Schweigemethode
Schweigemethode
Kapitel 11: Schweigemethode
Noch tags darauf strafte ich Tony mit Schweigen.
Am Freitagabend war er einige Zeit nach unserer Auseinandersetzung in mein Zimmer gekommen, doch da hatte ich bereits von ihm abgewandt im Bett gelegen und stur vorgegeben zu schlafen; keineswegs bereit, ihm Raum für weitere S.E.N.F.-Debatten oder andere Gemeinheiten zu geben. Tony hatte sich davon nicht beeindrucken lassen, sich einfach in meinem Rücken niedergelassen und einen Moment lang mein konsequentes Theater der Nichtbeachtung beobachtet. „Noch immer wütend?“, hatte er schließlich gefragt, als ich mich auch nach einer guten Minute nicht weiter geregt hatte.
Finster hatte ich seine Plüschversion gepackt und nach ihm geworfen.
Es war ihm Antwort genug gewesen.
„Okay. Ist angekommen.“
Resigniert hatte er sie wieder in meinem Rücken platziert, sich erhoben und mein Zimmer verlassen. Schon wenig später hatte FRI verkündet, dass er das Caretaker Protokoll wieder aufgehoben, aber sie gebeten habe, für den Rest der Nacht ein Auge auf mich zu halten – nicht, um mich weiter zu überwachen, sondern bloß um ihn zu informieren, sollte ich ihn brauchen. Er sei nicht sauer, ließ er mich wissen. Und wenn ich sprechen wollte, solle ich einfach zu ihm in die Werkstatt herunterkommen oder ihn wecken, falls er da bereits im Bett sei. Pepper schlafe heute Nacht ohnehin im Gästezimmer.
Mir war klar gewesen, dass er es mich nicht bewusst wissen ließ, um mich auf ihren nun eindeutig eskalierten Streit aufmerksam zu machen, sondern vielmehr um seine gedankenlose Diktatur von zuvor wiedergutzumachen, mit der er unser aller Abend ruiniert hatte, aber vor allem Letzteres blieb mir im Gedächtnis.
Unzufrieden schlief ich wenig später tatsächlich ein.
Auch am Samstagmorgen ging ich auf keine seiner sondierenden Blicke oder Gesten ein. Wann immer er etwas Unbefangenes oder Befriedendes in meine Richtung bemerkte, ignorierte ich ihn vollkommen. Auf Tagesplanungspunkte und willkürliche Informationen, die er von mir bestätigt zu hören wünschte und für die er meinen Namen auf eine Art wiederholte, bei der ich eine sachte, wiederkehrende, wenn auch resignierte Ungeduld in seiner Betonung einschlagen spürte, gab ich höchstens mit vagem Nicken preis, dass ich ihn tatsächlich vernommen hatte, und sah dabei umso betonter in entgegengesetzte Richtung.
Je öfter ich es tat, desto weniger Versuche unternahm er.
Pepper wechselte den ganzen frühen Samstag über ebenfalls nur wenige Worte mit ihm, aber in ihrem Fall erschien es mir eher, als sei zwischen ihnen bereits alles gesagt und als harrte sie nun bewusst der sich entwickelnden Dinge, eindeutig bemüht mit ihren Worten nicht weiter Öl ins Feuer zu gießen. Wenn sie mehr zu sagen wünschte, würde sie es vermutlich tun, sobald ich mich außer Hörweite befand.
Wieder schienen Tony und sie nicht wirklich zerstritten , bloß ein wenig distanzierter denn gewöhnlich, wie in den Nachwogen einer Uneinigkeit, die sie beide zwar ausdiskutiert hatten, aber noch nicht recht zu umschiffen wussten.
Inzwischen hatte sich bei mir auch die Erkenntnis eingestellt, dass sich ihre heimliche Debatte in Barbados ebenfalls bereits um S.E.N.F. gedreht haben musste und damit vor allem um Tonys Plan, mich mit dieser eigens von SI entwickelten Technologie regelrecht selbst zu therapieren, weil er es scheinbar lieber seinen geliebten Algorithmen überließ, meinen Verstand zu restaurieren, als einen gesetzestreuen Nachfolger für Fanning zu suchen oder vielleicht einfach mal davon auszugehen, dass ich längst auf einem guten Weg war und eigentlich nicht viel mehr brauchte als sein Vertrauen und gelegentlich ein wenig Trost.
Je länger ich darüber nachsann, desto wütender wurde ich.
Deshalb ließ ich auch sein befriedendes Angebot links liegen, ihm nach dem Mittag in der Werkstatt ein wenig bei seinem neuesten Mark-Modell zur Hand zu gehen, an dem er seit geraumer Weile wieder tüftelte. Stattdessen sortierte ich meinen Kleiderschrank um, plante mein Outfit für den kommenden Tag im Stadion und telefonierte dabei mit Daphne, der ich den gesamten gestrigen Irrsinn wie meine Fassungslosigkeit in allen Einzelheiten darlegte. Bei ihr ließ ich endlich so viel Dampf ab und erhielt so viel überzeugten Zuspruch, dass mein aufgestauter Ärger sich endlich wieder zu lösen begann und ich mich am späten Nachmittag in der Lage sah, mich an meinen restlichen Aufsatz für Mrs. Carlyle zu setzen.
Kurzentschlossen warf ich Neds Unterrichtsnotizen auf eines unserer transparenten Tablets, stellte es auf meinem Schreibtisch ab, kramte meinen Collegeblock wieder hervor und begann mich weiter durch meine ausstehenden Absätze zu kämpfen.
Ein Bein angezogen und die Wange unzufrieden aufgelehnt, erwog ich gerade, wie ich Neds sichtlich abnehmende Aufmerksamkeit gen Ende seiner Notizen wirkungsvoll mit der cleveren Eigeninitiative einer Erörterung auszugleichen vermochte, sodass Mrs. Carlyle mich möglichst mit nichts Schlechterem als einem B zu segnen entschied, als es zweimal an den Türrahmen klopfte. Ich fasste den Kugelschreiber wieder richtig, den ich zuvor leise genervt repetitiv gegen die Tischkante geschlagen hatte, und sah auf.
„Wie sieht mein Status aus?“, fragte Tony. „Bin ich noch immer Persona non grata oder sind wir bereit für Friedensgespräche?“
Ich starrte ihn an. Drei lange Sekunden sagte ich gar nichts, dann warf ich freudlos meinen Kugelschreiber ab und betrachtete wieder meinen Block. „Wenn du wissen willst, ob du hereinkommen darfst, frag einfach.“
Tony regte sich nicht. „Darf ich?“
„Nein.“
Aus dem Augenwinkel fing ich wiederholt seinen sondierenden Blick auf. Er hob seinen Mundwinkel zu einem müden Lächeln. „Du bereust es nicht. Ehrenwort.“
Ich schnaufte. Mein Ärger ruhte fest und immer noch vage verletzend in meiner Brust, aber sein zärtliches Stirnrunzeln war zu bemüht und zu ausdauernd, um ihn erneut wortlos von dannen zu schicken. Insbesondere, da er meine diesmalige Abfuhr respektierte, statt einfach herein zu stolzieren, wie er es sonst so gerne tat.
Also nickte ich knapp.
Sein Blick zog kurz weiter mein Zimmer hinab, als er sich meinem Schreibtisch näherte, und fasste seine knuffige Plüschversion ins Auge, die nach wie vor meine Sympathien genoss, ehe er New York Citys rostgoldenen Abendglanz einfach links liegen ließ, mich wieder ansah und merklich vorbereitet einatmete.
Als sei ihm sein Text trotz allem entfallen oder der Situation nicht länger gewachsen, hielt er inne, ließ seinen Blick wieder beiseite fallen und knetete die Lippen kurzzeitig in kalkulierender Unschlüssigkeit. Dann – völlig unvermutet – sank er schon dicht neben mir in die Hocke und legte ein längliches, silbernes, samtüberzogenes Etui vor mir auf dem Tisch ab.
Ich spürte, wie sich die Luft in meiner Lunge zu stauen begann. Mein angezogenes Bein fiel zu Boden. „Wenn das wieder diese verfluchte Brille ist-“
„Entwarnung“, versicherte er. „Mach auf.“
Grimmig beäugte ich ihn, doch mein Ärger wusste nicht, wie er ihn in so geduldiger Stille überfallen sollte, also zog ich das Etui schroff ein Stück näher, entließ ruckartig die Luft und klappte es auf.
Darin lag ein Armband.
Kein schlichtes, filigranes Tech-Armband mit wenigen kleineren Raffinessen, wie es bereits an meinem Handgelenk ruhte, sondern ein hübsches, rosegoldenes Charm-Armband voller kleiner Edelsteine, Kugeln, Perlen und winziger Anhänger, die ihrerseits kleine perfekte Kunstwerke schienen. Ich entdeckte ein Surfboard, eine detailreich gearbeitete Sonne, einen perfekten kleinen Bogen, einen Arc-Reaktor in strahlendem Aquamarin und dann auch ein kleines raffiniertes Blumenbukett, von so vielen verschiedenfarbigen Mikrosteinchen verziert, dass es mir fast ein wenig die Sprache raubte …
„Was ist das?“, hörte ich mich fragen, ohne mein Starren von dem seidendrapierten Armband zu lösen.
„Du wolltest neulich etwas Schönes. Das hier ist etwas Schönes. Eine Sonderanfertigung. Ein wenig passender denn Dads alte Juwelen.“ Er atmete aus, während ich den Mund schloss, das Armband unverwandt fixierte und meine Luft weiter und weiter aus meinem Brustkorb entweichen spürte. So ruhig, dass es in der allumfassenden Stille fast verhalten klang, setzte Tony schon an: „Ich bin sauer geworden. Hätte ich nicht werden sollen. War nicht deine Schuld. Tut mir leid, Pokerface.“ Sein Blick flog ernst zu mir empor.
Einen langen Moment sagte ich gar nichts.
„Du kannst mir nicht ständig etwas schenken“, grummelte ich schließlich, innerlich noch immer ein wenig verstimmt.
„Sagt wer?“ Unbeeindruckt ließ er seinen Blick auf die halb gefüllte Seite meines Collegeblocks fallen und wechselte unverfänglich das Thema: „Was ist das?“
Ich stockte, bemerkte schlagartig Neds immer noch angezeigten Unterrichtsnotizen auf dem Tablet, die Tony bislang nicht weiter registriert hatte, und schaltete sie bemüht beiläufig ab, ehe er sie noch zu Gesicht bekam und als die Abschreibhilfe identifizierte, die sie war.
