Kapitel 07-Narben der Nacht
Kapitel 07-Narben der Nacht
POV Sakura
Ich saß gelangweilt im Wohnzimmer und zappte mich lustlos durch die Fernsehkanäle. Nichts. Absolut nichts Interessantes. Gerade als ich einen vielversprechenden Film entdeckt hatte, ließ sich neben mir jemand schwerfällig auf das Sofa fallen.
Hidan.
Ohne auch nur zu fragen, riss er mir die Fernbedienung aus der Hand.
„Das ist mein Reich, Frischfleisch“, verkündete er trocken und schaltete auf irgendeinen Fußballkanal um.
Wie widerlich konnte ein Mensch eigentlich sein?
Ich starrte ihn fassungslos an. Für einen kurzen Moment spielte ich tatsächlich mit dem Gedanken, einfach aufzustehen und zu verschwinden. Doch dann überkam mich mein Trotz. Nein. Nicht mit mir. Warum sollte ausgerechnet ich nachgeben?
Also blieb ich sitzen.
Seelenruhig streckte ich meine Hand aus, schnappte mir die Fernbedienung zurück und schaltete demonstrativ auf irgendeine schrecklich kitschige Liebesschnulze.
Wenn er Krieg wollte, konnte er ihn haben.
Man sollte sich eben nicht mit mir anlegen. Nicht einmal, wenn man aussah wie ein muskelbepackter Kleiderschrank namens Hidan.
Sein Blick verfinsterte sich augenblicklich. Ich konnte förmlich dabei zusehen, wie eine Ader an seiner Schläfe bedrohlich zu pulsieren begann. Seine Finger krallten sich in die Sofalehne.
Oh, das gefiel mir.
Bevor er jedoch auch nur ein Wort herausbringen konnte, tauchte Konan neben uns auf und verpasste ihm mit zwei Fingern einen kräftigen Schnipser gegen die Schläfe.
„Hidan! Sei kein Arschloch!“, fuhr sie ihn an.
Ich musste mir ein Grinsen verkneifen.
1:0 für mich.
Hidan drehte langsam den Kopf zu mir. Sein Blick versprach nichts Gutes. Anschließend erhob er sich mit einer solchen Bedrohlichkeit, als würde er gleich jemanden eigenhändig erwürgen.
„Das wird ein Nachspiel haben, Prinzessin.“
Mit diesen Worten stapfte er wütend davon.
Prinzessin?
Ernsthaft?
Genervt verdrehte ich die Augen und sah zu Konan. „Ist der immer so drauf?“
Sie nickte lediglich, ließ sich neben mir nieder und lehnte sich schließlich an meine Schulter. Gemeinsam widmeten wir uns wieder den Nachrichten. Mordfälle, politische Wendungen, Naturkatastrophen – offenbar hatte die Welt beschlossen, an diesem Tag sämtliche Katastrophen auf einmal zu präsentieren.
Konan schien den Nachrichten aufmerksam zu folgen. Zumindest so lange, bis ich nach einer Weile ein leises, gleichmäßiges Atmen neben mir bemerkte.
Ich blickte zur Seite.
Sie war tatsächlich eingeschlafen.
Ein kleines Lächeln huschte über meine Lippen. So viel also zu ihrer angeblichen Aufmerksamkeit.
Kurz darauf betrat Pain das Wohnzimmer. Sein Blick wanderte zunächst zu Konan und anschließend zu mir. Ich formte mit meinen Lippen lautlos ein SOS-Zeichen.
Er schmunzelte amüsiert, bevor er sich zu uns herunterbeugte und Konan mit erstaunlicher Leichtigkeit auf seine Arme hob.
„Kann ich dich um einen Gefallen bitten?“, fragte er in einem ungewöhnlich freundlichen Tonfall.
Ich nickte. „Natürlich. Worum geht's?“
„In der Stadt soll sich ein Informant aufhalten. Angeblich besitzt er wichtige Informationen über Sasuke. Ich brauche jemanden, der ihn empfängt und die Schriftrolle entgegennimmt. Leider ist mir etwas dazwischengekommen, und die anderen sind bereits auf Missionen.“
Bei Sasukes Namen wurde ich augenblicklich hellhörig.
Ein Informant? Informationen über Sasuke?
Na, wenn das mal keine Gelegenheit war.
„Klar. Ich langweile mich hier ohnehin zu Tode. Wenigstens kann ich mich dann einmal nützlich machen.“ Ein verschmitztes Grinsen legte sich auf meine Lippen. „Außerdem habe ich mit diesem Kerl noch eine Rechnung offen.“
Pain schüttelte leicht lächelnd den Kopf.
