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13.3 - Gewaltmarsch

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13.3 - Gewaltmarsch

Ohne miteinander zu sprechen, marschierten sie durch den nächtlichen Urwald. Rotax’em und seine Begleiter führten die Lasttiere mit der Sicherheit der Wilden durch das Dickicht, Hektor, Callidus und die anderen folgten angespannt. Im Dunkeln schien der Urwald noch bedrohlicher als tagsüber, die Geräusche waren anderes, waren unheimlich; Gefahren waren nur schlecht auszumachen. Sie marschierten im schwachen Licht der Sterne und des voller werdenden Mondes, aber nur wenig davon drang bis zu ihnen herab. Fackeln hatten sie keine. Callidus hatte eine am Lagerfeuer entzünden wollen, aber Rotax’em hatte ihn daran gehindert, und Hektor hatte Callidus davon abhalten müssen, ihren Führer zu verletzen.

“Krieger von Xi’tim könnten Feuer sehen”, hatte Xit’xi Rotax’ems Erklärungen übersetzt. Hektor war schon selbst auf diese Idee gekommen.

Die fünf Söldner drängten sich am Ende der Karawane dicht zusammen, darauf bedacht, den Anschluss an ihre Führer nicht zu verlieren und gleichzeitig ihre Umgebung im Auge zu behalten. Otio murmelte ängstlich vor sich hin, Scelus und Sectator redeten auf ihren Kameraden ein, versuchten ihn zu beruhigen, aber sie drangen nicht zu ihm durch.

“Verdammte Wilde!“, knurrte Callidus immer wieder in seinen dichten Bart. Hektor war nicht sicher, wen er meinte. Rotax’em und seine Begleiter? Xi’tims Krieger? Oder alle? Er fragte nicht nach.

Im Morgengrauen machte sie kurz Rast, um die Tiere zu tränken und ein wenig Bohnenpaste zu essen, dann marschierten sie weiter.

Stunde um Stunde eilten sie voran; die Hitze machte Hektor und seinen Kameraden mehr zu schaffen als ihren Führern. Die Wilden trugen Lendenschurze und Sandalen, während die Soldaten in ihren Rüstungen und ihren leinenen Unterkleidern schwitzten.

“Wann rasten wir?“, fragte Hektor Xit’xi irgendwann. Die Sonne hatte den Zenit beinahe erreicht.

Xit’xi wandte sich an Rotax’em, der den ganzen Marsch über geschwiegen hatte, nur darauf bedacht, seine Männer und seine Waren sicher durch das Dickicht zu führen, und sprach auf ihn ein. Rotax’ems Antwort war kurz und knapp.

“In Stadt”, übersetzte Xit’xi.

“Wann wird das sein?“, fragte Hektor.

“Xit’xi nie dort”, antwortete der junge Mann.

“Dann frag unseren verdammten Führer!“, donnerte Callidus.

Xit’xi wich erschrocken zurück, sein Gesicht war bleich, seine Augen weit aufgerissen. Hektor packte Callidus am Arm.

“Was soll das?“, fauchte er ihn an.

Callidus schüttelte seine Hand mit einem zornigen Schrei ab, antwortete aber nicht.

Rotax’em war zu ihnen getreten. Auch in seinem Gesicht spiegelten sich Angst und Sorge. Er sprach ein paar hektische Worte.

“Rotax’em bittet um Verzeihung”, erklärte Xit’xi. “Rotax’em weiß: zu langsam. Rotax’em weiß: müssen schneller sein. Sonne noch einmal untergehen, dann Stadt.”

“Morgen?“, fragte Hektor.

“Morgen.” Xit’xi nickte.

“Hast du das gehört?“, wandte Hektor sich vorwurfsvoll an Callidus. “Eine Nacht noch, dann sind wir in der Stadt. Eine Nacht. Reiß dich zusammen.”

Callidus antwortete nicht. Er ließ sich zurückfallen, wo er mit Otio und Scelus die Nachhut bildete, während Sectator zu Hektor aufschloss.

“Unter Ceptus haben wir schlimmere Märsche mitgemacht”, scherzte Sectator.

Hektor lächelte müde. “Viel schlimmere.”

“Wir dürfen den Kopf nicht verlieren.”

“Nein. Das dürfen wir nicht.”

