15.3 - Ai'lif will Hektor
15.3 - Ai'lif will Hektor
Ai’lif fand X’er in der Kammer der Ahnen, wo er auf einem steinernen Sitz saß und Zwiesprache mit X’ude hielt. Sie lief zu ihm und warf sich ihm zu Füßen, und X’er betrachtete sie mit gefurchter Stirn; X’ude erhob sich und trat in den Schatten, seine Augen zwei lodernde Steine, die er aus dem Dunkel auf sie gerichtet hielt. Xir’tun trat hinter Ai’lif und griff unter ihre Arme und zerrte sie von den Beinen ihres Vaters.
“Warum unterbrichst du mein Gespräch mit X’ude?“, grollte X’er.
Ai’lif warf sich vor ihm in den Staub, um ihre Reue zu zeigen, erhob sich dann aber wieder, ignorierte Xir’tuns Zischen, kniete sich vor ihrem Vater auf den Boden und umschlang seine Knie erneut und blickte zu ihm auf.
X’ers Blick wurde weich, und X’ude trat aus dem Schatten hervor ins Licht und setzte sich auf seinen steinernen Sitz. Seine Augen loderten nicht mehr sondern glichen dem ruhigen Wasser des Sees, das im Mondlicht vor ihr glitzerte. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen.
“Ich habe den Gott Hektor in meiner Obhut, Vater”, begann sie, und X’er nickte. “Ich pflege ihn und sorge dafür, dass er seinem Fieberwahn entrinnt. Er soll wieder zu den Lebenden zurückkehren und zu Kräften kommen.”
“So ist es besprochen”, stimmte X’er zu.
“Hektor ist ein tapferer Krieger”, sagte Ai’lif.
“X’exis hat es so berichtet.” X’er nickte. “X’exis ist ein guter Hauptmann und ein tapferer Krieger, und er hat von dem Gott Hektor in großen Worten gesprochen. Hektor ist ein tapferer Krieger.”
“Der Tapferste unter den Kriegern”, sagte Ai’lif mühsam.
X’er zögerte. Sein Blick wurde leer, sein Gesicht erschlaffte, und er lauschte auf die Worte, die X’ude ihm zuraunte. Sein Blick klarte wieder auf, ein Lächeln erschien auf seinen Lippen.
“Der Tapferste unter den Kriegern”, antwortete er und seine Augen funkelten.
Ai’lif hörte das zustimmende Raunen der Ahnen, als sie die nächsten Worte sprach: “Du selbst hast es gesagt: der Tapferste unter den Kriegern soll mein Ehemann sein. X’exis ist ein tapferer Krieger, aber er war seinem Weib versprochen. Und nach dem Tode seines Weibes ist er gebrochen und nur noch tapfer, aber nicht mehr der Tapferste. Hektor ist der Tapferste unter den Kriegern, und er ist ein Gott. Wer ist würdiger, die Tochter des X’er zu heiraten? Wer ist es würdiger als ein Gott?”
“Der Tapferste unter den Kriegern und ein Gott?“, murmelte X’er und warf X’ude einen Blick zu. X’ude wandte das Haupt zu Xir’tun, und Ai’lif spürte, dass die beiden miteinander sprachen. Xir’tun nickte und antwortete ihm: “Eine Verbindung zu dem bleichen Gott stärkt X’ude und X’er und das ganze Volk.”
Und X’ude wandte sich zu X’er und raunte ihm zu, und X’er nickte noch immer nachdenklich. “Zwei Götter, die das Volk des X’er beschützen”, sagte er schließlich. “Ein mächtiger fremder Gott, der zu seinem Bruder X’ude reist, um ihm seinen Respekt zu erweisen und an seiner Seite zu stehen und zu kämpfen ...”
“Ich habe Xit’xi befohlen, mich die Sprache der Götter zu lehren”, rief Ai’lif aus.
“Xit’xi?”
“Der Diener des Xi’grep. Er ist mit Rotax’em gekommen, um die fremden Götter zu begleiten und zu übersetzen. Er und X’exis haben Hektor in den Palast getragen und zu deinen Füßen niedergelegt.”
X’er warf X’ude einen Blick zu, und der Gott nickte. X’er nickte ebenfalls.
“Du sollst ihre Sprache lernen, Ai’lif. Du sollst Hektors Worte verstehen; die Worte deines zukünftigen Ehemanns. Aber zunächst muss er aus dem Fieber erwachen, und er muss sich als gut und verständig erweisen.”
“Aber, er ist ein Gott!“, rief Ai’lif aus. Xir’tun packte sie an der Schulter und zog sie zurück. Ai’lif wollte sich aus ihrem Griff winden, aber es gelang ihr nicht.
“Widersprich deinem Vater nicht, Kind!“, raunte Xir’tun ihr ins Ohr. “Er hat weise gesprochen. Du kennst Hektors Wesen nicht und weißt nicht, ob sein Dämon weise ist und ihm guten Rat gibt.”
Ai’lif warf Xir’tun einen zornigen Blick zu, aber sie nickte und entwand sich ihrem Griff. Xir’tun hatte Recht. Ai’lif neigte zerknirscht das Haupt. “Ja, Vater, ich danke dir.”
“Wir werden X’exis heute Abend bei dem Festmahl danken, dass er Hektor zu uns gebracht hat”, sagte X’er, als Ai’lif sich abwenden wollte.
“Das Festmahl?“, fragte sie.
“Zu Ehren der bleichen Götter, die gekommen sind, uns im Krieg gegen Xi’tim zu unterstützen. Wir werden speisen und trinken, und wir werden die Fremden feiern.”
Ai’lif erstarrte. Xir’tun flüsterte ihr ins Ohr.
“X’exis soll in seiner Hütte im Dorf der Fischer bleiben”, bat Ai’lif ihren Vater dann.
X’er war überrascht, auch X’ude runzelte die Stirn. “Warum sagst du das?”
Ai’lif rang mit sich, wünschte sich weiteren Rat, aber Xir’tun schwieg.
“X’exis hat die Ehre des X’er nicht gemehrt, er stand im Schatten der fremden Götter. War es nicht seine Aufgabe, die Krieger des Xi’tim rechtzeitig zu entdecken und die Stadt gegen sie zu verteidigen?”
“Und hat er nicht genau das getan?“, fragte X’er. X’udes Blick wurde ungeduldig.
“Die fremden Götter haben das getan”, antwortete Ai’lif. Xir’tun stand neben ihr und schien Ma’sinas Gesicht zu tragen, das Gesicht der Kräuterfrau. Ai’lif erstarrte. Es war ihre Schuld, dass X’exis gebrochen und ohne Weib war; sie wollte ihn nicht sehen. “X’exis stand in ihrem Schatten. Er hat das Schlachtfeld verlassen und Hektor in den Palast getragen.”
“Und damit einem Gott gedient”, erwiderte X’er.
“Und mir”, gab Ai’lif zu.
X’er schaute sie einen Augenblick eindringlich an, und X’ude neigte sich zu ihm und flüsterte ihm etwas ins Ohr, und sein Blick wurde weich. Er nickte. “Ich werde X’exis nicht zu dem Festmahl laden.”
Dann gab er ihr ein Zeichen, und Ai’lif verließ die Kammer voller Erleichterung wieder.