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Kapitel 2 - 2.1 - X'er hält Hof

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Kapitel 2 - 2.1 - X'er hält Hof

X’er betrat den Saal durch einen steinernen Bogen, der in der Wand hinter dem Thron verborgen lag. Er umrundete das Podest und verneigte sich vor X’ude, seinem Bruder, dann setzte er sich zu dessen Rechter, um gemeinsam mit ihm über die Stadt und das Volk zu herrschen.

Xod’rex’ax betrat den Saal durch den Eingang, der dem Thron gegenüber lag, und verneigte sich vor ihnen. Der Hohepriester war alt und dürr, die langen, grauen Haare waren auf seinem Kopf zu einem Knoten gesteckt. X’er gab ihm ein Zeichen, und der Hohepriester trat zu ihm. Wie an jedem Morgen hatten sich Bittsteller vor dem Thronsaal versammelt; X’er nickte und Xod’rex’ax befahl den Wachen, sie hereinzulassen.

Ein gedrungener Mann mit schwarzen Haaren und großen, schaufelartigen Händen betrat als erstes den Saal. Seine weit aufgerissenen Augen sprangen zwischen den Göttern und Ahnen hin und her, die ihn aus den Halbschatten hinter den Säulen betrachteten, dann wanderten sie zum Hohepriester und schließlich zu X’er und X’ude, die von ihren Thronen auf ihn herabblickten. In der Mitte des Saales warf er sich in den Staub. Es war ihm nicht gestattet, sich dem König und Gott weiter zu nähern.

“Erhebe dich”, befahl der Hohepriester. Der Mann stand auf, hielt den Kopf weiterhin gesenkt.

“Du bist der Verwalter der Mine”, sagte X’er.

“Ja, Herr.”

“Berichte.”

Der Verwalter starrte zu Boden, seine Arme und Beine zitterten, aber schließlich sprach er, ohne seinen Blick zu heben: “Es sind uns nur noch wenige Sklaven geblieben. Sie schuften in der Mine, aber sie sind schwach und brauchen mehr Nahrung, als sie es wert sind, und wir können die kostbaren Steine nicht aus dem Fels schlagen, die wir dir schulden, Herr. Wir brauchen neue Sklaven, um die Mine auszubeuten.”

X’er warf Xod’rex’ax einen fragenden Blick zu. Der Hohepriester nickte.

“Du hast Recht daran getan, uns davon zu berichten”, erklärte X’er dem Zitternden. “Kehre in die Mine zurück und schlag den kostbaren Stein aus dem Fels, solange du Sklaven hast. Ich werde mich mit X’ude beraten.”

Der Mann warf sich erneut in den Staub und dankte ihm, dann erhob er sich auf Befehl des Hohepriesters und verließ den Thronsaal.

Xod’rex’ax befahl den Wachen, den nächsten Bittsteller in den Saal zu lassen. Ein schmächtiger junger Mann trat ehrfürchtig durch den steinernen Bogen und lief zur Mitte des Saales, wo er sich in den Staub warf.

“Ich bin nur ein Bote, Herr, der Kunde bringt von Rotax’em, der fernab der Heimat Handel mit anderen Völkern für dich treibt. Rotax’em gab mir Zeichen, die ich dir überbringen soll.”

Xod’rex’ax entrollte das zusammengebundene Stück Leder, das der Bote ihm überreichte, und musterte es eingehend. Dann räusperte er sich. “Folgendes lässt Rotax’em die Zeichen für sich sprechen: Gegrüßt seist du, X’er, König und Gott deines Volkes. Gesandte sind zu mir gekommen, um im Namen ihres Königs Handel mit dir zu treiben. Ich habe diesen Boten ausgesandt, dir die Kunde zu bringen und die Fremden zu geleiten, damit sie dir ihr Anliegen selbst vortragen, wie es Brauch ist.”

X’er betrachtete den jungen Boten, der zitternd vor ihm stand, dann nickte er und wandte sich an den Hohepriester: “Lasst die Fremden eintreten; X’ude und ich werden uns ein Bild von ihnen machen. Und gebt dem Boten Speise und Trank. Er hat seine Aufgabe gut erfüllt.”

Der Bote dankte ihm und wurde aus dem Saal geführt, und an seiner Stelle traten mehrere Männer mit gesenkten Häuptern durch den steinernen Bogen. Sie wurden von den Wachen in die Mitte des Saales geführt, wo sie stehenblieben und ihn grüßten. Es waren stattliche Männer, geschmückt mit dem Kopfschmuck, den Armreifen und den Ringen ihrer Stadt. X’er war von ihrem Auftreten beeindruckt; man ehrte ihn, indem man ihm solche Boten sandte.

