Trigger
Trigger
Kapitel 10: Trigger
Der kleine Plüsch-Iron Man, den ich auf meinem Bett vorfand, als ich am späten Freitagnachmittag heimkehrte, war so niedlich, dass ich nicht einmal die Augen verdrehen konnte, als ich ihn unschuldig zwischen meinen sorgsam aufgeschüttelten Kopfkissen dasitzen sah.
Tony war die vergangenen drei Tage unterwegs gewesen, darum war ich mir recht sicher, dass dieser flauschige Kumpel Europäer sein musste.
Obwohl ich wusste, dass er und Pepper sich gegenwärtig irgendwo auf den Geschäftsetagen in einer längeren Projektsitzung befanden, machte ich ein Foto und versah es mit einer Frage:
18:47 Uhr Ich: Wer ist das?
Die Antwort folgte prompt.
18:48 Uhr IronDad: Dein Hauptgewinn.
Belustigt sank ich aufs Bett, zog ein Bein an und griff nach seiner Plüschversion. Sie war exakt so flauschig, wie sie aussah, was es nicht unbedingt einfacher machte, mich über dieses selbstverliebte Mitbringsel angemessen zu echauffieren. Also klemmte ich ihn mir in die Armbeuge und tippte schon weiter:
18:50 Uhr Ich: Perfekt. Jetzt kannst du ohne Unterbrechung weiterjetten. Hab ja ihn.
18:51 Uhr IronDad: Eigentlich meinte ich deine Schießbuden-Trophäe, Sure Shot. Aber ja, ich bin auch ein Hauptgewinn.
Ich prustete. Meine Finger flogen weiter:
18:52 Uhr Ich: An der Schießbude kann man auswählen, wofür man seine Punkte einlösen möchte.
18:53 Uhr IronDad: Hast du ihn dir angesehen? Er ist überwältigend niedlich. Ein richtiger Losmagnet. Die Leute würden Schlange stehen, um ihr Glück für ihn zu versuchen. Wer würde ihn nicht mit nach Hause nehmen?
18:53 Uhr Ich: Gab es keine Hawkeye-Version?
„Mr. Stark lässt ausrichten, dass er bis zum Ende des Meetings nur noch Notfall-Benachrichtigungen annimmt“, verkündete FRIDAY.
„Er hat mich blockiert?“ Mehr als zufrieden warf ich mich auf meine Bettdecke zurück und sah zu der knuffigen Plüschfigur in meinem Arm herab. „1:0 für uns, was?“
Ich amüsierte mich noch ein wenig weiter, dann richtete ich mich auf, platzierte ihn feierlich zurück zwischen meine Kissen, schlenderte zu meinem Schreibtisch herüber und hievte zufrieden sämtliche Schulmappen und Ringblöcke aus meinem Rucksack.
Pepper hatte bereits angekündigt, dass die heutigen Sitzungen aufgrund Tonys vorangegangener Auslandsreise etwas später denn gewöhnlich enden würden, da einige der Punkte auf ihrer Agenda drängten, deshalb nahm ich an, dass ich die Zeit auch dafür nutzen konnte, Mrs. Carlyles kleine Strafarbeit hinter mich zu bringen, die ich mir heute Vormittag eingehandelt hatte.
Dass es nur eine schriftliche Zusammenfassung der besprochenen Inhalte der Stunde geworden war statt eines ihrer gefürchteten Elternschreiben für jede Lebenslage (die sie stets in griffbereitem Blankoformat bei sich ausliegen hatte, wie mir Ned Leeds ehrfürchtig ernst mitgeteilt hatte), hatte ich Peter Parkers bewegendem Schuldbekenntnis zu verdanken. Und das war nur gerecht, da es schließlich auch sein Verbrechen gewesen war, in das ich mehr unfreiwillig verwickelt worden war.
Ich hatte mich bloß zu ihm umgewandt, um die aufgetragene Aufgabe anzugehen, für die Mrs. Carlyle uns einander zugeteilt hatte. Etwas, das Peter bereits nicht mitbekommen haben dürfte, hinter seinem Lehrbuchstapel abwesend in ein Youtube-Video vertieft, das in der Tat sehr viel aufregender gewesen war als die Auszüge aus Ghandis gesammelten Reden, die wir nach einem uns zugewiesenen wiederkehrenden Element zu durchforsten hatten.
„Oh, das habe ich auch schon gesehen!“
Peter war überrumpelt von seinem Ellbogen gerutscht, während ich mich schon blinzelnd herübergebeugt und den spinnenmaskierten Luftakrobaten näher in Augenschein genommen hatte. „Nein, warte --- das ist neu.“ Anscheinend war es Spider-Man ernst mit seiner Superheldenkarriere, denn diesmal legte er wirklich eine kleine Show vor versammelter Menge hin, als er einen Pick-Up-Truck eine ordentliche Netzbandage verpasste, die eindeutig dazu gedacht war, die zwei Männer in seinem Inneren vom Aussteigen abzuhalten. Der Videobezeichnung nach zu urteilen, zwei schon länger gesuchte Ladenräuber aus Lower Manhattan. Ich sah wieder zu Peter. „Bist du ein Fan?“
„Er --- na ja, es ist cool, was er … so macht. Verstehst du?“ Schnell rieb er sich den Nacken und schaltete das Display seines Smartphones wieder ab. Als realisierte er erst jetzt, dass ich meinen Stuhl zu ihm herübergezogen hatte, blinzelte er.
„Wir wurden verkuppelt“, informierte ich ihn.
Peter starrte mich an.
„Hierfür.“ Gelangweilt legte ich ihm Ghandis bewegende Worte vor.
Er blinzelte schnell. „Oh, okay.“
Sofort nickte ich wieder zu seinem Smartphone herüber. „Hast du noch mehr von denen?“
„Du meinst ---“ Nervös stockte er. „Spider-Man Videos?“
„Nein, Smartphones. Hab gehört du verscherbelst sie zu einem Spottpreis. Hast du einfach nur freundliche Nachbarn oder fallen die vom Laster?“
„Was? Ich --- Nein, ich verkaufe nichts.“ Er atmete aus. „Das gerade war nicht ernst gemeint, klar“, unterbrach er sich schon selbst. „Hab ich verstanden.“ Er nickte schnell und zuckte betont entspannt die Achseln. „Wollte es … nur klarstellen. Also --- … Nicht, dass du denkst, dass ich da irgendwie … wegen neulich, als ich sagte, dass ich daheim ein wenig was an Elektronik angesammelt habe. Das sind --- bloß Fundsachen …“ Seine Stimme verlief sich. „So Second Hand-Zeug eben …“
„Gut zu wissen.“ Ich grinste. „War kurz davor einen anonymen Tipp abzugeben.“
Er griff schon wieder nach seinem Smartphone und begann schnell darauf herum zu wischen. „Es gibt inzwischen mehrere Videos …“
„Cool, lass sehen.“ Erwartungsbereit verschränkte ich meine Arme auf der Tischplatte und rutschte noch ein wenig näher, sodass wir Ellbogen an Ellbogen stießen. „Mein Feed hat gar keine mehr angezeigt.“
„Doch --- es gibt echt viele. Es gibt inzwischen sogar einen Kanal, der alle Videos sammelt, in denen er auftaucht.“
„Ja, ich glaube, Tony hat da herumgepfuscht“, verdrehte ich die Augen. „Ich habe ihm vor ein paar Monaten ein Video gezeigt, seitdem sind sie aus meinen Trends verschwunden.“
Perplex sah Peter von seinem Smartphone auf. „Er hat ---- … Wieso ?“
„Er lässt ständig irgendetwas von FRIDAY filtern. Als ob ich fünf Jahre alt wäre und versehentlich über ein verstörendes Axtmörder-Meme stolpern könnte oder so. Ich weiß, glaubt man gar nicht, was? Tony Stark der Helikopter-Dad.“ Ich zögerte. „Na ja, vermutlich denkt er, dass ich mich schon mit genug Superheldenzeug beschäftige …“
Die schier anhaltende Bestürzung in Peters Gesicht war zu lustig, um nicht zu schmunzeln.
„Also, falls du doch Smartphones unter der Hand verkaufen solltest“, fuhr ich schon gespielt enthusiastisch fort. „Ich nehme eines, schon um der Zensur zu entfliehen.“
Mein spaßendes Grinsen zersprang, als jäh Mrs. Carlyle vor uns trat und uns mit einem restlos tadelnden Blick bedachte, der Peter hastig sein Smartphone unter seinen Ärmel klatschen ließ. „Mr. Parker. Miss Stark Waters. Jedem von Ihnen liegt seit vergangener Woche das geltende Regelwerk für meine Unterrichtsstunden vor. Oder liegt da ein Missverständnis vor?“
„Nein, Ma’am.“
Verlegen schnell hatten wir nach unseren noch unberührten Arbeitsblättern gegriffen.
