14.2 - Jäger und Gejagte
14.2 - Jäger und Gejagte
Am nächsten Tag stießen Ceptus und seine Männer auf eine kleine Gruppe Jäger; Wilde, die achtlos durch den Urwald wanderten. Sie waren blutbeschmiert und trugen Teile eines Schweines, das sie getötet und zerlegt hatten. Als sie sich den Söldnern gegenübersahen, blieben sie wie angewurzelt stehen, die Augen groß, ohne jedes Verständnis; die Soldaten waren zu überrascht, um zu reagieren.
Als die Kompanie ins Stocken geriet, bahnte Ceptus sich einen Weg an die Spitze und betrachtete die Wilden voller Abscheu.
Salivar stand neben ihm. “Sie tun uns nichts”, sagte er verständnislos.
“Nein.” Ceptus lachte leise. Die Wilden hatten sich noch nicht bewegt, schienen unfähig, eine Entscheidung zu treffen. Ceptus hingegen fiel es leicht. “Tötet sie”, befahl er seinen Männern. “Und steckt ihre Köpfe auf Spieße.”
Bewegung kam in die Soldaten, ein kurzes Gerangel folgte. Die Wilden begriffen schließlich, was geschah und setzten sich zur Wehr, aber der Kampf währte nur kurz, und die Soldaten hatten die Jäger überwältigt.
Ceptus betrachtete die am Boden liegenden. Sie waren verletzt und atmeten schwer.
“Waren das alle?”
“Einer ist entkommen, Herr Hauptmann”, erwiderte einer der Soldaten.
Ceptus schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Der Mann stürzte krachend zu Boden; die Wilden starrten mit weit aufgerissenen Augen zu ihnen herauf.
“Habe ich erlaubt, einen entwischen zu lassen?“, brüllte Ceptus seine Männer an. “Habe ich erlaubt, einen von ihnen am Leben zu lassen?” Zornig wandte er sich um, betrachtete seine Soldaten herausfordernd, die unter seinem Blick die Köpfe einzogen und vor ihm zurückwichen. “Habe ich das erlaubt?”
“Nein, Herr Hauptmann.” Salivar schüttelte betreten den Kopf.
“Köpfe ab!“, befahl Ceptus, mit einem Blick auf die verletzten und toten Jäger.
Die Soldaten beeilten sich, den Befehl auszuführen, und wenige Augenblicke später betrachtete Ceptus die Köpfe, die, auf Stöcken aufgespießt, mit toten Augen in den Wald starrten. Der Anblick besänftigte ihn ein wenig. Dann wandte er sich ab, gab den Befehl und folgte seinen Männern in den Urwald.
Salivar zögerte einen kurzen Moment. Er starrte auf die Köpfe, auf die enthaupteten Leiber, die sie an Ort und Stelle hatten liegen lassen, dann blickte er seinem Hauptmann nach, den er seit so vielen Jahren begleitete.
War Ceptus schon immer so kalt gewesen? Hatte er schon immer Leben so achtlos bei Seite geworfen? Manchmal schauderte Salivar bei dem Gedanken an seinen Hauptmann. Hatte Ceptus ihm nicht einst das Leben gerettet? Hatte er ihn nicht vor dem Galgen bewahrt, an Stelle ihn, wie diese Wilden, selbst hinrichten und zur Schau stellen zu lassen?
Salivar hatte als Stallbursche auf dem Gut Don Pedros gearbeitet, hatte dort ein Auskommen gehabt. Don Pedro und seine Söhne hatten ihn nie beachtet, hatten ihn höchstens bei Seite gestoßen, wenn er nicht schnell genug ausgewichen war. Nur Ceptus war anders gewesen, hatte ihn gegrüßt, hatte vielleicht etwas in ihm gesehen, das er selbst nicht in sich erkannt hatte. Vielleicht war es auch nur ein Akt der Rebellion gegen seinen Vater gewesen, den niederen Stallburschen wie einen Menschen zu behandeln.
Irgendwann hatte Salivar Spielschulden gemacht. In einer Taverne nahe des Guts hatte er abends beim Würfelspiel sein letztes Hemd verloren; er hatte die Schulden nicht begleichen können, also hatte er einen Plan gefasst und versucht, etwas aus Don Pedros Stall zu stehlen. Einen Sattel. Groß und schwer. Der Sattel hätte ihm eine Menge Geld einbringen können, aber er war dumm gewesen, sich etwas so sperriges auszusuchen, und er war ertappt worden. Don Pedro war außer sich gewesen, und er hatte ihn direkt auf dem Gut aufknüpfen lassen wollen. Ceptus war eingeschritten, hatte Salivar vor der Lynchjustiz des Alten bewahrt. Das war der letzte Bruch zwischen Ceptus und seinem Vater gewesen, und wenige Tage später hatte er das elterliche Gut verlassen und war zum Militär gegangen. Salivar war ihm bereitwillig gefolgt.
