Halbzeitpause
Halbzeitpause
Kapitel 12: Halbzeitpause
Als Tonys Anrufer-ID nur fünf Minuten später auf meinem StarkPhone aufleuchtete, wusste ich bereits, wie böse ich mich verzockt hatte.
Kurz zuvor war auf CBS, dem offiziellen Übertragungssender des Spiels, der sich auch auf einem unserer Fernsehbildschirme abbildete, eine überraschende Verlängerung der Halbzeitpause angezeigt worden und hatte mir schon diese unangenehme Vorahnung beschert.
Obwohl sich beide Football-Teams bereits für den Kickoff zur zweiten Hälfte ihrer Begegnung auf dem Feld versammelt hatten, hatte man die Schiedsrichter kurz zusammenkommen und sich fragend umblicken sehen, als warteten sie noch auf eine Anweisung aus der Regieabteilung. Während die Fans ihre motivierenden Parolen bereits angestimmt hatten, waren den Fernsehkameras auch die ersten verwirrten Mienen beider Head Coaches aufgefallen, ehe schon besagte Spielverzögerung auf sämtlichen Bildschirmen des Stadions wie auch auf CBS eingeblendet worden war und die Menge geballt aufseufzen lassen hatte. Umgehend war das allgemeine Rätselraten der Spielkommentatoren über die potentiellen Gründe losgegangen: Theorien über Probleme in der Technik und einen medizinischen Notfall machten die Runde und schienen für den Moment nicht weiter besorgniserregend.
Nicht so für uns, die nach wie vor in der Suite des Commissioners Club versammelt saßen.
Mein übles Bauchgefühl bezüglich Oak Miner wurde von dem ausgesetzten Spiel nur bestätigt. Die Realität, dass ich vielleicht wirklich in Gefahr schweben mochte, weil jemand es wiederholt darauf angelegt hatte, mich im MetLife Stadion abzupassen, überspülte mich jedoch das erste Mal mit aller Kraft.
Dass sich irgendwo im Stadion tatsächlich etwas in Sachen Miner tat, realisierten wir, da beide Bishop-Männer seit geraumen Augenblicken wiederholt in einen schnellen, wenn auch weitestgehend unverständlichen Funkwechsel mit ihren Teamkameraden traten. Per Blickkontakt und kurzem Austausch verständigten sie sich untereinander und versammelten uns noch etwas zurückgezogener in der Suite, weitab vom Zugang zur Loge wie auch zum Clubbereich. Selbst Kenzo und Wince, die noch recht ungezwungen und unbekümmert auf zwei Stehhockern direkt im Fensterbereich saßen und immer mal wieder neugierig ins Stadion hinausspähten, wurden endgültig aus dem Sichtbereich fort und zu den Sitzbereichen hinter dem kleinen, wenn auch üppigen Büfett dirigiert, in denen die meisten von uns sich ohnehin schon aufhielten.
Eine dröhnende, informative Durchsage erfüllte das Stadion.
Die Menschenmassen schienen unruhig zu werden.
„Anscheinend ist im MetLife Stadion soeben eine Sicherheitsüberprüfung mit mehrfachen Verhaftungen im Gange“, informierte einer der Spielkommentatoren auf CBS langsam, als lausche er zeitgleich besagter Durchsage, die nur über seine Kopfhörer hereinkam. „Das Stadionpersonal versichert, dass die Situation unter Kontrolle sei. Privates Sicherheitspersonal ist im Einsatz. Mehr ist zurzeit nicht bekannt. Das Spiel wird fortgesetzt, sobald die Überprüfung beendet wurde.“ Er sah zu seinem sichtlich überfragten Kollegen. „Ich bin sicher, dass wir nähere Informationen in den kommenden Minuten erhalten … Nun, ein technisches Problem können wir damit ausschließen. Verhaftungen klingen allerdings angesichts der Massen, die sich momentan im Stadion befinden, nach einem ordentlichen Stresstest für das bestehende Sicherheitskonzept dieser hochmodernen Begegnungsstätte. Lassen Sie uns alle gemeinsam nochmal auf die Rekordzahlen blicken, die dieses Heimspiel der Jets schon jetzt erzielt hat-“
Mein Herz sackte fester zusammen.
In der Suite wurde es still.
Ein wenig blasser denn zuvor sah Eve zu Elijah. Ihr stummer Blickwechsel schien so angespannt wie das jähe Schweigen, das uns alle umgab und einzig von der leisen Spielübertragung und den beiden Bishop-Männern und ihren kurzen, nichtssagenden Bestätigungen in den Funk unterbrochen wurde.
Eine Sekunde darauf leuchtete schon mein StarkPhone auf.
Kates grübelnder Blick folgte dem meinen. Da sie mir immer noch gegenübersaß, konnte sie das Display über Kopf lesen, ehe ich es schon befangen vom Tisch klaubte und für eine schier dämliche, wilde Sekunde erwog, Tony einfach weg zudrücken.
Nicht in der Lage, mich für einen Moment irgendwohin anders zu verkrümeln, wo die Anderen mir nicht Wort für Wort an den Lippen hängen würden, erhob ich mich auf die Beine und machte bloß ein paar wenige Schritte an allen vorbei und so weit beiseite, bis einer der Bishop-Männer eine Hand sacht anhob und es damit ganz wortlos als das Ende meines Spielraums markierte.
Mit der linken Schulter sackte ich gegen die weißgetäfelte Wand und hob das StarkPhone an mein Ohr. Meine Innereien zurrten sich zusammen. „Ja?“, fragte ich still.
Diejenigen meiner Freunde, die bislang noch mit beiden Augen am Bildschirm gehangen hatten, wandten den Kopf zu mir herum. Ihre Blicke blieben an mir haften, kaum dass sie erkannten, dass ich telefonierte.
Tony kam ohne die geringste Begrüßung zum Punkt: „Was genau geht da gerade bei euch vor sich?“
Er klang eine ungeduldige Spur angespannt, was mir bereits sagte, dass er sich nicht bloß pro forma erkundigte.
„ Umm …“ Ich stockte. Fast konnte ich den sich anbahnenden Ärger schmecken. „Die Halbzeitpause wurde verlängert“, antwortete ich. „Es gibt Sicherheitsüberprüfungen-“
„Jupp. So viel weiß ich bereits von CBS.“
Ich verstummte. „Na ja“, setzte ich wieder an, als sein Schweigen unverändert erwartungsvoll anhielt, „eigentlich … ähm, wissen wir auch noch nicht viel mehr als das ... Wir sind in unserer Suite und … na ja, warten hier eben.“
„Willst du diese Antwort so einloggen?“
Ich zögerte. Sein freudlos ruhiger Ton machte mir Sorge. Unbehaglich knibbelte ich an meiner Jeansjacke, kehrte mich noch etwas enger der Wand zu, rückte das StarkPhone näher an mein Kinn und kehrte den anderen die Schulter.
„Sola?“
„Hm.“
„Von mir aus. Versuchen wir es mit der Alternativfrage.“ Seine Worte beschleunigten sich in altgewohnter Ungeduld, auch wenn sein Ton unheilvoll dunkel blieb. „Wieso muss FRIDAY erst von einem Fernsehsender aufgeschreckt werden und die Einsatzprotokolle von Bishop infiltrieren, damit ich herausfinde, dass ihr aufgrund verdächtiger Vorkommnisse, die von dir persönlich gemeldet wurden und mit einer früheren versuchten Geiselnahme in der Upper East Side in Verbindung stehen, seit gut zehn Minuten in Sicherheitsgewahrsam gehalten werdet?“
Ich schluckte.
Seine Geduld erschöpfte sich. „Sola?“
„Ja …“, wisperte ich.
Tony klang nicht länger zu Späßen aufgelegt. „Nein, nicht ja ... Was ist bei euch los? Ich will etwas hören, das etwas mehr Inhalt hat, denn ich stehe kurz davor in meinen Anzug zu steigen, bei euch vorbeizusehen und diese Sache selbst zu überprüfen.“
„Nein --- nein, warte“, stammelte ich sofort. „Es ist --- … Bishop hat alles unter Kontrolle. Ich --- Ich kann nachfragen, in Ordnung? Ich frage nach, wie es gerade aussieht-“
„Wer ist dieser Mann, von dem ich hier überall lese?“, unterbrach er mich. „Oak Miner?“
Mein Herzschlag übersprang ein paar Schläge, während ich unentschlossen zu einem der Bishop-Männer herübersah und dann wieder zu meinen Freunden, von denen ein Großteil mich nach wie vor aufmerksam beobachtete, obwohl Elijah sich sichtlich Mühe gab, sich am Büfett beschäftigt zu geben und auch die anderen in sein Tun einzubinden.
„Was?“, fiepte ich.
„In den laufenden Einsatzprotokollen. Hier steht, dass eine Überprüfung seiner Person veranlasst wurde, weil du ihn als einen der entflohenen Beteiligten der versuchten Geiselnahme aus April identifiziert hast.“
„Ich weiß nicht“, antwortete ich stammelnd. „Ich hatte ihn an der Bar gesehen und irgendwie hatte ich kurz das Gefühl, … dass er damals dabei gewesen sein könnte. Wir haben dem Bishop-Team Bescheid gegeben und sie sagten, sie kümmern sich darum das aufzuklären.“ Meine Stimme versagte unter der geballten Aufmerksamkeit, die immer noch von allen Seiten auf mich einwirkte. „Mehr ist wirklich nicht geschehen …“
„Tja, hier steht, du hättest auch angegeben, dass er eine Waffe mit sich trägt“, konterte Tony schon ungerührt. „Das ist mehr, Sola.“
„Ich war mir nicht sicher“, protestierte ich mager, „es sah ein wenig so aus, aber ich habe sie nicht wirklich gesehen oder so …“
Betreten stierte ich in die Ecke, als ich eine erneute Woge gesättigter, stillschweigender Unzufriedenheit durch die Leitung wummern spürte, die mir mehr sagte, denn Tony überhaupt aussprechen musste. „Muss ich damit fortfahren, jede einzelne Antwort von dir qualitätszusichern?“
„Nein“, versicherte ich kleinlaut.
„Prima, denn es gefällt mir nicht. So viel für unser Protokoll.“
Schweigend harrte ich aus.
