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15.2 - Pflege

In Der Stille Der Götter — www.fanfiktion.de · All chapters

15.2 - Pflege

Die Mägde und Wachen trugen Hektor in Ai’lifs Kammer, Xit’xi und zwei der bleichen Götter folgten ihnen. Die Mägde betteten Hektor auf ein Lager und traten beiseite, und Xit’xi sprach mit den Göttern in ihrer Sprache, und die Götter traten zu Hektor und zeigten ihnen, wie sie die glänzende Haut von seinem Körper lösten. Ai’lif begutachtete die Riemen, mit denen die Haut gehalten wurde; sie nahm das kalte, schwere Hemd in ihre Hände, das darunter verborgen lag. Schicht um Schicht entkleideten die Götter Hektor, dann verließen sie die Kammer, um sich von Xit’xi zurück zu ihren Brüdern führen zu lassen.

Ai’lif blieb allein bei Hektor. Ihre Mägde brachten Wasser und Tücher, und sie tauchte die Tücher in das Wasser und wusch ihn. Sie wischte vorsichtig über sein Gesicht, wusch ihm das Blut von den Wangen und von der Schläfe und betrachtete die Wunde, die Xi’tims Krieger ihm geschlagen hatte. Die glänzende Schale auf seinem Kopf hatte die Wucht des Hiebes aufgefangen, und dennoch war die Wunde schwer.

“Dieser Schlag hätte jedem das Leben aus dem Leib getrieben”, erklärte Xir’tun neben ihr. “Nur ein Gott kann einen solchen Schlag überleben.”

Mit zitternder Hand wusch Ai’lif die Wunde aus. Sie betrachtete das dichte schwarze Haar, die geraden, kantigen Züge des Gesichts, das volle Haar um seinen Mund, welches sie von den Männern ihres Volkes nicht kannte. Sie wusch seinen Hals und seine Schultern, dann seine Arme und seine Brust, und verweilte mit den Fingern auf jeder Narbe, die er sich in unzähligen Kämpfen erworben haben musste. Sie zeugten von der Kraft und dem Mut eines Gottes.

“Ein tapferer Mann, ein mächtiger Gott”, murmelte Xir’tun.

“Der Tapferste unter den Kriegern”, flüsterte Ai’lif.

Sie wusch seinen Bauch und seine Beine, und zuletzt wusch sie sein Glied, das groß und bleich zwischen seinen Beinen lag, und sie erschauderte bei dem Gedanken, ihn in sich aufzunehmen, wenn sie sich mit ihm vereinte.

“Der Gott gefällt mir”, gestand sie Cu’la, die sich neben Xir’tun in den Schatten gestellt hatte. “Wer könnte einer Prinzessin würdiger sein als ein Gott?”

Xir’tun war unerbittlich. “Zunächst muss er überleben.”

“Er ist ein Gott!” Ai’lif war entrüstet.

“Auch Götter sterben”, sagte Cu’la sanft. “Sein Geist wird bleiben, wie auch ich geblieben bin, aber sein Körper wird verfallen, und du kannst dich nicht mit ihm vereinen und seine Söhne in dir tragen.”

Ai’lif verschränkte die Arme vor der Brust. “Aber er gefällt mir.”

“Dann pflege ihn gut”, ermahnte Xir’tun sie. “Und er wird wieder zu Kräften kommen.”

Hektor bewegte sich, und Ai’lif trat erschrocken einen Schritt zurück. Seine Augen blieben geschlossen, aber seine Stirn umwölkte sich, sein Körper bebte, und er warf den Kopf von einer Seite zur anderen. Er murmelte etwas, dann sprach er lauter und schneller, ein kurzer, dumpfer Schrei ... und er sank wieder in sich zusammen, reglos, schwer atmend.

“Was hat er gesagt?“, fragte Ai’lif.

Xir’tun und Cu’la schwiegen ratlos.

“Wie soll ich ihm zu Diensten sein?“, fragte Ai’lif aufgeregt.

“Die Götter sprechen in ihrer eigenen Sprache. Du musst sie lernen.”

Ai’lif war verzweifelt. “Wie soll ich die Sprache des Gottes lernen?” Ein Ring legte sich um ihre Brust, ein dunkler Knoten bildete sich in ihrem Bauch. Ihre Arme zitterten, brennende Tränen schossen ihr in die Augen. “Wie soll ich verstehen, was er spricht?”

Cu’la legte ihr eine Hand auf die Schulter. “Der Fremde.”

“Xit’xi”, ergänzte Xir’tun. “Er spricht die Sprache der Götter. Er wird sie dich lehren.”

