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Funkenschlag

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Funkenschlag

Disclaimer:

Zitate aus dem Marvel Studios-Film Captain America: Civil War (2016) werden in diesem Kapitel durch besondere Anführungszeichen ("'..."') ausgewiesen.

Kapitel 14: Funkenschlag

Lagos beherrschte sämtliche Nachrichten.

Niemand sprach über Tonys Finanzierungskampagne am MIT oder seine kurzfristige Absage zum Bankett, denn alle Welt sah auf Nigeria und die Katastrophe, die sich dort nur wenige Stunden nach unserer Rückkehr nach New York vollzogen hatte.

Sechsundzwanzig tote Zivilisten inmitten einer weiteren Avengers Operation, die ein fatales Ende genommen hatte, war genau die Art Berichterstattung, die Pepper gefürchtet hatte und Tony seit Sonntagmorgen in Aktion hielt. Obwohl Iron Man dem Einsatz nicht einmal aktiv beigewohnt hatte und Tony mit mir in New York verblieben war, während Steve mit einem ausgewählten Teil des Avengers-Teams Rumlow festzusetzen versucht hatte, hatte ich ihn seit den tragischen Entwicklungen nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Zuerst hatte man ihn als nächstgreifbaren Sprecher des Teams vor die Presse zitiert und dann auch nach Washington.

Beides schien nicht sonderlich gut verlaufen, denn als ich am späten Montagnachmittag auf dem Parkplatz der Midtown High auf Happy wartete, schien Tony noch immer nicht zurück aus der Hauptstadt und in den Medien überschlugen sich die Stimmen, die die Avengers als Hauptverursacher der Katastrophe in den Fokus nahmen.

"'Ein Sieg auf Kosten unschuldiger Menschen ist letzten Endes kein Sieg"', hatte König T’Chaka nicht weniger als vierundzwanzig Stunden nach den ersten Bildern der Verwüstung, der Verletzten und der abtransportierten Leichensäcke verkündet und obwohl ich das Land Wakanda, in dem er anscheinend regierte, nicht einmal genauer hätte verorten können, schlugen seine Worte mit so gewaltiger Resonanz ein, dass sein Statement seitdem weltweit in allen Berichterstattungen wieder und wieder aufgegriffen wurde.

Auch Bürger seines Landes waren unter den Todesopfern gewesen. Anscheinend hatten sie an einem Sozialprojekt in Lagos mitgewirkt, vielleicht schlug es deshalb umso größere Wellen, als er die Avengers während einer Pressekonferenz als gleichgültig gegenüber sämtlicher Zivilopfer bezeichnete und dafür massenhaft Zuspruch erhielt.

Denn die Berichte der Augenzeugen gaben ihm recht.

Den meisten zufolge war es Wanda gewesen, die im Zuge der Auseinandersetzung der Avengers gegen den Ex-Hydra-Agenten Rumlow und seiner Gruppe Söldner eine gewaltige Explosion mithilfe von Magie in ein unbeteiligtes Bürogebäude gelenkt hatte. Und auch wenn ich die wahren Details nicht kannte, weil Tony sich seitdem außerhalb meiner Reichweite bewegte und ich am Vorabend nicht länger mit ihm telefoniert hatte als für ein paar kurze, schnelle Versicherungen, wusste ich, dass das nicht die ganze Wahrheit sein konnte.

Die Medien interessierte das scheinbar wenig. Dort sprach man bereits von einer möglichen Anklageerhebung gegen Wanda und die Avengers.

Allen voran unterstützt von Senator Boynton.

„ Jo , ihr kennt euch, nicht wahr?“, hatte Flash Thompson mich noch vor der allmorgendlichen Klassenstunde aufgeregt abgefangen.

Er hatte absolut und ehrlich empört gewirkt, aber gleichzeitig so aufgedreht, dass ich mir nicht sicher gewesen war, was ihm einen größeren Ego-Kick verschaffte: Dass die Avengers in der Kritik standen, die er eindeutig mit Leib und Seele verehrte und lauthals zu verteidigen gedachte, oder dass er sich nun innerhalb dieser neuesten Katastrophe eines direkten Drahtes zu ihnen wähnte, bloß weil wir an dieselbe Schule gingen.

„Ich kenne Boyntons Tochter“, war ich ausgewichen. „Wir waren an der Bosworth in derselben Klasse.“

Sie ist die beste Freundin meines Freundes.

Mein Bedürfnis, mich zu den mir noch so undurchsichtigen Ereignissen in Lagos auszutauschen, hatte sich schon am Morgen arg in Grenzen gehalten, weshalb ich zielstrebig auf den noch freien Platz neben MJ zugeschritten war. Er hatte sich in letzter Zeit ohnehin zu meinem Platz entwickelt.

„Ist das nicht irre?“ Flash hatte nicht lockergelassen. „Boynton fordert eine Anklage! Er will die Avengers vor Gericht bringen. Die Avengers !“

„Ja, das versucht er jedes Mal …“, hatte ich bloß gegrummelt und meine Bücher und meinen Schreibblock auf meinem Tisch abgeladen.

„Er will Wanda Maximoff einsperren lassen!“, hatte er beharrt. „Was werden die Avengers tun? Werden sie sie ausliefern? Was ist der Plan ?“

Flash war mir wissbegierig bis zu meinem Platz gefolgt, während die ganze Klasse unser Gespräch atemlos verfolgt hatte.

„Ich weiß es nicht, ehrlich … Mein Dad ist gerade in D.C. Ich schätze, sie sind dabei, es zu klären …“

„Ich meine, sie war eine Verbündete von Ultron, bevor sie übergelaufen ist, richtig?“, hatte Flash zu bedenken gegeben. „Und vorher war sie eines der Talente von Hydra. Das stimmt doch? So gesehen, ist vielleicht etwas dran-“

„Da ist gar nichts dran“, war es mir schlussendlich genervt herausgerutscht. „Sie ist ein Avenger, okay? Sie arbeitet mit ihnen zusammen. Ich weiß nicht, was geschehen ist – noch nicht – aber … Boynton ist ein Idiot . Er nutzt einfach jede Gelegenheit, um Stimmung gegen Superhelden zu machen. Er wollte Wanda schon das gesamte Jahr hinter Gitter bringen, dabei war er vor ein paar Jahren selbst an der Finanzierung von Extremis beteiligt und hat damit die ganze Sache mit dem Mandarin überhaupt erst ermöglicht. Es gab Anschläge und Tote, der Präsident wurde entführt, Pepper wäre beinahe gestorben , aber aus irgendeinem Grund ist das irgendwie nicht mehr wichtig, denn ja , Senator Boynton weiß scheinbar ganz genau, wovon er spricht?!“

Alle hatten mich angestarrt.

„Ja“, hatte MJ lau herausfordernd bemerkt. „Zeigt etwas Medienkompetenz.“

Schon kurz darauf war Mr. Harrington erschienen und hatte alle freundlich gemahnt, mich nicht allzu sehr zu den Ereignissen in Lagos zu bedrängen. Dann hatte er mich nach der allgemeinen Anwesenheitsprüfung gebeten, stattdessen doch von meinem Besuch am MIT zu berichten, und da seine Augen wie immer vor ehrlicher Begeisterung gestrahlt hatten, war ich dem Wunsch nachgekommen und hatte einen kleinen Abriss unserer Führung durch die verschiedenen Institute und Projektteams geliefert, die meine Klasse tatsächlich für eine ganze Weile in begeistertem Atem gehalten hatte.

Tonys Vortrag hingegen griff ich nicht auf, noch unsere völlig unbegründete verfrühte Abreise oder die herbe Unzufriedenheit, in der ich mein gesamtes restliches Wochenende verbracht hatte.

Da Mr. Harrington sich allerdings längst bestens mit allen Berichten zu Tonys MIT-Vortrag vertraut gemacht zu haben schien, war er es, der die S.E.N.F-Technologie kurz darauf aufgriff und in ihren faszinierenden Aspekten beschrieb. Höflich bejahte ich jede seiner sich stetig versichernden Erkundigungen, von der Funktionsweise bis zur geplanten Nutzung. Während ich das Thema ansonsten mit bemüht blanker Miene umschiffte, hing unsere Klasse unverändert aufmerksam an seinen Lippen und fantasierte bereits von ultra-realistischen VR-Videospielen, die auf die eigene Vorstellungskraft zugriffen.

