Vetorecht
Vetorecht
Kapitel 15: Vetorecht
„Gut, dass du hier bist.“ Mit nur halb zugewandtem Körper sah Tony zu mir, kaum dass ich den hinteren Bereich seiner Werkstatt betrat. „Willst du dich nützlich machen?“
Er hob die rechte Hand, in der er ein rubinrotes Visier mit mattgoldener Umrandung hielt, und wies auffordernd zu seinem aktivierten Holotisch herüber, auf dem einige technische Zeichnungen der SUN-1 aufgerufen schienen und regungslos in der Luft ausharrten. Ich hatte sie schon am Visier erkannt, trotzdem stockte ich kurz, ehe ich verhalten die Arme verschränkte und widerstrebend an der Schwelle verblieb.
Draußen war es lange dunkel. Regen floss die Fensterscheiben herab und reduzierte all die vielen Fenster und Lichter von Manhattan zu schimmernden Lichtwaben in seinem Rücken.
Tony hatte sich umgezogen. Anders als bei seiner Ankunft vor gut einer Dreiviertelstunde, als er mich über seine Rückkehr informiert und damit mein Gespräch mit Sam pausiert hatte, trug er nun nur noch ein einfaches T-Shirt und leichte Hosen. Er schien bettfertig und doch stand er hier und sammelte Bauteile aus den Fertigungsanlagen zusammen, die FRIDAY scheinbar fleißig in Aktion hielt.
Was auch immer darin vor sich ging, musste er schon viel früher, vielleicht bereits im Helikopter auf dem Rückweg aus Washington, in Auftrag gegeben haben und schien zudem irgendwie mit meinem Anzug zusammenzuhängen.
Pardon , meiner Schutzeinheit.
Es machte mich durchaus neugierig, aber nicht so sehr, dass es die Zurückhaltung überstieg, die ich in tagelanger emotionaler Stasis seit unserem Rückflug aus Boston aufgebaut hatte.
„Wolltest du nicht schlafen?“, erkundigte ich mich.
„Hab’s versucht.“ Er rieb sich die Braue, sah beiläufig zu meiner sichtlich verhaltenen Gestalt und griff sich wenig beeindruckt eine Hand voll Schweißdrähte und ein paar Stabelelektroden entlang des Weges. „Was ist das?“, triezte er. „Eine unangemeldete Kontrolle?“
Vage erwartungsvoll sah er wiederholt zu mir, legte alle eingesammelten Utensilien auf der Werkbank ab und griff nach etwas, das ich in Sekundenschnelle als Tablettenblister enttarnte, den er beiläufig in die Tasche seiner Pyjamahose verschwinden ließ.
Mager hob ich die Schultern. „Ich wollte fragen, ob du etwas brauchst. Aber FRI sagte, du bist hier unten. Also, … schätze ich nicht.“
Tony lächelte. Er ließ es kommentarlos stehen.
Immer noch sichtlich erschöpft und gedankenversunken, schien er doch nicht mehr ganz so angespannt wie in meinem Zimmer. Seine Schulter hatten sich gelockert. Und auch seine Schläfe schien nicht länger in Endlosschleifen von Problemketten verkeilt, auch wenn sie immer noch stillschweigend arbeitete, worüber mich auch seine abwesenden Handgriffe und scheinbar unaufgeregten Schritte nicht hinwegtäuschen konnten.
„Schönes Kugelgelenk“, befand er übergangslos und wies zu meiner eigenen Werkbank. „Arbeitest du an Dum-Es Ablöse?“
„Wenn Harley den passenden Code schreibt“, ging ich widerwillig auf seine maßlose Übertreibung ein.
„Schon bei den Stabkräften, hm? Was hast du getan? Den ganzen Sonntag hier drin gehockt?“
Obwohl er mich neckte, schien er unverändert abwesend.
„Nein, ich war auch am Schießstand …“, wich ich aus. Dort war es jedoch nur mäßig gelaufen. Meine Nerven hatten die Tage nicht ganz mitgespielt, nicht einmal bei den simplen Aufwärmübungen, und irgendwann hatte ich den Bogen einfach wieder weggepackt.
Anders als Tony hatte ich jedoch nichts weiter zu tun gehabt.
Elijah hatte ich gemieden – nicht nur, wegen Boyntons massiver Präsenz in den Nachrichten an jenem Tag, sondern auch, weil ich mich seit dem Gespräch mit Tony am Charles River irgendwie in der Bringschuld fühlte. Ohne Zweifel erwartete Elijah gut eine Woche nach dem Footballspiel so langsam ein Resultat. Eine Rückmeldung darüber, wie Tony mit der Sache umzugehen gedachte, ob er Stress machte oder das Ganze völlig entspannt sah, und wie es nun zwischen uns weiterging, da die Karten auf dem Tisch lagen. Ich hatte ihm diese Antworten nicht liefern können, aber bloß, weil ich seit dem unverhofften Aufbruch zurück nach Hause einfach nicht wusste, was in Tony vor sich ging. Ob es – entgegen seiner Worte am Fluss – nicht vielleicht doch auch ein wenig mit Elijah zu tun gehabt haben mochte, dessen Familie immerhin indirekt mit Boynton in Verbindung stand, oder vielleicht auch nur mit der Tatsache, dass ich ihm alles an unserer Beziehung verschwiegen hatte, bis ich an besagtem Spieltag irgendwie unfreiwillig aufgeflogen war.
Nun, und Daphne wiederum hatte mich gemieden.
Sie hatte keine Zeit , korrigierte ich mich auf der Stelle grob. Das wusstest du. Deshalb hatten wir den Samstagvormittag vereinbart.
Letztendlich hatte ich tatsächlich den halben Abend mit Harley telefoniert, während ich mich in der Werkstatt zeitgleich mit FRIDAYs Ausbildungspaketen abzulenken versucht hatte, die Tony neuerdings wohlweißlich immer in der Hinterhand hielt, wenn er sich selbst unverhofft ausklinken musste.
Aber bei meiner Unterhaltung mit Harley war es weniger um eigene KIs gegangen und mehr darum, wie wir eine bereits bestehende hinters Licht führen und einen von Tonys vielzähligen Anzügen kapern konnten.
Rein hypothetisch verstand sich.
Unsere zarten Erstversuche waren jedenfalls im Sande verlaufen. FRIDAY hatte nur müde gelächelt.
„Und was wird das ?“, lenkte ich mit unverändert verschlossener Körperhaltung das Thema wieder von mir fort. Ich nickte zu meinem Visier.
Er winkte ab. „Wir sollten ein paar in Reserve haben, nichts weiter.“
Ich beobachtete ihn. „In Reserve?“
„Im Jet – für unterwegs.“
Ich zögerte. „Wir nehmen die SUN-1 doch immer mit?“
„Ja. Spart das Umpacken.“
Er hob den Blick und lächelte mir unaufgeregt zu, aber seine Augen taten es nicht.
Das unangenehme Gefühl in meiner Magengrube mehrte sich.
Vermutlich würde es vorerst trotzdem keinen besseren Moment geben, das Thema wieder aufzugreifen, entschied ich, insbesondere, da die jüngsten Ereignisse ihn jederzeit wieder abberufen und erneut nach D.C. oder gar zur weiteren Klärung nach Afrika selbst verschlagen mochten. Ich brauchte trotzdem einen weiteren Moment, um mich letztlich durchzuringen.
Tony wandte sich bereits wieder dem Holotisch zu und zoomte zielstrebig durch verschiedene Bauteile innerhalb der technischen Zeichnung. Er schien meine Hemmungen dennoch zu spüren, denn obwohl er nichts sagte, fasste er mich schon wieder so beiläufig und doch aufmerksam in den Blick wie schon in meinem Zimmer zuvor.
„Das mit Elijah …“, vergewisserte ich mich. „Das ist jetzt so okay?“ Auch ich folgte seinen fließenden Handbewegungen inmitten all der freischwebenden Pläne, anstatt in seine direkte Richtung zu sehen. „Weil … Na ja, er hat gefragt, ob ich diese Woche etwas unternehmen will.“
„Und willst du?“
Tony gab keine nennenswerte Regung von sich, noch stockte er in seinem Tun.
Ich runzelte die Stirn.