„Ein Aufsatz.“
Noch in der Sekunde, in der ich es sagte, spürte ich, wie sich die unterkühlte Halbwahrheit dieser Worte in meinem Magen verdrehte, nur bestärkt von seiner ruhigen, ahnungslosen Miene, mit der er meinen letzten, noch unvollendeten Absatz mehr desinteressiert überflog.
Ich beobachtete ihn. Als er auch nach einer weiteren Sekunde immer noch nicht den geringsten Argwohn zeigte, hob ich die Schultern. „Eine Strafarbeit?“, korrigierte ich und ließ es fast wie eine ungewisse Annahme klingen.
Tonys Miene blieb entspannt. Seine Augen folgten meinem Text. „Wie kommt’s?“
Wieder zuckte ich nach wie vor abweisend kurz die Achseln. „Peter“, antwortete ich karg. „Er wollte mir noch ein Video zeigen. Spider-Man. Hatte ich dir erzählt …“
„Diesen Teil hattest du ausgelassen.“ Mit nun ironisch breit applaudierendem Lächeln sah er mich wieder an. Als ich nichts sagte, erhob Tony sich zurück auf seine Beine und zerzauste kurz und leise rügend meinen Pony. „Nichts angestellt, was?“
Ärger kehrte in meinen Blutkreislauf zurück.
„Habe ich nicht! Mrs. Carlyle hat uns-“
„War Spaß --- nur Spaß“, unterbrach er mich schon. „Alles gut.“ Er schnippte sanft gegen mein Ohrläppchen. „Mach das hier fertig, Bambina. Ich organisiere uns Abendessen.“
-/_\-
Das Wetter am Morgen des Spiels war fantastisch.
Anders meine Stimmung. Diese hielt sich in Grenzen, seit Tony kurzerhand verkündet hatte, dass er und nicht Happy es sein würde, der mich heute zum MetLife Stadion brachte, weil er ohnehin etwas zu erledigen hatte und seinem wichtigsten Mann doch zumindest am Sonntag ein paar freie Stunden vergönnt sein sollten.
Obwohl ich seit dem vorigen Abend zumindest wieder mit ihm sprach, hielt ich mich nach wie vor weitestgehend reserviert in jeder unserer Interaktionen und ging ihm die meiste Zeit aus dem Weg.
Sicher, er hatte sich für seine Überreaktion entschuldigt und das Thema S.E.N.F. bislang auch kein weiteres Mal mehr aufgebracht oder auch nur hoffnungsvoll gestreift, aber ich traute seiner vermeintlich stillschweigenden Kapitulation keine Sekunde und, davon abgesehen, war ich immer noch ein wenig verletzt.
Nicht wegen seines kurzen, leidenschaftlichen Ausbruchs angesichts meiner Weigerung, seine anscheinend eigens für mich entwickelte Technologie nicht einmal mit einem Schnupperkurs zu beehren, nein, sondern weil er immer noch nicht wirklich zurückgenommen hatte, was er eigentlich recht klar formuliert hatte, als ich ihn für seine jüngste erzieherische Willkür abgestraft hatte. Die Aussage, dass ich nicht mitzog , klingelte mir noch immer in den Ohren und die nun weiter und weiter erwachsende Erkenntnis, dass all meine hart erkämpfte, zurückerlangte Selbständigkeit unentwegt auf der Kippe stand, weil er mich anscheinend nach wie vor für so unkooperativ erachtete, dass jede winzig kleine Auseinandersetzung oder Uneinigkeit schon darin resultieren mochte, dass ich wieder bis auf Weiteres im Penthouse festsaß, fühlte sich so unverdient an, dass es meine Frustration zementierte.
Wenn Tony klar war, was es war, das mich weiterhin so wortkarg in seinem Beisein machte, verlor er dazu kein Wort. Stattdessen spielte er nun meinen persönlichen Chauffeur und ließ in mir umgehend die Befürchtung aufbranden, dass er mich diesmal auf engstem Raum mit seinem albtraumhaften Therapie-Instrument zu überfallen gedachte, weil ich aus diesem Gespräch keinen Fluchtweg besitzen würde, ehe er selbst den Wagen wieder parkte.
Vielleicht fiel mein Blick deshalb bereits so finster aus, als wir zum Parkdeck aufbrachen, dass Tony noch im Lift konsterniert die Brauen hob. „Bis gerade eben war ich noch der Überzeugung, dass du zu diesem Spiel wolltest .“
„Will ich auch.“
Mein Blick blieb unverändert abweisend, als ich schon enerviert mit meiner Hand über meine angeflochtenen Haare fuhr, die an meinem Hinterkopf in zwei sportlichen, fließenden Zöpfen ausliefen, die Pepper als wahre Streetstyle-Eleganz bezeichnet hatte und mir eine komplette frustrierende Stunde vor dem Spiegel abverlangt hatten. Um mir eine Beschäftigung zu geben, die mich nicht zwang, auf seinen weiterhin musternden Blick zu reagieren, richtete ich auch meine ausgewaschene Jeansjacke und sah ein letztes Mal an meinem Crop-Top und meiner cremeweißen Jogginghose hinab.
Tony kommentierte es nicht.
Unten angekommen nahmen wir einen seiner weniger auffälligen Sportwagen; einen blitzblanken, chromfarbenen Audi, der zwar immer noch um Aufmerksamkeit buhlte, aber zumindest nicht wie luxuriöse, leuchtreklameähnliche Eigenwerbung daherkam, obwohl das Kennzeichen STARK71 keinerlei Rätsel daraus machte, wer sich in seinem Inneren befand.
Wir ließen gerade den beginnend herbstlich anmutenden Bryant Park und die allzeit dichte 7th Avenue in direkter Nähe zum Times Square hinter uns, als Tony im stockenden Verkehr wiederholt entschleunigte und zu mir herübersah.
„Okay, bist du immer noch sauer oder ist das hier reine Überspannung?“
Konzentriert hielt ich meinen Blick auf die überfüllten Fußgängerwege von Manhattan gerichtet.
„Du trägst das Armband“, setzte er weiter an. „Habe ich gesehen. Vollkommen abgeschrieben bin ich demnach nicht – richtig?“
Ein widerwilliges Schnaufen entstieg mir. Er fuhr wieder an, beschleunigte ein wenig und wurde von der nächsten Kolonne an Wagen ausgebremst. Mein Blick sprang zu ihm, schnell und misstrauisch aufmerksam, und mit verteufeltem siebtem Sinn wandte er schon wieder den Kopf und erwischte mich.
„Keine Sorge, ich fange nicht wieder davon an.“
Mein Mund trocknete aus. „Gut.“
„Ist es das? Kommt daher dieser ganze Teen Angst-Vibe?“ Umgehend hob er beschwichtigend eine Hand vom Lenkrad. „Ich verspreche es, okay? Bis Freitag hörst du kein weiteres Wort mehr darüber. Freitag kann ich dir nicht ersparen, aber da hört das gesamte MIT mit – wird also eher eine Gruppenerfahrung, kein persönliches Verkaufsgespräch.“
Ich schnaubte erneut, diesmal etwas beherzter denn zuvor.
„Ja, das lief mies. Vergessen wir es.“ Seine Hand sank zurück. „Frieden?“
Ich zuckte die Achseln.
„Gut. Raus mit der Sprache. Womit muss ich dich bestechen? Ich kann es mir leisten.“ Als ereile ihn schon ein gewiefter Geistesblitz, sprang seine Stirn in überraschte Falten. „Willst du diesen Frozen Yogurt?“
„Was? Nein, wir müssen zum Stadion.“
„Nicht den Becher, den Laden --- das Franchise.“
„ Was? “
„Die ganze Kette. Ist eingetütet. Ich kaufe sie.“
„Was – nein! Sie heißt nicht einmal --- … Scheiße , du meinst das ernst!“ Entsetzt fuhr ich in meinem Sitz auf und starrte ihn an. „Nein, okay?“
„Du willst sie nicht? Weil … Siehst du, ich habe die Posts diese Woche gesehen-“
„Warum zum Teufel sollte ich ein Food-Franchise wollen?!“
„Dieses Frozen Yogurt-Zeug ist im Trend-“
„Okay, so sauer bin ich echt nicht“, stellte ich genervt klar, ehe er noch tiefer in seine ureigene Milliardärs-Logik einsteigen und sich selbst überzeugen konnte. „Du musst kein Unternehmen aufkaufen. Das Armband reicht. Es ist super. Entschuldigung angenommen. Zufrieden?“
„Sicher?“ Er ließ nicht locker. „Ist wirklich keine große Sache.“
„ Ja! Ich meine, das ist sie, es ist eine große Sache-“
„Ich sage FRIDAY Bescheid und sie platziert heute noch ein Angebot. Nicht zu großzügig, wir verhandeln, aber bis zum Ende der Woche bringe ich das über die Bühne.“
„Im Ernst, was an meinem Nein ist so verdammt kompliziert, Dad?!“
Er grinste verdorben.
Mein Entsetzen verlief sich in Erleichterung, als ich verstand, dass er längst wieder spaßte, auch wenn ich mir ziemlich sicher war, dass er es zu Beginn nicht getan hatte.
Ich sackte zurück in den Beifahrersitz, entließ die Luft und verdrehte die Augen.
Zwanzig Minuten später ließen wir den Lincoln Tunnel hinter uns und fanden uns auf der anderen Seite des Hudsons in New Jersey wieder. Erneut begannen sich die Straßen zu stauen, doch diesmal hing es eindeutig damit zusammen, dass wir keineswegs die Einzigen waren, die es für das große Spiel der Jets gegen die Patriots zum MetLife Stadion zog.
Vor dem Stadion war die Hölle los.
Pressehubschrauber, Übertragungswagen und gewaltige, trikotgewandete Menschenmassen machten das Durchkommen zum Geduldsspiel. Die Zufahrtswege zu den Parkplätzen rund um das Stadion schienen überflutet und staute die angrenzenden Straßen auf, doch fast noch langsamer kamen wir voran, als wir auf das Gelände des Stadions in Richtung VIP-Zugänge auffuhren.
Zwar gab es ein Leitsystem, das dafür sorgte, dass besagte Spezialgäste auch wirklich das Stadion erreichten, aber die zunehmend strengere Abfolge an Autorisierungspunkten und der bisweilen sich kreuzende Presseverkehr ließen all dies wie reinen Wahnsinn erscheinen.
Wir ließen das riesige Haupteingangstor links liegen, auf dem ganze Horden von Menschen zuströmten und von Security-Personal eingewiesen wurden, rollten weiter auf dem Vorplatz aus, während Nahebeistehende begeistert in unsere Richtung riefen und winkten, und hielten schließlich nebst dem Zugangsbereich für VIP-Gäste.