Als er wieder ansetzte, schien Tonys Stimme fast abwesend, als ginge er zeitgleich ein paar ihm vorliegende Kommunikationsdateien durch: „Miner wurde laut Einsatzprotokoll vor knapp fünf Minuten wegen Diebstahls festgenommen.“
Der heiße Nebel aus Beschämung in meinem Kopf klärte sich ein wenig.
Diebstahl ergab keinen Sinn.
Verwirrt schluckte ich. „Was?“
„Kein Vorstrafenregister … FRIDAY findet keine Auffälligkeiten.“ Tonys Stimme blieb in durchblitzender Konzentration gesenkt. „Kurz vorher gab es noch drei weitere Festnahmen … Eine Verbindung zu Miner wurde vermutet, hat sich allerdings schnell widerlegt.“ Wieder murmelte er schnell und unverständlich vor sich hin, als überfliege er das gesamte Transkript. Ich schnappte kurz das Wort Rauschgift auf, mehr aber auch nicht. „ Nope “, verkündete er schon. „Das waren bloß Dealer. Wurden von dem Bishop-Einsatz aufgeschreckt und sind ihnen direkt vor die Füße gestolpert, wie es aussieht …“ Er seufzte abschätzig.
Drei Sekunden vernahm ich ihn weitergrübeln und die vor ihm liegenden Daten bewerten, dann schien er entschieden zu haben, denn er entließ wiederholt merklich ernüchtert die Luft. „In Ordnung, scheint sich erledigt zu haben“, befand er. „Schau das Spiel zu Ende, Happy holt dich im Anschluss ab. Bleib im Clubbereich. Er kommt zu dir rein.“
„Okay, ja …“, murmelte ich.
Tony schwieg. „Wenn du zurück bist, sprechen wir beide hierüber“, setzte er beunruhigend knapp hinterher, dann legte er auf.
Meine Schultern sanken.
-/_\-
Tonys Einschätzung der Lage bestätigte sich schon wenige Augenblicke darauf, als Bishop-Einsatzchef Maxwell zu uns zurückkehrte, seine Leute aus unserer Suite abzog und für alle Entwarnung gab.
Auf dem Spielfeld sammelten sich die Spieler gerade wieder zum verspäteten Kickoff zur zweiten Hälfte, weshalb sich die meisten meiner ehemaligen Mitschüler nach einem einhelligen Seufzen demonstrativer Erleichterung bereits plaudernd und gegenseitig foppend auf die Loge hinausbegaben und die Auflösung der Miner-Situation gar nicht erst abwarteten. Kate, Eve, Rumi und Elijah blieben jedoch zurück und lauschten, während Maxwell mir die genaue Sachlage schilderte, die zum allgemeinen Aufatmen geführt hatte.
Oak Miner war demnach auf dem Weg hinab zu den Parkplätzen aufgegriffen und die Situation relativ zügig geklärt worden. So hatte sich für sein verdächtiges Verhalten mir gegenüber recht schnell eine Erklärung gefunden, die wesentlich weniger dramatisch daherkam, als mein schreiender Instinkt mir hatte weismachen wollen.
Maxwell drückte mir das grüne, autogrammüberzogene Cap der New York Jets in die Hand, während ich vor wiederholter peinlicher Berührung kaum mehr einen klaren Ton herausbrachte.
„Miner sagte, du hättest es auf dem Bartresen abgelegt, ehe du in die Toilette verschwunden bist“, berichtete er. „Als gerade niemand in der Nähe war, hat er es eingesteckt. Angeblich wollte er es seiner jüngeren Schwester mitbringen. Sie sei ein großer Fan und du hast es für alle sichtbar auf CBS getragen, er wollte ihr einfach eine Freude bereiten, sagte er.“ Maxwell hob zweifelnd die Brauen. „Wahrscheinlicher ist, dass er es online versteigern und sich damit ein letztes üppiges Trinkgeld vor seinem Abgang nach Cincinnati verschaffen wollte. So oder so, er hat sich ertappt gefühlt und ist nervös geworden, als du wieder aus der Toilette kamst und zu ihm herübergesehen hast, deshalb wollte er das Cap in seinen Wagen schaffen, ehe er auffliegt. Er dachte nicht, dass du es überhaupt vermissen würdest.“
Und damit hatte er absolut recht, denn bis zu dieser Sekunde hatte ich keinen einzigen Gedanken mehr an das Cap vergeudet, andernfalls hätte ich sein Verschwinden vermutlich bereits bei meiner Rückkehr von der Toilette bemerkt.
Es war bloß das gestohlene Cap, das er versteckt gehalten hat , begriff ich.
Ich jedoch hatte angenommen, es sei eine Waffe.
Der Einsatzchef behielt seine Miene professionell wertungsfrei, aber ich sah ihm trotz allem an, dass es ihn insgeheim die Augen rollen ließ, jetzt da die Gefahr sich als reine Überreaktion offenbart und Miners Verdacht sich zudem gravierend bewahrheitet hatte, dass ich das preisverdächtig autogrammüberzogene Cap gar nicht gesucht hatte, das an und für sich inzwischen hunderte Dollar wert sein musste. Hätte ich Jack Magnicontes Geschenk im Blick behalten oder vermisst, hätte sich wohl alles von Beginn an aufgeklärt. Niemand hätte einen Einsatz im überbevölkerten Stadion anstoßen müssen und auch der Kickoff zur zweiten Halbzeit wäre aus Sicherheitsgründen nie ausgesetzt worden.
Und dann realisierte ich, was dies wirklich bedeutete.
Spätestens bis morgen früh würde sich bis in alle Medien durchgesprochen haben, was während der Partie der Patriots gegen die Jets vorgefallen war. Sie würden über Sola Stark Waters schreiben, der überempfindlichen Teenagerin, auf deren Wort allein hin ein ganzes Football-Spiel der NFL ausgesetzt wurde. Vielleicht würde man die Kosten der Spielverzögerung aufsummieren, um den Grad meiner Sonderbehandlung in ein paar knackigen Zahlen auszudrücken, wie sie es ohnehin so gerne auch mit Tonys Eigenarten taten. Nur anders als er galt ich nicht als exzentrisches Genie und weitdebattierte Heldenpersona, sondern vielmehr als das Milliardärskind über Nacht, das zuletzt seine Starallüren zu entdecken begonnen hatte.
Ein paar Boulevardmagazine würden sich über den Cap-Vorfall sicherlich amüsiert zeigen und es als nette Rich-Kid-Anekdote in ihren Nachmittagsrubriken verkaufen. Andere, sehr viel kritischere Formate würden vielleicht über eine mögliche depressive Störung spekulieren und damit einmal mehr das Narrativ der bedauernswerten Halbwaisen in einer sie völlig überfordernden Familiensituation aufgreifen, dem Erin und unsere gesamte PR-Abteilung monatelang so erfolgreich entgegengearbeitet hatten, dass es über den Sommer beinahe vollends aus der New Yorker Berichterstattung gewichen war.
Wie auch immer, es aussehen würde, es würde ganz sicher keine schmeichelhafte Presse für mich werden.
„Wir haben auch eine kleinere Dealer-Bande aufgescheucht und der State Police übergeben“, bemerkte Maxwell. „Es hatte also sein Gutes …“
Betroffen nickte ich.
Kate lächelte ihm dankend zu, aber auch sie schien mit mir zu fühlen, als sie mich wieder mit spürbar aufgesetzter Fröhlichkeit ansah, als wisse sie durchaus, in welche Art Klärwerk ich mich geradewegs geritten hatte, obwohl ich ganz objektiv betrachtet … wirklich nicht das Geringste angestellt hatte.
Fast konnte ich Tonys finster verschnupftes Lächeln sehen, das mir diese Aussage einbringen würde, kurz bevor er mich mustergütig eines Besseren belehrte.
Mein Magen schlingerte.
Ich bedankte mich kurz, dann griffen wir uns einen Behälter Nachos und traten zu den anderen auf die Loge hinaus. Das verbliebene Spiel zog fast komplett an mir vorbei. Ich reagierte, wenn sich eine beeindruckende Interception oder ein Touchdown ergaben, aber es schien mehr der soziale Autopilot in mir, der mit den anderen klatschte, jubelte und aufsprang, wann immer es erforderlich schien. Dass die Jets vorrübergehend sogar in Führung gingen, realisierte ich erst, als Kenzo sich ruckartig zu mir umwandte, etwas Jubelndes in meine Richtung warf und mir schadenfroh gegen die Schuhsohlen trat. Als Elijah irgendwann aufstand, um sich mit Wince und den beiden Neuzugängen der Bosworth, deren Namen ich längst wieder vergessen und mit denen ich bislang kaum ein Wort gewechselt hatte, in taktischen Debatten zu verlieren, ließ Dakota sich neben mir auf den frei gewordenen Sitz fallen. Sie legte die Beine auf die vordere Sitzlehne hoch, machte damit binnen Sekunden die stadioneigenen VIP-Cams auf uns aufmerksam und bot mir ihr Fünfsterne-Popcorn in Chilistaub und feinstem Schokoladenüberzug.
„Vergiss es“, sagte sie, als durchschaue auch sie meine Gedanken wie schon Kate zuvor. „Besser so, als wenn du recht gehabt hättest und er wirklich geplant hätte, hier um sich zu schießen, richtig?“
Ich nickte und bediente mich widerwillig an der maisgepufferten Frivolität. Die alkoholische Limo, die sie mir umgehend ebenfalls anbot, lehnte ich matt ab.
Beifällig schob sie die Unterlippe vor. „Ich hätte es geext, nach all dem, aber gut.“
Kate griff sich ebenfalls blind etwas Popcorn, verlangsamte aber umgehend irritiert das Kauen, kaum dass sie begriff, was sie da in den Mund genommen hatte, und warf alles in ihrer Hand Verbliebene angewidert in unseren geleerte Nachobehälter.
„Schmeckt besser hiermit“, versicherte Dakota ihr und hob wiederholt ihr Glas.
