16.3 - Rotax'ems Erkenntnis
16.3 - Rotax'ems Erkenntnis
Rotax’em bebte vor Erregung, als er zum zweiten Mal an diesem Tag vor der Tür des Thronsaals stand und darauf wartete, eingelassen zu werden. Xi’la stand bei ihm und sprach beruhigend auf ihn ein. Neben ihnen stand Xit’xi, und vor ihnen die fremden Götter. Callidus führte sie, denn Hektor lag im Fieber und wurde von der Prinzessin gepflegt.
Dann öffnete sich die Tür und die Wachen traten beiseite. Callidus ging mit strammen Schritten voran, die anderen dicht an seinen Fersen; Xit’xi, Rotax’em und Xi’la folgten ihnen und dahinter kamen die Würdenträger der Stadt, die Rotax’em nicht kannte, mit denen er aber sprechen würde, um Verbindungen zu knüpfen. Das würde ihm helfen, sein Band zu X’er und der Stadt und dem Volk zu festigen, bevor er in den Außenposten zurückkehrte.
Callidus blieb in der Mitte des Saales stehen, nachdem Xit’xi vorausgeeilt war und sich vor ihm in den Staub geworfen hatte. Seine Brüder traten neben ihn. Rotax’em und alle anderen warfen sich hinter ihnen in den Staub, um X’er ihren Respekt zu zollen, aber aus dem Augenwinkel sah er, dass die Fremden stehenblieben und X’er direkt anblickten.
“Wahre Götter verneigen sich nicht vor einem König”, murmelte Xi’la ihm ins Ohr.
X’er erhob sich von seinem Thron, und mit ihm X’ude, und die Ahnen traten aus den Schatten, in denen sie sich verborgen gehalten hatten. Die dämonischen Fratzen in den Wänden des Saales rissen die Augen weit auf, um nichts von der Begegnung der Götter zu versäumen.
Rotax’em presste sich tiefer in den Staub, hielt das Haupt gesenkt, verfolgte das Geschehen nur ängstlich aus den Augenwinkeln. Die Ahnen näherten sich den fremden Göttern, umringten sie, aber die Fremden beachteten sie nicht. Rotax’em lief ein Schauer durch den Körper. Die Ahnen waren so gewaltig und umso vieles mächtiger als er ... er hätte ihre Nähe nicht ertragen können. Aber die Fremden waren nicht beeindruckt; sie würdigten die Ahnen keines Blickes.
X’er sprach zu den Fremden, und Rotax’em war so ergriffen, dass er zwar hörte, aber nicht verstand.
“X’er dankt ihnen für ihre Hilfe und heißt sie an seinem Hof willkommen”, raunte Xi’la ihm zu. Die Stimme seines Dämons beruhigte ihn. Die Stimmen der Fremden waren kein Ersatz für die Stimmen seines Königs, seiner Ahnen, seines Dämons. Wenn sein Dämon zu ihm sprach, schlug sein Herz ruhig und gleichmäßig, aber wenn die Fremden zu ihm sprachen und ihm Befehle erteilten, geriet sein Herz in Aufruhr.
Dann sprach Callidus, und Xit’xi übersetzte, und Rotax’em war enttäuscht, denn die Worte waren schal und leer. Das waren nicht die Worte von Göttern; das waren nicht die Worte, die Hektor gesprochen hätte; das waren die unbeholfenen Worte eines Kriegers.
“Ich vermisse Hektor”, flüsterte Xi’la ihm ins Ohr.
Rotax’em nickte. “Ja. Hektor ist der wahre Gott. Callidus und die anderen sind wie Kinder neben ihm. Ohne Hektor sind sie unbeholfen.”
Eine Weile ging die Unterhaltung hin und her, bevor Rotax’em und den übrigen Gästen gestattet wurde, sich zu erheben und sich auf ihre Decken und Kissen zu setzen. Rotax’em wurde von einer Wache zum Fuß des Podests geführt, auf dem X’er und X’ude thronten, und X’er erhob sich und begrüßte ihn freundlich. Rotax’ems Arme und Beine zitterten, und er dankte für die Güte und Ehre.
“Du bist uns ein guter Freund, Rotax’em”, sagte X’er. “Du sollst zu unseren Füßen sitzen, wie wir es dir versprochen haben, und du sollst mit uns speisen und trinken. Und die Tänzerinnen sollen dir zu Ehren tanzen und die Musikanten sollen dir zu Ehren aufspielen.”
