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Metanoia

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Metanoia

Disclaimer:

Zitate aus dem Marvel Studios-Film Captain America: Civil War (2016) werden in diesem Kapitel durch besondere Anführungszeichen ("'..."') ausgewiesen.

Kapitel 13: Metanoia

„Okay, ich habe genug davon.“

Tony klang mild genervt, als er mir das StarkPhone aus der Hand schnappte und sich angesichts meines finsteren Blicks mehr verstimmt in seinen Stuhl zurückfallen ließ. Er steckte es in sein Sakko ein, was mich nur noch empörter die Brauen heben ließ, aber er rollte bloß mit den Augen und nickte zu meinem Teller.

„Iss dein Sandwich.“

„Das tue ich doch?“, knurrte ich. Wie zum Beweis hob ich das zusammengedrückte Exemplar, das ich in der linken Hand hielt und aus dem seit geschlagenen Minuten die – zugegeben – köstliche Chutney-Sauce tropfte und meine Finger herabrann. Ich ließ es auf den Teller zurückfallen.

Kommentarlos warf Tony mir seine Serviette zu.

Während ich mir meinen klebrigen Handballen abtupfte, stierte ich zur nahen Harvard Brücke, über der sich der ungebrochene Verkehr der Mittagsstunde bewegte. Ihr Anblick war unbehaglich vertraut und immer noch ganz genauso unansehnlich praktikabel, wie ich sie in Erinnerung hatte, auch wenn ich noch nie ein Mittagessen am Ufer des Charles River eingenommen hatte. Besagter Fluss lag lebendig fließend vor uns, angetrieben von den Regenfluten, die die Tage zuvor auf Boston niedergegangen waren, aber zumindest der Blick auf das gegenüberliegende Ufer war nicht eingetrübt von vorherbstlichen Dunstschwaden, die an Regentagen die größtenteils kastenförmigen Hochhäuser vollends ergrauen ließen, die ohnehin so gar nichts mit der strahlenden Imposanz der New Yorker Billionaires‘ Row zu tun hatten.

Im Moment schien die Sonne auf uns herab und zumindest bis zum Nachmittag sollte sich das heitere Wetter halten, weshalb wir die Außenterrasse dieses schmucken, kleinen Cafés nahe des MIT Hauptgebäudes gewählt hatten.

Bis gerade eben hatte es kaum einen privaten Moment zwischen uns gegeben. Noch Minuten zuvor hatte Tony Autogramme gegeben, schlagfertige Antworten auf jeden Fan-Kommentar geliefert und für einzelne, zügige Fotos stillgestanden, selbst noch hier bei Tisch, bis die Männer unserer Security und die Angestellten des Cafés den Bereich letztendlich für uns abgesondert hatten. Nun stand unser Personenschutz, der eigentlich mehr mit Viehtreiberei beschäftigt war, einige Schritte entfernt in Tonys Rücken. Sie hielten sich den restlichen Gästen wie den Massen aus Bewunderern und Beobachtern der nahen Straße zugewandt, um diese auf respektvollen Abstand zu halten, zumindest solange wir unsere kleine Mahlzeit zu uns nahmen und unsere erste mediale Atempause des Tages einlegten, ehe Tony in einer guten Dreiviertelstunde auf die Bühne vor dem versammelten Massachusetts Institut für Technologie treten würde, um seine allseits heißerwartete Rede zu halten und die ausnehmend spendierfreudige Katze aus dem Sack zu lassen.

Es war erst Mittag, aber es fühlte sich bereits an, als läge ein ganzer Tag hinter uns.

Tatsächlich waren wir schon früh am Morgen in Boston gelandet. Happy hatte uns vom Flughafen in das nahegelegene Four Seasons Hotel gefahren, welches in einem der eleganteren Wolkenkratzer von Boston angesiedelt war und zudem nur wenige Fahrtminuten vom MIT entfernt lag. Dort angekommen waren wir in unserer weiträumigen Suite von Erin noch einmal zu unserer dichten Tagesagenda gebrieft worden, während ein paar einbestellte Stylisten ihr Werk an uns verrichtet hatten, um Tony in sein seriösestes unaufdringlichstes Ich zu verwandeln und mir den altbewährten kameratauglichen Look charmanter natürlicher Jugend zu verleihen: Frische Haut, glänzendes Haar, offener Blick.

Tony war es gewohnt, dass man beherzt auf ihn einsprach, während irgendjemand anderes sein Gesicht mattierte und fortwährend einzelne Strähnen zurechtzupfte, mich machte es hingegen immer noch ein wenig zappelig. Es nagte an meiner Geduld, insbesondere da die meisten meiner luftigeren Strähnen spätestens auf dem Weg zum Wagen wieder die Rebellion ergriffen.

Und die hochprofessionelle Vorbereitung in einer stellar hochpreisigen Suite, während meine Mitschüler alle im Technologie-Unterricht bei Meister Chakra saßen, war nicht das Einzige, das mir schon vom frühen Morgen an ein zwiegespaltenes Gefühl bereitet hatte.

Schon vor Wochen hatte Pepper meine Outfits für diesen Tag organisiert und zusammengestellt. Sowohl mein Galakleid für das kommende abendliche Bankett, als auch die leichte Bluse und die elegante, helle Chino, die ich momentan trug und die in enormem Kontrast zu Tonys Äußerem standen, der sich ausschließlich für dunkle Stoffe entschieden hatte. Bis auf zwei kleinere weiße Akzente am Kragen seines T-Shirts trug er heute vom Sakko bis zur Hose ausschließlich dumpfes Schwarz. Es verlieh ihm eine so ungewohnt ernste wie nüchterne Erscheinung, dass es mich inzwischen fast ein wenig reizte ihn anzusehen.

Vielleicht lag es einfach an meinen Nerven, die seit geschlagenen Tagen angefressen blank lagen; aufgewühlt von dem widersprüchlichen Bestreben, mich einerseits für Tony über Tage so unkompliziert wie möglich zu geben, um alles an dieser unseligen neuen Situation zumindest ein wenig wiedergutzumachen, wie mich andererseits restlos dem niedergeschlagenen Missmut zu ergeben, der mit Peppers Auszug aus unserem Leben und der medialen Ausschlachtung meines Football-Tages zentnerschwer auf mir ruhte. Vermutlich war es vor allem die Tatsache, dass Pepper diesen Tag mit uns hätte verbringen sollen und ihre allpräsente Abwesenheit mir nun unentwegt auf den Magen schlug, wann immer sich Erin bei jemandem dafür entschuldigte, dass Pepper Potts kurzfristig leider anderen Verpflichtungen hatte nachgehen müssen und deshalb nicht zugegen war.

Oder vielleicht lag es auch einfach daran, dass Tony sich immer noch gab, als sei alles in bester Ordnung, obwohl ich ihm ansah, dass er genauso geschafft von allem und jedem war wie ich. Obwohl er seit Tagen schon abwesend schien und fahrig und freudlos. Und obwohl ich mehr als alles spürte, dass er frustriert war.

Auch mit mir.

Und ich hatte keinen blassen Schimmer, was ich dagegen unternehmen konnte, außer einfach mitzuziehen und ebenfalls so zu tun, als habe sich nichts geändert.

Ich wagte es nicht einmal mit irgendwem darüber zu sprechen, viel zu besorgt, dass es über mich seinen Weg in die Presse oder auch nur einen größeren Dunstkreis finden könnte, ehe Pepper und Tony noch entschieden hatten, ob sie ihre Beziehungspause überhaupt publik machen wollten oder nicht.

Nicht einmal Daphne hatte ich bislang hiervon erzählt.

Einzig und allein Clint wusste Bescheid. Ihm hatte ich diese Sache am Montagabend in erstem gedankenlosem Reflex anvertraut, als ich mit ihm telefoniert hatte, im Nachgang der Berichterstattungen rund um mein verloren gegangenes Cap und die damit verbundene Spielunterbrechung (den Waters-Gate , wie ihn die Medien so boshaft amüsiert bezeichnet hatten). Tatsächlich war es Clint selbst gewesen, der mich sacht darauf hingewiesen hatte, beiden erst einmal ein wenig Zeit zu geben, sich hierzu öffentlich zu positionieren, ehe ich zu viele Leute ins Boot holte.

Nicht, dass ich vorgehabt hatte, es in der Midtown High herum zu posaunen.