„Danke, Sakura.“
„Keine Ursache.“
Mit einem letzten Zwinkern verabschiedete ich mich und verließ das Wohnzimmer.
Wenig später stand ich in meinem Zimmer und zog meine Ninja-Kleidung an. Darüber warf ich meinen dunklen Mantel, befestigte meine Ausrüstung und überprüfte ein letztes Mal meine Kunai.
Dreißig Minuten. Mehr würde ich bis zur vereinbarten Stelle nicht brauchen.
Ein Spaziergang, wenn man so wollte.
Zumindest hatte ich das geglaubt.
Einige Zeit später – im Wald
Der Wald lag ungewöhnlich still vor mir. Kein Vogelgezwitscher, kein Rascheln im Unterholz. Selbst der Wind schien sich zurückgezogen zu haben. Stattdessen kroch ein merkwürdiger Nebel zwischen den Bäumen hindurch und verschluckte nach und nach den ohnehin schmalen Pfad.
Irgendetwas stimmte nicht.
Mein Instinkt meldete sich mit jeder verstreichenden Sekunde deutlicher. Ich war nicht allein.
Ganz und gar nicht.
Unauffällig wanderte meine Hand zu einem meiner Kunai. Gleichzeitig beschleunigte ich meinen Schritt. Schließlich sprang ich auf einen der Äste und bewegte mich von Baum zu Baum. Von oben hatte ich einen besseren Überblick, und außerdem wollte ich nicht riskieren, am Boden in irgendeine Falle zu laufen.
Doch die Dunkelheit holte mich schneller ein, als mir lieb war.
Meine Augen wurden schwer. Die Anstrengung der vergangenen Tage machte sich bemerkbar, und meine Konzentration begann langsam nachzulassen.
Nur noch ein Stück.
Ich setzte zum nächsten Sprung an.
Ein metallisches Surren durchschnitt die Stille.
Mein Körper reagierte, doch es war zu spät.
Ein Kunai traf mich.
Ein stechender Schmerz schoss durch meinen Körper, als ich das Gleichgewicht verlor. Für einen Sekundenbruchteil schien die Welt um mich herum stillzustehen. Im letzten Moment bekam ich einen Ast zu fassen, doch meine Finger rutschten an der rauen Rinde ab.
Dann stürzte ich in die Tiefe.
Der Aufprall presste mir die Luft aus den Lungen.
„Verdammt!“
Keuchend blieb ich liegen. Meine Arme brannten höllisch, mehrere blutige Kratzer zogen sich über meine Haut, und auch mein Gesicht war von feinen Schrammen übersät.
Ich zwang mich, den Kopf zu heben.
Wer zum Teufel hatte mich angegriffen?
Mein Blick huschte von einem Baum zum nächsten. Dann bemerkte ich eine Bewegung.
Eine schwarze Gestalt löste sich langsam aus dem Schatten eines Baumes.
Mein Herz setzte für einen Moment aus.
Nein.
Das konnte nicht sein.
„Na, überrascht, Prinzessin?“
Diese Stimme.
Ich kannte sie nur zu gut.
Hidan trat aus dem Schatten. Auf seinen Lippen lag ein widerwärtiges Grinsen, während er sich mit einer Hand über den Mund wischte. An seinem Kinn klebte Blut, das er sich genüsslich von den Lippen leckte.
Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken.
„Hidan?“, brachte ich hervor. „Was soll das? Warum hast du mich angegriffen?“
Er lachte.
Es war kein gewöhnliches Lachen. Es klang kalt, beinahe krankhaft amüsiert.
„Weißt du, seit du hier aufgetaucht bist, benehmen sich plötzlich alle wie irgendwelche verweichlichten Wohltäter. Dieses ganze freundliche Getue geht mir gehörig auf die Nerven.“
Er kam langsam näher.
Ich versuchte, mich aufzurichten, doch ein stechender Schmerz durchzuckte meinen Arm.
„Und was habe ich damit zu tun?“
Hidan blieb direkt vor mir stehen und legte den Kopf schief.
„Du bist der Grund dafür, Frischfleisch.“
Sein Grinsen wurde breiter.
„Ich finde nämlich, dass du dringend eine kleine Bestrafung verdient hast.“
„Du bist vollkommen verrückt.“
Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, ließ er seine Waffe achtlos zu Boden fallen.
Das metallische Geräusch hallte durch den Wald.
Dann packte er mich am Arm, riss mich unsanft hoch und drückte mich mit solcher Wucht gegen einen Baum, dass mir für einen Moment die Luft wegblieb.