Der Großteil der Massen war weit entfernt, doch auch hier tummelte sich die zugelassene Presse, sowie eine kleine Menge Publikum hinter aufgezogenen Plexiglas-Barrieren. Vor den Türen entdeckte ich bereits zwei Männer der Bishop Security, die keinerlei Warnwesten trugen und wirklich nichts mit dem gewöhnlichen Stadionpersonal gemein hatten.
„Okay, danke ...“ Ich schnallte mich ab. „Bis heute Abend dann.“
„Nicht so schnell, Pokerface, ich begleite dich rein.“
Ich stockte. „Das musst du nicht“, versicherte ich auf der Stelle. „Ist wirklich nicht nötig. Sie haben alles organisiert, sie bringen mich rein und bis zur richtigen Loge-“
„Nein, ja, ich weiß. Ich mache es trotzdem.“ Er stieg aus, während ich noch überrumpelt nach einer Begründung fischte, die ihn davon abhielt, Elijah und seinem Dad leibhaftig gegenüber zu treten.
„ Tony !“, vernahm ich die Menge draußen augenblicklich aufbegehren. „ Tony, hier ! --- Tony Stark! Sports Illustrated . Ein Foto! --- Tony! “
Rasch schob ich mich ebenfalls aus der Tür, ignorierte all die Rufe und Kameras, die mich augenblicklich ebenfalls ins Visier nahmen, bis Tony mich schon erreichte, entspannt einen Arm um mich legte und mich zielstrebig zum Eingang bugsierte.
Obwohl er in der schlichten, dunklen Sportlederjacke und seinem heute recht unaufgeregten Aufzug nur halb so viel Star-Power verströmte wie sonst oftmals, spürte ich mich neben ihm geradewegs verschwinden, so blendend blieb die Aufmerksamkeit, die ihm energisch entgegenschlug.
Noch im Eingangsbereich nahm man uns längst erwartungsbereit in Empfang, führte uns durch eine Backstage-Tür und lotste uns ein paar längere Korridore herab, ehe wir einen Aufzug erreichten, der uns direkt in den Commissioners Club führte – dem Bereich des MetLife Stadions, in dem sich die meisten VIP-Suiten befanden.
Auf den ersten Blick überkam mich hier stets dieselbe Eingebung wie schon im Eingangsbereich der Bosworth High. Auch der Commissioners Club ließ fast vergessen, dass wir uns in einem Football Stadion befanden, stattdessen erinnerte auch er an einen gediegen luxuriösen Zigarrenclub. Dunkle Hartholzböden, vertäfelte Wände, Teppiche und Nischen mit ledergepolsterten Sesseln und Sofas und opulenten Couchtischen, ein ausladender Barbereich voll funkelnder Kristallgläser, Fässer und exzellenter Whiskey-Marken, gleich mehrere Banketttische mit verschiedensten Canapés… Und überall die hochauflösenden Monitore, die das Spielfeld übertrugen, das ohnehin nur wenige Sichtmeter von hier entfernt lag.
Die kleinen Privatsuiten, von denen aus Zugang zu den persönlichen Zuschauerbalkonen mit fantastischem Blick aufs Feld bestanden, verhinderten weitestgehend einen direkten Blick ins Stadion aus dem Commissioners Club heraus. Doch wer hier zusammenkam, sah das Spiel vermutlich ohnehin nur als exklusive beiläufige Untermalung.
Ein wenig kannte ich mich hier bereits aus, da ich Elijah schon etwas früher im Sommer zu einem Spiel seines Vaters begleitet hatte. Damals war sehr viel weniger im Stadion losgewesen, denn es war nicht der Star-Kader des New England Patriots-Team angetreten. Und da wir überdies nicht sehr viele gewesen waren, hatten wir uns auch erst nach dem Spiel hier oben eingefunden und zuvor alles aus dem Bereich der Team-Loge direkt unten am Spielfeld verfolgt.
Ein stimmungsvoller Hip-Hop-Beat von draußen, der sich in den klaren, wenn auch noch herabgeregelten Lautsprechern hier im Inneren fortsetzte, sowie das gutgelaunte Raunen, Scharren und Pfeifen der sich nahebei füllenden Stadionränge untermalte die Szenerie.
Dank Tony in meinem Schlepptau durchaus ein wenig nervös, ließ ich meinen Blick über all die unterschiedlichen Club-Bereiche schweifen und hielt dann auch schon auf Elijah und seinen Vater zu, kaum dass ich die beiden geschäftig in einer der Kaminecken miteinander sprechen entdeckte.
Als Jack Magniconte mich herannahen sah, straffte stolze Bestätigung seine Miene.
„Da ist sie, Jazz.“ Er klopfte ihm kurz auf die Schulter, was Elijah den Kopf zu mir herumwenden ließ. „Sola, ich hatte schon befürchtet, dass wir beide uns vor dem Spiel gar nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ich muss jetzt gleich runter in die Vorbereitung für den Kickoff.“ Jack fasste willkommen heißend nach meinem Oberarm, dann reichte er Tony schon die Hand, als sei dessen Erscheinen kein spontaner Überfall und als habe er ihn erwartet. „Endlich einmal ganz in Natura. Schön, dass Sie vorbeischauen, Anthony.“
„Tony reicht vollkommen.“ Ihr Händedruck blieb kurz und entspannt. „Abgesehen von Onkel Sam nennt mich niemand Anthony. Nicht einmal Jameson.“
Jack grinste. „Ja, das kann ich mir vorstellen.“
Tonys Blick glitt schon zu Elijah weiter. „Und das ist demnach …“
Er machte eine gespielt unschlüssige Pause, die der Star-Footballer zufrieden aufgriff. „Richtig“, antwortete er und legte einen Arm um Elijah. „Das hier ist mein wandelnder Hormoncocktail. Der Einzige, soweit ich informiert bin.“
Elijah verzog keine Miene angesichts der mehrdeutigen Anspielung seines Vaters, während Tony ein schnelles, nichtssagendes Lächeln aufsetzte, ehe er auch ihm die Hand reichte und ihn aufmerksam in den Blick fasste. Wachsam beobachtete ich wie Elijah seinen Händedruck so souverän beantwortete, dass ich nicht einmal eine winzige Nuance der stillen Kritik daraus lesen konnte, wie er sie jüngst erst vor mir eingestanden hatte.
„Canada Goose, richtig?“, fragte Tony.
Blut schoss mir in die Ohren.
Die Winterjacke, die Elijah mir überlassen hatte, nachdem er mich beim Slide im Frühjahr ganz alleine aus dem vereisten See gezogen hatte, war Tony anscheinend keineswegs entfallen.
Elijah blieb bemerkenswert unberührt. Er nickte. „Richtig.“
Tony erwiderte die Geste. Zwei Sekunden behielt er ihn bloß weiter im Blick, während mir bewusstwurde, dass Jack Magniconte sehr wahrscheinlich bis heute nichts vom Upper East Slide oder diesem Vorfall wusste. Dann hob er auch schon locker die Schultern und trat wieder einen Schritt zurück. „Für dich ganz einfach Mr. Stark.“
Jack lachte.
„ Oh , richtig …“, bemerkte er jäh, wandte sich ab und trat zum Kamin. „Ich habe im Team gesammelt …“ Vom Beistelltisch hob er ein grünes Cap der New York Jets, kehrte zu uns zurück und händigte es mir aus.
Überrumpelt nahm ich es entgegen. Umgehend flog mein Blick über all die darauf sorgsam wie prominent platzierten Autogramme, begonnen bei seinem ganz eigenen.
„Es sind nicht alle geworden, aber die Highlights sind alle dabei.“ Er zwinkerte mir zu. „Damit kannst du dich diesmal draußen blicken lassen.“
„Ja, mit angemessener Fankultur hat sie es nicht so“, bestätigte Tony. „Wir arbeiten dran.“ Seine Mundwinkel hoben sich leise zufrieden, als ich ihm einen bitterbösen Blick zuschoss, gleich noch ein wenig röter wurde und schon wieder zu Jack Magniconte zurücksah. „Danke, Sir. Das ist … cool. Danke.“
„Du musst sie aufsetzen, damit sie zur Geltung kommt“, zog er mich seinerseits auf.
Sogar Elijah begann zu grinsen, während ich brav wie geheißen tat, kurz vorwurfsvollen Blickkontakt mit ihm herstellte und das Cap auf meine angeflochtenen Haare platzierte.
„Viel besser.“ Jack nickte. „In Ordnung, Kids. Ich muss jetzt runter, aber Jayda und ein paar andere Bekannte sind drüben.“ Er sah wieder zu Tony. „Die Kinder haben diesmal eine eigene Suite. Keine Sorge, kein Alkohol, bloß Chicken Tacos, Hotdogs, Nachos, irgendwelche Softdrinks ... Die Standard-Bewirtung. Bishop hat hier außerdem alles doppelt und dreifach gesichert.“ Schnell hob er den Arm, bereits angezählt von zwei Männern in Trainingswesten, die vom Aufzug aus ungeduldig zu ihm herübersahen. „Sie sind natürlich eingeladen zu bleiben, Tony. Wird sicher ein Spektakel gegen die Pats. Dürfte ganz nach Ihrem Geschmack sein.“
Mein Vater und Superheld in Zivil gab sich freundlich überrascht, obwohl ich ganz instinktiv spürte, dass er das Angebot nicht eine Sekunde ernsthaft in Betracht zog. Er gestikulierte. „Oh, das ist --- absolut verführerisch, keine Frage, nur bin ich gerade auf dem Weg nach Upstate …“
„Upstate.“ Jacks Stirn runzelte sich, dann klarte sich sein Blick schon wieder auf. „Richtig, Ihr Hauptquartier liegt jetzt dort. Miss Romanoff erwähnte es neulich.“
Meine leise Nervosität machte einen Satz, auch wenn Tony mit keiner Miene und keinem Blinzeln preisgab, ob er von dieser Information überrumpelt worden war. Vielleicht wusste er, dass Nat mich kürzlich bei Elijah abgesetzt hatte, aber da sie mir eigentlich hoch und heilig versprochen hatte, kein Wort darüber zu verlieren, und ich mir angesichts Tonys fehlender stichelnder Kommentare auch recht sicher war, dass sie ihr Versprechen nicht gebrochen hatte, wusste ich, dass sein Gehirn umgehend zu arbeiten begann.
Jack wusste es nicht.
