14.3 - Ein Dolmetscher
14.3 - Ein Dolmetscher
Ceptus stand abseits und beobachtete, wie seine Männer ein Feuer entfachten und daran Fackeln entzündeten, um die Hütten in Brand zu setzen, als er einen erschrockenen Ruf hinter sich hörte. Die Soldaten erstarrten in ihren Bewegungen; Ceptus wandte sich um. Vor sich sah er eine Gruppe Wilder, die ebenso unbedacht aus dem Unterholz getreten waren, wie er und seine Männer. Sie starrten wie versteinert auf die Soldaten, die sich im Dorf verteilt hatten.
Salivar warf ihm einen Blick zu, Ceptus nickte.
“Ergreift sie!”
Soldaten sprangen herbei und packten die Wilden, drehten ihnen die Arme auf den Rücken und schleiften sie vor Ceptus. Ceptus blickte auf sie herab. Die Wilden hatten sich nicht gerührt, hatten sie nur mit großen Augen angestarrt.
Ceptus schüttelte angewidert den Kopf. “Ihr habt das Leben nicht verdient.”
Die Soldaten pressten die zehn Gefangenen zu seinen Füßen auf den Boden, und Ceptus betrachtete sie nachdenklich. Konnten sie einen Nutzen für ihn haben? Hatten sie gar die Deserteure gesehen? Aber nein, sie waren aus der gleichen Richtung gekommen, wie er und seine Männer, und dort waren Hektor, Callidus und die anderen nicht mehr. Die Wilden besaßen keinen Wert.
“Schlagt ihnen die Köpfe ab!“, befahl er und trat einen Schritt zurück. “Steckt sie auf Spieße und stellt sie im Kreis um das Dorf auf. Alle sollen sehen, was wir mit diesen Tieren tun!”
Neun der Wilden starrten ihn mit weitaufgerissenen Augen und offenen Mündern an, aber einer wand sich panisch in den Armen seiner Wächter, als hätte er verstanden.
Der erste Gefangene wurde von seinen Wächtern zu Boden gerissen, ein weiterer Soldat trat hinzu, zog sein Schwert und hieb dem strampelnden Wilden mit zwei Schlägen den Kopf von den Schultern. Der Leichnam zappelte noch einen Augenblick, dann erschlafften die Gliedmaßen und der Körper blieb leblos zurück. Die Augen des abgeschlagenen Kopfes brachen, das Gesicht war eingefroren in einem Ausdruck ewig währender Furcht.
Auch die anderen hatten nun verstanden, was ihnen bevorstand, und sie wehrten sich wie Tiere. Sie wanden sich, kratzten und schnappten nach ihren Häschern, aber die Soldaten ließen sich nicht beeindrucken. Der zweite Gefangene wurde zu Boden gerissen, und als einer der Männer sein Schwert hob, um ihm den Kopf vom Hals zu schlagen, schrie einer der Wilden laut auf.
“Nein!”
Der Soldat erstarrte, die Augen vor Schreck geweitet. Auch die übrigen Männer waren zusammengezuckt, und Ceptus betrachtete den Wilden überrascht und neugierig. Es war der eine, der sich bereits vor dem ersten Blut zur Wehr gesetzt hatte. Ceptus trat an ihn heran und nahm sein Kinn in die Hand.
“Du sprichst unsere Sprache, wildes Tier?” Er lächelte.
Salivar kicherte, aber das Kichern verstummte, als der Wilde nickte und antwortete: “Ja. Ich spreche Sprache.”
“Hexerei”, zischte Salivar neben ihm und machte das Zeichen des Kreuzes. Auch die übrigen Soldaten bekreuzigten sich; einige beteten.
“Still, Salivar!“, herrschte Ceptus ihn an.
Salivar flüsterte eine Entschuldigung.
“Warum sprichst du unsere Sprache?“, fragte Ceptus.
“Händler.”
“Weiße Händler?“, fragte Ceptus weiter.
Die Gefangenen glotzten sie mit weitaufgerissenen, ängstlichen Augen an, und Ceptus fühlte sich von ihren Blicken beleidigt. Menschen brachten ihm Demut und Respekt entgegen; niemand starrte ihn an. Er wollte sie dafür exekutieren lassen, wollte aber auch den Redefluss des Wilden nicht stören ... also ließ er sie am Leben. Vorerst.
“Ja, Herr.” Der Wilde nickte eifrig. “Weiß. Wie du.”
