Kapitel 17 - Abreise
Kapitel 17 - Abreise
X’exis hatte eine unruhige Nacht verbracht. Ret’am und sein ungeborener Sohn ließen seine Gedanken nicht los, besuchten ihn besonders nachts, wenn niemand sonst das Wort an ihn richtete. Er hatte an das Kräuterweib gedacht, das Ret’am den bösen Trank gegeben hatte, und an Ai’lif, die das Kräuterweib zu dieser Tat getrieben hatte. Das hatte ihn in ein dunkles Loch gestürzt, so schwarz, wie die Nacht, die ihn umgeben hatte, und nur mühsam war er daraus wieder hervorgekrochen. All das, weil er X’er gedient und seinen Dank errungen hatte, und damit die Aufmerksamkeit der Prinzessin.
Hatte er nicht X’ers Kriegszug zu einem guten Ende geführt? War er nicht der neue Hauptmann der Krieger aus dem Dorf der Fischer und Jäger? Hatte er nicht die Aufgabe von X’ep’nis zu Ende geführt, als der von einem Feind erschlagen worden war? Und war X’ep’nis nicht stets zu Siegesfeiern in den Palast eingeladen worden, wie es einem Hauptmann zustand? Wachen hatten ihm berichten lassen, dass X’er eine Feier zum Sieg über Xi’tim ausgerichtet hatte; aber X’exis war nicht eingeladen worden. Das sorgte ihn.
Während er darüber nachgrübelte, kam ihm ein unerwarteter Gedanke: mit Rotax’em waren die fremden Götter in der Stadt eingetroffen, und mit ihrem Eintreffen war er in der Gunst des Königs gesunken. Sollte er nicht zu Rotax’em gehen, um mehr über die fremden Götter zu erfahren? Vielleicht konnten sie ihm helfen, wieder die Gnade seines Königs zu erleben.
Rotax’em war X’ers Gast, also ging X’exis zum Palast und sprach mit den Wachen, die ihn passieren ließen. X’exis wanderte durch die leeren Gänge, sah die in Stein geschnittenen Fratzen der Dämonen, die ihn aber nicht beachteten; sie schienen wie tot, als hätten sie nie gelebt. Traurig und niedergeschlagen setzte er seinen Weg im flackernden Schein der Fackeln fort, bis er die Kammer fand, in der Rotax’em saß, offenbar in ein tiefes Gespräch mit seinem Dämon vertieft. X’exis beobachtete ihn eine Weile von der Tür aus, sah aber nur Rotax’em und nicht seinen Dämon; er betrachtete Rotax’em voller Neid. Rotax’em besaß noch eine Verbindung zu seinem Dämon und seinen Ahnen; seine eigene Verbindung war abgerissen.
Schließlich sprach er Rotax’em an, und der Händler wandte sich zu ihm um, lächelte und bat ihn herein. Er bat ihn, sich zu ihm und Xi’la zu setzen, von dem X’exis nur das tönerne Abbild sah, das Rotax’em vor sich auf den Boden gestellt hatte.
“Warum warst du gestern nicht unter den Gästen?“, fragte Rotax’em ihn schließlich. “Viele Adlige waren anwesend, außerdem die Hauptmänner der anderen Dörfer. Haben die nicht weniger im Kampf geleistet als du?”
X’exis nickte betrübt. “Ich war nicht eingeladen”, sagte er leise. Die Worte brannten in seinen Eingeweiden, als verübte er schweren Verrat.
Rotax’em nickte. “Mit der Feier wurden die Fremden geehrt.”
“Ja.” X’exis starrte auf den Boden zu seinen Füßen und zögerte einen Augenblick, aber dann sprudelten die Worte aus ihm hervor: “Die Fremden sind mit dir in die Stadt gekommen, Rotax’em. Was kannst du mir über sie berichten?”
“Über die Fremden berichten?” Rotax’ems Blick war ausdruckslos; er lauschte seinem Dämon. “Warum fragst du?”
“Stimmt es, dass die Fremden Götter sind?“, fragte X’exis. “Ich habe die Stimme ihres Anführers gehört, nachdem er niedergeschlagen worden war. Er hat zu mir gesprochen, wie nur die Götter sprechen können.”