“Ich grüße dich, X’er. Ich bin Nun’xis und bringe dir Kunde von meinem Herrn X’umip. Mein Herr wünscht, Handel mit dir zu treiben. Er begehrt die edlen Steine, die du aus dem Fels schlägst.”

X’er nickte zufrieden. “Du hast wohl gesprochen, Nun’xis. Wir schlagen die edlen Steine in großer Menge aus dem Fels und sind bereit Handel zu treiben. Welche Gegenleistung will X’umip erbringen?”

“Vieh und Getreide”, erwiderte der Bote. “Beides haben wir im Überfluss, und mein Herr möchte mit dir teilen, wenn du ihm die edlen Steine sendest. Er hat mich ausgesandt, die Mengen mit dir auszuhandeln, wie es Brauch ist.”

X’er wandte sich an X’ude, der die Unterredung mit einem wohlwollenden Lächeln verfolgte.

“X’ude ist zufrieden”, sagte X’er. “Wir werden den Handel mit deinem Herrn aufnehmen und wir danken dir, dass du zu Rotax’em gegangen bist, und ihn um Geleit gebeten hast. Aber nun lass dich und deine Begleiter in eine Kammer führen, damit ihr euch nach der langen Reise baden und mit Öl salben könnt. Mädchen werden euch heißes Wasser bringen und Öl und Trank, und ihr werdet ruhen. Am Abend aber seid meine Gäste, damit wir die Einzelheiten besprechen können. Ich bin sicher, wir werden eine Einigung finden.”

Nun’xis und seine Begleiter verneigten sich und dankten ihm und ließen sich von den Wachen aus dem Saal führen.

Xod’rex’ax rief die nächsten Bittsteller herein, und einer der Ersten der Stadt betrat den Saal. X’er betrachtete ihn mit finsteren Augen, denn die Ersten der Stadt waren nicht immer die Besten - und häufig waren es kleine Querelen, die sie vor ihn führten. Mit einem grimmigen Blick auf X’ude wappnete er sich für die nächsten Gespräche.

Bitte um Bitte wurde an ihn herangetragen, aber schließlich waren alle Bittsteller zufriedengestellt, und X’er und X’ude blieben allein mit Xod’rex’ax im Thronsaal zurück.

“X’ude hat uns X’umips Ansinnen zur rechten Zeit gesandt”, sagte Xod’rex’ax, auf seinen Stab gestützt. “Die Getreidespeicher sind fast leer, mein König. Die Ernte des letzten Jahres hat die Speicher nicht gefüllt, es wird nicht lange dauern, bis uns das Getreide ausgeht und dein Volk hungert.”

“Das Volk hat den Fischfang, das Volk hat die Jagd.”

“Die Zeit des Fischens ist vorüber, Herr”, erwiderte Xod’rex’ax. “Und die Jagd kann nicht dein ganzes Volk ernähren.”

“Unser Vieh?”

“Wird nicht lange reichen, wenn das Getreide ausgeht. Ist alles aufgebraucht, wird das Volk Fleisch begehren. Dann werden sie entweder Hungers sterben oder dein Vieh stehlen.”

“Niemand stiehlt das Vieh des X’er!“, knurrte der König. “Niemand wird es wagen!”

Xod’rex’ax nickte zustimmend. “Darum hat X’ude uns in seiner unendlichen Weisheit X’umips Ansinnen zu Gehör gebracht. Wir können das Getreide, das wir brauchen, dein Volk zu ernähren, im Tausch erhalten.”

X’er lehnte sich zur Seite, um zu hören, was sein Vater Ret’ax ihm zuflüsterte. Ein ungutes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus. “Warum haben wir zu wenig Getreide?”

“Das Wetter, mein König. Der Regen ist ausgeblieben; und um die Kanäle offen zu halten, die bei Dürre das Wasser des Sees auf die Felder leiten, und gleichzeitig die Felder zu bestellen, haben wir nicht genug Sklaven.”

X’er starrte Xod’rex’ax finster an.

“Der Boden ist rissig, die Felder sind verdorrt. X’ude hat uns eine harte Aufgabe gestellt. Wenn wir sie nicht bewältigen, wird dein Volk zugrunde gehen.”

X’er warf X’ude einen Blick zu, aber X’ude musterte ihn stoisch. X’er wartete, aber X’ude schwieg. Also seufzte X’er und nickte dann.