Nein, stattdessen hatte ich die ganze Woche endlose Fragen meiner Mitschüler zur Football-Spiel-Unterbrechung pariert, weiter mit verschiedenen Leuten anzubändeln versucht und trotzdem eine recht gute Performance im Unterricht hingelegt, wie ich im Anbetracht aller Umstände befunden hatte. Pepper hatte mich gebeten, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und mich nicht von ihrer beider Krise beunruhigen zu lassen, und ihr zuliebe hatte ich es versucht. Ich hatte die ersten Nächte nach ihrem Auszug viel wachgelegen und gegrübelt und hatte trotzdem meine Titration im Chemieunterricht gemeistert und laut Coach Wilson auf dem Schwebebalken mit Leichtigkeit brilliert. Er hatte mich im Anschluss unserer Sportstunde sogar beiseite genommen und mich für das Cheerleader-Team der Tigers zu begeistern versucht. Natürlich war mein geschärfter Sinn für Körperbalance einer meiner großen Trümpfe, seit ich surfte und mich daheim abseits des Ozeans mit Yoga in Form hielt, aber es war trotz allem ein Erfolg, den ich mir im Laufe dieses Jahres ganz allein erarbeitet hatte.

Und dann hatte ich heute bei der Begehung am MIT brav alle Hände geschüttelt, die uns gereicht worden waren, und in kühler Brise für ein paar opulente Pressefotos im begrünten Hof des römisch anmutenden Hauptgebäudes des Campus stillgestanden, bei denen ich mir alle Mühe gegeben hatte, erfreut wie zufrieden auszusehen, denn abgesehen von ein paar vereinzelten kritischen Ausrufen und Blicken in Tonys Richtung war uns Boston den ganzen Morgen wirklich wohlgesonnen gewesen. Nach dem ersten Empfang hatte Tony, wie versprochen, sogar eine kleine privatere Runde mit mir über das Gelände gedreht, bei dem er mich entspannten Schrittes mit zahlreichen Gebäuden vertraut gemacht und mich mit knappen Anekdoten zu seiner Studienzeit versorgt hatte. Allseits hatten Menschen auf ihn gelauert und ihn um Fotos oder andere Gesten bekniet und die Campus-Security wie auch unser eigenes kleines Sicherheitsteam damit in Dauerverpflichtung gehalten, aber auf diesem Wege hatte ich zumindest einen Eindruck von diesem frühen Teil seines Lebens bekommen, dem schließlich auch seine enge Freundschaft mit Rhodey entsprungen war.

Kurz danach waren wir in die Labore und Werkhallen verschiedener Institute eingeladen worden. Nanotechnik, Bionik, Kernfusion …

Projektteam nach Projektteam. Durchbruch nach Durchbruch.

Wieder hatte ich allseits freundlich dreingesehen, Testaufbauten und Prototypen begutachtet und den Überblick über all die hochkomplexen Vorstellungen zu behalten versucht, mit denen man uns gnadenlos und ernsten Stolzes überhäufte, während Tony mit jedem zugehörigen Fachartikel längst vertraut geschienen, kurze fachsimpelnde Diskussionen angestoßen und alle Gruppen mit seinen selbstzufrieden trockenen Kommentaren, Komplimenten und Denkanstößen früher oder später zum Schmunzeln und Lachen gebracht hatte.

Er hatte mich eingebunden, hatte unaufgeregt in seinen Schritten gestockt und mich trotz aller zeitplangebundener Beteiligter wieder aufschließen lassen, wann immer ich schier überwältigt zurückgefallen war. Während aller Begutachtungen und Gespräche hatte er mich an seine Seite genommen und hier und da die elementare Idee einer Sache für mich herausgestellt, von der er wusste, dass ich sie noch nicht sah. Letzteres hatte unseren Augenblicken in seiner Werkstatt so geähnelt, dass mich meine nervöse Anspannung angesichts des versammelten geballten Intellekts meist wieder vollends verlassen hatte.

Denn wenn Tony mir etwas beibrachte oder erklärte, verschaffte es mir stets diesen kleinen Moment der Klarheit.

Und es hatte nicht bloß mit meinem exponentiell wachsenden Verständnis für physikalische Gesetze, faszinierende Werkstoffe und technische Raffinessen zu tun, sondern damit, dass es mir vor allem deutlich machte, dass er wusste , dass ich kein Wunderkind war, es ihn aber nicht weiter kümmerte und es mein berechtigtes Interesse an der Ingenieurskunst in seinen Augen nicht im Geringsten schmälerte.

Nein, er nahm es ernst. Ernster noch, als ich selbst es oft tat.

Und das war das Beste an ihm.

Sehr viel bescheidener machten mich dann wieder die modernisierten Museumsbereiche des MITs, in denen seine wegweisendsten Arbeiten und die seines Vaters intensiv begutachtet wurden. Ähnlich, wie schon vor etwas mehr als einem halben Jahr in L.A., machte mich das beeindruckende Schaulaufen ihrer beider Genialität und die dichte Aufmerksamkeit aller anwesenden Studenten und Institutsangehörigen, die uns an diesem Punkt der Begehung wieder folgten, innerlich verschwindend klein. Meine eigene ungebundene Faszination holte mich wiederholt ein und wummerte in mir mit stolzer Wärme, während ein anderer Teil von mir einmal mehr realisierte, wie gewaltig ihrer beider Vermächtnis war und wie sehr es urplötzlich mein ganzes Leben bestimmte.

Und das keineswegs nur im Guten, wie mir jüngste Schlagzeilen nur noch bewusster gemacht hatten.

Niemand sah mich, konnte es nicht einmal, denn niemand dort draußen wusste, was es wirklich bedeutete, sein Kind zu sein. Alle sahen nur das Stark-Mädchen, das nun alles besaß; das sich in VIP-Suiten mit den Kindern reicher New Yorker herumtrieb und millionenteure NFL-Spiele wegen irgendwelcher Nichtigkeiten sabotierte.

Und wenn ich mich gerade mit dieser Realität auseinanderzusetzen versuchte, in der ich gar nicht gewinnen konnte , raubte man mir einfach mein Smartphone.

„Ich habe den ganzen Tag noch nichts dazu gelesen!“, rechtfertigte ich verstimmt.

Tony schniefte. „Und nach heute Mittag wird ohnehin keiner mehr über das Spiel reden. Das hier ist viel interessanter.“

„Dass ich die Schule geschwänzt habe, um am MIT einen Spaziergang zu machen? Ja, stimmt, klingt großartig. Der Waters-Gate endet nicht.“

„Schwänzen wäre es, wenn ich nichts davon wüsste. Das hier ist von mir genehmigt. Du bist entschuldigt. Ich fülle nicht umsonst den ganzen Papierkram aus.“

„Es war ein Formular. Du musstest nicht mehr hineinschreiben als das Datum. Autogramme gibst du gerne.“

„Ich musste es ausdrucken .“

„Ja, weil sie es abheften.“

Verdrossen sah er zurück ins Café. „Ich bin sicher, sie scannen es ein und legen es digital wieder ab.“

„Kann schon sein.“ Achselzuckend wie unentschlossen nahm ich mein Sandwich wieder auf, drückte es an den verbliebenen Ecken etwas zusammen und sah ihn an. „Sie wollen die Originale bestimmt bloß sehen, um sicher zu sein, dass es nicht mit irgendeiner Bildbearbeitung gefälscht wurde.“

Unzeremoniell biss ich in meine Mahlzeit und begann wieder zu kauen.

„Wenn ich Ihnen eine E-Mail schicke, ist das eine seriösere Quelle als ein Blatt Papier mit einer Unterschrift, von der die halbe Welt weiß, wie sie aussieht. Jeder könnte sie imitieren.“

Ich schluckte. „Ich könnte die Mail selbst geschrieben haben. Über deinen Account.“

Tony hob eine Braue. „Ich stehe an der Spitze der Forbes 100 und auf der Kurzwahltaste des Verteidigungsministeriums. Mein E-Mail-Account ist Fort Knox.“

Dumpf verdrehte ich die Augen. „In Ordnung“, murrte ich. „Bekomme ich jetzt einfach mein Smartphone zurück?“

Tony verschränkte die Arme. „Wieso? Wartet jemand Besonderes auf sein obligatorisches Herz-Emoji?“

Mein Kauen verlangsamte sich. Zwei Sekunden sahen wir uns bloß über den kleinen Café-Tisch hinweg an, während Menschen von der nahen Straße aus schon wieder nach ihm riefen, dann schluckte ich überlegt mein Bissen herab und hob bemüht ahnungslos beide Brauen. „Hm?“

„Nat sagte, ich bin ein Trottel. Das mit dir und Canada Goose laufe schon den ganzen Sommer und anscheinend weiß es längst jeder außer mir.“

„Das ist nicht wahr“, widersprach ich auf der Stelle. „Pepper weiß es auch nicht. Eigentlich weiß es fast keiner. Clint und Nat haben es ganz allein herausgefunden – aber sie sind schließlich Spione, oder nicht? Na ja, und Happy weiß es, irgendwie ...“ Und meine Freunde. Und Elijahs Eltern.