Ned war Feuer und Flamme und kurz darauf begann sich unsere Klasse in den irrwitzigsten Ideen zu überbieten, wie sie dieses Spiel für sich gestalten würden.

Mr. Harrington zeigte sich nicht minder begeistert.

Irgendwann bat er uns dann doch unsere Bücher für den längst begonnenen Naturwissenschaftsunterricht aufzuschlagen und ich blieb die Einzige, die es mit solch herber Erleichterung tat, dass ich mich umgehend meldete, um das abgebildete Diagramm zu erläutern, während sich sogar Mr. Harrington noch zusammenzureißen und keinen weiteren Tagträumereien nachzuhängen versuchte.

Während ich Achsen beschrieb, verschiedene Kurven erörterte und sämtliche auffälligen Kipppunkte darlegte und auf ihre Ursachen zurückführte, verfiel die Klasse in jene verträumte Stille, in der sämtliche Gedanken bei ihrer verklärten Vorstellung meines Lebens voller Iron Man-Anzüge, Luxusyachten und S.E.N.F.-Gaming-Räumen zu verweilen schienen, anstatt bei meinem mehr als gelungenen Beitrag zum Unterricht.

Zumindest war das Thema Lagos danach für eine Weile vergessen.

Als ich nun auf dem sich mehr und mehr leerenden Parkplatz neben dem Hauptgebäude im maskierenden Schatten einer unsauber geschnittenen Hecke ausharrte, um den Blicken etwaiger Reporter zu entgehen, die sich für ihre weitere Berichterstattung zur Midtown High statt zum Avengers Hauptquartier verirrt haben mochten, überflog ich meine eingegangenen Nachrichten.

Nicht nur Elijah erkundigte sich, ob ich womöglich etwas Ablenkung brauchte, auch Pepper fragte, ob alles in Ordnung sei und ob sie heute Nachmittag bei mir vorbeisehen sollte.

Happy stand im Stau, aber ich hatte auch nicht wirklich Lust auf die Flure der Schule zurückzukehren und von verbliebenen Gruppen der Nachmittags-AGs aufgegriffen und wiederholt zu den Nachrichten aus Lagos und allen ausufernden Anschuldigungen gegenüber den Avengers gelöchert zu werden, ganz besonders, da auch die Stimmung meiner Altersgenossen angesichts der Aufnahmen aller trauernder Hinterbliebenen mehr und mehr nach Antworten verlangten, die ich beim besten Willen nicht liefern konnte, deshalb nahm ich vorlieb mit dem tristen Asphaltplatz auf der Rückseite unseres Schulgebäudes und dem Blick auf die sich bereits seicht gilbenden Grashügel, die die Midtown High umgaben und sie jeder Aussicht auf das ferne Manhattan beraubten.

Die nahen Fieberbüsche trugen noch immer die zermatschten Reste roter Beeren, obwohl ihre Blätter bereits in ihre herbstlich gelben Töne zu verblassen begannen. Sachter Wind strich durch ihre Äste und verbreitete ihren würzigen Geruch auf dem gesamten Parkplatz.

Es standen nicht mehr viele Wagen um mich herum verteilt.

Die meisten Schüler hatten das Gelände bereits nach unserem obligatorischen Selbststudium in den Nachmittagsstunden verlassen und seit gut fünf Minuten hatte sich auch niemand mehr auf den Weg zu seinem Auto begeben, nicht einmal eine der Lehrkräfte.

Für einen kurzen Moment beflügelte mich die Aussicht, in weniger als einem Jahr ebenfalls mit meinem eigenen Auto zur Schule zu fahren, anstatt ständig auf Happy angewiesen zu sein. Zwar konnte ich meine Prüfung nicht ablegen, ehe ich nicht auch in New York alt genug für den Führerschein wurde, und angesichts meiner ersten Probefahrten in Malibu und Umgebung brauchte es sicher auch noch etwas mehr Übung für meine Fahrprüfung, aber nichtsdestotrotz war ich guter Dinge.

Tatsächlich hatte Pepper bereits einen Prüfungstermin im nächsten Frühling für mich vereinbart und ich war fest entschlossen, diese Sache frühestmöglich unter Dach und Fach zu bringen.

Nach diesem Wochenende ganz sicher mehr denn je.

Wie schon seit gut einer Woche beließ ich Elijahs Nachricht vorerst auf ungelesen und scrollte unzufrieden durch meine Kontakte. Ehe ich mich versah, hatte ich bereits Daphne aufgerufen, betrachtete für eine Sekunde das Bild ihrer herumalbernden Gestalt vor den gischtnassen Felsen des Point Dumes und hob mein StarkPhone auch schon an mein Ohr.

Ein Freizeichen ertönte.

Aus der Ferne vernahm ich Coach Wilson und seine wiederholten Pfiffe, die das schuleigene Football-Team bereits seit geraumer Weile in Atem hielten. Daneben schwellte das verkehrstüchtige Rauschen der nahen Straße, das sich im steten Takt mit den Ampelsignalen milderte und wieder erhob.

Daphne nahm nicht ab.

Ich ließ das StarkPhone wieder sinken.

Es war bereits das dritte Mal, dass ich dieser Tage anrief und sie nicht abnahm.

Als ich ihr am Freitagnachmittag niedergeschlagen aus dem Jet geschrieben und unseren Besuch abgeblasen hatte, war ihre Antwort noch prompt erfolgt. Natürlich hatte sie sich erkundigt, was hinter der Planänderung steckte, und mir war nicht mehr dazu eingefallen, als dass ich wirklich keinen blassen Schimmer hatte, was in Tony gefahren war oder weshalb er unseren Ausflug nach Nashua derart kommentarlos gestrichen hatte und ich ihn auf Biegen und Brechen nicht einmal zu einem Kompromiss hatte bekehren können.

Ich hatte sie nicht zu sehen oder zu hören gebraucht, um zu wissen, dass ihre Laune einen ebenso argen Dämpfer erfahren hatte wie die meine. Ich kannte Daphne so gut, dass ich ihre Enttäuschung selbst durch die hüpfenden und sich immer wieder unterbrechenden Punkte hatte erkennen können, die mich über ihr ungewöhnlich widerstrebendes Tippen informiert hatten, lange bevor ihre Nachricht auf meinem Display erschienen war.

Danach hatten wir noch einmal kurz am Abend telefoniert. Verstimmter denn je hatte ich nicht viele Worte verloren, nur hatte ich diesmal zugegeben, dass ich glaubte, dass es an mir gelegen hatte.

Seitdem hatte ich sie nicht mehr recht erreicht. Sie hatte immer zurückgeschrieben, mich auf später vertröstet, aber nun saß ich hier und wünschte nichts mehr, als endlich mit ihr zu reden; mich mit ihr auf eine Tischtennisplatte zu setzen, all diesen aufgestauten Frust in trockene Seitenhiebe und alberne Sticheleien umzuwandeln und herumliegende Bierdeckel weitestgehend erfolglos durch Drahtzäune zu schnippen, nur um danach einen gigantischen Teller völlig versalzener Pommes und Apfelkuchen vom Vortag in einem drittklassigen Diner mit ihr zu teilen, bis uns ein wenig schlecht von der Mischung wurde und Mum mir schrieb und mich informierte, dass sie Pommes zum Abendessen mitbringen würde, und wir beide vor belustigtem Entsetzen in unsere prasselnde Cola schnieften und gluckerten ---

„Du bist noch hier?“, hallte es aus meinem Rücken.

Ich zuckte sachte, obwohl Peter Parker so vorsichtig überrascht fragte, als habe er bereits im Gespür gehabt, dass mich seine unerwartete Gegenwart andernfalls böse aufschrecken lassen würde.

Seine Hände hielten die Träger seines Rucksacks entspannt aufbruchsbereit umgriffen, als er die wenigen Stufen vom Hintereingang des Schulgebäudes zu mir herabkam.

„Ähm, ja …“ Knapp winkte ich mit meinem StarkPhone. „Happy steckt im Stau.“

„Der Lasterunfall?“

Ich warf die Stirn in Wellen. „Kann sein. Ich weiß nichts Genaues.“

„Die ganze 495te ist hinter dem Midtown Tunnel dicht.“

Wenig amüsiert verzog ich das Gesicht. „Ja, klingt nach unserer Strecke.“

Peter begann zu grinsen. „Und da hast du entschieden, dir Coach Wilsons Motivationsreden hier hinten vom Parkplatz aus einfach gleich nochmal anzuhören.“

Ich hob die Schultern und nickte in Richtung Football-Feld. „Bei ihnen legt er sich eindeutig mehr ins Zeug.“

Peter schmunzelte. „Skandal.“

„Komm schon, es spielt dir in die Karten …“

Er stockte.

