Ereignishorizont
Ereignishorizont
Kehrwert
!! BAND 2 DER SOLA WATERS-TRILOGIE !!
Link zu Band 1: Schnittpunkt
Klappentext :
Gut ein Jahr nach dem verheerenden Autounfall scheint Sola endlich in ihrem neuen Leben als Tochter des weltberühmten Milliardärs und Superhelden Iron Man angekommen. Doch, was auf dem Papier nach einem de facto sorgenfreien Leben voller Wunder und Privilegien aussieht, entpuppt sich schon bald als sehr viel bittereres Los. Das einst gefeierte Avengers-Team zerbricht in einem dramatischen Zerwürfnis und weitreichende neue gesetzliche Statuten treten in Kraft. Verraten und desillusioniert zieht Tony Konsequenzen mit schwerwiegenden Folgen für ihrer aller Leben.
Genre: Young Adult/Familiendrama, Ich-Erzähler, Vater-Tochter-Beziehung, Pre CA:CW bis Post SM:H
Disclaimer : Ihr habt mich erwischt, ich besitze keine Rechte am Marvel Cinematic Universe. Das hier ist eine lose auf dem MCU bauende Fangeschichte. Auch reale Orte und Marken (z.B. Hotelketten, etc) sind im Rahmen der Handlung als fiktiv zu betrachten.
Vorwort :
Schätze, ich halte es wie Mr. Tony Stark ... Sometimes you gotta run before you can walk.
Ich habe ein wenig hin und her überlegt und habe mich jetzt kurzerhand für eine Live-Veröffentlichung bei Kehrwert entschieden – was bedeutet, dass ich Kapitel online stellen werde, sobald sie zu Papier gebracht sind und meinen spontanen Qualitätscheck bestanden haben. Bedeutet auch, keine Vorräte und damit keine „Kompensation“ für dürftigere Phasen meines Schaffens. Folglich wird es diesmal vorerst kein regelmäßiges Update wie bei Schnittpunkt geben. Ich schätze, dass gerade zu Beginn einige Wochen Wartezeit zwischen den Kapiteln liegen werden, da ich hauptsächlich nach wie vor an der TT Saga schreibe und zurzeit beruflich auch ziemlich ausgelastet bin. Die Alternative hätte allerdings bedeutet, dass es mit Solas Geschichte vermutlich erst in vielen, vielen Monaten weitergegangen wäre und da die TT Saga so bald auch nicht endet und damit auch zukünftig immer Raum einnehmen wird, scheint es mir so am leichtesten, beide Projekte am Laufen zu halten, ohne mich auf eines zu versteifen.
Hier die harten (oder auch halbgaren) Fakten: Kehrwert ist bereits komplett konzipiert und wird (nach aktueller Hochrechnung) auf ca. 160 Kapitel kommen. Es ist – wie gehabt – eine Young Adult Geschichte mit Schwerpunkt auf dem Familien- und Charakterdrama. Diesmal starten wir recht positiv, doch lasst euch nicht in die Irre führen, das hier ist der zweite Part der Handlung, der für Schnittpunkt angedacht war. Es wird also erneut recht tragische Elemente geben, die Themen Trauma und Isolation spielen weiterhin eine wichtige Rolle und es wird vor allem auch wieder einige zwischenmenschliche Konflikte geben, die zudem auch zunehmend eskalieren werden. Manchmal wird es wehtun. Irgendwann vermutlich sehr. Was allerdings nicht bedeutet, dass es nicht auch einige sehr unterhaltsame und leichte Sequenzen geben wird. Und Action – ja, davon gibt es zukünftig mehr als zuletzt, aber nicht sofort.
Inhaltlich steigen wir wenige Wochen nach den Geschehnissen von Schnittpunkt und kurz vor „Captain America: Civil War“ ein. Wie schon beim letzten Mal lasse ich mir einige kreative Freiheiten, was die Geschehnisse im MCU, aber vor allem die zeitlichen Abläufe angeht, um Sola & Tonys Geschichte genug Raum zum Atmen zu liefern. Das hier ist und bleibt ein familiärer Slow Burn.
Und damit genug der ominösen Worte.
Setzt eure Sonnenbrillen auf und ab in die kalifornische Sonne!
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Kehr•wert
Definition. [Mathematik] Wert, der sich durch Vertauschen von Zähler und Nenner eines Bruches ergibt.
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Teil I
DAVOR
Kapitel 1: Ereignishorizont
„Barton Sommercamp?“
Als Clint mit trockenem Ton und nichts desto trotz vage amüsiert blitzenden Augen den Anruf entgegennahm, der sich bereits seit anderthalb geschlagenen Minuten summend in seiner Hand hielt, nahm er gerade vor dem Lenkrad unserer Limousine Platz. Mir war klar, dass nur eine Person derart beharrlich und unbeeindruckt Aufmerksamkeit einzufordern vermochte, deswegen wusste ich, dass es Tony war, der am anderen Ende der Leitung saß.
Kaum, dass Clint die Fahrertür zuzog, sank eine geradezu betäubende Ruhe auf das Wageninnere, die sämtlichen Lärm der aufbrechenden Besucherscharen, anfahrenden Busse und Autos, jedes Hupen und Kreischen und Lachen, wie auch das Rappeln und Sausen der fernen Fahrgeschäfte zu einem vagen Hintergrundrauschen dezimierte.
„Anschnallen, ihr drei“, warf Clint beiläufig zu uns nach hinten, ehe er schon in sein Smartphone sprach: „Nein, sie war ganz froh, sich das hier erspart zu haben. Sie hat sich in Malibu Point bestens mit Nathy eingerichtet. Drei Krabbeldecken nebeneinander und eine KI, die alles im Auge behält, das ist irrsinniger Luxus …“ Er sann nach, den Blick gen Wagendecke gehoben. „Wie Urlaub, nur auch vom Elternsein“, resümierte er. „Aber du wirst noch in drei Monaten abgekaute Holzklötze und Plüschtiere in allen Ecken finden- … Ja, er zieht sich überall hoch … Herrgott, Tony, er ist kein Hund---“
Daphne und Lila hingen eng aneinander, stierten gemeinsam auf das Display ihres StarkPhones und diskutierten immer noch aufgeregt. Der blaue Glitzerstaub einer mehr lustlosen Interpretation von Tinkerbell, den Daphne auf dem Rückweg in die Haare bekommen hatte, klebte längst auch an Lilas Oberarmen und rechter Wange. Selbst meine Oberschenkel schimmerten, obwohl Lila zwischen uns saß und ich mich nicht erinnern konnte, mit Daphne auf dem erschöpft trottenden Weg zum Auto irgendwie kollidiert zu sein.
Harley schien derweil das im Roller Coaster begonnene Drama noch einmal verschärft zu haben, denn obwohl ich keine Anstalten machte, mir seine neueste Nachricht in unserem Gruppenchat durchzulesen, wusste ich, dass Cooper und er im zweiten Wagen jede Chance nutzten, uns aus sicherer Entfernung unter Beschuss zu nehmen.
Abwesend legte ich mir meinen Sitzgurt um und knabberte an meinen schokoladenbestäubten Mini-Churros weiter. Beinahe warf ich versehentlich die zugehörige Marshmallow-Sauce aus ihrer Kartonhalterung, bekam sie aber noch rechtzeitig zu greifen. Zufrieden mit meinen Wahnsinnsreflexen richtete ich meine Aufmerksamkeit grinsend auf Clint zurück, dem die verhinderte Lappalie in seinem Rücken nicht entgangen war, aber auch nicht besonders zu imponieren schien.
