Kapitel 15 - 15.1 - Im Palast
Kapitel 15 - 15.1 - Im Palast
Als Ai’lif von der Ankunft der Krieger erfuhr, stieß sie die Mägde von sich und lief aus ihrer Kammer; Xir’tun war an ihrer Seite, die alt war und doch nie außer Atem kam. Sie lief in den Thronsaal, aber dort war niemand. Das verwirrte sie, und auch Xir’tun war sprachlos. Aber dann hörte sie Stimmen jenseits der Türen, und die Türen wurden aufgestoßen, und X’er und X’ude betraten den Saal, gefolgt von Xod’rex’ax und einigen Wachen. Bei ihnen waren X’exis und ein Fremder, und sie trugen einen Ohnmächtigen zwischen sich.
Ai’lif und Xir’tun traten zurück, um X’er passieren zu lassen, aber bei dem Anblick des Ohnmächtigen blieben sie stehen. Ai’lifs Beine versteinerten, wollten keinen Schritt mehr tun, ihre Brust zog sich zusammen, ihre Hände wurden kalt und klamm. Ihre Arme begannen zu zittern. Ein bleicher Teufel in glänzender Haut, mit blutigem Schopf. So blutig, als sei er ein Mensch.
X’er rief einen Befehl und Mägde brachten Decken herbei, auf die X’exis und der Fremde den Ohnmächtigen legten. Ai’lif trat neugierig an ihn heran und betrachtete ihn. Eine Haut, so bleich wie der volle Mond, aber Haar so dunkel wie das ihre.
“Ein bleicher Teufel”, flüsterte Xir’tun. “Haben die Krieger ihn erlegt?”
“Haben die Krieger den bleichen Teufel zu Fall gebracht?“, fragte Ai’lif X’er, und plötzliches Schweigen erfüllte den Saal.
Erst jetzt sah sie, dass noch weitere bleiche Teufel im Saal standen. Sie waren durch die Türen getreten, während die Mägde die Decken gebracht, und sie den Ohnmächtigen betrachtet hatte. Die bleichen Teufel waren nicht gebunden. Sie standen in ihrer Mitte, als seien sie Gäste oder gar Freunde; Ai’lif erstarrte.
X’er durchbrach das Schweigen, nachdem er X’ude einen Blick zugeworfen hatte. “Der bleiche Gott und seine Brüder haben Xi’tims Krieger in die Flucht geschlagen.”
Ai’lif sog Luft in ihre Brust und trat einen schwankenden Schritt zurück.
“Ein Gott”, flüsterte Xir’tun in ihr Ohr. “Ein Held. Der Tapferste unter den Kriegern.”
X’er winkte X’exis heran. Der Hauptmann trat mit zitternden Beinen vor seinen König und warf sich auf den Boden, in den Staub. Xod’rex’ax befahl ihm, sich wieder zu erheben, und X’exis gehorchte. Ai’lif betrachtete ihn unsicher, aber auch neugierig.
“Du hast sein Weib getötet, um ihn für dich zu haben”, erinnerte Xir’tun sie leise. “Aber als er frei war, hast du ihn verschmäht.”
“Ein gebrochener Mann”, murmelte Ai’lif. “Nicht mehr der Tapferste der Krieger.”
“Nicht mehr der Tapferste”, stimmte Xir’tun ihr zu. “Aber er hat sich im Kampf bewährt. Er hat das Dorf der Jäger und Fischer verteidigt, und er hat Seite an Seite mit den fremden Göttern gekämpft.”
Ai’lif zweifelte ihre Worte nicht an.
Mit bebender Stimme berichtete X’exis von Rotax’ems Ankunft, der mit viel Getreide in die Stadt gekommen war, und von den fremden Göttern, die in seinem Gefolge gereist waren, um X’er und X’ude ihren Respekt zu erweisen. Der Fremde an seiner Seite wies auf die bleichen Götter, die in ihrer Mitte standen, und die Anwesenden verneigten sich vor ihnen.
Ai’lif folgte ihrem Beispiel, aber sie stahl sich einen Blick auf den Grimmigsten der vier, und sie spürte einen kalten Stein in ihrem Bauch und einen Reif, der sich um ihre Brust legte und ihr den Atem nahm. Es waren zornige Götter. Ganz anders als der Ohnmächtige, der vor ihr auf den Decken lag.
X’exis fuhr fort: er berichtete von Xi’tims Kriegern, die zur gleichen Zeit aus dem Wald hervorgebrochen waren, und er berichtete von den fremden Göttern, die die Feinde mit donnernden Stäben aus der Entfernung getötet hatten. Und er berichtete von Hektor, der ihm das Leben gerettet, und dessen gleißende Waffe viele Feinde verstümmelt und getötet hatte. Er schloss seinen Bericht mit Xi’tims Krieger, der den Gott zu Fall gebracht hatte. Ai’lif spürte Kälte in ihrem Bauch.
“Aber der Schlag, der einem Menschen das Leben entrissen hätte”, fügte X’exis hinzu, “ist an dem glänzenden Schopf des Gottes nur abgeprallt. Er hat ihm die Stimme genommen, aber nicht das Leben.”
Danach herrschte beeindruckte Stille.
“Pflege den Gott”, befahl Xir’tun ihr schließlich, und Ai’lif trat vor ihren Vater und warf sich vor ihm in den Staub, wie eine Bittstellerin. X’er warf X’ude einen überraschten Blick zu.
“Warum wirfst du dich vor mir in den Staub, Ai’lif, meine Tochter?“, fragte er.
Ai’lif blickte zu ihm auf, umschlang seine Beine mit ihren Armen.
“Ich trete als Bittende vor dich, Vater. Ich erbitte von dir, den fremden Gott in meine Obhut zu geben, damit ich ihn pflegen kann. Lasse nach Kräuterfrauen rufen, aber überlasse die Pflege des Gottes mir. Denn er ist ein Gott und der Tapferste unter den Kriegern. Niemand anderes soll einen Gott pflegen als eine Prinzessin.”
X’er musterte sie einen Augenblick, dann sprach er leise mit X’ude. Schließlich nickte er. “So soll es sein.” Ein verständiges Lächeln lag auf seinen Lippen.
Dann wandte er sich an den Fremden, der den Ohnmächtigen gemeinsam mit X’exis in den Saal getragen hatte.
“Xit’xi, du sprichst die Sprache der fremden Götter. Teile ihnen mit, was wir beschlossen haben. Teile ihnen mit, dass meine Tochter Ai’lif ihren obersten und tapfersten Gott pflegen wird, damit er sich erhole und bald die Augen wieder voller Kraft öffne. Teile ihnen mit, dass sie meine Gäste sind, und wir ihnen dankbar sind für ihre Hilfe. Wir lassen sie in Kammern bringen, damit sie sich ausruhen und waschen und mit kostbaren Ölen salben können, und dann werden wir speisen und den Sieg über Xi’tim und seine Hunde feiern.”
Xit’xi wandte sich an die fremden Götter und sprach zu ihnen, aber Ai’lif beugte sich schon über Hektor, dessen Antlitz blass war wie das eines Toten. Sein Atem ging kräftig, und seine glänzende Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Einen Moment betrachtete sie ihn ehrfürchtig, dann rief sie Mägde und Wachen herbei und ließ ihn in ihre Kammer bringen. Sie hatte nur noch Augen für ihn und bemerkte nicht die finsteren Blicke, die die anderen Götter ihr zuwarfen. Und sie bemerkte auch nicht X’exis, der ihr mit seinen Blicken folgte.