Kapitel 05 - Zehn Taschen und ein Haufen Verrückter
Kapitel 05 - Zehn Taschen und ein Haufen Verrückter
Kapitel 05 -Zehn Taschen und ein Haufen Verrückter
Sakura POV
Der gestrige Tag war eine Herausforderung gewesen. Eine emotionale Achterbahnfahrt, auf die ich freiwillig wohl niemals gestiegen wäre. So vieles war passiert, und noch immer wusste ich nicht, was die Zukunft für mich bereithielt. Manchmal frage ich mich, ob Naruto, Sai und Kakashi überhaupt schon nach mir suchen. Oder bin ich Naruto inzwischen genauso egal geworden, wie es ihm momentan zu sein scheint? Er ist nicht mehr derselbe. Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich das ebenfalls nicht. Trotzdem habe ich es langsam geschafft, mich wieder ein wenig zu fangen. Stück für Stück finde ich zu meinem alten Ich zurück. Und diese verdammte Leere? Ich habe sie so satt! Ich will endlich wieder etwas fühlen. Lachen, wütend sein, mich über Kleinigkeiten aufregen. Einfach wieder Sakura sein.
Mein Blick fällt auf die Uhr über dem Türrahmen. Höchste Zeit, mich auf den Weg zu machen. Ich verlasse mein Zimmer und entdecke Konan, die bereits am unteren Ende der Treppe auf mich wartet. Als sie mich sieht, winkt sie mir lächelnd zu. Ohne groß darüber nachzudenken, hüpfe ich beinahe wie ein aufgeregtes Kind die Stufen hinunter. Ich weiß selbst nicht genau, warum ich so aufgeregt bin. Vielleicht liegt es daran, dass ich endlich ein paar der anderen kennenlernen werde. Bisher hatte ich mir die Mitglieder von Akatsuki als eiskalte, blutrünstige Monster vorgestellt. Zugegeben, ein besonders guter Ruf eilt ihnen nicht voraus. Doch bislang scheinen sie alle erstaunlich umgängliche Typen zu sein. Zumindest die, denen ich bisher begegnet bin.
Unten angekommen, strahle ich Konan regelrecht an. „Ich bin richtig aufgeregt, weißt du das?“, gestehe ich ehrlich.
Sie lächelt amüsiert und reicht mir einen schwarzen Umhang, den ich mir sofort überziehe. „Das merkt man, Liebes“, gibt sie offen zu. „Aber es ist schön zu sehen, dass es dir mental wieder besser geht. Laut Itachi warst du ja ein ziemliches Wrack, Kleine.“
Ich blinzle sie an. Ein Wrack? Ernsthaft? Na vielen Dank auch, Itachi!
Konan behandelt mich manchmal wie ein kleines Kind, dabei ist sie gerade einmal acht Jahre älter als ich. Acht Jahre! Das ist doch kein Grund, mich ständig mit diesem mütterlichen Blick anzusehen. Aber gut, vermutlich sollte ich mich langsam daran gewöhnen.
Der schwarze Umhang hat allerdings einen durchaus ernsten Zweck. Schließlich soll mich niemand erkennen. Immerhin gelte auch ich mittlerweile als Verräterin. Doch wenn ich die Wahl zwischen einem Leben als Abtrünnige und einem Dasein als Sklavin oder einem grausamen Tod habe, fällt mir die Entscheidung nicht besonders schwer.
Gemeinsam verlassen wir das Anwesen. Knapp dreißig Minuten laufen wir, bis wir schließlich einkleines Dorf erreichen. Es ist überschaubar, aber für unsere Zwecke vollkommen ausreichend. Wir steuern mehrere Geschäfte an und besorgen alles, was ich dringend benötige: Unterwäsche, T-Shirts, Pullover, Hosen, Schlafanzüge und sogar neue Ninjakleidung samt Werkzeugen. Nach unserem kleinen Einkaufsbummel stehen wir schließlich mit ungefähr zehn Einkaufstaschen da.
Zehn!