„Klar.“ Meine Finger knautschten sacht den Stoff meines linken Ärmels in meiner Armbeuge. „Wir haben uns seit dem Spiel letzte Woche nicht mehr gesehen, also … ja.“
„Wo soll’s hingehen?“
„Weiß nicht. Vielleicht zum San Gennaro-Fest. Oder nach Coney Island. Aber vermutlich … eher nicht …“ Ich brauchte Tony nicht anzusehen, um zu wissen, dass ihm derselbe Gedanke kam wie mir. Ein gut besuchtes Straßenfestival inmitten von New York City oder ein Freizeitpark am beliebtesten Strandabschnitt von Big Apple waren an und für sich bereits eine Herausforderung, was meine zeitweilige Anonymität betraf, aber zu genau diesem heißdiskutierten Zeitpunkt ganz sicher keine Idee der brillantesten Sorte, wenn ich nicht gerade einen irgendwie gearteten Aufruhr zu provozieren gedachte. Ich mochte italienisches Essen und Funnel Cake, aber mehr noch mochte ich, nicht umzingelt und zu Aussagen bedrängt zu werden, die irgendjemand auf einem weit entfernten Kontinent zur laufenden Lagos-Debatte formuliert haben mochte. „Ich meine, Elijah könnte auch einfach hierherkommen, oder nicht?“, wagte ich mich vorsichtig weiter.
Tony sortierte seine Arbeitsfläche. „Du magst ihn, hm?“
Ich nickte.
„So richtig, ja?“
Meine Finger lagen immer noch in den Stoff meines Ärmels gegraben, als meine Schultern sich wiederholt matt hoben. „Also?“
Tony wandte sich mir zu, trat von der Werkbank fort und schritt entspannt zu mir herüber. „Sagte ich bereits. Kein Problem.“
„Du sagtest, alles zurück auf erste Base“, wiederholte ich trocken. „Und dass ich mit Nat sprechen müsste.“
„Sagte ich und meinte ich. Wo ist der Widerspruch? Ihr haltet nur Händchen, richtig?“
Sichtlich zufrieden mit seiner eigenen parierenden Raffinesse musterte er mich, während ich innerlich bereits wieder vor lauter Peinlichkeit heiß lief.
„Nicht nur “, murmelte ich.
Stillschweigend überführt stierte ich an seinem rechten Ohr vorbei.
„Okay, Bambina, kurz und schmerzlos“, erbarmte er sich meiner. „Alles wie besprochen. Du magst ihn? Fein. Damit komme ich klar. Ihr wollt ausgehen? Ihr wollt mehr? Sicher – besser gesagt, unausweichlich. Nicht sofort, darüber haben wir gesprochen, aber letzten Endes liegt es bei dir und bis dahin …“ Er sah für einen Sekundenbruchteil zur Decke. „… wirst du vorbereitet sein. War das jetzt sachlich abstrakt genug?“
Ich atmete aus. „Hm.“
„Hörst du noch zu oder steht alles bereits auf Durchzug?“
„Ich höre zu“, grummelte ich. Widerstrebend sah ich ihm wieder ins Gesicht.
„Fabelhaft, denn hier jetzt der wichtige Part: Alles absolut kein Drama; egal, wie es läuft oder sich entwickelt oder eben nicht läuft. Bricht er dir das Herz, kommst du zu mir und ich erinnere dich an die grob geschätzt anderen fünfundzwanzig Millionen, die es noch nicht getan haben und zweifellos Schlange stehen, um auch nur einen netten Nachmittag mit dir zu verbringen.“ Tony blinzelte nicht. „Bricht er dir irgendetwas anderes, finde ich ihn und röste ihn auf kleiner Flamme.“
Obwohl sich meine Brust unweigerlich erwärmte, schluckte ich.
Ich schwieg.
Meine Kehle blieb eng.
„Und was, wenn ich ihm wehtue?“, widersprach ich leise.
Tony betrachtete mich. Eine lange Sekunde sagte er nichts.
Es brauchte ohnehin einen Moment, ehe ich das seltsame Gefühl wieder abzustreifen wusste, das von Dingen wisperte, die ich gar nicht hören wollte.
Es waren lieblose Dinge. Machtlose Dinge. Und sie griffen um sich.
Tony schob die Brauen zusammen. „Wie lief es heute in der Schule?“ Er beließ meinen Einwand unbeantwortet.
„War okay …“ Meine Stimme festigte sich wieder. „Fast alle haben Fragen gestellt, aber mehr auch nicht. Ein paar Journalisten waren am Nachmittag da. Happy hat mich vom Parkplatz abgeholt, deshalb haben sie uns nicht erwischt.“ Ich zögerte. Mein Magen schlingerte. „Okay, es gibt da eine Sache …“ Ich schloss die Augen. „Ich habe vielleicht … etwas über Senator Boynton gesagt. Nicht viel, nur … Na ja, dass er eben nicht der ist, für den er sich ausgibt. Dass er einfach gerne auf euch herumhakt und das nichts Neues sei. Das war bloß in der Klasse, wirklich, aber einer meiner Mitschüler – Flash – er hat vorhin ein Video hochgeladen und er erzählt dort allen, was ich über Boynton gesagt habe. Er erwähnt auch Extremis und den Mandarin und --- na ja, dass es fast seine politische Karriere ruiniert hätte, daran beteiligt gewesen zu sein, was schließlich ebenfalls das Leben von Zivilisten gefordert hätte. Er nennt es mein Statement zu dem Thema Boynton vs. Avengers . Aber das war es nicht, so habe ich es nie dargestellt-“
„Klar“, bestätigte er sofort.
„Ich habe ihm eben gerade geschrieben“, fuhr ich schnell fort, ehe Tony mehr sagen konnte, „direkt, als ich das Video gesehen habe, und ihm gesagt, dass er es wieder entfernen muss. Erin weiß Bescheid; sie sagte, sie kümmert sich. Ich wollte nicht-“
„Schon gut.“
Sams Bericht spukte bereits wieder durch meinen Kopf, wie auch ihr kurzer unzufriedener Austausch in meinem Zimmer, der bloß von Ungewissheiten und Sorge um die nächste Eskalationsstufe geprägt gewesen schien, einer Anklage oder gar Festnahme, wie sie schon Flash am Morgen so ungeniert in den Raum gestellt hatte, dass ich wider aller Vorsätze schneller in den Reflex verfallen war zu widersprechen und zu verteidigen , als mich einfach zurückzuhalten. Denn wissen tat ich rein gar nichts, wie mir längst leidig bewusst war, und vielleicht hatte ich es hiermit nur schlimmer gemacht. Wenn nicht schon für die Avengers und Tonys tagelangem Werk der Diplomatie in Washington, dann doch zumindest für mich selbst – in Bezug auf die skandalsuchende Presse oder die Aufmerksamkeit meiner Mitschüler und – ganz besonders – in Bezug auf Elijah, der dieses Video ebenfalls gesehen haben mochte und nun womöglich Eve zu erklären versuchte, wie ich schon wieder in dieses Fettnäpfchen aggressiven Rampenlichts getreten sein konnte.
„Das mit Lagos ist schlimm, das weiß ich“, fuhr ich deshalb ungehindert fort. „Ich hätte einfach gar nichts sagen sollen, aber es klang nicht fair und ich-“
„Hey, ich sagte, schon gut.“
Ich brach ab.
Erleichtert löste ich ein wenig die Arme und sah wieder zu seiner Werkbank herüber.
Tony setzte sich wieder in Bewegung. „Wie lief’s mit Sam?“
Er ließ die Erkundigung ein wenig zu unbeteiligt klingen, als dass es mich nicht schlagartig wieder daran erinnerte, wie uneins wir uns in dieser gesamten Thematik waren und welch unschöne Ausläufer sie zuletzt genommen hatte.
„Gut“, versicherte ich.
Vielleicht kam meine Antwort ein wenig zu prompt, denn er stockte und sah über die Schulter zu mir zurück, ehe er stillschweigend ausschlenderte, sich das Hologramm einiger Bauteile der SUN-1 im Vorbeigehen griff, auf ein daneben liegendes Feld herüberschob und dort mit simpler Geste in all die kleinsten Bestandteile und Maße auflöste, die sich umgehend in einer so gewaltigen und zugleich absolut geordneten Wolke vor ihm auftaten, dass es mir einmal mehr vor Augen führte, wie unvorstellbar komplex sich bereits jedes kleinste Element seiner Arbeit gestaltete und wie elendig weit ich davon entfernt war, auch nur einen Bruchteil davon wirklich zu verstehen.
Und nein, es betraf nicht nur seine Anzüge.
Es betraf einfach alles.
„Pepper wollte morgen zum Frühstück vorbeikommen“, sagte ich leise. „Bevor Happy mich zur Schule fährt.“
Tony griff sich sein Werkzeug.
