2.2 - Ai'lif
2.2 - Ai'lif
Mit befreiter Brust verließ X’er den kleinen Raum, zufrieden mit dem Rat, den X’ude und Ret’ax ihm gegeben hatten. Er folgte einigen Gängen, vorbei an ein paar Wachen, und ging zu Ai’lifs Kammer. Seine Tochter saß gemeinsam mit einer Magd an einem Webstuhl und webte feines Tuch, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte.
X’er blieb im steinernen Türbogen stehen und betrachtete die jungen Mädchen, die in ihre Arbeit versunken waren. Auf kleinen, hölzernen Bänkchen saßen sie vor den Webstühlen, ohne miteinander zu sprechen, ihre Augen hielten sie auf das Schiffchen gerichtet, das sie mit flinken Fingern hin und her bewegten, so schnell, dass sein Blick kaum zu folgen vermochte. Beim Anblick seiner Tochter spürte X’er ein wohliges Gefühl in seiner Brust. Sie war die schönste der jungen Frauen in seinem Königreich; X’ude hatte sie mit ebenmäßiger Haut gesegnet und mit Haar, das so schwarz war, dass die Dunkelheit der Mine dagegen wie heller Sonnenschein wirkte.
Sie hatte das Alter erreicht, in dem sie einem Mann verheiratet werden konnte, und X’er hatte schon darauf gewartet, dass X’ude ihm Weisung gab. Aber nun, da es so weit war, zog seine Brust sich zusammen, und der Gedanke an einen jungen Mann, der ihm Ai’lif aus seinem Palast führte, um sie zu seiner Frau zu machen, löste ihm die Knie.
Aber X’ude hatte gesprochen und Ret’ax hatte zugestimmt, also war es beschlossen.
“Vater”, rief Ai’lif in diesem Moment. Sie hatte den Blick vom Webstuhl erhoben und lachte fröhlich; ihre Augen strahlten. Die Magd erschrak und starrte vor sich auf den Boden. “Willst du das Tuch bewundern, das ich für dich webe?”
X’er lachte und schüttelte den Kopf.
“Nein, mein Kind.” Er betrat die Kammer und setzte sich neben sie auf die Bank. Dann strich er mit der Hand vorsichtig über das Tuch, das vor ihm in den Webstuhl eingespannt war. Ai’lifs Finger waren geschickt, und der Stoff war makellos und fein gewebt; ein Stoff eines Königs würdig.
“Was hast du?“, fragte sie, die Stirn in Falten gelegt. “Über deinen Augen liegt ein dunkler Schatten.”
X’er betrachtete sie melancholisch, fasste ihre Schulter. Ai’lif hob eine Hand und strich ihm sanft über die Finger.
“X’ude hat gesprochen”, sagte er langsam. “Es wird einen Krieg geben. Wir ziehen gegen Xi’tim und werden seine Krieger erschlagen und Sklaven erbeuten, damit wir die Felder bestellen und die Mine ausbeuten können. Wir werden Opfer bringen, um X’ude zu ehren, und wir werden ein großes Fest feiern.”
Ai’lif hielt ihre Augen auf ihn gerichtet und hörte ihm aufmerksam zu.
X’er zögerte einen kurzen Augenblick, dann fuhr er fort: “Und von den Kriegern, die wir aussenden, sollst du dir aus den Rückkehrern einen der Tapfersten zum Mann wählen. Oder ich werde es tun, wenn du keinen wählen willst.”
Ai’lif hob die Augenbrauen, betrachtete ihn mit offenem Mund. “Einen Mann?“, flüsterte sie.
X’er nickte. “Einen tapferen und mächtigen Krieger.”
Ai’lif stockte. Sie tauschte einen kurzen Blick mit ihrer Magd, in deren Mundwinkel ein wissendes Lächeln aufflackerte, dann wandte sie sich wieder an X’er.
“Du wirkst betrübt, Vater.”
“Das bin ich”, gestand er.
“Aber warum?” Ai’lif drückte seine Hand auf ihrer Schulter und betrachtete ihn mit großen Augen. “X’ude hat weise gesprochen. Ich bin im richtigen Alter, und es ist an der Zeit, einen Mann für mich zu suchen. Was könnte besser sein, als den Tapfersten unter deinen Kriegern für mich zu wählen?”
“Dich aus meiner Obhut zu geben, in die Pflege eines anderen Mannes, löst mir die Knie. Du bist meinem Herzen lieb geworden, meine Tochter”, erwiderte X’er. “Ich habe dich viele Jahre in meinem Haus gehabt und dich wachsen und gedeihen sehen, und jetzt soll ein Fremder dich pflücken wie eine Blume und dich in seine steinerne Hütte bringen? Das betrübt mich.”
“Aber es ist der Wunsch des X’ude”, sagte sie leise.
X’er nickte und seufzte. “Es ist der Wunsch des X’ude”, stimmte er zu.
Ai’lif lächelte, und ihre Augen blitzen. Noch einmal tauschte sie einen Blick mit ihrer Magd, bevor sie mit fester Stimme sagte: “Dann bin ich bereit, seinem Wunsch zu folgen.”