spürte ein heißes Glühen in seiner Brust, wie er es bislang nur gefühlt hatte, wenn X’er seine Worte an ihn gerichtet und ihn gelobt hatte.
“Wir werden sie sicher zu ihren Brüdern bringen”, murmelte Rotax’em und zog sich mit einer Verbeugung von den Göttern zurück, damit sie sich ungestört unterhalten konnten.
“Furcht stand in den Augen des Fremden”, flüsterte Xi’la ihm zu, als er sich abseits der Götter zu dem Boten gesetzt hatte.
Rotax’em schüttelte den Kopf.
“Furcht vor den Kriegern des Xi’tim”, beharrte Xi’la.
“Aber Xi’tim ist ein schwacher König und Bu’bul ist ein schwacher Gott”, hielt Rotax’em dagegen. “Sie können X’er und X’ude und seiner Stadt nichts anhaben. Sie können den fremden Göttern nichts anhaben. Sie sind nicht mächtig genug. Warum also sollten die Götter sich sorgen?”
“Weil sie keine Götter sind”, spie Xi’la. “Sie sind bleiche Teufel. Und Xi’tim und Bu’bul sind mächtiger als bleiche Teufel.”
Rotax’em warf einen verstohlenen Blick auf Hektor und Callidus und die drei niederen Götter, die an ihrer Seite saßen und sich mit besorgten Mienen und schnellen Worten unterhielten. Konnte es sein, dass sie Angst verspürten? Konnte es sein, dass sie sich vor Xi’tim und Bu’bul fürchteten? Er wollte es nicht glauben, aber Xi’las Worte wogen schwer.