Ich schluckte. „Ich kann ihr sagen, dass du wieder da bist-“
„Nein, kein Ding“, unterbrach er mich abwesend. Er sah kurz auf. „Ich bleib weg. Das bekomme ich hin – darin bin ich … gut, … großartig, wirklich ...“
Drauf und dran mich zurückzuziehen, nickte ich nur.
Tony ließ seinen bereits wieder dunkel beschäftigten Blick über seine holographischen 3D-Modelle springen. Er schnippte zwei Elemente beiseite, aber es war die jähe Stille, die mich schlussendlich an Ort und Stelle gefangen hielt.
Seine blanke unbewegte Gestalt vor dem regennassen, nachtdunklen Fenster inmitten all der blau, rot und gelb schimmernden Linien der Hologramme hatte jäh etwas so Beunruhigendes, dass all meine Furcht sich bestätigt fühlte.
Es war das Licht, begriff ich. Es war wie an dem Nachmittag an der Bar in der Lounge, als er mich über ihre Beziehungspause informiert hatte. Es war auf die notwendigsten Quellen reduziert.
Kalt und spärlich und trostlos.
Als seien wir die zwei letzten verbliebenen Menschen im ganzen Tower.
„Tony?“
Er blinzelte. Fragend richtete er seine Aufmerksamkeit auf mich zurück.
Diesmal schien es fast widerwillig und sofort breitete sich eine bleierne Schwere in meiner Brust aus, die jedes meiner darauffolgenden Worte nur noch ungelenker wirken ließ.
„Wieso durfte ich nicht zu Daphne?“
Er sah mich bloß an.
„Am Freitag“, erinnerte ich still, als habe er es vielleicht vergessen; als existiere irgendeine Möglichkeit, dass es bloß das war, dass das wirklich der einzige Grund war – dass sein Gedächtnis ihn nach etwas mehr als zwei kurzen Tagen im Stich ließ.
Denn es gab kein Zurück mehr, ganz gleich wie seine Antwort nun ausfiel.
„Nach dem Vortrag“, sagte ich. „Ich meine nicht, wieso ich nicht alleine hindurfte ...“ Doch , widersprach es harsch in mir und raubte mir fast die Stimme. Auch das. Wieso nicht? Wieso durfte ich nicht? „Du hast gesagt ---“ Wieder brach ich ab. Gärende Aufregung schob sich durch meine Eingeweide. „Ich meine, ich weiß, du warst sauer, weil ich rausgegangen bin, ganz ohne Erin oder sonst jemanden. Und ja, gut, vielleicht hätte etwas geschehen können – ja . Aber …“ Ich schluckte.
Sollte das alles ausgleichen? Ganz einfach, quid pro quo ?
Etwas in seiner Miene verschloss sich.
„Ich sagte, ich will S.E.N.F. nicht verwenden, nicht, dass ich gar keine Therapie machen werde“, sprang ich schon mageren Tons weiter. „Das werde ich. Heute mit Sam lief es gut. Du kannst ihn fragen. Ich war kooperativ und all das. Ich mache es ja. Und ich weiß, das Wochenende ist sowieso rum … Ich will mich nicht beschweren. Wirklich nicht. Ich meine, ich wollte Daphne und die anderen schon sehen und es war --- echt mies , wirklich --- ich habe mich entschuldigt, okay? Ich bin nicht absichtlich raus aus dem Saal. Du hast aber diese ganzen Dinge gesagt – auf der Bühne – und das war … scheiße . Und wenn du sauer deswegen bist, dann --- na ja, dann sind wir es beide, okay? Aber ich will nicht streiten und ich bin auch nicht mehr sauer, ich ---“ Wieder brach ich ab, denn meine Stimme bekam diese verräterisch rauen Ecken, die mir das Gefühl gaben, mich wie eine Fünfjährige anzuhören, was meine Worte nicht unbedingt überzeugender machte. „Ich will einfach nur wissen, wieso wir so schnell weg sind, das ist alles. Und wenn du immer noch sauer bist, in Ordnung, aber dann --- musst du mir schon sagen wieso , du kannst nicht einfach nichts mehr dazu sagen und dann nach D.C. verschwinden und --- und ---“
„Okay, hol Luft.“
Ich tat das genaue Gegenteil. Ich entließ sie, verstummte und atmete nur verzögert wieder ein.
Mein Herz presste gegen meine Kehle.
„Beruhig dich, Sola.“
Ruckartig sah ich beiseite, über Metallschränke und Regale und Gitterhaken.
„Komm her. Setz dich hin.“ Tony wies auf den Hocker vor seiner Werkbank und zog ihn mit seinem Fuß etwas näher. „Na los. Komm her.“
„Ich bin kein Hund .“
„Gut.“ Er schien unbeeindruckt. „Für den hätte ich nichts übrig.“
Zu gleichen Teilen verärgert wie überfordert wie jählings bedrückt löste ich mich widerstrebend von der Schwelle zwischen den beiden Werkstattbereichen und schlurfte schweigend zu ihm herüber. Er lehnte sich gegen die Tischplatte, noch während ich mich auf den gewiesenen Platz niedersacken ließ.
„Ich mache noch immer drei Kreuze, dass du kein Haustier mit angeschleppt hast“, informierte er mich.
Genervt stellte ich meinen Ellbogen auf der Werkbank ab, fuhr mir befangen durch meinen Pony und stierte auf die Tischplatte. „Ich hatte mal einen Hamster. Pompon.“
„Der hat es nicht lange gemacht, was?“
Unter schmerzlich enger Brust funkelte ich ihn an. „Daphne hat ihn verloren, als sie auf ihn aufpassen sollte“, stellte ich tonlos klar.
„Verloren?“
„Sie hat ihn auf den Spielplatz mitgenommen. In der Jackentasche.“
Er hob die Schultern. „Passiert.“
„Sie haben ihn gesucht, bis es dunkel wurde. Dann hat ihre Mum bei uns angerufen und mich gefragt, ob sie einen neuen besorgen soll.“
„Aber du sagtest nein.“
Ich zuckte die Achseln und sah beiseite. „Daphne hatte einen idiotensicheren Plan, wie wir Pompon mit seinen Lieblingsdrops und ein paar Zweigenhütten wiederfinden. Also sagte ich ihrer Mum, dass ich keinen neuen will und sie sich deswegen auch keine Sorgen zu machen brauche.“
Tony schmunzelte. „Lass mich raten, Cold Case .”
Ich kommentierte es nicht weiter.
Einen Augenblick betrachtete er mich, dann wurde seine Miene wieder ernst.
„Ich bin nicht sauer“, stellte er ruhig klar. „Und das war auch nicht der Grund, warum wir Boston vorzeitig verlassen haben.“ Ohne mich aus seinem wähnenden Blick zu entlassen, verschränkte er die Arme. „Trotzdem meine ich, was ich sagte. Unsere Absprachen stehen. Du kannst dir nicht aussuchen, wann dir unsere Spielregeln gefallen und wann nicht. Das gibt unsere Lage einfach nicht her, Sola-“
Meine Kehle schnürte sich enger. „Ich weiß.“
„-und wenn sie dir nicht gefallen, dann sprichst du mit mir und dann lasse ich mir etwas einfallen-“
„Ich weiß“, wiederholte ich heiser, wenn auch eine Nuance nachdrücklicher.
„Es existiert kein idiotensicherer Plan, dem wir folgen können, wenn du verloren gehst. Du endest nicht wie Pompon.“
„Tja, wir wissen nicht, wie es ausgegangen ist.“ Herb schluckte ich. „Vielleicht ging es ihm gut …“
„Nein, wir wissen beide, wie es für Pompon lief“, beschied er mir temperamentlos. „Er wurde gefressen.“
Empört blinzelte ich. „ Dad .“
„Tut mir leid, ich ziehe hier bloß das Pflaster ab. Das ist die ungeschminkte Wahrheit.“
„Und was ist aus Schrödingers Katze geworden? Ohne Leiche kein Verbrechen?“
„So funktioniert das Gedankenexperiment nicht. Holen wir nach.“ Er fuhr schon fort: „Ich will gar nicht abstreiten, dass er sicher kurze, helle Freude empfunden haben wird, über seinen kleinen Ausbruch, aber das wird sich recht schnell erledigt haben. Er wurde gefressen; von einer Katze, einer Schlange, einem Waschbären, einem Kojoten-“
„Oder vielleicht hatte er Glück ?“, protestierte ich. „Hat eine nette, verlassene Erdhöhle gefunden, irgendwo nahe am Spielplatz, konnte dort gut überwintern, die fallengelassenen Cracker-Krümel der Kinder sammeln-“
„Er war klein und niedlich und nicht geschaffen für diese Welt. Und er wusste es nicht besser, aber es war auch gar nicht sein Job, dafür zu sorgen, dass er, anstatt in einer verhängnisvollen Jackentasche zu landen, in seinem mollig warmen Nest bleibt, voller nahrhafter Vorräte, bester Fellpflege und allerbester Beschäftigung und sicher, hin und wieder einem Ausflug in die weite Welt, vernünftig beaufsichtigt, im Rahmen aller Möglichkeiten … Und – um es direkt aufzulösen – wenn ich Pompon sage, dann meine ich nicht Pompon, dann meine ich dich-“
„ Ach? “, spottete ich. „Wirklich?“
„Du bist aus der Jackentasche gefallen.“
„Ich war bloß auf dem Flur ... Mit meinem Armband und mit Clint am Telefon und --- eben mit allem .“ Hatten wir nicht bereits Monate an alldem gearbeitet – an Selbstverteidigung, Schutzanzügen, Waffen … Wozu das alles, wenn ich anscheinend nicht einmal eine Viertelstunde auf einem Campusflur überlebte?