„Würde er genauer hinsehen, würde er schließlich bemerken, dass du ständig bloß zehn Prozent gibst“, zog ich ihn auf.

„ Waas …“ Peter sah aus, als sei er sich nicht sicher, ob er sich ahnungslos, ungläubig oder ertappt geben sollte. Auf seiner Stirn erschienen knuffige Runzeln. „Ich gebe --- mindestens dreißig Prozent.“

„Hm, ja“, gluckste ich. „Aber Ned weiß es, oder? Dass du während der Runden bloß im ersten Gang läufst?“

Er hob die Schultern. „Klar.“ Weil er immer noch dieselbe seicht überzogen selbstbewusste Stimme verwendete, klang es nicht wirklich überzeugend, aber ich ließ es ihm durchgehen, auch weil er die Augen derart selbstverständlich verdrehte, dass er mich eindeutig zu unterhalten versuchte und damit auch Erfolg hatte.

Obwohl er bereits auf dem Heimweg gewesen schien, verblieb er bei mir.

Der Geruch der Fieberbüsche wogte erneut in einer regen Brise über uns hinweg.

„Du musst wirklich nicht-“

„Schon okay. Ich habe nichts vor. Jedenfalls --- nichts, bei dem ich pünktlich sein müsste oder so. Nicht so etwas. Ich habe schon etwas vor … Aber das geht auch später noch.“ Seine linke Schulter stieg etwas höher als seine rechte. „May kommt heute sowieso nicht vor zehn aus der Arbeit und-“

„May?“

„Ja.“ Seine Stirn zuckte seicht und er blinzelte schnell, als realisierte er ebenfalls, dass er von mir bereits einen gesamten Wikipedia-Artikel verinnerlicht haben mochte, inklusive aller mäßig offiziellen Diskussionsforen und Sammelwebsites für Magazinausschnitte, aber ich, bis auf seine Performance in verschiedenen schulischen Disziplinen, kaum mehr von ihm wusste, als dass er ominöse Ausflüge ins Chemielabor zu tätigen pflegte und kaum je ohne Ned Leeds anzutreffen war. „May ist meine Tante“, klärte er mich auf. „Ich lebe bei ihr.“

„Oh.“ Überrascht hielt ich inne. „Das wusste ich nicht.“

„Schon lange“, versicherte er schnell. „Eigentlich … schon immer. Na ja, früher war Onkel Ben noch da, aber …“ Er rieb sich den Nacken und brach ab.

Ich senkte den Blick. „Tut mir leid.“

Er nickte. „Mir auch. Also, das mit deiner Mum und deiner Tante … Und eben alles.“

Ich schluckte. Meine Kiefer verhärteten.

Er schüttelte den Kopf. „Sorry, ich hätte nicht davon anfangen sollen.“

„Nein“, seufzte ich stumpf. „Das ist es nicht. Ich hatte --- einfach ein paar miese Tage, schätze ich.“

Als wisse er nur zu gut, wovon ich sprach, nickte Peter still, aber in seinen braunen Augen sah ich dennoch die Frage, die ich heute bereits in so vielen Gesichtern gelesen hatte.

„Nicht wegen Lagos“, murmelte ich und wich seinem Blick aus. „Also, vielleicht ein bisschen, schließlich … sorgt das jetzt nicht unbedingt dafür, dass mein Nachmittag lustiger wird, was? Aber … eigentlich war es auch schon vorher ziemlich mies.“

Peter sagte nichts mehr, aber er beobachtete mich so aufmerksam, dass ich mich instinktiv aufgefordert fühlte weiterzusprechen: „Eigentlich wollten wir am Wochenende nach dem Besuch am MIT noch nach Nashua. Ich wollte Daphne besuchen, meine beste Freundin, und --- überhaupt … Ich wollte Freunde wiedersehen und zu Mum und Jane auf den Friedhof ...“ Ich hielt inne. „Na ja, daraus ist nichts geworden, weil wir vorher heimgeflogen sind. Und ich weiß nicht einmal weshalb , denn mit Lagos hatte es nichts zu tun, das kam erst danach, und ich durfte auch nicht mit Happy in Boston bleiben, obwohl das frühere Male kein Problem war, und jetzt weiß ich nicht --- was ich so falsch gemacht habe, dass---“

Dass er mir Daphne nimmt.

Ich erstarrte. Meine Finger strichen über den dunklen Rahmen meines StarkPhones.

Peter sagte immer noch nichts, aber er setzte sich neben mich auf die Stufen.

„Und jetzt kann ich auch nicht wirklich fragen“, fuhr ich heiser fort. „Er ist die ganze Zeit unterwegs und alles dreht sich um Lagos und was dort geschehen ist und wie sie es wieder hinbekommen --- … Und ich weiß, das ist wichtig . Und es ist schlimm . Aber …“ Meine Stimme versagte. „Ich weiß jetzt trotzdem nicht, was in Boston los war, verstehst du?“ Dumpf atmete ich aus. „Na ja, und das ist nicht einmal alles, aber ist auch egal …“

Mein Hintern war kalt und längst taub von dem harten Stein, auf dem ich seit einer geschlagenen halben Stunde gesessen hatte, deshalb ließ ich meinen Rucksack stehen und hangelte mich an den abblätternden lackierten Eisenrohren des Geländers zurück auf die Beine.

Peter tat es mir nach einem Moment wieder gleich.

Schweigend standen wir da und stierten über den unbelebten Parkplatz.

Ich wich seinem vorsichtigen Blick aus, der auf mich den Eindruck machte, als wisse er nicht recht, was er auf all das erwidern sollte.

„Sorry, dass ich dich damit genervt habe“, sagte ich schnell, ehe er sich gezwungen fühlen konnte zu reagieren. „Dev ist nicht zu erreichen und ich --- musste einfach irgendwie darüber sprechen. Vergiss es einfach.“

Peter zuckte matt mit den Schultern. Seine Hände ruhten längst wieder zurückhaltend in seinen gegenüberliegenden Achseln. „Schon okay“, versicherte er.

Ich betrachtete ihn einen Moment.

Dann lächelte ich. „Du bist cool, weißt du das?“

Überrumpelt löste er seine Arme und tippte sich auf die Brust. „Du meinst-“

„Ja, stell dich nicht so an.“ Mild verdrehte ich die Augen. „Du bist verdammt viel cleverer, als die meisten da drinnen. Aber du machst daraus echt keine große Sache. Und, na ja, du bist ein ziemlich guter Zuhörer …“ Ein wenig witzelnd lachte ich, dann nickte ich. „Nein, im Ernst. Danke. Und sorry nochmal.“

Peter lächelte. „Ach was, ich fand es schön.“ Kaum, dass er es ausgesprochen hatte, wurde er rot. „Also, nicht, dass du … da drin steckst – in dieser Sache – oder diesen Ärger hattest. Sondern … Also, hier zu sein.“

Ich schielte über den sacht ramponierten Asphalt. „Ja, toller Ort.“

Wir wechselten einen verhaltenen Blick, dann fingen wir beide an zu lachen.

„Jetzt hängst du mit mir auf diesem Parkplatz herum und lauschst Coach Wilsons Walgesängen“, triezte ich ihn und begann abwesend einen kleinen Stein unter meiner Schuhsohle zu rollen.

Peters Blick sprang zu den Fieberbüschen in seinem Rücken. „Vor ein paar Monaten hätte es mich noch völlig fertig gemacht.“

Ich gluckste. „Die Hintergrundbeschallung oder diese Idylle?“

„Ich musste hier immer niesen. Meine Augen haben wie verrückt getränt. Nein, wirklich, ich habe es hier keine zehn Minuten ausgehalten, ohne dass mir irgendein vorbeilaufender Idiot versichert hat, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauche und jemand aus dem Sekretariat schon meine Mum anrufen würde, um mich wieder abzuholen.“

„Oh, Gott …“ Da er meinem Blick zwar sacht verlegen auswich, dabei aber müde grinste, erlaubte ich es mir, ein wenig zu lachen. „Und wieso jetzt nicht mehr? Hast du es irgendwie behandeln lassen?“

„Das Heulen?“, zog er mich auf und neigte den Kopf. „ Nah , schätze ich bin einfach zäher geworden. Bin eben kein Freshman mehr. Das ist jetzt mein zweites Jahr. Ich halte es jetzt schon ein paar Stunden ohne May aus.“

Ich lachte noch etwas herzlicher. „Nein, Rocky , die Allergie. Hast du so eine … Hyposensibilisierung gemacht?“

Er zögerte. „So etwas in der Art.“

Im selben Augenblick sah ich einen dunklen Wagen mit STARK-Kennzeichen auf den Parkplatz auffahren. Happy nahm eine etwas weitere Kurve an all den leeren Stellplätzen vorbei, bis er letztlich direkt vor uns hielt.