Ich betrachte die Berge an Tüten und zucke innerlich mit den Schultern. Was soll's? Mich soll es nicht kümmern. Schließlich ist es nicht mein Geld. Akatsuki war so freundlich, die gesamte Rechnung zu übernehmen. Wer bin ich schon, mich darüber zu beschweren?
Etwas später sitzen wir etwas abseits auf einer Bank und genießen unsere wohlverdiente Pause. In meinen Händen halte ich ein frisch gekauftes Bohnenbrötchen. Ein Bissen genügt und ich bin überzeugt: Das ist Liebe!
„Sag mal, Konan ...“, beginne ich neugierig und werfe ihr einen Seitenblick zu. „Du und Pain, seid ihr eigentlich schon lange zusammen?“
Kaum spreche ich seinen Namen aus, färben sich ihre Wangen leicht rosa. Sie nickt und sieht mich mit ihren hellen Augen an. „Seit über sechs Jahren. Wir sind tatsächlich auch verlobt. Wir sind zusammen aufgewachsen, weißt du?“
Überrascht halte ich mitten im Kauen inne. Verlobt? Pain? Der Mann, dessen bloßer Anblick mir vermutlich noch einige schlaflose Nächte bescheren wird?
Ich schlucke mein Brötchen hinunter und sehe sie neugierig an. „Wie war er denn als Kind?“
Konan scheint einen Moment in Erinnerungen zu schwelgen. Ihr Gesicht hellt sich auf, und ein verträumtes Lächeln legt sich auf ihre Lippen. „Lass mich überlegen ... Er war damals schon der Anführer. Er wollte uns immer beschützen und hat alles auf sich genommen. Er war richtig cool.“
Sie grinst über das ganze Gesicht.
Ich betrachte sie einen Augenblick lang. Es ist irgendwie schön, sie so über ihn sprechen zu hören. Für einen kurzen Moment fällt es mir schwer, den gefürchteten Pain aus ihren Erzählungen herauszuhören.
„Weißt du, ich habe ehrlich gesagt ein bisschen Angst vor ihm“, gestehe ich schließlich. „Aber vielleicht hilft es mir, ihn jetzt etwas anders zu sehen. Danke, Konan.“
Sie grinst und stupst mich leicht mit dem Ellenbogen an. „Das kann ich verstehen. Er kann durchaus beängstigend sein. Aber keine Sorge, eigentlich ist er ganz lieb.“
Ganz lieb. Natürlich. Und Orochimaru ist vermutlich ein Kuscheltier.
Bevor ich meinen Gedanken laut aussprechen kann, erhebt sie sich bereits. „Wollen wir zurück? Wir haben später noch ein Meeting. Die anderen möchten sich dir schließlich auch vorstellen.“
Ich nicke, schnappe mir mein Brötchen und folge ihr zurück zum Anwesen.
Dort angekommen, schleppe ich die zahlreichen Einkaufstaschen die Treppe hinauf und lasse sie schließlich mit einem erleichterten Seufzen auf meinem Zimmerboden fallen. Sekunden später liegen sämtliche Kleidungsstücke kreuz und quer auf dem Boden verteilt. Ein wahres Schlachtfeld aus Stoff.
„War das vielleicht doch ein bisschen zu viel?“, murmele ich und betrachte das Chaos vor mir.
Ach was. Frau braucht schließlich Auswahl!
Nach einigen Minuten entscheide ich mich für eine schwarze Leggings und ein hellrosa Oversize-Shirt, das mir beinahe bis zu den Knien reicht. Oversize ist und bleibt einfach meine große Liebe.
Gerade als ich damit beginne, die restlichen Sachen zu sortieren, klopft es an meiner Tür. Bevor ich überhaupt antworten kann, erscheint Itachi im Türrahmen. Sein Blick wandert über das Chaos auf meinem Boden, ehe sich ein spöttisches Grinsen auf seinen Lippen ausbreitet.
„Was für ein herrliches Bild.“
Ich verdrehe genervt die Augen. „Was willst du?“
„Wenn du hier aufgeräumt hast, komm runter. Die anderen möchten sich vorstellen.“
Ich seufze und will gerade antworten, als mir eine Idee kommt. Bevor er wieder verschwinden kann, greife ich nach seinem Handgelenk.