Ich verzog schmerzhaft das Gesicht.
„Lass mich los!“
Doch er dachte gar nicht daran.
Sein Gesicht kam meinem gefährlich nahe. Ich konnte seinen Atem spüren, während seine Finger sich fester um meinen Arm schlossen.
„Weißt du, Sakura ...“, murmelte er beinahe flüsternd. „Seit dem ersten Moment, in dem ich dich gesehen habe, wollte ich dich ...“
Er beugte sich zu meinem Ohr.
„... endlich allein erwischen.“
Seine Stimme ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
Und plötzlich verstand ich.
Das hier war kein dummer Streit. Keine impulsive Racheaktion wegen einer Fernbedienung.
Hidan hatte das geplant.
Und ich war ihm direkt in die Falle gelaufen.
Mein Atem stockte. Verzweifelt suchte ich seinen Blick nach irgendeinem Anzeichen dafür ab, dass das alles nur ein schlechter Scherz sein könnte.
Doch da war nichts.
Nur dieses widerwärtige Grinsen.
Ich musste hier weg. Irgendwie. Irgendwohin.
Doch bevor ich mich überhaupt bewegen konnte, zog er ein Kunai aus seiner Tasche.
„Bitte nicht ...“, flüsterte ich.
Er ignorierte mich.
Mit einer brutalen Bewegung zerschnitt er meine Kleidung. Stofffetzen fielen zu Boden. Ich versuchte, mich wegzudrehen, mich irgendwie vor ihm zu schützen, doch seine Hand hielt mich unerbittlich fest.
„WAS SOLL DAS?! WARUM TUST DU DAS, HIDAN?!“
Meine Stimme überschlug sich. Tränen liefen mir über die Wangen, während ich verzweifelt versuchte, mich aus seinem Griff zu befreien.
Doch ich hatte keine Chance.
Er war stärker.
Viel stärker.
„Halt endlich die Klappe!“, knurrte er.
Im nächsten Moment schloss sich seine Hand um meinen Hals.
Ich japste erschrocken auf. Seine Finger drückten immer fester zu. Panisch griff ich nach seinem Handgelenk und versuchte, seine Hand wegzuziehen. Meine Lungen brannten. Jeder Atemzug wurde zum Kampf.
Schließlich ließ er mich los.
Ich sackte hustend zusammen und rang nach Luft. Meine Kehle schmerzte höllisch.
„Du solltest wirklich lernen, wann du den Mund zu halten hast.“
Bevor ich reagieren konnte, zwang er mir einen Kuss auf. Ich wandte den Kopf ab, versuchte ihn wegzustoßen und wehrte mich mit aller Kraft, die mir noch geblieben war.
Doch er ließ nicht von mir ab.
Mein Körper zitterte inzwischen unkontrolliert.
Dann zog er mein Stirnband hervor. Mit einem grausamen Grinsen befestigte er es an einem dicken Ast und benutzte es, um mich festzusetzen.
Ich starrte ihn mit tränenverschleierten Augen an.
„Bitte ... hör auf.“
Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Hidan antwortete nicht.
Stattdessen begann er, seine eigene Kleidung abzulegen. Die Selbstverständlichkeit, mit der er das tat, ließ mir endgültig das Blut in den Adern gefrieren.
Ich wusste, was er vorhatte.
Und ich wollte es nicht.
Ich wollte einfach nur nach Hause.
Zu Konan. Zu Pain. Zu den anderen.
Zu irgendjemandem.
„Hilfe ...“, brachte ich unter Schluchzen hervor.
Doch niemand antwortete.
Hidan trat wieder vor mich, löste meine Fesseln und schlug mir unvermittelt ins Gesicht.
Mein Kopf wurde zur Seite gerissen.
„Du kleine Schlampe!“, knurrte er.
Ein weiterer Schlag folgte. Und noch einer.
Meine Wange brannte. Ich schmeckte Blut und konnte kaum noch klar sehen. Meine Knie drohten nachzugeben, doch er hielt mich fest.
Ich konnte nicht mehr.
Nicht körperlich. Nicht seelisch.
„Bitte ...“, schluchzte ich. „Ich habe dir doch nichts getan ...“
Doch meine Worte schienen ihn nur noch mehr zu amüsieren.
Er lachte.
Dieses entsetzliche Lachen hallte zwischen den Bäumen wider und ließ mich innerlich zusammenbrechen.
„Hilfe ist nutzlos, Sakura!“, rief er beinahe triumphierend. „Sie sind alle unterwegs. Auch dein kleiner, süßer Beschützer!“
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
Nein.