Ich war mir trotzdem sicher: Dass ich nicht draußen auf dem brütend heißen Parkplatz stand und dort hastig meine verbliebenen Churros in mich hineinstopfte, lag einzig und allein daran, dass es nicht sein Wagen war, in dem wir saßen.
Es war eine unserer klassischen S-Klasse-Limousinen, von denen ich nie wusste, ob Tony sie aufgrund ihrer fehlenden Extravaganz schlicht und ergreifend allesamt für ein und denselben Wagen hielt oder ob er sie ganz bewusst im Zehnerpack erworben hatte.
Zuzutrauen war ihm beides.
„Ja, alle noch am Leben“, bestätigte Clint gerade und stellte auf die bordeigene Freisprechanlage um, ehe er den Motor einschaltete. „Keiner gestorben. Keiner vermisst. Alle Gliedmaßen noch dran. Nur eine Handvoll Kollateralschäden … Sie sind eindeutig das bessere Team.“
Tony schnaufte unterhalten. Scheinbar lauschte er nur mit halbem Ohr, denn im Hintergrund arbeiteten etwaige Gerätschaften. Ich hörte FRIDAY etwas ansagen, das es nicht ganz bis zu uns ins Auto schaffte.
Dafür, dass er von dutzenden unvermeidlichen Meetings gesprochen hatte, vor denen nicht einmal Pepper ihn zu bewahren vermochte, klang dies doch sehr nach zwanglosen Stunden in der Werkstatt.
„Jetzt behauptet er, dass du es warst.“ Lila warf sich gegen meinen Arm, als sie Daphne das StarkPhone aus der Hand schnappte und es mir schon demonstrativ unter die Nase hielt. Erneut verrutschte die Marshmallow-Sauce bedrohlich auf meinem Knie, als ich einen knappen Blick darauf warf. „Er schreibt, du hast den Deckel nicht wieder festgedreht.“
Dumpf schnaubte ich. „Idiot.“
„Habe ich da gerade mein gebildetes Kind vernommen?“, tönte es umgehend aus der Freisprechanlage.
„Ja, das war deine Schöpfung.“ Gleichmütig sah Clint über den Seitenspiegel nach Happy, der ebenfalls anfuhr und ihm nun anscheinend die Vorfahrt ließ, denn Clint setzte sich vor ihn und fuhr auch schon vom gewaltig überfüllten Parkplatz des Freizeitparks ab. Ich beobachtete verhalten, was er tat, und als er es bemerkte, hob er beiläufig den Zeigefinger vom Lenkrad. Ich folgte dem nonverbalen Hinweis, hakte im Geiste meine Checkliste ab und nickte auch schon.
Richtig, den Rückspiegel nicht vergessen .
Diesmal hatte ich an fast alles gedacht. Auch wenn ich nicht daran zweifelte, dass ich den Großteil wieder vergaß, sobald ich das erste Mal wirklich hinterm Lenkrad saß, erschien es mir für den Moment doch simpel genug.
Ein wenig nervös war ich allerdings schon. Auch wenn ich die Theorie weitestgehend draufhatte und mein kalifornischer Lernführerschein inzwischen bewilligt worden war, hatte ich noch nicht viel mehr getan, als mit Clint im Stand ein paar grundlegende Fahrvorbereitungen getroffen und den Motor gestartet zu haben.
Tony würde mit mir das tatsächliche Fahren üben. Das zumindest war der Plan, sobald er sich für die letzten Wochen meiner Sommerferien zu uns nach Malibu gesellte. Bis dahin musste ich mich noch gedulden. Also tat ich vorerst nicht viel mehr, als zu beobachten.
Mir entging nicht, dass sich augenblicklich auch ein paar Reporter an unsere Wagen dranhingen und dabei ein kleines Hupkonzert anderer übermüdet aufbrechender Gäste verursachten, die ihretwegen in die Bremsen treten mussten.
Dass Sola Stark Waters den Tag mit Hawkeye und einer Gruppe Freunde in Anaheim verbracht hatte, war nicht sehr lange Insiderwissen geblieben. Schon gut eine halbe Stunde nach unserem Erscheinen im Disneyland Resort waren Berichte und Schnappschüsse in den sozialen Medien aufgetaucht, die alsbald auch von etwaigen Klatsch- und Nachmittagssendungen aufgegriffen worden waren und schlussendlich hartgesottene Paparazzi auf den Plan gerufen hatten. Sie hatten uns nicht weiter bedrängt und Clint und Happy hatten sichergestellt, dass sie durchweg außer Hörweite geblieben waren, aber ich war mir angesichts der uns beharrlich folgenden Kameras trotzdem vorgekommen, als sei ich Hauptakteur meiner eigenen Reality-TV-Show. Mein hin und wieder mehr wirres Lächeln, wann immer ich doch versehentlich Blickkontakt mit einem der Fotografen hergestellt hatte und dabei meiner instinktiven Höflichkeit unterlegen gewesen war, war in jedem Fall noch verbesserungswürdig. Doch selbst unsere Heimfahrt schien für den einen oder anderen offensichtlich immer noch nicht ereignislos genug, um in den wohlverdienten Feierabend zu entschwinden.
„Die Schadenmeldung ist bei dir eingegangen?“, erkundigte sich Clint.
„FRI hat etwas erwähnt.“
Tony klang herzlich unbekümmert. Es bedeutete wohl, dass ich keine weitere Verteidigung gegen Harleys haltlose Anklage aufbauen musste. Dass er es gewesen war, der uns und alle anderen Beteiligten am Zenit der Achterbahn mit einer gelungenen Pepsi-Dusche beehrt hatte, stand ohnehin außer Frage.
„Wer nimmt das Zeug überhaupt auf einen Coaster mit?“, stellte Daphne schon zur Debatte.
Lila rümpfte die Nase. „Cooper.“
Sie ließ es klingen, als handele es sich nicht um ihren älteren Bruder, sondern um einen lästigen Waschbären, der regelmäßig die Mülltonnen vor ihrem Zimmerfenster ausräumte.
„Er denkt nicht“, gab sie mir bitterlich ernst zu verstehen.
Ich gluckste.
„Lila.“ Es war eine müde, halbherzige Mahnung, der ich umgehend entnahm, dass Clint sie viel zu oft aussprach, als dass nicht zumindest ein wenig etwas Wahres daran sein konnte.
„Also gut“, ruderte Lila zurück. „ Wenn er denkt, ist so etwas das Ergebnis.“
Diesmal prusteten wir.
Still verdrehte Clint die Augen und tat sich selbst den Gefallen vorzutäuschen, ihre spitzfindige Richtigstellung nicht richtig vernommen zu haben.
Sie war eben doch sein Liebling.
Nachdem mein Vater alle noch einmal daran erinnerte, dass mir unverändert auferlegt war, jedes vage Ziepen in meiner Hirnrinde an FRIDAY zu melden, insbesondere nachdem ich einen halben Tag von unterschiedlichen Fahrgeschäften durch die Gegend geschleudert worden war, verneinte ich schon Clints im Rückspiegel still anfragenden Blick in etwas zu routinierter Art und Weise und Tony legte auf.
Die Klimaanlage leistete großartige Arbeit. Obwohl meine Haut noch so erhitzt war, dass Kaliforniens Sonne und ihre trockene Augusthitze sich darin dauerhaft eingenistet zu haben schien, kühlte die Wagenluft meine Gedanken herab.
Herrlich erschöpft sah ich hinaus auf die weite Interstate 5, dann setzte ich den inzwischen leeren Churrokarton auf den Fußboden, schob ihn vorsichtig von mir weg, soweit es der Vordersitz gestattete, richtete meinen Gurt und ließ mich seufzend in das kühle Polster zurückfallen.
Clint beließ das Radio aus, deshalb sank binnen weniger Sekunden bereits die behagliche Stille der Heimfahrt über uns.