„Hm.“ Kate lächelte zweifelnd, würgte den Rest mehr herab, dann fasste sie schon nach meinem Arm, gab vor, sich gerade eben dieser einen lustigen Sache erinnert zu haben, und erkundigte sich betont locker, wie Hawkeye denn eigentlich reagiert hatte. Einen unangenehmen Moment lang, verstand ich überhaupt nicht, wovon sie sprach, und griff mir mehr in Not eine weitere Hand des verteufelten Popcorns, um mir ein wenig Zeit zu verschaffen, dann kam sie mir schon zuvor und erinnerte mich, ihr an Elijahs Geburtstag versprochen zu haben, Clint von ihr zu erzählen wie auch davon, dass er ihr damals während der Invasion das Leben gerettet hatte, was seinen Superheldenstatus wohl verifizierte, ha , und alles wurde noch ein wenig unangenehmer, denn tatsächlich hatte ich dies seitdem nie zur Sprache gebracht und völlig vergessen und mein Zahnfleisch brannte vor all den verschiedenen Gewürzen, die sich in meinem Mund so rein gar nicht harmonisch fügten.
Schnell lächelte ich, nickte und versicherte ihr, dass er es cool aufgenommen hatte, dann schwor ich mir, dieses Versprechen baldmöglichst wirklich einzulösen, und gab schon wieder vor von einer Aktion auf dem Spielfeld abgelenkt zu werden, ehe sie mit ihrem rührend begeisterten Augenfunkeln näher nachhaken und meine Notlüge auf den Prüfstand stellen konnte.
In Wahrheit war das Spiel für mich längst abgehakt.
In Gedanken klinkte ich mich aus und versank gerade im letzten Viertel vollkommen in die eher unersprießlichen Aussichten meiner Heimkehr. Mir war klar, dass ich eine unserer wichtigsten Spielregeln gebrochen hatte, als ich es bewusst hinausgezögert hatte, FRIDAY über unsere Lage zu informieren. Gut möglich, dass ich von daher meine selbstbestimmten Freigänge bis auf Weiteres begraben konnte, schließlich war es eine der Hauptvoraussetzungen gewesen, unter denen sich Tony überhaupt auf meinen freien Bewegungsrahmen eingelassen hatte: FRIDAY, ihn oder Happy über jede beunruhigende Beobachtung oder Entwicklung verantwortungsbewusst zu informieren.
Ich hatte ihn nicht hierhaben wollen, nicht vor Hana Dime und Eve Boynton, nicht vor Elijah , nicht, solange es ungewiss geschienen hatte, ob denn überhaupt irgendeine Gefahr drohte. Nicht, solange ich nicht wusste, ob ich mich wirklich erinnerte oder es mir nicht doch bloß eingebildet hatte.
Nicht, solange es auch ohne Iron Man ging.
Während meine Freunde das Spielende schließlich enttäuscht beklatschten, das die Patriots mit 23 – 21 als knappen Sieger vom Feld entließ, gab ich ein wenig Freude vor und ließ mich von den anderen noch einmal aufziehen. Dann passte ich Elijah ab, richtete befangen meine Umhängetasche und informierte ihn leise, dass Happy vermutlich jeden Moment hier sein würde, um mich abzuholen.
„Kein Problem“, versicherte er. „Die Meisten verschwinden jetzt sowieso.“
Ich nickte und umarmte ihn. Er küsste kurz mein Ohr, dann ließ er mich schon wieder los, nahm meine Hand und rief nach Hana, der ihr Smartphone heruntergefallen war.
Tatsächlich machte sich Aufbruchsstimmung breit. Wir strömten aus der Suite zurück in den behaglichen Commissioners Club, in dem genauso viel Bewegung aufgekommen zu sein schien. Menschen schüttelten sich die Hände, lachten an der Bar oder verabredeten sich für den weiteren Nachmittag außerhalb des Stadions. Andere sammelten sich in den Sitzecken und ließen sich dort gesellig nieder. Der Aufzug schien in regem Betrieb.
Mrs. Bishop und Jayda Magniconte, die sich bereits in Nähe der Ausgänge befanden und zu unterhalten schienen, winkten Elijah herbei. Da er immer noch meine Hand hielt und Happy noch nicht zugegen schien, begleitete ich ihn. Erst als Eve sich uns anschloss, entdeckte ich auch Senator Boynton, der sein graues Sakko und seine Manschetten richtete, einem sich entfernenden Mann zunickte und ebenfalls zu der kleinen Runde stieß.
Mrs. Bishop berührte kurz erfreut ihre Brust, unterbrach ihr Gespräch und schüttelte seine Hand. Sein Arm wanderte offen freundschaftlich zu Jayda, als er sie einen Augenblick höflich besorgt betrachtete, dann nickte sie schon, antwortete so schnell und kurz, dass sie eindeutig auf einen vertrauteren Moment verwies, und richtete ihre Aufmerksamkeit auf uns.
Ich war Boynton noch nie begegnet, aber sein Gesicht war mir aus den Medien vertraut – auch, weil er in der New Yorker Presse nicht selten mit Pepper oder Tony in einem Zuge erwähnt wurde. Dass er Politik gegen die Avengers betrieb und auch ganz generell immer wieder mit Stark Industries oder Iron Man aneckte, war nicht nur mir, sondern vermutlich jedem in diesem Raum bekannt.
Der Senator war ein fast kahler und leicht hagerer Mann, aber während er im Fernsehen stets farblos und blass auf mich gewirkt hatte, schienen seine engstehenden Augen und sein freudloser Blick in Realität eine fast schon streng antreibende Wirkung zu entfalten. Er war bei weitem nicht so charismatisch wie Tony, Jahrmilliarden davon entfernt, aber etwas sagte mir, dass er genauso jedermann vorführend verkopft sein konnte, wenn er sich auf seinem berufseigenen Parkett bewegte.
Eve hielt direkt auf ihn zu. Kaum, dass sein Blick auf sie fiel, wusste ich, woher sie ihr stillwertendes Auftreten hatte.
Jayda und Mrs. Bishop setzten bereits ihr unterbrochenes Gespräch fort.
„Ist sie das?“, erkundigte sich der Senator bei Eve und sah zu mir, als würde ich nicht direkt mit in der Runde stehen und wirklich derart schwer zu identifizieren sein.
Eve nickte.
Boynton reichte mir die Hand. Überrumpelt nahm ich sie entgegen, obwohl sein forschender Blick mich herb musterte, während er knapp meine Hand drückte und von seiner Tochter aus dem Augenwinkel beobachtet wurde, die ihre Arme locker verschränkt hielt und Mrs. Bishop herzlich zulächelte, die gerade ein sichtliches Kompliment an sie richtete.
„Die Ähnlichkeit ist wirklich nicht zu leugnen“, bestätigte Boynton mir. „Ihr Name lautet Sola, nicht?“
„Ja, Sir.“
Er nickte. „Hatte Ihre Mutter hierbei die skandinavische Bedeutung im Sinn oder ist es eine Anspielung auf den italienischen Anteil Ihrer Wurzeln? Väterlicherseits?“
Auf dem falschen Fuß erwischt, stockte ich. „Ich glaube, es bedeutet Sonne, Sir.“
„Die Sonnige“, korrigierte er. „Das wäre dann der skandinavische Wortstamm.“ Er musterte mich unverändert weiter. „Nun, die italienische Bedeutung wäre mir, zugegeben, auch sehr mutig erschienen. Es hätte wohl von sehr viel schwarzem Humor gezeugt.“
Als habe er urplötzlich eine feine Rasierklinge vor aller Augen an meinem untersten Rippenbogen entlanggeführt, verengte sich meine Brust.
Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Ich war mir nicht sicher, was genau Sola im Italienischen bedeutete, wusste aber, dass es im Spanischen mit Einsamkeit zu tun hatte. Vielleicht deckten sich hier die Bedeutungen, denn dass Boynton genau diesen Aspekt als heimliche Spitze an Tonys nicht vorhandene Vaterschaft auffassen mochte, fiel mir nicht schwer zu glauben.
„Sie haben vorhin für einige Aufregung gesorgt, Sola.“
Die Befangenheit, die mich ohnehin bereits erfüllte, umfasste mich vollends. „Es war keine Absicht, Sir.“
„Das steht zur Frage, nicht wahr?“
Ein wenig überfahren von dieser Erwiderung, blinzelte ich, dann fand ich meine Sprache wieder: „Ich dachte, ich hätte etwas gesehen. Jemanden . Aber es war … bloß ein Missverständnis.“
Eves Blick richtete sich auf ihren Vater zurück. „Wir haben die Security verständigt, um sicherzugehen.“
„Und ich bin sehr froh, dass es sich auf diese Weise so schnell aufklären ließ“, versicherte er. „Schließlich ist das Bishop-Team eben dafür engagiert worden. Das hier war ein Paradebeispiel für einen Fehlalarm und die richtige Handhabung im Augenblick des Verdachts. Genau so sollte es ablaufen. Nicht nur hier im Commissioners Club, nein, auch dort draußen. Es geht um Zuständigkeiten. Das löst Missverständnisse und verlagert die Entscheidungsgewalt an die dazu qualifizierten Stellen, ehe durch fahrlässige Handhabung Schaden verübt werden kann.“
Eve sah zu Elijah, der den Blick knapp abwandte. Das unbehagliche allseitige Schweigen wühlte mich auf.
Boyntons Blick kehrte zu mir zurück. „Junge Menschen neigen dazu, nach Aufmerksamkeit zu rufen , wenn sie ihnen verwehrt bleibt. Das ist hin und wieder ein sicher zu disziplinierender Umstand, aber zumeist kein Verbrechen und deshalb sollte es auch nie in einem solchen enden.“
Inzwischen lauschten auch Jayda und Mrs. Bishop.
Eve ließ ein sacht aufforderndes Lächeln auf ihrem Gesicht erscheinen. „Dad, vielleicht-“
„Nein, Liebling“, unterbrach Boynton. „Manches muss ausgesprochen werden, weil man sich sonst wünscht, jemand hätte es früher beim Namen genannt.“
Starr begriff ich, dass Boynton mich für eine Lügnerin hielt. Für eine Jugendliche, die ihre Beobachtung bloß derart dramatisiert hatte, um daheim Aufmerksamkeit zu bekommen. Alles in mir verfiel in überforderte Lähmung angesichts dieser Unterstellung, die mich vor allen urplötzlich bloß wie eine bedauernswerte Aufwieglerin dastehen ließ, ohne dass ich recht wusste, wie ich diese Anschuldigung zurückweisen oder entkräften mochte.
„Man erntet genau das, was man sät, sage ich. Manche Menschen sind weder dazu gemacht, als Elternteil aufzutreten, noch dazu imstande, diese Verantwortung zu tragen.“ Boynton sah zu Mrs. Bishop und Jayda, die nichtssagend höflich die Mundwinkel hoben und den Blick senkten. „Das ist nicht die Schuld der Kinder“, fuhr Boynton fort, „sondern vielmehr unser aller Verantwortung.“
Blut begann sich in meinen Ohren zu stauen.
