Lady
Lady
Lady (= Frau/Dame/Lady)
Oneshot
14. Oktober LADY
Nein, Tanaka war definitiv nicht nervös. Absolut nicht. Er doch nicht. Wieso sollte er auch?
Er würde heute nur nach ein Jahr die Frau wiedersehen, in die er die letzten Jahre verknallt gewesen war. Es war nur das.
Alles gut. Einfach cool bleiben.
Er traf sich nur mit einer alten Freundin aus der Schulzeit.
In einem Restaurant.
Und er trug einen Anzug.
Und er hatte einen kleinen Blumenstrauß dabei.
Und sein Herz klopfte stärker als während eines harten Volleyballspiels.
...Das konnte doch nicht gut enden.
Halt, nein. Es würde alles gut gehen! Jetzt reiß dich doch endlich zusammen, Ryunosuke!
Tanaka atmete tief durch. Eigentlich wollte er direkt danach noch einen tiefen Atemzug nehmen, doch dann öffnete sich die Tür zum Restaurant. War sie das?! Tanaka sah, den Atem anhaltend, dorthin, doch zu seiner Enttäuschung kam nur ein anderes Paar herein.
Was stimmte bloß nicht mit ihm?! Es war ja nicht so, dass das hier ein Date war. Oder?
Moment mal... war das hier ein Date?!
Bevor Tanaka diesen Gedanken richtig zu Ende denken konnte, öffnete sich die Tür wieder. Diesmal verschlug es Tanaka wirklich den Atem, denn nun betrat eine Göttin das Restaurant.
Kiyoko trug ein dunkelblaues, knielanges Kleid. Der Rest ihrer Beine wurde von einer schwarzen Strumpfhose verdeckt und ihre Haare hatten dieselbe Frisur, die Tanaka noch aus der Schulzeit kannte. Sie war wunderschön, wie immer.
Als sie sich umsah und ihn schließlich entdeckte, lächelte sie. Tanakas Herz hüpfte. Hastig stand er auf und kam Kiyoko entgegen. „Kiyoko! Äh, hallo. Schön, dich zu sehen.“
„Hallo, Tanaka.“ Kiyoko lächelte. „Freut mich auch.“
„Ähm, komm mit, unser Tisch ist dort vorne.“ Tanaka ging eilig voraus. Wieso war er so nervös?! Das war doch bloß Kiyoko, die schönste Frau des Planeten. Oh, warte, er hatte doch einen Blumenstrauß für sie. Den hatte er ja fast vergessen! Das wäre peinlich gewesen...
Am Tisch angekommen, nahm Tanaka den kleinen Strauß und hielt ihn Kiyoko hin.
„Die sind für dich.“ Seine Wangen fühlten sich heiß an. Verdammt, wieso konnte er sich nicht zusammenreißen? Er hatte Kiyoko noch nie Blumen geschenkt. Was, wenn sie die gar nicht mochte?! Dabei hatte er so lange überlegt, ob er ihr wirklich Blumen mitbringen wollte!
Kiyoko nahm den Strauß vorsichtig entgegen. „Oh, vielen Dank, Tanaka. Die sind wirklich schön.“
Ihm fiel ein Stein vom Herzen.
„Gerne! Schön, dass sie dir gefallen!“ Sehr gut, er hatte etwas richtig gemacht und sie nicht gleich wieder vergrault! Innerlich juchzte er vor Freude.
Kiyoko wandte sich dem Tisch zu.
„Oh, warte!“ Tanaka ging zu ihr und schob ihr galant den Stuhl hin. So gehörte es sich bei einer Lady! Er wollte heute ganz der Gentleman sein.
„Danke.“ Kiyoko ließ sich auf dem Stuhl nieder und Tanaka setzte sich ihr verlegen grinsend gegenüber.
Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen.
„Der Anzug steht dir“, begann Kiyoko das Gespräch.
„Da-Danke!“, stotterte Tanaka. „Ähm, meine Schwester hat darauf bestanden, dass ich ihn trage...“
Ein Schmunzeln schlich sich auf Kiyokos Lippen.