Mum wüsste es auch, wenn es noch mehr von ihr gäbe, als einen Stein auf einer Wiese.

„Außerdem waren wir den halben Sommer gar nicht hier“, brummte ich, „also … lief da nicht viel.“

„Da lief nicht viel?“ Tony sah betont unbeeindruckt drein. „Wie viel lief denn so zuletzt?“

Hitze kroch meinen Hals herauf. „Das meinte ich nicht.“

„Nat sagte, es sei alles ganz niedlich und unschuldig.“

„Stimmt ja auch.“ Verlegen zupfte ich an meiner Serviette. „Wir halten bloß Händchen und so.“

„Und verbringt die Nachmittage im Pool“, ergänzte er höflich.

Ich wurde noch ein wenig röter. „Ich bin bloß ein wenig geschwommen. Elijah hat gelernt. Er war nicht einmal selbst im Wasser ...“ Mein Herz stockte. „Ich mag ihn. Es ist … Es hat sich eben irgendwie entwickelt.“

Seine Pupillen folgten meinem mageren Schulterzucken, aber seine Miene blieb unbeteiligt.

„Bist du sauer?“, vergewisserte ich mich vorsichtig.

„Nein. Ich bin beleidigt.“

Obwohl meine Wangen angesichts seiner simplen Dramatisierung warm blieben, spürte ich mich entspannen. „Also, ist es … kein Problem, oder?“

„Ich bin gerade Vater geworden. Wenn ich das gemeistert habe, können wir darüber sprechen, Großvater zu werden. Davon abgesehen … Nein, überhaupt kein Problem.“

Sein warmer Blick entschärfte seine mehr als trockene Erwiderung.

Tony zögerte. Ich sah seiner sich bedacht wandelnden Miene bereits an, dass er etwas zu hinterfragen gedachte, bei dem er keineswegs sicher war, wie er es recht angehen sollte, als er jede Ironie wieder fallen ließ. „Hat Maya mit dir darüber gesprochen?“

Ich stockte. „Mum?“

Er nickte. „Ja, habt ihr euch über Jungs und Hormone und all das unterhalten? War das Thema?“

„Nein“, gestand ich widerstrebend, „nicht so wirklich …“

Peinlich berührt wich ich aus, denn ich wusste nicht, ob Mum es überhaupt so dramatisch gehandhabt hätte. Vermutlich wäre es mehr schleichend passiert. Sie hätte nachgehorcht, sich erkundigt, Elijah und mich beobachtet und gelegentlich ein klein wenig und mehr beiläufig nachgehakt. Ich wusste, ich wäre darauf angesprungen, ich hätte sie von ganz allein aufgesucht, kurze, alles unkomplizierte kleine Momente, wieder und wieder, und am Ende wäre jede meiner Fragen zufriedenstellend geklärt gewesen, ehe ich noch ganz realisiert hätte, welche Art Gespräch wir in Summe geführt hatten.

Es wäre niemals peinlich gewesen. Es wäre … einfach geschehen.

„Es gab keinen Grund“, sagte ich. „Ich hab vorher niemanden getroffen oder so.“

Tony nickte. „Was dachte sie ganz generell über das Thema?“, erkundigte er sich, als sei nicht viel dabei. „ Wäre es ein Problem gewesen?“

Ich schnupfte ein kurzes Lachen. „Sie hat einmal zu Jane gesagt, sie würde mir nur ihren Segen geben, wenn Dev ihn mag.“

Er lächelte.

Schnell holte ich Luft. „Aber wir haben in der Schule über --- diese Sachen gesprochen“, versicherte ich schon. „Und so ist das gar nicht. Wir – wir tun das nicht …“

Sichtlich unterhalten hob er die Brauen. „Und Smooth Jazz sieht das genauso?“

Ich stöhnte.

„Wie auch immer.“ Zufrieden sah er beiseite. „Nat sagte, ihr könnt gerne mal ein wenig dazu plaudern, falls du weiterhin lieber mit ihr als mit mir über Kontrazeption, Konsens und dem ganzen anderen Kamasutra für Anfänger sprechen willst.“

Ich spürte es, mein Gesicht glühte schon wieder, und einmal mehr wurde ich mir der nahen Security und aller uns beobachtender Passanten und Studenten bewusst. Ich war mir relativ sicher, dass sie uns nicht unbedingt verstehen konnten, dafür lag genug Abstand zwischen uns und dem nächsten Tisch, aber es machte die ganze Situation nicht wirklich entkrampfter. Ich verbarg meine rechte Gesichtshälfte in einer Hand, als ich schon summte: „Müssen wir wirklich hier darüber sprechen?“

Tony gab sich unbeeindruckt. „Tja, du hast es leider verpasst einen besseren Moment zu wählen.“

„ Jaah . Weil es --- noch gar nicht so weit ist.“

„Außer, dass ihr nachmittags heimlich am Pool herummacht.“

„Es war gar nichts heimlich daran. Wir --- haben nicht --- … Wir waren im Innenhof, ich bin geschwommen, dann haben wir uns geküsst – mehr nicht … Sogar Mr. Magniconte war dort.“

„Ja, so viel habe ich begriffen.“

Unzufriedenheit regte sich in mir. „Es ist also doch ein Problem …“

„Jetzt, da ich so darüber nachdenke, interessiert mich schon ein wenig, was dein blonder Zwilling hiervon hält.“

„Sie hat Elijah noch nie getroffen“, murrte ich. „Sie denkt gar nichts hierüber.“

„Hm.“ Tony musterte mich. „Gut, Status quo wie folgt: Niemand übernachtet bei niemandem. Es gibt keine abendliche Nachhilfe oder Schwimmkurse oder sonst etwas Feuchtfröhliches. Zuerst möchte ich Daphne Balmedas Segen und ein Beratungsgespräch mit Miss Romanoff, bis dahin ist diese Sache als pausiert zu betrachten – heißt, mehr als eure Hände und, ganz gelegentlich, eure Lippen berühren sich nicht. Zurück zur ersten Base, verstanden?“

„Ich kann doch nicht --- mit Black Widow über ---“

„Kondome reden? Doch, vertrau mir, sie hat da eine grobe Ahnung, wie das Konzept dahinter aussieht. Sie wird dir sogar welche zeigen-“

„Oh Gott.“

„Nein, so viel vorweg, damit hat es nichts zu tun. Es ist wirklich simple Biologie. Karma und Störche spielen keine Rolle-“

Zu meiner geballten Erleichterung erschien im selben Moment Erin. Ich spürte, dass Tony soeben fast ein klein wenig Gefallen an einer sacht abstrafenden Rede der Peinlichkeiten zu finden begann, aber Erin beugte sich schon zu ihm herab und er hielt umgehend in seinen Worten inne und sah zu ihr auf.

„Wir sollten in Kürze aufbrechen, Mr. Stark“, empfahl sie. „Das Präsentationsset steht. Mr. Beck hat volle Funktionalität bestätigt. Der Saal füllt sich. In zwanzig Minuten erwartet man Sie auf der Bühne.“

Er nickte.

Erleichtert atmete ich aus.

-/_\-

Mein Blut pumpte, als ich aus dem Auditorium brach.

Immer noch spürte ich hunderte Blicke in meinem Rücken, die mir folgten, aber für den Moment hätte es mich nicht weniger kümmern können, denn als ich die schwere Tür hinter mir ins Schloss fallen ließ, dem abgedunkelten, geradezu überfüllten Saal entfloh und blindlings dem nächsten Flur hinabfolgte, konnte ich an nichts anderes denken als daran, was Tony soeben getan hatte.

Ich war außer mir.

Fassungslos, dass all dies wirklich soeben geschehen war.

Dass er sogar die Bühne des weltbekannten MITs dafür missbrauchte, mich nicht nur zur Einsicht zu bekehren, sondern mich auch noch für meine Erstreaktion auf seine Kreation hinterrücks abzustrafen.

Tony hätte jede Erinnerung wählen können, um seine kostspielige Simulationsapparatur vor versammeltem Publikum unter Beweis zu stellen; jede Erinnerung hätte genügt, um diese unbeschreiblich naturgetreue Projektion ausreichend überzeugend zur Schau zu stellen, aber stattdessen hatte er diese eine gewählt.

Den letzten Vormittag mit seinen Eltern.

Da machte es keinen Unterschied, dass diese allzu reale Szenerie auch mir für einen Moment schier die Sprache verschlagen hatte. Ich hatte S.E.N.F. vorher nie in Aktion gesehen, mich eine ganze Woche bestmöglich davor gedrückt, auch nur die technischen letzten Proben für den anvisierten Vortrag zu Gesicht zu bekommen, viel zu besorgt, er könnte den Moment trotz seines Versprechens nutzen, um mich erneut für seine Sache zu gewinnen, und jetzt da ich S.E.N.F. gezwungenermaßen begutachtet hatte , musste ich zugeben, dass er nicht im Geringsten übertrieben hatte: Das holografische Abbild schien so greifbar und lebendig, dass es fast unmöglich gewesen war zu sagen, wo seine bildgemachte Erinnerung endete und unserer aller Realität begann.

