13.4 - Die Schlacht
13.4 - Die Schlacht
Als Hektor die ersten erleichterten Rufe vom Kopf der Karawane hörte, wusste er, dass sie die Stadt erreicht hatten. Euphorisch stürmte er voran, Callidus und seine Kameraden dicht auf seinen Fersen, und als er aus dem Urwald trat und den See und das Dorf vor sich sah, erstarrte er. Rotax’em hatte von dem Dorf der Fischer berichtet, und Hektor hatte sich fünf oder zehn Hütten ausgemalt; in etwa so groß wie Rotax’ems Dorf. Was er vor sich sah, glich einer kleinen Stadt aus steinernen Häusern, sechzig oder siebzig an der Zahl, vielleicht mehr. Am Ufer des Sees lagen Einbaumboote am Strand, Netze waren zum Trocknen aufgehängt, und überall herrschte geschäftiges Treiben. Er sah Kinder, die spielten, sah Frauen, die Wäsche wuschen oder Getreide mahlten. Er sah Männer, die vor den Hütten hockten und miteinander sprachen, sah andere, die Netze flickten oder Boote ausbesserten. Und immer wieder Bewaffnete, die den Urwald im Auge behielten. Einer von ihnen hatte sie bemerkt und schlug Alarm, aber die erste Unruhe legte sich wieder, als Rotax’em freudestrahlend auf ihn zulief und etwas rief. Der Wächter empfing ihn mit offenen Armen.
Der Rest der Karawane folgte, Hektor und Callidus inmitten der Wilden, die sie hierhergeführt hatten. Die Dorfbewohner scharten sich neugierig um sie, betrachteten sie, hielten aber Abstand. Rotax’em redete auf die Neugierigen ein, deren Augen immer größer wurden. Sie wichen noch weiter von den Soldaten zurück, Ehrfurcht und Staunen in ihren Gesichtern.
Dann teilte sich die Menge vor ihnen und ein junger Mann trat ihnen entgegen. Ein junger Mann mit einem traurigen Blick, der einen besonderen Eindruck auf Hektor machte. Seine Augen waren anders als die der übrigen. Etwas in seinem Blick erinnerte Hektor an ihn selbst.
“Wer ist das?“, fragte er Xit’xi, der sich an Rotax’em wandte, aber bevor sie eine Antwort erhielten, wurden Schreie laut. Die Menge stob auseinander, die Frauen und Kinder liefen in ihre Hütten. Die Männer folgten ihnen, kamen aber sofort wieder heraus, bewaffnet und voll grimmiger Entschlossenheit.
“Was geschieht?“, rief Callidus; Hektor sah sich ebenso erschrocken um wie seine Kameraden. Dann hörten sie lautes Geschrei vom Waldrand, jenseits des Sees, und sie sahen Wilde aus dem Dickicht strömen und am Ufer des Sees auf das Dorf zulaufen; Wilde mit bemalten Gesichtern und gefletschten Zähnen, Waffen schwingend und laut brüllend; ein Anblick, der Hektor das Blut in den Adern gefrieren ließ.
“Xi’tim!“, riefen Hektor und Xit’xi gleichzeitig.
“Lasst uns verschwinden!“, brüllte Callidus.
“Wohin?”
“Nur weg!”
Aber es war zu spät; die Welle der Krieger schlug über dem Dorf zusammen, und sie gingen in dem Tosen aufeinanderprallender Körper und steinerner Klingen unter.
Hektor zog seinen Säbel und schlug einem Angreifer mit einem mächtigen Hieb den Unterarm ab. Die Hand mit der steinernen Keule fiel zu Boden, der Krieger brach brüllend zusammen, und Hektor stieß ihm den Säbel in den Hals.
Dann war Otio neben ihm und schoss mit seiner Muskete auf einen Angreifer, der vor ihnen zusammenbrach. Das ohrenbetäubende Krachen der Feuerwaffe war so laut, dass es das Brüllen der Kämpfer um sie herum übertönte, und für einen kurzen Augenblick erstarrten alle. Dann stoben sie auseinander, die Verteidiger zurück zu ihren Hütten, die Angreifer zum Rand des Dorfes, fort von den Söldnern.