“Vor den Wilden müssen wir Stärke und Geschlossenheit demonstrieren”, sagte Sectator leise. “Ich habe ihre Blicke gesehen. Sie zweifeln an uns. Götter zeigen keine Schwäche. Callidus zeigt Schwäche.”

“Ich weiß.” Hektor nickte. “Ich werde mit ihm reden.”

“Gib ihm Zeit, sich zu fangen. Sonst wird es nur schlimmer.”

“Du hast Recht.” Hektor nickte. “Ich werde heute Abend mit ihm sprechen, am Feuer. Nach dem Essen.”

“Ich glaube nicht, dass es heute Abend ein Feuer geben wird”, antwortete Sectator.

Hektor schüttelte leise lachend den Kopf. “Nein, vermutlich nicht.”

Die Karawane schob sich weiter durch den Urwald. Der Weg, dem sie folgten, und der manchmal kaum auszumachen und von Pflanzen überwuchert war, wurde breiter und erschien ihnen immer mehr als echte Straße. Die Nähe einer Stadt ließ sich nicht leugnen.

Zum Abend machten sie noch einmal eine kurze Rast, tränkten die Tiere und aßen Bohnenbrei.

“Werden wir hier lagern?“, fragte Hektor Xit’xi, aber der schüttelte den Kopf.

“Rotax’em zu X’er. Schnell.”

Hektor nickte. Er hatte auf ein paar Stunden Ruhe gehofft, hatte aber nichts anderes erwartet.

Noch einmal marschierten sie durch die Nacht. Die Tiere begannen zu stolpern und zu straucheln, und auch die Wilden zeigten Schwäche. Einer stürzte und musste von seinen Kameraden wieder aufgehoben werden, andere taumelten mehr durch den Wald, als dass sie liefen. Hektor und seine Kameraden zehrten vom Drill, den sie unter Ceptus erlebt hatten. Sie waren Soldaten, waren Härte und Entbehrung gewöhnt, aber auch sie zollten der Anstrengung ihren Tribut. Unter ihren schweren Rüstungen schwitzten und stanken sie, ihre Arme und Beine wurden steif, ihre Schultern schmerzten. Hektor rieb sich immer wieder den Schweiß aus den brennenden Augen. Sein Kopf dröhnte unter seinem Helm und sein Mund war trocken, seine Kehle schmerzte. Immer wieder nahm er einen Schluck aus seinem Wasserschlauch, aber das half nur für kurze Zeit, dann begann alles von Neuem.

“Ich kann nicht mehr”, murmelte Otio und strauchelte.

Scelus und Callidus packten ihn unter den Armen und stützten ihn.

“Die Wilden beobachten uns”, flüsterte Sectator.

“Lass sie”, knurrte Callidus.

“Sie sehen schwache Götter”, erklärte Hektor. “Sie verlieren den Respekt vor uns.”

Callidus funkelte ihn mit wütenden Augen an. “Dann werden wir sie Respekt lehren.”

Hektor zog sich zurück. Vielleicht konnten sie wieder miteinander sprechen, wenn der Marsch hinter ihnen lag. Jetzt war daran nicht zu denken.

Irgendwann ging die Nacht zu Ende. Rotax’em wirkte erleichtert, und Hektor schloss daraus, dass sie die Stadt fast erreicht hatten. Sie rasteten noch einmal kurz, um die Tiere zu tränken und ein letztes Mal Bohnenbrei zu essen. Hektor fragte Xit’xi, wie weit es noch war.

Xit’xi hielt Rücksprache mit Rotax’em. “Nicht mehr weit”, sagte er dann. “Bevor Sonne halben Weg. Bald ankommen.”

“Noch vor dem Mittag.” Hektor schluckte erleichtert. Die Anspannung der vergangenen zwei Tage fiel von ihm ab, obwohl er wusste, dass dies vielleicht der gefährlichste Moment ihrer Reise war. Wenn die fremden Krieger tatsächlich gegen die Stadt marschierten, war die Gefahr, auf sie zu stoßen, nun am größten. Dennoch spürte er Erleichterung.

“Wie weit noch?“, fragte Callidus. Auch seine Stimme war müde, der Zorn verflogen. Er schien sich in die Situation ergeben zu haben.

“Noch vor dem Mittag. Wir werden bald da sein.”

“Es ist an der Zeit”, murmelte Callidus, aber auch er grinste erleichtert. “Es ist an der Zeit.”