„So ist es nicht“, hörte ich mich widersprechen.
Er wandte den Kopf. „Bitte?“
Mit heiß erfüllter Brust öffnete ich den Mund, urplötzlich gewillt, ihn seinerseits zu diskreditieren, ihm zu widersprechen, einfach vor allen zu beeidigen, dass Tony nicht nur ein aufmerksamer Vater war, sondern auch ein großartiger, ja, mehr noch , ein großartiger Mensch , verantwortungsgetrieben, nachsichtig, liebevoll, ganz und gar bemüht, seiner Aufgabe verschrieben --- als Elijah meine Hand fest drückte und sich zeitgleich räusperte und Eve beunruhigt die Stirn knautschte und ihren Blick in wildem Ballett zwischen uns allen hin und her springen ließ. Dann trat Happy jäh in ihrem Rücken aus dem Aufzug.
Mein Herz trommelte, so dicht blieb das Adrenalin in meinem Blut, harsch unterbrochen in seinem gerade noch abgewendeten Ausbruch.
Happy schien meinen Aufruhr zu spüren, denn anstatt nur Blickkontakt mit mir herzustellen und mir damit das Zeichen zum Aufbruch zu geben, näherte er sich, musterte mich eine wachsame Sekunde und gesellte sich zu uns. „Guten Nachmittag, die Damen, die Herren, Senator …“
Seine freundlich unverbindliche Miene schien mich augenblicklich abzuschirmen und ließ meine Aufregung auseinanderbrechen und folgenlos zerströmen, wie eine Welle die wenige Meter vor dem Festland noch gerade rechtzeitig gegen eine Sandbank auflief.
Nach wie vor sorglos lächelnd sah er zu mir. „Bereit?“
Ich nickte.
„Dann mal los.“
-/_\-
„Was war da gerade los? Was hat Boynton zu dir gesagt?“
Happy fuhr soeben auf den Highway auf, der uns endgültig vom Gelände des MetLife Stadions forttrug, als er sich anscheinend dazu entschied, diese seltsame Situation, in der er mich aufgegriffen hatte, nicht einfach zu übergehen und sich stattdessen vorsichtig einen Eindruck zu verschaffen. Seine Stimme so unaufgeregt, dass ich die ahnungsvolle Sorge in ihr registrierte, warf er einen kurzen Blick in den Rückspiegel zu mir zurück.
Ich zuckte mit den Schultern.
Reglos stierte ich aus dem Fenster, während wir stillschweigend auf den sich schon von weitem stauenden Lincoln Tunnel zuhielten.
Draußen war es kühler geworden. Die wenigen Schritte aus dem Stadion hinüber zum bereitstehenden Wagen hatte sich eine zarte Gänsehaut auf meinem Bauch gebildet. Ein kräftiger, wiederkehrender Wind hielt auch jetzt die noch dicht belaubten Wipfel der Bäume entlang des Highways wie etwaige Bauplanen an Gerüsten und Häusern in Bewegung. Die Autofahrer um uns herum schienen es allesamt eilig zu haben; bemüht, dem Sonntagnachmittag noch etwas abzugewinnen; heimzukehren oder irgendwo anzukommen, wo sie zumindest ein Augenblick der Ruhe vor der neubeginnenden Woche erwartete.
Alles daran schien trostlos grau, fremd und abweisend.
Bloß ein weiterer zerrütteter Tag in New York.
Und dann schwappten plötzlich Tränen über mein Lid und liefen mir übers Gesicht.
„Hey, hey … Das ist nicht wegen der Jets, oder?“, beschwichtigte Happy schon in tröstlich witzelndem Ton. „Sie haben sich gut geschlagen. War bloß ein wenig Pech …“
Wenig geniert zog ich die Nase hoch und wischte mir die Nässe von den Wangen. „Seit wann schaust du Football?“, raunte ich.
„Muss doch wissen, in welcher Stimmung ich dich antreffe. Wie ich bereits sagte, bin Profi.“
Dumpf gluckste ich. Dann trat schon ein neuer Schwall wabernder Tränen aus mir hervor, tropfte mir auf Hals und Jeansjacke und ließ mich beschämt den Ärmel zusammenknüllen, um ihn endgültig als Trocknungsutensil zu missbrauchen.
Ich vergrub mein Kinn in meinem aufgestützten Ellbogen, während ich wieder aus dem Autofenster blinzelte und mein geballtes, unkontrolliertes Unglück zu beherrschen versuchte.
Happys bemüht amüsierte Fassade verlor sich. Die Augen pflichtbewusst auf die gestaute Straße und den sich vor uns erhebenden, rundbogenartigen Tunneleingang geheftet, senkte er die Stimme: „Mach dir keine Sorgen. Er ist ein wenig unzufrieden, aber mehr auch nicht.“
Ich schluckte. Mit kurzem Schniefen signalisierte ich, dass ich ihn vernommen hatte.
Den restlichen Heimweg verbrachten wir in Stille. Als wir in die Tiefgarage des Avengers Towers einbogen, hatte ich mich wieder so weit gefasst, dass ich bloß nur noch beunruhigt an meinem berührungstauben Finger herumdrückte, bis der wohlbekannte sacht aufkeimende Schmerz einer Überbeanspruchung einsetzte – das einzige Gefühl, das ich in diesem Körperteil noch besaß und das mir versicherte, dass es so lebendig war wie eh und je.
Im Lift begrüßte mich FRIDAYs wertfreie Stimme: „Willkommen daheim, Sola.“
„Ja … Bringst du mich einfach rauf?“, bat ich leise.
„Mr. Stark hat mich gebeten, dich in die Lounge zu bringen, sobald du eintriffst. Er will sich mit dir unterhalten.“
Nervös merkte ich auf. „Er ist schon zurück? Aus Upstate?“
„Er war den gesamten Nachmittag zuhause. Wenn er einen Aufenthalt außerhalb erwähnt hat, dann sicher nur, um die generelle Unlust an einer wie auch immer gearteten gesellschaftlichen Aktivität mit einer zufriedenstellenden Ausrede zu kaschieren. Er wartet oben auf dich.“
Verwirrt runzelte ich die Stirn, dann waren die wenigen Sekunden des Highspeed-Aufstiegs bereits vollzogen und die Lifttüren öffneten sich wieder, noch ehe ich mich ganz bereit sah, wahrhaftig vor die Anklagebank zu treten.
Meine Augen sprangen zur Seite und richteten sich umgehend auf die Werkstatt, kaum dass sich die weite, unbevölkerte Fläche unserer Lounge vor mir eröffnete, doch die runde Fassade war stockduster, das eindeutige Signal, dass niemand in ihrem Inneren hochintellektuelle Frustbewältigung vollzog oder bereits an verhaltenskorrigierenden Gehirnimplantaten für mich werkelte.
Dann bemerkte ich ihn auch schon an der Bar eine Ebene tiefer.
Tony saß seitlich auf einem der Barhocker. Den Blick der gewaltigen Fensterfront zugewandt, schien er doch aufmerksam für meine Ankunft, denn er sah schon knapp über die Schulter, hob stillschweigend den Arm, gab mir einen kurzen Wink und wies vor sich auf den ihm benachbarten Platz herab, ganz als hielten wir eine Verabredung irgendwo in einer überfüllten Cocktailbar der Stadt und befänden uns keineswegs in unserer eigenen menschenverlassenen Lounge, erfüllt allein vom platinfarbenen Licht der trüben, tiefstehenden Septembersonne.
Ich zögerte, dann setzte ich mich wieder in Bewegung und stieg verhalten die Stufen zu ihm hinab. Dass ich mich nicht unbedingt beeilte, verschaffte ihm nur die Gelegenheit, mich diesen einen ausgiebigen Moment länger zu taxieren, der mir bereits bestätigte, wie unangenehm diese Unterhaltung werden würde, vor der es mir schon seit seinem Anruf graute.
Er nickte, als ich ihn erreichte. „Setz dich.“
Stumm tat ich wie geheißen.
Es war mir nicht recht geheuer; weder sein stiller Ernst, noch die generelle Einsamkeit der Lounge, noch der Tresen ohne Getränke, noch die schattigen Ecken auf all den verschiedenen Ebenen, die FRIDAY ungewöhnlicherweise nicht mit künstlichem Tageslicht ausleuchtete, sondern einfach dem natürlichen Niedergang des Tages überließ, als seien wir beide gar nicht zugegen.
Happy hatte ihn unzufrieden genannt und als ich Tony nun ansah, wusste ich, was er damit gemeint hatte. Ich sah keinen Ärger, keine harsche Entrüstung in seinem Blick, lediglich die stille, fehlererhebende Analyse angesichts eines gescheiterten Experiments, gehüllt in etwas, dessen Vorahnung mir schon auf der Fahrt hierher mitunter die Tränen in die Augen getrieben hatte: Enttäuschte Bestätigung.
Dass ich den Fußring meines Barhockers vernünftig sitzend kaum erreichte und ich meine Füße aus diesem Grund wie ein Kleinkind herabbaumeln lassen musste, verschaffte mir nicht unbedingt mehr Selbstbewusstsein. Also kreuzte ich meine Beine und klemmte meinen Fuß stabilisierend ums Stuhlbein.
Sein linker Ellbogen ruhte immer noch auf dem Tresen, als Tony sich dunkel konzentriert mit dem Fingerknöchel über den Mund fuhr und mich unverwandt betrachtete.
Dass er nichts sagte, ließ mein Zwerchfell flimmern.
Schuldig sah ich auf meine Hände herab. „Ich wollte Bescheid geben“, murmelte ich. „Ich hatte vor, FRI zu informieren. Ich habe nicht …“ Auf Risiko gespielt. Aber ich brachte den Satz nicht zu Ende, denn es war meine Wahrheit und gleichzeitig doch irgendwie eine Lüge.
Tony schwieg fort.
Wie um das misslungene Satzende zu markieren, hob ich mager die Schultern und begann befangen meine cremeweiße Jogginghose zu massieren. Meine Unterschenkel krampften, ich löste sie, überkreuzte sie neu und klemmte sie einmal mehr um das metallene Stuhlbein.