Bitte nicht.
Ich dachte an die anderen. An die Menschen, die ich gerade erst begonnen hatte, als meine Freunde zu betrachten. An die vertrauten Stimmen im Hauptquartier. An die kleinen Momente, in denen ich tatsächlich wieder hatte lachen können.
Und ausgerechnet jetzt war niemand da.
Niemand, der mich hören konnte.
Niemand, der mich retten würde.
„Itachi...“
Sein Name entwich meinen Lippen, bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte.
Eine einzelne Träne rann über mein Gesicht.
Ich wollte nicht sterben. Ich wollte nicht hierbleiben. Ich wollte einfach nur, dass jemand kam und mich aus diesem Albtraum befreite.
Doch Hidan hatte längst jede Grenze überschritten.
Er stieß mich zu Boden. Äste und Steine bohrten sich schmerzhaft in meine Haut. Ich versuchte, mich aufzurichten, doch er hielt mich fest und ließ mir keine Möglichkeit zur Flucht.
„Hidan, bitte ...“, flehte ich unter Tränen.
Er antwortete nur mit einem grausamen Grinsen.
Dann begann er, mir das anzutun, wovor ich mich am meisten fürchtete.
Ich wehrte mich. Ich schrie. Ich flehte ihn an, aufzuhören.
Doch er hörte nicht.
Mein Körper schmerzte, meine Stimme versagte und irgendwann hatte ich nicht einmal mehr die Kraft, mich gegen ihn zu wehren.
Ich starrte in den dunklen Himmel zwischen den Baumkronen.
Warum?
Warum passierte mir das?
Was hatte ich getan, um so etwas zu verdienen?
Meine Tränen liefen unaufhörlich über meine Schläfen. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass dieser Albtraum endlich endete.
Irgendwann hörte ich auf zu schreien.
Nicht, weil es nicht mehr wehtat.
Sondern weil ich keine Kraft mehr hatte.
Und während Hidan weiterhin über mich lachte, blieb mir nur ein einziger Gedanke:
Bitte ... lass mich hier nicht allein.
Er hörte einfach nicht auf.
Immer wieder versuchte ich, mich gegen ihn zu wehren, doch meine Kräfte schwanden mit jeder Sekunde mehr. Mein Körper schmerzte unerträglich. Ich konnte kaum noch atmen, geschweige denn einen klaren Gedanken fassen.
Irgendwann hörte ich auf, mich zu bewegen.
Nicht, weil ich aufgegeben hatte.
Sondern weil mein Körper einfach nicht mehr konnte.
Die Schmerzen wurden so überwältigend, dass ich sie irgendwann kaum noch wahrnahm. Alles fühlte sich taub an. Als würde ich langsam meinen eigenen Körper verlassen. Meine Gedanken verschwammen, während Tränen unaufhörlich über meine Wangen liefen.
Ich wollte nur noch, dass es aufhörte.
Bitte ... lass es endlich aufhören.
Dann drangen plötzlich Stimmen durch die Dunkelheit.
Zunächst waren sie kaum mehr als ein fernes Flüstern. Doch langsam wurden sie lauter.
„Hast du das gehört?“
Hidan hielt inne.
Sein Kopf wandte sich ruckartig in Richtung der Stimmen. Für einen Moment wirkte er angespannt. Dann fluchte er leise und ließ von mir ab.
„Verdammter Mist.“
Ich konnte kaum noch erkennen, was um mich herum geschah. Alles verschwamm vor meinen Augen. Ich hörte Schritte, dann das Rascheln von Kleidung.
Und schließlich war er weg.
Einfach so.
Er hatte mich zurückgelassen.
Allein.
Mit letzter Kraft versuchte ich, meinen Kopf zu heben, doch selbst diese kleine Bewegung war zu viel. Mein Blick verschwamm erneut. Die Stimmen kamen näher, doch ich konnte nicht verstehen, was sie sagten.
Wer war da?
Pain?
Konan?
Oder vielleicht ...
Itachi?
Ein schwaches Schluchzen entwich meiner Kehle.
Ich wollte etwas sagen. Um Hilfe rufen. Irgendwie auf mich aufmerksam machen.
Doch meine Stimme versagte.
Meine Augenlider wurden immer schwerer. Die Kälte des Waldes kroch langsam unter meine Haut, während mein Körper kaum noch auf meine eigenen Gedanken reagierte.
Bitte ... findet mich.
Das waren meine letzten Gedanken, bevor die Dunkelheit mich endgültig verschluckte.
Und dann wurde alles still.