„Hey, entschuldige, die Straße war zu“, verkündete er, kaum dass er ausstieg und schon über das blitzblanke Autodach zu mir herübersah. „Ich saß im Tunnel fest …“ Aufmerksam wie auch ein wenig überrascht fasste er umgehend meine Begleitung ins Auge.

„Kein Problem“, versicherte ich und hob meinen Rucksack von den Stufen. „Pete hat aufgepasst, dass mich keiner mit auf sein Raumschiff entführt.“

„Ja“, lachte Peter ein wenig verlegen auf. „Ja, genau …“ Er winkte ab und schob seine rechte Hand schnell wieder unter seine Achsel.

Als sei durchaus etwas an diesem absurden Szenario dran, behielt Happy ihn beifällig im Blick. „Danke. Na dann, auf geht’s.“

Während ich bereits die Hintertür aufzog und meinen Rucksack auf den Nebensitz verfrachtete, zögerte Happy. Ich sah, wie sein Blick aufmerksam zu Peter zurückkehrte, als dieser sich nicht rührte. „Sollen wir dich irgendwo absetzen, Pete ?“

Überrascht wandte auch ich mich wieder ihm zu.

Peter zuckte kurz, dann schüttelte er schnell den Kopf. „Nein, schon okay.“

„Ist kein Problem“, versicherte Happy, auch wenn er es wachsam genug sagte, um es doch ein wenig wie eines klingen zu lassen. „Auf die paar Minuten kommt es nicht an.“

„Happy hat recht“, bestätigte ich. „Wir können dich heimbringen.“ Ich nickte ins Wageninnere. „Los, komm.“

Peter schien sich zu sträuben. „Nein, wirklich, ich muss noch --- zum Laden. Zu Delmar's. Das ist --- gleich um die Ecke.“

„Oh, okay.“ Vage enttäuscht nickte ich. „Dann bis morgen, schätze ich?“

Peter erwiderte es mit einem freundlichen Nicken. Er schien ein wenig durchzuatmen, aber seine Augen strahlten nach wie vor, als ich einstieg und die Tür hinter mir zuzog, weshalb ich es nicht als unverhofften sozialen Korb wertete, sondern als reine Nervosität. Ich sah ihn sogar kurz verhalten die Hand heben, als versuche er es angesichts Happys Gegenwart so unauffällig wie möglich zu gestalten. Obwohl ich mir nicht sicher war, ob er mich überhaupt noch durch das abgedunkelte Fensterglas erkennen konnte, erwiderte ich die Geste.

Happy fuhr vom Parkplatz. Weiter die Nebenstraße hinab bemerkte ich drei sichtlich gelangweilte Reporter am Haupteingang der Midtown High, die anscheinend noch immer mit ihrem jeweiligen Team darauf warteten, mich direkt nach der Schule mit ihren wilden Mutmaßungen zu überfallen und mir den Nachmittag zu verderben. Aufgrund unseres ungewohnten Treffpunkts an der Rückseite des Gebäudes schienen sie Happys Ankunft jedoch gar nicht erst registriert zu haben.

Einer von ihnen sah gerade in unsere Richtung, erkannte unser Kennzeichen und rief überrumpelt etwas aus, als wir bereits abbogen.

Zufrieden wandte ich mich von dem Anblick ihrer herrlich frustrierten Mienen ab.

„ Pete , hm?“, bemerkte Happy. „Er hat mit dir zusammen gewartet?“

„Jupp.“ Ich spürte seinen wohlbekannt wähnenden Blick zu mir nach hinten wandern. „Keine Angst, ist wirklich keine Konkurrenz für dich.“

Happy gluckste.

-/_\-

„Entschuldige, dass wir das hier verschieben mussten. Ich hätte den Startschuss in dieser Sache liebend gerne schon am Samstag gesetzt, aber …“ Sam seufzte. „Du weißt ja, die Dinge haben sich ein wenig überschlagen und ehe wir uns versahen-“

„-habt ihr Lagos unsicher gemacht“, endete ich für ihn.

Sam schob die Lippen in traurig unterhaltener Zustimmung zusammen, auch wenn ich seinem Blick ansah, dass er wirklich nur mit Bruchteilen seines Herzens über meinen schwarzen Humor schmunzeln konnte.

Ein kleines Kissen vage gewappnet an mich gedrückt, beobachtete ich seine ermattet wirkende Gestalt auf meinem Fernseher. Er schien sich in seinen eigenen Räumen im Avengers Hauptquartier zu befinden, denn ich erkannte weder die Couch, auf der er saß, noch das hyperrealistische schwarzweiße Gemälde in seinem Rücken, das von einzelnen neonblauen Flares durchzogen schien, als habe J. J. Abrams persönlich Hand daran angelegt.

Hierauf hatten beide bestanden, sowohl Tony wie auch Sam – dass diese Gespräche auf eine Weise vonstattengingen, bei der wir einander sehen konnten und dies möglichst über unsere bloßen Gesichter hinaus. Weil auch die Körpersprache wichtiger Teil gelungener Kommunikation war. Und weil Sam jede meiner Reaktionen zu begutachten gedachte, wie es wohl jeder Psychotherapeut tat, der etwas auf sich hielt, blieb meine eigene bescheidene Annahme in dieser Sache.

Nun, unsere Technik gab dies her, an unserer Entfernung zueinander scheiterte es somit gewiss nicht.

Tony sei verfluchten Dank.

Allerdings war es nicht der Tatsache verschuldet, dass Sam mir nun von meinem hochauflösenden Breitbildfernseher entgegensah, dass ich mich ihm gegenüber so befangen fühlte, wie nicht einmal bei unserer allerersten Begegnung während der letztjährigen Weihnachtsgala.

Seit Dr. Fanning hatte ich kein einziges Gespräch mehr dieser Art mit irgendjemanden geführt. Und obwohl ich mehr als froh war, dass Tonys Entscheidung auf diese Lösung gefallen war, anstatt dass ich seinen beunruhigend hypermodernen und extravagant kostspieligen Vorstellungen einer nutzbringenden Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit zu folgen hatte, war ich doch nicht allzu erpicht hierauf.

Schon den verabredeten Anruf entgegenzunehmen hatte mich missmutige Überwindung gekostet, nachdem ich aufgrund Happys Verspätung überhaupt erst eine gute Viertelstunde zuhause gewesen war und mich gerade noch mit zwei schnellen Proteinriegeln verpflegt hatte. Ich war versucht gewesen, Sam um eine weitere Verschiebung dieser Unterhaltung zu bitten, hatte mir die Ausrede rund um Hausaufgaben und einer ganzen verlorenen Stunde bereits zurechtgelegt, aber dann hatte ich mich doch nicht recht getraut – nicht angesichts dessen, was in Boston geschehen war und seitdem ich Tonys potentielle Reaktion auf solch ein Ausweichmanöver kaum bis gar nicht abzuschätzen wusste.

Jedenfalls legte ich es nicht darauf an, dass er das nächste Mal genauso kurzerhand beschloss, mich entgegen aller Pläne doch an die CPS zu übergeben.

Zumindest saß ich auf meiner eigenen Couch und konnte den Fernseher abschalten, wann immer mir danach war, entschied ich.

Und davon abgesehen lechzte ich noch immer nach Informationen.