Ich hatte den Anblick meiner lebensgetreuen Großeltern aufgesogen wie die Wiederkehr eines Totgeglaubten. Festgebrannten Blickes war ich ihren Erscheinungen gefolgt, hatte jede mir so fremde Regung studiert, sowohl ihre Gesten, all ihre gewechselten Blicke wie auch den schieren Klang ihrer Stimmen , nicht länger verzerrt vom sachten Rauschen und oft verfälschtem Ton altmodischer Aufnahmegeräte.

Zwei lange Minuten hatte ich kaum geatmet, keinen einzigen der hunderten weiteren Menschen um mich herum wahrgenommen, abgesehen von der lebenden, atmenden Illusion dieser drei Personen direkt vor mir auf der breiten Bühne. Selbst Tony, nur wenig älter als ich, der mit seinen Eltern über ihre geplante Abwesenheit über die Weihnachtsfeiertage in spürbar verletztem Spott debattierte.

Ich sah all unsere Ähnlichkeiten klarer denn je.

Aber dann hatte sich etwas verändert. Maria Stark hatte ihr Klavier verlassen – ein Klavier, von dem ich nun endlich verstand , was es in Malibu Point suchte, auch wenn es nach dem Angriff des Mandarin sehr wahrscheinlich eher eine kostspielige Replik war – und schleichend war aus einer etwas scharfzüngigen Jugenderinnerung eine Abschiedsszene geworden.

Und das nicht für wenige Tage, sondern für immer .

Ihre Worte und Blicke waren irgendwann so deutlich geworden, dass ich diese Szene jäh wiedererkannt hatte, auch wenn ich sie zum allerersten Mal sah. Denn in meiner eigenen Variante hatte auch ich sie längst hunderte Male durchgespielt und nie hatte ich dabei zu einem befriedigenden Ende gefunden.

Es gab nur ein Ende, das mir Frieden schenken konnte.

Und es war das einzige Ende, das ich nie bekam.

Das Ende, in dem sie weiterlebten .

Tony jedoch entschied sich für den Abschied. Seinem Schicksal ergeben.

"'So hätte ich es mir gewünscht"', hatte er zugegeben, als seine reale Gestalt langsam ins Bild zurückgetreten war.

Plötzlich war meine gesamte stumme Faszination in ein hartes Knäuel lähmender Starre und Erkenntnis zusammengesackt, hatte mir auch den letzten Atem geraubt und mein Herz kalt wie heiß umgriffen, denn schlagartig hatte ich verstanden; sowohl, was Tony hiermit vor aller Welt preisgab, als auch, was all dies wirklich sollte.

"'Sensitives emotionales Neuro-Framing, kurz S.E.N.F"', hatte er erläutert. Die Simulation hatte sich Bestandteil für Bestandteil wieder aufgelöst und ihn in ein Netz blauen Lichtes gehüllt, bis er wieder in nicht mehr als den mir bereits bekannten weißen Aufbauten gestanden hatte.

Sein bedeutungsschwangeres Nachwort hatte es da gar nicht mehr für mich gebraucht.

"'Das ändert nichts daran, dass sie nie am Flughafen angekommen sind"', war er nach sehr abgespeckter technischer Erläuterung zum Abschluss gekommen. "'Und nichts an den Dingen, die ich getan habe, anstatt zu trauern …"'

Worte, die mich eindeutig darauf aufmerksam zu machen versuchten, wie sehr unserer beider Schicksale sich glichen. Der betont blanke Blick, mit dem er dabei die breite Menge des spürbar berührten Publikums bedacht hatte, konnte nichts an der pochenden Wucht abmildern, mit der ich mir schlagartig dieses hinterrücks platzierten und doch unmissverständlichen Versuchs bewusstwurde, mich im Zuge dieser Vorstellung letztendlich doch zur Einsicht zu bewegen.

Diese Präsentation fand am MIT statt und doch galt sie in ihrem Kern mir .

Ganz genau wie S.E.N.F.

Es war sein zweiter Anlauf, mich für diese Technik zu begeistern. Tony gab vor hunderten Menschen sein Innerstes preis, bloß um mir zu beweisen, dass er sehr wohl wusste, wovon er sprach; dass er selbst dort gewesen war; dass es notwendig war und … er ganz sicher nicht zulassen würde, dass ich denselben Ausweg wählte.

Er hatte S.E.N.F geschaffen, um dies zu verhindern.

Und vielleicht hätte es mich diesmal stumm beschäftigt auf meinem Platz gehalten.

Aber dann hatte er mich mitten in seinen Worten urplötzlich geradewegs angesehen und sich nicht verkneifen können, meine eigenen Worte vom vergangenen Freitag in restlos trockener Manier zurückzuwerfen.

"'Plus 611 Millionen Dollar für … mein kleines Therapie-Experiment"', hatte er pointiert bemerkt, seine Miene unverändert ausdruckslos, aber seine Brauen sacht ankreidend gerunzelt.

Das Publikum hatte geschmunzelt, immer noch ein wenig gerührt, aber in mir war es für eine kurze Sekunde beschämend still geworden.

Jählings hatte ich mich erhoben, die gesamte erste Reihe passiert und den Saal verlassen.

Er hatte mir kurz nachgesehen, hatte seinen Vortrag aber vollkommen ungehindert fortgeführt.

Als ich nun unruhig auf dem breiten Korridor auslief, völlig ahnungslos, wohin und wie weit mich meine Schritte getragen hatten, und aufgewühlt und vage verletzt auf der Stelle auf und ab zu tigern begann, überkam mich ganz kurz der überwältigende Drang, einfach Pepper zu schreiben.

Aber kaum, dass ich mein StarkPhone in der Hand hielt, zog sich etwas in mir nur noch unglücklicher zusammen und erinnerte sich daran, dass so etwas so ziemlich das Letzte war, das sie nun brauchte, um zu Tony zurückzufinden, und ich tat es nicht.

Stattdessen schrieb ich Clint.

„Du bist einfach raus?“, fragte er trocken und ohne den geringsten Umschweif, als er kurz darauf anrief.

Ernüchtert sackte ich gegen die trostlos gestrichene Wand des Korridors und biss mir auf die Unterlippe. „Ja, mittendrin.“

„Du weißt, wie persönlich er das nehmen wird?“

„Ich bereue es bereits, okay?“ Ich schluckte. „Soll ich wieder reingehen?“

Clint gluckste. „Wie lange geht sein Vortrag noch?“

„Nicht lange. Ein paar Minuten. Die Präsentation ist vorbei. Er stellt jetzt nur noch die Finanzierung vor, glaube ich.“

„ Willst du wieder rein?“

Unentschlossen grummelte ich.

„Wo steckst du gerade?“

„Keine Ahnung. Irgendwo hier im Gebäude.“ Beiläufig schielte ich den Korridor auf und ab, als mir bewusstwurde, wie wenig Tony auch das gefallen dürfte. „Hier ist niemand außer mir, keine Sorge.“

„Oh, ich bin nicht besorgt. Du solltest es sein. Er wird richtig unausstehlich sein, wenn er dich gleich findet.“

„Er hat das mit voller Absicht getan, Clint“, protestierte ich, unverhofft frisch entrüstet. „Was hat er erwartet? Ich sagte, ich will es nicht ausprobieren. Ich rede mit Sam, wenn es sein muss, das hatten wir geklärt. Diese Woche erst haben wir über alles geredet, nach der --- na, der ganzen Sache im Stadion. Er sagte, er stellt S.E.N.F. erstmal als Option zurück, solange ich mich zu --- ein paar Video-Calls mit Sam bereiterkläre, damit er ihm dabei helfen kann, besser einzuschätzen, was ich brauche . Er sagte, dass er Sam noch nicht lange kennt, aber dass er Steve dahingehend vertraut und dass er deshalb ziemlich sicher sei, dass Sam vollkommen unparteiisch in dieser Sache bleiben wird, was gut für uns beide sei. Und ich habe zugestimmt.“ Ich sog nach Luft. „Ich habe gar keine Lust darauf, aber okay, ich sehe es ein. Ich soll mit jemandem reden, dann mache ich es. Ich habe zugestimmt. Und jetzt stellt er sich trotzdem dorthin und sagt --- solche Dinge.“

Clint schwieg.