Er fuhr bereits fort: „Schon rüber nach Jersey ist es die Hölle und eigentlich liegt das Stadion wirklich nah bei Manhattan. NYC ist ein Trichter. Echte Zeitfresser, diese ständigen Fahrten raus aus der Stadt, stelle ich mir vor …“
„Nur mit dem Auto.“ Tony hielt nun ungebrochen seinen Blick. „In der Regel fliege ich.“
Irgendetwas schien verändert. Seine Tonlage und Haltung hatten sich trotz allen höflichen Schmunzelns geradezu sondierend gefestigt und etwas in Jacks Miene spiegelte diese Veränderung. Wie zwei gleichgepolte Magnete, die ihren Bewegungsspielraum ausgereizt hatten und nun den filigranen Balanceakt entlang des sie abstoßenden Feldes vollführten, ohne den anderen geradewegs vor sich herzuschieben.
Jack zögerte. „Elijah erwähnte, dass Sola Sie gelegentlich in Ihr Hauptquartier begleitet.“
„Wir haben einen Heli.“
„Selbstverständlich. Ich bin sicher, es ist aufregend.“
„Nicht allzu sehr.“ Tony lächelte und diesmal sah ich jede einzelne rein drapierte Nuance darin. „Nicht, dass es dort nicht ausreichend Beschäftigung für sie gibt – das tut es, reichlich sogar – aber vom tatsächlichen Avengers-Business bekommt sie herzlich wenig mit. Nicht mehr als Sie und der Rest der Welt.“
„Sie trennen Familie und Karriere. Das ist gut, Tony. Fantastisch zu hören.“
Aus dem Augenwinkel bemerkte ich Eve Boynton, die aus eine der Suiten getreten war und nun einige Meter entfernt unschlüssig ausharrte, als sei sie noch nicht entschlossen, ob sie Tony Stark tatsächlich begegnen wollte. Als Elijah sie ebenfalls bemerkte, nickte er sie still herbei. Eve schüttelte den Kopf. Ihre Lippen sacht aufeinandergepresst, verschränkte sie die Arme und verblieb nahe der Suite.
Ein dunkelhäutiges Mädchen gesellte sich zu ihr. Sie begannen zu sprechen.
Aufbruchsbereit sah Tony wieder zu mir. Er beehrte die Magnicontes wiederholt mit einem kurzen, showfertigen Lächeln, bat um einen kurzen Moment und führte mich drei Schritte beiseite, dem langen, flackernden Gaskamin entgegen.
Unruhig pulte ich an einem losen Faden meiner Jeansjacke.
Ich wappnete mich bereits für die leise Frage, was es mit Nat und Jack auf sich hatte und was hier wirklich vor sich ging oder wieso Jack Magniconte derart genau wusste, wie und wo ich meine Wochenenden verbrachte, doch statt irgendetwas davon aufzugreifen, wischte er bloß eine blinkende Meldung auf seiner Nanotech-Uhr beiseite und richtete kurzerhand mein neues Cap, wie um ihm einen etwas cooleren Sitz zu verleihen.
„Happy sammelt dich nachher auf“, informierte er mich entspannt. „Alles wie immer. Heute keine Canada-Goose-Überraschungen, klar?“
„Klar.“
Kurz musterte er mich, dann bekräftigte er seine Worte mit einem schnellen, zufriedenen Nicken. Er trat wieder zu Jack herüber und wies in Richtung Aufzug. „Wollen wir?“
-/_\-
„Heilige Scheiße! Sind das Sneakers der Pats ?!“
Kenzos energiegeladene Stimme schlug so unentrinnbar in ihrem altbekannten Ansturm auf mich ein, wie ich es bereits aus Bosworth-Tagen von ihm kannte.
Kaum durch die Tür unserer Suite war ich bereits von Personen und Armen umgeben, die mich überraschend begeistert willkommen hießen und in Augenschein nahmen.
Die meisten von ihnen hatte ich Monate nicht mehr gesehen, deshalb hatte ich ganz sicher nicht mit so reger Begeisterung gerechnet, insbesondere, nachdem ich ihnen allen auch noch mehr oder weniger wortlos den Rücken gekehrt und zur Midtown High entschwunden war. Aber da waren sie: Kenzo und Wince, Eve und Kora, die etwas ältere Rumi wie auch Dakota, die sich an einem der Stehtische am Büfett bereits an improvisierten Cocktails mit eingeschleusten Tequila-Fläschchen versuchte, dann noch zwei Jungs, die ich bislang nicht kannte und die offensichtlich frische Neuzugänge an der Bosworth waren, und Hana Dime, das dunkelhäutige Mädchen von vorhin mit Fransen-Pony und Kurzhaarschnitt. Ihr hatte mich Elijah soeben im Commissioners Club vorgestellt. Sie war die Tochter eines weiteren Jet-Spielers und gerade erst von ihrem Elite-Internat in Clifton, Kapstadt, nach New York zurückgewechselt.
„Hast du auch einen dieser Anzüge?“, hatte sie mich gefragt, als sei es das Allererste, das zwischen uns geklärt werden musste, ehe wir überhaupt weiter ins Gespräch kamen.
Ich hatte verneint.
Mit betont ausgestrecktem Zeigefinger hatte sie mich angesehen. „Cool.“
Spätestens da hatte ich begriffen, dass sie die Anti-Avengers-Welle ritt und meine Antwort als stille Rebellion gegen meinen Vater und die gesamte Weltgemeinschaft auffasste. Das Erste, das sie wiederum mich hatte wissen lassen, war das wahre Ausmaß der Zerstörung in Johannesburg vor etwas mehr als einem Jahr, als mein Dad und Hulk sich scheinbar kurz vor Sokovia mustergütig durch die halbe Stadt geprügelt hatten. Das hatte sie als „echt gar nicht cool“ bewertet.
Und als einen Fall für Den Haag.
Elijah hatte mich daraufhin informiert, dass Hana ebenfalls surfte. Als wiege es die ganze Angelegenheit irgendwie wieder auf.
Nun, ein gutes Drittel der Anwesenden kannte ich nicht einmal und trotzdem blieb Kenzos verlässlicher Ausbruch so mitreißend, dass ich umgehend zum Zentrum allgemeiner Aufmerksamkeit erkoren wurde. Auch Eve umarmte mich sachlich kurz, als sei es unsere gottgegebene Pflicht uns zumindest des Anstands wegen wie nahe Verwandte zu behandeln, die sich zwar insgeheim nicht auszustehen wussten, aber die Fassade wahrten, solange das Auge der Welt auf sie gerichtet war.
Ja, so langsam wuchs sie mir ans Herz.
Ich ignorierte Eve mit derselben gemeisterten nüchternen Theatralik, kaum dass sie mich wieder freigab, und präsentierte schon stolz meine Sneakers. „Das Siegerteam“, informierte ich Kenzo.
„ Woah !“ tönte es umgehend entgeistert aus allen Richtungen. „ Fuck , Meg, Alter, was ist los mit ihr?“
„Sie kommt aus Boston, vergessen?“, erinnerte Wince, in den Händen gleich zwei Chicken Tacos, die er beide betrachtete, als wurde er sich ihrer jetzt erst bewusst.
„Aus Nashua“, korrigierte Elijah. Halb abgelenkt von Dakotas alkoholischen Unternehmungen am kleinen Büfett, hob er das Kinn und stärkte seine Stimme: „Hey, Dax, nicht alle Gläser, okay?“
„Ja, doch, ja, Mister Daddy, Sir . Keines für Stark, ist abgespeichert.“ Sie hob eine Hand. „Hi, Loser! Deine Bestellung kommt gleich.“
Nur Dakota konnte eine knallharte Beleidigung wie eine Liebeserklärung dastehen lassen.
Rumi stieß mir derweil sacht in die Seite. „Coole Crossbody Bag.”
„Fand ich auch.“ Ich grinste.
Mein Blick sank zu der kleinen Umhängetasche von Jimmy Choo mit perlen- und paillettenbesetztem Schottenkaro und den diamantförmigen Kettenriemen, auf die sie schielte und die ich ebenfalls auf Anhieb so cool gefunden hatte, als ich sie vor ein paar Tagen zufällig auf eine unserer Anrichten abgestellt hatte stehen sehen, dass Pepper mir ihre Tasche kurzerhand einfach überlassen hatte, als sei sie nicht tausende Dollar wert und treibe mir insgeheim mit jedem unbeschadeten Moment deutlicher und deutlicher den Schweiß auf die Stirn.
Rumi wies auf mich. „Ich mag dich, Iron Girl.“
„Danke, aber die Tasche gebe ich nicht her.“
Sie lachte, so unaufdringlich vergnügt, wie es auch Nat vollbrachte, dann trat sie noch einen sachten Schritt dichter neben mich und hakte sich bei mir ein. „Du weißt doch noch gar nicht, wie mein Angebot aussieht“, raunte sie mir neckend zu. „Ich bin richtig spendabel, Stark.“
„Vorsicht, Meg, sie flirten!“ Dakota war mit einem Glas neben uns erschienen, das sie mir schon zielstrebig in die Hand drückte. Es war so nass, dass es mir beinahe aus den Fingern rutschte. Dakota nickte. „Dir zu Ehren nenne ich diese Kreation den Icebreaker .“
Kurzes, belustigtes Johlen erhob sich. Obwohl Elijah eine unbeeindruckte Fassade wahrte, sah ich wie auch seine Mundwinkel sich angesichts der unsäglichen Anspielung still und heimlich hoben.
Wenig überrascht hob ich das Glas. „Weiß ich zu schätzen.“
Dakota zuckte mit ihren dürren Schultern. „Ist bloß Eis mit Soda.“
„Denn das war schon beim Slide dein Favorit!“, stieß Kenzo aus.
Oh , sie hatten das hier so eindeutig geplant … Die kurzweilige Begeisterung, die den Raum angesichts ihres kleinen Streichs überkam, kannte keine Grenzen. Kenzo und Dakota strahlten sich an und gaben sich ein High Five, während Wince einen Chicken Taco in die Luft reckte und jaulte.
„Du hattest vergessen zu erwähnen, dass sie mich fertig machen, wenn ich hier auftauche“, raunte ich betont auffällig in mein Glas und sah dabei zu Elijah.
„Du hast auch vergessen zu erwähnen, dass du zur Midtown verschwindest“, gab er vollkommen unbewegt zurück.
Rumi öffnete den Mund in dramatischer Entgeisterung, aber ihre Augen blitzten vor Vergnügen, während der ganze Raum weitergackerte und trommelte und lediglich die Neulinge zu abgehängt schienen, um noch irgendetwas zu verstehen. Ihre neugierig ausgetauschten Blicke verrieten mir bereits, dass sie es aber bald genug würden, denn ich hatte keinen Zweifel, dass ihnen Wince und Kenzo noch im Laufe dieser Stunden die gesamte Geschichte unseres Slides und meiner kurzen skandalträchtigen Zeit an der Bosworth bis ins letzte Detail darlegen würden.