Dann klatschte er in die Hände, und die Tänzerinnen kamen zwischen den Säulen hervor und tanzten, während die Musiker im Schatten blieben. Sklaven und Mägde kamen in den Saal und trugen große Platten mit vielen Speisen und brachten Krüge mit Wasser und Vergorenem; Rotax’em war überwältigt: noch nie hatte er so viele Speisen auf einmal gesehen, noch nie hatte er an einem Festmahl teilgehabt, das Königen und Göttern vorbehalten war.
Xi’la setzte sich neben ihm auf eine Decke. “Schau, die fremden Götter”, flüsterte er. “Sie haben nur Augen für die Tänzerinnen. Sie achten weder die Ahnen noch die Dämonen.”
Rotax’em beobachtete Callidus und seine Brüder. Tatsächlich schoben sie die Ahnen achtlos beiseite, während sie sich zu ihren Plätzen begaben; sie wischten die Dämonen fort, ohne sie wahrzunehmen; sie hatten nur Augen für das Essen und die Tänzerinnen.
“Sie bemerken sie nicht”, murmelte Xi’la.
Rotax’em schüttelte vorsichtig den Kopf. “Sie missachten sie, weil sie Götter sind. Sie entscheiden, wen sie beachten. Sie sind keine Menschen, die Königen und Göttern Gehorsam schulden, sie fordern Gehorsam ein. Sie müssen andere Götter nicht beachten.”
Xi’la widersprach: “Sie nehmen sie nicht wahr. Die Ahnen haben sich zu ihnen gesetzt und das Wort an sie gerichtet. Auch für einen Gott geziemt es sich nicht, das Wort der Ahnen zu missachten. Besonders hier, wo die Ahnen Könige und Götter waren.”
Rotax’em beobachtete die Fremden weiter, und nach und nach erkannte er, dass Xi’la Recht hatte. Die Fremden mieden die Ahnen und Dämonen nicht, weil sie stärker und mächtiger waren ... sie nahmen sie nicht wahr.
Ungläubig schüttelte er den Kopf. “Sie sehen nur wenige der Vielen in diesem Saal.”
Xi’la drängte sich an ihn. “Misstraue den Fremden”, knurrte er ihm ins Ohr. “Sie sind nicht, was sie vorgeben. Wahre Götter respektieren die Ahnen; wahre Götter beachten die Dämonen. Misstraue ihnen.”
Rotax’em nickte langsam. Im Kreise seines Volkes vergaß er, welche Stütze die Fremden ihm auf der Reise gewesen waren, als Xi’la und Xit’na’ref geschwiegen hatten.
Irgendwann gelang es Rotax’em, sich neben Xit’xi zu setzen. Rotax’em hatte es nicht gewagt, sich von X’er zu entfernen, aber Xi’la hatte ihn bedrängt, und als er sich vorsichtig bewegt hatte, hatte X’er ihm die Erlaubnis gegeben, sich zu erheben.
Xit’xi blickte überrascht auf, als Rotax’em und Xi’la sich neben ihm auf dem Boden niederließen. Sie achteten darauf, den Fremden nicht zu nahe zu kommen.
“Was bedrückt dich, Rotax’em?“, fragte Xit’xi. “Du verlässt deinen Platz bei X’er, um dich zu mir zu setzen? Deinem Nachbarn und Untertan eines fremden Königs? Sehnst du dich nach der Einfachheit unseres Dorfes?” Xit’xi lachte fröhlich, und Rotax’em stimmte erleichtert ein. Er erinnerte sich an die vielen Gespräche, die sie in ihrem kleinen Dorf führten, und die Leichtigkeit, mit der sie einander dort neckten.
“Es ist eine große Ehre, zu Füßen meines Königs und Gottes sitzen zu dürfen”, sagte Rotax’em schließlich. “Ich genieße es und werde mich schnellstmöglich wieder in seinen Schatten begeben. Dort ist es herrlicher als in der Sonne, die über deinem König Xi’grep scheint.”
Xit’xi lachte und klopfte ihm auf die Schulter.
“Erzähle ihm, was dir an den Fremden aufgefallen ist”, drängte Xi’la.
Xit’xi war überrascht. “Die Fremden? Haben die bleichen Götter X’ers Unmut erregt?” Er warf den bleichen Göttern einen verstohlenen Blick zu. Die bemerkten das nicht, waren zu sehr mit Speise und Trank und dem Anblick der Tänzerinnen beschäftigt.
“Nein.” Rotax’em schüttelte den Kopf.
“Noch nicht”, warf Xi’la ein.