Sie hatte Peters Smartphone trotzdem konfisziert und uns im Anschluss an die Stunde zu sich nach vorne gebeten, wo wir in einem ihrer scheinbar berühmtberüchtigten Schnellverfahren zweifelsfrei als Straftäter überführt worden waren. Vermutlich lag es einzig und allein an Peters bislang lupenreiner Weste und seines instinktiven Rehblicks, der schier jeden Lehrer von seiner unbedingten Unschuld zu überzeugen vermochte, dass sie seine Beteuerung schluckte, dass er keinerlei Absicht besessen hatte, mich oder jemand anderen von ihrem Unterricht abzulenken, und sein Verhalten zutiefst bereute. Mein stummes, nichtssagendes Nicken hatte es da gar nicht gebraucht, denn sie hatte bereits geseufzt, ihren Kuli wieder eingesteckt und auf eines ihrer wohlberüchtigten elterlichen Informationsschreiben wie auch jeden Nachsitzschein verzichtet, auch wenn sie uns zur Verwarnung mit einer Strafarbeit abgeurteilt hatte, die sie benoten und im Falle eines Ergebnisses schlechter als C an unsere Eltern zurückspielen würde. Dabei hatte sie mich dann wieder angesehen.
Ich konnte nicht sagen, dass es unbegründet gewesen wäre, denn das Risiko, dass ich es sein würde, die diese Arbeit vermasselte, war definitiv gegeben. Jedes Fach, das Geschichte im Namen trug, war prädestiniert dazu, mir Plagen zu bereiten, aber ein wenig unheimlich hatte ich es doch gefunden, dass sie dies bereits nach zwei kurzen Wochen derart präzise ausgemacht hatte, denn ich hatte mich bislang doch eigentlich recht gut in Geografie und Weltgeschichte geschlagen, wie ich fand, was sich für Mr. Cobbwells Fach nicht gerade sagen ließ, in dem ich tags zuvor Unabhängigkeits- und Bürgerkrieg völlig gedankenverloren verwechselt hatte.
Natürlich war ich froh, dass uns ein peinliches Elternschreiben erspart worden war, obwohl ich Tonys Miene durchaus gerne gesehen hätte, wenn ich ihm ein Formblatt zur Unterzeichnung ausgehändigt hätte, auf dem ausgewiesen stand, dass Peter Parker sein konfisziertes Smartphone nur zurückerlangen würde, sofern er mit seinem Autogramm zur Kenntnis nahm, dass wir gemeinsam Superhelden-Videos im Unterricht geschaut hatten, die nicht einmal Iron Man, sondern einen x-beliebigen Newcomer betrafen.
Ich bezweifelte ernsthaft, dass er sein Smartphone je wieder zu Gesicht bekommen hätte.
Eine Weile schrieb ich brav an meiner Strafarbeit und dankte Ned Leeds in Gedanken noch einmal eindringlich für seine sortierten Notizen der Stunde, die er Peter und mich in unserer Mittagspause hatte abfotografieren lassen. Ich schwor mir gerade, ihn Montagmorgen mit einer kleineren Aufmerksamkeit aus Tonys aussortiertem Werkstattfundus zu überraschen – vielleicht ein Werkzeug, das Tony nicht vermissen und Ned einen kleinen Herzstillstand der Begeisterung verschaffen würde – als Nat mich anschrieb, nach Elijah fragte und ich umgehend meinen Kugelschreiber ablegte und mit ihr zu chatten begann.
Ich berichtete ihr von dem Spiel am Sonntag, zu dem ich die Magnicontes begleiten würde, und Nat amüsierte sich innig, dass Tony nach wie vor nicht realisierte, was vor sich ging. Während laufend weitere Nachrichten aus anderen Chats eintrudelten, ermahnte ich sie, dicht zu halten. Ihre Emoticons gelobten absolutes Stillschweigen, aber ich hatte so ein Gefühl, dass sie mich aufzog und sich vor Tony durchaus wortlos zu amüsieren gedachte, bis er irgendwann vermutlich doch noch den Braten roch.
Schnell sprang ich durch die restlichen Nachrichten, kaum dass ich meinen Chat mit Nat verließ:
19:39 Uhr BigMeg: Wie war der Slam?
°°°
19:26 Uhr DevilTunes: Sind bei Benjis. Habe ihm gerade erzählt, dass du am Sonntag im Stadion bist, weil du Jack Magniconte persönlich kennst. Hättest sein Gesicht sehen sollen. Er hasst es. Wärst du damals mal besser mit nach Montauk gefahren, statt ständig blank zu sein – dann wärt ihr jetzt BFF und er müsste uns Loser nicht einladen. xD
19:37 Uhr DevilTunes: Wir verschwinden jetzt rüber zu Jessy. Was treibst du? Immer noch im Central? Hat er gewonnen?
°°°
19:35 Uhr HawkBye: Alles klar in Big Apple?
°°°
19:23 Uhr HarleyToHell: Ist jmd da? Lust auf ein Game?
19:25 Uhr Coopid: Bin dabei.
19:25 Uhr HarleyToHell: Wer noch? @Sol: ??
19:26 Uhr Hawkchick: Wieso fragt mich keiner?
19:26 Uhr HarleyToHell: ibid.
19:27 Uhr Hawkchick: Was heißt das?
19:34 Uhr Hawkchick: Hab Dad gefragt. So verwendet man das nicht.
19:34 Uhr HarleyToHell: @Prof Lillifee Gut zu wissen.
19:34 Uhr Coopid: Du musst gleich sowieso ins Bett.
°°°
19:28 Uhr ThankUFYService: Hallo Sola. Er sagt, er macht es gerne. Für ihn gar kein Problem, falls du mal reden möchtest. Ihr könnt es locker halten. Das muss nichts Offizielles sein. Ich halte das wirklich für eine gute Idee. Pepper und Tony sehen das sicher genauso. Probiert es einfach mal aus. Gruß, Steve
Mein Blick blieb mit ruhelosem Gefühl an Steves Nachricht hängen, dann meldete sich schon wieder FRIDAY zu Wort und bat mich zu Tony herunterzukommen.
Erfreut verließ ich mein Zimmer.
Tony kam mir bereits in der Wohnlounge im geschäftlichen Dreiteiler entgegen und obwohl wir uns beinahe vier Tage nicht mehr gesehen hatten, machte er schon kehrt und winkte mich mit sich, als sei er eigentlich bloß auf dem Sprung.
„Wohin-“
„Ich zeige dir etwas.“
Neugierig folgte ich ihm in den Lift, während er mich in den Blick fasste und locker die Hände in die Hosentaschen grub. „Hab gehört, du warst aus?“
„Beim Poetry Slam im Central Park, ja. Nach der Schule. War cool. Jason Ionello ist angetreten, ein Junge aus meiner Stufe. Hat zwar nur den elften Platz gemacht, aber es waren fast alle da, um ihn anzufeuern. Es war ziemlich warm. Sie haben Slushies und Hotdogs verkauft. Die meisten sind noch geblieben, aber Happy ist es irgendwann zu chaotisch geworden, weil es voller und voller geworden ist und uns immer mehr Reporter gefolgt sind … Na ja, als die Vorrunde vorbei war, sind wir deshalb gefahren.“
„Sonst so? Wie lief’s?“
„Diese Woche?“
Tony hob bestätigend die Brauen. „Pepper sagte, es sei alles bestens, sie könnte sich kein braveres Kind vorstellen. Wo blieb der ganze Heckmeck? Ist der nur für mich reserviert?“
„Vielleicht.“
Ich strahlte ihn an, insgeheim unendlich froh, dass er zurück war, was man mir sicherlich ansah, denn er schmunzelte bloß zufrieden und zog mich nicht weiter auf.
Es stimmte.
Auch wenn es mich ein wenig beunruhigt hatte, den genauen Grund für Tonys wiederholter Europareise nicht erfahren zu haben, waren die letzten Tage allein mit Pepper wie im Flug vergangen, was auch an meiner inzwischen ereignisreichen Tagesgestaltung liegen mochte. Vorgestern erst war ich von Betty Brant eingeladen worden, gemeinsam nach dem Unterricht Frozen Yogurt essen zu gehen. Zwar hatte ich mich für die Paparazzi entschuldigen müssen, die schon nach kurzer Zeit vor der kleinen Filiale in Queens aufgetaucht waren, aber Betty schien dies nicht weiter beunruhigt zu haben, vielmehr hatte sie von da an sogar eine anhaltende Begeisterung verströmt, die sicher dahergekommen war, dass die Boulevardreporter uns durchweg wie zwei Stars von der Auswahl unserer Toppings bis zum gemeinsamen Schlemmen von der Straße aus abzulichten versucht hatten, was so exzessiv betrieben worden war, dass schließlich sogar eine der Frozen Yogurt-Damen zu uns herübergekommen und uns um ein gemeinsames Foto gebeten hatte, das sie an ihre VIP-Wand hängen konnten.
Jetzt wusste die ganze Welt, wie ich meinen Frozen Yogurt aß, und schon tags darauf waren die ersten Posts erschienen, auf denen andere Teenager und Fans die Sola-Stark-Variante als köstlich und trendy propagierten. Etwas, das Daphne und mich eine gute halbe Stunde herrlich prusten lassen hatte, denn ich selbst hatte kaum mehr gewusst, was ich da im Stress allgemeiner Aufmerksamkeit wild zusammengeworfen hatte. Mit High Cuisine hatte es aber ganz sicher nichts zu tun.
Und dann waren MJ und ich heute auch noch einmal außerordentlich von Meister Chakra für unseren E-Bike-Pitch für das Projekt Queens Goes Green in Technologie gelobt worden, der es mit unserer durchdachten und professionellen Präsentation zum gelungensten Pitch erklärt hatte, sogar noch vor dem von Peter und Ned, die sich ihm zufolge ein wenig zu sehr in Entwickler-Details ohne den Blick auf die Gewinne einer solchen Technologie verrannt hatten.
