Kapitel 1 - 1.1 - Der Tag beginnt
Kapitel 1 - 1.1 - Der Tag beginnt
Es war noch Nacht, als X’exis sich von seinem Lager erhob und durch die niedrige Tür aus der steinernen Hütte trat. Das Wasser des Sees lag vor ihm, glatt wie ein polierter Stein, die Luft war mild und ein sanfter Hauch strich über den See heran. In den anderen Hütten war es noch dunkel, aber auch seine Nachbarn würden bald aufstehen: wer Fisch fangen wollte, ging früh zu Werk.
X’exis atmete mehrmals tief ein und aus; sein Blick blieb auf das Wasser gerichtet, auf das Funkeln der Sterne, die sich in ihm spiegelten. Einen Moment verharrte er, genoss die kühle Luft, die über seinen Oberkörper und seine Arme strich, genoss das Gefühl der Ruhe. Dann kehrte er in seine Hütte zurück.
Ret’am murmelte im Schlaf. Sie drehte sich von einer Seite auf die andere; das Fell, mit dem sie sich in der Nacht wärmten, rutschte von ihr herab.
X’exis nahm das Talglicht aus der Nische gegenüber der Tür, entzündete es an der Glut der Feuerstelle und trug es zu X’er. Er kniete nieder, nahm einen hölzernen Becher und schöpfte Wasser aus einem kleinen Bottich. Er füllte Getreide in eine Schüssel und begann es zu mahlen, dann begoss er das gemahlene Getreide mit dem Wasser, verrührte es zu einem Brei und hielt X’er die Schüssel entgegen.
“Ich, X’exis, biete dir die Opfergabe. Ich bitte dich, über mir zu wachen und meiner Familie Nahrung zu geben und mich mit dem Boot zu reichen Fischgründen zu leiten.”
X’exis wartete, aber X’er beachtete ihn nicht. Ein unruhiges Gefühl breitete sich in seiner Brust aus. Er wiederholte seine Bitte, aber X’er blieb stumm.
Also wandte X’exis sich an Tak’six, seinen Vater: “Gib mir weisen Rat und leite mich mit dem Boot zu reichen Fischgründen. Du bist ein großer Fischer, du kennst die Zeichen, denen es zu folgen gilt.”
Er hielt Tak’six die Schüssel mit dem Getreidebrei entgegen, aber auch der antwortete ihm nicht.
Verunsichert hob X’exis den Kopf. Er warf Ret’am einen Blick zu, die sich inzwischen von ihrem Lager erhoben hatte, aber sie war damit beschäftigt, das Feuer anzufachen.
X’exis wartete, bis das Feuer brannte und Ret’am sich gesetzt hatte, dann ließ er sich mit übergeschlagenen Beinen neben ihr nieder und hielt ihr die Schüssel entgegen. Sie nahm sie, lächelte und aß. Sein Blick wanderte zu ihrem geschwollenen Bauch, in dem sie seinen Sohn trug. Tak’six hatte ihm die Zeichen gedeutet, und auch Ret’ams Ahnen hatten es bestätigt: in wenigen Monden würden sie Eltern eines Sohnes sein, eines Stammhalters, eines Jungen, der sein Andenken bewahren sollte.
“Haben X’er und Tak’six dir Rat gegeben?“, fragte Ret’am, als sie ihm die Schüssel zurückgab. X’exis aß den Brei mit den Fingern. Der Brei war kalt, aber nahrhaft, und sie würden nicht hungern, solange sie Getreide hatten ... aber sie brauchten auch Fisch, sie brauchten auch Fleisch. X’exis wollte, dass sein Sohn kräftig in die Welt kam.
“Nein.” Sein Herz schlug noch immer aufgeregt, und seine Arme und Beine waren schwer wie Stein. “Ich fürchte, unser Opfer hat ihnen nicht gefallen.”
“Es ist alles, was wir haben.” Ret’am blickte traurig zu Boden. “Ich werde Beeren pflücken gehen.”
X’exis nickte, strich ihr sanft über den Arm.
“Ich werde den anderen folgen”, entschied er dann leise. “Sie wissen, wo der Fisch ist; sie wissen es immer. Ich werde Fisch fangen und dann werden wir X’er und Tak’six ein Opfer bringen, und sie werden wieder zu mir sprechen.”
Ret’am nickte, die Hand auf ihrem Bauch. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
“Dein Sohn ist kräftig”, sagte sie. “Er tritt seine Mutter. Er wird ein guter Fischer und Jäger werden, genau wie sein Vater.”
X’exis erwiderte ihr Lächeln und legte ihr die Hand auf den Bauch. Er spürte das Strampeln seines Sohnes, die kräftigen Bewegungen, und für einen Moment vergaß er seine Sorgen. Dann beugte er sich vor und gab Ret’am einen Kuss, bevor er aufstand und zur Türöffnung ging.
Als er aus der Hütte trat und zu seinem Einbaum an den Strand ging, waren auch die ersten Nachbarn aufgestanden. Sie liefen zu ihren Booten, um ihre Vorbereitungen zu treffen, begrüßten einander mit einem Kopfnicken und einigen leisen, freundlichen Worten. Fischen war eine stille Angelegenheit, und niemand wollte die Ruhe stören, die über dem Wasser lag.