Meine Füße schmerzten auf diese eindringliche Weise, die einen gelungenen Tag voller Erlebnisse krönten, von denen man bereits wusste, dass sie einem auch über die Ferien hinaus im Kopf blieben. Während Lila nun sehr viel mehr wie die Elfjährige, die sie war, merklich geplättet an meiner Schulter lehnte und ein Kombinationsspiel mit bunten Kristallen auf ihrem Smartphone löste und Daphne und Clint über die besten Fast-Food-Ketten-Milchshakes zu debattieren begannen, stierte ich bloß hinaus auf die gewaltige, sinkende Sonne der Pazifikküste und all die Autos und Trucks, die wir laufend überholten. Nachdem Daphne vielsagend zu einer Five Guys-Werbetafel wies, eröffnete Clint das Schlachtfeld Geschmacksrichtung, und etwas in mir entsann sich müde, dass Happy uns Milchshakes besorgt hatte, nachdem Tony mich aus dem Boston Hospital abgeholt, in mein verwaistes Heim kutschiert und mir dort recht ungalant eröffnet hatte, dass ich Nashua verlassen würde.
Ein ganzes Jahr lag er nun zurück; dieser Vanille-Milchshake nach unserem verbalen Zusammenstoß. Happy hatte ihn zu mir aufs Zimmer gebracht und ihn mir behutsam und betreten zugleich in die Hand gedrückt, während ich bloß dagehockt hatte, unfähig zu weinen und unfähig zu toben und ganz und gar unfähig, ihm zu sagen, dass ich Erdbeere viel lieber mochte, auch wenn ich ihn um Vanille gebeten hatte. Es hatte ihm niemand verraten müssen, dass unser Gespräch ganz falsch verlaufen war. Oder dass ich Tony mit meiner sichtbaren Hilflosigkeit derart überwältigt und in die Pflicht gerufen hatte, dass ihm urplötzlich die ganze raue Realität seiner neuen Verantwortung aufgegangen war. Die schiere Unwiderruflichkeit all dessen. Es hatte ihn geradewegs in die Flucht geschlagen.
Ich stierte auf die trockenen Hügel von Los Angeles.
Heute, nur ein Jahr später, trug ich seinen Namen.
Und Happy brachte mir Erdbeere, nicht Vanille.
Er musste nicht einmal fragen.
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Niemand sprach mehr von nicht festgeschraubten Deckeln und Pepsi-Fontänen, als wir nach dem Abendessen erschöpft und gleichzeitig immer noch viel zu aufgedreht, auf der Couch vor meinem Fernseher in Malibu Point zusammenfielen, die Spielkonsole anwarfen und die Controller verteilten. Das spätgoldene Licht des baldigen Sonnenuntergangs wärmte unsere ausgestreckten Beine.
Lila war von Laura zum Baden abgeführt worden, deshalb entschieden wir uns für Mario Kart in der Teamvariante, zwei gegen zwei. Es ließ sich nicht wirklich sagen, welches Duo besser funktionierte, denn Harley und ich missinterpretierten brachial jede wohlüberdachte Taktik des anderen, während Cooper und Daphne vollkommen auf Strategie pfiffen und universelles Chaos säten, wo es nur ging, unberührt von allen Verlusten und Empfindlichkeiten.
Nachdem die beiden durch reine Fügung des Schicksals wiederholt den knappen Team-Sieg einfuhren und einander abgebrüht abklatschten, erwählte Harley die mir verhasste Regenbogen-Boulevard als nächsten Austragungsort unserer geballten Inkompetenz.
Schon in der ersten Runde bretterte ich gut ein dutzend Mal in die Leere des Alls, was nicht nur an Daphnes arglistigen Manövern lag, sondern auch daran, dass Harley schon wieder auf die SUN-1 zu sprechen kam. Seit ich ihm und den beiden anderen vor gut zwei Tagen endlich in allen bis dato verschwiegenen Einzelheiten von den dramatischen Ereignissen rund um meine Entführung durch Zeke Stane und Dr. Fanning und natürlich auch von dem Anzug berichtet hatte, den Tony zu meinem Schutz anscheinend über Monate konstruiert hatte, ließ er das Thema nicht mehr auf sich beruhen.
Ich war mitten in der Nacht mit der Sprache herausgerückt. Wir vier hatten uns heimlich hinausgeschlichen, waren im Mondschein auf dem Gelände von Malibu Point herumgeschlendert und hatten uns schließlich an den Klippen weit abseits unserer Poolterrasse niedergelassen, mit Blick gen Küstenlinie und pazifischen Ozean. Es war so warm gewesen, dass wir selbst in Shorts und T-Shirt nicht gefroren hatten. Die Uferlinie von L.A. hatte in der Ferne gefunkelt und geschimmert und eine ganze Weile hatten wir uns damit vergnügt, die vermeintlichen Stellen zu identifizieren, die wir als die Wahrzeichen vermuteten. FRIDAY hatte uns immerzu widerlegt, sobald wir sie aufgrund unserer haltlosen Wetten zurate gezogen hatten, bis wir sie offiziell zum absoluten Spielverderber ernannt und damit endgültig vergrault hatten. Wir hatten auch ohne sie weiter herumgealbert und einander aufgezogen und unentwegt zum Haus gespäht und als deutlich wurde, dass weder Clint, noch Happy oder Laura uns auf die Schliche gekommen waren, hatten wir uns irgendwann auf dem kalifornisch kargen Sandboden zwischen Riedgrasbüschel und Sandverbenen ausgestreckt und begonnen flüsternd Geheimnisse, lang gehegte Gedanken und auch Leid miteinander zu teilen. Es hatte ganz beiläufig begonnen, als Daphne das baldige Ende unserer Zeit in Malibu bedauert hatte, und war dann irgendwann damit geendet, dass Cooper nichts aus seinem Leben zu machen wusste, Harley nichts aus seiner Familie und Daphne nichts aus Nashua. Und dann hatte ich gesprochen, erst von Mum und Jane, von dem immer noch nässenden, klaffenden Loch in meiner Brust, das sie darin hinterlassen hatten und das sich einfach nicht schloss, ganz gleich, wie viele heitere Tage inzwischen oftmals aufeinander folgten, und dann auch – noch sehr viel stiller – von meiner schon seit längerem anschwellenden Angst, alles erneut zu verlieren, indem ich Tony verlor … Denn das war jederzeit möglich mit einem Superhelden als Vater, nicht wahr?
Es gab sogar ein Wort dafür – den Heldentod.
Cooper hatte schweigsam genickt.
Ja , das war unsere Wahrheit.
Dass wir das Ende dieses Weges irgendwie kannten, so wenig wir es auch wahrhaben wollten.
Harley jedenfalls schien nach wie vor absolut ungläubig, was meine laienhaften technischen Ausführungen zur SUN-1 von jenem Abend betraf. Es war das einzige Thema aus unseren verstohlenen Geständnissen, auf das wir unentwegt zurückkamen und das es bis in unsere täglichen Debatten geschafft hatte.
„Und du bist sicher, dass sie nicht autonom und bewaffnet ist?!“, malträtierte er mich schon wieder mit bohrendem Zweifel.
„Er sagte und ich zitiere : Das ist kein Iron Man-Anzug, sondern eine Saving Unit. Sie heißt sogar SUN-1. Das steht für Saving Unit Number , ist ziemlich offensichtlich, meinst du nicht?“ Ich ächzte, denn Cooper hinterließ mir eine Bananenschale, der ich nur haarscharf entging. „Und MISOTA hat auch nichts weiter dazu gesagt. Der Anzug ist voll automatisiert. Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas damit anfangen kann, das nicht von Tony selbst freigegeben wird-“
„-es sei denn, es ist ein Notfall “, korrigierte er mich.