Ceptus dachte darüber nach. In der Heimat hatte man davon berichtet, dass Händler hierher vorgedrungen waren. Man hatte sich erzählt, dass sie die Sprache der Zivilisation in die Reihen der wilden Tiere getragen hatten. Hatte er daran geglaubt? Er war nicht sicher gewesen, hatte es aber zumindest für möglich gehalten. Viele Tiere ließen sich abrichten, also warum sollten Händler den Wilden nicht ein paar Brocken menschlicher Sprache beibringen können? Zweifel waren geblieben, aber nun waren sie ausgeräumt. Der lebende Beweis dieser Geschichten kniete vor ihm auf dem Boden und winselte um Gnade.
“Ich will dir glauben”, sagte Ceptus. “Aber sage mir: was willst du hier? Wen suchst du?”
“Xit’xi”, stammelte der Mann ängstlich.
“Was ist Xit’xi?”
“Diener von Xi’grep. Xit’xi, Sohn des Xep’lu. Ich reden. Mit Xit’xi.”
“Xit’xi, Sohn des Xep’lu?” Ceptus lächelte. “Die Tiere geben sich Namen”, rief er, und seine Soldaten lachten unsicher. “Hast du auch einen Namen?“, fragte er den Wilden.
Der antwortete mit zitternder Stimme: “Rot’aix. Sohn des Xia’tor.”
“Rot’aix?“, wiederholte Ceptus langsam. Dann wandte er sich an seine Soldaten. “Habt ihr gehört, Männer? Rot’aix. Dieses Tier läuft auf zwei Beinen, wie ein Mensch, und es gibt sich einen Namen, wie ein Mensch. Diese Teufel schrecken vor nichts zurück.”
“Tötet sie!“, rief Salivar. “Schlagt ihnen die Köpfe ab!”
Die Soldaten rissen ihre Schwerter empor, aber Ceptus stoppte sie mit einem donnernden “Nein!”
Salivar zog den Kopf zwischen die Schultern. Er starrte Ceptus mit einer Mischung aus Furcht und Aberglaube an.
“Nur ich befehle ihren Tod!“, knurrte Ceptus. “Hast du das verstanden? Salivar?”
“Ja, Hauptmann.” Salivar senkte den Kopf. Die Soldaten waren verwirrt.
Ceptus musterte seinen Adjutanten aufmerksam. “Wovor fürchtest du dich, Salivar?”
Salivar zögerte, aber dann sprudelte es aus ihm hervor. “Das sind Teufel! Sie sprechen in einer eigenen Sprache miteinander. Das kann ich begreifen. Aber unsere Sprache? Eine menschliche Sprache?”
“Vielleicht hielten wir sie für dümmer, als sie sind, Salivar”, erwiderte Ceptus. “Vielleicht kann man sie dressieren. Vielleicht kann man ihnen Tricks und Kunststücke beibringen. Dieses Tier hat ein weiteres Kunststück gelernt: es spricht unsere Sprache. Viele Tiere verstehen die Sprache ihrer Besitzer.”
Salivar schüttelte sich. “Aber antworten nicht.”
Ceptus lachte. “So viel Aberglaube. Es ist gut, Salivar, es ist gut. Wir werden die Kunststücke dieses Wilden für uns nutzen. Der Herr ist auf unserer Seite, kein Teufel kann Hand an uns legen.”
“Ja, Hauptmann.” Salivar war zerknirscht.
Ceptus warf ihm noch einen Blick zu, dann wandte er sich wieder an den Gefangenen, der den Austausch mit großen Augen verfolgt hatte. Auch die anderen hingen an seinen Lippen, hatten aber offensichtlich nichts verstanden.
“Sprich! Berichte mir von anderen weißen Männern. Fünf weiße Männer. Kannst du zählen? Weißt du, wieviel fünf sind?” Er hielt ihm eine Hand vor das Gesicht, spreizte Finger und Daumen ab. “Fünf.”
Der Wilde nickte, schüttelte den Kopf, nickte wieder.
“Du weißt wieviel fünf sind? Oder weißt du es nicht?”
“Ich weiß.” Der Gefangene hob die Hand und spreizte die Finger und den Daumen ab, um zu zeigen, wieviel fünf waren. “Keine weißen Männer.”
“Keine weißen Männer?”
Der Gefangene schüttelte den Kopf.
“Dann sind sie nicht umgekehrt”, sagte Ceptus zu Salivar, der pflichtschuldig nickte. “Oder sie sind diesen Teufeln ausgewichen.” Wieder nickte Salivar.