“Hektor”, sagte Rotax’em. Er lauschte Xi’la, dann nickte er. “Ja, Hektor ist ein Gott.”
X’exis starrte den tönernen Dämon an, dessen Stimme er nicht vernahm.
“Aber seine Begleiter ...” Rotax’em zögerte.
“Was ist mit ihnen?”
Rotax’em schüttelte den Kopf.
“Sie sind keine Götter”, stieß er dann hervor. Plötzlich wandte er sich an seinen Dämon: “Ich muss es ihm sagen. Er hat das Ohr des Königs. Er muss X’er warnen.”
“Warnen?“, rief X’exis überrascht aus. “Wovor?”
“Misstraue den Fremden, die die Ahnen nicht respektieren”, sagte Rotax’em finster. “Misstraue den Fremden, die die Dämonen verdrängen.”
“Wovon sprichst du?”
“Sie sehen die Ahnen nicht. Sie sehen die Dämonen nicht”, rief Rotax’em außer sich. “Ich habe sie beobachtet, und Xi’la stimmt mir zu. Das ganze Festmahl über hatten sie nur Augen für die Tänzerinnen, aber nicht einmal haben sie einem der Ahnen geantwortet, der ein Wort an sie gerichtet hat. Als hätten sie die Ahnen und Dämonen nicht gesehen, die sie umgaben und mit Freundlichkeiten überhäuft haben.”
X’exis sog erschrocken die Luft ein. Für einen Augenblick vergaß er, dass es ihm selbst genauso erging.
“Wie können sie dann Götter sein?”
“Das ist es!“, stieß Rotax’em atemlos hervor. “Sie können keine Götter sein. Hektor ist ein Gott. Auch ich habe seine Stimme vernommen, so wie ich X’ers Stimme vernehme, und wie auch du sie vernommen hast, X’exis. Aber die anderen? Ihre Stimmen höre ich nur, wenn sie von Angesicht zu Angesicht mit mir sprechen. Ihnen fehlt die Kraft der Götter.”
“Ja.” X’exis nickte. Er verstand, worauf Rotax’em hinauswollte.
“Misstraue den Fremden, die die Ahnen nicht respektieren”, wiederholte Rotax’em. “Du hast X’ers Ohr. Du musst ihn warnen, denn ich fürchte, die Fremden sind gekommen, um ihn zu hintergehen.”
X’exis schüttelte ungläubig den Kopf. “Wie sollte ihnen das gelingen?”
“Vielleicht sind sie Teufel”, flüsterte Rotax’em. “Können Teufel die Ahnen sehen? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht können sie einen Gott täuschen.”
“Nein.” X’exis schüttelte den Kopf. “Das kann nicht sein.”
“Du musst X’er warnen”, beharrte Rotax’em. “Du bist der Hauptmann der Fischer und Jäger, du hast das Ohr deines Königs. Du musst ihn warnen.”
X’exis schauderte bei dem Gedanken, vor X’er zu treten und gegen die Fremden zu sprechen. Das bedeutete, Göttern die Stirn zu bieten. Aber wenn es der Wahrheit entsprach, und er seinen König vor ihnen warnte, dann musste er in X’ers Gunst wieder steigen. Und vielleicht würde er dann auch wieder die Stimmen der Ahnen hören können. Vielleicht war all dies eine Prüfung, ob er der Gunst seines Königs würdig war.
“Was ist mit dir, Rotax’em?“, fragte er. “Wirst du an meiner Seite sein, wenn ich mit dem König und Gott spreche?”
Rotax’em schüttelte den Kopf. “Nein. Ich werde morgen wieder aufbrechen. Ich kehre zurück in mein Dorf, um dort in X’ers Namen Handel zu treiben und seinen Ruhm über die Grenzen seines Reiches hinaus zu mehren.”
X’exis war verunsichert. “Ich soll allein vor den König treten?”
Rotax’em war überrascht. “Du bist nicht allein”, sagte er mit gefurchter Braue. “Dein Dämon ist an deiner Seite und wird dich begleiten.”
X’exis nickte zögerlich. “Ja ...“, murmelte er. Er hoffe, dass Rot’ud sein Flehen erhörte.
“Warne den König”, wiederholte Rotax’em und legte ihm die Hand auf die Schulter. “Du bist sein Hauptmann. Niemand außer dir kann X’er diese Botschaft überbringen.”