„Ach, kommen Sie schon, MJ war mit Stark in einem Team!“, hatte Flash Thompson umgehend lärmend Beschwerde eingelegt. „Das ist unfairer Wettbewerb. Das ist Iron Man .“
„Ja, er hat seinen Terminkalender geräumt, um uns haarklein jeden Schritt zu diktieren“, war mir in der strahlenden Euphorie unseres kleinen Erfolgs tatsächlich höchst sarkastisch herausgerutscht, ehe Meister Chakra noch ganz hatte reagieren können. „Überhaupt interessieren ihn E-Bikes ungeheuerlich. Er überlegt gerade komplett auf sie umzusteigen und das gesamte Avengers-Team mit ihnen auszustatten.“
Fast alle hatten gelacht.
„Stimmt“, hatte MJ undeutbar trocken hinzugefügt. „Das Bike war ihre Idee.“
Ich konnte nicht anders, ich berichtete Tony bereits von Meister Chakras heutigem Lob, während ich noch beiläufig registrierte, dass wir auf eine der Projektetagen von Stark Industries aus dem Lift gestiegen waren. Eine Anzeige wies diese Etage als Bereich für Forschung und Entwicklung aus, als ich Tony einen langen, mir unbekannten Korridor hinab folgte, auf dem ich in der Ferne bloß zwei weitere Personen entdeckte, auch wenn alle Entwicklungsräume hell beleuchtet schienen. Vielleicht war es der späten Uhrzeit verschuldet und das Licht blieb immer an, aber ich war mir trotzdem recht sicher, dass auf diesen Etagen strenge Zugangskontrolle herrschte.
„Mr. Chakrabarty sagte, er sei begeistert“, endete ich. „Cool, oder?“
„Ziemlich.“
Ich strahlte noch ein wenig mehr. „Oh, und weißt du noch, dieser Spider-Man?“, fuhr ich schon fort, während ich neugierig über alle uns umgebenden intelligenten Milchglaswände stierte, an denen wir seelenruhig vorbeiliefen. Tony lauschte mir entspannt weiter.
„Hm?“
„Anscheinend ist er immer noch in der Stadt unterwegs und zieht hier seine Stunts ab. Peter – aus der Schule – hat mir heute eines der neuen Videos gezeigt.“
Überraschend aufmerksam wandte er den Blick in meine Richtung, auch wenn seine Hände unaufgeregt in seine Hosentaschen gegraben blieben. „Ach ja?“
„FRIDAY kann nicht jedes Gerät auf diesem Planeten für mich zensieren, weißt du?“
„Irrtum. Sie kann es. Ich gestatte es nur nicht.“
„Ja, denn das wäre absolut kriminell und dann müssten die Avengers dich einbuchten.“
Tony verzog die Lippen zu einem selbstzufriedenen Lächeln, das mir ein wenig Sorge bereitete.
„FRI hat im Übrigen sofort gestanden, dass sie in meinem Feed herumgepfuscht hat“, setzte ich unbeeindruckt fort. „Ich habe ihr gesagt, was genau ich davon halte, und sie war nicht erfreut. Hat sie dir vielleicht ausgerichtet. Angedroht hat sie es, aber ich bin mir nicht sicher, wie viel davon reine Bluffs sind. Die Videos waren jedenfalls nicht gesperrt, also habe ich sie gebeten, sie noch einmal zu überprüfen. Das hat ihr noch weniger gefallen, aber sie hat es getan, weil du es nicht explizit ausgeschlossen hast und ich in der Nahrungskette höher stehe als sie. Ja, ich weiß, lässt sich ändern, Caretaker Protokoll, bla bla … FRI sagt immer noch, dass die Videos authentisch sind … Also, weiß nicht genau … Dachte, vielleicht interessiert es dich. So als Leiter des Avengers-Talentbüros oder wie auch immer.“
„Magst du ihn?“, fragte er geradeheraus.
„Spider-Man?“ Ich verzog das Gesicht. „Na ja, bin nicht gerade ein Fan von diesen Viechern …“
Tony wusste nur zu gut wie sehr nicht, hatte er schließlich gleich mehrmals einige unansehnliche Achtbeiner in Barbados aus meinem Schlafzimmer beseitigen müssen. Er hatte dabei selbst nicht sonderlich begeistert ausgesehen, wie ich mich erinnerte. Aber wenn so etwas nicht seine väterliche Pflicht war, wusste ich nicht, was sie war.
Meinen Youtube-Feed zu frisieren, war es jedenfalls nicht.
„Nicht Spider-Man“, stellte Tony schon ungeduldig klar. „Peter.“
Noch um einiges verwirrter sah ich zu ihm. „Er ist … in Ordnung. Keine Ahnung, ich kenne ihn kaum. Wieso?“
Er zuckte die Achseln. „Soll begabt sein, der Kleine.“
Perplex blieb ich stehen. „Du kennst --- Peter?“
„Parker, richtig?“
„Ja … woher -“ Ich blinzelte, setzte mich wieder in Bewegung und schloss rasch zu ihm auf, da er in seinen schlendernden Schritten nicht einmal kurz gestockt hatte. Ein eindringlicher Verdacht brandete in mir auf. „Hast du meine Mitschüler durchchecken lassen?“
„Habe ich?“
„Dad!“ Das musste doch kriminell sein! „ Jeden von ihnen?“ Er gab keine Antwort, was ich als selbstgefällige Bestätigung auffasste. „Nur meinen Jahrgang oder --- was? Etwa die ganze Schule?“
„Es ist verrückt, was man heutzutage alles frei zugänglich im Netz findet. Manche dieser Lehrer und Kids wären mit jemandem wie Erin verdammt gut beraten.“
Fassungslos starrte ich ihn an, als er auch schon unvermittelt innehielt, die nächste Tür öffnete und hindurchtrat. Ich folgte ihm auf der Ferse, verstummte aber umgehend, als ich bemerkte, dass wir in einen kleineren Konferenzraum getreten waren, in dem sich Pepper und Erin mit zwei Männern unterhielten. Sie standen nahebei und alle Displays waren abgeschaltet, deshalb schlussfolgerte ich, dass die eigentliche Besprechung vorbei war und dies nur noch auslaufender geschäftlicher Smalltalk sein musste, aber es machte mich trotz allem etwas befangen, so völlig unerwartet hier hineinzugeraten und vor diese Sakko- und Kostümträger zu treten, die zweifelsfrei wichtige Teile des Stark Industries-Geschäfts am Laufen hielten.
„Ah, Tony, wir nahmen an, du wärst bereits-“ Pepper brach unvermittelt ab, als sie mich überrascht in seinem nahen Schlepptau bemerkte. „Sola.“ Sie lächelte freundlich, doch etwas in ihrem Blick wappnete sich in kalter Klarheit und ich begriff sofort, dass etwas faul war und ihre entspannte Reaktion angesichts meines Erscheinens allein für die beiden Fremden bestimmt war. „Ein klarer Wink mit dem Zaunpfahl, nicht wahr?“, wandte sie sich schon an diese zurück. „Nun, es ist wirklich spät geworden. Ich denke, wir sollten an dieser Stelle nun in der Tat den Schlusspunkt setzen.“ Sie sah zu Erin, die ebenso unverbindlich lächelte und ihre bereits zusammengeschobenen Unterlagen aufbruchsbereit aufnahm. Pepper nickte beiden Männern dankend zu. „Ich bin überzeugt, dass wir nun zu einem für alle Seiten zufriedenstellenden Ablauf gefunden haben.“ Sie atmete sacht aus und obwohl ihr Lächeln unverändert blieb, spürte ich eine strenge Note in ihren Ton sinken. „Miss Mahoney wird den Zeitplan und alle festgehaltenen technischen Erfordernisse mit den Planungsverantwortlichen am MIT abstimmen. Sollten sich – trotz aller heutigen Bemühungen – noch kurzfristige Änderungen ergeben, leiten Sie diese bitte umgehend an sie weiter.“
Der rothaarige, leicht untersetzte Mann bestätigte mit wähnendem Blick in Richtung seines Kollegen und dankte Pepper mit kurzem, ehrlichem Händedruck, dann nickte er Tony zu und begleitete Erin in unverfänglichem Plauderton hinaus, als sei er in der Tat erleichtert, diese Sitzung nun endlich hinter sich zu lassen.
Ganz anders der zweite Mann in dunklem Rollkragenpullover und Sakko, der seinen Blick geradewegs auf mich richtete und ganz unvermittelt und strahlend lächelnd auf uns zutrat. Er konnte nicht viel älter als Mitte dreißig sein und etwas in seinen Augen erinnerte an die unheimlich ausdauernde Aufmerksamkeitsspanne einer Gottesanbeterin, auch wenn sein bühnenreifes Charisma absolut nicht zu leugnen war.
„Hi, schön, dich endlich persönlich kennenzulernen, Sola.“ Seine Stimmmelodie war betörend. Er reichte mir die Hand und legte seine zweite so sicher auf die erste, kaum dass ich sie entgegennahm, dass es sich trotz seines strahlenden Lächelns mehr wie eine Beileidsbekundung anfühlte. „Wir haben alle schon sehr viel von dir gehört.“
„Ähm, danke.“ Überrumpelt nickte ich. „Schön, Sie ebenfalls kennenzulernen, Sir.“
Er sah mich weiter so erwartungsvoll an, dass in mir umgehend das Gefühl erwuchs, es fehle etwas Entscheidendes meinerseits, um dieses Grußzeremoniell zwischen uns angemessen schnell zu beenden.