“Ich werde mich mit X’ude und den Ahnen besprechen”, antwortete er dem Hohepriester. “Sie werden uns den Weg weisen.”

X’er erhob sich von seinem Thron und trat allein in die kleine Kammer hinter dem Thronsaal; X’ude und Ret’ax waren bereits vorausgegangen. Auch die Ahnen hatten sich im Kreis versammelt, aber ihre Stimmen verklangen, und sie beobachteten das Geschehen nur noch. Sie zogen sich von den Sorgen und Nöten der Lebenden zurück und traten tiefer in die Schatten.

Dem Brauch folgend, bot X’er X’ude und Ret’ax Wein aus einem verzierten Becher und opferte dann der Reihe nach den Ahnen. X’ude und Ret’ax nahmen von dem Wein, und die Ahnen nickten zufrieden und warteten, dass er das Wort an sie richtete.

X’er wandte sich direkt an X’ude: “Der Vorsteher der Mine sagt mir, dass er nicht genug Sklaven hat, die Mine auszubeuten.”

X’ude wartete ab. Auch Ret’ax blieb stumm, betrachtete ihn aber aufmerksam.

“Xod’rex’ax erklärt, der Boden sei rissig und trocken und die Sklaven reichten nicht aus, die Felder zu bestellen und die Kanäle offen zu halten. Das Getreide geht zur Neige, das Volk wird hungern. Er schlägt vor, mit X’umip Handel zu treiben.”

X’ude musterte ihn fordernd. “Stell deine Frage.”

“Hast du uns den Regen versagt, damit wir hungern?“, fragte X’er. “Oder hast du ihn uns versagt, damit wir eine schwere Aufgabe lösen und dir zu Ehren unsere Stärke erweisen?”

X’ude lächelte. “Ich habe euch eine Aufgabe gestellt.”

X’er nickte zufrieden; das hatte erwartet. Dann runzelte er die Stirn. “Was sollen wir tun?”

Ret’ax trat vor und legte X’er eine Hand auf die Schulter. “Der Handel mit X’umip wird dem Volk helfen. Vieh und Getreide im Tausch gegen die edlen Steine; das Volk wird nicht hungern. Es ist gut, Freunde und Verbündete zu haben, denn die Welt ist groß und kein Volk kann allein bestehen, aber es ist kein Ruhm im Handel. Es bringt X’ude keine Ehre, und es beweist nicht deine Stärke, wenn du mit X’umip Handel treibst.”

X’ude nickte bedeutungsvoll. “Ret’ax hat wahr gesprochen. Besprich mit Nun’xis die Einzelheiten des Handels, findet eine Einigung. Aber es ist kein Ruhm darin. Ehre erweist ihr mir nur durch einen Beweis eurer Stärke.”

“Ja, X’ude.” X’er nickte betrübt. “Wie sollen wir unsere Stärke beweisen?”

“Bringt mir Sklaven.” X’ude machte eine beiläufige Handbewegung. “Geh zu den Nachbarn, geh zu Xi’tim. Sein Reich liegt fünf Tagesmärsche von hier. Überfalle die Stadt, töte die Krieger und bringe mir die Männer und die Frauen und die Kinder. Lass sie als Sklaven in der Mine schuften und die Felder bestellen und die Kanäle offenhalten. Und bringe mir Opfer. Das beweist eure Stärke und stellt mich zufrieden.”

X’er zögerte. Konnten sie einen solchen Krieg gewinnen? Aber X’ude duldete keinen Widerspruch.

“Du wirst deine Krieger ins Land Xi’tims führen. Sein Gott Bu’bul ist ein viel geringerer Gott als ich es bin, weniger mächtig und weniger ehrenhaft; er kann sein Volk nicht vor meinen Kriegern schützen. Du kennst Xi’tim, ihr habt früher Handel getrieben. Er ist ein schwacher König, der einem schwachen Volk gebietet. Sie sind vom eigenen Getreide gemästet, nicht fähig im Kampf zu bestehen.”

X’er verneigte sich demütig.

“Und von deinen Kriegern wirst du einen erwählen, der sich im Krieg hervorgetan hat, und du wirst ihn deiner Tochter zum Mann geben, oder sie wird sich selbst einen aus der Schar der Rückkehrer nehmen. Es ist gut, wenn sie einen starken, mächtigen Krieger an ihrer Seite hat.”

X’er nickte dankbar. “Wie du es sagt, so soll es geschehen.”