1.2 - Auf der Jagd
1.2 - Auf der Jagd
Am folgenden Tag war es so weit. Gebückt schlich X’exis durch das dichte Unterholz; seine Muskeln waren angespannt, seine verschwitzten Arme und Beine glänzten; seine langen, schwarzen Haare hatte er mit einem Band nach hinten gebunden, damit sie ihm nicht in die zusammengekniffenen Augen fielen; seine Stirn lag in konzentrierten Falten. Seine Füße bewegten sich vorsichtig, wie sein Vater es ihn gelehrt hatte, und kein Ast knackte, kein Blatt raschelte. Seine Augen hatten die Beute fest im Blick: ein Schwein. Das Schwein hatte genug Fleisch auf den Rippen, um mehrere Familien zu ernähren.
Seine Hand hielt das Messer mit der schwarzen Klinge aus Obsidian, die so scharf war, dass sie einem Tier das Fleisch ohne Mühe vom Knochen löste. Das Messer hatte seinem Großvater gehört und war von X’ixet’ax auf Tak’six übergegangen und von Tak’six auf ihn. Ein gutes Messer. Es hatte schon viele Tiere und Menschen getötet, und X’exis trug es mit Stolz. Der abgewetzte Griff lag gut in seiner Hand, die schwere Klinge tötete schnell und zuverlässig.
X’exis stoppte, verharrte regungslos. Seine Augen suchten nach Id’nan und X’unis; er wusste, wo sie sich befanden, aber er konnte sie nicht sehen. Auch sie hatten die Kunst des Jagens von ihren Vätern gelernt und verstanden es, eins mit dem Wald zu werden; sie waren gute Jäger, und gemeinsam waren sie schon oft erfolgreich gewesen.
X’er und Tak’six waren nach dem vergeblichen Fischzug stumm geblieben und hatten das Opfer aus Getreidebrei und klarem Wasser nicht angenommen, aber Rot’ud hatte ein Einsehen gehabt: abends hatte er X’exis geantwortet.
“Morgen ist kein Tag für den Fischfang”, hatte Rot’ud ihm erklärt. „Die Fische sind weitergezogen, den Fluss hinab, wie sie es jedes Jahr tun. Die Fischgründe sind mager, es ist Zeit, ein großes Tier im Wald zu jagen, ein Tier, das vor Fett strotzt und deine Familie und andere Familien ernähren kann.”
X’exis hatte den Kopf respektvoll gesenkt gehalten und Rot’ud zugehört, der ihm weitere Ratschläge gegeben hatte: “Geh zu deinen Nachbarn. Geh zu Id’nan und zu X’unis, sie sind gute Jäger. Gemeinsam werdet ihr Fleisch erbeuten; dann kannst du X’er und Tak’six ein würdiges Opfer bringen. Das wird sie besänftigen, und sie werden wieder mit dir sprechen.“
Erleichtert war X’exis zu seinen Nachbarn gelaufen, und Id’nan und X’unis hatten sich zur gemeinsamen Jagd bereiterklärt. Beide hatten Erfolg beim Fischfang gehabt, aber die Aussicht auf frisches Fleisch hatte sie überzeugt.
Nach einer kurzen Nacht hatten sie sich noch vor der Morgendämmerung vor ihren Hütten getroffen und waren in den Wald aufgebrochen. Es hatte nicht lange gedauert, bis sie auf erste Spuren gestoßen waren.
Nun kauerte X’exis hinter dichtem Laub, das Schwein vor sich auf einer kleinen Lichtung. Das Tier hatte die Gefahr noch nicht bemerkt, in der es sich befand, und wühlte mit dem Rüssel im feuchten Boden nach Nahrung. Sie mussten vorsichtig sein: ein angegriffenes Schwein war aggressiv, gefährlich und besaß große Kraft. Sie mussten schnell sein, um dem Tier keine Gelegenheit zur Flucht zu geben. Id’nan würde sich auf den Kopf des Schweines stürzen, X’unis auf die Hinterläufe und X’exis würde ihm auf den Rücken springen und ihm die Klinge seines Messers ins Herz stoßen. Danach würde er ihm mit einem schnellen Schnitt die Kehle durchtrennen. So hatten sie die Jagd von ihren Vätern gelernt, und so hatten sie schon unzählige Male selbst gejagt.