„Oh. Oh !“ Unvermittelt lachte er auf. „Du weißt gar nicht, wer ich bin, habe ich recht?“ Als sei dies bemerkenswert amüsant, sah er schon zu Tony weiter, aber etwas in seiner Miene verhärtete sich für den Bruchteil einer Sekunde und es entging mir nicht. „Entschuldigen Sie, Mr. Stark, ich nahm an …“
Wie überrascht hob Tony beide Brauen. „Ja?“
Eine unangenehme Pause erhob sich.
Er winkte ab. „Nun, ich stelle mich einfach vor. Quentin Beck, Chefentwickler.“
„Im Projekt S.E.N.F.“, ergänzte Tony pointiert, wenn auch in auffällig passiver Manier, als Beck meine Hand endlich freigab und etwas in seiner Miene wiederholt unliebsam kurz verhärtete.
„Oh“, machte ich nur. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, aber ich nickte Beck erneut höflich zu.
„Mr. Beck ist für das verwendete holographische System zuständig“, informierte er mich weiter, als meine ahnungslose Stille ein Deut zu prägnant wurde und Pepper bereits Atem nahm.
„Gewissermaßen das Herzstück des Neuro-Framings“, bestätigte Beck.
„Oder --- nun, eher das Skelett, nicht wahr?“, erbot Tony sofort und wies umgehend auf ihn. „Das Herzstück sehe ich in der neuronalen Übersetzungsarbeit. Das bildgebende Verfahren ist dabei letztendlich nur das zweckdienliche, wenn auch eindrucksvolle Show-Set.“
„Nun, ohne Set keine Show, nicht wahr?“ Beck lachte, sein Blick jäh kalt wie Frost, während Tony die Lippen bloß zu einem aufmerksamen, freudlosen Schmunzeln verzog, das mir restlos versicherte, dass ihn irgendetwas an Quentin Becks gewählten Worten enorm gegen den Strich ging.
Wenn er mich auf diese Art ansah, wusste ich in der Regel sofort, dass ich seine erzieherischen Gehirnwindungen zu bemühen begann. Da Beck allerdings nicht den verwandtschaftlichen Welpen-Vorteil genoss, der mir als sein halbwüchsiges Fleisch und Blut zuteil war, nahm ich stark an, dass er sich gerade nicht besonders um die Position des Mitarbeiters des Monats bemühte, insbesondere da Tony seinen Blick längst wieder auf Pepper heftete, die ihn stillschweigend fixierte.
Quentin Beck lächelte immer noch. Inzwischen sah es wirklich arg angestrengt aus, auch wenn seine Stimme unverändert entgegenkommend blieb: „Möchten Sie vielleicht, dass ich Sola-“
Tony blinzelte. „Oh. Nein. Wir sind hier fertig für heute.“
„Sicher.“ Becks Lächeln gefror, als er knapp schluckte. Mit beeindruckender Ausdauer erneuerte er sein charmantes Strahlen und sah in die Runde. „Nun, dann … wünsche ich … einen guten Abend.“
Tony erwiderte es nicht einmal, hob bloß zwei müde Finger von seiner Hosentasche und harrte nun offen ungeduldig der Dinge.
Pepper lächelte. „Ihnen ebenso. Vielen Dank, Mr. Beck.“
Wenn auch ausnehmend viel höflicher, schien sie nicht minder erleichtert, als Beck sich in Bewegung setzte und geruhsamen Schrittes durch die Tür hinaus auf den Flur entschwand.
Eine lange Minute stand alles stumm und still, dann sprangen Tonys und Peppers Blicke schon zielsicher ineinander.
Ihr beherrschter Ton schnitt durch den Raum. „Du hättest mich vorwarnen können-“
„Nein, reg dich nicht auf.“ Tony hob beschwichtigend die Hände, auch wenn er wirklich ganz und gar nicht reumütig erschien. „Ich nahm an, ihr hättet das hier bereits abgewickelt-“
„Abgewickelt?“ Sie starrte ihn an. „ Abgewickelt ? Erst platzierst du ohne die geringste Absprache dieses Thema, dabei wusstest du, dass dieser Termin allein dazu gedacht war, die Wogen zu glätten, und nicht dazu, sie noch weiter aufzutürmen und ihm tatsächliche Gründe zu liefern, dies als geschäftsfremd und damit non-konform und vertragswidrig zu deklarieren. Und dann stehst du mitten im Termin einfach auf und bist auf und davon-“
„Niemand sagte, dass ich nicht wiederkomme.“
„-und bringst Sola hierher, als sei es … --- Weißt du, welchen Eindruck das hinterlässt? Es unterstreicht sein ganzes Argument, dass das hier vordringlich als reine private Spielerei und nur nachrangig als potentielle Produktlinie für SI gedacht war. Haas wird diesen Eindruck nun womöglich sogar bestätigen.“
Beunruhigt scharrte ich mit den Füßen und sofort hob Pepper die Hand. „Liebes, es tut mir leid, das hier ist nicht im Geringsten deine Schuld“, ließ sie mich wissen, ohne Tonys unbeeindruckt blanke Miene auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. „Dein Vater müsste es besser wissen.“
„Müsste ich nicht“, gab er prompt zurück. „Dafür habe ich dich, ein Star-Ensemble an Anwälten und eine Vertragsabteilung, die nutzungsrechtliche Passus schreibt, aus denen sich niemand mit fadendünner Rhetorik herauswinden kann, nur weil ihm eine andere Verwendung seines SI-finanzierten One-Hit-Wonders vorschwebt als der, dem wir ihn zuführen wollen.“
„Tony, wenn dir tatsächlich etwas an diesem Projekt und dieser Technologie liegt-“
„Sie gehört uns, oder nicht?“ Er weitete gespielt fragend die Augen. „Denn das ist es, was Beck ebenfalls versteht. Er ist ein Querulant, kein Winkeladvokat. Er wird es schlucken, weil er es muss, wenn er an ihr weiterarbeiten möchte.“
Pepper schüttelte weiter den Kopf und griff nach ihrem Tablet. „Als hätte dich Derartiges je von irgendetwas abgehalten.“
„Jetzt verletzt du mich.“ Brüskiert verzog er die Lippen. „Ich bin Tony Stark. Ich haue Ingenieursleistungen wie diese im Wochentakt raus. Mein Entwickler-Output ist phänomenal.“
„Zu schade, dass du nicht Chefentwickler bist. Das wäre nun wirklich mal hilfreich.“
Ein glucksendes Schnauben entfuhr mir. Beide wandten die Köpfe in Richtung meines absurden Lauts und umgehend begannen sie wieder leise zu lächeln. Pepper löste ihre Schultern, als sie Tony stehen ließ, aufbruchswillig zu mir herüberschritt und tätschelnd nach meinem Arm fasste.
„Wie war der Slam?“, erkundigte sie sich.
„Gut.“ Ich lächelte. „Hat echt Spaß gemacht.“
„Hat er gewonnen? Wie war sein Name noch gleich … Jason, richtig?“
„Ja, nein, hat er nicht …“ Ich zuckte die Achseln. „Er hat es nicht einmal in die Top Ten geschafft. Eigentlich war er echt gut-“
„Es hat nicht gereicht. Die Konkurrenz war stark. Das ist sie immer.“ Tony blinzelte, merklich jeder Reue über seine lapidare Unterbrechung meines Nachmittagsberichts erhaben. „Können wir zum eigentlichen Thema kommen? Ja?“
Überrumpelt brach ich ab, während Pepper wiederholt unzufrieden die Stirn runzelte und wortlos ausatmete.
Er nickte bereits in Richtung einer weiteren Tür und schritt schon wieder los. Ahnungslos folgte ich ihm aus dem kleinen Konferenzraum in die dahinterliegenden Räumlichkeiten, die ein wenig an seinen Werkstattbereich erinnerten und anscheinend auch ähnlich genutzt wurden. Vermutlich war es eine der Forschungs- und Konstruktionsflächen dieser Etage. Im Moment war niemand anzutreffen bis auf drei wenige letzte Mitarbeiter, die sich weit abseits an Computerscreens mit irgendwelchen technischen Details des vor ihnen liegenden Objekts zu beschäftigen schienen, was ich wiederholt auf den begonnenen Freitagabend schob. Die Entwickler sahen nur beiläufig auf, als wir in den Werkbereich traten, als sei es nicht weiter ungewöhnlich, Tony und Pepper mitsamt einem Teenager durch ihr streng zugangsbeschränktes Arbeitsfeld flanieren zu sehen.
Nahezu in der Mitte des Raumes befand sich ein obskurer Aufbau aus blanken, weißen Balken und Blöcken, der sofort meine Aufmerksamkeit erhaschte, da manche von ihnen seltsamerweise an skulpturartig verfremdetes Mobiliar erinnerten. Die eindeutige Silhouette eines Klaviers nebst zu einem mutmaßlichen Regal ließ mich stocken, lange bevor Pepper ihre Schritte verlangsamte und sich zurückfallen ließ, wie um uns beiden etwas Raum für ein Gespräch unter vier Augen zu geben.
Es machte mich nur noch stutziger.