Entrüstet stieß ich mich von der Wand ab. „Findest du das etwa in Ordnung ?“

„Schalt einen Gang runter, Stark Junior.“

Meine Schuhsohlen quietschten auf dem Linoleum. „Es ist unfair, Clint.“

„Das alles sind Optionen, Sola. Er will dir helfen.“

„Aber er hilft mir nicht im Geringsten, indem er mir einfach jedes Wochenende versaut! Das hilft --- so überhaupt nicht .“

Clint seufzte. „Sola, komm schon.“

Ich ignorierte ihn. „Es --- es tut mir ja leid“, ächzte ich. „Alles. Das mit Pepper und --- dass ich offensichtlich so ein Problem bin-“

„Du bist kein Problem, Kind.“

Ich verstummte. Doch , pochte es in mir. Doch, das bin ich.

Eben gerade hatte ich es wieder bewiesen. Nicht einmal einen einzigen Tag konnte ich dem ausgelegten Plan folgen; nicht einmal, wenn es nichts weiter zu tun gab, als brav Schritt zu halten und dazusitzen.

Und Tony war ein Problemlöser. Er reparierte und verbesserte, notfalls auch mit der Brechstange, das hatte er mir selbst gesagt.

„Wie lief es vorher? Vor dem Vortrag?“, erkundigte sich Clint spürbar gewillt, meinen Aufruhr weiter zu befrieden.

In meinem Kopf schäumte es.

Unzufrieden atmete ich aus. „Heute?“, murrte ich. „Ganz okay, wir haben uns den Campus angesehen. Und ein paar Projekte …“

„Und die Woche?“

Ich zögerte.

„Seid ihr klargekommen?“

„Du meinst zu zweit?“, grunzte ich. „Ja, alles wie immer.“

„Sola, wenn du keine Lust hast, sag es mir einfach, dann reden wir eben nicht darüber, aber hör auf mich anzuraunzen“, beschied er mir trocken.

Unglücklich schluckte ich.

„Wir haben nicht mehr über Pepper gesprochen, nein , wenn das die Frage war“, relativierte ich rau. „Ich --- will auch gar nicht darüber reden, okay?“ Wieder wurde mir bewusst, wie ungewohnt stoisch und abwesend Tony die gesamte Woche gewesen war. Er war zwar völlig unverändert unterwegs gewesen, hatte an Meetings und Konferenzen teilgenommen, telefoniert, debattiert , stundenlang hochkonzentriert in seiner Werkstatt getüftelt, Fachartikel nach Fachartikel durchforstet und sogar die Personaldecke im Avengers Hauptquartier gesichtet und nach Steves Vorstellungen finanziell aufgestockt, aber nichts davon hatte er mit irgendeinem Anflug größerer Emotion getan. Selbst als Rhodey am Mittwochnachmittag bei uns aufgeschlagen war, hatte er ihn bloß abgefangen und in eine Diskussion über optimierte Schubdüsen und Lasertechnik verwickelt. Mir war nicht einmal klar, ob Rhodey überhaupt von Peppers Auszug aus dem Tower wusste. „Sie sollen das einfach miteinander klären“, murmelte ich, mein Herz so dicht wie meine Kehle, „und bis dahin --- ist es mir egal.“

Meine Worte gaben Clint zu denken. „Wie geht es Tony?“

„Er tut, als wäre nichts“, brummte ich. „Aber er ist ziemlich beschissen darin.“

„Ja, das habt ihr gemeinsam.“

Muffig schwieg ich. Wieder stierte ich beiläufig den leeren Korridor hinab.

Das unansehnlich grünliche Linoleum glänzte vor frischer Politur.

„Lass das Gefluche, wenn er dir gleich auf die Pelle rückt, in Ordnung?“, empfahl Clint so friedfertig, dass es mich tatsächlich mit vager Ruhe durchströmte. „Denk einfach an morgen. Ihr fahrt nach Nashua, du siehst Daphne – das Wochenende ist noch nicht vorbei, Sola. Vergiss den Kram auf der Bühne. Ihr macht es so wie besprochen. Du sprichst mit Sam, er spricht mit Tony. Das funktioniert schon.“ Clint zögerte. „Und wenn Tony sich gerade ein wenig … bedeckt hält, dann vermutlich nur, um es euch beiden einfacher zu machen, okay? Es ist nichts entschieden, Sola. Und selbst wenn, wird er schon noch darüber sprechen. Ihr bekommt das hin. Alle drei.“

Obwohl er mich nicht sehen konnte, nickte ich stumm. Irgendwo in meiner Nähe vernahm ich einen nun ergiebigen Strom begeisterter Stimmen und schlagender Türen.

Der Vortrag musste vorbei sein.

Ich zögerte, noch nicht ganz bereit aufzulegen.

„Er weiß von Elijah“, sagte ich.

„Ja? Was hat er gesagt?“

„Ich soll mit Nat reden .“

Clint schmunzelte. „Ja“, bestätigte er. „Solltest du.“

Knapp stöhnte ich auf, dann schielte ich zur nächsten Tür, hinter der der Lärm sich sammelnder Massen lauter und lauter wurde. „Okay, ich glaube, sie sind fertig. Ich … such ihn dann mal. Oder Erin.“

„Tu das.“

Widerwillig legte ich auf und sah mich um.

-/_\-

Überzeugt, dass es mein aktuelles Tageskonto bei Tony wieder ein wenig ausgleichen würde, entschied ich mich dagegen, den Weg durch die unüberschaubare Menge zurück ins Auditorium zu beschreiten, und es ihm stattdessen leicht zu machen, mich für meinen kränkenden Boykott festzunehmen. Darum machte ich mich geradewegs auf die Suche nach dem Backstage-Bereich der Bühne, dem ich mich ohnehin auf meinem zuvor ziellos siedenden Marsch rein gebäudegeographisch genähert haben sollte.

Es dauerte ein paar Augenblicke, aber schließlich entdeckte ich nahe einem offenkundig akademisch gestalteten Treppenhaus ein paar wegweisende Beschilderungen, die mir versicherten, dass ich instinktiv die richtige Abzweigung gewählt hatte.

Draußen schien es nach dem recht milden Vormittag wieder zu regnen. Das Fensterglas war überzogen von Schauertropfen, die gemächlich hinabrannen und sich wie ein dichter Tränenfilm am niederen Glasrand sammelten.

Gerade, als meine Hand an die Klinke einer schweren Feuerschutztür sank, die ein wenig an den Eingang zu einem OP erinnerte und hinter der ich den Zugangsbereich zur Bühne vermutete, ertönte eine einnehmend melodiöse Stimme in meinem Rücken: „Sola?“

Ich wandte mich um.

„Falls du die Toiletten suchst – ich würde diese dort nahe dem Verwaltungsbereich wählen.“ Quentin Beck wies weiter den Korridor hinab. „Die im Backstage-Bereich sind ein wenig spartanisch ausgestattet.“

Er lächelte und erneut überfuhr mich sein geradezu stechendes Charisma mit einer Form verwirrter Überrumpelung. Ich wusste nicht, was es in Quentin Becks Blick war, das mich kurzzeitig sprachunfähig machte, insbesondere seitdem ich mir recht sicher war, dass weder Tony, noch Pepper allzu große Stücke auf ihn hielten und er ganz sicher kein großes Tier bei Stark Industries war, aber immer noch machte mich seine einnehmend wichtigtuende Art seltsam befangen.

Wie jemand, den man nicht recht mochte, aus Gründen, die man sich selbst nicht erklären konnte, und den man sich trotzdem zum Freund hielt, bloß weil ein gewisser Urinstinkt es einem fortwährend zuraunte.

Seine Haare waren sorgsam gegelt und zurückgekämmt, aber ansonsten schien Beck beinahe eine Kopie seiner selbst von vor einer Woche. Er trug einen dunklen Rollkragenpullover und darüber ein graues Sakko, das ich bei bestem Willen nicht von seinem damaligen zu unterscheiden wusste.

Ich fragte mich, ob er aus Prinzip jeden Morgen in dieselbe Aufmachung stieg, oder ob er es vielleicht als essentiellen Teil seiner charmanten Selbstinszenierung sah, die ihn von Tony abzugrenzen gedachte und ausgerechnet heute von ihm torpediert wurde, da er denselben gedeckten, bescheidenen Stil gewählt hatte.

„Eigentlich suche ich Tony“, hörte ich mich sagen.

Meine Hand wanderte zurück zur Türklinke, obwohl sein Blick mich geradezu freundschaftlich gewogen gebannt hielt.

„Ah, richtig. Ja, er sollte hier irgendwo sein.“ Als erwartete Beck ihn jeden Moment aus einem der angrenzenden Korridore treten zu sehen, warf er einen untermalend schweifenden Blick um sich. Sein Lächeln setzte sich und weitete sich zugleich, wie es das oftmals bei Menschen tat, die sich bereitmachten, länger währenden Smalltalk zu betreiben. „Tony?“, fragte er. „Noch nicht Dad, hm? Ich stelle mir vor, dass das ein … schleichender Prozess ist.“

Ich zögerte und ließ die Türklinke wieder los, wenn auch bloß, weil es mir seltsam vorkam, sie angesichts seines nun so viel satteren Ton weiter zu halten, der eindeutig eine Konversation suchte.