„Ihr seid alle zurück?“, erkundigte ich mich. „Im Hauptquartier?“

Sam nickte. „Seit gestern Abend.“

„Wie geht es den Anderen?“ Ich zögerte. Meine Finger friemelten an der gesäumten Ecke meines Kissens. „Nat? Und Steve? Und … Wanda?“

Sam zögerte. „Zu behaupten, es ginge irgendjemandem gut, wäre gelogen. Alle sind mitgenommen und hoffen im Moment auf das Beste, aber … davon abgesehen, fehlt ihnen nichts.“

Nicht alle waren in Lagos dabei gewesen. Abgesehen von Tony, hatten auch Rhodey und Vision das Team nicht zu seinem Einsatz begleitet und stattdessen die Stellung im Hauptquartier gehalten. Anscheinend hatte niemand diese Mission als problematisch genug eingestuft, um alle erreichbaren Avengers auf den Plan zu rufen.

Ob Tony nun zurückgeblieben war, weil er es schlicht für keine große Sache erachtet hatte oder weil er sich treu darin geblieben war, sich vorerst aus allen Einsätzen herauszuziehen, die nicht gerade einen unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang zu verhindern versuchten, hatte ich nie erfahren. Ich tippte zwar auf letzteres, da ich insgeheim schon seit ein paar Wochen vermutete, dass er auf diese Weise die Gefahr seines vorzeitigen Ablebens mir zuliebe bis auf Weiteres überschaubar zu halten versuchte, hatte aber auch – abgesehen von Iron Mans zunehmend auffälliger werdenden Inaktivität und seiner eigenen Bemerkung in dem von mir belauschten Streitgespräch mit Pepper – nichts mehr vernommen oder gesehen, das vollends untermauerte, dass er nun wirklich für alle Standardeinsätze von Bord war.

Noch wusste ich irgendetwas sonst zu den Geschehnissen rund um Lagos, das ich nicht bereits mithilfe von FRIDAY in Erfahrung gebracht hatte.

Denn diese hatte ich schon seit Tonys unvermuteter Abreise nach D.C. beauftragt, mich auf dem Laufenden zu halten, was die Nachrichten anging. Peppers ureigene Sorge prasselte mit frisch erwachter Flamme in mir; ihre dichte Befürchtung, dass das nächste internationale Debakel das Team Kopf und Kragen kosten und Tonys Vermächtnis unter sich zermalmen mochte. Dass alles hieran nur schlimm ausgehen konnte , wie sie es ihm erst wenige Wochen zuvor so eindringlich zu verstehen zu geben versucht hatte.

Und derzeit schien alles, was so vor sich ging, aus ihren persönlichen Prognosen eine finstere Prophezeiung zu machen, die sich nun gerade Wort für Wort zu bewahrheiten drohte.

Der Großteil der Medien verachtete Wanda mit energischem Eifer. Und auch ihre Aussagen zu den Avengers gestalteten sich so wenig schmeichelhaft wie nie, während Senator Boynton und Stern und König T’Chaka mit ihren Forderungen an die Regierung und die UN zuletzt sämtliche Trends dominiert hatten.

Falls Tony bei seinem Treffen mit General Ross irgendetwas in Washington erreicht hatte, war davon jedenfalls nichts zu lesen.

„Stimmt es, was sie in den Nachrichten sagen?“, hörte ich mich Sam fragen.

Unter gehobenen Brauen sah er mich an. „Was genau?“

Ich zögerte. „Na ja“, murmelte ich. „Ich weiß eben nur, dass --- dass Wanda eine Explosion in ein Bürogebäude gelenkt haben soll und dass deshalb angeblich so viele Menschen umkamen.“

„Das ist wahr“, stimmte er langsam zu. „Aber es war ein Unfall, Sola. Sie musste schnell reagieren und … sie hat zu dem Zeitpunkt bereits Unmögliches geleistet, ehrlich. Sie hat die Kontrolle über die Detonation verloren. Eine Sekunde länger und alles wäre gutgegangen, aber sie hat es nicht länger halten können. Für so etwas hat sie nicht trainiert.“

Aufmerksam zog ich meine Knie näher und richtete mich ein wenig auf. „Was genau ist geschehen?“

Sam sah beiseite. Ich befürchtete bereits, dass ich keine Antwort erhalten würde, da setzte er an: „Rumlow und seine Männer sind in das Institut für Infektionskrankheiten eingedrungen und haben dort einen biologischen Kampfstoff entwendet. Sie waren drauf und dran damit zu entkommen, also haben wir uns an ihre Fersen geheftet. Wir sind ihnen bis zu einem Markt gefolgt, haben seine Leute Mann für Mann ausgeschaltet und ihn dort schließlich erfolgreich eingekesselt.“ Er nickte langsam und schnalzte müde. „Nur leider hatte niemand auf dem Schirm, dass Rumlow eine Sprengstoffweste trägt.“

Ich zog mein Kissen etwas enger an mich, sank wieder in die Couch zurück und schluckte.

„Als Rumlow erkannt hat, dass er erledigt ist, hat er sie gezündet.“ Er entließ die Luft. „Es hätte Steve getötet; vermutlich hätte es das. Er stand direkt vor ihm. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Steve so etwas --- … Aber Wanda hat die Explosion gerade noch rechtzeitig … gegriffen und sie hinaufbefördert.“ Mager unterstreichend wies er mit dem Daumen empor. „Sie hätte sie weit oben, weit über dem Markt, gefahrlos in der Luft entlassen, wenn sie sie nur ein paar Augenblicke länger hätte halten können … Sie war dabei Leben zu retten, nicht sie zu nehmen.“

Mein Blick sank zurück auf meine Hände.

Wie widersprüchlich die Welt schien. Wie schnell aus einer schieren Heldentat jederzeit auch ein Verbrechen werden konnte.

Steve wäre jetzt tot, wenn Wanda nicht reagiert hätte . Und vermutlich noch einige andere mit ihm. Und hätte das Team gar nicht erst eingegriffen, ihn nicht aufgehalten, wäre Rumlow mit dem entwendeten Kampfstoff entkommen und …

Entweder war es ein Kreis oder ich sah das Ende nicht.

„Niemand hat bislang mit dir hierüber gesprochen?“, fragte Sam, als ich schweigend zu verarbeiten versuchte, was mir eigentlich nur noch mehr Kopfschmerzen zu bereiten begann.

Ich schüttelte den Kopf.

„Tony hat dir nicht gesagt, was vor sich geht?“

„Nicht mehr, als ich nicht schon aus den Nachrichten wusste“, antwortete ich. „Keine … Details.“

Sam nickte. „Ihr sprecht nicht viel über diese Dinge, was?“

„Nein …“ Ich kaute auf meiner Lippe. „Ich meine, er sagt mir schon, was los ist oder wieso er weg muss. Aber viel mehr verrät er nie. Er ruft mich auch immer mal an, wenn er mit euch unterwegs ist, oder hinterlässt Nachrichten, damit ich weiß, dass alles in Ordnung ist. Er sagt mir, wo er steckt und wann ich ungefähr wieder mit ihm rechnen kann … Solche Dinge. Und, klar , wenn ich wirklich nicht lockerlasse, dann gibt er mir schon irgendwie Antworten. Aber eben immer die zensierte Version. Die trockene Kurzfassung.“

„Den FSK-12-Schnitt.“

Widerwillig beeindruckt hob ich die Mundwinkel. „Ja, genau.“

„Dann habe ich gerade ein Tabu gebrochen.“ Sam musterte mich. „Worauf du es angelegt hattest, richtig?“

Leise ertappt schielte ich zu ihm zurück. Mein Stolz regte sich. „Na, es hat funktioniert …“

„Dann packe ich wohl besser direkt aus und sage dir, dass ich davon bereits wusste. Tony hat uns schon vor Monaten instruiert. Nein, im Ernst, als keiner zum angesetzten Briefing erschienen ist, hat er jedem eine Mail mit integrierter Lesebestätigung gesandt. Betreff Baby-Party.“ Seine Miene verlor ihren fadenscheinigen Stolz zeitgleich mit der meinen. „Jeder im Team weiß, dass er dich aus dem ganzen Kram heraushält. Wir mussten ihm versichern, uns vor dir nicht über Details auszulassen und dicht zu halten, solltest du auf die Idee kommen, bei uns herumzustochern.“

„Was ich nicht getan habe“, stellte ich dunkel klar. „Ich habe höflich nachgefragt und du hast geantwortet.“

Sam schmunzelte. „Ich verstehe, warum er das Ganze auf ein Minimum beschränkt“, fuhr er ehrlich fort. „Und ich respektiere es – bis zu einem gewissen Grad. Aber manchmal sollte man wissen, was vor sich geht, weil es nicht immer ruhiger schlafen lässt, es nicht zu tun.“

„Tja, ab jetzt dürfen wir sowieso über alles reden“, befand ich trocken.