„ Ja , aber-“
„Du sagtest der Anzug sah exakt so aus wie seiner“, fuhr Harley schon fort und meisterte zugleich mühelos die Absprungrampe zur Abkürzung. „Dieselbe Bauart, bis hin zu den Mini-Reaktoren.“
„In umgekehrter Lackierung“, erinnerte ich ihn.
Ungeduldig verdrehte er die Augen. „Ja, weil du ein Mädchen bist ---“
„ Iron Girl .“ Daphne grinste. Vielleicht, weil Tony damit den heimlichen Insider meiner Freunde und das beliebte Hashtag der sozialen Medien mehr oder weniger offiziell gemacht hatte. Die Spitzen ihrer mondblonden Haare schimmerten immer noch vage blau von Tinkerbells Glitzertaufe.
„Die Mini-Arc-Reaktoren haben einen Zweck!“, beharrte Harley weiter. „Wenn der Anzug bloß fliegt, braucht er niemals so viel Saft, Sola. Dazu reicht der Hauptreaktor völlig aus, hat er schon immer --- … Ehrlich mal, rechne nach! Du bist völlig overpowered .“
„Harley, verdammt --- wie oft noch? Ich habe keine Ahnung , wie genau diese verfluchten Reaktoren funktionieren. So – weit – sind – wir – noch – nicht. Ich bin gerade dabei Kondensatoren zusammenzustecken und zu berechnen-“
Er stöhnte mit so viel Inbrunst, dass Cooper auflachte.
„Nie im Leben hat Tony Stark einen nur halbbrauchbaren Anzug konstruiert.“ Harley schüttelte den Kopf. „Das Ding ist echt.“
„Er will nicht, dass du es weißt“, stimmte Daphne zu. Sie lag völlig entspannt in das Sitzkissen zurückgesunken da, als habe sie die genialen, gedanklichen Winkelzüge und Eigenarten meines Vaters, mich vor aller Welt dumm dastehen zu lassen, wieder einmal lange vor mir durchschaut. „Er behauptet, dass der Anzug kein echter Anzug ist, damit du das Potential nicht siehst.“
„Ja, ist so ein Elternding …“ Cooper schlug die Stirn in Falten. Es offenbarte trotz seiner so viel dunkleren Haare und Augenbrauen eine solch immense Ähnlichkeit mit Clint, dass es mich endgültig völlig aus dem Konzept brachte und schwungvoll vom Regenbogen-Boulevard katapultierte.
„Das Potential wozu ?“, brummte ich und warf meinen Controller beiseite. „Die Bosworth in die Luft zu jagen?“
Als schlagartig Tonys ungerührter Anblick in voller Größe auf unserem Bildschirm erschien, schrak ich so abrupt zusammen, dass ich Harley versehentlich meinen Ellbogen zwischen die Rippen stieß. Daphne und Cooper japsten.
„Das wird nicht weiter notwendig sein“, kommentierte mein Vater schon ohne die geringsten Begrüßungsworte. Er konnte nicht sehr viel vernommen haben, aber ich fühlte mich trotz allem ertappt genug, um auf der Stelle rot anzulaufen. „Richtig gehört. Der Transfer ist abgeschlossen.“
Ich blinzelte.
Dann begriff ich.
Freudig erregt fuhr ich auf und vergaß alles, worüber wir bis eben gemutmaßt hatten. „Ich bin angenommen?“
Ein vager Schwall Nervosität ergriff mich.
„Alles unter Dach und Fach“, bestätigte er. Sein Blick verließ die Kamera und sah irgendwo beiseite – vermutlich auf einen anderen Bildschirm, der ihn wesentlich mehr fesselte als unsere vier überrumpelten Gesichter. „Bedank dich bei Pepper, sie hat den ganzen Papierkram hin und her gemailt und dafür gesorgt, dass alle Dokumente noch rechtzeitig von der Bosworth zur Midtown wandern.“ Seufzend beugte er sich kurzzeitig aus dem Bild, dann kehrte er zurück und sah schon wieder zu uns. „Pasterio bedauert sehr, dass du dich für das Konkurrenzprogramm entschieden hast. Nicht, dass er es als solches sonderlich ernst nimmt. Aber, dass sie dich abgeworben haben, fuchst ihn schon.“
Dass ich vermutlich jede neue High School angenommen hätte, die Tony als öffentliche Alternative ins Spiel gebracht hätte, brauchte der Direktor der Bosworth High wirklich nicht zu wissen. Es war kein elitärer Stolz, der mich von seiner exklusiven Privatschule getrieben hatte, so viel stand fest …
„Und die Midtown …“
„- ist völlig aus dem Häuschen.“ Tony winkte ab. „Wir besprechen das neue Prozedere, wenn ich da bin.“
Die Aussicht, ab dem neuen Schuljahr endlich wieder eine öffentliche Schule mit normalen Jugendlichen und all ihren ganz gewöhnlichen Problemen zu besuchen, war ohnehin alles, was für mich von Bedeutung war. Auch wenn ich ganz sicher erst einmal erneut wie ein Alien aus der Menge stechen würde (diesmal wegen meines unfreiwilligen Prominentenstatus), sehnte ich mich wirklich nach Menschen, die aus Verhältnissen kamen, wie ich sie mein ganzes Leben gekannt hatte und wie sie auch für Daphne, Cooper und Harley normal waren. Unser aller Aufenthalt in Malibu bewies mir dies einmal mehr. Ich konnte mich kaum erinnern, wann ich zuletzt so ausgeglichen und zufrieden in einer Gruppe Gleichaltriger gewesen war – außer vermutlich an meinem vergangenen Geburtstag, ehe mein Aneurysma mich beinahe umgebracht hatte.
Und auf die Frage, was ich mir von meiner neuen Schule erhoffte, hatte ich Tony auch nur diese eine Sache genannt: Dass sie öffentlich sein sollte. So gewöhnlich es eben irgendwie für mich ging. Keine raffinierte Symbiose aus Prestige-Akademie und CIA und auch kein Sammelhort für Privilegierte. Alles andere war nebensächlich. Das sah er zwar grundlegend anders, aber dennoch hatte er diese meine Bedingung akzeptiert und dabei in der Endauswahl ganz bewusst die Midtown High als geerdete Option zur Bosworth erkoren – zum einen, weil sie mit knapp einer Stunde Autofahrt nicht zu weit vom Avengers Tower entfernt lag und damit meiner ausdauernden Bitte um mehr Bewegungsfreiheit einen – in seinen Augen – angemessenen Rahmen in unserem kürzlich vereinbarten Probelauf setzte, mit dem er sich halbwegs anfreunden konnte, und zum anderen, weil die Midtown auf Technologie und Naturwissenschaften spezialisiert war, was nun mal durchaus meiner Veranlagung entsprach.
Auch wenn es eine Sache gab, die mir dennoch ein wenig flau im Magen lag, und diese Sache war Elijah.
Ihm hatte ich bislang mehr verschwiegen, dass ich die High School über die Ferien zu wechseln gedachte. Er wusste zwar, dass ich der Bosworth nicht viel abgewinnen konnte und irgendwie immer ein wenig darauf gehofft hatte, dass Tony ein Einsehen mit meiner Situation bekam, aber dass er aktiv auf die Suche gegangen und nun auch einen tatsächlichen Wechsel in die Wege geleitet hatte, hatte ich ihm bislang nicht gestanden.
Jetzt, da es besiegelt war, führte kein Weg mehr daran vorbei.