„Eigentlich sage ich beides.“ Kurz hob ich die Schultern. „Haben Sie ihn gesehen?“

Oder ist er noch auf der Bühne? , hatte ich gemeint. Gibt er noch ein spontanes Q&A? Oder darf ich mir gleich bis zum Bankett eine ganze Abhandlung sarkastischer Seitenhiebe anhören, bloß weil wir uns verpasst haben?

Aber Quentin Beck verstand mich falsch und vielleicht tat er es gar absichtlich.

„Oh ja, einwandfreie Präsentation“, bestätigte er. „Es hat zwar nur die zarte Oberfläche der Möglichkeiten angekratzt, zu der … diese Technologie wahrlich imstande ist, aber das Publikum war sprachlos.“ Unterstreichend hob er eine Hand. „Es wundert mich nicht. Es ist durchaus überwältigend, diese Technik zum ersten Mal zu erleben. Sie ist außerordentlich immersiv. Eine wirklich überzeugende Illusion. So --- real . Menschen reagieren ganz unterschiedlich darauf. Wenn man vollkommen unvorbereitet damit konfrontiert wird, kann es durchaus beängstigend sein.“

Prompt begriff ich, dass er trotz des abgedunkelten Saals meine verfrühte Flucht aus Tonys Rede bemerkt hatte, und wenn er es getan hatte, dann mit ihm sicher auch eine Vielzahl weiterer Beteiligter.

Sacht beschämt wusste ich nichts zu erwidern. Ich schluckte. Mein Blick glitt zur Brandschutztür zurück.

Im selben Moment öffnete sich diese. Für eine Sekunde hoffte ich, es sei Erin, die mir ganz sicher mitteilen konnte, wo Tony abgeblieben war, wenn sie ihn nicht selbst bereits im Schlepptau führte, aber es war bloß eine unbekannte, dunkelhäutige Frau in flachen Schuhen, violettem Kleid und dunklem Blazer.

Da wir umgehend ein paar Schritte von der Tür zurückwichen, um ihr Raum zu geben, wanderte ihr Blick kurz über unsere Gesichter. Sie nickte mir zu.

Ich erwiderte die Geste mit einem schnellen, beiläufigen Lächeln.

Als sich die Tür erneut öffnete und Tony hindurchtrat, war sie bereits den halben Korridor hinab.

Er stockte, als er mich sah.

„Ah, da sind Sie“, ergriff Beck genüsslich das Wort. „Mr. Stark, darf ich sagen, eine wundervolle Geste, ja, wirklich großzügig. Die Finanzierung sämtlicher Projekte des MIT für ein volles Semester und das ohne die geringsten Auflagen! Das setzt zweifellos … ein Zeichen. Eine regelrechte Metanoia.“

Für eine Sekunde sah Tony der Fremden nach, sein Blick abwesend wie starr, dann sprang er erneut zu mir herüber und festigte sich. Er schien Beck nicht einmal zu bemerken, als bereits ein jäher undeutbarer Funke durch seine wie in schimmernde Glasur getauchten Pupillen zog.

Etwas in seiner Schläfe verspannte sich.

Ich deutete es exakt als das, was es ganz unmissverständlich war.

Ärger . Und zwar von der unangenehm reinen Sorte.

Gewillt meinen vorherigen unverblümten Abgang zu erklären und zugleich meinen Frust über seine Entscheidung auszudrücken, der mich sofort wieder einholte, öffnete ich den Mund, dann bemerkte ich das Foto eines Mannes in seiner linken Hand und schob irritiert die Brauen zusammen.

Er schien jung, vielleicht gerade zwanzig, war dunkelhäutig und lächelte zufrieden in die Kamera.

Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen.

„Was ist das?“

Sein Blick sank herab. Als bemerke er selbst soeben erst, dass er es krampfhaft fest in den Fingern hielt, stockte er kurz und schob es unvermittelt in seine Hosentasche, ohne mir noch die geringste Antwort zu liefern. Ich war mir sicher, dass er es ruinierte, so rücksichtslos, wie er es zeitgleich zusammenfaltete und wegsteckte.

Sein Mundwinkel knetete kurz, als er wiederholt den Flur hinabsah und mir schon mit vage entgegen gestrecktem Arm bedeutete, mich in Bewegung zu setzen. „Komm.“

Angesichts seines Tons, der knapp und gesenkt von reger Unruhe wie Unzufriedenheit zeugte, machte ich keine Anstalten, mich näher bitten zu lassen, aber Beck trat längst so zielstrebig vor, dass er geradewegs zwischen uns trat und Tony gar keine andere Wahl ließ, als seine Gegenwart endlich mit Aufmerksamkeit zu beehren.

„Mr. Stark, nur kurz auf ein Wort. Jetzt, da die Präsentation ein Erfolg war und die Markteinführung zur Therapieanwendung ansteht, sollten wir noch einmal über eine Ausweitung der Einsatzmöglichkeiten des zugrundeliegenden holographischen Systems sprechen. Diese Technik ist einzigartig, aber sie wird es nicht lange bleiben, wenn wir nicht das volle Potential ausschöpfen, das in ihr steckt.“

„Wie ich bereits sagte“, gab Tony knapp zurück. „Im Moment ist hierfür kein Budget vorgesehen.“

Er setzte sich in Bewegung. Schweigend tat ich es ihm gleich.

Etwas in Becks Stirn zuckte. „Kein Budget?“ Ein weites, wenn nun auch eisiges Lächeln wanderte über sein Gesicht. Die nasale Höflichkeit in seiner Stimme ließ mich aufmerken: „Mit Verlaub, sie haben gerade die Finanzierung sämtlicher Projekte des MITs verkündet.“

„Im Rahmen der September Foundation“, stimmte Tony zu. „Einer Stiftung zwecks wohltätiger Förderung im Bildungs- und Forschungssektor. Sie sind Chefentwickler bei Stark Industries. Hier sprechen wir vom kommenden Geschäftsjahr und den hierfür vorgesehenen Budgetierungsplänen. Miss Potts wird Sie gerne näher hierzu aufklären.“

„Dieses System ist mannigfaltig einsetzbar, jetzt da es ausgereift ist. Ich denke, wir können die erheblichen Kosten gewinnbringend wieder einfahren, wenn wir nur ein größeres Produktportfolio anvisieren. Es wird selbst wenig rentable und dafür ethisch wertvolle Produkte wie das Therapieset auf einen erschwinglichen Preis für finanziell weniger stark aufgestellte Kliniken und Rehabilitationszentren drücken, ohne dass wir dabei Verluste einstreichen werden-“

Tony ging gar nicht darauf ein, noch hielt er inne. „Ihre Anstellung bei Stark Industries ist nicht gefährdet. Sie werden einem anderen Projekt zugewiesen. Erin wird Ihnen Genaueres-“

„Ich verstehe nicht, wie Sie dies nicht erkennen können! Das hier ist ein revolutionärer Durchbruch!“, warf Beck dazwischen und plötzlich brannte Empörung in seiner weiten Iris, als er sich zügigen Schrittes wiederholt zwischen uns drängte und Tony damit unvermittelt zwang innezuhalten.

Überrumpelt ließ es auch mich zwei Schritte zurückweichen.

„Es ist keine bloße Spielerei, Tony“, beharrte Beck leidenschaftlich. „Es kann die Welt verändern. Diese Technologie verschafft die Möglichkeit, die Realität der Menschen umzuschreiben, sie selbst zu definieren-“

Tony nickte. „Wissen Sie was? Sie haben recht. Ich habe es mir anders überlegt.“

Erleichtert atmete Beck aus. „Danke, Tony, ich wusste-“

„Sie sind raus. Aus allem. Sie sind gefeuert.“

Nicht nur Beck erstarrte, auch ich tat es.

Jegliche Farbe verließ sein Gesicht.

„Wir benötigen Ihre Expertise nicht länger“, führte Tony unberührt aus. „Morgen Nachmittag können Sie Ihre Sachen unten am Empfang abholen. Das Patent für die S.E.N.F.-Technologie verbleibt im Rahmen der vertraglichen Nutzungs- und Eigentumsvereinbarungen im Unternehmen-“

Eben noch blass, schien Beck nun zu schwellen. Ein Netz aus Adern trat auf seiner Stirn hervor. In zwei kurzen, regen Schritten stand er schon so dicht vor ihm, dass es mich wunderte, wie regungslos Tony angesichts dessen verblieb.