Er lachte auf. „Oh, nein. Du darfst über alles reden. Das gilt nicht für mich.“

„Klingt verdammt unausgeglichen ...“

„Keine Sorge, ich komm damit klar, dass es hier immer bloß um dich geht, Nashua. Etwas anderes erwarte ich gar nicht.“

Sein provokant entspanntes Grinsen ließ mich die Augen verdrehen und wieder beiseite zu meinem Bett herüber stieren.

Wir schwiegen einen Moment, in dem Sam seine Gedanken zu sortieren schien und ich still realisierte, dass es ihm irgendwie schon jetzt gelungen war, das Gespräch auf mich zu lenken.

„Gut, hör mal, ich will wirklich nicht, dass das hier seltsam wird oder dich irgendwie stresst, okay?“, schlug Sam unverhofft einen so ruhigen und geradezu vertrauensvollen Ton an, dass es meine Schultern tatsächlich ein wenig löste.

„Ich möchte das hier entspannt halten“, versicherte er. „Mir ist egal, was Tony für diese Gespräche vorschwebt. Das spielt hier keine Rolle. Ich habe nicht zugesagt, um ihn glücklich zu stimmen oder irgendwie Co-Erziehung zu betreiben. Ich werde ihm nicht sagen, was er hören möchte . Das machen bereits genug Menschen und das ist ganz sicher nicht Sinn und Zweck dieser Sache.“ Ich schnaubte sacht und ein sträfliches Maß verschnupft, denn letztendlich war es auf Tonys Mist gewachsen, dass wir hier nun saßen. Sam schien meinen Gedanken korrekt zu deuten. „Ich habe zugestimmt, weil Tony klargestellt hat, dass er keinen Dritten ins Spiel nehmen wird, nicht nach der Sache mit Fanning“, erläuterte er langsam, „und ehe du gar keine Möglichkeit erhältst, diese Sache normal anzugehen, erkläre ich mich bereit, dich dabei zu unterstützen, auch wenn diese Konstellation zwischen uns in einem Punkt … etwas suboptimal sein mag.“

Ich schluckte. „Suboptimal?“

„Tony und ich sind Kollegen“, erklärte er. „Ich bin kein Außenstehender, wie ich es vermutlich sein sollte. Ich verstehe, dass das dazu führen kann, dass es dir noch etwas schwerer fällt, über gewisse Dinge zu sprechen, die dich beschäftigen oder dir widerfahren. Wir beide sehen uns auch außerhalb dieser Gespräche, wir haben gemeinsame Bekannte, gemeinsame Freunde ... Das kann blockieren. Aber ich garantiere dir, Sola, was auch immer zwischen uns beiden während dieser Gespräche besprochen wird, heute oder in Zukunft, es bleibt unter uns, ich halte es absolut vertraulich, es sei denn natürlich, du bittest mich darum, etwas weiterzutragen, oder erlaubst es mir.“

Stumm musterte ich ihn. „Tony sagte, du hilfst ihm dabei, besser einzuschätzen, was ich brauche“, wandte ich ein. „In Bezug auf mein … Trauma.“

„In Bezug auf deine Trauma ta “, korrigierte Sam leise. „Und ja, das tue ich.“

„Und das funktioniert, ohne ihm zu sagen, worüber wir sprechen und was ich dir erzähle?“, zweifelte ich.

„Das ist nicht notwendig, Sola. Ich kann ihm sagen, was dir in meinen Augen helfen würde und was genau das Gegenteil in deiner Situation bewirkt, ohne dass er den genauen Grund dazu erfährt. Alles danach liegt in eurer Verantwortung. Davon abgesehen, kannst du immer entscheiden, ob du ihm von unseren Gesprächen erzählst oder nicht oder ob ich es für dich tun soll.“ Sam beugte sich vor und legte beide Unterarme auf seinen Knien ab. „Es geht hier um dich, Sola. Du lenkst das Gespräch. Ich werde dir keine Flöhe ins Ohr setzen, dich in Widersprüche verwickeln oder dich in irgendwelche dunklen Ecken manövrieren, um herauszufinden, wie du darauf reagierst. Keine Ahnung, wie Fanning es gehalten hat, aber es wird ganz sicher nicht diese Art von Gespräch werden, okay? Keine obskuren Verhöre und keine Experimente, das verspreche ich. Um ehrlich zu sein, wüsste ich nicht einmal, wie man das anstellt.“

Er setzte sich etwas auf und hob ermutigend die Mundwinkel, während ich ihn nachdenklich beobachtete.

„Und angenommen“, begann ich, „ich erzähle dir … die Wahrheit über etwas; zum Beispiel über etwas, von dem niemand wissen sollte und das Tony wirklich nie erfahren darf … Dann erzählst du es ihm trotzdem nicht? Und auch keinem anderen? Absolut niemandem, selbst, wenn es … nicht nur mich allein betrifft – also, diese Sache?“

Sam beobachtete mich. Einen Moment wurde es ganz still.

„Richtig“, sagte er. „Ich werde dich auch nicht verpfeifen, wenn du mitternachts aus dem Tower geschlichen bist oder die Schule geschwänzt oder dir einen seiner geliebten Sportwagen gekrallt hast, um mit deinen Leuten ein Boot klarzumachen und Shots in der New York Bay zu kippen. Was auch immer du hier auspackst, Bonnie Parker, es bleibt unter uns.“ Er nickte amüsiert. „Aber das hier ist keiner deiner begehrten Freifahrtscheine für alles. Wenn du Unsinn im Hauptquartier anstellst und ich erwische dich in Person, bist du immer noch dran. Mein Revier, meine Regeln.“

Unfähig den still mitschwingenden Humor aufzugreifen, schwieg ich; immer noch viel zu vertieft in Gedanken rund um Wanda und Clint und meine magisch einbetonierten Schreckgespenster, die neuerdings Fakt oder Fiktion mit mir spielten, nur eben ganz ohne den an Nebelmaschinen vorüberspazierenden Moderator Jonathan Frakes, der uns allen charmant unterhalten im Nachgang des Chaos beschied, dass ich da leider auf ein Hirngespinst reingefallen war.

„Steve hat dir gesagt, was ich gemacht habe, ehe ich an Bord gekommen bin, richtig?“, fragte er, als ich nichts erwiderte.

Ich nickte. „Du hast Treffen für Veteranen geleitet.“

„Ja“, sagte er. „Da ging es größtenteils um Traumabewältigung und Überlebensschuld, aber lange nicht nur. Wir haben über alles Mögliche gesprochen. Darüber, was uns beschäftigt, was uns nachhängt, wie es unseren Alltag bestimmt … Wir haben auch über die guten Dinge gesprochen, die uns motivieren, uns aufbauen, uns hoffen lassen ... Das hier muss kein Tränenfest werden, Sola. Es ist wichtig, alles im Blick zu behalten. Ängste wie Erfolge. Wir sprechen einfach. Und dann schauen wir, wohin es führt. Es wird immer nur so herausfordernd, wie du es möchtest.“

„Und wie soll das helfen?“, murmelte ich zweifelnd.

„Bei all dem geht es nie darum, irgendjemanden zu knacken“, antwortete Sam, „es geht immer nur darum, mit sich selbst und anderen ehrlich zu sein.“

Wir sahen uns an, dann sah ich schon wieder widerstrebend zurück auf das Kissen in meinem Schoß.