Draußen im Stadion schien inzwischen ein Pop-Künstler aufzutreten. Die Menschen feierten und sangen lauthals mit, was ich sowohl mit Blick hinaus auf unsere Loge wie auch auf die uns umgebenden Fernsehbildschirme bemerkte. Ihr Jubel brandete bis in unsere Suite und lockte Kora, Eve und Wince bereits hinaus. Hana und die beiden unbekannten Jungs folgten ihnen.
Ich sah zu Elijah. Er grinste.
„Das war kein Fairplay, Magniconte.“
„Dachte, ich versuche es zur Abwechslung mit deiner Spielmoral.“
Ich schnaufte, dann grinsten wir uns schon wieder leise an. Ruhig stellte ich das nasse Wasserglas auf dem nächsten Stehtisch ab. Als ich mich ihm wieder zuwandte, zog er mich in einen kurzen, unaufgeregten Kuss, der mein Cap ein wenig von meinem Kopf knockte.
„Sorry, übrigens, wegen vorhin“, murmelte ich, während Rumi und Dakota zu uns herüberschielten und sich grinsend ein paar Popcorn-Becher für draußen griffen. „Ich hätte dich vorgewarnt, aber ich hatte keine Ahnung, dass er mich fährt oder dass er mit reinkommt.“
Er zuckte die Achseln. „Dad hat’s gefallen.“
„Ja?“ Zweifelnd knautschte ich die Stirn. „Dachte ich auch, aber dann wurde es irgendwie seltsam, oder?“
„Schätze, das passiert, wenn beide Seiten das erste Mal aufeinandertreffen.“
Ich stockte. „Nein --- ich meine, Tony weiß nicht, dass wir beide … --- Er denkt, wir sind befreundet.“
Elijah schloss unbeeindruckt die Augen. „Er weiß es, Sol.“
„Nein. Nein, wirklich. Ich habe es ihm noch nicht gesagt und wenn er es vermuten würde, hätte er mich längst damit drangsaliert. Glaub mir, das kann er richtig gut.“
„Vielleicht hatte er bis gerade eben keinen Plan, Sola, aber spätestens jetzt hat er es begriffen.“
„Aber er hat gar nicht …“ Meine Gedanken überschlugen sich, unvermittelt nervös bis in die Haarwurzel. „Bist du sicher?“
Elijah verdrehte die Augen. „Dad hätte nicht den Inquisitor spielen sollen. Sorry, so ist er. Er denkt, er ist undurchschaubar, Vollprofi. Er hat dich gern, deshalb geht er All-In. Gibt sich Mühe bei deinen Leuten und fühlt ihnen auf den Zahn … Er findet das gut mit uns zwei. Hat er mir gesagt.“ Er hielt inne, während mein Bauchfell ein wenig überfordert zu flimmern begann, dann sah er mich wieder an, plötzlich tatsächlich ein wenig besorgt. „Denkst du, er macht Probleme deswegen?“
„Tony?“ Herzlich überfragt schluckte ich. „Keine Ahnung. Nein. Also, ich glaube nicht, dass er sauer wird oder so ... Bislang war er immer echt cool, was … na ja, was so Teenie-Zeug angeht.“ Schnell knetete ich mein Ohrläppchen. „Aber wir haben ehrlich gesagt auch noch nicht über diese Sachen gesprochen, seit er --- seit wir …“ Ich brach ab. „Seit er mein Dad ist. Seit ich bei ihm wohne, meine ich.“
„Er hat nichts angedeutet? Was er darüber denkt? High School-Dates und all das?“ Elijahs Stirn sank in steile, wenngleich friedfertig gelangweilte Verwerfungen. „Das tun sie doch andauernd … Entweder sie ziehen einen damit auf, reden es niedlich oder sie halten einem irgendwelche zukunftsorientierten Vorträge dazu. Ich meine … Er weiß doch, wie alt du bist. Er muss doch irgendwie schonmal was dazu gesagt haben … Und wenn es nur irgendwelche dummen Späße waren.“
Nein. Nicht, dass ich mich erinnern konnte.
Wie auch? Es hatte genug andere große Stellschrauben gegeben, um die wir uns hatten kümmern müssen.
Ich habe keinen blassen Schimmer , realisierte ich. Ich wusste wirklich nicht, wie Tony reagieren würde, wenn ich ihm beichtete, dass ich Elijah mochte und dass wir ein Paar waren. Ob er mich für zu jung halten oder ganz aus Prinzip dagegen sein würde; ob er sich für mich freuen, mich aufziehen, das Ganze mehr als pubertierende, belanglose Laune erachten oder Elijah geradewegs zum Staatsfeind Nr. 1 erklären würde … Ja, ob er überhaupt mit dieser Offenbarung zurechtkommen würde, nachdem er gerade erst zu verstehen begonnen hatte, was es bedeutete, Vater zu sein; gerade erst begonnen hatte herauszufinden , welche Art Vater er war …
Und vielleicht war das der Grund, weshalb ich es bislang mehr unter den Teppich gekehrt hatte: Dass ich mir sicher war, dass Tony es selbst noch nicht genau wissen würde, was er hierüber dachte.
Nun, vermutlich würde ich es heute Abend herausfinden. Zumindest, wenn Elijah mit seinem Eindruck richtig lag und Tony tatsächlich soeben Lunte gerochen hatte.
Inzwischen waren wir in der Suite alleine, alle anderen sahen sich draußen die kurze Eröffnungsshow auf dem Spielfeld an, flitschten Popcorn und nippten an ihren gepanschten Ginger Ales.
„Ihr sprecht also wieder miteinander?“, fragte Elijah.
Ähnlich wie Daphne hatte ich ihn das ganze Wochenende zu unserem Streit und meinem Schweigeprotest seit Freitagabend auf dem Laufenden gehalten und genau wie Daphne war auch er der Überzeugung gewesen, dass ich keineswegs überreagiert hatte, als ich die Idee um S.E.N.F. so radikal abgelehnt hatte.
„Er hat sich entschuldigt.“ Ich hob mein Handgelenk, an dem das neue Charm-Armband klimperte. „Und er hat mir das hier geschenkt.“
Trocken hob Elijah die Mundwinkel. „Du bist käuflich.“
Ich zuckte die Achseln. „Es ist nicht irgendein Armband. Es ist eine Sonderedition. Ein Einzelstück.“ Meine Finger streiften das kleine, baumelnde Surfboard und das Blumenbukett. „Ist eine Art Insider …“
„Er hat sich also Gedanken gemacht.“
Ich nickte.
„Auch zu der Therapie-Sache? Dieser Hologramm-Geschichte?“
Zustimmend genervt sah ich wieder beiseite. „Nein. Er hat mir aber versprochen, dass er mich damit erstmal in Ruhe lässt.“
„Also war es gar keine richtige Entschuldigung.“
„ Nope , es war Bestechung“, stimmte ich zu. „Bin drauf reingefallen.“
„Ihr habt nicht weiter darüber gesprochen?“
Stumpf atmete ich aus. „Nein.“
Einen Moment schwieg ich, dann sprudelte es schon aus mir heraus: „Er sagte, dass er es nur für mich entwickelt hat. Mit einem Multimillionen-Budget, Elijah. Das ist völlig irre. Er hat dieses ganze System entwickelt, weil er überzeugt davon ist, dass ich es brauche, um über Mum hinwegzukommen. Und als ich ihm gesagt habe, dass es --- dass ich es nicht will oder brauche, fragt er nicht wieso, er fragt nicht, was mein Problem damit ist, er fragt und akzeptiert gar nichts , stattdessen lässt er nicht locker und erklärt mir, dass ich keine Wahl habe und dass ich mitziehen sollte, wenn ich --- ein Leben haben möchte.“ Ich stieß die Luft aus. „Ich meine --- Ja, er hat sich dafür entschuldigt, dass er sauer geworden ist. Aber nicht für den Rest. Nicht für --- … Er denkt, er wäre im Recht, verstehst du? Er denkt, er hätte geduldiger sein müssen oder so etwas. Er stellt die Sache gar nicht infrage, nur die Art , wie er es angegangen ist.“ So unruhig, dass ich am liebsten losschreiten würde, schüttelte ich den Kopf, aber Elijah stand vor mir und so scharrte ich bloß auf der Stelle. „Wenn er wirklich von etwas überzeugt ist, interessiert ihn nicht, was ich oder ein anderer davon hält. Er hört nicht einmal auf Pepper.“
Unzufrieden sah ich hinaus aufs Spielfeld, das sich inzwischen für die Nationalhymne und das Spiel aufzustellen schien. Das Publikum applaudierte immer noch. Ein gewaltiges Orchester marschierte vom Feld und ein kleineres marschierte dafür auf. Die Stimmung schien an ihrem Zenit.
Elijah war still.
Als ich ihn wieder ansah, wusste ich sofort, woran er dachte. Ultron . Sokovia. Die Vorwürfe, die die Medien und Politik Tony Stark entgegenbrachten. Zeke Stane und Dr. Fanning. Senator Sterns und Boyntons strahlendsten Argumente.
Tony Stark, der Mann, der tat, was er wollte, weil er es konnte; der Mann, der seine eigenen Dämonen heraufbeschwor; der Mann mit der Macht, eine ganze Stadt zu vernichten, wenn ihm danach war.
Grelle Reue überwältigte mich.
„Er meint es gut“, wisperte ich.
Elijah nickte. Wortlos beugte er sich vor und küsste mich. Ich hielt mein Cap davon ab, endgültig von meinem Kopf zu rutschen, gerade als sich die Tür zu unserer Suite öffnete und eine dunkelhaarige Frau in cremefarbener Bluse eintrat.
„Kate, sieh her, hier sind sie.“
Überrumpelt trat ich einen Schritt von Elijah zurück, der meine Jeansjacke umgehend losließ, aber seine Hand trotz allem vage an meiner Seite behielt.
„Mum, ernsthaft“, protestierte eine mir vage bekannte Stimme aus ihrem Rücken, „ich sollte für das Turnier trainieren …“
„Es schadet nicht hin und wieder auf andere Gedanken zu kommen. Du hast gerade erst diese Bronzemedaille gewonnen.“
„Es geht jetzt um das Silber- Level . Und es ist keine Medaille, Mum-“
„Ich bin stolz auf dich, Kate. Sehr sogar. Aber du darfst darüber nicht dein Sozialleben vernachlässigen.“ Die Frau sah wieder zu uns, legte geflissentlich die Hände zusammen und trat auf Elijah zu, als handele es sich bei ihm um einen angesehenen Kurator und nicht einen sacht überrumpelten Fünfzehnjährigen, der gerade dabei gewesen war, sich mir recht unanständig zu nähern. „Es tut mir sehr leid, Elijah, wir sind spät dran und wir wollten ganz sicher nicht unhöflich sein. Kate freut sich sehr über die Einladung, habe ich recht? Es war bereits die gesamte Woche ein Thema.“ Sie sah sich schon wieder nach ihrer Tochter um, die mehr missgelaunt aus ihrem Schatten trat und ihre Augen über das üppige Snackangebot springen ließ.