„Das können Sie nicht ernst meinen.“

„Oh. Doch, das tue ich.“ Unbewegt hielt Tony seinen Blick. „Wenn Sie ein wiederholtes Nein bezüglich eines Einsatzes dieser Technologie zu kommerziellen oder militärischen Manipulationszwecken nicht akzeptieren können, erweisen Sie sich nicht nur als unberechenbar kurzsichtig, Mr. Beck, sondern auch als untragbar für Stark Industries. Unsere Zusammenarbeit ist hiermit beendet. Unsere Personalabteilung lässt Ihnen --- alles Erforderliche zukommen.“

Übergangslos sah Tony schon wieder zu mir und nickte weiter voran. Er wirkte finster und ich konnte nicht sagen, ob es allein an Beck lag oder grundlegend auch an mir. Betroffen schielte ich zu Quentin Becks immer noch sichtlich entgeisterter wie nun auch sprachloser Gestalt, meinerseits ein wenig fassungslos wie mitleidslos klar Tony ihn abserviert hatte, während ich seiner wortlosen Aufforderung folgte und mich wieder an seine einladende Seite gesellte.

Schweigend eskortierte er mich den weiten Korridor hinab in den Eingangsbereich und dort durch die immer noch versammelte Menge an Studenten, Presseleuten und Institutsmitgliedern und weiter auf den nicht weniger bevölkerten Vorplatz hinaus.

Ein seichter Regenschauer ging nach wie vor auf Boston nieder. Die kleinen Tropfen prickelten auf meiner Nase und meinen Wangen.

Meine leichte Bluse schien plötzlich fast zu sommerlich. Die Temperaturen fielen.

Anders als zuvor gab Tony diesmal weder Autogramme, noch blieb er für irgendwelche Fotos stehen. Er lächelte nicht einmal wirklich, trotz aller begeisterter Dankesrufe und Fröhlichkeit. Stattdessen strebten wir beharrlichen Schrittes zu Happys wartender Gestalt vor unserem grauen Audi herüber.

Schon wieder ruhte Tonys Blick in auffällig abwesender Ferne. Sein seltsames Verhalten wurde mir unheimlicher mit jeder Sekunde. „Was ist los?“, fragte ich vorsichtig.

Tony antwortete nicht.

In Ordnung, ich hatte sachte Unzufriedenheit erwartet, ein wenig pikierte Verärgerung über meine Reaktion angesichts seines fragwürdigen Überzeugungsversuchs auf der Bühne, vielleicht auch genervte Ungeduld, aber ganz sicher nicht so eine finstere Anspannung, nachdem, davon mal abgesehen, doch alles nach Plan verlaufen war und das MIT ihn feierte.

Jedes Gesicht, das uns entgegensah, strahlte. Tonys eigene nun so starr dunkle Miene ergab für mich keinen Sinn, noch die scheinbare Willkür, mit der er soeben einen seiner Chefentwickler mitten auf einem Institutsflur aus heiterem Himmel gefeuert hatte – nachdem er vergangene Woche Pepper gegenüber erst trocken überzeugt versichert hatte, Becks enervierenden Überredungsversuche und offen platzierten Druckmittel schon bald versanden zu sehen.

„Steig ein“, gebot er mir ruhig, kaum dass wir unseren Wagen erreichten. Ehe Happy danach greifen konnte, hielt er die Hintertür bereits für mich geöffnet.

Sein Blick streifte zurück zur Menge.

Seufzend tat ich wie geheißen.

Da Tony bereits Anstalten machte, sich direkt nach mir hinein zu begeben, rutschte ich widerwillig auf dem Rücksitz durch und machte ihm Platz. Sichtlich aufbruchsbereit zog er die Tür hinter sich zu, schwungvoll genug, um eigentlich unbeschwert zu wirken, aber seine Miene schien immer noch dunkel beschäftigt, als er bereits sein StarkPhone aus der Innentasche seines Sakkos fischte, ohne mir die geringste Erklärung für sein missgestimmtes Verhalten zu liefern.

Er begann zügig zu tippen, vielleicht um Erin über die jüngsten Entwicklungen in Bezug auf Quentin Beck zu informieren. In rasant fokussierter Aufmerksamkeit flogen seine Pupillen über das Display und jedes holographische Pop-Up-Feld, die er allesamt so schnell herbeiwischte, richtete und wieder beiseite schnippte, dass ich, bis auf das Vorhandensein etwaiger Betreffzeilen und Schriftzüge, nichts weiter erkannte.

Eine seltsam unbehagliche Stille erfüllte den Wagen, einzig unterstrichen von dem sachten Prasseln auf der Frontscheibe und dem Autodach und dem dumpfen Stimmengewirr der Studentenmassen in unserer Nähe. Als Happy vor dem Lenkrad Platz nahm, die Fahrertür zuzog und den summend leisen Motor startete, sah Tony gerade wieder auf.

„Bring uns zum Flughafen.“

Mein Kopf fuhr zu ihm herum.

Auch Happy stockte. „Und das Bankett?“

Tony klang gleichgültig. „Findet ohne uns statt. Wir fliegen zurück.“ Da er im selben Moment das StarkPhone wieder einsteckte, sah er endlich zu mir herüber. „Na los, schnall dich an.“

„Wir ---“ Perplex verhaspelte ich mich. „Wir bleiben nicht?“

„Sagte ich gerade.“

„Aber …“ Während ich noch verwirrt über seinen ungeduldig appellierenden Blick stierte und mehr ferngesteuert nach meinem Anschnallgurt tastete, leerte sich mein Brustkorb. „Aber --- wir fahren morgen nach Nashua. Übernachten wir nicht in Boston?“

Tony zögerte. Seine Stirn sprang in mild irritierte Falten. Er antwortete nicht.

Happy fuhr an. „Gibt es einen Notfall?“, erkundigte er sich. „Hat das Hauptquartier dich angepingt? Denn wenn ja, wenn du losmusst, ist das keine große Sache. Ich bringe Sola schon heim. Du kannst ruhig ---“ Unvermutet trat er auf die Bremse. „ Hey, unsere Spur! Richtig gesehen, ich hab dich im Blick. “

Tony entließ leise die Luft.

„Paparazzo ...“ Happy seufzte. „Entschuldige, wo war ich gerade?“

„Notfall – und nein, ist es nicht. Wir fliegen heim.“

Happy sah nun konsequent auf die Straße. „Was ist mit Erin?“

„Stellt sicher, dass die Technik ordnungsgemäß eingepackt und abtransportiert wird. Sie weiß Bescheid, sie kommt nach. Wir warten im Jet.“

„Das Gepäck ist noch im Four Seasons. Sammeln wir es vorher ein? Dann nehme ich die Harvard Bridge.“

„Nein, ist bereits geregelt. Sie bringen es ans Flugfeld.“

Obwohl Happys Stirn in nachdenkliche Falten sank, gab er sich damit zufrieden.

Ich tat es nicht.

„Was ist mit Nashua?“, wiederholte ich. Meine Verwirrung blieb so zäh wie zuvor. „Wir wollten morgen Vormittag bei Daphne vorbeifahren. Später geht es nicht. Louis’ ist ab Mittag bei einem Matheturnier und Dev begleitet ihn, sie hat es ihm versprochen.“

Außerdem wollte ich an Mums Grab.

Es war alles fest eingeplant gewesen. Ein kurzer Besuch bei Daphne, bei dem auch Jessy und Sid hatten vorbeisehen wollen, danach ein weiterer kurzer Besuch bei meinem Großvater und schließlich Mum …

Wir waren nicht mehr als eine Autostunde von Nashua entfernt. Wir konnten jetzt nicht --- einfach wieder umkehren .

Tony griff bereits wieder nach seinem StarkPhone. „Ich weiß“, versicherte er abwesend. „Holen wir nach.“

„Frühestens erst wieder irgendwann nach Halloween“, erinnerte ich ihn. „Vorher findet sich kein passendes Wochenende mehr, an dem es für uns und für Daphne passt. Das hast du selbst gesagt. Ihre Mum hat dir alle Daten geschickt.“

Meine Unzufriedenheit schwoll an, insbesondere, da er nach wie vor mehr mit sich selbst beschäftigt schien oder was auch immer ihm so derb die Laune vermiest hatte, anstatt meinem berechtigten Einwand ausreichend Aufmerksamkeit zu widmen.

Wie angekündigt ließ Happy soeben die Harvard Bridge links liegen und folgte stattdessen dem recht engspurigen Memorial Drive entlang des Ufers des trüben und sich sichtlich dem Hochwasser nähernden Charles River.

„Und wenn ich hierbleibe?“, schlug ich schon vor. „Du fliegst zurück und Happy und ich bleiben über Nacht. Er kann mich morgen Mittag zurück nach New York fahren. Richtig?“

Hoffnungsvoll fasste ich Happy ins Auge. Ohne etwas zu bestätigen oder zu widerlegen, sah er über den Rückspiegel zu Tony weiter.