“Ist es dir nicht aufgefallen, Xit’xi?“, fragte Rotax’em. “Du sitzt in ihrem Schatten, siehst jede ihrer Bewegungen.”
“Was aufgefallen?” Xit’xi war verwirrt.
“Erzähle ihm, dass sie die Ahnen nicht achten”, ereiferte sich Xi’la. “Erzähle ihm, dass sie die Dämonen schmähen. Erzähle ihm, dass sie das nicht tun, um sie zu verhöhnen, sondern weil sie sie nicht sehen.”
“Sie sehen die Ahnen nicht?“, fragte Xit’xi überrascht. Er warf den Fremden einen erneuten Blick zu. Dann ließ er seine Augen über die übrigen Gäste wandern: die Adligen der Stadt, die Ahnen und Dämonen, die sich zwischen ihnen sammelten und bewegten, die von einem zum anderen glitten, hin und wieder ein Wort raunten, das mit großen Augen vernommen und mit Dank bedacht wurde. “Wie können sie die Ahnen nicht sehen, wenn sie Götter sind?”
“Sie sind keine Götter”, flüsterte Xi’la.
Rotax’em spürte Kälte in seinen Armen und seinen Beinen. Seine Brust schnürte sich zusammen, er konnte nicht atmen.
“Keine Götter?“, entfuhr es Xit’xi. Er hatte die Augen erschrocken aufgerissen.
Rotax’em legte ihm einen Finger auf die Lippen, und Xit’xi verstummte.
“Hektor ist ein Gott”, sagte Rotax’em, und Xi’la nickte. “Ich habe seine Stimme gehört, als sie unser Dorf betraten. Er ist ihr Führer. Die anderen ... Xi’la glaubt nicht, dass sie Götter sind. Sie sind nur die Gefolgsleute Hektors und geben vor, etwas zu sein, das sie nicht sind.”
Xit’xis Gesicht erschlaffte, seine Lippe hing, seine Augen wurden glasig. Sein Blick richtete sich in die Ferne. Nach einer Weile straffte er sich wieder; er schüttelte den Kopf.
“Ich verstehe nicht ...“, murmelte er. “Was sind sie?”
Rotax’em warf Xi’la einen fragenden Blick zu, aber der blieb stumm. Wieder zog sich Rotax’ems Brust zusammen.
“Misstraue denen, die die Ahnen nicht ehren und die Dämonen schmähen”, murmelte er. “Sie können keine wahren Götter sein, denn wahre Götter ehren die Ahnen und achten die Dämonen.”
“Aber ...” Xit’xi starrte ihn dumpf an.
“In zwei Tagen breche ich auf”, sagte Rotax’em schließlich. “Ich habe mit X’er gesprochen. Er hat mir aufgetragen, mich zwei Tage auszuruhen und dann in unser Dorf heimzukehren, um dort weiter Handel zu treiben. Wirst du mich begleiten, Xit’xi?”
Xit’xi warf den Fremden einen letzten, unsicheren Blick zu, dann schüttelte er den Kopf.
“Ich werde bleiben.”
“In X’ers Stadt?”
“Auf Geheiß der Prinzessin”, erklärte Xit’xi. “Sie hat mir befohlen, sie in der Sprache der fremden Götter zu unterrichten. Sie will allein mit ihnen sprechen können, ohne einen Übersetzer. Ein einfacher Mann darf nicht hören, was eine Prinzessin mit den Göttern zu besprechen hat.”
Rotax’em betrachtete Xit’xi voller Bewunderung. “Eine große Ehre, Xit’xi”, stieß er hervor. “Die Prinzessin ist sicher eine gelehrige Schülerin. Seit ihre Mutter starb, ist sie die mächtigste Frau im Reich.”
Xit’xi nickte strahlend. “Ich werde so lange bleiben, wie X’er und Ai’lif einen Nutzen in mir sehen. Dann werden sie mich nach Hause schicken, und ich werde mich rühmen können, Zeit im Palast deines Königs und Gottes verbracht und seine Tochter in der Sprache der fremden Götter unterrichtet zu haben.”
Rotax’em lachte und klopfte Xit’xi auf die Schulter. “Eine große Ehre”, wiederholte er dann. “Eine große Ehre.” Schließlich erhob er sich wieder. Er wagte es nicht, X’er länger warten zu lassen. “Misstraue den Fremden”, sagte er noch einmal, dann kehrte er zurück zu seiner Decke und setzte sich mit einer tiefen Verbeugung wieder X’er zu Füßen.