Irgendwie musste ich meinem Freund erklären, wieso ich dieses Thema den ganzen Sommer lang nicht aufgebracht hatte, obwohl ich sogar von Barbados’ weißen Stränden aus immer wieder heimliche Videotelefonate über unser beider StarkPhone mit ihm geführt hatte. Er würde erst kurz vor Schulbeginn wieder da sein, was es nicht gerade einfacher machte. Im Moment befand er sich noch mit seinen Eltern in Italien, aber ich wusste, dass er seinen Dad anschließend zu einer internationalen Preisverleihung nach Sydney und dem Dreh eines Werbespots in Seoul begleiten würde, ehe er nach New York zurückkehrte. Sogar ich würde früher wieder daheim sein.
Und obwohl ich entschieden hatte, dass mein Schulwechsel keineswegs bedeuten konnte, dass sich damit auch unsere Wege trennten – denn ja, ich mochte ihn, ich mochte ihn wirklich sehr – wusste ich nicht, was aus alldem werden würde, wenn er erst von meiner Entscheidung erfuhr.
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FRIDAY weckte uns in blaugrauer Dämmerung.
Draußen lag noch ein satter Nebel, der sogar den Ausblick auf den Ozean verschluckte, trotzdem beeilten Daphne und ich uns rasch in unsere Bikinihosen und Neoprenoberteile zu steigen, in der noch absolut verwaisten Küche unsere Wasserflaschen zu füllen, ein paar Proteinriegel für den Notfall zu greifen und dann leise über die Terrasse zum Trampelpfad hinab zum Strand vor Point Dume zu entschwinden, ohne dabei irgendwen im Haus unnötigerweise aus dem Schlaf zu reißen.
Die Haut meiner Oberschenkel zog sich in sanfter Überraschung ein wenig zusammen, denn die Temperaturen schienen über Nacht gefallen und es war frisch, trotzdem war es immer noch so warm, dass Daphne schon nach wenigen Metern ihre hellen Haare zu einem unordentlichen Dutt hochband.
Noch immer blinzelte sie verschlafen und gähnte, ihre Füße stolperten hin und wieder übereinander wie die meinen, wir kicherten und rutschten über Steinchen und zerkratzten uns die Waden an üppigem Dornengewächs, doch als unsere Blicke sich trafen, wusste ich, dass es dieser sehr frühe Morgen wert sein würde und dass sie es ebenso sah.
„In zweiundzwanzig Minuten“, erklärte ich mit Blick auf den für heute prognostizierten Sonnenaufgang auf meinem StarkPhone. „Wir werden vorher unten sein. Bis dahin sollte sich der Nebel verzogen haben. Er löst sich schon auf …“
Als registriere sie meinen Eifer, mahnte FRIDAY uns, wegen gegenwärtig geringer Sichtweite ein wachsames Schritttempo einzulegen, doch hier direkt an den Klippen war es schon wesentlich klarer. Unten am Strand brachen sich bereits traumhaft unberührte Wellen, wie wir unschwer erkennen konnten.
Im Dämmerlicht war er tatsächlich kaum zu sehen, aber der sandige Pfad, den wir seit Beginn unseres Aufenthalts in Malibu Point beinahe täglich hinabstiegen, war uns inzwischen vertraut. Er war steinig, an den besonders steilen Stellen von künstlichen Stufen unterbrochen und dann wieder flach, sandig und windend und an manchen Stellen fast zugewuchert von Buschgräsern und kleineren Kakteen, aber er war alles in allem die kürzeste und auch schönste Strecke hinab zum Wasser und zudem der einzige Weg, den wir eigenständig bewältigen konnten. Ich war mir nicht sicher, ob Tony den Klippenpfad hatte anlegen lassen, als er Malibu Point errichtet hatte, oder ob er schon existiert hatte, als er das gewaltige Grundstück auf Point Dume für sich erworben hatte. In jedem Fall spielte es uns nun in die Hände. Nachdem Clint uns die ersten Tage noch regelmäßig hinab begleitet und am Strand an Liam Cliff-Soto übergeben hatte, unserem kalifornischen Surflehrer und inzwischen engsten Wellenkumpanen, hatte Tony irgendwann im Laufe der ersten Woche endlich grünes Licht gegeben, uns beide zukünftig alleine aufbrechen zu lassen, schließlich waren wir dem Haus so nah und mit FRI auch so gut ausgestattet und vernetzt, dass das Risiko wirklich überschaubar blieb und damit eindeutig in die Kategorie neue Bewegungsfreiheit fiel, die Tony und ich noch in Tokyo nach vielen kleineren Debatten letztendlich ausgehandelt hatten.
Pepper nannte es unseren eigenen kleinen Vertragsschluss, zu dem der Besuch in Japan beigetragen hatte. Während sie geschäftliche Vereinbarungen für SI ausgehandelt hatte, war ich Tony so lange mit Argumenten und Bittgesuchen zwischen Tempelbesichtigungen, exquisiten Sushi-Platten und Empfängen bei etwaigen Nachwuchs-Programmen zur KI- und Robotics-Forschung auf die Nerven gefallen, dass er irgendwann auf meine zunehmend deprimierten Vorschläge eingegangen war. Mit Rhodeys und Nats Verteidigungstraining, FRIDAYs Rundumblick und nun sogar der SUN-1 im Rücken, war es schließlich wirklich an der Zeit, mir ein wenig der bereits im Frühjahr in Aussicht gestellten Autonomie zuzusprechen.
Tony nannte es einen Testflug.
Und ich wusste, dass es nach den Ereignissen rund um Dr. Fanning und Zeke Stane recht viel von ihm verlangt war, Sicherheitsvorkehrungen rund um meine Person zurückzufahren, statt weiter zu verdichten, wie es vermutlich viel eher seinem Reflex entsprach. Ich hatte ihm angesehen, dass er sowohl zähe Beunruhigung, als auch eine gute Portion Widerstand herabgeschluckt hatte, als wir diesen Testflug Schritt für Schritt ausgehandelt und all seine Grenzen klarer abgesteckt hatten, sodass er mit Beginn des neuen Schuljahrs vollends in Kraft treten konnte. Und obwohl das Ergebnis immer noch an vielerlei Freiheiten einbüßte, die ich daheim in Nashua besessen hatte, als noch niemand meinen Namen und mein Gesicht gekannt hatte, war es ein Meilenstein und damit auch Ausdruck an Vertrauen, das ich nun nicht enttäuschen durfte.
Weshalb ich mich schon an kleinen Fortschritten wie diesem erfreute.
Hinter ein paar natürlichen Felsstufen, die unterhalb des Point Dumes zwischen meterhohen glattgeschliffenen Felswänden hindurchführten, sammelten Daphne und ich unsere abgestellten Surfboards auf und stapften weiter zum Strand. Der Nebel hatte sich hier unten tatsächlich weitestgehend verzogen.
Während wir eine Weile bloß im Sand ausharrten und aufs Meer hinaussahen und gemeinsam zu entscheiden versuchten, an welcher Stelle heute die kräftigsten Strömungen lagen, hob Daphne ihr Board über ihren Kopf. Es ließ sie aussehen, wie ein Model aus der Malibu Illustrated , das für einen vermeintlich zufälligen Schnappschuss im silbrigen Dämmerlicht posierte. Als ich es ihr sagte, runzelte sie belustigt ihre Nase und hob piesackend beide Brauen. „Du musst es wissen, Iron Girl .“
Der Seitenhieb kam nicht grundlos. Ja, ich war kürzlich in besagtem Magazin aufgetaucht; als einer der Outtakes der Woche in der Rubrik Amateur .
Das Sonnenkind von Malibu und Manhattan.