„Du hörst mir nicht zu, Sola. Ich habe dich zum Spielplatz mitgenommen.“
Ich entließ die Luft. „Hör einfach mit dieser Metapher auf, okay ?“
Wir verfielen ins Schweigen.
Er richtete seine verschränkten Arme, als er schon wieder die Lippen zu kneten begann und mehr unfokussiert herabsah. „Ich habe im Wagen nichts gesagt, weil du das Ganze gerade erst hinter dir hattest und ich nicht wollte, dass es gleich schon wieder geschieht“, erklärte er schließlich.
Verwirrt betrachtete ich ihn.
„Ich wurde von jemandem angesprochen“, erklärte er.
„Während des Vortrags?“
„Danach.“
„Von wem?“
„Einer Frau. Ihr Name ist Miriam Sharpe. Nicht … weiter relevant. Sie hatte mich Backstage auf dem Weg hinaus abgepasst --- …“ Tony hielt inne. Er schien sich einen Ruck zu geben, als sein Tonfall weiter sank. „Ihr Sohn ist vor einem Jahr gestorben. In Sokovia.“
Mein Herzschlag fiel in angespannte Disharmonie.
Jäh erinnerte ich mich an das Foto des unbekannten Mannes in seiner Hand, mit dem er nach seinem Auftritt aufgetaucht war.
Müde rieb Tony sich die Brauen. „Er wurde in Sokovia getötet“, wiederholte er finster. „Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wer sie war. Aber ich wusste, dass du kurz vorher den Saal verlassen hattest, alleine , und ich wusste einfach zu gut , was sie denken musste --- was genau ich an ihrer Stelle denken würde ... Sie gab mir die Schuld, daraus machte sie gar kein Geheimnis. Sie sagte es mir. Und … sie hatte recht --- aber darum geht es hier nicht … Es hat mir Angst gemacht. Alles daran.“
Er löste endgültig die Arme, sah aber immer noch nicht wieder zu mir.
„Ich wusste nicht, ob sie harmlos war“, fuhr er fort. „Sie hat keinen gefährlichen Eindruck auf mich gemacht, aber ich konnte es nicht darauf ankommen lassen, richtig? Sie hätte diese Begegnung Wochen im Voraus vorbereitet und alles eingefädelt haben können. Unser geplanter Besuch in Nashua wäre für niemanden eine Überraschung gewesen, der sich auch nur ein paar wenige Informationen über dich zusammengesammelt oder die Nachrichten verfolgt hätte … Alles in allem, erschien es damit viel zu wahrscheinlich, dass mehr hinter dieser Begegnung steckt. Sie hätte nur der Bote sein oder im Verbund agieren können. Diese Leute hätten irgendeinen Moment am MIT ausgewählt haben können, irgendwo in der Menge oder beim Bankett, oder doch bei den Balmedas. Irgendeinen Ort der Vergeltung. Es gab dutzende Optionen für ein vielversprechendes Setting. Wenn ich alleine gewesen wäre, hätte ich es ganz einfach darauf ankommen lassen. Ich hätte FRIDAY informiert, sie in Alarmbereitschaft versetzt und einfach weitergemacht und geschaut, was passiert; ob überhaupt etwas passiert … Aber ich war nicht alleine, du warst dabei und wenn tatsächlich etwas vor sich ging --- dann warst du vermutlich das Ziel und das --- konnte ich nicht riskieren.“ Geschlagen kurz hob er die Hände. „Aber ich wusste es nicht sicher und deshalb habe ich nichts gesagt.“
Stille Tränen traten über mein Augenlid.
Tony neigte den Kopf. Seine Brauen rückten näher aneinander, als er mich endlich wieder ansah.
Wortlos zog er mich an sich. Umgehend schloss ich meine Arme um ihn.
Ich wusste nicht, wie sehr ich es gebraucht hatte, bis ich es nun endlich tat; ihn umarmte und festhielt.
„Es war mir lieber, du verstehst es nicht oder gibst mir die Schuld, als dass du nach weniger als einer Woche schon wieder denken musstest, dass da jemand sein könnte, der es darauf abgesehen hat dir wehzutun, okay?“, verdeutlichte er. „Ich war sauer, verdammt richtig, aber nicht auf dich. Und du hast recht, das hätte ich … viel früher klarstellen sollen.“
Still nickte ich in seine Seite.
Seine Hand rubbelte eine Weile über mein Schulterblatt, strich über meinen Hinterkopf und schob mir ein paar Haare aus dem Gesicht, als ich ihn wieder ansah.
„Alles gut?“
Ich nickte erneut. Dann dachte ich an Lagos und der gesamten Ungewissheit, die nun über allem zu ruhen schien und ihn nicht einmal mehr schlafen ließ, was bedeutete, dass es schlimm war, dass irgendetwas vor sich ging, das weiteren Schaden anrichten mochte, schon bald , und ich zuckte bloß mit einer Schulter und sah wieder beiseite.
Entspannt zog er mich an sich zurück. Ich lehnte meinen Kopf in seine Seite.
Einige Sekunden harrten wir so aus, dann – als sei ein stiller Timer abgelaufen – ließ er mich unvermittelt wieder los, löste sich von mir und der Tischplatte, an der er gelehnt stand, und machte betriebsam kehrt. „Willst du mir helfen?“
Etwas gelöster denn zuvor, wenn auch unverändert betroffen, sah ich um mich.
„Klar“, murmelte ich.
Seine Hand wies zum transparenten Bildschirm neben mir herüber. „Sieh dir das an und sag mir, was du davon hältst.“
Halb in der Erwartung irgendwelche Fertigungsmodelle oder Abmessungen meines Anzugs darauf zu entdecken, vielleicht gar eine Modifizierung bestimmter Bauteile oder Designs, wie er sie so häufig bei seinen eigenen Anzügen vornahm, folgte ich seinem Fingerzeig. Als ich allerdings ein geöffnetes Textdokument vorfand, stockte ich.
Neuroradiologische Aufbauprozeduren zum Super-Coiling-Verfahren
Patient/in S. Stark Waters , geb. 04.05.2001, weiblich,
Stat./Amb. BO OP/P im Bundesstaat: New York
Behandlungsvorschlag zur zerebralen Gewebetherapie
(entspr. med. Lab. vom 10.09.2016)
Prozedur A:
Partielle Neurogenese mittels nano-interzellulärem Vesikel-Priming
Prozedur B:
Seren-induzierte Neuroregeneration mittels aerosolbasierter Paclitaxel-Therapie
Unweigerliche Frustration siedete in mir auf.
Mein Blick flog zu Tony zurück.
„Ich fragte, ob du mir helfen willst“, kommentierte er. „Ich sagte nicht wie.“
Genervt verzog ich die Miene. „Wir haben von der SUN-1 gesprochen.“
„Nein.“ Er wandte sich wieder dem Hologramm der extrahierten Bauteile zu. „Der Anzug ist meine Baustelle. Deine liegt dort drüben. Ich brauche eine Einschätzung.“
Während er nach außen hin den Unbeeindruckten gab, musterte er mich dennoch aus dem Augenwinkel. Es war lediglich seine Stirn, die er in die mir längst bekannten Ansätze mahnender Wölbung warf, die mir sagte, dass dies hier keineswegs eine spontane Bemühung war, kein Schnellschuss ins Blaue, sondern stattdessen von vornherein als Mausefalle für mich ausgelegt worden war, vermutlich noch in dem Moment, in dem ich mich ratlos in seinem verlassenen Schlafzimmer umgesehen und mich bei FRIDAY nach seinem Verbleib erkundigt hatte.