X’exis erwiderte Rotax’ems ernsten Blick. Schließlich nickte er und verabschiedete sich mit sorgenvoller Stirn von dem Händler und verließ die Kammer. Eine schwere Aufgabe lag vor ihm.
Rotax’em blickte ihm nach, und Xi’la und er sorgten sich. Am folgenden Morgen aber packte Rotax’em seine Sachen zusammen und trat hinaus in den Hof, wie die Wachen es ihm befohlen hatten. Dort warteten die Lasttiere, die er in sein Dorf zurückführen sollte und die Männer, die ihn begleiten würden. Er sah Callidus und die anderen, und Xi’la raunte ihm zu, vorsichtig zu sein, wenn er mit ihnen sprach.
Rotax’em inspizierte die Lasttiere, die mit edlen Steinen und anderen Gütern beladen waren, wie X’er es ihm versprochen hatte, dann wandte er sich an Xit’xi, der bei den Fremden stand und ihnen erklärte, was geschah.
“Eine große Ehre ist dir zuteilgeworden, Xit’xi”, erinnerte Rotax’em ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. “Du darfst die Prinzessin in der Sprache der Fremden unterweisen.”
Xit’xi deutete lächelnd eine Verbeugung an.
“Die Prinzessin ist eine gelehrige Schülerin, und ich soll direkt wieder zu ihr kommen, sobald ich dich verabschiedet habe.”
“Dann eile zu ihr.” Rotax’em klopfte ihm auf die Schulter. “Wir Menschen dürfen Könige und Götter nicht warten lassen.”
Xit’xi stimmte zu. “Sichere Reise, Rotax’em. Grüße deinen Sohn und deine Frau und deine Tochter von mir.”
Rotax’em drückte den jungen Mann kurz an sich, dann wandte er sich an Callidus und die anderen Fremden, und seine Brust schnürte sich zusammen. Er sah ihre finsteren Augen und er fürchtete sie, wie er nur Teufel fürchtete.
Mit Xit’xis Hilfe verabschiedete er sich von ihnen. Die Fremden nickten, und der eine, der Sectator gerufen wurde, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach zu ihm. Xit’xi übersetzte, und Rotax’em war erleichtert, dass es freundliche Worte waren.
“Sectator ist ein Freund Hektors”, erklärte Xi’la ihm. “Die beiden haben häufig miteinander gesprochen. Noch mehr als Hektor und Callidus.”
“Ja”, murmelte Rotax’em. Er erinnerte sich.
Dann hörte er Hektors Stimme, und Rotax’em atmete erschrocken ein, denn Hektor stand nicht bei ihnen und war auch nirgends zu sehen.
“Ich danke dir, Rotax’em”, hörte er die Stimme des Gottes. Er fiel auf die Knie, die Hände vor den Augen, den Kopf gesenkt. Er hörte das Raunen von Callidus und den anderen Teufeln, aber er hörte auch die Stimme Hektors. “Es ist gut, Rotax’em. Ich danke dir, dass du mich hergeführt hast, wo ich X’er und X’ude meinen Respekt erweisen kann.”
Xi’la stieß ihn an. “Antworte ihm.”
“Ich danke dir, Hektor”, stammelte er leise. Er wagte es nicht, den Kopf zu heben; er fürchtete die Blicke von Callidus und den anderen.
Dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter, aber als er die Augen öffnete, war dort keine Hand, und die fremden Teufel schauten ihn mit undurchdringlichen Augen an.
Bebend erhob er sich, und als er sich von den Fremden abgewandt hatte, breitete sich ein Hochgefühl in ihm aus. Der Aufenthalt in X’ers Stadt hatte die Bindung zu seinem König erfrischt, und darüber hinaus hatte er einen neuen Gott gefunden, der ihm mehr Respekt entgegenbrachte, als er einem sterblichen Menschen zustand.
Überglücklich trat er den Heimweg zu seinem Dorf an. Er führte die Karawane aus der Stadt, fort von den fremden Teufeln, die die Götter und Ahnen nicht ehrten, heim zu seinem Weib und seinen Kindern. Als er die Grenzen der Stadt überschritten hatte, fiel eine große Last von ihm ab. Alles weitere lag nun bei X’exis.