X’exis kontrollierte sein Netz, wie Tak’six es ihn gelehrt hatte. Tak’six hatte ihm erklärt, wie die Maschen zu flicken waren und wie er das Netz legen musste, um es mit einem gezielten Schwung aus dem Boot werfen zu können. Nun nahm er das Netz auf und übte die Bewegung, ebenso wie die anderen Fischer sie übten; es war ein Ritual, mit dem sie den Göttern und Ahnen bewiesen, dass sie das Fischen nicht verlernt hatten. So zollten sie ihnen Respekt.
Dann zog X’exis sein Boot ins Wasser. Er beeilte sich nicht, denn er wollte seinen Nachbarn den Vortritt lassen; die zogen ihre Boote ebenfalls in den See. Fuhren sie voraus, konnte er ihnen folgen.
Er warf einen Blick auf Rot’ud, der stumm im Bug des Einbaums saß, aber Rot’ud beachtete ihn nicht.
Seine Nachbarn stießen zielstrebig in den See hinaus, und X’exis tauchte sein Paddel in die seichten Wellen, um ihnen zu folgen. Mit kräftigen Armen zog er das Holz durch das Wasser und trieb sein Boot voran, darauf bedacht, den Vorsprung der anderen nicht zu groß werden zu lassen.
Nach kurzer Fahrt hielten die ersten Boote, glitten in der Dunkelheit still auseinander und teilten den Fischgrund unter sich auf. X’exis beobachtete sie, sah sie schemenhaft im morgendlichen Nebel, der sich auf dem Wasser ausbreitete, und wartete, ob sie die Netze auswarfen oder weiterfuhren.
Die ersten Netze flogen und tauchten in das Wasser des Sees, und X’exis tat es seinen Nachbarn gleich. Er warf sein Netz aus, das sich im Flug zu einem vollendeten Kreis ausbreitete und klatschend auf das Wasser fiel. Die Gewichte an seinen Rändern zogen es hinab in die Tiefe. X’exis beherrschte die Technik des Fischens besser als seine Nachbarn und Freunde, und häufig waren sie neidisch auf den Fang, den er einbrachte.
Aber als er das Netz wieder einholte, war es leer. Beklemmung schnürte ihm die Brust zusammen. Auch die anderen holten leere Netze ein, und X’exis sah, wie die Paddel aufgenommen wurden und die Boote in die Dunkelheit glitten. Er folgte ihnen.
Wieder hielten sie, wieder wurden die Netze ausgeworfen, wieder brachte X’exis keinen Fang ein, aber in den Booten der anderen sah er die ersten silbernen Fische im beginnenden Licht des neuen Tages zappeln.
Gewissenhaft legte er sein Netz zusammen und warf es erneut. Sie hatten den Fischgrund erreicht, nun musste er den Fisch nur noch fangen. Er murmelte ein Gebet zu X’ude, dem Gott seiner Stadt; von ihm erwartete er keine Antwort. X’er, sein König, sprach mit X’ude und X’ude sprach durch X’er. X’ude sprach niemals zu einem seiner Untertanen, aber er hörte, was sie sagten, und wenn ihm danach war, schenkte er ihnen Hilfe und Beistand. Manchmal waren es Zeichen, manchmal die Stimme des X’er, die seine Antwort verkündete. Meistens aber blieb er stumm, denn X’ude war ein mächtiger Gott, und die Mächtigen kümmerten sich nur selten um die Sorgen der Einfachen.
Diesmal sandte X’ude ihm ein Zeichen: unruhiges Wasser, das brodelte, als kochte es. Eine große Menge Fische hatte sich versammelt und wartete nur darauf, gefangen zu werden.
Mit leisem Paddel bewegte X’exis sein Boot zum schäumenden Wasser. Aber die anderen Fischer hatten es ebenfalls bemerkt und ihre Boote gedreht, und da ihre Boote der Stelle näher gelegen hatten, trafen sie vor X’exis ein und brachten ihre Netze aus. X’exis blieb nichts anderes übrig, als sein Netz abseits der fischreichen Stelle über den See zu werfen. Während seine Freunde und Nachbarn reichen Fang einholten, blieb sein Netz leer.
Stunden vergingen, und als die Sonne hoch am Himmel stand und die Zeit des Fischens vorüber war, machten die Boote kehrt und fuhren zum Ufer zurück.
X’exis zog seinen Einbaum an den Strand und sicherte ihn, kontrollierte das Netz und spannte es auf, damit es trocknete und nicht verdarb; aber während die anderen die Fische aus ihren Booten hoben und in Körbe luden, um sie zum Markt zu tragen, konnte X’exis nur nach Hause zurückkehren, in seine steinerne Hütte, zu seiner Frau und seinem ungeborenen Sohn.
Seine Nachbarn lachten, als er mit gesenktem Haupt an ihnen vorüberging, so wie er über andere lachte, wenn diese keinen Fang an Land brachten. Er spürte Enge in der Brust und eine dunkle Wolke, die sich über seiner Stirn ausbreitete.
Ret’am erwartete ihn bereits. Sie hatte Beeren gesammelt, und so aßen sie Getreidebrei und Beeren. Sie würden nicht hungern, aber sie konnten X’er und Tak’six kein reiches Opfer bringen, und auch Rot’ud, der mit ihm aus dem Boot ins Haus zurückgekehrt war, konnte er nicht angemessen bewirten. X’exis biss sich auf die Lippen. Es musste einen anderen Weg geben, Nahrung zu finden.