„Was ist das?“, hörte ich mich fragen, da Tony geradewegs auf das weiße Konstrukt zuhielt und ihrer aller Verhalten mich seicht zu verwirren begann. Die nichtssagenden Aufbauten erinnerten mich vage an die halbgaren Kulissen, die manche militärische Einsatztruppen für die Generalproben ihrer Mission verwendeten, wie man oftmals in etwaigen nächtlichen Dokus sah, aber weshalb SI so eine Übungskulisse besaß, erschloss sich mir nicht wirklich, noch weshalb man sich dabei auf eine einzige Wohnräumlichkeit konzentrieren sollte.
„Das ist S.E.N.F.“, antwortete er, kaum dass er neben einer schmalen, gut ein Meter hohen Stange an einem der angedeuteten Eckpunkte des Gebildes hielt.
„Oh.“ Neugierig beschleunigte ich wieder meine Schritte und schloss zu ihm auf. „Das Projekt, über das wir gerade gesprochen haben? Woran Mr. Beck arbeitet? Das ---“ Ich versuchte mich zu erinnern mit welchen bedeutungsschwangeren Fachbegriffen sie mich wenige Minuten zuvor eingedeckt hatten. „Das Neuro-Framing?“
„Eben das.“
„Wieso S.E.N.F.?“
„Ist ein Akronym. Sensitives emotionales Neuro-Framing. Nicht mein Bestes, zugegeben, aber es erfüllt seinen Zweck.“
Mein Blick sackte bereits auf die schmale Stange und der kleinen, globusrunden technischen Apparatur darauf, die mich irgendwie an die kleinen, unauffälligen Projektoren in Tonys Werkstatt rund um seine Konstruktionsplattformen und Holotische erinnerte. Ja , entsann ich mich schon weiter, sie hatten von einem holographischen System gesprochen – laut Tony das Skelett des Neuro-Framings, nicht das Herzstück .
„S.E.N.F. ist Teil der kommenden Präsentation am MIT nächste Woche“, informierte mich Pepper, als sie sich langsam näherte. „Wir werden es dort erstmalig vorführen, ehe Tony die Übernahme sämtlicher Projektfinanzierungen für das anstehende Semester durch die September Foundation verkündet.“
„Das ist … das Stipendien-Programm, bei dem Daphne letztes Jahr aufgenommen wurde, oder?“, erkundigte ich mich.
Sie nickte. „Die September Foundation ist die jüngst gegründete der Stark Stiftungen. Es gibt natürlich noch weitere mit anderen Wohltätigkeitszwecken, wie die Stark Katastrophenhilfe und die Maria-Stark-Foundation.“ Wie so oft wurde mir wieder bewusst, wie wenig Überblick ich über alles hatte, was Tony oder Stark Industries geschäftlich hielt oder überdachte. Pepper schien mir meine leise Ahnungslosigkeit und mein Ringen um Durchblick anzusehen, denn sie holte schon weiter aus: „Die September Foundation hat sich zum Ziel gesetzt, Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten und junge Talente mit finanziellen Mitteln zu unterstützen und zu fördern. Daphne wurde letztes Jahr unter besonderen Voraussetzungen in das bestehende Junior Programm aufgenommen. Dabei geht es vor allem darum, ausgewählte junge Menschen für die Aufnahme an ihrem Wunsch-College vorzubereiten, bestehende Hürden durch professionelles Coaching aus dem Weg zu räumen und alle notwendigen Geldmittel bereitzustellen. Am MIT wird der Stiftungsfonds nun bald wiederum alle laufenden Forschungsprojekte finanzieren.“
„Klingt gut“, sagte ich langsam. Ich sah wieder zu Tony. „Wieso zeigst du es mir, wenn ich es sowieso in einer Woche sehe?“ Ein beunruhigender Verdacht beschlich mich. Sofort schob ich die Brauen zusammen. „Ich muss nicht mit auf die Bühne, oder? Du sagtest, ich bleibe im Publikum – ich bin nur die Begleitung, mehr nicht. Ich drehe mit dir eine Runde über den Campus, schüttele ein paar Hände, sehe mir den Vortrag an und gehe mit euch zum Bankett und das war’s. Das hast du gesagt.“
„Ja“, bestätigte Pepper umgehend. „Ja, richtig. Du bist bloß Gast. Das ist ganz allein Tonys Auftritt.“
Merklich belustigt von meinem kleinen Schreck, zog Tony mich schon auf: „Es sei denn natürlich, du willst-“
„ Nein “, blockte ich sofort ab. „Will ich nicht.“
So breit grinsend, als habe ich ihn geradewegs auf eine grandiose Idee gestoßen, sah er schon zu Pepper herüber, ohne meine klare Absage weiter zu beachten. „Auf der PK war sie großartig. In Tokyo ebenfalls. Habe ich recht?“
„Ja“, stimmte sie sanft zu. „Sie ist großartig. Sie ist dein Kind. Lass uns nach oben gehen, ein leckeres Gratin in den Ofen schieben und darauf anstoßen, statt den Freitagabend in einer grauen Werkhalle zu verbringen.“
Mein Herz schwoll unvermutet an, heillos ergriffen von ihrem zärtlichen Zuspruch, auch wenn etwas in ihrem leise bewegenden Tonfall mich weiter verunsicherte.
Pepper hielt Tonys Blick, während er ihre Worte eine lange Sekunde stillschweigend sacken ließ.
Und plötzlich verstand ich, dass sie es schon wieder taten. Sie sprachen miteinander, ohne ein einziges Wort zu verlieren, allein mit über die Jahre gemeisterten Blicken.
Erst letztes Wochenende hatte Tony mich an den Schießstand im Avengers Hauptquartier geführt und mir beigebracht mit einer Waffe umzugehen. In den Tagen darauf hatte sich bewahrheitet, was er bereits offengelegt und ich ohnehin gewusst hatte – Pepper hatte das Thema nicht angeschnitten, nicht einmal vor mir, obwohl es seit unserer Rückkehr in den Tower am späten Sonntagabend felsenfest im Raum gestanden hatte. Und obwohl sie den Vortag seines Europa-Kurztrips durchaus dazu genutzt hatte, sich mit ihm zu allen anstehenden Aufgaben abzustimmen, war sie mir dabei so zurückhaltend sachlich und teils reserviert erschienen, dass ich mich beinahe schuldig gefühlt hatte. Sie hatte nicht gelacht, nicht einmal wirklich gelächelt, bloß die Mundwinkel zu einem traurigen Anklang eines solchen gehoben, als er Montagabend aufgebrochen war. Es hatte kein Streit in der Luft gelegen und irgendwie war genau das noch schwerer mitanzusehen gewesen, denn obwohl sie sich immer mal wieder schnell geküsst hatten, war mir irgendetwas so unzureichend bereinigt zwischen ihnen vorgekommen, dass ich fast gehofft hatte, dass Tony auf dem Weg zum Lift spontan entschied, seinen Trip einfach abzublasen und zu bleiben.
Aber sie hatten in den Tagen darauf regelmäßig telefoniert. Ich hatte Pepper mit ihm sprechen gehört, hatte vernommen, wie sie ihm von unserem Tag berichtet und sogar kleinere Anekdoten und neckende Schlagfertigkeiten mit ihm ausgetauscht hatte. Hin und wieder hatte sie geschmunzelt. Sacht gelacht, die Augen verdreht und still gelächelt, wie sie es oft tat, wenn sie realisierte, dass sie ihn liebte, es aber nicht aussprach, um sein Ego nicht weiter anzufachen.
Und schon heute hatte ich kaum mehr einen Gedanken daran verloren.
Aber nun tat ich es. Denn irgendetwas sagte mir, dass Tony es erneut tat. Er ignorierte ihren Rat und jede Sorge, die in ihr schwellte.
Und wieder hatte es mit mir zu tun.
Sie will, dass wir gehen. Dass er es nicht ausspricht.
Meine Unruhe wuchs.
Was nicht ausspricht?
„Wieso sind wir hier?“
Tonys Blick kehrte zu mir zurück. „Sensitives emotionales Neuro-Framing ist eine brandneue Technologie. Sie ist bislang einzigartig auf dem Markt. Wird es sein, sobald wir in Produktion gehen und an die ersten Kliniken, Labore, Traumazentren und spezialisierten Praxen auszuliefern beginnen.“
Mein Herz begann zu wummern. „ Neuro -Framing …“ Die ausufernde Besprechung mit meinem Ärzte-Team und all ihre medizinischen Fachbegriffe der vergangenen Woche kehrten unvermittelt in mein Bewusstsein zurück. Ich wusste, worauf dieser fachmedizinische Vorsatz hindeutete. „ Neuro . Das hat … mit dem Nervensystem --- mit dem Gehirn zu tun, richtig?“
„Ausgezeichnet. Du bist eingestellt. Pepper, lass ihren Vertrag aufsetzen.“
Ich reagierte nicht auf seine kleine Neckerei, denn sogar ich registrierte inzwischen die vage gewappnete Anspannung in ihm, die sich trotz seiner vermeintlichen Gelassenheit in seiner Nackenlinie und seinem Blick niederließ.
„Ja, es hat mit dem Gehirn zu tun “, bestätigte er lapidar, als ich weder mit den Augen rollte, noch etwas sagte. Unaufgeregt, wenngleich zielstrebig wandte er sich schon ab und setzte sich in Bewegung. „Etwas genauer ausgedrückt: S.E.N.F. ermöglicht es, mithilfe eines neuartigen Netzwerks aus Elektroden und anderer hochsensibler Sensorik ausgewählte, verhaltensbildende Erinnerungen einzugrenzen, sie in ein vorcodiertes Simulationsgebilde zu übersetzen und diese über ein komplexes holographisches System in eine bildgebende Projektion auf eine externe Infrastruktur zu überführen.“
„Okay …“, murmelte ich.
