Überlebensinstinkt
Überlebensinstinkt
Kapitel 16: Überlebensinstinkt
16:18 Uhr IronDad: Erklärst du mir, wieso der Star auf sich warten lässt?
Mit halb angezogenen Boots warf ich einen Blick auf die eingegangene Nachricht.
Mein Blick versauerte.
16:18 Uhr IronDad: Du solltest seit 20 Min in der MedBay sein.
Ohne seine Nachrichten weiter zu beachten, zupfte ich am grauen Hosenbein meiner Jeans, zerrte und drehte an dem zähen Stoff, bis ich entnervt ausatmete, den Boot wieder mit meinem anderen Fuß abstreifte und beiseite kickte. Ich erhob mich und marschierte in meinen begehbaren Kleiderschrank zurück.
Anders als daheim im Tower war mir das Inventar meiner persönlichen Kleidungsstücke im Avengers Hauptquartier noch weitestgehend fremd und zum Großteil gar nicht von mir zusammengestellt, sondern – wie schon bei meinem Einzug im Avengers Tower – ein durchmischtes Resultat, geboren aus FRIDAYs Analyse meiner modischen Präferenzen und Größen, Peppers nuanciertem Blick für hochwertige Must-Haves und Tonys frivolen Extravaganzen. Kurz gesagt, es fand sich alles darin, was man erwarten als auch nicht erwarten würde und war noch zudem unheimlich exakt auf mich zugeschnitten.
Schnell sah ich durch das Regal Hosen. Widerwillig erwägend blieb mein Blick an einem rotbraunen Exemplar in Lederoptik hängen, ganz ohne Zweifel figurbetont und ganz sicher nichts, das ich an einem normalen Nachmittag in der High School tragen würde.
Für heute hingegen … war es perfekt.
Ich befühlte den Stoff. Er war so viel weicher, als er aussah. Mehr brauchte es nicht, um mich restlos zu überzeugen. Kurzentschlossen schälte ich mich aus meiner widerspenstigen Jeans, wechselte in meinen neuesten Fund und drehte eine kurze inspizierende Pirouette vor dem Spiegel, um das Gesamtbild mit meinem dunklen Print-Shirt zu prüfen.
Jupp, das funktionierte.
Mein StarkPhone vibrierte wiederholt auf meiner Tagesbettdecke, als ich in mein Zimmer zurückkehrte. Ich sammelte es auf.
16:20 Uhr IronDad: Das Team steht bereit, Madonna.
16:25 Uhr IronDad: Du hast Zeit bis halb.
Fast war ich versucht.
Es kitzelte in meinen Fingern genau dasselbe abgeschmackte „Daraus wird nichts.“ zurückzusenden, das er mir selbst erst gestern serviert hatte. Wohlwissend, dass Tony soeben nicht viel mehr machen konnte, als mir zunehmend enervierte Nachrichten zu schicken, war die Versuchung durchaus groß. Es war sehr viel leichter Gleiches mit Gleichem zu vergelten, wenn er einem dabei nicht mit blanker Unbeweglichkeit ins Gesicht starrte und darauf wartete, dass man die gallige Suppe bis zum letzten Happen auslöffelte, die man sich selbst eingebrockt hatte.
Seit beinahe zwei Wochen tat er nicht mehr, als mit gestresstem Blick von einem Designer-Dreiteiler in den nächsten zu wechseln, sich unentwegt rar zu machen und mich ganz unvermutet herumzukommandieren, nicht selten sogar mit bereits vorsorglich warnend gehobenen Brauen wie bei einem ungezogenen Welpen, bei dem man lieber schonmal prophylaktisch den Ernst einer Sache unterstrich. Und sei es nur, weil ich meinen wortlos vorgesetzten Gemüse-Smoothie einen Zentimeter zu weit von mir entfernt platzierte, nachdem ich mich zuletzt hauptsächlich mit Proteinriegeln und Nachos verköstigt hatte, statt wie gewohnt im SI Restaurant oder anderweitig eine angemessene Mahlzeit für mich zu ordern.