Seine Hand sank herab. „Warum ist es nicht sofort geschehen?“, erkundigte er sich unbehaglich ruhig. „Wieso die Spielregeln brechen, wenn das gar nicht beabsichtigt war? Du wolltest es melden? Wieso warten?“
Dieser gefasste Ton war viel schlimmer als jeder lebhafte Ärger, realisierte ich. Nervös sah ich beiseite, über die hellen Polster der nahen Sitzlandschaft und den schimmernd polierten, dunklen Boden.
„Habe ich Hausarrest?“, hörte ich mich still fragen, der sich unweigerlich anbahnenden Konsequenzen bereits restlos ergeben.
„Nein“, sagte er nur. „Beantworte die Frage.“
Ich blinzelte. „Ich wollte Bescheid geben, sobald … na ja, sobald klarer gewesen wäre, ob denn überhaupt …“ Ich brach wieder ab. „Ich habe dem Bishop-Team Bescheid gegeben“, erinnerte ich mager, als gleiche es den Verstoß gegen unsere Spielregeln irgendwie ein wenig aus.
„Richtig. Bis dahin lief es nach Protokoll. Warum blieb FRI außenvor?“
Ich schluckte.
„Nicht daran gedacht?“, erbot Tony. „Vor Schreck vergessen?“
Einen Moment durchaus versucht darauf anzuspringen, zögerte ich, dann jedoch schüttelte ich bloß stumm den Kopf.
„Was dann?“
„Ich wollte noch kurz abwarten.“
„Wieso?“
Meine Brust brannte unter seinem stoischen Blick, der jede einzelne seiner beharrlich konsequenten Fragen in mein Spielfeld zurückwarf. „Es war einfach ---“ Mein Widerstand, einzig erhalten aus warmer Beschämung, kollabierte. „Es ist schon jetzt der Running Gag. Nicht schlimm, niemand ärgert mich damit oder so, aber ich wollte eben einfach nicht --- … Es soll eben nicht wirklich so aussehen, als könne man mich nicht irgendwohin einladen, ohne dass --- so etwas passiert. Sobald ich dabei bin, geht immer irgendetwas schief, irgendetwas geschieht , und dann bist du da --- und …“ Ich sprang über meine eigenen Worte. „Ich wollte einfach kurz abwarten. Ich war mir nicht sicher, ob er es denn überhaupt wirklich ist – und er war es nicht! – aber da wusste ich es noch nicht. Ich habe es mir nicht ausgedacht oder so! Ich dachte wirklich --- … Nur, ich hatte einfach das Gefühl, dass --- falls ich mich irre, es einfach wieder trotzdem genau so wie immer endet und ---“ Ermattet rieb ich mir das linke Auge. „Ich wollte FRI informieren, nur eben erstmal abwarten und schauen, ob es sich nicht sofort erledigt, bevor …“
„Bevor ich dort auftauche.“ Tony senkte das Kinn, aber er sah mich immer noch derart unzufrieden an, dass es seine Stirn in grobe Wellen warf. Er klang absolut unbewegt. „Du wolltest Iron Man nicht vor Ort“, stellte er klar.
„ Nein “, japste ich auf. „Ich meine, nur eben nicht, wenn es … keinen Grund dazu gibt.“
„Gut.“ Geschäftsbereit legte er die Hände zusammen. Ich wappnete mich zum Urteil, doch stattdessen fuhr er schon in demselben analytisch dunklen, wenn auch nun etwas lebendigerem Tonfall fort: „Ich habe es trotzdem herausgefunden, ich habe dich angerufen und dann – was ist dann geschehen, Sola?“
Überfordert blinzelte ich.
„Na los. Gehen wir es durch. Was ist geschehen?“
„Du … hast gefragt, was los sei?“
Beipflichtend hob er eine Braue, gab sich unverändert erwartungsvoll. „Und dann?“
Ich fischte nach einem Sinn in dieser obskuren Fragestellung; nach dem, was auch immer er von mir zu vernehmen hoffte .
„Dann … haben wir … gesprochen …“
„Richtig. Wir haben gesprochen. Soll heißen, ich habe es. Du hast viele wilde kleine Töne von dir gegeben, von denen die Hälfte zu sehr in die Hand genuschelt waren, um irgendetwas zu verstehen. Aber nennen wir es so. Und dann? Was ist dann geschehen?“
Verwirrt atmete ich aus. „Ich --- ich weiß nicht …“
„Oh“, machte er sofort. „Doch. Doch, du weißt es …“ Er stützte sich etwas entspannter auf den Tresen und wies schon auf mich. „Du warst dabei.“ Als liege es vollkommen auf der Hand, lächelte er knapp, aber es war kein zufriedenes Lächeln. „Folgendes ist geschehen: Ich habe mir angesehen, was vor sich geht. Ich habe entschieden, dass Bishop alles unter Kontrolle hat und du nicht in unmittelbarer Gefahr schwebst und ich bin nicht in meinen Anzug gestiegen und nicht ins Stadion eingeflogen und nicht vor aller Augen über die VIP-Loge in eure Suite geplatzt. Alles in allem, ganz genau das, was ich eins zu eins genauso getan hätte, nur eben etwas zeitnaher , wenn du FRI wie vereinbart umgehend auf den Plan gerufen und informiert hättest.“ Er endete auf so trocken vorwurfsvoller Note, dass der unbewegliche Ernst, der augenblicklich in seinen Blick zurückkehrte, mir geradewegs die Worte raubte.
Unangenehm vorgeführt sank ich noch etwas deutlicher in mich zusammen, was dadurch nur offensichtlicher blieb, dass der Barhocker kaum eine nennenswerte Lehne besaß, um diesen schuldbewussten Haltungsverlust zu kaschieren.
„Ich fasse zusammen.“ Durch keine meiner Regungen zu erweichen, behielt Tony mich weiter im ernstbelehrenden Fokus seiner Aufmerksamkeit. „Du hast Miner gesehen, warst überzeugt davon, er sei einer von Lax Gehirnakrobaten und dass er eine Waffe bei sich trage, zufällig eben da, wo du dich selbst gerade befandst, und du hast FRI nicht informiert, damit sie diese Situation zumindest im Blick behält, weil du die Situation lieber zuerst selbst bewerten wolltest, ehe du es einer KI mit Zugriff auf eine Vielzahl essentieller Datenbanken und Kameras überlässt oder gleich mir, einem gestandenen Superhelden mit zigfach mehr Erfahrung, was das Ganovenkaliber Lax und Kumpanen angeht.“
Ich öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn erneut und entließ einen summenden Laut, der weder so richtig Zustimmung, noch Protest ausdrückte.
„Und all das, obwohl wir so klare Gos und No-Gos für diese Art Vorfall aufgestellt haben, dass jeder in diesem Haushalt, einschließlich Happy, es das Japan-Abkommen nennt und geradewegs daraus zitieren kann“, endete er nüchtern. „Habe ich etwas übersehen?“
Fast schon überfordert bemüht den Schuldspruch abzukürzen, weil ich seine so klare Darstellung meiner fragwürdigen, rückblickend schier dämlichen Gedankengänge kaum mehr ertrug, holte ich heiser Luft: „Und ich habe keinen Hausarrest?“
„Nein.“
„Nein?“
Tony hob beide Brauen. „Es sei denn, du willst ihn.“
Ich stockte. „Nein“, versicherte ich schnell. Völlig überfordert blinzelte ich. „Ich darf --- immer noch raus? Zu Freunden? In die Stadt? … Auch morgen? Ohne --- Begleitung und all das?“
„Absolut.“
Mein Herzschlag beschleunigte sich vor jäher Erleichterung. „Du drehst nicht alles wieder zurück?“
„Richtig. Alles bleibt wie gehabt.“ Er gab sich unbeeindruckt. „Und ignorierst du unsere vereinbarten Verhaltensregeln noch einmal – oder biegst sie zurecht, indem du dich selbst zum geltenden Risikomanager ernennst – verlässt du den Tower künftig im Caretaker Protokoll. Dann musst du dich gar nicht erst um etwaige Finessen wie Kompetenzen und frühzeitige Kommunikation sorgen, denn dann wird FRI ganz einfach rund um die Uhr ein Auge auf dein Umfeld haben – und ganz nebenbei auch auf alles andere, was du außerhalb dieser ultraschicken Wände so treibst.“ Er schenkte mir ein freudloses Lächeln. „Du kennst den Spaß.“
Ernüchtert schloss ich den Mund.
Das hier war kein unerwarteter Freispruch und ich sollte es besser nicht als solchen missdeuten, das kam mehr als deutlich bei mir an. Es war eine Verwarnung.
Erster Strike , würde Clint sagen. Ich war angezählt.
Ich nickte.
Tonys Miene sank zurück in beunruhigend ausdruckslose Fassung. „In Ordnung. Nächster Punkt.“
Ich wusste, dass ich ihn urplötzlich ansah wie ein Reh im Scheinwerferlicht, so wirr überfahren von einem zweiten Anklagepunkt, denn er kniff sacht die Brauen zusammen und neigte in unbewegt beurteilender Manier den Kopf.
„Miner“, löste er auf. „Was war da los?“
Meine Brust begann sich wieder mit klammer Machtlosigkeit zu füllen. Boyntons Vorwurf, dass ich einzig und allein nach Aufmerksamkeit suchte, staute immer noch mein Blut, aber auch Maxwells Miene, erfüllt von professionell übertünchtem Vorurteil, die krallende Sorge, was soeben in allen Redaktionen vor sich ging und noch heute im Internet zu lesen sein würde, in den Gesellschaftsrubriken der Abendzeitungen, an jeder Straßenecke von Manhattan …
„Ich dachte wirklich, dass er eine Waffe haben könnte und dass er damals … bei der Sache mit Fake-Raffy dabei war“, protestierte ich belegt. „Ich hab ihn gesehen und --- …“ Beunruhigt brach ich ab. Ich entschied die Begegnung zu überspringen, schließlich hatte sich mein Verdacht ohnehin als unhaltbar entpuppt. „Eve sagte, wir sollten sicherheitshalber Bishop Bescheid geben, also haben wir es gemacht. Das war alles. Ich habe es mir nicht ausgedacht, um mich wichtig zu machen oder so.“
Tony stockte. „Habe ich nie angenommen“, stellte er ruhig klar. „Ich will wissen, wie du darauf gekommen bist, dass Miner zu Lax gehörte.“
Meine Brust wurde noch enger. Ich senkte den Blick.