Der Ring fiel wieder von ihrer Brust, der dunkle Knoten löste sich in ihrem Bauch; Ai’lif atmete erleichtert auf.

“Xit’xi!”

Ai’lif rief nach einer Magd und entsandte sie mit dem Auftrag, ihr Xit’xi zu bringen. Dann beriet sie sich mit Xir’tun und Cu’la, wie mit ihm zu sprechen war. Als die Schritte des Fremden durch den Gang vor der Kammer hallten, traten Xir’tun und Cu’la in den Schatten. Die Magd betrat den Raum und kündigte Xit’xi an, und Ai’lif befahl ihr, den Fremden einzulassen. Die Magd verbeugte sich, verließ die Kammer, und dann trat Xit’xi ein. Ein junger Mann von gutem Wuchs und großer Schönheit, wie ihr jetzt auffiel; er hatte ein verständiges Gesicht und hielt den Blick respektvoll gesenkt, wie es sich für einen Mann in der Gegenwart einer Prinzessin geziemte.

“Du bist Xit’xi”, stellte sie fest.

“Ja, Herrin.” Der junge Mann antwortete mit weicher Stimme. “Ich bin Xit’xi, Diener des Xi’grep, der ein Freund des X’er ist, eures Vaters.”

Ai’lif nickte anerkennend. “Du bist mit Rotax’em gekommen, einem Diener meines Vaters, der Getreide gebracht hat.”

“Ja, Herrin.”

“Bist du mit ihm gereist, um im Namen deines Herren zu sprechen? Bist du hier, um Handel zu vereinbaren?”

Xit’xi schüttelte den Kopf. “Nein, Herrin. Ich habe einen Boten mit Kunde von X’ers großem Sieg über Xi’tim zu meinem Herrn gesandt, aber ich habe noch keine Antwort von ihm erhalten. Aber Xi’grep sehnt sich nach den edlen Steinen, die X’er aus dem Fels schlägt, und er wird Handel treiben wollen.”

“Aber deshalb bist du nicht hier?”

“Nein, Herrin.” Wieder schüttelte Xit’xi den Kopf. “Ich muss die Stimme meines Königs vernehmen, bevor ich für ihn sprechen kann.”

“Du sprichst wahr, Xit’xi.” Ai’lif nickte zufrieden. “Deine Worte sind weise und verständig. Aber sage mir: warum bist du mit Rotax’em gekommen? Warum bist du, ohne Auftrag deines Königs, in die Stadt des X’er gereist?”

“Um Rotax’em zu helfen, der ein guter Freund und Nachbar für mich ist”, antwortete Xit’xi. “Die bleichen Fremden sind in unser Dorf gekommen, mit dem Wunsch, X’er und X’ude ihren Respekt zu erweisen. Sie kommen von weither und wollen zu ihm sprechen. Ich spreche ihre Sprache, deswegen bat Rotax’em mich, ihn zu begleiten, um zu übersetzen.”

“Du sprichst ihre Sprache”, stellte Ai’lif fest.

“Ja, Herrin.”

“Wieso sprichst du ihre Sprache?“, fragte sie. “Bist du ein Gott, wie sie?”

“Nein, Herrin.” Xit’xi hob erschrocken die Hände, die Augen weit aufgerissen. “Ich bin kein Gott. Ich bin ein Diener Xi’greps, und ich lebe einzig, um seinen Worten zu folgen.”

“Warum also sprichst du ihre Sprache?”

“Ein Händler kam in die Stadt des Xi’grep. Ein bleicher Fremder. Er hat mich die Sprache der Fremden gelehrt. Gerade so viel, dass ich verstehe, was sie sagen, und gerade so viel, dass ich ihnen antworten kann. Als Xi’grep davon erfuhr, sandte er mich aus, mit anderen Völkern in seinem Namen Handel zu treiben, denn er glaubt, dass ich verständig bin und ihn gut vertreten kann.”

“Ein Fremder hat dich ihre Sprache gelehrt?“, fragte Ai’lif, und ihre Brust hob und senkte sich vor Erregung. “Kannst du mich also ihre Sprache lehren? Kann dieses Wissen von einem Menschen zum nächsten weitergereicht werden?”

“Ja, Herrin”, antwortete Xit’xi.

Ai’lif war erleichtert. Es war, wie Xir’tun und Cu’la ihr vorhergesagt hatten.

“Dann lehre mich die Sprache der Fremden. Ich will sie verstehen, wie du sie verstehst.”

Xit’xi verneigte sich vor ihr. “Ja, Herrin.”