„Kein Problem, Mrs. Bishop.“ Elijah nickte besonnen. „Das Spiel hat noch gar nicht angefangen ...“
Kaum, dass Kate Bishop mich bemerkte, veränderte sich etwas. Ihr Blick gefror und füllte sich mit schlagartig strahlender Intensität.
Als nähme sie die Veränderung wahr, die durch ihre Tochter zog, sah Mrs. Bishop ebenfalls zu mir weiter. „Du bist Tony Starks Mädchen, richtig?“ Sie reichte mir die Hand. „Kate hat mir von dir erzählt und von Eurem netten Gespräch an Elijahs Geburtstag. Und da wir im Grunde Nachbarn sind, frage ich mich ständig, weshalb sie dich noch gar nicht zu uns eingeladen hat.“ Der liebevoll tadelnde Vorwurf, gebettet in vollendeten Charme, sprach sowohl aus ihrer Stimme, wie auch ihrem Blick in Kates Richtung. Alles daran erinnerte mich an Pepper.
„Mum“, raunte Kate. „Ist gut, ich bleibe. Gehst du jetzt bitte?“
Unbewegt von der peinlich berührten Dringlichkeit in ihrer Stimme, lächelte Mrs. Bishop. „Sicher.“ Sie küsste sie auf die Wange. „Viel Spaß, Schatz.“ Ihre Finger korrigierten eine der schwarzen Locken, die aus Kates Zopf entkommen waren. Der Anblick versetzte mir einen vagen Stich und so sah ich beiseite und nahm wieder mein Wasserglas auf.
Kaum, dass sie durch die Tür war, hob Kate mager die Schultern und lächelte. „Ähm, jaah , so ist sie …“
-/_\-
„Wann genau wolltet ihr mir sagen, dass Tony Stark persönlich hier war?“, maulte Kenzo und schloss zu mir auf, gerade als Kate mich zurück ins Innere unserer Suite zum Büfett bugsierte.
„Er war hier ?“, fuhr sie umgehend ebenfalls zu mir herum. „Ich habe ihn verpasst ? Nicht dein Ernst!“ Sie ließ mir gar keine Zeit zu antworten. „Warte, warte kurz --- holt er dich später wieder ab? Kommt er nochmal vorbei?“
Ich enttäuschte beide sich erwartungsvoll aufhellenden Gesichter mit unbewegter Reaktion. „Nein“, brummte ich, „er hat mich bloß hergefahren, um Freitagabend wiedergutzumachen.“
Während Kenzo umgehend wieder ernüchterte, schien es Kate augenblicklich nur noch weitere Neugier einzuflößen. „ Oh ! Ihr habt euch gezofft, oder?“ Als frage sie bloß die letzten besorgniserregenden Tabellenentwicklungen bei mir ab, schob sie sachte ernst und erwachsen die Brauen zusammen. „War es übel? Seid ihr ---“ Ihre Hände beschrieben eine betont nachlässige Kollision. „--- du weißt schon, laut geworden und … habt Dinge gesagt und … seid in eure Anzüge gesprungen und so?“ Sie sah beiseite und vergoss einen Teil ihrer Coke beim Nachfüllen und die schwungvollen Spritzer aus Schaum und knisternder brauner Brühe bekleckerten den halben, marmornen Tresen. Ein wenig tropfte auch auf Kenzos Jeans, was jedoch keiner von beiden registrierte, denn sein Blick galt längst wieder der Wärmeplatte Chicken Wings und einer höllisch scharfen Asia-Soße, die mir schon vor dem Kickoff den halben Mund ausgebrannt hatte und die ich FRIDAY umgehend als inkompatibles Nahrungsmittel in ihren Sola-Stark-Waters-Datenbanken hinterlegen lassen hatte.
Ich blinzelte. „Nicht ganz.“
„Streitet ihr oft?“
Ich zuckte die Achseln.
„Worum geht’s da so?“
„Meistens baut Sola Mist“, antwortete Kenzo, ehe ich es tun konnte. „Sie hat ein ziemliches Faible dafür sich zu ertränken. Süßwasser, Salzwasser … völlig egal. Und sie lässt sich gerne einsacken. Von den bösen Jungs.“
Ich warf ihm einen missfälligen Blick zu, während Kate in ihr Glas griente.
„Was denn, Sol? Ist doch wahr …“ Er jaulte ein wenig und seine Stimme kippte zeitgleich ins Heisere, wie es nur bei jemandem funktionierte, der sich bei einem Football-Spiel befand und bereits ein wenig zu viel intus hatte, dann bot er mir schon friedfertig sein Glas gepanschte Limo. „Nein? Siehst du, da zieht sie die Linie. Kein Alkohol.“ Seufzend griff er sich eine der Mini-Keulen. „Boston-Logik.“
Kate schien wiederum halb verdurstet, denn sie kippte bereits ihr drittes Glas Coke so zügig herunter wie einen beißenden Tequila, was mich allerdings nicht sonderlich wunderte, da sie die gesamte erste Halbzeit durchgesprochen hatte und das in einem Tempo, bei dem ich mich ernsthaft fragte, ob es nicht zwischenzeitlich auch zu einer Sauerstoffunterversorgung ihres Gehirns gekommen war.
Die New York Jets rund um Jack Magniconte waren im Rückstand, aber trotzdem schienen alle nach wie vor bester Laune. Unsere Gruppe war gleich mehrfach auf der VIP-Cam des Stadions gelandet und damit sicher auch in alle Himmelsrichtungen ausgestrahlt worden, aber draußen auf der Loge hatten Elijah und ich Abstand gewahrt und nicht einmal beiläufig Händchen gehalten, deshalb war ich mir ziemlich sicher, dass man sich in den Nachmittags-Klatsch-Rubriken bloß über all unsere berühmten Elternteile und ihrer Verbindungen unterhalten würde. Senator Boynton und Tony Stark ganz sicher ein Top-Thema, weil eine Bekanntschaft zwischen Eve und mir so saftige Skandale verhieß, dicht gefolgt von der Erwähnung der Goldman Sachs -Bank, Bishop Security, der weltbekannten Borgnino-Destillerie auf Long Island bis hin zu Abraham Lincoln.
Dass Dakota in direkter Abstammung zu Letzterem stand, hatte ich selbst eben erst in Erfahrung gebracht. Verrückt, wie wahrhaft klein meine Welt geworden war und wie wenig es mich noch umhaute.
„Übrigens, nächste House-Party wieder bei mir in drei Wochen“, informierte mich Kenzo, während Eve gerade von der Loge hereinkam, ihr Glas austrank und es auf der Kante des Tresens neben meinem Ellbogen abstellte. „Die Anderen wissen es bereits. Open End – meine Leute fliegen runter nach Orlando.“
„Cool.“ Ich nickte. Eine Sekunde erwog ich, es so stehen zu lassen, offen für Interpretation, bis ich es daheim geklärt haben würde, dann kehrte jedoch eine nachhallende Woge meiner brodelnden Frustration von Freitagabend zurück; der Gedanke an Tonys Worte, die schiere Willkür, mit der er das Caretaker Protokoll heraufbeschworen hatte, während ich mich für jede einzelne unserer Spielregeln gewissenhaft wieder und wieder verbog, und ehe ich mich versah, setzten meine Lippen schon nach: „Ja, klar, bin dabei.“
Kenzo gab mir ein fettiges Daumenhoch.
„Okay …“ Ich trat vom Tresen. „Ich muss mal. Weiß jemand-“
Ich sah zu Kate, aber es war Eve, die antwortete: „Bin gerade auf dem Weg. Komm mit.“
Ich nickte. „Oh … cool.“
-/_\-
Im Clubbereich schien es bevölkerter als bei meiner Ankunft, denn gleich mehrere Gruppen Erwachsener in schicken Anzügen tummelten sich in den bequemen Sitzecken und an der Bar. Auf einigen der übertragenden Flachbildschirme lief angesichts der inzwischen begonnenen Halbzeitpause das exklusive Werbe-Sponsoring, bei dem Hammer Industries und Union Allied Construction ihre neueste Home-Security-Produktpalette bewarben, mit Leistungsgarantien auch bei extraterrestrischen Überfällen, während auf anderen die Besprechung einiger Sportmoderatoren zu sehen war, die gerade eine der letzten furchtlosen Feld-Aktionen von Jack Magniconte genauer unter die Lupe nahmen und sich sichtlich frustriert ob des fehlenden Erfolges derer gaben.
Eve nickte voran zu ein paar getäfelten Türen. „Dort drüben.“
„Okay, ja, danke.“ Ich ließ mich bewusst ein wenig zurückfallen, nahm mein autogrammüberzogenes, grünes Cap ab und legte es auf den unbesuchten Teil des Tresens der Bar.
Wie in kurzer Erwägung sah ich mich um. Eve verschwand bereits durch die Türen in WC.
Ich war froh, dass sie nicht auf mich wartete. Ich hätte nicht gewusst, wie wir beide typische amüsierte Toilettengespräche hätten führen sollen, noch hatte ich wirklich Lust darauf, dass sie herausfand, wie oberflächlich sich mein Wissen über Football gestaltete.
Tatsächlich konnte ich mir ihren Gesichtsausdruck bereits ausmalen, mit dem sie mein vermeintlich fehlendes Interesse an Elijahs Berufung stillschweigend kommentierte, als sei es ein abgeschmacktes Verbrechen, mir nicht umgehend Expertenwissen zu jedem möglichen taktischen Foul und der gesamten Liga-Geschichte der Jets anzulesen. Aus irgendeinem Grund zweifelte ich auch nicht daran, dass sie sämtliche Untersektionen der Spielregeln kannte, obwohl sie eigentlich sogar noch weniger an Football interessiert schien als ich in meiner ganz unverfänglichen Freude am Geschehen. Und obwohl ich sie ebenfalls gepanschtes Ginger Ale hatte trinken sehen, erschien sie mir noch absolut und rettungslos nüchtern.
Kein Bruch in ihrer makellosen Fassade war zu sehen. Nicht einmal ein Haarriss.
Sie hatte den Dreh raus – auch darin, Alkohol zu konsumieren und mit ganz und gar reiner Weste davonzukommen.
