Kapitel 18 - 18.1 - Sorge um Hektor
Kapitel 18 - 18.1 - Sorge um Hektor
Irgendwann war Callidus eingeschlafen. Sein Schlaf war traumlos geblieben, schwer und dunkel, aber als er erwachte, fühlte er sich erfrischt, auch wenn seine Knochen schmerzten und sein Körper von den Strapazen des Kampfes jammerte. Doch sein Kopf war klar und er war voller Tatendrang.
Seine Kameraden schliefen noch, als er sich auf seinem Strohlager aufsetzte und in der Kammer umblickte. Fackeln tauchten den Raum in ein flackerndes Licht und beleuchteten die in den Stein geschnittenen Gesichter, die sie mit finsteren Blicken und weitaufgerissenen Mäulern anstarrten. Trotz der Wärme fröstelte ihn bei dem Anblick dieser dämonischen Fratzen, und er schüttelte sich, konnte sich aber ihren Blicken nicht entziehen. Otio lag neben ihm und schnarchte, Scelus und Sectator schliefen ruhig. Hektor ...
Hektors Verwundung ... Die Prinzessin, die ihn hatte fortbringen lassen ... In ihre Kammer, wie Xit’xi ihnen erklärt hatte. Hektor hatte sie beeindruckt, und sie wollte ihn selbst pflegen. Auch unter diesen Wilden schien es nicht alltäglich, dass eine Prinzessin sich um einen verwundeten Soldaten kümmerte.
Dann sah Callidus Xit’xi, der in einer Ecke kauerte und ihn anstarrte. Hatte der Wilde dort die ganze Zeit gesessen? Hatte er sich gerade erst hereingeschlichen? Callidus wusste es nicht, aber der Ausdruck in seinem Gesicht beunruhigte ihn. Es war das Gesicht eines Tieres, an das man sich gewöhnt hatte, und das man vermisste, wenn es davonlief; aber es war auch das Gesicht eines misstrauischen Tieres, das seine Herrn im Blick behielt, auf eine Gelegenheit lauernd ...
Xit’xi nickte ihm zu, bewegte sich aber ansonsten nicht und sagte auch nichts. Callidus gab sich einen Ruck, nickte zurück, dann rüttelte er Otio, um diesen zu wecken, und danach Scelus und Sectator.
Es dauerte, bis seine Kameraden ansprechbar waren.
“Weiß einer von euch, wie es Hektor ergangen ist?“, fragte er in die Runde.
Die anderen schüttelten die Köpfe.
“Ich habe nichts mehr gehört, seit sie ihn davongetragen haben”, sagte Sectator.
“Xit’xi.” Callidus winkte den Wilden heran, der sich in seiner Ecke erhob und vorsichtig zu ihnen herüberkam. “Was weißt du von Hektor? Was geschieht mit unserem Freund?”
Xit’xi betrachtete ihn einen Augenblick mit leeren Augen, hielt den Kopf geneigt, als höre er jemandem zu, und Callidus hatte das wahnwitzige Gefühl, Xit’xi lausche den steinernen Fratzen. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken, und er unterdrückte den Drang, sich zu schütteln. Schließlich nickte Xit’xi und sagte: “Hektor bei Ai’lif. Prinzessin, Tochter des X’er. Ai’lif pflegt Hektor.”
“Das wissen wir.” Callidus nickte ungeduldig. Es fiel ihm schwer, Ruhe zu bewahren, wenn er mit dem Wilden sprach. Callidus war kein Mann vieler Worte, und es strengte ihn an, mit Xit’xi zu sprechen, wie mit einem kleinen Kind. “Wir wollen ihn sehen. Wir wollen zu Hektor. Wir wollen uns mit eigenen Augen vergewissern, dass es ihm gut geht.”
Xit’xi lauschte angestrengt. Dann schüttelte er den Kopf. “Nein.”
Callidus warf seinen Kameraden einen bedeutungsvollen Blick zu. Seine Befürchtungen bewahrheiteten sich: die Wilden wollten sie auseinanderreißen. Die anderen erwiderten seinen Blick und nickten kaum merklich.