“Achte auf die Zeichen deiner Kameraden”, flüsterte Rot’ud. “Ihr dürft euch nicht gegenseitig behindern.”
X’exis nickte zustimmend.
Dann gab Id’nan das Signal, und X’exis sprang auf die Lichtung. Das Schwein reagierte blitzschnell und stürmte davon, aber X’unis hatte mit einem Sprung seine Hinterläufe gepackt. Id’nan warf sich ihm an den Schädel und hielt diesen umklammert, das Schwein strauchelte und stürzte mit den beiden Jägern zu Boden. X’exis sprang dem Tier auf den Rücken und stieß ihm die schwarze Klinge von der Seite in die Brust. Das Schwein schrie und quietschte, strampelte, versuchte, sich zu befreien, und beinahe wäre es ihm gelungen, aber X’unis umklammerte noch immer die Hinterläufe, und Id’nan hielt keuchend den schweren Schädel. X’exis zog die Klinge wieder aus der Brust des Tieres hervor und schlitzte ihm mit einem schnellen Schnitt die Kehle auf, und das Schreien und Quietschen endete in einem Gurgeln und Grunzen. Es zappelte noch einen Moment, dann lag es still.
Keuchend und schwitzend lösten die drei Männer sich von dem Kadaver und rutschten zur Seite. Ihre Körper waren von dem Blut des Schweines verschmiert, aber sie selbst waren unverletzt. Das war nicht selbstverständlich: X’exis hatte schon an Jagden teilgenommen, bei denen das Tier gesiegt und den Jägern die Knochen zerschlagen hatte. Die Jagd war gefährlich, und jedes Mal setzten sie ihr Leben gegen das Leben des Tieres.
Lachend und erleichtert zerlegten sie das tote Schwein. X’exis zerschnitt das Fleisch und Id’nans steinerne Axt löste die Knochen, und nach einer Weile hatten sie das Tier aufgebrochen und das Fleisch verteilt. X’unis hatte das Herz bekommen, weil er sich mutig an die Hinterläufe geklammert hatte, und Id’nan hatte die Leber erhalten, denn er war der Gefahr am nächsten gewesen, von den starken Hauern verletzt zu werden. X’exis hatte zur Jagd gerufen und die kleine Gruppe zu ihrer Beute geführt, darum beanspruchte er den größten Teil des Fleisches für sich.
Glücklich und müde traten sie den Heimweg an und tauschten Geschichten über ihre Väter und Ahnen aus und versuchten, sich mit ihren Erzählungen gegenseitig zu übertrumpfen. Ein gutmütiger Wettstreit, der Tradition zwischen ihnen hatte.
Zu Hause präsentierte X’exis Ret’am das Fleisch, und gemeinsam bereiteten sie es zu und gaben Tak’six und X’er und auch Rot’ud ein Opfer, und dann steckten sie das Fleisch auf Spieße und brieten und aßen es.
Schließlich legte X’exis seiner Frau die Hand auf den Bauch und wartete auf das Strampeln seines Sohnes. Es dauerte nicht lange, bis er die kräftigen Tritte spürte, und er freute sich darüber.
“Ein starker Sohn wirst du werden”, murmelte er zufrieden, und Ret’am blickte auf ihn herab und lächelte. Das Leben war wieder gut.
Später stand X’exis mit Tak’six am Ufer des Sees und blickte über das Wasser hinaus. Im Schein der Sterne funkelten und glitzerten die kleinen Wellen wie die unzähligen Edelsteine aus den Minen des X’er. X’exis spürte einen Knoten in seiner Brust, als Tak’six ihn anklagend musterte.
“Der Fisch ist weitergezogen, die Fischgründe sind mager. Du hast nicht genug gefangen, als es an der Zeit war”, sagte seine Vater. Seine Stimme war kalt, abweisend.
“Du hast mir nicht beigestanden”, flüsterte X’exis. Es war ungebührlich, den Ahnen zu widersprechen, aber ihr Schweigen hatte ihn verunsichert. “Ich habe X’er Opfer dargebracht, aber er hat nicht geantwortet. Rot’ud habe ich angefleht, aber er hat mir nicht geholfen. Ich habe euren Rat erbeten, aber ihr habt mir nicht beigestanden.”