Während ich bloß Klarheit suchte, war er längst wieder dabei Fakten zu schaffen.
„Nope“, befand ich unvermutet finster und schloss die Datei.
Sie öffnete sich wieder.
Ich blinzelte.
„Netter Versuch.“ Ohne mich aus seinem verhohlenen Blick zu entlassen, schlenderte Tony seiner Konstruktionsplattform entgegen. Er richtete den Kragen seines T-Shirts und schob einen Stahlwagen beiseite. „Siehst du“, befand er plötzlich, „ich akzeptiere, dass Sam vorerst den professionellen Kummerkasten gibt, während eine eigens dafür entwickelte hochkomplexe therapeutische Apparatur in der Ecke Staub fängt, aber ich akzeptiere ganz sicher nicht, dass du ein komplettes Elite-Team aus Neurospezialisten ghostest, während in deinem Kopf nicht viel mehr als ein paar provisorische Deiche einem anrollenden Tsunami entgegensehen.“
„Das Aneurysma ist stabil“, protestierte ich starr. „Das haben sie neulich erst überprüft. Die Scans sahen gut aus. Seitdem es mit diesen Platin-Coils aufgefüllt worden ist, ist doch alles im grünen Bereich! Im Ernst, ich spüre es nicht einmal. Ich hatte im gesamten letzten Monat vielleicht einmal ein wenig Kopfweh. FRI kann es dir sagen. Es steht im Tagebuch. Frag sie.“
„Das ist wunderbar, aber das tut hier nichts zur Sache. Wir suchen keine vorrübergehende Lösung, Sola, sondern eine dauerhafte.“ Seine Haltung blieb zwanglos, aber sein Blick war es nicht. Dort lag nun unbeirrbare Raison und die Tatsache, dass ich diese Mimik in all den vergangenen Monaten längst als unausgesprochenes Machtwort zwischen uns zu begreifen gelernt hatte, ließ mich geradezu überfahren schweigen. „Wir haben hierüber gesprochen, erinnerst du dich?“, fuhr er etwas zu betont unbewegt fort. „Du willst ein normales Leben führen, ganz ohne Wenn und Aber? Dann ist das hier gesetzt. Es führt kein Weg daran vorbei.“
Ich schloss das Dokument zum zweiten Mal.
Während es sich wiederholt umgehend wieder öffnete und ich mich, restlos in die Ecke gedrängt, verdrossen vom Bildschirm abwandte, spürte ich etwas in meinem Inneren knacken. Es war mehr als bloße Frustration, denn sie reagierte mit etwas, das schon seit Tagen, nein, Wochen in mir wummerte.
Meine Stimme kippte ins Herbe: „Ich sagte nicht, dass ich es --- nicht mache.“
„Nein? Denn diese Vorschläge liegen jetzt mehr als zwei Wochen auf meinem Tisch, ohne dass du sie auch nur eines Blickes gewürdigt hättest.“
„Es war eben viel los.“ Ich schnaufte, als mein abgesackter Blutdruck schlagartig wieder aus seinem Keller emporstieg. „Die Hälfte der Zeit warst du nicht einmal hier -“
„Ja, kein Thema. Stimmt. Und deshalb siehst du sie dir jetzt an, damit wir das hier weiter angehen können und keiner von uns jede freie Sekunde auch noch darüber nachdenken muss, weshalb und wann womöglich das nächste fragile Kompartiment im Zuge hormoneller Umbauarbeiten nachgibt, die völlig zweifelsfrei gerade im Gange sind-“
„Du bist --- einfach unglaublich“, stieß ich aus. Ich kam so ruckartig zurück auf die Beine, dass ich den Tisch anrempelte. Fest verschraubt rührte er sich nicht ein Deut, dafür brannte meine Hüfte augenblicklich wie Feuer auf.
Tony verschränkte die Arme. „Höre ich ständig.“
„Das ist schon wieder so eine --- Scheißaktion .“
„Nenn es, wie du willst.“
Schroff rieb ich mir die schmerzende Seite und funkelte ihn nieder. „Ich bin kein verfluchter Mediziner.“
„Du sollst keine fachliche Expertise bei mir einreichen, sondern mir sagen, welche der beiden Prozeduren dir lieber wäre“, widersprach er. „Die Qualitätssicherung hat bereits stattgefunden. Ich habe bewusst ein ganzes Team zusammengestellt, das keinerlei gemeinsame Vorgeschichte miteinander hat, Sola. Und ich stelle nicht grundlos jeden Monat Gehaltsschecks aus, die dem exklusiven Fachkräftestab einer ganzen privaten Elite-Klinik entsprechen, und habe trotzdem noch einer Vollfinanzierung ihrer jeweiligen Forschungsprojekte zugestimmt, sobald deine Behandlung erfolgreich beendet wurde. Diese weltweit führenden Spezialisten sind maximal motiviert, das Bestmögliche für dich herauszuholen, und sie alle haben diese beiden Prozeduren als die schonendsten und zugleich vielversprechendsten Methoden für dich bestimmt. Von dir möchte ich bloß wissen, bei welcher du ein gutes Gefühl hast und bei welcher womöglich nicht. Du kannst dich nicht entscheiden? Du hast keine Ahnung, was alles davon zu bedeuten hat? In Ordnung, dann reden wir, lassen es uns von FRI visualisieren und gehen in den nächsten Termin und setzen uns weiter damit auseinander. Alles kein Ding, solange du es nicht einfach ignorierst.“
Während sich sein Tonfall nur trocken beschleunigt hatte, begann ich zu brodeln.
Tony wandte sich wieder ab. „Wie wär’s damit?“, erbot er und deutete unaufgeregt zum Visier der SUN-1. „Wenn du es dir angesehen hast, zeig ich dir ein paar elektronische Details aus dem Interface.“
„Ach, ja?“ Schnaubend machte ich kehrt. „Zeig es Dum-E.“
Meine Beine trugen mich so zielstrebig hinaus, dass ich die Ausgangsschleuse seiner Werkstatt binnen weniger Sekunden erreichte und abrupt innehalten musste, als die Glastüren regungslos verschlossen blieben, anstatt meinem entrüsteten Abmarsch zu weichen.
Umgehend sprang mein Blick über FRIDAYs Raumsensoren und dann wieder herab zum digitalen Panel. Obwohl ich eigentlich bereits wusste, was vor sich ging, tippte ich enerviert dagegen und klatschte kurz meine Hand darauf. Es regte sich nichts.
Abrupt machte ich auf der Ferse kehrt, spürte meinen gestiegenen Blutdruck jegliche Grenzen der Fassung durchbrechen und stürmte zurück.
„Dein Ernst? Du sperrst mich hier ein ?!“
„Uns“, korrigierte er unbewegt, die Augen längst konzentriert auf die simulierte Variation eines verschließenden Mechanismus gerichtet. „Setz dich, sieh es dir an und du kannst gehen.“
„Ich will es mir aber nicht ansehen, okay?“
„Oh, gut, dass du es sagst. Kam gar nicht bei mir an. Lass mich kurz nachdenken.“ Er schwieg eine Sekunde. „Nein, ändert nichts.“
„ Oh wow , echt furchtbar lustig.“
Tony hob die Mundwinkel. „Nicht so sehr, wie dein kleiner, völlig überzogener Wutanfall gerade eben. Der schlägt mich in Sachen Komik um Längen.“
Mein StarkPhone begann zu summen. Bebend fischte ich es aus meiner Hosentasche.
Alles in mir zog sich nur noch verzweifelter zusammen, als ich die Anrufer-ID sah.
„Das ist Daphne.“ Ich schluckte heiser. „Ich --- ich muss da ran. Im Ernst.“
„Sicher.“ Er gab sich umgänglich. „Sag ihr, du rufst zurück. Dauert maximal zwanzig Minuten. Danach lass ich dich in Ruhe.“
„Aber das geht nicht …“ Mein Blick sprang zum Bildschirm, zu Tony und auf mein StarkPhone zurück. „Ich versuche sie schon seit Samstag zu erreichen. Sie hatte ständig keine Zeit und ich weiß nicht, warum sie nicht --- … Aber jetzt ruft sie endlich an und …“ Das vibrierende Smartphone krampfhaft umgriffen, machte ich zwei knappe flehentliche Schritte auf ihn zu. „ Dad .“
Einen Augenblick schien es, als sei Tony drauf und dran seine unbeeindruckten Worte einfach zu wiederholen und mein gesamter Brustkorb verschloss sich.