Otio lud nach, und auch Sectator und Scelus luden ihre Musketen und gemeinsam feuerten sie eine weitere Salve in die Reihen der Angreifer.
Panische Schreie wurden laut, einige Krieger warfen sich zu Boden, um sich vor ihnen zu verstecken, andere überwanden ihre Angst und stürmten auf sie zu. Vielleicht hatte sie erkannt, dass die drei Soldaten Zeit brauchten, ihre Musketen neu zu laden.
Dann stand der junge Mann mit dem traurigen Gesicht vor Hektor und wehrte die schwarze Klinge eines Angreifers ab, die Hektor am Kopf getroffen hätte. Der junge Mann ging zu Boden, der Angreifer fiel über ihn her, und bevor Hektor einen Gedanken fassen konnte, hatte er den Fremden von seinem Retter gezerrt, ihn mit einem schweren Fausthieb betäubt, dann von sich geworfen und ihm den Säbel in die Brust gerammt.
Der junge Mann starrte ihn aus weitaufgerissenen Augen an. Hektor hielt ihm die Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen, und der junge Mann griff zu und ließ sich emporziehen. Weitere Angreifer stürmten auf sie ein. Das Krachen der Musketen übertönte die Schreie, Callidus war an seiner Seite und Rücken an Rücken erwehrten sie sich der bemalten Wilden, die wie Tiere über sie herfielen. Schläge prasselten auf ihre Rüstungen, während sie ihre Klingen in die ungeschützten Leiber trieben.
Keuchend und schnaufend hieb Hektor um sich, schlug nach den Fremden, die wie tollwütige Hunde um ihn hersprangen. Er war im Rausch. Sein Arm fällte die Gegner, und mehr und mehr Angreifer lagen blutüberströmt und röchelnd zu ihren Füßen. Sie kamen über die Wilden wie zornige Götter.
Hektor brüllte Xit’xi einen Befehl zu: Scelus, Sectator und Otio zu schützen. Xit’xi hörte ihn über den Lärm und wiederholte die Anweisungen und X’ers Krieger bildeten einen Ring um die drei Männer, um ihnen die Zeit zu geben, ihre Musketen zu laden und immer weitere Salven in die Angreifer zu feuern.
Noch einmal sah Hektor das traurige Gesicht des jungen Mannes, der sein Leben gerettet hatte und dessen Leben er gerettet hatte, und dann hörte er ein lautes Krachen und spürte einen dumpfen Schmerz und alles wurde dunkel.
Der junge Mann jedoch, X’exis, sah den Krieger des Xi’tim, dessen steinerne Keule auf den Kopf des bleichen Teufels krachte, hörte das Scheppern des bleichen Schädels. Der Getroffene stürzte zu Boden, Xi’tims Krieger war über ihm und stieß eine kleine Klinge in seine Brust, aber erneut schepperte es, und die Klinge prallte an der glänzenden Haut ab. Der Krieger starrte auf die Brust des Ohnmächtigen, dann schüttelte er sich und stieß die Klinge in den Arm. Sie drang durch die rasselnde Haut und forderte Blut.
Und dann hörte X’exis die Stimme des Gestürzten, hörte sie, wie er die Stimmen von Tak’six und des Rot’ud vernommen hatte, bevor sie verstummt waren. Er wusste nicht, was der Fremde sprach, aber er wusste, dass er der Stimme folgen musste. Es war der Befehl eines Gottes, der mit seinen Brüdern gekommen war, um sie vor den fremden Kriegern zu schützen. X’exis warf sich auf Xi’tims Krieger und stieß ihm die schwarze Klinge in die Brust. Blut spritzte heraus und das Leben verließ den zappelnden Körper. Er stieß den toten Leib bei Seite und warf sich über den bleichen Teufel, um ihn vor weiteren Angreifern zu schützen, und dann stand ein Fremder bei ihm, der mit Rotax’em und dem Getreide gekommen war.
“Hilf mir, den bleichen Teufel fortzubringen”, rief der Fremde ihm zu, und X’exis nickte, und gemeinsam packten sie den Ohnmächtigen unter den Armen und hoben ihn an. Sie ächzten unter seinem Gewicht. Seine silbern glänzende Haut war schwer, und es war, als hoben sie einen steinernen Götzen vom Boden auf.