„Dass Bishop keine Waffe finden konnte und Miner in keinen der Datenbanken des NYPD, FBI oder Homeland auftaucht, bedeutet nicht, dass du dich irrst, Sola.“ Seine Stimme wurde bedächtiger. „Vielleicht ist er es gewesen und du hast ihn wiedererkannt. Und wenn ja, werde ich es herausfinden. Vielleicht ist er einem der Männer aber auch nur ungemein ähnlich. Oder vielleicht wurdest du von etwas ganz anderem getriggert und hast überreagiert und es war wirklich nicht mehr als eine Panikattacke. So oder so, irgendetwas war da heute los. Und ganz gleich, was es war, es ist wichtig.“ Er machte eine bedeutsame Pause. „Wie sicher warst du dir, Sola?“
Ich schluckte. Der Kloß in meinem Hals nahm zu. „Wann?“
„Gleich in der Sekunde. Als du ihn wiedererkannt hast.“
„Weiß nicht.“
Tony ließ den Kopf zur Seite fallen, wie er es so gerne tat, wenn er nur zu gut wusste, dass ich Unsinn von mir gab, den er nicht einmal zu kommentieren gedachte.
„Ich habe ihn nicht wieder erkannt“, gestand ich widerstrebend und so heiser, dass ich wusste, dass er mich nur mit Mühe vernahm.
Wie zur Bestätigung meines Verdachts lehnte er sich schon vor und legte beide Unterarme auf seinen Oberschenkeln ab. „Sondern?“
„Es war mehr --- ein Gefühl. Ich habe ihn an der Bar gesehen und … er kam mir so merkwürdig vor, er hat mich beobachtet und dann --- okay, dann habe ich kurz gedacht, dass er damals dabei gewesen ist; ich habe mich erinnert, zumindest dachte ich es da, und deshalb bin ich schnell aufs Klo … Und dann war ich mir nicht mehr sicher. Eigentlich gar nicht mehr. Aber, als ich wieder raus bin, war es sofort wieder da, dieses Gefühl, es war einfach --- … Ich hab mich geirrt, okay? Ich hab mich einfach geirrt. Er war es nicht. Keine Ahnung, wieso ich es dachte. Ich habe ihn vorher noch nie gesehen.“
Und dann – als ich realisierte, dass ich Miner weder jemals zuvor begegnet war, noch irgendetwas an ihm mit einer Erinnerung oder Person des Überfalls in Verbindung bringen konnte, noch mich überhaupt erinnern konnte, wieso er mir solch eine Angst eingejagt hatte – begriff ich, dass es nur die letzte Option sein konnte, die Tony aufgebracht hatte.
Ich war getriggert worden. Aber nicht von jemandem, sondern von etwas .
Mein Magen sank in meinen Schoß.
„Es war wie damals, als es geschehen ist“, hörte ich mich wispern. „Elijah und Kate und alle waren da, wir haben über ähnliche Dinge gelacht, das Bishop-Team war da … Und dann bin ich raus …“ Zwei dicke Tränen bahnten sich ihren Weg. Stumm wischte ich sie ab, auch wenn mein Gesicht so feucht blieb, dass ich den feinen Luftzug der Lounge auf meinen Wangen flimmern spürte. „Ich habe es mir irgendwie eingebildet.“
Ein paranoider Schub, geboren aus denselben Stimmen, Musik und einer beunruhigend ähnlichen Atmosphäre voller Freunde und doch voller Tony , ehe kurze Zeit später Lax aufgetaucht war.
Wanda mochte meine Schrecken in ihre Schranken gewiesen und die quälenden Albträume ausradiert haben, aber sie hatte mir nicht die Erinnerungen genommen und damit auch nicht den gravierenden Trugschluss, den Trigger , den ich als solches glasklar erkannt hätte, wenn ich denn mitten im MetLife Stadion in eine waschechte Panikattacke wie auf der Barton Farm geglitten wäre, anstatt bloß unerklärlich flaue Angst zu verspüren, die mein Gehirn mithilfe fantasievoller Gebilde zu einer stringenten Gedankenkette zu verknüpfen versucht hatte, um darüber hinwegzutäuschen, dass es kurzweilig den kompletten Anschluss verloren hatte.
Denn genau das war es gewesen. Ein posttraumatischer Rückfall, übertüncht von Magie.
Was bedeutete … Er hat recht .
Tony hatte recht gehabt, mit allem, was er mir Freitagabend prophezeit hatte.
Ich hatte mein Trauma vergraben, aber viel, elend viel tiefer, als er erahnen konnte. Ich hatte es nicht nur zugeschüttet, ich hatte es betoniert . Nur war es deshalb keineswegs beseitigt. Es bebte, wenn es sich regte, meinem eigenen Bewusstsein nun so unzugänglich gemacht, dass dieses nur die Schwingungen abzufedern versuchen konnte, die meinem Verstand ansonsten die Stabilität entrissen.
„Hattest du eine Panikattacke?“, fragte Tony.
Ich schüttelte den Kopf.
„Herzrasen? … Atemnot? … Ohnmacht?“
Mein still wiederholtes Kopfschütteln ließ zwei umsichtige Falten zwischen seinen Brauen zutage treten. „Nein?“, verbalisierte er, aber nicht, als verdächtige er mich einer Unwahrheit, sondern versuche vielmehr die Situation korrekt zu erfassen, ganz sondierend, ganz unaufgeregt.
„Angst?“
„ Hm ...“
„War das ein Ja?“
Ich hob die Schultern. „Ja, aber eben nur, weil ich dachte, er sei es, und dass er es vielleicht ... na ja, es vielleicht noch einmal versucht.“
Unfähig ihn weiter anzusehen, presste ich nur noch die Lippen zusammen und wartete.
Auch Tony blieb still. Er musterte mich, ich spürte es, und weil es mir keine Ruhe ließ, sah ich schließlich doch wieder in sein Gesicht und dieselbe Bestätigung, die längst in mir wilderte, spiegelte sich in seinen reglos ernst glimmenden Pupillen. Seine Lippen schienen kurz aneinander zu nagen.
Ich erwartete, dass er es sagte; Versprechen hin oder her. Dass genau das hier der Beweis dafür war, wie recht er mit S.E.N.F. hatte, wie recht er mit allem hatte und wie wenig ich selbst begriff. Dass ich nur ein Kind war und er das Genie. Ich erwartete, dass er es klipp und klar aussprach: Dass es damit gesetzt war und wir gar nicht weiter zu diskutieren brauchten.
Aber Tony nickte nur. Einmal und knapp.
Als bedurfte es keiner weiteren Worte, griff er stillschweigend über den Tresen, zog eine dort bereitstehende Karaffe und zwei Longdrink-Gläser heran, goss in beide etwas Wasser und schob eines davon mit zwei Fingerknöcheln näher an mich heran.
Zu besiegt, um mich für die Geste zu bedanken, nahm ich es einfach entgegen, schloss meine rechte Hand darum und beließ es ansonsten vollkommen unangerührt.
Ich wollte wirklich nur noch, dass es erledigt war. Dieses elende Gespräch, diese zähen Minuten voll ungeschminkter Wahrheit und Klarstellung und Analyse, in denen ich nicht anders konnte, als wieder und wieder einzugestehen, dass ich ein Reinfall war und es so viel besser hätte wissen müssen.
Es war noch viel zu früh, aber ich wollte ins Bett. Mich unter die Decke verkriechen, mich ins digitale Nirvana scrollen und diesen gesamten Tag einfach abhaken.
Ich wollte wissen, weshalb Mum mich Sola genannt hatte und wieso sie die wenigen Male, als wir irgendwie darauf zu sprechen gekommen waren, immer nur erwähnt hatte, dass sie mit unserer Tradition nicht hatte brechen wollen – vier Buchstaben im perfekten Klang. Ich wollte wissen, ob Boynton recht hatte, ob in Wahrheit die kalifornische Sonne mein Namensgeber gewesen war oder doch ein etwas missratener Seitenhieb auf Tonys gleißende Ahnungslosigkeit über meine Existenz.
Und über alles wollte ich Daphne wiedersehen.
Nicht auf einem Display, sondern wie wenige Wochen zuvor, in nächtlicher Augustwärme, Schläfe an Schläfe in entgegengesetzter Richtung quer über das Bett ausgebreitet, während wir synchron die Augen verdrehten, weil wir ganz sicher nicht die Einzigen waren, die noch wachlagen, so wenig wir Laura Bartons bestimmtem Blick angesichts unserer noch munter scrollenden und tippenden Hände auch standzuhalten vermochten.
„Können wir etwas Licht machen?“, fragte ich still. Denn ich weine gleich.
„FRI, eröffne die Late Night Bar.“
Augenblicklich sprangen all die kleinen Lampenschirme, Dekorlichter und der Tresen unter meinen Händen in herabgedimmt wohliger Intensität an. Die Karaffen, Sekteimer und Gläser auf den Regalen der Bar schimmerten, obwohl draußen immer noch ein trübes Resttageslicht vorherrschte, das der wahrhaftigen Atmosphäre einer Bar in den auslaufenden Zügen der Nacht vermutlich grundlegend zuwiderlief.
Tony rieb sich die Nasenwurzel. „Wir müssen uns noch über etwas Anderes unterhalten …“
Unzufriedene Stille überkam ihn.
„Okay?“, krächzte ich, als er nichts nachsetzte und lediglich an die nun so heimelig erleuchteten Barregale stierte.
Mein Magen wusste schon gar nicht mehr, wie er sich noch unwohler zeigen konnte, als er es ohnehin bereits die vergangene Stunde getan hatte, und so spürte ich meine innere Temperatur bloß weiter herabkühlen.