Tak’six warf ihm einen zornigen Blick zu. “Du hörst nicht, wenn wir mit dir sprechen.”
Er wandte sich vom Ufer ab, und X’exis folgte ihm. Tak’six marschierte mit energischen Schritten zwischen den steinernen Hütten des Dorfes hindurch und schlug den Weg zur Stadt ein. “Du willst uns nicht hören.”
“Nein!” X’exis war verzweifelt. “Ich brauche eure Hilfe. Wie soll ich meine Familie ernähren, wenn ihr nicht bei mir seid?”
Tak’six marschierte unaufhaltsam weiter. Ihr Weg führte sie zwischen den Äckern hindurch, die das kleine Dorf der Fischer und Jäger von der Stadt trennten. Die Felder lagen brach; der Boden war trocken und rissig, der Regen war ausgeblieben. X’exis hatte schon lange keine Sklaven mehr gesehen, die die Felder bestellten. Seine Brust schnürte sich zusammen und seine Beine wurden schwach.
“Wohin führst du mich, Vater?”
Sie passierten die Getreidespeicher, in denen das Korn gelagert war, aber der Getreidestand war zu niedrig. X’exis kannte die Marken, wusste, wieviel Getreide zu dieser Zeit des Jahres noch vorhanden sein musste; es würde nicht ausreichen, das Volk zu ernähren.
“Werden wir essen können?”
Tak’six warf ihm einen finsteren Blick zu und marschierte weiter. X’exis folgte, so schnell seine Füße ihn trugen, aber Tak’six war schneller. Nur mit Mühe gelang es ihm, mit seinem Vater Schritt zu halten.
Dann waren sie zwischen den ersten Häusern der Stadt, eilten durch die Gassen, bis sie schließlich auf dem Vorplatz des Palastes eintrafen. Tak’six stoppte, und X’exis kam außer Atem neben ihm zum Stehen. Als er den Blick hob, sah er X’er, der auf der obersten Stufe des Palastes stand und auf sie herabblickte, und seine Augen loderten und brannten wie Feuer.
Tak’six legte ihm eine Hand auf die Schulter, und X’er öffnete den Mund, aber bevor er sprechen konnte, fuhr X’exis aus dem Schlaf hoch. Die flammenden Augen seines Königs schwebten noch vor ihm, und er krümmte sich jammernd zusammen, hielt sich schützend die Arme über den Kopf und flehte um Gnade. Die Hand lag noch immer auf seiner Schulter, schüttelte ihn sanft, und als er sich mit einem kleinen Schrei zur Seite wandte, saß Ret’am neben ihm ublickte ihn aus großen Augen an.
“Tak’six hat mir die Getreidespeicher gezeigt”, flüsterte X’exis. “Das Volk wird hungern.”
Ret’ams Blick blieb verständnislos.
X’exis kroch unter dem Fell hervor und kniete vor der Nische, die Tak’six, X’er und Rot’ud sich teilten. Er bat Rot’ud, die lähmende Furcht aus seinen Gliedern zu vertreiben, und Rot’ud antwortete mit einem Seufzen: “Fürchte dich nicht. X’er wird nicht zulassen, dass sein Volk leidet; er wird einen Weg finden.”
X’exis hob den Kopf und Rot’ud lächelte, und X’exis fühlte die Erleichterung und spürte, wie seine Brust sich entspannte. Beruhigt kroch er wieder zu Ret’am unter das Fell und nahm seine Frau in den Arm.
“Es wird alles gut werden”, flüsterte er ihr ins Ohr. “Rot’ud hat es mir versprochen: X’er wird einen Weg finden.”
Ret’am seufzte, drückte sich an ihn und dämmerte wieder ein, und X’exis lag hinter ihr und hielt sie fest und hatte seine Hand auf ihren Bauch gelegt. Er wollte fühlen, wenn sein Sohn sich mit Tritten meldete, aber auch der schlief tief und blieb ruhig.
Nach einer Weile schlief X’exis wieder ein.