„Warte, Itachi.“
Er dreht sich zu mir um und mustert mich mit seinen dunklen Augen. „Was ist?“
Ich lockere meinen Griff nicht. „Warte bitte. Ich will da nicht alleine runter. Ich komme mir vor wie ein kleines Lamm unter lauter Löwen. Wenn du verstehst, was ich meine.“
Für einen Moment sieht er mich einfach nur an. Dann schleicht sich dieses verdammte Grinsen auf sein Gesicht. Ohne ein weiteres Wort geht er an mir vorbei und lässt sich seelenruhig auf mein Bett fallen.
„Ich mache solange ein Nickerchen. Sag Bescheid, wenn du fertig bist.“
Damit schließt er genüsslich die Augen.
Ich starre ihn fassungslos an.
War das gerade sein Ernst?
Na wunderbar. Jetzt habe ich nicht nur einen persönlichen Aufpasser, sondern auch noch einen Schlafgast.
Während Itachi es sich auf meinem Bett gemütlich macht, beginne ich endlich, meine Einkäufe zu sortieren. Die Kleidung wandert in die Kommode, die Unterwäsche ordentlich in die Schublade. Dabei entdecke ich auch die ein oder andere Verpackung mit Dessous, die Konan unbedingt für mich ausgesucht hatte. Offenbar war sie der Meinung, dass ich dringend etwas mehr Auswahl benötigte.
Ich halte eines der Teile hoch und betrachte es skeptisch.
Konan, wir müssen reden.
Nach ungefähr zwanzig Minuten bin ich endlich fertig. Erschöpft drehe ich mich um und lasse meinen Blick zu Itachi wandern. Er liegt noch immer auf meinem Bett und schläft seelenruhig.
Wenn er die Augen geschlossen hat, sieht er tatsächlich beinahe niedlich aus. Fast wie ein unschuldiges kleines Kind. So friedlich, so harmlos ... so nutzlos.
Moment.
Nein. Harmlos ist dieser Mann ganz sicher nicht. Ich weiß schließlich nur zu gut, wozu er fähig ist.
Trotzdem kann ich nicht anders, als näher an ihn heranzutreten. Vorsichtig streiche ich ihm eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht und betrachte ihn einen Moment lang. Anschließend tippe ich ihm leicht gegen die Wange.
Er verzieht das Gesicht, ehe sich seine dunklen Augen langsam öffnen.
„Kannst du mich nicht etwas sanfter wecken, Sakura?“, murmelt er verschlafen, richtet sich auf und streckt sich ausgiebig.
„Nö“, antworte ich trocken und drehe mich bereits zur Tür.
Itachi erhebt sich ebenfalls und folgt mir. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg nach unten.
Schon auf den letzten Treppenstufen kann ich die anderen erkennen. Einige stehen herum, andere sitzen auf den Möbeln. Und eines fällt mir sofort auf: Es sind ausschließlich Männer.
Na großartig.
Mein Blick wandert über die versammelte Gruppe. Einer sieht gruseliger aus als der andere. Ich beschließe kurzerhand, mich möglichst dicht bei Itachi aufzuhalten. Nicht, weil ich ihn besonders leiden kann. Ganz bestimmt nicht! Aber als menschliches Schutzschild scheint er durchaus geeignet zu sein.
Eine Gestalt löst sich aus der Gruppe und kommt auf uns zu. Ich versuche einzuschätzen, wie alt er ist, gebe aber ziemlich schnell auf. Irgendetwas zwischen zehn und vierzig? Keine Ahnung. Ehrlich gesagt möchte ich gar nicht weiter darüber nachdenken.
„Ich bin Tobi und ich liebe Kekse! Magst du auch Kekse?“, fragt er mich mit einer beinahe kindlichen Begeisterung.
Aha. Direkt zur wichtigsten Frage des Kennenlernens.
Ich blinzle ihn an und erkenne sofort, dass er versucht, mich aus der Reserve zu locken. Wie offensichtlich.