Das war jetzt wohl mein Slogan. Er begleitete mich, seit der Presse bekannt geworden war, dass ich Tony Starks Kind war und Sola hieß, und er hatte sich noch einmal festgesetzt, als meine Liebe zum Surfsport ans Licht gekommen war.
Auch die vergangenen Tage waren hin und wieder Reporter am Strand vor Point Dume aufgetaucht und Fotos in den sozialen Medien von mir geteilt worden, die teils hohe Wellen medialer Aufmerksamkeit geschlagen hatten. Es war ganz genau das, was die Menschen im Sommer zu sehen erhofften, hatte Erin Mahoney mir erklärt. Ein Happy End .
Davon abgesehen war mir die mediale Westküste zurzeit wesentlich gewogener als die Ostküste. Während New Yorks Paparazzi auf den nächsten Skandal hofften, der ihre begonnene Storyline eines trauernden Teenagers mit bereits erwachenden Starallüren fortsetzte, freute sich L.A. einfach mich dazuhaben.
Am Horizont erglommen die ersten goldenen Strahlen.
Daphne sah zu mir. Ich nickte.
Liam sah zwar regelmäßig vorbei und gesellte sich hinzu, aber er begleitete uns nicht mehr die ganze Zeit – auch das machte FRIDAY möglich. Solange wir unsere StarkPhones am Unterarm mit uns führten, immer zu zweit im Wasser waren und die vereinbarten Surfregeln befolgten, waren wir nicht mehr auf seine ständige Aufsicht angewiesen, um uns an den neuen Lektionen zu versuchen, hatte er Tony versichert. Es beflügelte uns zu wissen, dass er uns für inzwischen erfahren genug hielt, um nach kurzer Anleitung alleine klarzukommen. Und es machte unsere morgendlichen Ausflüge in die Wellen irgendwie noch vollkommener.
Wir ließen unsere Schuhe und Wasserflaschen im Sand zurück, befestigten die Leash an unseren Knöcheln und trabten ins Wasser. Es war recht warm, trotz aller Frühe, und es schlug in wiederkehrenden Bergen gegen unsere Beine und brach sprühend an uns empor, bis wir schließlich tief genug in den Wellen waren, um auf unsere Boards zu sinken und ins geübte und zugleich unaufgeregte Paddeln zu verfallen. Der Geschmack von Salz und Ozean lag längst auf meiner Zunge, als ich mich für meine erste Welle in den Stand hievte und einen strahlenden Blick zu Daphne herüberwarf.
Ich sah sie ebenfalls auf die Beine kommen. Ihre Gestalt versank fast in nun endlos goldenem Licht.
Hier draußen gab es nur noch uns zwei. Selbst, wenn sich irgendwann andere Strandgäste einfanden und wir die Wellen mit anderen Morgensportlern zu teilen begannen, waren es unsere ganz eigenen Stunden.
Ich eroberte ein paar Wellen, brachte zwei wirklich gelungene Bottom Turns und auch einen Top Turn zustande und versuchte mich an einem kurzen Sprung voran, dem Air , der mir immer noch nicht so recht gelingen wollte, während Daphne meine Mühen eine Weile kritisch verfolgte und mich wieder und wieder nach jedem halbgaren Ansatz wanken und mein Gleichgewicht verbissen zurückerkämpfen sah, bis wir irgendwann an Land zurückkehrten und darüber debattierten, ob ich meinen Schwerpunkt zu früh herab verlagerte oder nicht.
Eine gigantisch aufgehende Sonne lag vor uns. Der Anblick ließ uns letztlich verstummen, während wir uns in den Sand sacken ließen, unsere Proteinriegel aufrissen und sie als winziges Frühstück verspeisten, um Energien für eine zweite Runde in den Wellen zu tanken und es anschließend auch wieder auf den Point Dume hinauf zu schaffen.
„Das macht es irgendwie wieder gut, nicht?“, bemerkte Daphne leise, ihr Kinn gedankenvoll auf ihre Unterarme und angezogenen Knie gebettet und ihre Zehen in den feinen Sand gegraben.
Ich verstand sofort, was sie meinte: Unser gestohlenes Leben; all die Morgen und Nachmittage, die wir seit rund einem Jahr nicht mehr miteinander teilten … All die elenden Wochen und Monate des Vermissens.
Deshalb nickte ich.
Aber ganz ehrlich war es nicht. Denn ich wusste, ich würde mein Surfboard jederzeit auf der Stelle hergeben, wenn es dabei um sie ging.
-/_\-
Als wir ins Haus zurückkehrten, saßen die anderen bereits beim Frühstück. Vollständig ausgehungert gesellten wir uns direkt zu ihnen, obwohl wir voller Sand waren und vage nach Meeresgetier rochen und damit den halben Tisch in Protest versetzten. Laura jedoch erbarmte sich unser und jagte uns nicht von dannen, stattdessen setzte sie mir den quengelnden Nathaniel auf den Schoß, der umgehend entzückt vor sich hinzuplappern begann, was trotz seines noch recht spartanischen Wortschatzes gewissermaßen einem Vetorecht gleichkam, und so blieb auch den anderen nichts weiter übrig, als ihre dünkelhaften Ansprüche zurückzuschrauben und ihren Frieden mit unserem räuberischen Erscheinen zu machen.
Und räuberisch war es.
Wir verputzten, was auch nur ansatzweise in unsere Reichweite rückte, und das in einer Geschwindigkeit, die Clint stillschweigend die Brauen heben ließ. Als es nichts mehr zu plündern gab und auch Nathaniel ausreichend Sandkörner in seinem wundervoll duftenden Babyschopf aufwies, verschwanden wir schließlich unter die Dusche.
Als ich wenig später in Tonys Schlafzimmer zurückkehrte, das Daphne und ich für die Dauer bezogen hatten, die Harley in meinem Zimmer residierte und die Bartons alle verbliebenen Gästezimmer belagerten, überfiel mich Laura. Mit einer einsatzbereiten Schere, einem schmalen Friseurkamm und einem Handtuch komplimentierte sie mich zu dem achtungsheischenden Ledersessel an Tonys Panoramafenster und stutzte meinen inzwischen bedrohlich tiefhängenden Pony zurück auf eine Länge, die mich nicht länger zwang, mir allenthalben die Haare aus den Augen zu pusten.
Als ich die auffällige Routine in ihren Handgriffen ansprach, zuckte sie bloß die Achseln und versicherte mir, dass sie mit so viel Wildwuchs im Haus reichlich Erfahrung hatte. Dass sie selbst ebenfalls einen Pony trug und aufgrund ihrer ländlich zurückgezogenen Lebensweise wohl eher selten einen Stylisten aufsuchte, realisierte ich erst im Nachhinein.
Den Tag verbrachten wir erneut zum Großteil an der Luft. Eine gute Stunde lang spielten wir Basketball auf einem der öffentlichen Plätze, wie ich es einst daheim in Nashua ständig getan hatte, bis es irgendwann so viele Zuschauer und Handykameras wurden, dass Clint zwangsläufig aus dem Spiel aussteigen musste, um die anschwellende Menge im Blick zu behalten, und Happy uns schlussendlich gutmütig empfahl weiterzuziehen, ehe ganze Fernsehteams eintrafen.
Also taten wir es.
Während Harley und Cooper ihre verbliebenen Energien schließlich nach dem Abendessen am Kicker-Tisch in meinem Zimmer verpulverten, sah ich mir zusammen mit Daphne und Lila zum zigsten Mal in meinem Leben Aladdin an. Obwohl wir jede gesprochene Zeile und jeden einzelnen Song des Zeichentrickfilms in- und auswendig kannten, blieb es so unterhaltsam wie eh und je. Kaum, dass wir den Fernseher ausgeschaltet hatten, sprangen wir noch einmal in den Pool.