Auf die überwältigende Schnelle konnte ich aus dieser gewaltigen Kette prägnanter hochkomplexer Begrifflichkeiten, die seinen Mund verlassen hatten, wirklich nicht den geringsten Sinn spinnen.
Ich machte gar nicht erst ein Geheimnis draus. Mein Gesicht sprach Bände.
Und jetzt noch einmal für Idioten.
Er trat zu einem Werktisch herüber und hob eine Brille auf, die – abgesehen von ein paar feinen, drahtartigen Strukturen am Ende ihrer Bügel – so alltäglich aussah, dass ich zweimal hinsehen musste, um zu begreifen, dass sie etwas mit S.E.N.F. zu tun hatte und nicht einfach nur von jemanden dort versehentlich liegen gelassen worden war.
„Einfach gesprochen“, sagte Tony, „man setzt diese Brille auf, konzentriert sich auf den zu durchlebenden Moment und das holographische System macht aus der Erinnerung eine lebensgroße Neuaufführung in 3D, über die man selbst die Regie führt.“
Mein Blick sprang zu den weißen Blöcken, Zylindern und Balken und dem schemenhaften Klavier, die plötzlich allesamt als dreidimensionale Projektionsflächen so viel mehr Sinn ergaben denn in meiner lächerlichen Navy-Seal-Interpretation. „Man kann sich eine Erinnerung --- ansehen ?“
Tony nickte. „Bingo. Das Bild ist naturgetreu, dreidimensional und absolut immersiv. Man kann seine Erinnerung nicht nur ansehen, man kann wortwörtlich durch sie hindurch spazieren . Ich kann es dir zeigen-“
„Wieso wird es medizinisch verwendet?“, unterbrach ich ihn. Irgendetwas in meinem Puls zog rapide an, als er sich dem Projektionsaufbau näherte. „Wieso ist es eine Technologie --- für --- für Kliniken?“
Tony hielt wieder, ließ die Brille zwischen seinen Fingern sinken und kehrte langsam zu mir zurück. „Weil S.E.N.F. explizit darauf ausgerichtet wurde, traumatisches Gedächtnis zu finden, zu kartieren und einzugrenzen.“ Er machte eine Pause. Ich regte mich nicht. „Trauma-Erinnerungen sind immer verhaltensbildend und oftmals noch dazu von Amnesien gezeichnet. Bedeutet, das eigentliche Trauma kann selten eigenständig aufgearbeitet werden, weil Betroffene sich bewusst kaum mehr an das Geschehen oder den Auslöser erinnern – und falls doch, ist das Ergebnis oftmals emotional stressverzerrtes Blendwerk. S.E.N.F. kann das tatsächliche Erlebnis jedoch ganz losgelöst von der Amygdala, dem Angstzentrum , auslesen. Damit gelingt Konfrontationstherapie in sicherer Umgebung, gegebenenfalls sogar in professioneller Begleitung, die dem Erlebnis bei nüchterner Betrachtung einen großen Teil des Schreckens nehmen kann, es wieder in die richtige Perspektive setzt oder es grundsätzlich endlich einem generellen Faktencheck unterzieht.“ Er hielt unverwandt meinen Blick. „Aber das System kann viel mehr, Sola. Es geht nicht nur darum, ein Trauma erneut zu durchleben, um es aufzuarbeiten. Es kann auch anderen Formen der Therapie dienen. Es kann vor- und nachgelagerte Momente verändert abbilden, sie anders gestalten, indem es uns eine Welt simuliert, wie sie hätte sein sollen . Es kann uns Momente schenken, die wir nie hatten. Es ist in der Lage, Wunden zu heilen, emotionale wie seelische. Uns zu geben, was wir brauchen , um einen Abschluss zu finden. Selbst noch Jahrzehnte später.“
Ich starrte ihn an.
„Wir können uns von unseren Liebsten verabschieden“, sagte er langsam. „Ihnen endlich Auf Wiedersehen sagen. Und auch alles sonst, was wir ihnen sagen wollten und nie getan haben, weil wir dachten, es sei noch Zeit genug.“
Der Groschen fiel.
„Du willst, dass ich es verwende.“ Ich spürte meine Körpertemperatur so rapide absacken, dass ich mich nicht mehr recht zu regen wusste. „Du willst gar nicht …“ Ich brach ab. „Du willst, dass ich mit Mum spreche. Mit Jane. Davor .“
„Es muss nicht direkt davor sein. Es kann ein ganz anderer Moment sein. Etwas daheim. Etwas Friedliches. Du hast die Kontrolle.“
Meine Brauen stießen fast ineinander, als ich dem verwirrten Tumult in mir drin, Herr zu werden versuchte, der weiter und weiter um sich griff, je klarer ich verstand, was S.E.N.F. war und wieso Tony es mir zeigte und --- wieso Pepper kein einziges Wort mehr sagte …
Still und wachsam stand sie dicht bei und beobachtete uns zwei.
„Wir können es gestalten, wie immer du es magst“, fuhr Tony schon fort. „Ich kann dabei sein oder nicht. Du kannst mehrere Erinnerungen besuchen oder bloß eine einzige …“ Seine offen erwägenden und zugleich erwartungsvollen Worte zogen wie eine ferne, knackende Tonspur an mir vorbei. „Danach können wir auch über die Aufarbeitung anderer Traumata sprechen – dem Unfall an sich, dem Vorfall mit Stane … Was immer du brauchst. Wie gesagt, das System hält ganz unterschiedliche Aufarbeitungsformen bereit.“
„Tony“, wisperte Pepper.
„Natürlich nicht jetzt gleich sofort“, hob er schnell an. „Wir sprechen erst darüber, bereiten alles vor, machen dich mit der Technik vertraut … Das hier wird kein Schnellschuss, Sola. Im Gegenteil, es kann ein ganzes Set an Sessions werden.“ Er zögerte, vielleicht weil ich nach wie vor blank in die weiße Kulisse stierte. „ Oh --- ja, richtig, in deinem Fall wird die Umsetzung noch einfacher. Eure alte Einrichtung ist eingelagert. Ich kann alles herschaffen lassen. Du sagst mir, was du brauchst – das Wohnzimmer zum Beispiel – und wir richten es her. Es wird um die Projektionsflächen der Wände und anderer Details ergänzt, aber in der laufenden Sitzung siehst du davon ohnehin nichts. Wie ich sagte, es ist absolut immersiv und mit dem tatsächlichen Mobiliar kommt auch noch eine haptische Ebene hinzu, die die Illusion restlos komplettiert-“
„Ich will es nicht.“
Tony brach ab.
Illusion . Das war das Stichwort, das mich jählings aus der Lähmung gerissen hatte.
Denn das war es. Das würde es sein.
Eine täuschend echte Illusion von Mum, die meinem Gehirn vorgaukelte, dass sie da war, dass sie lebte . Die mir all das gab, nach dem ich mich so furchtbar sehnte, dass es mich innerlich noch immer vor schierem Kraftaufwand in den Seilen hängen ließ. Und all das, was in meiner Brust seit Monaten nur so schwellend langsam ausbrannte, würde ganz sicher wieder in wilde, neue Gewalt ausarten, kaum dass diese Illusion zerfiel.
Und wozu?
Es wäre nicht einmal wirklich Mum. Es wäre nur meine eigene Version von ihr. Keine Antwort, die ich nicht bereits wusste, die sie mir geben konnte.
Es gab schier nichts , das sie mir jemals zurückbrachte.
Nur den Schmerz.
„Wir müssen nicht jetzt auf der Stelle entscheiden, wie wir es angehen“, begann Tony von Neuem und dabei seiner Sache so sicher, dass sein betont gelassener und trotz allem unbeirrter Enthusiasmus mich auf der Stelle innerlich aufrieb.
„Nein.“ Heiser schluckte ich. „Ich --- Ich habe mich schon entschieden. Ich will es nicht verwenden.“
Er fasste nach meinem Ellbogen. „Hey, wir probieren es erst mit etwas Leichtem, okay? Etwas, das nichts mit irgendetwas davon zu tun hat. Etwas, das dir Spaß gemacht hat. Vielleicht ein Moment in der Werkstatt. Oder in Malibu. Erinnerst du dich an letzte Woche? Es ist ganz genauso. Wenn du es erst einmal ausprobiert hast-“
„Ja, nein. Ich möchte es nicht.“
Er hatte bereits entschieden, realisierte ich. Das hier war kein Angebot, es war ein Ausblick.
Ich schluckte wieder, schüttelte verhalten seine Hand ab und trat einen Schritt zurück. „Es --- es ist bestimmt --- cool. Also, die Technik dahinter und --- wofür es gedacht ist.“ Schnell nickte ich. „Das ist toll. Klingt beeindruckend, wirklich. Aber ich … möchte es nicht benutzen.“
Wenig überzeugt runzelte er die Stirn. „Du hast es nicht einmal gesehen, Sola.“
„Und das will ich auch nicht!“ Es entglitt mir schärfer denn beabsichtigt und mein Ton brach gleich wieder vage hilflos in sich zusammen, als ich schon schuldbewusst blinzelte. „Okay? Ich ---“ Ich presste die Lider zusammen. „Tut mir leid.“
Er nickte sofort. Jeder Ansatz von Ungeduld verließ seine Miene wieder, als er sacht den Mund zusammenkniff und mich beobachtete.