„Denkst du, das bekommen wir hin?“

Unbewegt hob ich die Schultern. „Klar.“

„Denn, glaub mir, ich werde schonungslos ehrlich mit dir sein“, versicherte er grinsend. „Das wird nicht so einfach, wie es klingt, Nashua.“

Ehe ich mit etwas zu kontern vermochte, das ihn vorerst wieder vergessen ließ, wie verdächtig eindringlich ich mich seiner Verschwiegenheit vergewissert hatte, klopfte es an meine Tür. Als ich überrascht den Kopf wandte, vernahm ich bereits FRIDAYs ferne gedämpfte Stimme aus dem Flur, die umgehend mein Vorzimmer spielte und meinen unverhofften Besuch darüber informierte, dass ich mich gerade in meinem Austausch mit Sam befand. Schnell richtete ich mich auf und fragte: „FRI, ist es Pepper?“

Auf der Fahrt zurück von der Schule hatte ich kurz mit ihr telefoniert. Ich hatte ihr versichert, dass es mir gut ging, Happy mich vorbildlich umsorgte und durch die Weltgeschichte kutschierte und ich heute Abend auch mein erstes angesetztes Gespräch mit Sam führen würde. Ich hatte ihr versprochen, dass ich sie morgen vor der Schule noch einmal für eine längere Unterhaltung anrufen würde, da hatte sie bereits angeboten, stattdessen gleich zu einem gemeinsamen Frühstück bei mir vorbeizusehen. Ich hatte zufrieden zugestimmt. Ich hatte nicht darum gebeten, dass sie schon heute vorbeisehen sollte, wie in ihrer ursprünglichen Textnachricht noch angeboten, hatte insgeheim aber ganz darauf gehofft, dass sie mein Schweigen zu deuten wissen und vielleicht noch einmal nachhaken würde – denn ich vermisste sie und --- das war wirklich lächerlich, sie lebte erst gut eine Woche nicht mehr bei uns … --- und, verdammt , ich vermisste sie --- aber das hatte ich nicht ausgesprochen, weder das, noch hatte ich ihr irgendeinen klareren Grund dazu geliefert, schon vor morgen Früh hereinzukommen und nach mir zu sehen, und deshalb hatte ich schlussendlich nicht wirklich damit gerechnet, aber dennoch irgendwie … gehofft …

Nur war es nicht Pepper.

Es war Tony, wie FRIDAY mich informierte.

Kurz erstarrte ich, dann entließ ich die Luft: „Er ist schon zurück? Er sagte gar nicht-“ Schnell unterbrach ich mich. „Sag ihm, er kann ruhig reinkommen.“

Anscheinend rief FRI ihn tatsächlich zurück, denn zwei Augenblicke später öffnete sich die Tür.

Mit bereits unordentlich gelockerter Krawatte sah er mehr beiläufig herein, wie um sich zu vergewissern, dass er tatsächlich geladen war. Als er meinem erwartungsvoll auf ihn gerichteten Blick begegnete, trat er ein paar Schritte in mein Zimmer und ließ seinen eigenen Blick schnell über mich und dann auch Sams Gestalt auf dem Fernsehbildschirm streifen. Noch auf halber Strecke zur Couch lief er ohne viel Muse aus und hielt inne.

In seiner linken Hand hielt er sein Sakko.

Er musste geradewegs vom Lift heraufgekommen sein.

„Hey …“

„Hi“, summte ich.

Tony wirkte immer noch diese Spur unzufrieden beschäftigt, die mir bereits sagte, dass sich die Angelegenheiten, für die er nach D.C. entschwunden war, noch keineswegs erledigt hatten und auch weiterhin Aufmerksamkeit von ihm forderten, die er nur noch widerstrebend zu opfern bereit war. „Ich wollte hier gar nicht weiter dazwischenfunken“, informierte er uns, „nur kurz Alarm schlagen, dass ich wieder da bin, etwaige bereits angesetzte Abriss-Partys vorerst ins Wasser fallen und … na ja, sichergehen, dass alles soweit in Ordnung ist.“

Er musterte mich. Sein Ton arbeitete sich müde wie gefasst durch seine Worte. Irgendetwas an seinem unaufgeregten Humor wirkte deplatziert und ich schob es auf seine nach wie vor analytische Miene, die mich so bewusst in Augenschein nahm, dass ich mir fast sicher war, dass er sich bereits gewappnet hielt.

„Ja“, murmelte ich. „Alles gut.“

Tony schob sacht die Brauen zusammen. „Sicher?“

„Jupp.“

Er schien nicht recht zufrieden.

Keine Sorge, vorerst kein unangekündigter Tripp nach Boston geplant , schoss es mir durch den Kopf. Daphne hat sowieso keine Zeit.

Bitter schluckte ich.

Seine Miene erlangte eine beschäftigt blanke Unleserlichkeit zurück, untermalt von nun unterschwellig erwägendem Urteil, bei dem ich nicht wusste, ob es von Sorge oder Verdruss getragen wurde. Für die Avengers hoffte ich einfach, dass er den Präsidenten nicht ebenso angesehen hatte, denn ansonsten konnte ich mir die ungünstigen Ergebnisse ihres Dialogs bereits ausmalen.

„Wie liefs in D.C.?“, erkundigte sich Sam auch schon, als beschleiche ihn ein ähnlicher Gedanke. „Warst du erfolgreich?“ Dankbar für seine Wortmeldung, die Tonys Aufmerksamkeit von meiner immer noch befangen wortarmen Person fortlenkte, löste ich unseren Blick.

Unter sacht angespannter Stirn sah Tony zu ihm herüber. „Hängt von der Definition ab.“

„Die klassische würde mir schon ganz gut gefallen: Anklage vom Tisch.“

Tonys Mundwinkel knetete. „Bleibt abzuwarten.“

Ernüchterung glättete Sams Züge. „Sie erwägen tatsächlich eine Anklage zu unterstützen? Wow , starker Tobak.“

Tony kommentierte es nicht. Ich wusste nicht, ob er es bloß nicht tat, weil ich zugegen war oder er wirklich so geschafft von den letzten Tagen war, dass er wenig Lust hatte, sie nun gleich wieder aufzurollen.

„Da war also nicht viel zu machen, hm?“ Sam nickte, als habe er es längst vermutet. „Sie ziehen sich aus dem Fadenkreuz und stellen uns an den Pranger. Na, schönen Dank auch ... Kann nicht sagen, dass das unerwartet kommt. Das ist ganz alte Schule. Black-Op-Teams können ein Lied davon singen.“

„Wir agieren autonom. Es war unser Einsatz.“

„Zum Wohle der gesamten vereinten Nationen.“

Tony sah ihn unter zynisch gehobener Braue an. „Nur wurden wir nicht von ihnen autorisiert. Noch von irgendjemandem sonst.“

„SHIELD-“

Er winkte ab. „-wurde aufgelöst.“

„Richtig. Von uns .“

„Sie haben den Laden dicht gemacht. Wir sind Hausbesetzer auf einem brachliegenden Gelände, das als verseucht eingestuft wurde. Wenn wir zu viel Lärm machen, räumen sie es.“

„So wie ich das sehe, sitzen wir auf deinem Gelände.“

„Und genau deshalb werde ich nach D.C. zitiert und ihr nicht. Sie wissen, mit mir steht und fällt die Kiste. Ohne Geld keine Jets.“

„Ach, komm schon.“ Sam schnalzte genervt. „Wenn alles gut gelaufen wäre, hätten alle ihr altbekanntes Loblied auf das Ende von Hydras Ära gesungen, Steve wäre zum Händeschütteln vor das Weiße Haus geladen worden und alle wären wieder ihrer Wege gezogen. Sie ruhen sich doch darauf aus, dass wir eingreifen und unmittelbar operieren. Es spart ihnen Kosten, Ressourcen und Kopfschmerzen.“

Tony blieb unberührt. „Ja. Nur ist es das nicht. Gut gelaufen.“

Sam brach ab. Sein Blick sprang zu mir herüber, als sie beide wieder in einhelliges Schweigen verfielen.

„Holen sie sie ab?“, erkundigte er sich schließlich.

Wanda , übersetzte ich für mich.

Leise alarmierte Kälte rieselte mein Rückgrat herab.

„Nein.“ Tony stierte beiseite. „Vorerst nicht.“

„Aber du denkst, sie knicken ein.“

„Wird sich zeigen.“ Er schwieg. „Das Außenministerium ist dran.“

Sam seufzte. „Tja, Sternchen verleiht man uns da sicher nicht …“

Als habe er dies gar nicht weiter vernommen, sah Tony wieder zu mir. Meine aufmerksam lauschende Gestalt schien ihm nicht entgangen zu sein, denn er musterte mich schon wieder so mutmaßend gedankenvoll, dass ich beinahe ein schlechtes Gewissen bekam, obwohl wir uns in meinem Zimmer befanden und ich nun wirklich nichts verbrochen hatte.

Er wies mit dem Daumen über die Schulter. „Ich kann mich aufs Ohr hauen, ja?“

Stumm nickte ich.

Als erwarte er nach wie vor ein Veto, behielt er mich drei Sekunden länger im Auge, dann atmete er knapp aus, nickte wortlos und verließ mein Zimmer.