„Keine Sorge“, ließ Tony mich wissen, „du bist aus dem Schneider.“ Sein Blick kehrte zu mir zurück, doch etwas darin war nun so vehement bestrebt, mich nicht allzu sehr anzusehen, dass es mich nicht recht aufatmen ließ. „Es geht um Pepper.“
Mein Herz stockte. „Was ist mit ihr?“ Schwellender Schreck flutete mich, als ich realisierte, dass ich seit dem frühen Morgen nichts mehr von ihr gehört hatte. „Geht’s ihr gut? Ist sie okay?“
„Ja!“, beschwichtigte er sofort. „Es geht ihr gut. Nein, das ist es nicht … Es geht um uns beide. Ihr und mir.“ Er zögerte. „Wir legen eine Pause ein.“
Da ich ihn bloß anstarrte, ein wenig überfahren und zugleich ein wenig überfordert, fuhr er schon widerstrebend fort: „Wir sind die letzte Zeit immer mal wieder angeeckt. Ist niemand schuld dran, aber es hat sich … ein wenig was angestaut. Eins kam nach dem anderen; immer noch etwas drauf …“ Er fuhr sich knapp seufzend über den Hinterkopf, als wisse er nicht recht, wo er weiter ansetzen sollte, ohne es kryptisch genug zu belassen, dann entschied er sich einfach dort fortzufahren, wo es endete: „Nachdem sich das mit Miner vorhin erledigt hatte, haben wir gesprochen; haben entschieden, dass es vermutlich das Sinnvollste wäre, ein wenig Abstand zu gewinnen, um das hier … wieder besser hinzubekommen.“ Er atmete aus. „Sie wird für eine Weile ausziehen.“
Mein Herz übersprang einen Schlag. „Sie geht ?“
„Pepper verlässt das Penthouse. Für eine Weile. Sie wird immer noch regelmäßig im Tower vorbeischauen. Sie ist CEO von Stark Industries, daran ändert sich nichts. Sie wird von jetzt an zwar die meiste Zeit auf den Geschäftsetagen verbringen, denn ansonsten … ist eine Pause nicht gerade effektiv, was soll ich lügen? Wir müssen ein wenig Raum zwischen uns bringen. Aber sie ist nicht aus der Welt.“ Unzufrieden schob er die Brauen zusammen. „Das alles betrifft natürlich nicht dich“, versicherte er schon weiter. „Wenn du sie sehen willst, sag FRI Bescheid – ihr könnt … tun, was auch immer ihr so treibt, wenn ich euch nicht gerade auf die Nerven falle. Daran ändert sich nichts.“
In meinem Inneren wurde es kurz und beängstigend still.
Das war nicht wahr, protestierte es in mir. Es änderte sich alles . Wenn Pepper nicht mehr da war, sie nicht mehr allabendlich zu uns heimkehrte , wenn wir nicht gemeinsam zu Abend aßen oder frühstückten, nicht gemeinsam aufräumten und im Plauderton die Woche verplanten und dann spätabends auf der Couch zusammenkamen, geschafft von allem und jedem und doch irgendwie noch heiter genug, um uns bitterböse über die Ereignisse zu amüsieren, wenn wir nicht an einem freien Sonntagmorgen ihren Kleiderschrank durchsuchten und dabei kurzweilige Erinnerungen austauschten, an mein Leben vor Tony und an das ihre vor mir … Wenn sie nicht abends noch einmal kurz bei mir hereinsah, sich versicherte, dass es mir gut ging, mir eine gute Nacht wünschte und irgendwelche von Tonys Absurditäten mit einem augenrollenden Kommentar ganz unter uns befriedete … dann --- dann war sie aus der Welt, dann vermisste ich sie jetzt schon , dann ---
Die Sekunden betäubter Stille zogen an mir vorbei.
„Wieso?“, fragte ich starr.
Seine Schläfen gespannt, sah er nur noch an die Kante des Tresens. „Sie sagt, sie kann das nicht mehr. Sie muss sich sortieren. Eine andere Perspektive einnehmen.“
Er führte nicht aus, was es war, dass sie nicht mehr konnte . Aber ich verstand dennoch.
Tony hatte es womöglich nicht bemerkt, aber er hatte mir die Antwort bereits geliefert.
Sie hatten dieses Gespräch nach Miner geführt; nachdem auf CBS von einer ungewöhnlichen Verlängerung der Halbzeitpause und von Einsätzen privater Sicherheitsdienste berichtet worden war; nachdem FRIDAY Tony alarmiert hatte, dass etwas im Stadion vor sich ging und ich einen Mann gesehen hatte, der zu Lax zu gehören schien und womöglich eine Waffe trug …
Sie waren aneinandergeraten, weil ich für eine gute Viertelstunde schon wieder in der potentiellen Gefahr geschwebt hatte, entführt, verletzt oder ermordet zu werden, und das trotz aller Vorkehrungen, weil es nicht aufhören würde, nie , weil ich Tonys Kind war und Iron Mans Feinde auch die meinen waren.
Weil ich nur für Ärger und Kummer sorge, auf die eine oder andere Weise.
Und nun war ich wirklich so weit. Ich wollte nur noch weinen, weil ich nicht wusste, wie ich irgendetwas an diesem sich weiter und weiter zersetzenden, wild rotierenden Wrack von einem Tag noch ertragen sollte. Wie dereinst in Mums Wagen lag er völlig außerhalb meiner Kontrolle. Es entpuppte sich von Beginn an als Hirngespinst; meine ganze Vorfreude dieser Woche, meine ganze nichtsahnende Zuversicht in diesen einen Tag, der leicht hätte sein sollen, sorglos, einfach …
Tonys Blick zog zu mir zurück. „Hey ...“
Krampfhaft beherrschte ich meine Mimik und entließ das Wasserglas aus meinem festgepressten Griff. Es war eingetrübt vor Schweiß.
Meine Hände waren feucht. Mir war kalt. Mir war übel.
Ich stierte auf den Tresen.
Deshalb waren wir die ganze Zeit hier. Deshalb waren wir nicht oben.
Deshalb. Deshalb. Deshalb.
„Wo ist sie?“, fragte ich. „Ist sie noch da?“
Er nickte knapp gen Decke. „Oben.“
Ich fragte nicht einmal, ich rutschte einfach vom Hocker und verschwand.
-/_\-
„Ich bringe diese schon einmal runter in den Wagen, ja? Dann komm ich noch einmal hoch.“
Beinahe stieß ich mit Happy zusammen, als ich aus dem Lift trat, unsere Wohnlounge im Eiltempo durchquerte und um die dekorativen Palisaden zur Treppe einbog.
Den Kopf noch halb hinaufgewandt, hielt er zwei Koffer und einen dichtgepackten Weekender in den Händen und nahm damit fast die gesamte Treppe ein, aber ich war zu sehr im Autopiloten vor sich gerade erst setzender Bestürzung, als dass ich auf die Idee kam, kurz zurückzutreten und ihn zuerst vorbeizulassen. Stattdessen drängte ich mich schon rüde ungeduldig an ihm vorbei und zwang ihn damit, die Taschen in seiner linken Hand beiseite zu heben.
„ Hey , ein Darf ich? hätte es auch getan“, rief er mir hinterher, aber da war ich bereits den Großteil der dunkel verglasten Stufen hinauf.
Kaum, dass ich den obersten Treppenabsatz erreichte und auf den Flur zu unseren Schlafzimmern trat, erschöpften sich meine Schritte. Mein Herz knetete so nervös und getroffen, dass meine Kehle immer noch vor bemühter Fassung schmerzte.
Schon im Türrahmen zu Tonys Schlafzimmer bemerkte ich zwei weitere gepackte Taschen, sowie eine noch geöffnete, über der Pepper soeben nachdenklich eine silberblaue Bluse zusammenlegte, während sie ihren Blick über das Inventar schweifen ließ, das ohne ihre wenigen wohlplatzierten Habseligkeiten teils so klinisch abgeräumt schien, dass es mir wiederholt einen bitteren Tritt harscher Erkenntnis in die Eingeweide versetzte.
Sie packte nicht für einen geschäftlichen Kurztrip oder unseren gemeinsamen Urlaub, wie ich es sie schon dutzende Male hatte tun sehen, manche Male tiefenentspannt und zu Plaudereien aufgelegt und andere Male geschäftig, energievoll und scheinbar unaufhaltsam, in fortwährende organisatorische Telefonate und Abzeichnungen für Erin verstrickt. Nein, diesmal packte sie aufmerksam und gründlich und ohne die geringste Ablenkung und sie tat es, um uns zu verlassen .
Für eine Sekunde tat diese Gewissheit so weh, als sähe ich sie nie wieder.
Sie bemerkte mich im Türrahmen, noch ehe ich hereintrat oder etwas sagte, denn ihr Blick glitt kurz zu mir herum, ehe sie schon knapp durch ihre erdbeerroten Haare strich, die ebenmäßig und glatt über ihrer linken Schulter lagen, sich wieder aufrichtete und mit solch verständnisvoll gewölbten Brauen wieder zu mir sah, dass ich stumm drei Schritte vor ins Zimmer machte.
„Hat Tony es dir gesagt?“
Ich nickte.
Beruhigt atmete sie aus und schenkte mir ein müdes Lächeln.
„Ist es für lange?“
Ihre Mundwinkel sanken, entweder angesichts meines Tons oder aber der Frage an sich, während sie ihren Blick kurz wie sacht zum kupferfarbenen Teppich vor dem King-Size-Bett weichen ließ, ihre Stirn in bedrückte Falten warf und dann auch schon ihre Tasche stehen ließ und behutsam zu mir herübertrat.
„Das wissen wir momentan noch nicht“, antwortete sie. Ihre blauen Augen suchten einen Augenblick die meinen, aber da ich mir Mühe gab auszuweichen, spähte sie schließlich bloß beiseite. „Wir müssen einfach schauen, … wie es weitergeht, die kommenden Wochen. Wie sich die Dinge entwickeln …“ Aufmunternd fasste sie nach meinem Oberarm, tätschelte ihn zweimal, dann lächelte sie wieder, obwohl ihr Blick in aufmerksamem Bedacht an mir haften blieb.
„Die Dinge?“
Ich konnte nicht einmal mehr in ihr Gesicht sehen.
Begütigend schüttelte sie den Kopf. „Der Alltag, die Distanz, was es mit uns macht … Wir brauchen das jetzt. Es wäre nicht klug, so weiterzumachen wie bisher, uns weiter im Kreis zu drehen, deshalb müssen wir beide ein wenig Abstand nehmen. Uns ein wenig mit uns beschäftigen. Uns über ein paar Dinge klarer werden, damit wir das hier wieder meistern können. Das braucht ein bisschen.“ Sie neigte den Kopf. „Aber das heißt nicht, dass wir beide uns nicht mehr zu Gesicht bekommen“, versicherte sie sanft. „Ich bin da. Wenn du etwas brauchst oder dir etwas auf dem Herzen liegt oder du bloß einfach ein wenig plaudern willst oder einen Happen essen, dann tun wir das, okay? Wir können in die Stadt gehen oder du kommst bei mir vorbei und wir machen uns einen schönen Nachmittag. Das bekommen wir hin. FRIDAY hat meine neue Adresse. Es ist nicht weit. Ein größeres Apartment in Chelsea.“
Betroffen nickte ich.