Etwas in seiner Miene verhärtete. Ich begann ihn zu nerven.

„Ihr habt euch gerade erst gesehen, Sola.“

Es stimmte, seit unserem Sommer in Malibu war kaum ein Monat vergangen, und doch fühlte es sich bereits wieder elend viel länger an. Wie auch nicht? So vieles war seitdem geschehen und auf mich eingeprasselt, dass ich unsere gemeinsame Aufarbeitung all dessen schon jetzt kaum in einen einzigen Vormittag zu pressen vermochte, geschweige denn um einen weiteren Monat zu verschieben wusste.

Und natürlich war es nicht so, dass ich mit Daphne nicht ohnehin nahezu täglich sprach oder schrieb. Ich hielt sie auf dem Laufenden und sie mich – bis auf Peppers jüngsten Umzug wusste sie über alle Vorkommnisse der vergangenen Wochen bestens Bescheid.

Aber auch sie war tief in das gerade begonnene Schuljahr verstrickt. Auch sie hatte ein Leben außerhalb unserer Videoanrufe und es gestaltete sich dichter und losgelöster von dem meinen denn je.

Und deshalb war es etwas vollkommen anderes, leibhaftige Zeit mit ihr zu verbringen.

Mit ihr herumzualbern, zu lachen, zu atmen .

„Wir sind doch schon hier …“, protestierte ich.

Anstatt darauf einzugehen, atmete Tony bloß durch die Nase aus, hob vage das Kinn und stierte drei Sekunden unberührt geradeaus, als sei ich es, die sich aus heiterem Himmel völlig absurd aufführte, und als fiele es ihm schwer, sich angesichts meines nun unverbesserlich beschwörenden Tons noch viel länger zusammenzureißen.

Dabei war er es selbst, der vor nicht mehr als einer Stunde meine toten Großeltern vor hunderten Zuschauern wiederaufleben lassen und inmitten seiner Rede zynische Spitzen in meine Richtung verteilt hatte, nur um mir etwas zu beweisen und mich von etwas zu überzeugen, von dem er erst wenige Tage zuvor behauptet hatte, dass er es zurückstellen würde, solange sich mir bei dem bloßen Gedanken daran das gesamte Fell sträubte.

Und jetzt ---

„Okay“, sackte es schon aus mir. „Ich hätte eben vielleicht nicht einfach abhauen sollen-“

„Verdammt richtig“, bestätigte er.

Es überrumpelte mich, wie prompt und beherrscht er dies tat, ohne dabei die nach wie vor blanke Miene zu verziehen, dann hatte ich mich schon wieder gefasst.

„Aber niemand weiß, wieso ich rausgegangen bin“, wandte ich resolut ein. „Ich habe bloß draußen gewartet. Ich hätte auch auf Toilette gegangen sein können, oder nicht? Und ja, ich war kurz alleine, aber nicht lange .“ Unverhofft düster sah Tony mich an. Seine Mundwinkel sanken. „Es war sowieso niemand da“, fuhr ich rasch fort. „Alle waren bei deinem Vortrag. Ich hatte mein Armband und --- … Wo ist der Unterschied zu sonst?“

„Der Unterschied ist, dass Boston nicht innerhalb unserer vereinbarten Greenzone liegt“, erinnerte er mich ungehalten. „ Das ist der Unterschied, Sola.“

Perplex blinzelte ich. „Aber du hast gar nicht-“

„Nein“, unterbrach er mich sofort, eindeutig nicht bereit, sich auf diese Art Diskussion einzulassen. „Wir haben deinen Bewegungsradius schon vor Wochen klar abgesteckt. Wir sind nicht daheim, bedeutet, keine Alleingänge; nicht ehe ich mein Okay gebe. Davon abgesehen waren wir schon den gesamten Tag in Eskorte unterwegs. Müssen wir es jedes Mal Wort für Wort durchkauen? Denn ich kann es dir vorbeten, Sola, immer wieder, meinetwegen , aber dann bleibt es wirklich vollkommen frei von Interpretation und dann diskutieren wir nicht mehr , wenn wir an diesen Punkt gelangen-“

Völlig aus den Wolken gefallen, rang ich um Worte. „Aber ich war nur draußen auf dem Flur! Ich war im Gebäude-“

„Und Hunderte mit dir! Es ist ein öffentliches Gebäude. Jeder wusste, dass wir heute hier sein würden, einfach jeder hätte dich abpassen können und-“

Tony brach ab.

Zwei Sekunden schien er bloß die Luft anzuhalten, während er mich weiter anstarrte, dann entließ er sie, ließ sich in die Lederpolster zurücksinken, wandte unbefriedigt den Kopf ab und massierte sich kurz und frustriert beide Augenwinkel. Regungslos sah er aus dem Fenster.

Ich fühlte mich leer.

Happys bedächtige Blicke im Rückspiegel wie auch Tonys tonnenschweres, brütendes Schweigen drückten auf mich nieder.

Ich glaubte ihm nicht, realisierte ich mit furchtbar enger Brust. Ich glaubte ihm nicht, dass es bloß daran liegen sollte. Dass ich ein paar Minuten auf dem Korridor des MIT verbracht hatte, konnte nicht die Antwort auf all das hier sein. Und schlagartig schien alles in mir sicher, schien zu wissen , was es wirklich war, das ihn derart frustrierte und gegen mich aufbrachte, dass es ihn all unsere Pläne einfach über den Haufen werfen ließ.

„Es ist wegen Pepper, oder?“, brach es belegt aus mir. „Weil ich ---“

Ich brachte es nicht über die Lippen.

Tony sah wieder zu mir.

„Wenn es um letzten Freitag geht --- und Sonntag …“, stammelte ich schon weiter und holte Luft: „Wenn ich gewusst hätte, dass es bloß das Cap war und gar keine Waffe, hätte ich wirklich nie -“

„Um all das geht es hier nicht“, seufzte Tony. „Okay? Es geht nicht um Pepper. Oder um letzten Sonntag. Damit hat es nichts zu tun. Wir fliegen früher heim, das ist alles.“

„Aber wieso kann ich dann nicht bleiben?“, widersprach ich auf der Stelle. „Nicht alleine – mit Happy. Er kann mich noch heute zu Daphne fahren. Wir bleiben auch im Haus, wir müssen nirgendwo hin. Und morgen Mittag bringt er mich dann einfach nach New York zurück. Notfalls auch mit dem Auto. Wir haben den ganzen Samstag Zeit. Wir brauchen den Jet gar nicht-“

„ Nope , du hast morgen dein Gespräch mit Sam“, erinnerte Tony mich prompt. „Davon abgesehen hast du noch den gesamten Freitag nachzuarbeiten.“

„Ja“, bestätigte ich. „Aber das erledige ich alles.“ Beschwörend sah ich ihn an. „Ohne das Bankett kann ich noch heute Abend anfangen. Ned hat mir bereits fast alle Notizen und Hausaufgaben geschickt und Ethik habe ich sowieso erst wieder nächsten Freitag. Was ich nicht schaffe, erledige ich eben auf der Rückfahrt oder am Sonntag, wenn ich wieder daheim bin. Und mit Sam kann ich unterwegs telefonieren. Oder ich verschiebe es. Ganz egal.“

Tony hob eine Braue. „Ich sagte, nein.“

Stille überkam mich. Sie sank bis in meinen Magen, mein Herz .

Ich kapitulierte.

-/_\-

Bis zum Flugfeld sagte niemand mehr etwas.

Die angespannte Ruhe im Wagen war drückend. Während die Scheibenwischer beharrlich gegen den Regen ankämpften und ich selbst gegen die dröhnende Ernüchterung, fahndete mein Geist unverändert nach der Ursache für Tonys rapiden Stimmungsabfall.

Meine Finger strichen über mein StarkPhone, auch wenn ich es nicht einschaltete und stattdessen bloß aus dem schlierenden Fenster stierte.

Je näher wir dem Flughafen kamen, desto übergangener fühlte ich mich.

Hin und wieder spürte ich Tonys bedächtigen Blick zu mir zurückkehren, doch da er nichts sagte und ich ihn auch nicht länger ansah, konnte ich nicht sagen, ob er seine undurchsichtige Kurzschlussentscheidung bereits bereute oder bloß meine Stimmung ergründete.

Dann rief Steve an und es war nicht länger wichtig, was ich dachte oder sagte oder worum auch immer es wirklich hierbei ging.

Denn sie hatten Rumlow gefunden. Und seine Spur war frisch.

Musik:

Difference Maker – Needtobreathe

The Courage Or The Fall - Civil Twilight