„Tobi, lass sie in Ruhe“, mischt sich plötzlich ein blonder Schönling ein. Laut meinen Informationenmüsste das Deidara sein. Und wow ... in Wirklichkeit sieht er ja noch besser aus!
„Aber Tobi will doch nu—“
„Halt die Fresse, Tobi!“
Der Blonde verdreht genervt die Augen und wendet sich anschließend mir zu. „Sorry für sein Verhalten. Er ist etwas zurückgeblieben. Auf verschiedene Arten, versteht sich. Er heißt Tobi, ich heiße Deidara.“
Ich muss mir ein Lachen verkneifen und nicke den beiden zu. „Ich bin Sakura. Freut mich. Und ja, Tobi, ich liebe Kekse! Am liebsten die mit ganz kleinen Schokoladenstückchen.“
Dabei zwinkere ich ihm zu.
Tobi scheint diese Antwort als persönliche Herausforderung aufzufassen. Begeistert dreht er sich um und rennt davon. Wohin auch immer. Vielleicht sucht er tatsächlich Kekse. Irgendwie ist der Kerl schon ziemlich lustig.
Neben Deidara steht ein rothaariger Mann, der sich knapp als Sasori vorstellt. Nicht gerade der gesprächigste Zeitgenosse. Danach folgen noch Kisame, Hidan, Kakuzu und Zetsu. Jeder stellt sich kurz vor, und ich versuche, mir sämtliche Namen einzuprägen.
Als die Vorstellungsrunde endlich vorbei ist, atme ich unauffällig aus. Das wäre geschafft. Ich hoffe zumindest, dass ich mir nicht gerade die Hälfte der Namen falsch gemerkt habe.
Schließlich lasse ich mich an der Bar nieder, die mitten im Raum steht. Warum auch immer man in einem Versteck voller gesuchter S-Rang-Ninjas eine Bar braucht. Aber gut, offenbar hat hier jeder seine eigenen Prioritäten.
Konan setzt sich neben mich, während Deidara auf meiner anderen Seite Platz nimmt. Der Blonde nippt an seinem Whiskeyglas, ich dagegen begnüge mich mit einem Glas Wasser. Ich habe nämlich nicht vor, mich zu betrinken und am nächsten Morgen mit einem zusätzlichen Problem aufzuwachen. Nein, danke. Die Vorstellung reicht mir vollkommen.
„Hey, Sakura, sag mal ... stimmt es wirklich, dass Sasuke dein Freund aus Kindertagen ist?“, erkundigt sich Deidara neugierig.
Ich nicke langsam. „Ja, das stimmt. Allerdings liegen zwischen dem Sasuke von damals und dem heutigen Welten.“
„Wie war er denn früher?“, fragt er und dreht sein Glas zwischen den Fingern.
Ich senke kurz den Blick. Für einen Moment taucht sein Gesicht vor meinem inneren Auge auf. Der Junge, den ich einst kannte. Der Junge, der mir so viel bedeutet hatte.
„Er war still, aber er hatte ein Herz. Er kümmerte sich um andere und ließ niemanden im Stich. Er war so anders ... Er war meine erste große Liebe“, gestehe ich schließlich.
Deidara hält mitten in seiner Bewegung inne und sieht mich überrascht an.
„Der da? Wirklich?“
Ich nicke.
Er nimmt einen weiteren Schluck Whiskey, während ich meine Hände um mein Wasserglas lege. Seltsamerweise fällt es mir leicht, mit ihm darüber zu sprechen. Vielleicht liegt es daran, dass er nicht versucht, mich zu bemitleiden oder mir irgendwelche gut gemeinten Ratschläge aufzudrängen.
„Nachdem er uns alle verlassen hatte, bin ich in ein ziemlich tiefes Loch gefallen“, erzähle ich weiter. „Es hat lange gedauert, bis ich wieder zu mir selbst gefunden habe.“
Deidara hört mir aufmerksam zu und unterbricht mich kein einziges Mal. Inzwischen habe ich den Eindruck, dass hinter seiner manchmal etwas großspurigen Art ein ziemlich sympathischer Kerl steckt.
Und irgendwie ... mag ich ihn.