Dann nickte er knapp. Er seufzte. „FRI, lass sie raus …“
Ich entließ den Atem. Sofort hob ich das StarkPhone an mein Ohr, krächzte mein erleichtertes Hi und spurtete in Richtung Ausgang.
„-schick das Dossier auf alle Displays“, vernahm ich ihn unbefriedigt in meinem Rücken. „Keine weiteren Zugriffe, bis sie es sich angesehen hat, verstanden?“
FRIDAY bestätigte.
-/_\-
„Alles okay?“
Daphne registrierte anscheinend augenblicklich, dass etwas nicht stimmte, denn ihr skeptischer Tonfall gestaltete sich fragend genug, um mich hastig Luft holen zu lassen.
„Ja … --- umm , nein, nicht wirklich.“ Ich sah ein letztes Mal über die Schulter zur Werkstatt zurück und bog auch schon in unseren Lift. Kaum, dass ich FRI gebeten hatte, mich nach oben zu bringen, ließ ich mich entnervt gegen die Rückwand sinken. „Tut mir leid, Tony wollte mich einfach nicht aus der Werkstatt lassen. Ernsthaft , er hat FRI die Türen blockieren lassen und sich total aufgespielt …“
„Was war los?“
„Nichts“, brummte ich bitter. „Ich meine ...“ Mein Herz schien fest wie Zement. „Er ist gerade zwei Stunden aus D.C. zurück und ihm fällt echt nichts anderes ein, als mich auch noch --- damit zu nerven …“ Ich atmete aus, marschierte aus dem Lift und durchquerte unsere Wohnlounge. „So geht es die ganze Zeit. Wir klären eine Sache und dann haut er gleich die nächste raus …“
Irgendetwas in Daphnes Stimme schwächte sich. „Ihr habt euch wieder gezofft?“
Nicht die geringste Spur liebevoller Frotzelei war in ihrem Tonfall zu finden; keine ironischen Seitenhiebe und auch keine kecke Belustigung angesichts meiner persönlicher Upper Class-Alltagsdramen. Nein, sie klang mitgenommen. Niedergeschlagen . Und es ließ mich ganz unvermittelt stocken.
„Ich weiß auch nicht …“, murmelte ich. „Wir tun es gerade ständig. Ich dachte … Na ja, ich dachte das sei jetzt vorbei, aber seit wir aus dem Urlaub zurück sind, seit wir wieder in New York sind …“
Geht alles nur noch schief.
Ich hielt vor der weiten, regenperlenden Fensterfront unserer Wohnlounge und dem Netz aus Lichtern und Farben, das die Nacht von Manhattan direkt vor mir zeichnete. Unvermutete Furcht umschloss meine Brust.
Daphne schwieg.
„Mum sagt, das sei normal“, bemerkte sie. Wieder war da eine kleine, eigentümliche Pause reiner Stille. „Dass ihr euch erst ein wenig aneinander abwetzen müsst oder so …“
„Was meinst du?“, murmelte ich.
„Na ja, als ich ihr Freitag sagte, dass ihr nicht vorbeikommen würdet, haben wir ein wenig gesprochen.“
Ich zögerte. „Über uns?“
„Hm, ja. Darüber, dass ihr euch gerade wieder ständig in die Haare bekommt. Mum sagte, dass das nichts Schlimmes zu bedeuten habe und vermutlich sogar ein ganz gutes Zeichen sei, weil es zeigt, dass du Tony … nicht egal bist.“
Bedacht schluckte ich.
„Wenn es so wäre, würde er die ganze Energie gar nicht investieren“, erklärte sie gedankenverloren. „Es wäre ihm alles gleich. Er würde entweder gar nicht diskutieren oder dich einfach machen lassen.“
„Diese Diskussionen kann man nicht gewinnen.“
„Er ist ganz anders, als deine Mum es war, und das hat Mum erst ein wenig Sorgen gemacht“, fuhr sie fort, scheinbar viel zu sehr in Gedanken, um meinen Einwand überhaupt zu registrieren. „Nicht nur wegen der ganzen Promi- und Superheldensache, sondern auch wegen dem, was in den Medien so über ihn gesagt wurde, über ihn als Person …“ Wieder war da dieser Moment; dieses kurze, seltsame Schweigen, das mir beinahe ein besorgtes Frösteln bereitete. „Aber inzwischen denkt sie, dass es vermutlich ganz gut so ist, dass er viele Dinge anders angeht, denn dein Leben ist jetzt auch … ganz anders. Und es kommt dir vielleicht manchmal bloß so vor, als sei manches mit ihm komplizierter oder als sei er viel uneinsichtiger und solche Dinge, weil er sich vieles als dein Dad erst bei dir erarbeiten muss, eben weil ihr euch komplett fremd gewesen seid und erst zu verstehen lernen müsst und dir hier --- eine Art Urvertrauen fehlt, sagt Mum.“
Unverwandt stierte ich in die verregnete Stadt aus gewaltigen, schwarzen Silhouetten, waberndem Dunst und künstlichem Licht.
Daphnes Stimme sank. „Sie sagte, dass er dich liebt und man das spüren kann, wann immer man mit ihm über dich spricht, und --- das macht sie sehr froh.“
Ihre Stimme verlor sich.
Meine Kehle schnürte sich zu. „Dev?“
„Dad war hier.“
Ich verdichtete den Griff um den dunklen Rahmen meines StarkPhones. „Was? Wann?“
„Er ist Samstagmorgen völlig unangekündigt aufgetaucht, kurz vor Louis‘ Turnier.“ Sie schnaufte und ihr Tonfall verwandelte sich. Urplötzlich schien er nur noch trocken und schmerzlich unbewegt. „Er nannte es eine fantastische Gelegenheit.“
Da war er endlich – triefender, stolzer Spott, der alles meisterte, das sich ihm in den Weg stellte.
„Er nannte es was ?“
„Ja- ha .“ Daphne machte einen ungemein bösen Laut. „Er sagte fantastisch .“
Völlig verwirrt blinzelte ich. Meine Pupillen fixierten die Spitze des im weißgoldenen Licht erstrahlenden Empire State Buildings, das in dem vor mir gemächlich herabfließenden Regen einige seiner Konturen einbüßte.
Sie kicherte, aber es blieb feindselig. „Er hat es tatsächlich so gemeint.“
Meine Verwirrung raubte mir schlichtweg die Worte. Versteinert versuchte ich irgendeinen zusammenhängenden Sinn darin zu finden.
Dass so rüde Emotion in ihren Tönen mitschwang, irritierte mich am meisten. Daphne reagierte auf ihren Dad in der Regel wie auf neunundneunzig Prozent der Weltbevölkerung: Sie blieb ganz sie selbst und nahm ihn an und für sich kaum zur Kenntnis. Selbst, wenn er sich mal blicken ließ oder meldete, was zumeist nicht in Jahren aufkam, hatte dies, seit ich denken konnte, kaum je mehr als ein ehrlich unbewegtes Schulterzucken bei ihr ausgelöst.
Nie waren da garstige Emotionen im Spiel gewesen. Nicht einmal an jenem katastrophalen Wochenende, an dem er sie überraschender Weise zu sich nach Delaware mitgenommen hatte, wo sie völlig frustriert nur weiter in der Theorie bestätigt worden war, dass es Väter gab, deren Abwesenheit deutlich aufmerksamer war als ihre Gegenwart.