Völlig geschafft fiel ich letztendlich mit Daphne ins Bett. Deshalb wunderte es mich auch kaum, dass sie beinahe sofort wegdämmerte, obwohl wir einmal mehr letzte tuschelnde Gedanken austauschten und einander mit Memes und etwaigen Social-Media-Post zum Kichern und Schnauben brachten.
Als ihre Atemzüge endgültig tief und friedvoll wurden, bat ich FRI das Licht im Schlafzimmer auf das absolute Minimum zu dimmen.
In aller Stille scrollte ich noch ein wenig länger auf meinem StarkPhone, dann schaltete ich es ab, kuschelte mich etwas tiefer in die Kissen und versuchte es Daphne gleichzutun und in den Schlaf zu finden.
Obwohl Tony schon seit Monaten nicht in Malibu Point gewesen war, hing noch immer ein Hauch seines Aftershaves in seinen Kissen und in der Luft zwischen seinen Wänden und während es all die vergangenen Tage eine recht beruhigende Wirkung auf mich gehabt hatte, hielt es mich diesmal wach. Ich verstand nicht ganz wieso, aber als mein StarkPhone kurz aufbrummte, griff ich umgehend danach und schielte aufs Display.
Es war Elijah.
23:49 Uhr BigMeg: Bist du noch wach?
Er hatte sich nicht gemeldet, realisierte ich schlagartig, ohne Elijahs Frage ganz zu registrieren. Weder er, noch Pepper hatten heute von sich hören lassen und obwohl ich schon seit gut zwei Wochen von ihnen getrennt war, hatte es bislang keinen Tag gegeben, an dem sich nicht zumindest einer von ihnen kurz nach mir erkundigt hatte – und wenn es sich dabei bloß um eine Chatnachricht gehandelt hatte.
Du wolltest , dass sie dich endlich wie fünfzehn behandeln und nicht wie fünf, tadelte ich mich selbst. Aber es ging nicht um mich , widersprach mein Verstand auf der Stelle, es ging nicht darum, dass ich ihre anhaltende Aufmerksamkeit brauchte, sondern bloß ein … --- … ein Lebenszeichen .
Die Erkenntnis, was wirklich hinter meinem stillen Aufruhr steckte, warf mein Herz in einen jäh holprig benommenen Rhythmus. Noch ehe ich ganz begriff, dass ich mich bewegen musste, um diesen Schwall eindringlicher Nervosität wieder abzustreifen, schlug ich die Bettdecke zurück. Um Daphne nicht zu wecken, griff ich mir mein StarkPhone und schlich hinaus auf den Flur und dann weiter die geschwungene Treppe zur Wohnlounge herab.
Obwohl ich durchaus ein wenig tapste, machte ich keinen nennenswerten Laut. FRI entzündete ein paar Bodenlichter, doch auch sie schien zu verstehen, dass ich lediglich ein wenig frische Luft brauchte, denn sie blieb stumm und machte auch sonst nicht weiter auf sich aufmerksam.
Kaum draußen überquerte ich unsere weite Terrasse, stieg die Stufen zum Pool herab und ließ mich schlussendlich auf eine unserer Liegen sinken. Wie schon so oft die vergangenen Nächte war der Himmel über Malibu sternenklar.
Ich bemerkte Clint erst, als er neben mich trat.
Vielleicht war er schon vor mir draußen gewesen und ich hatte ihn einfach übersehen oder er hatte mich im Haus umherschleichen gehört und war mir ganz lautlos gefolgt, wie es sich wohl in beiden Fällen für einen ehemaligen Top-Agenten seines Kalibers gehörte.
Okay, meine nur noch dürftige periphere Sehkraft auf dem linken Auge spielte vermutlich auch eine Rolle, obwohl Dr. Fanning es als ziemlich vernachlässigbare Langzeitfolge meiner Hirnblutung hatte dastehen lassen. Dem Führerschein beispielsweise sollte trotzdem nichts im Wege stehen , entsann ich mich seiner damaligen medizinischen Einschätzung meines Befindens, wenn sich der Zustand nicht verschlechtert.
Jupp, seine Worte alterten nicht gerade wie guter Wein.
„Erwischt“, bemerkte Clint.
Halbherzig hob ich die Mundwinkel. „Ich lebe noch.“
„Ausflug nach Sperrstunde.“ Er zuckte die Achseln. „Da besteht erst bei Wiederholungstätern die Abschussfreigabe.“
Bemüht, mir nicht anmerken zu lassen, dass es sich bei mir in der Tat um besagten Wiederholungstäter handelte, schnaubte ich etwas zu spät und dann auch zu knapp, um mich nicht doch geradewegs zu verraten.
„Das letzte Mal zählt nicht“, erläuterte er, als habe er meinen Gedanken durchschaut. Mit unbeeindruckt gerunzelter Stirn ließ er seinen Blick schweifen. „Das war organisiertes Verbrechen. Viele teilhabende Köpfe. So etwas muss explizit aufgerollt und unter die Lupe genommen werden, ehe sich da ein Urteil fällen lässt.“
„Ihr habt es also doch bemerkt …“
„Ja, weißt du …“ Ein Lächeln stahl sich auf seine Miene. „Ich sehe ganz gut aus der Ferne.“
Obwohl ich umgehend schmunzelte, ließ ich den Blick zurück auf den sacht beleuchteten Pool sinken, als ich schon zu der stillen Entschuldigung ansetzte, auf die er insgeheim ganz sicher wartete: „Ich konnte nicht schlafen, ich wollte Dev nicht stören …“
Als habe er dies bereits entschlüsselt, nickte er bloß, musterte mich aber trotz allem einen Moment aufmerksam genug, um mir zu versichern, dass er irgendwie ahnte, was in mir vorging. Dann trat er gemächlich um meine Liege herum und ließ sich auf das beistehende Exemplar sinken. Es sprach wirklich für ihre Qualität, dass es keinerlei Laut verursachte – anders als bei all den Liegen in etwaigen öffentlichen Schwimmbädern, die ich so häufig mit Jane aufgesucht hatte; jene weißen Plastikgestelle, die quietschten und kippelten und scharrten, sobald man sie auch nur vage streifte.
„Alles klar?“, fragte er leise.
Ich nickte.
Einen langen Moment folgte er bloß meinem Blick zurück empor zum Firmament und etwas an dieser geteilten Stille war so verbunden, so familiär , dass ich eigentlich keinerlei Grund sah, ihm irgendetwas vorzumachen.
„Es war kein Albtraum“, versicherte ich still. „Die habe ich nicht mehr ...“
Immer noch gab es da eine ungeschriebene Vereinbarung zwischen uns, nicht wirklich auszusprechen, dass Clint sich im Nachgang an Zekes Mordkomplott mit Wanda dazu verschworen hatte, mir auf übernatürlichem Wege aus meiner traumatischen Misere zu helfen, denn Tony wusste es nicht. Er hatte keine Ahnung, dass es Wanda zu verdanken war, dass ein gewöhnliches Sommergewitter mich nicht mehr umgehend in ein nervliches Wrack verwandelte und dass meine Nächte sich nun so viel friedlicher gestalteten. Und ich war mir auch recht sicher, dass er bis dato keinerlei Verdacht hegte, dass irgendjemand sich magisch an meinem Unterbewusstsein vergangen haben mochte. Ich war froh drum, denn ich wusste, dass nichts Gutes dabei herumkommen würde, ihm hierzu ein Geständnis abzulegen, nachdem Zeke Stane und Dr. Fanning seinen Verstand auf Links gedreht hatten, um sein Intellekt erneut für die Zerschlagung der Avengers selbst einzusetzen und, im Zuge dessen, sein eigenes Kind zu ermorden.