Als mein Blick auf eine der Service-Kräfte fiel, einem Mann, der als Einzige nahebei stand und bedächtig ein paar Gläser einräumte, bemerkte ich, dass ich von ihm beobachtet wurde. Seine langen, dünnen Haare waren zu einem schmalen Zopf zurückgebunden und in seiner linken Augenbraue fehlte eine kleine Kante, als habe er sie sich irgendwann bei einer früheren Schicht versehentlich aus dem Gesicht flambiert.
Er gab vor sich ganz und gar seiner Aufgabe zu widmen, aber ich sah seinen Blick wiederholt zu mir herüberspringen. Gerade versucht, ihm ein geübtes, kurzes Presse-Lächeln zu schenken, wie ich es Erin sei Dank inzwischen ganz gut meisterte, hoben sich bereits meine Mundwinkel, aber irgendetwas in mir sperrte sich urplötzlich dagegen. Als seine mondsteingrauen Augen geradewegs auf die meinen trafen, verkümmerte mein Lächeln noch in seiner Regung. Eine dichte Anspannung ließ sich wie aus dem Nichts auf meinem Nacken und meinem Gaumen nieder, ohne dass ich ganz verstand, woher sie rührte.
Der Mann senkte das Kinn. Er zögerte, sah mich einen Sekundenbruchteil länger an, dann wandte er mir den Rücken zu und begann andere Gläser herumzuschieben. Meine Augen folgten seinen Händen, als vollführe er einen komplizierten Kontrollmechanismus, aber es erschien sinnloser, je länger ich ihm dabei zusah.
Ein seltsames Gefühl breitete sich in mir aus.
Ich setzte mich in Bewegung. Aus irgendeinem Grund beschleunigten sich meine Schritte zum WC.
Obwohl ich fast hindurch eilte, machte die Tür kaum einen Laut, noch tat es die danach oder die letzte, die direkt in eine der weiten, geräumigen Toilettenkabinen führte, die vollends ummauert und von marmornen Fliesen, heimeligem Licht und einer absurden Lotus-Duftnote erfüllt war.
Ich lehnte an der Tür. Meine Hand hielt das Schloss umgriffen; hielt es in seiner vermeintlich schützenden Blockade fest arretiert, und erst da realisierte ich, dass ich dieselbe asymmetrische Kante in einer Augenbraue schon einmal gesehen hatte … Nicht, dass ich es damals registriert hätte, nicht, dass es mich gekümmert hätte, aber eben nun wusste ich es so sicher, wie ich Tonys liebste AC/DC Tracks benennen konnte.
Dieser Mann dort draußen hatte meine Beine gepackt gehalten, in jenen schreckvollen Minuten, in denen man mich auf offener Straße zum Van zu zerren versucht hatte.
Er war einer von Fake-Raffys Komplizen.
Er gehörte zur Räuberbande, die Zeke Stane einzig für diesen sie völlig überfordernden Job angeheuert hatte, um Tony tief in Dr. Fannings manipulativen Arme zu treiben und ihn für seine eigentlichen, noch so viel diabolischeren Pläne aufzustellen.
Zeke ist tot , raunte es in mir. Er ist in Mumbai auf dem Fabrikgelände gestorben. Nat und Rhodey und die anderen haben es gesehen. Nachdem die Kämpfe gegen sein feindseliges Iron Legion-Täuschmanöver beendet gewesen waren, hatte man seine Leiche aus den Trümmern geborgen.
Es gab keinen Zweifel. Zeke Stane war Geschichte.
Aber das bedeutete nicht, dass das dort draußen nicht trotzdem der Mann aus Jeremy Lax’ Truppe sein konnte, richtig? Und nur weil es Zeke nicht mehr gab, bedeutete dies noch lange nicht, dass auch all seine verbliebenen Sinnesgenossen und Helfershelfer aufgegeben hatten. Sie mochten immer noch in Kontakt miteinander stehen.
Tony und Clint und auch alle anderen hatten mir mehrfach versichert, dass sie Stanes Hauptquartier in Chicago ausgeräuchert und alle dort vorliegenden Spuren zurückverfolgt hatten, aber ich wusste, dass ihnen ein paar der Beteiligten trotzdem durchs Netz gegangen waren. Und auch Lax’ Komplizen an jenem Abend von Elijahs Geburtstag waren nie alle identifiziert worden. Ein paar von ihnen befanden sich immer noch auf freiem Fuß; liefen vielleicht gar tagtäglich durch Manhattan.
Oder bedienten im MetLife Stadion an der Bar des Commissioners Club.
Mein Herz schlug fester.
Du irrst dich.
Du musst dich irren.
Du hast Tony nie etwas von einem Mann mit einer beschädigten Braue erzählt.
Und das hätte ich getan, wenn dem so gewesen wäre, oder nicht? Ein so klares Detail hätte Steve und den Anderen bei ihrer Ermittlung weitergeholfen. FRI hätte es in ihren Analysen des vorhandenen Videomaterials berücksichtigen können.
Wieso also hatte ich ihnen nie etwas davon gesagt?
Mein Puls entschleunigte sich wieder ein wenig.
Weil es nicht wahr ist , wisperte mein Verstand. Ich erinnerte mich weniger, je länger ich darüber nachdachte. Das gerade noch so sichere Fragment der Erinnerung verkam wieder zu einem schattigen Verdacht und dann zu einem reinen Gespinst meiner Fantasie.
Ich entließ die Luft. Stockend langsam ließ ich das Türschloss wieder los.
Ich erleichterte mich kurz, verließ die Kabine, wusch mir heiser schweigend die Hände neben Eve, die gerade vor dem gewaltigen Spiegel ihre kupferroten Krausen unzufrieden hin und her ordnete und mir, kaum, dass ich meine nassen Hände suchend über dem Waschbecken ausschüttelte, wortlos eines der kleinen, grünen Handtücher reichte, die unter der Anrichte gerollt bereitlagen, dann rieb ich mir befangen die Schläfe und trat wieder hinaus.
Ich konnte nicht anders. Mein Blick sprang augenblicklich zur Bar zurück.
Der Mann umrundete gerade den geschwungenen Tresen, trug ein kleines Fass ans andere Ende und nickte einem seiner älteren Kollegen zu, der ihn kurz aufhielt und ihm etwas in schnellen, beauftragenden Worten mitteilte, doch schon wieder spürte ich seinen Blick verhalten zu mir herüber huschen.
Wie ferngesteuert bewegte ich mich weiter, scheinbar auf dem Weg zurück in unsere Suite, doch meine Bauchhöhle flutete sich erneut mit so seltsam strahlender Hitze, dass es mich für eine Sekunde fast schwindelig machte.
Und dann registrierte ich die sachte Ausbeulung unterhalb seiner bordeauxroten Schürze, dicht an seiner linken Hüfte. Es war die Höhe eines Waffenholsters.
Unsere Blicke begegneten sich. Ich starrte ihn an.
Unvermittelt stellte er die drei gerade eingesammelten, dreckigen Whiskey-Gläser zurück auf den Tresen, rieb sich die beschädigte Augenbraue, setzte sich in Bewegung und verschwand zielsicher durch die nächste Tür.
Ein Service-Korridor.
Adrenalin überwältigte mich. Sogar mein Blick trübte sich vor lähmender Aufregung ein. Ich stierte an die Tür, alles in mir gewappnet dafür, dass er zurückkehrte und seine Identität in jäh dramatischer Eskalation offenbarte, seine gewaltsame Forderung stellte, doch nichts tat sich.
Jemand trat neben mich. Ich zuckte.
„Was ist los?“, fragte Eve. Ihr Blick folgte dem meinen zur unscheinbaren Personaltür, dann kehrte er schon wieder zu mir zurück.
„Dieser Mann, der eben hier war. Die Service-Kraft ...“
„Ja?“
„Ich glaube …“ Für einen Atemzug erstarb meine Stimme. „Ich glaube, er ist einer der Männer, die mich an Elijahs Geburtstag entführen wollten.“ Wie in instinktiver Versicherung wanderten meine Finger schon zu meinem Tech-Armband und strichen über seine ebene Struktur. Ich fuhr zu ihr herum. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe --- dieses Gefühl. Eve, ich glaube, er gehörte zu ihnen. Vielleicht irre ich mich, aber --- er war seltsam, er hat mich eben beobachtet und --- ich glaube, er hatte eine Waffe bei sich. Als ich es bemerkt habe, ist er ganz plötzlich raus …“
Der vage Überdruss verließ ganz und gar ihre Miene. Aufmerksame Konzentration und Beunruhigung traten an seine Stelle, als sie schon still fragte: „Wurden sie damals nicht alle gefasst?“
Angespannt schüttelte ich den Kopf.
Ihr Blick streifte durch den Raum und blieb an Kate hängen, die soeben auf uns zuhielt. „Okay, lass uns --- lass uns jemandem vom Bishop-Team Bescheid geben, in Ordnung?“
Ich nickte.
-/_\-
Kate zögerte keine Sekunde, kaum dass wir sie ins Boot holten.
Nachdem sie den Einsatzchef des Security-Teams, den sie bloß Maxwell nannte, zu uns herüber gelotst hatte und wir uns etwas abseits der plaudernden Gruppen am entfernten zweiten Kamin versammelten, wiederholte Eve in schnellen, knappen Worten, welchen Verdacht ich hegte. Wiederholt fasste ich mehr stockend zusammen, was genau ich beobachtet hatte.
Doch schon bei dieser zweiten Wiederholung fühlte ich mich kindisch und paranoid. Ich scharrte auf der Stelle, hielt unentwegt Ausschau nach der Rückkehr der Service-Kraft und errötete in Reaktion auf Maxwells Erkundigungen zum damaligen Überfall in der Upper East Side, der auch der Bishop-Security aufgrund Tonys weitläufiger Rekonstruktionsversuche des Abends nicht völlig unbekannt war.
Trotzdem versandete meine Unruhe nicht. Sie wuchs weiter – wankelmütig wie benebelnd.
Eigentlich hatte ich gar nichts beobachtet, das wurde mir klarer, je genauer ich meine eigenen Worte durchleuchtete, und doch nickte Maxwell und forderte leise den Barchef an. Während wir auf diesen warteten, beobachteten Kate als auch Eve mich in befangenem, angespanntem Schweigen. Beide hielten die Arme verschränkt, während ich nervös meinen tauben Finger knetete und darauf hoffte, dass sich jede Sekunde alles als dummes Missverständnis entpuppte.
Doch die Service-Kraft tauchte nicht wieder auf.
„Wir gehen dem auf den Grund“, versicherte Maxwell uns, anscheinend empfindsam für unsere anwachsende Unruhe. Ich sah, wo sich seine kugelsichere Weste unter seinem edlen dunklen Hemd abzeichnete, als er eine Nachricht in sein Einsatz-Pad tippte, die vermutlich sein Team in erhöhte Wachsamkeit versetzen sollte.