Ich zögerte. „Soll das heißen, … er …“
„Nein.“ Ihr grimmiges Schnauben versackte schon wieder in einem weiteren finsteren Glucksen. „Nein, er meinte nicht das Matheturnier, auch wenn er Louis das wirklich glauben lassen hat. Lou war ganz durcheinander deswegen. Erst hattet ihr abgesagt und dann stand plötzlich Dad vor der Tür. Er ist nur bis ins Halbfinale gekommen …“
„Er war im Halbfinale?“, widersprach ich leise erfreut. „Aber das ist doch irre.“
„Ja.“ Sie entließ den Atem und irgendetwas knirschte, als habe sie ein Blatt Papier genommen und zerknüllt. Der halbherzige Beginn einer bereits misslungenen Hausaufgabe, mutmaßte ich stumm. „Er hätte trotzdem gewinnen können, wenn Dad nicht mit im Publikum gesessen und ihn --- ganz verrückt gemacht hätte. Lou hat Fehler gemacht, die ihm nie passieren. Und er war völlig fertig danach.“
Ernüchtert trieb ich meinen kleinen Fingernagel etwas tiefer in meine Unterlippe. „Oh.“
„Danach sind wir alle zusammen essen gegangen“, fuhr Daphne fort. „Ich hab versucht ihn aufzumuntern und eigentlich ist mir das verdammt gut gelungen, obwohl es echt seltsam war, dass Dad dabei war. Wir wussten gar nicht, was wir mit ihm anfangen sollten. Mum hat auch die ganze Zeit darauf gewartet, dass er endlich erwähnt, was ihn wirklich nach Nashua gebracht hat – wir waren es ja ganz sicher nicht – aber er ist auch nicht wieder los, um irgendetwas zu erledigen oder jemanden zu treffen oder so ... Es war einfach so seltsam, dass er dageblieben ist. Und dann sagte er, dass er sogar ein paar Tage bleiben würde und das war --- noch verrückter.“ Anscheinend stand ich bei ihr auf Lautsprecher, denn sie begann wieder hörbar lustlos ihren Schreibtisch zu zerwühlen und irgendetwas streifte für einen Augenblick ihr Mikro. „Und dann --- tja, dann hat er unsere StarkPhones bemerkt und ab da wurde es so richtig komisch. Er ist direkt darauf angesprungen und hat Louis gelöchert. Er hat natürlich direkt von euch erzählt und dass er jetzt Iron Man kennt und dass ihr eigentlich sogar kommen wolltet, aber es nicht geschafft habt --- und dann hat Dad mich angesehen und sagte, dass wir wegen ihm nicht abzusagen bräuchten, du und ich seien schließlich schon so lange befreundet, da sei es nur richtig, dass er sich auch mal vorstellt --- es sei ja schließlich absurd genug, dass er erst aus den Nachrichten erfahre, dass seine eigene Tochter jetzt ihre Sommer in Malibu beim bekanntesten Milliardär dieses Planeten verbringe.“
Abwertend runzelte ich die Nase. „Seit wann interessiert es ihn, was du machst?“
„Es interessiert ihn nicht. Aber er hat irgendwelche Paparazzi-Bilder gesehen und begriffen, dass ich mit dem Mädchen aus Nashua befreundet bin, das sich als Tony Starks Tochter entpuppt hat. Er weiß so wenig über uns, dass er mich erst im Fernsehen sehen musste, Sola, um zu begreifen, dass wir beide uns kennen .“ Daphne klang nur noch entnervt. „Und es war überhaupt kein Zufall, dass er genau Samstag vorbeigekommen ist. Das war danach klar. Er hat mitbekommen, dass ihr am Freitag in Boston sein würdet, und hat einfach darauf gepokert, dass ihr danach in Nashua vorbeisehen würdet oder dass ich euch in Boston besuche. Es ging ihm bloß um deinen Dad.“
Mein Nacken verhärtete.
Einfach jeder hätte sich zusammenreimen können, dass wir nach unserem Besuch am MIT einen kurzen Abstecher nach Nashua machen würden, hatte Tony vorhin erst gesagt, und deshalb hätte uns dort auch jeder an diesem Samstagmorgen auflauern können.
Und so war es gekommen.
Gerade noch eine bloße Annahme, war es plötzlich schon Realität. Josh Balmeda war zwar nicht der Akt der Vergeltung, den Tony befürchtet und der ihn zur jähen Umkehr bewegt hatte, aber selbst Daphnes Dad hatte diese simple Rechnung durchgeführt und für sich eine Chance daraus gezogen und wenn er dies bewerkstelligt hatte …
In meinem Ohr begann es zu piepsen.
„Mum hat klargestellt, dass sich eure Pläne einfach geändert haben und wir nichts damit zu tun hatten“, fuhr Daphne schon wieder fort, „aber Dad hat ihr nicht wirklich geglaubt. Er hat irgendwelche Witze darüber gemacht, dass bei euch wohl dieselben Sicherheitsprotokolle wie beim Präsidenten gelten, dann hat er die Sache wieder fallen gelassen und wir sind alle zusammen nach Hause.“
„Er ist also … wirklich dageblieben?“, erkundigte ich mich, wenn auch nur, weil ich wusste, dass ich irgendetwas sagen musste, um meine stille, geradezu hilflose Überwältigung zu kaschieren, die mich so unvermittelt übermannte, dass sie in keinerlei vernünftigem Verhältnis zu Daphnes Erzählung zu stehen schien.
Sie gab einen wenig beeindruckten Laut der Zustimmung von sich. „ Uh-hu . Gestern hat er dann wieder angefangen mir Fragen zu stellen – zu dir, zu Tony und zu den Avengers … Er wollte wissen, wie viel wir miteinander zu tun haben und wen ich alles in Malibu getroffen habe; ob das Hawkeye gewesen sei, den er auf einem der Bilder mit mir in Disneyland gesehen habe; ob ich schon bei dir im Tower in New York gewesen bin oder im Hauptquartier und all das … Und weil ich einfach nichts dazu gesagt habe und Mum ebenfalls immer wieder abgeblockt und das Thema gewechselt hat, hat er dann irgendwann davon angefangen, dass er bereits Termine mit ein paar Magazinen und Redaktionen in Aussicht stehen habe, angeblich noch diese Woche.“
„Er will --- was? Ein Interview geben?“
„Genau das.“
Ich stockte. „Worüber?“
„Über uns. Über euch. Er sagt, damit lässt sich gutes Geld verdienen. Er hat ein paar Redaktionen kontaktiert und sie alle sind ganz heiß darauf. Eine von ihnen habe sogar schon Fotostrecken vorgeschlagen, mit alten Fotos von uns hier in Nashua und neueren aus New York und Kalifornien und vielleicht sogar ein paar richtigen Shootings, nur für die Coverstory. Die ersten Angebote waren alle schon eindrucksvoll, aber er ist sich sicher, dass sie noch deutlich mehr bieten werden. Sie wollen mehr von dir. Und es ginge auch gar nicht darum, irgendwelche Skandale oder Peinlichkeiten zu finden, sondern ganz um die Basics. Wie war dein Leben hier und wie ist es heute? Wie hat das unsere Freundschaft verändert? Was kann ich über Tony sagen und die Tatsache, dass du endlich zu ihm gefunden hast? Und so ging es dann immer weiter … Er sagte, dass ich mich nach nur ein paar dieser Interviews auf jedes College im Land bewerben könnte, das mir gefällt. Mum wollte gar nichts weiter dazu sagen, aber Louis hat sich direkt wieder verplappert. Er sagte, dass ich das sowieso kann, weil Tony mein College ja bezahlen würde. Mum hat das natürlich sofort richtiggestellt und Dad dann doch von dem Programm bei der September Foundation erzählt --- und ab da ist es dann so richtig mies geworden.“
„Wieso?“
„Na ja, ich habe ihm gesagt, dass nichts aus diesen Interviews wird.“
„Und das hat ihm nicht gefallen.“
„Du weißt ja, Mum sagt oft, ihm sei schon immer alles im Leben ziemlich egal gewesen und genau deshalb sei auch nichts aus ihnen geworden.“ Sie schmunzelte bitter. „Aber ja, das war ihm irgendwie so gar nicht egal.“
„Soll heißen?“
„Er hat mich ernsthaft gefragt, ob ich auch Nein sagen würde, wenn Tony Stark uns darum bitten würde. Mum wollte das Thema beenden. Sie sagte, das stehe jetzt gar nicht zur Debatte, aber ich wollte ihm antworten, also sagte ich, dass er recht hat und ich damit kein Problem hätte. Nur würde das nicht mehr lange so laufen, sagte er dann. Jetzt seien wir beide vielleicht noch befreundet, aber das würde sich schon bald erledigt haben. Und ab da würde es auch keine Einladungen nach Malibu mehr für mich geben oder irgendwohin sonst. Also sagte ich ihm, dass Tony Stark zumindest weiß, was ich nächstes Wochenende so vorhabe, und das sei cool genug.“
Ich schniefte ein ersticktes Lachen angesichts ihres perfide gemeisterten verbalen Knockouts.