„Danke, ehrlich“, setzte ich noch einmal stockend von vorne an, „aber ich brauche das Ganze nicht. Wirklich. Ich will es auch nicht ausprobieren oder so. Gar nichts …“
„Gut, pass auf. Gar nichts steht nicht zur Option.“
Pepper schloss kurz die Augen und sah beiseite. Ihr Blick war nun auf die drei Entwickler gerichtet, deren Gegenwart ich voll und ganz verdrängt hatte und von denen zwei verhalten zu uns herübersahen. Meine Unruhe schäumte unvermittelt über, ergoss sich über mein ganzes Herz und jeden Muskel.
Er hatte entschieden . Wie damals in Montauk. Nur hatte ich ihm diesmal keinerlei Gründe dafür geliefert. Keine Unfälle, keine Wutausbrüche oder Albträume oder waghalsigen Unternehmungen, die dafür sprachen, dass irgendetwas außer Kontrolle geriet, um das er sich sorgen musste.
Es ging mir gut . Besser denn je seit --- alldem.
Und auch wenn er nicht wissen mochte, dass Wanda mir längst geholfen hatte, was meine Albträume und Panikattacken anging, wusste er doch, wie viel weiter ich war, ganz besonders, was meine Trauer um Mum und Jane betraf oder … meinen Abschluss.
Es gab keinen Grund, mich einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen.
Ärger schwemmte in mir auf.
„Erst das Aneurysma, jetzt das“, hörte ich mich unverhofft kalt erwidern. „Wo genau habe ich Optionen?“
So abrupt wie meine Tonlage umschlug, tat es seine Miene.
„Nun, was dein Aneurysma angeht, kann ich sie dir schriftlich aushändigen. Darf ich erinnern? Du warst neulich nicht in der Stimmung, sich mit ihnen zu befassen. Und, hey , das respektiere ich.“ Er gab sich unbeeindruckt. „Was ich nicht respektiere, ist, irgendetwas hiervon absichtlich auf die lange Bank zu schieben, nur um es auszusitzen. Tatsächlich sogar, werden wir uns genau deshalb die kommenden Tage auch zu den chirurgischen Behandlungsvorschlägen besprechen, ob du es willst oder nicht.“
„Oha, da ist es wieder. Keine Option.“
„Du willst diskutieren? Meinetwegen, diskutieren wir.“
„Nein.“ Grimmig atmete ich aus. „Ich brauche keine Therapie.“
„Lustig. Das letzte Mal, als ich das von dir gehört habe, hast du es danach gleich zweimal vollbracht, dich beinahe umzubringen und mir damit das absolute Gegenteil zu beweisen.“ Ankreidend neigte er den Kopf. „Du kannst es ausschweigen, kleinreden oder ignorieren, Sola, aber diese Lernkurve haben wir hinter uns-“
„Was?“
„Diese Ruhe“, stellte er klar. „Kein Wort --- keine Wut oder Träne oder irgendetwas, nicht in Monaten. Zu nichts davon.“ Er trat wiederholt beschwichtigend dicht vor mich und sank auf meine Höhe. „Du bist fast gestorben. Das dritte Mal binnen eines Jahres. Fast --- ermordet worden.“ Seine Stirn zuckte ob dieses rauen Fakts. „Es geht nicht darum, dass du nicht darüber sprechen willst, Sola. Du hast nichts verbrochen; es geht nicht darum, dass du etwas falsch gemacht hast. Das ist es nicht, was ich sage. Ganz und gar nicht. Aber du kannst nicht erwarten, dass ich dabei zusehe, wie du all das einfach erneut irgendwo vergräbst, bis es wieder herauskommt und deinen Verstand frisst.“
Ich blinzelte überfordert. „Aber so ist es diesmal nicht-“
„Ich weiß, wie schnell es geht“, beharrte er längst weiter. „Wie einfach .“
Seine Augen blitzten. Straften mich Lüge.
Empört trat ich zur Seite. „Okay, nein ! Du weißt überhaupt nichts, okay?“
„Par don ?“
„Ja, kein Ding, wenn du keins draus machst.“
Beide Erwachsenen erstarrten.
Mein Magen schlug einen nervösen Purzelbaum, als Tony mich jäh fixierte. Dann entspannte sich seine Miene schlagartig wieder und er verdrehte die Augen. „Okay, das war zu einfallsreich, um mich sauer zu machen.“
Pepper schoss ihm einen tadelnden Blick zu.
„Was? Es hat mich --- irgendwie stolz gemacht.“ Er zuckte die Achseln. „Ja, ich weiß, sie drückt die richtigen Knöpfe. Sie hat es jetzt raus.“ Unvermittelt streng sah er mich wieder an. „Pass auf, Pokerface, ich mache ein Ding draus, weil es sonst von ganz allein zu einem wird.“
Stur sah ich von ihm fort.
Steves Nachricht schob sich wieder in mein Bewusstsein – das Angebot, das er nochmals bestätigt hatte und das Sam schon Sonntagnachmittag kurz vor unserer Rückfahrt nach New York City in einem ruhigen Moment für mich platziert hatte. Das Angebot, auf das ich gestern Abend in einem nicht minder stillen Augenblick leise tastend zurückgekommen war.
Ganz unverbindlich. Nur ganz hypothetisch.
„Also gut“, hörte ich mich schwach nachgeben. „Ich kann mit jemandem sprechen.“
Eine undurchsichtige Veränderung zog durch Tony, die ich nicht einzuordnen wusste, während Peppers Miene bereits vage Erleichterung verhieß.
„Ehrlich gesagt, hat Sam es mir schon Sonntag angeboten“, fuhr ich belegt fort. „Er sagte, dass er den Part vorerst übernehmen kann. Dass er versteht, dass es uns schwerfällt, jemand neuen zu finden, nach dem, was mit Fanning vorgefallen ist. Dass du --- na ja, dass du dich damit schwertust, noch irgendwem zu vertrauen, und ich es vielleicht auch gar nicht mehr probieren will. Er sagte, dass wir darüber sprechen können und nur falls es für mich passt, auch etwas Regelmäßiges daraus machen können --- eben wie damals mit Fanning.“
Tony schnaubte. „Nein.“
Sein vollkommen unbeeindruckter Ton, der diese Alternative unvermittelt abschnitt, entfachte endgültig meine Wut. „Wieso nicht? Er hat Erfahrung. Steve sagte, er hat so etwas schon gemacht-“
„Sam war Trauma-Berater für Veteranen-Gruppen. Das ist niedlich, aber nicht mit dem hier zu vergleichen.“
„Aber es reicht mir .“
Tony hob die nichtssagende Brille in seinen Händen. „Das hier ist von einer weltweit führenden Expertenrunde über Monate geprüft und aufbereitet worden, Sola. In dieser Technik stecken dutzende anerkannte Psychologen und Psychotherapeuten. Ganz abgesehen von einem Multimillionen-Budget.“
„Ja?“, gab ich brüsk zurück. „Dann zeig dein kleines Therapie-Experiment dem Forbes Magazine und nicht mir.“
„Ich habe es für dich entwickelt!“, brach es schlagartig verärgert aus ihm.
Nicht nur die Tatsache, dass er mich angefahren hatte, sondern auch, dass wir uns nach wie vor im Werkbereich der Geschäftsetagen befanden und sich nun wirklich eine hörbar befangene Stille im Raum einstellte, die auch die drei verbliebenen Mitarbeiter einschloss, stülpte mir unvermittelt den Magen um. Reue, Zorn, Scham und eine wirre Hilflosigkeit übermannten mich.
Ehe ich ganz wusste, wie ich reagieren sollte, drehte ich schon auf dem Absatz und flüchtete im Eilschritt zurück zur Tür. Kaum hindurch bereute ich es, stockte wieder, blieb mitten im kleinen Konferenzraum stehen und versuchte die beunruhigt aufwallenden Tränen zurückzuhalten.
Ich fixierte die Milchglaswände, das abgeschaltete Display und schlussendlich den hellen, langen Tisch. Mein Puls entschleunigte sich wieder, wenn auch nur den entscheidenden Bruchteil, um meine Fassung zu bewahren.
„Ich sagte dir, das ist der völlig falsche Ansatz“, vernahm ich Peppers böse beherrschte Stimme bereits in meinem Rücken, als sie zielstrebig durch die Tür kam. „Ich kann nicht glauben, dass du sie hierhergebracht hast.“
Sie verstummte, kaum dass sie mich sah, aber sie hielt nicht inne, nahm mich stattdessen schon auffordernd beim Arm, nickte in Richtung Flur und schritt ungehindert weiter.
Dankbar dafür, dass sie mich an ihre Seite nahm, sodass ich Tony nicht allzu genau ansehen musste, begleitete ich sie hinaus und schwieg angestrengt durch ihrer beider aufbrandenden Disput.