Dabei hatte Wanda Wort gehalten.
Dank ihr lagen meine allnächtlichen Torturen nun endlich hinter mir. Schon Monate hatte mich kein kreischendes Metall oder Gluckern und auch kein Gefühl wilder, unbestimmter Rotation aus dem Schlaf gerissen. Selbst das letzte kleinere Unwetter auf Barbados war ohne einen traumatischen Rückfall an mir vorbeigezogen, so viel Unbehagen es mir in unserem paradiesisch luftigen Strandhaus auch irgendwo bereitet hatte, diese dunkel getürmten Wolken mit all ihrem grollenden Unmut und ihrer schlagenden Wucht an uns vorbeiziehen zu sehen. Und ja, auch von meinen beängstigenden isolierten Stunden in der Kapsel, in die Zeke mich zum Sterben eingeschlossen hatte, hatte ich kein einziges Mal geträumt.
Weder von der undurchdringlichen Dunkelheit, noch der schwindenden Luft.
Keine Träume. Keine Monster.
Nicht mehr.
Und doch …
„Keine Ahnung“, murmelte ich, obwohl Clint nichts weiter sagte. Meine Finger schlossen sich ein wenig dichter um den dunklen Rahmen meines StarkPhone. Das unbehagliche Gefühl in meiner Brust schwoll an. „Teenie-Kram, schätze ich.“
„Geht’s um diesen Jungen? Magniconte?“
Sacht überrascht fuhr mein Blick zu ihm herüber.
„Elijah“, bestätigte ich nach einem Moment und errötete sachte. „Ja … ich meine …“
Als Clint vielsagend die Brauen hob, atmete ich aus.
„Ich habe ihm noch nichts davon erzählt“, murmelte ich.
„Tony?“
Ich errötete fester. „ Hm . Aber ich meinte --- Also, ich habe Elijah noch nicht gesagt, dass ich vielleicht die High School über den Sommer wechsele und … Ich weiß nicht … Irgendwie habe ich den Moment verpasst und jetzt steht es schon fest und wir sehen uns vorher nicht mehr und --- …“ Geschlagen rieb ich mir das rechte Lid. „Na ja, keine Ahnung, wie ich das wieder hinbiegen soll.“
Merklich unentschlossen, ob er etwas sagen sollte oder sich diese Verantwortung besser ersparte, zögerte Clint. Er atmete ein, als ich schon wieder ansetzte: „Wie auch immer, das ist es eigentlich gar nicht. Sorry , ich ...“ Urplötzlich von mir selbst genervt, warf ich mein StarkPhone neben mir auf der Liege ab, hielt einen Moment stillschweigend die Luft an und sann nach. „Es ist bloß ein Gefühl. Keine Ahnung, ich musste --- … ich habe an alles Mögliche gedacht, an die vergangenen Wochen seit … na ja, seitdem was da passiert ist, mit Zeke Stane und Dr. Fanning und …-“
Dass sie verloren haben, denn das haben sie doch, richtig?
Ich stockte. Mein Atem flachte ab.
„… -dass alles irgendwie trotzdem gut geworden ist …“, endete ich stattdessen. Rasch sah ich wieder auf, als mir bewusst wurde, dass das ziemlich selbstbezogen herüberkommen musste. „Nein, nicht alles , klar ... Tut mir leid, dass ihr wegen alldem jetzt eure Farm verlassen musstet ...“
Still schüttelte Clint den Kopf. „War ohnehin wieder an der Zeit“, versicherte er, als ich ihn leise skeptisch musterte. „Können uns jedenfalls kaum beschweren, dass Tony den ganzen Aufwand stemmt, während wir hier draußen All-Inclusive-Urlaub machen, was?“
Tatsächlich hatte Tony ihnen geholfen, ein vergleichbares, zurückgezogenes Grundstück in einem anderen Teil von Missouri zu finden, und auch alle beteiligten Umzugsunternehmen indirekt finanziert. Es war zudem seine Idee gewesen, dass die Bartons gemeinsam mit mir ein wenig Zeit in Malibu Point verbrachten, während der eigentliche Verkauf und Umzug über etwaige Stationen in Lagerhallen und Containerhäfen und Scheinobjekten vonstattengingen, damit es auch wirklich ganz unter dem Radar potentieller Beobachter ablief, während ihre neue Farm insgeheim längst hergerichtet wurde. Zum Großteil war es Tonys Art der Wiedergutmachung dafür, dass er selbst zu ihrem dringendsten Sicherheitsleck geworden war, als er Clint Bartons streng vertrauliche Heimadresse ganz unwissentlich Dr. Fannings Komplott zur Verfügung gestellt hatte.
Natürlich war es aber auch nicht ganz uneigennützig, denn es hatte mich gleichzeitig für die Wochen meiner Sommerferien gut untergebracht, in denen er und Pepper in New York und anderswo so viel zu tun hatten, dass ich sie nach unserer Rückkehr aus Barbados wohl ohnehin über Tage kaum mehr zu Gesicht bekommen hätte.
„Er war also gut?“, setzte Clint undeutbar an. „Euer Urlaub?“
Ich sah auf. „Barbados? Ja.“
Er nickte.
„Es war traumhaft dort“, versicherte ich, dann verzog ich schon in witzelndem Spott das Gesicht. „Ziemlich Upper Class .“
Ein Insider, der immer noch zündete, weil wir beide wussten, was er einst wirklich bedeutet hatte und wie sehr sich die Dinge seitdem verändert hatten.
Zum Guten. Ja, bloß zum Guten.
„Hm, jetzt hat er dich, nicht?“
„Stimmt, jetzt ist es zu spät.“
„Das einfache Leben , was?“, neckte Clint. Seufzend streckte er sich und erhob sich. „ Jaah , so läuft das immer. Erst verwöhnt, dann verzogen, dann verdorben …“
„Wow“, foppte ich zurück. „In welcher Urfassung Erziehungsratgeber findet man so etwas? Hast du das von Steve?“
„Oh, du kleiner Hosenscheißer-“
Ich schrie auf, als er schon seinen Arm um mich schlang, mich mühelos in die Luft hob und zum Pool bugsierte. Ich quiekte, lachte und bettelte, während ich hilflos zappelnd über dem Wasser hing, etwaige Entschuldigungen zusammenstammelte, an seine Gnade appellierte und mich zugleich eisern in seinen Arm krallte.
Irgendetwas in alldem schien ihn schlussendlich barmherzig zu stimmen.
„Das nächste Mal gehst du baden, Stark Junior“, versprach er, stellte mich schwungvoll am Beckenrand zurück auf die Beine und klaubte mein StarkPhone von der Liege. „Ab ins Bett.“
Es dauerte eine halbe Minute, bis ich mein verbliebenes Prusten und Kichern wieder soweit in den Griff bekam, dass wir tatsächlich ins Haus zurückkehren konnten, ohne gleich alle aus dem Schlaf zu reißen.
Mein StarkPhone behielt er.
Halb so schlimm, entschied ich.
Und doch .
Das vage Gefühl, dass mehr vor sich ging, das ich bloß nicht sah , ließ mich nicht los. Ich konnte es nicht fassen , es entzog sich meinem Bewusstsein, wann immer ich es klarer zu umkreisen begann, doch etwas in meinem Inneren wusste, dass es … einfach zu gut gelaufen war.
Dieses Danach.
Es ist ganz genau das, was Menschen im Sommer zu sehen erhoffen , hallten Erins Worte erneut in mir nach. Ein Happy End .
Aber Träume und Leben endeten zu jeder Jahreszeit.
Ich musste es schließlich wissen, nicht?
Ich hatte es selbst erlebt.
Musik:
Solar Power - Lorde