Ceptus verhörte den Gefangenen weiter, und nach und nach zeichnete sich ab, warum die Wilden hierhergekommen waren. Offenbar waren sie Gesandte ihres Königs Xi’grep, die sich hier mit einem Mann namens Xit’xi hatten treffen sollten, um über Handelsbeziehungen mit X’er zu sprechen. Ceptus vermutete, dass es sich bei X’er um den König eines anderen Volkes handelte. Sie hatten von Xi’tims Niederlage gehört und wollten die Gelegenheit nutzen, ihre Beziehungen zu X’er auszubauen.
“Xi’tim?“, fragte Ceptus.
“König und Gott, Bruder des Bu’bul, Gott seines Volkes”, erklärte der Rot’aix.
“Viele Könige und Götter”, stellte Ceptus fest. Rot’aix nickte, Salivar lachte leise.
Zunächst war Ceptus nicht klar, ob Xi’tim zum Volk des X’er gehörte oder zum Volk des Xi’grep, aber nach und nach begriff er, dass sie sich hier in einem Handelsaußenposten mehrerer Königreiche befanden; einem Ort, an dem die Reiche aufeinanderstießen und über den sie kommunizierten. Ceptus war erstaunt. So viel Zivilisation hatte er hier nicht vermutet.
“Was ist das Handelsgut des X’er?“, fragte Ceptus seinen Gefangenen.
“Edle Steine”, stammelte der, nach einigem Zögern. “X’er schlägt edle Steine aus dem Fels.”
“Edelsteine?“, fragte Ceptus interessiert. Auch Salivar horchte auf. “X’er besitzt eine Edelsteinmine?”
Rot’aix nickte eifrig.
“Dort sind sie”, stellte Ceptus fest. “Wenn Hektor, Callidus und die anderen von dieser Mine erfahren haben, sind sie dorthin aufgebrochen.”
“Strauchdiebe.” Salivar spuckte aus.
“Und selbst wenn sie nicht dorthin gegangen sind, ist es unsere Pflicht, diese Mine für unseren König in Besitz zu nehmen”, stellte Ceptus nach kurzer Überlegung fest.
Salivar nickte zustimmend.
“Rot’aix behalten wir”, sagte Ceptus dann. “Tötet die anderen.”
“Nein!” Rot’aix schrie erschrocken auf, aber die Soldaten schlugen ihn zu Boden, wo er benommen liegenblieb. Die übrigen Gefangenen wurden zur Seite gezerrt und von den Soldaten enthauptet. Ihre Köpfe wurden aufgespießt und um das Dorf herum verteilt aufgestellt.
Ceptus nickte zufrieden. “Jetzt brennt das Dorf nieder.”
Mit zwei Soldaten und Rot’aix verließ er das Dorf und zog sich in den Urwald zurück, während Salivar die Ausführung seiner Befehle überwachte. Bald darauf brannten die Hütten, und Ceptus zog sich noch ein wenig weiter zurück, um der Hitze der Flammen zu entgehen.
“Wohin?“, wandte er sich schließlich an Rot’aix, der leblos zu seinen Füßen kauerte und in die Flammen starrte. Ceptus gab einem der Soldaten ein Zeichen, und der gab Rot’aix eine Ohrfeige. Das riss ihn aus seiner Lethargie. “Wohin?“, wiederholte Ceptus.
Der Wilde schüttelte benommen den Kopf, sein Blick war ängstlich.
“Was soll das heißen?“, fragte Ceptus. Salivar und die übrigen Männer waren inzwischen aus dem brennenden Dorf zurückgekehrt, und die gesamte Kompanie versammelte sich um ihn und den Gefangenen.
“Ich kenne Weg nicht”, stammelte Rot’aix.
“Du sollst mit X’er verhandeln, aber du kennst den Weg nicht?”
Ein Raunen ging durch die Reihen der Männer, aber Salivar brachte sie mit finsteren Blicken zum Schweigen.
“Ich nicht wichtig”, stammelte Rot’aix. “Ich nicht Anführer. Anführer dort drüben. Anführer tot.” Er zeigte auf einen der Köpfe, der auf seinem Spieß steckend, mit glasigen, gebrochenen Augen in den Urwald starrte. “Er kennt Weg.”
Ceptus starrte das abgeschlagene Haupt an, das nun keinerlei Nutzen mehr für ihn hatte.
“Verdammt”, knurrte er und schlug Rot’aix mit der Faust zu Boden.