Seitdem war er ihm nicht mehr von der Seite gewichen, und er hatte mitangesehen, wie Ceptus im Laufe der Jahre kälter und härter geworden war. Mit einem Seufzen richtete Salivar sich auf und folgte seinem Herren tiefer in den Urwald, auf der Suche nach Hektor und den anderen.
Es war schwierig gewesen, Spuren ausfindig zu machen, aber nach zwei Tagen hatten sie einen Platz entdeckt, an dem die Deserteure vermutlich gelagert hatten. Dieser Platz lag unweit eines kleinen Sees am Fuße eines Wasserfalls, direkt neben einem Weg, beinahe so etwas wie einer Straße, von den Füßen vieler Männer und Tiere durch den Urwald getreten.
Ceptus hatte Salivar bei Seite genommen und ihm erklärt, in welche Richtung sie dem Weg folgen würden. Dass die Deserteure sich nicht weiter durch das Unterholz geschlagen hatten, wenn ein Weg ihnen leichteres Vorankommen ermöglichte, hatte er vorausgesetzt.
Salivar hatte genickt und die Männer weitergetrieben.
Trotz des erleichterten Marsches kamen sie nur langsam voran. Die Zahl der Verwundeten war stetig gewachsen und inzwischen mussten so viele Soldaten von ihren Kameraden gestützt werden, dass sie nur wenig Boden gutmachten. Außerdem bedeutete ein gut ausgebauter Weg die Nähe Einheimischer. Gut genutzte Wege verbanden Orte von Bedeutung, und sie mussten hinter jeder Biegung, hinter jedem Baum mit einem Hinterhalt rechnen. Die Anspannung unter den Männern war greifbar.
Sie folgten dem Weg mehrere Tage. Hin und wieder stießen sie auf die Spuren eines Lagers, auf die Reste eines Feuers, und einmal fanden sie an einem solchen Lagerplatz eine silberne Schnalle, die von einer Rüstung stammen musste.
“Siehst du das, Salivar?“, fragte Ceptus triumphierend, als er die Schnalle in die Höhe hielt.
“Ja, Herr Hauptmann.”
“Wir sind auf der richten Spur.”
“Ja, Herr Hauptmann.”
Aber der Vorsprung der Flüchtlinge wuchs an. Fünf Männer auf der Flucht kamen schnell voran, sie behinderten sich nicht gegenseitig. Fünf Männer auf der Flucht waren unbedacht und achteten nicht auf die Gefahren, die vor ihnen lagen, solange sie nur dem Unheil entgingen, das ihnen folgte. Die Chance, sie zu finden, verringerte sich täglich, und unter seinen Männern hörte Ceptus erste zweifelnde Stimmen. Normalerweise hätte er die Männer aus der Truppe herausgezogen und sie auspeitschen lassen, hätte ein Exempel an ihnen statuiert. Aber er biss die Zähne zusammen und tat, als habe er nichts gehört: Bestrafungen kosteten zuviel Zeit. Der kurze Triumph beim Auffinden der silbernen Schnalle war schon wieder vergessen.
Dann stießen sie auf ein kleines Dorf. Es waren nur wenige Hütten, die sich um eine kleine Lichtung in dem dichten Wald kauerten, und der Weg, dem sie gefolgt waren, hatte sie direkt hierhergeführt. Der Urwald hatte sich so plötzlich vor ihnen aufgetan, dass die Vorhut sich schon inmitten der Lichtung befand, bevor die Männer erkannten, dass sie in eine feindliche Siedlung geraten waren. Aber niemand griff sie an.
Vorsichtig durchsuchten die Männer die Hütten, fanden Werkzeuge und Nahrung, aber keine Einwohner. Alles deutete darauf hin, dass die Einheimischen das Dorf fluchtartig verlassen hatten, und Ceptus war sicher, dass die Dorfbewohner vor ihm und seinen Männern geflohen waren. Dass sie Angst und Schrecken verbreiteten, war ein Trost, aber nur ein geringer Ersatz für die Wilden, die sie hätten erschlagen können.
Er warf einen verdrossenen Blick in die Runde, dann machte er eine wegwerfende Handbewegung und befahl: “Brennt die Hütten nieder.”