„Verstehe. Wie geht es dir denn? Wie war dein Abschluss?“
„Der Abschluss lief gut. Ich hab manche Fächer aber nur mit Ach und Krach bestanden.“ Tanaka grinste verlegen. „Aber die Abschlussfeier war cool. Noya und ich haben es krachen lassen!“
Kiyoko lachte kurz. „Das überrascht mich nicht.“
Bevor Tanaka antworten konnte, brachte ein Kellner ihnen die Speisekarten. Tanaka griff schnell nach seiner und schlug sie auf. „Okay... was möchtest du essen?“
~~~
Der Abend lief viel besser, als Tanaka erwartet hatte.
Sie hatten ganz unverfänglich miteinander gesprochen und nach einer Weile war sogar die Nervosität von Tanaka abgefallen. Sie hatten über alles Mögliche gesprochen. Tanaka wusste nun auch, dass Kiyoko in den Einzelhandel gehen und später in einem Geschäft für Sportartikel arbeiten wollte. Er selbst hatte erzählt, dass er nach der Schule eine Ausbildung zum Fitnesstrainer machen wollte. Sie beide waren überrascht gewesen, dass das Thema „Sport“ weiterhin präsent in ihren Leben bleiben würde.
Das Essen war sehr lecker gewesen. Kiyoko hatte Tempura-Reisbällchen bestellt und Tanaka Yakisoba.
Sie hatten sich die Rechnung geteilt und waren nun auf dem Weg nach draußen.
Natürlich ließ Tanaka es sich nicht nehmen, seiner Begleitung die Restaurant-Tür aufzuhalten. Für eine so schöne Lady wie Kiyoko tat er das doch gern. Kiyoko quittierte es mit einem Lächeln, was in Tanaka die Sonne aufgehen ließ. Nun waren sie unterwegs zu Kiyokos Haus, denn Tanaka hatte gefragt, ob er sie nach Hause bringen durfte und Kiyoko hatte angenommen.
Der Weg dorthin verlief ebenso entspannt wie im Restaurant. Allerdings verging die Zeit auch viel zu schnell, denn laut Kiyoko waren sie gleich schon da. Tanaka wollte nicht, dass der schöne Abend bereits endete. Außerdem wusste er noch immer nicht, ob das nun ein Date oder einfach nur ein Abend unter Freunden gewesen war...
Warum musste das alles so kompliziert sein?
Kiyoko wurde langsamer und hielt schließlich an, als sie vor ihrem Haus angekommen waren.
„Danke, dass du mich nach Hause gebracht hast.“
„Gar kein Problem, Kiyoko!“, versicherte Tanaka.
Kiyoko lächelte ihn an. „Der Abend war wirklich schön. Danke, Tanaka.“
„Eh, ich danke dir auch.“ Tanaka lächelte verlegen zurück. „Es war wirklich schön.“
„Wir können das gerne wiederholen.“
Moment. Was? Als die Erkenntnis durchsickerte, dass Kiyoko einem weiteren Treffen zu zweit nicht abgeneigt war, riss er die Augen auf.
„Wirklich?!“
Kiyoko schmunzelte. „Natürlich.“
„Ähh...“, stotterte Tanaka. „J-Ja, gerne doch!“
„Das freut mich.“ Kiyoko zog ihren Hausschlüssel aus ihrer Jackentasche. „Wir können demnächst nochmal deswegen schreiben.“
„Ja, klar!“
„Gut.“ Kiyoko lächelte ihn noch einmal an. „Gute Nacht, Tanaka.“
„Gute Nacht, Kiyoko!“
Kiyoko hob die Hand zum Abschied und verschwand in ihrem Haus. Tanaka blieb vor der Tür stehen und ließ seine Hand langsam wieder sinken.
Sie wollte das Treffen wiederholen.
Warte, war das doch ein Date gewesen und ihm war das nicht bewusst gewesen?!
„Ach, verdammt.“