“Warum nicht?“, fragte er.
Otio, Scelus und Sectator starrten Xit’xi finster an, der sich unter dem Blick der Soldaten wand wie ein Kaninchen im Blick eines Fuchses.
“Ai’lif pflegt Hektor. Wir nicht sehen Hektor. Wir nicht dürfen zu Ai’lif. Nur wenn gerufen”, stammelte Xit’xi.
“Die Wilden führen sich auf wie Könige”, murmelte Scelus leise.
Callidus warf ihm einen warnenden Blick zu, und Scelus verstummte.
“Wir wollen unseren Kameraden sehen”, wiederholte Callidus. Er wollte Xit’xi am Schopf packen und ihn mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, aber er riss sich zusammen. Sie mussten geduldig bleiben, wenn sie etwas erreichen wollten. “Sprich mit ihnen. Gleichgültig, mit wem. Sprich mit ihnen. Wir wollen Hektor sehen.”
“Nein.” Xit’xi schüttelte den Kopf.
Das war zuviel. Callidus erhob sich und starrte drohend auf den Wilden hinab. Der wich vor ihm zurück, stand auf und verließ mit einem ängstlichen Blick die Kammer.
“Ich traue diesen Wilden nicht! Sie halten uns mit Absicht von Hektor fern”, knurrte Callidus. “Wer weiß, was sie mit ihm anstellen.”
“Nichts Gutes”, stimmte Scelus zu.
Sectator hob die Hände, gab sich versöhnlich. “Vielleicht pflegen sie ihn tatsächlich nur.”
Callidus packte ihn am Kragen und fauchte ihn an: “Lässt du dich von diesen Tieren einwickeln?”
Er wollte es sich nicht eingestehen, aber die Sorge um Hektor erschütterte ihn in seinem Innersten. Hektor war sein bester Freund - und er schien eine Verbindung zu den Wilden aufgebaut zu haben. Ohne ihn waren sie in Gefahr. Hektor hatte sie in diese Lage gebracht, und Callidus fürchtete, dass auch nur Hektor sie heil wieder aus ihr herausbringen konnte.
“Nein.” Secatator schüttelte den Kopf und wand sich aus Callidus’ Griff. “Aber vielleicht pflegen sie ihn. Und wenn es wirklich die Prinzessin ist, die einen Narren an ihm gefressen hat ... Stürmen Soldaten zu Hause ungehindert die Gemächer von Prinzessinnen?”
Otio lachte und Scelus schnaubte. Callidus funkelte Sectator zornig an.
“Kaum”, gab er schließlich nach.
“Sei vorsichtig, wie du Xit’xi behandelst”, ermahnte Sectator ihn. “Er ist der Einzige, der uns helfen kann. Ohne ihn haben wir keine Stimme.”
“Wir wissen nicht einmal, ob er unsere Worte spricht”, knurrte Callidus. “Ich traue ihm nicht. Nicht im Geringsten.”
Sectator hielt seinem Blick stand, dann zuckte er mit den Achseln. “Wir müssen es darauf ankommen lassen.”
“Und das gefällt mir nicht.”
Callidus hob die Hand, als er ein Geräusch hörte. Sectator und die anderen blieben still. Xit’xi kehrte zu ihnen in die Kammer zurück; Callidus sah ihn herausfordernd an.
Xit’xi schüttelte betreten den Kopf. “Nein”, sagte er. “Callidus und seine Brüder dürfen nicht zu Ai’lif. Aber dürfen in Stadt. Dürfen Palast verlassen. Dürfen schauen.”
“Schauen?” Sectator trat einen Schritt vor. “Wir dürfen den Palast verlassen?”
“Ja.” Xit’xi nickte strahlend. “Dürfen schauen.”
Callidus war nicht zufrieden, aber er war bereit, das Beste aus der Situation zu machen. “In Ordnung”, brummte er und legte Xit’xi eine Hand auf die Schulter. Der sank unter dem Gewicht in sich zusammen und blickte ängstlich zu ihm auf. Callidus zwang sich ein Lächeln auf die Lippen. “Führe uns.”