„Eigentlich wollte ich danach zu Sid – ich hatte echt genug von alldem und Mum war es, glaube ich, auch ganz recht. Ich wollte dich von dort auch anrufen, wegen Dad und wegen Lagos, aber bevor ich überhaupt aus dem Haus kam, hat Dad mich schon wieder abgefangen und sagte plötzlich, dass er über alles nachgedacht habe und es nicht richtig fände, dass Mum solche Entscheidungen ganz ohne ihn fällen würde. Es sei schließlich etwas völlig anderes, ob ich gelegentlich zu einer Freundin ein paar Häuser weiter ginge oder mit einem Mann wie Tony Stark zu tun hätte, dessen Gebäude regelmäßig von Terroristen und Aliens in die Luft gesprengt werden würden. Da liefen bereits nur noch die Nachrichten aus Lagos im Fernsehen und er sagte, dass er sich nicht einmal sicher sei, ob Tony und die Avengers nicht vielleicht sogar Verbrecher seien. Louis hat natürlich protestiert. Du weißt ja, er wird sauer, wenn er so etwas hört. Und Dad hat den Fernseher nur lauter gemacht und es --- als eine Art Beweis vorgeführt oder so etwas. Er sagte, er mache das nie, aber diesmal würde er Veto einlegen und uns den weiteren Kontakt zu dir und diesen Leuten untersagen, wenn wir nicht bereit wären, Klartext zu reden und alle Karten auf den Tisch zu legen. Mum wusste gar nicht, was sie sagen sollte oder woher das alles plötzlich kam. Sie war sprachlos, aber Louis ist ausgerastet. Dad hat ihn richtig zum Weinen gebracht, wir konnten ihn kaum beruhigen …“
Schockiert lauschte ich.
Auch Daphne schluckte hörbar. „Ich hatte so ein schlechtes Gewissen“, raunte sie, „aber wegen alldem konnte ich nicht mit dir sprechen und deshalb habe ich auch nicht früher zurückgerufen ...“
„Nicht schlimm“, versicherte ich heiser. „Alles gut.“
Aber das war es nicht. Absolut nichts daran.
„Mum hat ihn nach dieser Sache ins Motel geschickt“, endete sie karg. „Keine Ahnung, ob er noch immer hier ist oder wieder in Delaware; heute hat er sich jedenfalls nicht mehr blicken lassen …“
Sie zögerte.
„Zuerst wollte sie Tony gar nicht anrufen“, setzte sie verhalten nach. „Schon gar nicht, nachdem sie in den Nachrichten davon berichtet haben, dass er gerade in D.C. sei, aber am Ende hat sie ihn dann doch kontaktiert und er hat auch zurückgerufen. Also hat sie ihm von allem erzählt; was geschehen ist und was Dad vorhat; wie er mich wegen euch unter Druck gesetzt hat und wie fertig Louis danach war; dass Dad irgendwelche Interviews geben will und dass er dort vermutlich behaupten wird, als Vater übergangen und im Dunkeln belassen worden zu sein und dass die ganze Sache vielleicht am Ende sogar gegen Tony persönlich gerichtet sein könnte, weil die Story ihm jetzt fehlt und er sich etwas zusammenspinnen muss, was sich lohnt … Es war Mum so verdammt peinlich. Sie hat sich ständig entschuldigt, aber Tony hat sie direkt beruhigt. Er sagte, dass wir uns keine Sorgen zu machen brauchen, dass er eine Pressemitteilung in ihrer beider Namen vorbereiten lässt und dass sie sich melden soll, wenn Dad uns noch einmal belästigt.“
In meinem Kopf wummerte es.
Es war gar nicht bloß der Erkenntnis über den Grund für Daphnes tagelanges Untertauchen verschuldet oder wie nutzlos ich mich in alldem als beste Freundin erwiesen hatte. Ich hätte da sein müssen. Wenn ich schon der Auslöser dieses undankbaren Wochenendes gewesen war, hätte ich ihr zumindest die notwendige Rückendeckung liefern müssen, wie sie es schon seit etlichen Monaten auch für mich meisterte.
Aber meine Gegenwart half nicht , verstand ich, nicht mehr und nicht auf diese Weise. Stattdessen machte sie Probleme schlimmer. Sie machte sie komplizierter.
Sie kreierte sie.
Und deshalb konnte ich auch nicht einmal mehr nach Nashua, wenn wir uns sowieso nur eine Autostunde davon entfernt befanden. Nicht solange es für alle Welt vorhersehbar war, wie ich mich fühlte und wonach ich mich sehnte und wie man sich eben dies zunutze machen konnte.
Wenn ich heim wollte, musste ich nun Umwege in Kauf nehmen.
Und wenn ich Daphne helfen wollte, musste ich mich heraushalten.
„Er hat echt viel Mist erzählt, aber diese eine Sache …“, gestand sie leise. Sie zögerte. „Ich hänge mit Sid und Jessy rum und das ist cool und alles, aber … es ist nicht dasselbe, weißt du?“
„Ja“, wisperte ich. „Ich weiß.“
„Du fehlst mir“, sagte sie so leise, dass mein Hals schmerzte und mein Herz ziepte. „Andauernd.“
„Du mir auch“, bestätigte ich. Ohne Ende .
Nur zwei Menschen fehlten mir mehr . Und diese weilten nicht länger in dieser Welt.
Und vielleicht auch in gar keiner anderen. Vielleicht existierten sie nur noch in mir – in meinen Gedanken, diesem anfälligen fragilen Konstrukt, das bereits drei cerebrale Naturkatastrophen überstanden hatte, wie Tony es bisweilen bezeichnete. Vielleicht waren das ihre letzten existentiellen Spuren – das Feuerwerk in all meinen verletzlichen Neuronen, die immer noch zündeten und Botenstoffe verteilten, wann immer ich mich ihrer entsann, und nur solange sie dazu auch imstande waren; nur solange ich sie davor bewahrte, mir ebenfalls geraubt zu werden.
Mein Herz fiel.
„Pepper ist weg“, hörte ich mich unvermutet sagen. „Sie machen eine Pause.“
Völlig zurecht schien Daphne überrumpelt.
„Ich sehe sie noch“, erklärte ich belegt. „Morgen früh schaut sie wieder vorbei. Aber … sie wohnt nicht mehr bei uns. Eigentlich schon über eine Woche nicht mehr. Sie hat jetzt eine eigene Wohnung, irgendwo in Chelsea.“
Ihre perplexe Stille zerlief sich. „Du hast gar nichts gesagt ...“
„Nein“, stimmte ich zu. Ich presste die Lippen aufeinander und knetete sie. „Es weiß eigentlich niemand. Nur Clint. Tut mir leid.“ Ich schluckte schwer. „Egal, lass uns einfach von etwas anderem reden, okay?“
Und das taten wir, wenn auch nicht sehr lange. Es war trotzdem recht spät, beinahe Bettzeit, als ich auflegte und mir augenblicklich die angekündigte Bildschirmsperre entgegensah, die das medizinische Dossier enthielt, vor dem ich mich schon seit Wochen ganz unverfroren drückte.
Tony meinte es ernst.
Das Display blieb geblockt, selbst als ich die Datei kurz aufrief und wieder schloss.
Ich schaltete das StarkPhone ab, warf es auf die Rundcouch und plünderte den Kühlschrank. Die zwei Proteinriegel, die ich nach meiner Rückkehr aus der Schule noch hastig vor meinem Gespräch mit Sam herabgeschlungen hatte, waren längst nur noch blasse Erinnerung. Mein Magen knurrte.
Ich aß ein paar kleinere Snacks aus der Resteschublade und trank noch ein wenig Milch. Dann schritt ich zur Couch zurück, sammelte mein StarkPhone wieder ein und sah erneut auf die passiv-aggressive Blockade.
Mein gerade erst gesättigter Magen krampfte sachte, kaum dass ich vorsichtig kapitulierte und einen Blick auf das Übersichtsblatt warf.
Je weiter ich kam, desto flauer wurde mir. Ich sah zurück zum Empire State Building.
Es regnete nicht mehr, aber der zurückgebliebene Dunst hing nun so dicht, dass die umliegende Dunkelheit fast neblig schien.
„FRI?“, bat ich mit dünner Stimme.
„Wie kann ich helfen, Sola?“
„Sag Tony, er soll … selbst entscheiden.“
„Ich soll ihm ausrichten, dass er die Auswahl deiner neuroradiologischen Aufbauprozedur alleine treffen darf?“
„Ja.“ Ich atmete gegen die Unruhe hinter meinem Brustbein. „Er soll --- mir einfach sagen, welche davon durchgeführt werden soll. Ich mach es dann. Welche auch immer … Sag ihm das.“ Mein Daumen strich über das abgeschaltete StarkPhone. „Und er soll meine Displays wieder freigeben.“
Einen langen Moment wurde ich nur mit eindringlicher Stille belohnt. Ich schlurfte längst widerstrebend zur Treppe, als ich endlich eine Antwort erhielt: „Der Boss sagt, damit kann er leben, solange du es auch kannst.“
„Cool“, befand ich tonlos.
„Deine Displays gibt er morgen früh frei. Es reicht, dass einer im Haus an Insomnie leidet.“