Die Brüder des Gestürzten stürmten heran, und einer wollte ihnen mit grimmigem Gesicht eine funkelnde Waffe auf die Köpfe schlagen, aber sein Begleiter rief etwas in der Sprache der Götter, und die Waffe hielt inne. Stattdessen umringten die Götter sie und schützten sie vor den Kriegern des Xi’tim.
“Wohin?“, rief der Fremde.
“Zum Palast”, erwiderte X’exis. Tak’six und Rot’ud schwiegen, und X’ude hatte seinem Flehen schon lange nicht mehr geantwortet, aber er wusste, dass X’er die Götter empfangen würde. “Zu X’er.”
“X’er!“, donnerte nun auch der Gott mit dem grimmigen Gesicht.
“Ja, zu X’er”, stimmte der Fremde zu. Gemeinsam trugen sie den Gott vom Schlachtfeld, drängten sich durch die eigenen Reihen, fort von den Feinden, die langsam zurückgedrängt wurden.
X’exis ächzte unter dem Gewicht des bleichen Gottes, aber er hörte dessen Stimme tief in seinem Kopf, und zum ersten Mal, seit Ret’am ihm genommen worden war, spürte er Ruhe. Wärme breitete sich in seiner Brust aus, die Luft drang tiefer in seinen Körper ein, die Kraft kehrte in seine Glieder zurück. Er verstand diesen Gott nicht, aber er hörte seine Stimme, und das genügte.
“Ich bin X’exis, Hauptmann des Dorfes der Fischer und Jäger”, rief er dem Fremden zu, um seinen Anspruch auf Führung zu bekräftigen, und der Fremde nickte und folgte ihm.
Gemeinsam trugen sie den Gott an seinen Nachbarn vorbei, die mit großen Augen starrten. Die Frauen und Kinder kamen aus den steinernen Hütten, um ihn zu betrachten und anzufassen, und X’exis jagte sie fort. Dann kamen X’unis und Id’nan herbei, und wieder wollte der grimmige Gott nach ihnen schlagen, aber sie konnten ihn besänftigen, und nun trugen sie den verwundeten Gott zu viert, und es ging leichter. Sie keuchten noch immer, aber nicht mehr ganz so schwer, und dann waren sie bei den Feldern, und die Menge wurde immer größer, die den Gott zu X’er brachte.
Hinter ihnen ertönten Jubelschreie, und X’exis wusste, dass die Feinde in die Flucht geschlagen waren, und dann erreichten sie die Ausläufer der Stadt, und auch hier scharten sich die Menschen um sie, um die fremden Götter zu betrachten. Schließlich erreichten sie den Platz vor dem Palast, und zum ersten Mal sah er den Ausdruck von Ehrfurcht auf den Gesichtern der bleichen Götter, als sie vor die Treppe traten, die in die Himmel führte, und die vor edlen Steinen funkelte - wie Sterne, die vom Himmel gefallen waren.
Und der Gott sprach zu ihm, und er wusste, dass er ihn gerettet hatte, auch wenn er die Worte des Gottes nicht verstand. Er fragte ihn, wie er ihn ansprechen dürfte, und der Fremde, Xit’xi, flüsterte ihm einen Namen zu: “Hektor.”
X’exis murmelte den Namen immer wieder: “Hektor.” Er sprach ihn leise und ehrfürchtig und fühlte die Zufriedenheit des Gottes.
Hektors Brüder standen vor der Treppe des Palastes und starrten hinauf, und sie sprachen miteinander in der Sprache der Götter. X’exis verstand sie nicht, aber er sah, dass Xit’xi ihnen lauschte.
“Was sagen die Götter?“, fragte X’exis ihn vorsichtig.
“Sie sind voller Ehrfurcht”, flüsterte Xit’xi. “Vor den Sternen, die in den Himmel führen, hinauf zu X’er und X’ude.”
X’exis atmete erleichtert auf. Die Götter waren verständig.
Und dann kam X’er aus dem Tor und trat an den oberen Rand der Treppe, und er winkte X’exis und den Fremden zu sich heran. Gemeinsam machten sie sich an den mühsamen Aufstieg, um Hektor zu präsentieren: den bleichen Gott, der gekommen war, um sie im Kampf gegen Xi’tim zu unterstützen.