Ein neues Apartment . Sie hatte bereits eine Wohnung, begriff ich. Sie ging nicht ins Hotel, sie ging fest davon aus, dass das hier nicht mit ein paar wenigen Tagen oder Wochen zu kitten war. Nein, viel mehr noch, sie musste sich bereits im Vorfeld damit befasst haben, einen Makler beauftragt haben, der auf hochkarätige Klienten wie den CEO von Stark Industries spezialisiert war und zugleich absolute Verschwiegenheit gegenüber den Medien über den Wechsel ihres Wohnsitzes garantierte. Nie und nimmer hatte sie in den vergangenen Stunden die erstbeste Wohnung gewählt, die sie auf gut Glück gefunden hatte. Pepper war organisiert, sie agierte vorausschauend, war darin begabter als jeder sonst, den ich kannte …
Meine Ohren und Schläfen waren zu, so angestrengt presste ich die Kiefer zusammen, um die stille Fassung zu bewahren und noch ein paar Minuten länger gegen die überforderten Tränen anzukämpfen.
Weder Pepper, noch Tony sahen aus, als sei dies ein Umstand, der sie womöglich zerbrach und für immer voneinander fortführte. Beide schienen etwas niedergeschlagen, etwas resigniert, etwas besiegt , aber keiner schien so aufgewühlt, wie ich mich fühlte, so überfahren .
Sie war immer hier , wisperte es in mir. Seit ich hier eingetroffen bin.
Sie war da.
Zuallererst.
Und jetzt ging sie. Als gehöre sie nicht an diesen Ort, als sei sie nicht eben das, was ihn seit Beginn an für mich zusammenhielt und ihn grundlegend mit ausmachte. Als sei sie nicht ---
Ich biss mir auf die Lippe.
Hör auf so egoistisch zu sein! Sie hält es nicht mehr aus. Das hat sie Tony selbst gesagt. Sie ist nicht ---
Sie war nie Teil der Gleichung gewesen, nie eine Konstante.
Und das hatte ich gewusst.
Und es trotzdem ruiniert.
Niemand sagte es mir ins Gesicht, aber ich hatte so vieles im vergangenen Jahr aufgeschnappt, so viele ihrer Auseinandersetzungen bezeugt, über Monate, und fast jedes Mal war es dabei auf die eine oder andere Weise um mich gegangen. Meine Existenz, der Auslöser nahezu jeder Uneinigkeit seither.
Obwohl Tony mir vor Monaten versichert hatte, dass ihre Probleme althergebrachte waren, nichts, was ich erst in ihr Leben getragen, und nichts, das ich zu verantworten hatte, war ich mir doch bewusst, dass er mir all das am Krankenbett gesagt hatte, kurz nachdem mein Aneurysma mich fast vor ihrer aller Augen umgebracht hatte.
Er hatte es gut gemeint. Natürlich hatte er das. Ich hatte dagelegen, ein zweites Mal binnen eines Jahres, um Haaresbreite dem Tod entronnen, gerade in seinem Leben angekommen und fast schon wieder entrissen, und die Erleichterung hatte so viel schwerer gewogen als jede Belastung, die ich auf sie beide ausüben mochte. Jede Sorge für den Moment eine Sorge zu viel für mich.
Auch heute noch.
Und für eine Weile hatte ich ihm geglaubt.
Aber jetzt stand ich nicht länger unter Medikation. Ich war bei klarem Verstand.
Sie will mich nicht sterben sehen und danach noch einmal die Scherben aufsammeln.
Und deshalb geht sie.
Als Peppers Blick auf den metallenen Gürtel der kleinen Jimmy Choo Tasche sank, der immer noch um meine unordentlich verrutschte Jeansjacke geschlungen lag, weil ich sie seit meinem Aufbruch aus dem MetLife Stadion nicht abgelegt hatte, fasste ich betäubt nach dieser und hob sie an. „Möchtest du sie wiederhaben?“, fragte ich heiser.
Sie blinzelte. „Was? Nein, natürlich nicht … Nein, Liebes.“ Entschlossen umfassten ihre Hände schon beide Seiten meines Gesichts. Sie waren warm, ihre Daumen strichen nachdrücklich über meine Wangen, während ich aus mehr zerrütteter Miene zu ihr aufsah. Einen ruhigen Moment betrachtete sie mich bloß tröstlich fest. „Ich möchte, dass du weißt, dass wir uns lieben, okay? Das tun wir.“ Ohne den Blick zu brechen, nickte sie einmal und deutlich, wie zum Nachdruck ihrer Worte. „Und wir beide lieben dich. Das ist wichtig und steht nicht zur Debatte.“
Fast klang es liebevoll tadelnd. Dann streichelten ihre Daumen noch einmal meine Wangen und sie ließ mich wieder los.
Jemand räusperte sich.
Ich fuhr ein wenig zusammen, doch es war nur Happy, der anscheinend schon länger im Türrahmen ausharrte. „Ich will nicht stören, aber soll ich …“ Bedeutsam sah er zu den verbliebenen Taschen herüber.
Pepper nickte sacht. „Danke, Happy.“
„Hier. Das hast du vorhin auf dem Rücksitz vergessen.“
Er reichte mir im Vorbeigehen das grüne New York Jets-Cap, das heute schon durch so viele Hände gewandert war, dass es für mich so langsam zum Sinnbild dieses Tages wurde. Ich wollte es nicht, am liebsten sogar würde ich es in einer der massiv überfüllten Tonnen der Stadt lieblos verrotten sehen wie ein völlig wertloses Schnäppchen, das den täuschenden Zauber seines kurzweiligen Versprechens von Glück und Gewinn schon binnen weniger Stunden verloren und sich als reine Betrugsmasche entpuppt hatte, aber ich nahm es dennoch entgegen und murmelte ein Danke.
Peppers Blick verblieb auf mir, während Happy sich das Gepäck griff und schon wieder durch die Tür entschwand. Zum ersten Mal entdeckte ich in ihrer Miene etwas wie eine sich langsam erhebende Woge der Traurigkeit.
Ehe sie etwas sagen konnte, trat ich schon vor, schlang meine Arme fest um sie und hielt sie ein paar Atemzüge lang fest. Ich spürte sie kurz die Augen schließen und seufzen. Dann gab ich sie wieder frei, murmelte eine karge, unsinnige Ausrede, weil ich nicht dabei zusehen konnte, wie sie all ihre Sachen weiter einsammelte, knetete schnell das Cap und verschwand zurück auf den Flur.
Ich ließ sie in Frieden zu Ende packen, wartete im Türrahmen zu meinem eigenen Zimmer und stierte ins Leere.
Als sie nach einiger Zeit in einen hellen Mantel gehüllt wieder herauskam, trat ich ein wenig vor. Diesmal war sie es, die mich noch einmal kurz und innig in den Arm nahm.
„Ich habe dich gar nicht gefragt, wie das Spiel war und ob ihr Spaß hattet“, summte sie schuldbewusst in meine Haare. „Hattest du einen schönen Tag, abgesehen von diesem --- … dieser bösen Verwechslung?“
„Ja“, log ich. „Ja, war cool. Echt gut.“
„Habt ihr das alles geklärt? Tony und du?“, erkundigte sie sich leise.
Ich nickte bloß.
Sie schien zufrieden, fast ein wenig erleichtert. Nicht länger in der Lage meine Halbwahrheit mit aufmerksamer tagelanger Beobachtung zu hinterfragen, verließ sie sich ganz auf mein Wort.
Denn von nun an musste sie es.
Und eben da begriff ich, dass der unweigerliche Bruch nicht erst kam, sondern bereits vollzogen war.
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Wir verabschiedeten uns. Pepper strich meinen Pony zurecht, bat mich, mir nicht zu viele Sorgen zu machen und rechtzeitig schlafen zu gehen, immerhin hatte ich morgen wieder Schule, versicherte mir, dass sich alles alsbald sortieren würde, und mahnte mich eine zärtliche Spur bestimmt, mich diese Woche auf die Schule und nur auf diese allein zu konzentrieren, alles andere sei Tonys und ihre Aufgabe und nichts, was ich irgendwie beeinflussen könnte.
Kaum, dass sie fort war, schloss ich meine Zimmertür.
Ich ignorierte FRIDAYs Erkundigung, ob ich Tony in der Werkstatt noch ein wenig Gesellschaft leisten wollte, ehe ich zu Bett ging, die so schnell kam, dass ich mir fast sicher war, dass sie unseren Abschied abgepasst hatte. Und ich ignorierte auch ihre Anfrage danach, was ich zu Abend essen wollte.
Nahezu gefühlstaub vor sämtlichen Ereignissen warf ich meine Handtasche und meine Jeansjacke auf der Couch ab, sah auf mein StarkPhone und entdeckte Nachrichten von Elijah; die letzte von vor gut einer halben Stunde:
17:02 Uhr BigMeg: Sry, wegen Eves Dad vorhin. Niemand außer ihm denkt, dass du diese Sache erfunden hast. Das war voll daneben. Mrs. Bishop fand es sehr unsensibel. Sie hat mich gebeten, dir zu sagen, dass sie ein offenes Ohr hat, falls du mal mit jemandem sprechen willst, der nicht so tief drinsteckt.
17:46 Uhr BigMeg: Alles ok? Hast du Stress?
18:44 Uhr BigMeg: Schreib einfach, wenn du wieder kannst.
Unbeantwortet schloss ich den Chat.
Ich bat FRI meine Tür abzuschließen, verschwand ins Bad unter meine viel zu große, ebenerdige Dusche, warf das heißeste Wasser und den am heftigsten prasselnden Duschstrahl an, den diese gerade noch hergab, ohne etwaige Selbstgefährdungsblockaden zu aktivieren und Warnmeldungen durchs ganze Haus zu verteilen, und entließ alle Enttäuschung und alle niederschmetternde Erkenntnis in so festem, ausgiebigem Schluchzen, dass meine Rippen schmerzten und meine Muskeln nur noch Gelee schienen, als ich wieder herauskroch.
Musik:
Even for You (From "Avengers: Infinity War"/Score) - Alan Silvestri
In Your Likeness – Woodkid