Kaum, dass der Barchef uns erreichte, informierte Maxwell ihn über die Situation und ließ mich die Beschreibung des Mannes noch einmal wiederholen. Mondsteingraue Augen, lange, dünne Haare, eine beschädigte Augenbraue, rekapitulierte ich. Maxwell fragte nach seinem Namen.
„Sie meinen Oak“, antwortete dieser.
Maxwell tippte wieder in sein Pad. „Kennen Sie auch seinen vollen Namen, Sir?“
„Oak Miner. Vielleicht ist es auch Oakley. Ich bin mir nicht sicher, hier nennt ihn jeder bloß Oak. Er sollte in der Crewliste für heute aufgeführt sein …“ Ein wenig verwirrt angesichts unser aller nervös angespannter Gesichter sah er in die Runde. „Und Sie sind sicher, dass er-“
„Wie lange ist Miner schon dabei?“, unterbrach Maxwell.
Der Mann überlegte. „Nicht allzu lange. Er hat dieses Jahr angefangen. Ich glaube, irgendwann rund um den letzten Superbowl. Ja, im Februar war’s, glaube ich.“ Er schien kurz nachzusinnen, dann stockte er jäh und seichtes Unbehagen erfasste seine Miene. „Oh …“
Maxwell merkte auf. „Ja?“
„Es ist seine letzte Schicht im Commissioners. Erst dachte ich … Aber nein. Er hat zum Ende des Monats gekündigt. Geht nach Cincinnati, sagte er.“
Eine unvermutete Veränderung zog durch Maxwell. Er dankte dem Mann, dann sprach er bereits in den Funk, forderte weitere Männer an unseren Standort an, entsandte Bestandteile seines Teams in ominös bezifferte Areale und beauftragte sie mit Codes, die mir nicht das Geringste sagten, die aber Kate sichtlich aufmerken ließen. Da ich sie bisher stets nur in lockerer bis übersprudelnd begeisterter Laune erlebt hatte, erschien mir ihre nun so aufmerksam grübelnde Miene fast unheimlich.
„Was ist los?“, fragte ich sie. „Was tun sie?“
„Keine Sorge“, unterbrach Maxwell schon. „Wir kümmern uns darum. Wir machen Miner jetzt ausfindig und überprüfen diese Sache.“
Er begleitete uns zurück in Richtung unserer Suite, während sich zwei seiner Männer näherten und an unsere Fersen hefteten. „In der Zwischenzeit verbleiben bitte alle in der Suite. Mein Team bleibt bei euch. Niemand braucht sich Sorgen zu machen, das hier sind reine Vorsichtsmaßnahmen.“ Er sah zu den beiden Männern, hob vielsagend die Brauen und wies erst auf mich, dann auch auf Kate. „Bis wir die gegenwärtige Lage sondiert haben und Entwarnung geben, geht bitte niemand mehr raus. Beide Türen der Suite bleiben geschlossen. Wenn sich noch jemand draußen auf der Loge befindet, holt mein Team ihn rein. Die Lage ist vollständig unter unserer Kontrolle, aber in den nächsten Minuten gehen wir auf Nummer sicher, einverstanden? Vergnügt euch einfach eine Weile drinnen, Kids.“
Wir nickten.
Er gab den beiden anderen Männern noch ein schnelles Handzeichen, dann verschwand er entschlossenen Schrittes wieder den Clubbereich hinab.
Zurück in der Suite versammelten die Bishop-Männer alle im Innenbereich und postierten sich in Nähe der Türen.
„Was ist passiert?“, fragte Elijah, kaum dass wir uns in eine der Sitzecken niederließen.
Eve begann zu berichten und ersparte es mir, die ganze Thematik erneut in all ihren befremdlichen Zügen wiederzugeben. Inzwischen war die flirrende Aufregung in mir zu etwas Zäherem verkommen. Ich wusste nicht, ob ich überreagiert hatte, ob ich meinem Instinkt trauen durfte und ob ich das Bishop-Team nicht womöglich völlig unnötig in Alarmbereitschaft versetzt hatte.
Wieder zerlegte mein Gehirn die Einzelheiten, jedoch ohne Ergebnis.
Ich versuchte mich an den Mann namens Oak Miner zu erinnern, ihn in jener Straße in der Upper East Side zu verorten, seinem Griff um meine Waden, meine Fußgelenke, der Sekunde in Manhattaner Nacht und Straßenbeleuchtung und chaotischem Schusswechsel, in der ich sein Gesicht registriert und irgendwo tief vergraben in meinem Unterbewusstsein eingebrannt haben musste, doch ich konnte es nicht und die Tatsache, dass es mir nicht gelang und ich sogar an den zappelnden, ringenden Moment selbst zu zweifeln begann – aller Details dieser panikgetränkten Augenblicke, ehe Nats erlösende Gestalt erschienen war – machte mich nur noch schweigsamer.
Ich ließ mich tiefer in die Couch sinken, still wie abwesend, und begann wieder mein Tech-Armband hin- und herzuschieben. Die Anderen verteilten sich wieder in der Suite.
Elijahs Arm lag entspannt auf der Rückenlehne um meine Schultern. Ich hatte gar nicht registriert, wann sie darauf zum Ruhen gekommen war. Seine rechte Hand strich bedächtig durch meine Zöpfe. Er unterhielt sich immer noch mit Eve und Kate. Das Trio erwog gerade, wie groß die Chancen standen, dass jemand wirklich mit einer Waffe bis in den VIP-Bereich des Commissioners Club vorgedrungen sein mochte. Einer der beiden Bishop-Männer beantwortete den Funk. Es schien unaufgeregt. Sie alle beobachteten mich, aber ich reagierte kaum, sah bloß zu den Wänden voller Football-Gemälde weiter zur Tür, ins Stadion zum fernen strahlend grünen Spielfeld hinaus und wieder auf meine starr gespannten Handballen herab.
Der Gedanke, dass ich FRI längst über die gegenwärtigen Entwicklungen hätte informieren müssen, holte mich ein. Aus irgendeinem Grund hatte ich es bislang aggressiv verdrängt. Vielleicht, weil selbst jetzt noch völlig unklar schien, ob ich nicht vielleicht doch nur Gespenster sah. Vielleicht aber auch, weil ich wusste, wie Tonys Reaktion sich gestalten würde, sobald das Stichwort Stane oder Lax fiel.
Mein Blick sprang über Kenzo, Dakota und Rumi, die sich alle unvermindert weitervergnügten und gerade das Büfett plünderten. Wenig besorgt schnippten sie ein Nacho in meine Richtung. Pflichtschuldig schnippte ich ihn weiter. Elijah und Eve erhoben sich. Ihrer beider Mienen sah ich an, dass sie sich etwas zu sagen hatten, das ich nicht vernehmen sollte, als sie zur Bar traten und vorgaben, ein paar Gläser für uns zu füllen. Ich zwang mich, nicht böse zu werden – weder auf Eve, die mir in den vergangenen Minuten schließlich alle überfordernden Entscheidungen abgenommen hatte, noch auf Elijah, dessen Miene bloß stille angespannte Sorge ausdrückte. Kate und Hana stierten auf die Bildschirme, auf denen inzwischen wieder das Spielfeld angezeigt war. Noch hatte die zweite Halbzeit nicht begonnen.
„Hier bricht nicht gleich wieder eine Avengers-Katastrophe aus, oder?“, erkundigte sich Hana abschätzig. „Denn da draußen ist es ziemlich voll. So einen Overkill braucht hier echt niemand.“
Meine Brust wurde dichter.
„Diese Geiselnehmer damals …“, begann Kate vorsichtig in meine Richtung. „Das waren keine … Profis, oder?“
Ich biss die Zähne zusammen. „Wenn du mit Profis Superschurken meinst: Nein, das waren sie definitiv nicht.“
„Die wollten einen großzügigen Check mit vielen Nullen“, warf Kenzo unbewegt ein. „Die gibt’s überall. Entspann dich, Hana.“
„Ja. Sag das mal lieber dieser Kostüm-Truppe.“
„Hana, das hilft jetzt echt gar nicht!“, schallte es von Rumi.
Eve und Elijah murmelten.
Meine Hand zog mein StarkPhone hervor. Ich wischte zu meinen Kontaktdaten. Erst zu Tony, dann zu FRI.
Sobald ich ihn informierte, würde Tony die SUN-1 ausschicken oder gar selbst hier erscheinen. Er würde kein Risiko eingehen; nicht, was Stanes potentiellen Komplizen anging. Damit wäre es bereits das dritte Mal in Folge, dass ich die gesammelte Party mit seiner unverhofften Intervention sprengte. Ich hatte den Slide ruiniert und dann hatte ich auch Elijahs Geburtstagsparty verfrüht beendet, ohne dass irgendwer zunächst erfahren hatte, was überhaupt der Grund gewesen war. Um nichts in der Welt wollte ich nun auch diesen Tag verderben, solange nicht einmal klar war, ob es denn überhaupt Grund zu irgendwelcher Sorge gab.
Das Bishop-Team mochte Oak Miner schon in den nächsten Minuten finden. Es mochte sich alles als reiner Irrtum herausstellen. Wenn ich Tony alarmierte, wenn er hier erschien , in Anzug und all seiner Dramatik, und sich am Ende doch nur herausstellte, dass ich überreagiert hatte, würde ich ganz sicher vor gleißender Scham im Boden versinken.
Nicht nur vor meinen Freunden, auch vor Tony selbst.
Der Gedanke zementierte sich.
Angespannt deaktivierte ich das Display meines StarkPhones wieder und sah zu den Flachbildschirmen an den Wänden, auf denen sich die beiden Teams gerade zu sammeln begannen. Das Stadion feierte, ihre Stimmen drangen bis zu uns herein, obwohl Wince und Rumi sich bereits wieder lautstark in den Haaren lagen, was die Rechtmäßigkeit der gegenwärtigen Führung der Patriots betraf.
Dakota warf einen weiteren Nacho nach mir. „Wisch dir gefälligst diese Schadenfreude aus dem Gesicht, Stark.“
Müde grinste ich. Ich richtete mich etwas auf.
Es gab keinen Grund, irgendwelche Pferde scheu zu machen. Wenn Oak Miner wirklich nur Oak Miner war, würde Maxwell oder einer seiner Leute schon in den nächsten Minuten Entwarnung geben. Die Situation würde sich klären.
Noch zehn Minuten , entschied ich. Wenn sich bis dahin nichts tat, würde ich FRI informieren.
Musik:
Bright Lights Bigger City - CeeLo Green