„Hältst du es nicht für zweifelhaft, wenn nicht gar … wie soll ich es ausdrücken – daneben? – diese Technologie einerseits am MIT als große medizinische Errungenschaft unseres Jahrzehnts zu zelebrieren, es aber als den völlig falschen Ansatz zu bewerten, sobald es tatsächliche Anwendung finden könnte?“, sprach Tony unverwandt auf sie ein. „Denn ich finde, gerade du solltest ein entscheidender Verfechter dieser Angelegenheit sein, oder nicht? Du – am allermeisten – solltest mein Argument unterstützen. Von welcher geschäftlichen Integrität sprechen wir hier? Ein CEO, der dem Produkt seiner eigenen Firma derart misstraut? Das ist nicht einmal Hammer -Niveau, Pep. Das ist --- das ist schlimmer! Dramatisch.“ Er hob beide Hände. „Und – klär mich auf – ich verstehe es nicht. Du weißt, wie S.E.N.F. zustande gekommen ist. Welche Möglichkeiten es bereithält.“
Der Duft von Chanel hing in meiner Nase, als sie hörbar unbewegt schnaubte und ihre Schritte noch einmal beschleunigte. „Oh, Tony, in der Tat, das weiß ich. Darf ich dich erinnern, dass Fanning persönlich hieran beteiligt war? Sola ausgerechnet mit seiner Arbeit in Berührung zu bringen-“
„Er war bloß einer der Experten, Pepper, einer von vielen, die hieran mitgewirkt haben. Es lässt sich nicht auf ihn reduzieren. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Seine Arbeit wurde mehrfach aufgearbeitet und qualitätsgesichert.“ Er schnalzte. „Davon abgesehen, war er ein Genie auf seinem Fachgebiet-“
„Bitte? Ich kann einfach nicht --- Ich begreife nicht , wie du so etwas sagen kannst!“
„Wenn er uns eines bewiesen hat, dann doch vermutlich das.“
Meine Schritte stolperten fast übereinander, als wir den Lift erreichten, so taub fühlte ich mich plötzlich. Kaum, dass sich die Türen hinter uns schlossen, standen Pepper und Tony schon dicht voreinander und sprachen wild durcheinander.
„Es ist absolut unethisch und gedankenlos-“
„Ich habe es am eigenen Leib getestet, Pepper! Das System funktioniert fabelhaft-“
„-sie einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen, löst kein einziges Problem. Sie muss sich darauf einlassen können-“
„Sie wird es sich anders überlegen, wenn sie erst sieht, wie viel sicherer es ist. Wie viel vertrauenswürdiger. Sie muss sich auf niemandes Integrität verlassen und kann trotzdem all die Gespräche führen, die es braucht-“
„-kein Wunder, dass es sie verängstigt. Es würde jeden verängstigen. Es ist gerade ein Jahr her, es ist der falsche Zeitpunkt, in jeglicher Hinsicht-“
„-und es kümmert mich nicht, was Beck daraus spinnt. Sie ist der Grund. Ich habe es für sie in Auftrag gegeben, finanziert, entwickelt, für niemanden sonst.“ Seine Stimme kippte ins Unerbittliche, ins Gereizte. „Wir hätten andere Projekte finanzieren können, aber ich habe mich hierfür entschieden. Sie haben mich für verrückt gehalten, erinnerst du dich? Als ich dieses Thema aufgemacht habe. Sie sagten, ich sei nicht mehr zurechnungsfähig seit Sokovia. Schlecht fürs Geschäft! Aber wir haben einen Weg gefunden, in weit weniger als einem einzigen Jahr, und jetzt werden Tausende davon profitieren --- und alles nur, weil ich es für dieses Kind getan habe, das schon wieder vor exakt demselben metallischen Scherbenhaufen stand! Ja, es ist mein Kind, na und ? Es ist nicht mein Kind allein .“
„Ich weiß. Ich weiß .“ Ihre Hand lag auf seiner Brust. Sie schüttelte den Kopf.
Tony entließ die Luft. Schlagartig wurde es still.
Nur verzögert realisierte ich, dass wir längst angekommen waren. Die Türen des Lifts standen offen, FRIDAY hatte irgendetwas verkündet, das niemand vernommen hatte, das Penthouse lag in abendlich behaglicher Ausleuchtung vor uns und Manhattan funkelte in altbekannt einnehmendem Panorama.
Beide Erwachsenen atmeten stillschweigend aus, dann setzten sie sich in Bewegung. Dass ich mich nicht regte, ließ Tony noch auf der Schwelle den Kopf zu mir umwenden. Auffordernd hob er einen Arm und schüttelte seine Hand befriedend in der Luft. „Alles klar, ich bin da gerade ein wenig … --- Lass uns das Ganze noch einmal ganz ruhig angehen, in Ordnung?“
„Ich fahre runter.“
Seine Miene versteinerte. „Runter?“
„An den Schießstand, ja.“ Meine Worte formten sich wie beharrlich zäher Honig. „Ich wollte eigentlich schon vorhin-“
„Nein. Nope .“ Er schnippte in Richtung Wohnlounge. „Wir klären das hier. Na los.“
Mein steifer, stiller Ärger, längst allgegenwärtig in seiner stabilisierenden Wirkung, ergriff wieder die Oberhand. Beharrlich schüttelte ich den Kopf und als sein Blick sich zementierte, flog der meine schon zu den Lifttüren. „FRI, bring mich-“
„Nirgendwohin“, schnitt Tony klar ab. „Befehlsabbruch. Caretaker Protokoll.“ Er wies auf mich. „Auf dein Zimmer.“
„Was? Wieso das jetzt? Weil ich dein Multimillionen- Brainfuck -Gadget nicht ausprobieren will?“ Finster trat ich schon drei zügige Schritte in den Raum hinein. „Ich will es nicht. Ich spreche mit Sam, okay, meinetwegen , aber ich werde nicht mit Fake-Mum bescheuerte letzte Worte wechseln! Klar? Kann ich jetzt runter?!“
„Nein.“ Seine Haltung blieb erstaunlich unberührt, insbesondere angesichts seines eigenen Ausbruchs nur wenige Augenblicke zuvor. Die blanke Undurchdringlichkeit in seinem Blick ließ mich frösteln. „Geh in dein Zimmer.“
Zornig sah ich zu Pepper, die nun restlos resigniert das sich entfaltende Debakel verfolgte und eine Hand an ihr rechtes Auge führte. „Das ist nicht fair“, knurrte ich. „Ich habe absolut nichts getan!“
„Nein, uh-uh , sieh nicht zu ihr.“ Unvermittelt trat Tony schon auf mich zu, fasste mich bei der Schulter und schob mich zur Treppe. „Nach oben.“
Flink entschlossen trat ich augenblicklich wieder aus seinem Pfad. Da sein Griff nicht mehr als bloße Geste gewesen war, entkam ich ihm ganz mühelos und wand mich an seinem Arm vorbei.
„Das ist genau wie letzte Woche!“ Mein Ärger brach sich Bahnen, als er sich gezwungen sah, auf der Ferse zu drehen, um mich wieder anzusehen. „Erst schickst du mich völlig grundlos ins Bett, jetzt in mein Zimmer.“
Tony gab sich unbeeindruckter denn je. Unsere angetäuschte Rangelei hatte in der Tat nicht einmal seine Krawatte verrückt, auch wenn ich mir sicher war, dass ich enerviert sein Sakko gestreift hatte, aber seine Stirn hielt nun eine angestrengte Falte, die mich nur noch wütender machte.
Ich machte einen festen Schritt auf ihn zu. „Nur, weil dir nicht gefällt, wie es gelaufen ist-“
„Willst du dein ganzes Wochenende dort oben verbringen?“, unterbrach er mich trocken. „Denn wenn du nicht mitziehst, tue ich es auch nicht. Grundeinfache Mathematik.“
Abrupt verstummte ich.
Ich konnte es nicht fassen.
Ich zog nicht mit ? War das --- sein Ernst ?
Ich hatte keinen Unsinn angestellt. Keine Vereinbarung gebrochen. Jeden Punkt seiner gottverdammten Charta respektiert. Seit Monaten! Selbst, als er diese Woche die meiste Zeit nicht einmal im Land gewesen war, hatte ich mich gewissenhaft an jede unserer vereinbarten Spielregeln gehalten. Erst heute noch war ich sogar Happys Rat gefolgt und hatte den Slam früher verlassen, nur um den wachsenden Menschenmassen zu entgehen und pünktlich daheim zu sein, damit --- einfach damit , es nichts gab, um das er sich sorgen musste.
Nichts zumindest, was mich betraf.
Ich konnte nicht fassen, dass er mir nun tatsächlich androhte, mir meinen geplanten Stadionbesuch mit Elijah am Sonntag zu nehmen, nachdem er mich völlig unvorbereitet und aus dem Nichts in diese Situation gebracht, ja, mir mit seinem unverhandelbaren Vorschlag geradewegs in die Magengrube getreten und dann auch noch die Fassung verloren hatte und das bloß, weil ich einen Kompromiss für ihn zu finden versucht hatte, obwohl es faktisch gesehen absolut keinen Grund gab, mich zurzeit in irgendeine Form der Therapie zu zwingen .
Tony sagte nichts mehr und obwohl seine Miene unverhandelbar blieb, sah ich doch, dass irgendetwas in seinem Blick stockte. Ich gab ihm nicht die Chance, es wiedergutzumachen, es zu beschwichtigen, zurückzunehmen , denn ich setzte mich bereits wortlos in Bewegung.
Auf dem Weg hinauf vernahm ich, wie Peppers leise verurteilende Stimme zu etwas ansetzte und dieses eine Mal war es mir egal, ob sie sich nun wegen mir stritten.
Nein, dieses Mal hoffte ich, dass er bekam, was er verdiente .
Musik:
Price Tag (Acoustic Version) - Jessie J