Still stierte ich an die Tür, die sich hinter ihm schloss, stützte niedergeschlagen meinen Kopf auf meinem Ellbogen auf der Rückenlehne ab und sah mehr widerwillig zum Bildschirm zurück.

Sam räusperte sich. „Lust, mir zu erzählen, was da gerade los war?“

Ich hob die linke Schulter. „Keine Ahnung.“ Frustriert friemelte ich wieder an meinem kleinen Kissen. „Er ist irgendwie sauer, glaube ich.“

Sam zog die Brauen zusammen. „Wie kommst du darauf?“

„So ist er schon, seit wir Freitagnachmittag aus Boston weg sind. Irgendwie seltsam.“ Ich stierte hinaus ins abendlich erleuchtete Manhattan. „Überhaupt alles daran war seltsam. Aus heiterem Himmel hat er einfach entschieden, dass wir heimfahren und …“ Gleichgültig zuckte ich die Achseln.

„Ihr seid früher aus Boston zurück, richtig?“

Ich nickte. „Wir waren wegen diesem Vortrag da; wegen der Finanzierungskampagne am MIT“, begann ich dumpf. „Eigentlich hätten wir noch zu einem Bankett gehen sollen --- und am nächsten Tag wollten wir dann nach Nashua, damit ich … alle mal wieder sehen kann ... Aber dann, nach dem Vortrag, war er wie ausgewechselt …“ Missmutig schob ich das kleine Kissen beiseite. „Er hat S.E.N.F. auf der Bühne präsentiert und hat dafür eine --- Erinnerung an seine Eltern ausgewählt, von kurz vor ihrem Autounfall, und --- na ja, es war als hätte er es absichtlich getan, um mich irgendwie zu dieser Sache zu bewegen oder so … Also bin ich mitten im Vortrag raus. Ich war ein wenig sauer … aber nicht lange. Ich habe kurz auf dem Flur mit Clint telefoniert, dann bin ich los und hab ihn gesucht …“ Etwas in meiner Erinnerung ziepte, auch wenn ich es nicht zu greifen bekam. „Er hat mich gefunden, er kam gerade aus dem Backstage-Bereich, war irgendwie … komisch und dann hat er völlig aus dem Nichts Quentin Beck gefeuert, den Chefentwickler, und ist mit mir direkt zum Wagen, ohne noch Auf Wiedersehen zu sagen. Und dort hat er plötzlich alles umgeworfen und entschieden, dass wir direkt nach New York zurückfliegen. Ich habe mich entschuldigt, aber er hat nur behauptet, damit habe es gar nichts zu tun, obwohl er eindeutig … irgendwie böse auf mich war. Er war sauer, weil ich kurz alleine auf dem Flur war, weil jeder mich in den paar Sekunden einsacken hätte können oder so etwas in der Art. Dabei habe ich sowieso immer mein Armband dabei. Ich meine, ist das nicht genau dafür gedacht?“ Ich knautschte die Stirn. „Happy hat uns jedenfalls zum Jet gebracht, wir haben dort noch kurz auf Erin gewartet und dann sind wir heimgeflogen.“

„Und bevor er nach D.C. aufgebrochen ist, habt ihr das nicht mehr weiter geklärt?“

Wieder hob ich bloß die Achseln. „Er hat gar nicht mehr drüber geredet. Im Jet haben wir nicht viel gesprochen. Er hat mit Steve wegen Rumlow telefoniert und euren Aufbruch nach Lagos besprochen und ich bin nach hinten in die Kabine. Und danach hat er einfach weitergemacht, als sei nichts geschehen … Er war ganz normal, nur eben nicht … richtig normal. Und ich wollte nicht schon wieder wegen S.E.N.F. streiten, also hab ich auch nichts mehr dazu gesagt. Und dann – bevor ich es mir anders überlegen konnte, waren die Nachrichten voll mit eurem Einsatz und er musste nach D.C.“

„Habt ihr nochmal telefoniert?“

„Ja, klar“, brummte ich. „Er hat immer mal kurz angerufen.“

„Worüber habt ihr gesprochen?“

„Er hat bloß gefragt, ob alles gut bei mir ist; hat gesagt, wo er steckt und wie die weiteren Pläne aussehen; mir erklärt, was ich sagen und tun soll, wenn man mich heute in der Schule zu Lagos löchert oder die Presse uns auflauert und so ein Kram ... Dann hat er nochmal gefragt, ob bei mir alles in Ordnung sei, wie es meinem Kopf geht, ob ich solange noch allein klarkomme oder ob jemand vorbeisehen soll, was ich vorhabe … So etwas eben.“

„Und du hast ihm gesagt, alles sei fein.“

„Ja.“

„Wieso?“

Verwirrt sah ich auf. „Was denn sonst?“, gab ich so flapsig zurück, als habe er mir gar nicht zugehört. „Er hatte doch genug zu klären. Hätte ich ausgerechnet dann wieder von alldem anfangen sollen, während er im Vorzimmer des Präsidenten steht? Oder vor der Herrentoilette im Pentagon? Oder --- wo auch immer?“

Meine säuerliche Theatralik prallte restlos an Sam ab. „Aber jetzt ist er zurück. Und du sagest eben wieder, dass alles gut sei, obwohl es das nicht ist.“

Zweifelnd hielt ich seinen Blick.

„Sola, das Ganze klingt für mich ehrlich gesagt nicht, als sei Tony neulich wirklich aufgebrochen, bloß weil du seine Show boykottiert hast oder ähnliches. Er wusste, dass er mit dieser Sache einen Nerv bei dir trifft. Ich habe mit ihm vor gut einer Woche über S.E.N.F. gesprochen. Er wusste, dass du absolut nichts damit zu tun haben wolltest. Ich meine – ich bin hier, weil es so war, richtig? Tony ist hin und wieder eine Diva, keine Frage, aber ich denke wirklich, dass etwas völlig anderes hinter alldem steckt.“

Ja. Er hat es einfach satt, dass ich alles dreimal so kompliziert für ihn mache, wie es sein müsste. Er sagte, so sei es nicht, aber es war wegen Pepper.

Tony hatte --- für einen Moment die Geduld verloren. Mit dem Vatersein und mit meinen Traumata, denn ja , es war der Plural , und mit all meinen Bedürfnissen und Forderungen und all den Schwierigkeiten, in die ich mich unentwegt brachte und die ich ständig provozierte.

Ganz einfach mit dem Gesamtpaket, das Sola Stark Waters hieß.

Was sonst?

Tony hatte sich insgeheim unsere erste Jahresbilanz zu Gemüte geführt und Pepper war dort als Verlust ausgewiesen gewesen, gleich nebst zu Iron Man.

Iron Man, der nun nur noch der PR-Stunt schien, der im Weißen Haus Feuer austrat, wenn es brannte. Nichts Halbes und nichts Ganzes.

Ich schwieg.

Wenn Sam noch nicht von Peppers und Tonys Beziehungspause wusste, würde ich nicht diejenige sein, die es ihm sagte. Aber die Gewissheit saß längst fest in meiner Brust.

„Ihr solltet das klären“, empfahl Sam. „Sprich noch einmal mit ihm. Frag ihn, was da los war. Er wird dir eine Antwort geben, Sola. Und wenn er einfach nur einen schlechten Tag hatte … Er wird es dir schon sagen. Denn auf mich wirkte das eben, als warte er darauf, dass du eine Reaktion zeigst.“

„Ich habe mich doch schon entschuldigt? Ich war zehn Minuten weg, mehr nicht. Ich war bloß auf dem Flur. Er hat völlig überreagiert ---“

„Ich glaube, darum geht es ihm gar nicht.“

Widerwillig gab ich nicht mehr als einen knapp zustimmenden Laut von mir.

Sam nickte.

„Na, wenn das mal nicht ein grandioser Auftakt war“, befand er nach einem Moment verdorben zufrieden. „Hab ich da eben etwas knacken gehört? War das der Panzer oder erst das Eis? Ich glaube, da ist ein Riss.“

Finster starrte ich ihn an.

„ Tja , ich wusste, worauf ich mich einlasse ... Zwei Starks sind immer einer zu viel.“ Vielsagend hob er die Brauen und grinste. „Ist ein altes amerikanisches Sprichwort; die Bücher sind voll davon.“

Wortlos griff ich nach meinem StarkPhone und schaltete den Fernseher ab.

„FRI?“ Ich hievte mich von der Couch. „Informiere Sam, dass Tony nur für eine Stunde bezahlt.“