Pepper hatte ihn anscheinend darauf aufmerksam gemacht. Und das gefiel ihm noch weniger, als wenn der Staat New York diesen Umstand als Strafanzeige wegen Kindeswohlgefährdung in unser Hochhaus hätte flattern lassen.
Die Sache rund um den Lagos-Vorfall hatte sich nicht beruhigt – ganz im Gegenteil, sie hatte ein paar neue Sorgenfalten in Tonys Stirn gegraben, die er nicht mehr loszuwerden schien, ganz gleich zu welcher Tageszeit er mir begegnete. Abgesehen von dieser hatte sich auch seine Geduld ein gehöriges Maß erschöpft. Dass ich Kenzos anstehende House-Party erst kurz vor knapp zur Sprache gebracht hatte, weil ich tagelang kaum einmal seine Aufmerksamkeit hatte gewinnen können, schien ihm nicht länger Begründung genug, um meine lausige Absprache mit seiner grotesk überfüllten Wochenagenda zu verzeihen. Dass ich ohnehin bereits zugesagt hatte, weil ich schon zur ersten Party vor einigen Wochen nicht hatte kommen können, war ebenfalls kein Argument, das sonderliche Überzeugung in ihm weckte.
Andersherum schien es völlig in Ordnung, wenn er mir erst Freitagabend beschied, dass ich mich am Samstag dem ersten medizinischen Eingriff meines Spezialistenteams unterziehen würde, weil der Außenminister der Vereinigten Staaten sich selbst eingeladen habe und er deshalb sein Wochenende ohnehin im Hauptquartier verbringen musste, was wiederum bedeutete, dass auch meines dorthin verlagert worden war. Zwei Fliegen, eine Klatsche, bla bla bla . Ach ja, aus der House-Party werde nichts.
So oft wie Tony und Außenminister Ross in den vergangenen Tagen telefoniert und gemauschelt hatten, während ich an seiner Bürotür stets bloß ungeduldig abgefrühstückt worden war, mochte er jedenfalls Schlechtes Timing! rufen, so viel er wollte – ich wusste, dass er seine Finger fest mit im Spiel hatte. Was auch bedeutete, dass er mich bewusst zwei Tage auf die gleichmütige finale Absage hatte warten lassen, die er mir gleich während unserer langwierigen, mehr als ziellosen Diskussion am Mittwochabend hätte aussprechen können.
Aber nein, Tony hatte mich lieber ein Weilchen schmoren lassen.
Denn ja, ich war ihm diese Woche nicht nur einmal auf den Schlips getreten, sondern scheinbar gleich mehrfach. Wer war ich auch, mich über seine anhaltend abwesende und dann wieder unverfroren miese Laune zu beschweren?
Lektion erteilt. Oder so.
Jetzt gerade saß er nun mit den restlichen Avengers in besagtem hochoffiziellem Termin, während der Außenminister loswurde, was auch immer ihm derart unter den Nägeln brannte, dass es ihn diesmal höchstpersönlich hierhergeführt hatte, anstatt dass er es strengen Blickes in eine Kamera in Washington predigte.
Vor einer Stunde hätte ich dem Drang sicher noch nachgegeben, ausgerechnet jetzt verbal zurückzuschießen, um Tonys Blut ähnlich in Wallung zu bringen, wie er es schon die gesamten vergangenen vierundzwanzig Stunden bei mir vollbracht hatte, doch das war vor meinem Geniestreich gewesen – oder eher der halbgar ausgearbeiteten Guerilla-Taktik, die sich momentan noch dafür hielt.
Ich legte es jedenfalls nicht mehr auf diese Art Provokation an.
Mir hatten sich bessere Optionen eröffnet.
Tatsächlich waren meine Nerven immer noch so gespannt vor Ärger, dass jede Form von sich anschleichendem schlechten Gewissen umgehend wieder im Wirkkreis meiner derzeitigen Entschlossenheit verdampfte, als ich Tonys mehr oder weniger klare Ansage las. Deshalb reagierte ich auch gar nicht und wechselte stattdessen rasch in meinen Chat mit Kenzo zurück:
15:11 Uhr Ich: Happy ist heute nicht verfügbar. Kannst du deinen Fahrer vorbeischicken?
15:13 Uhr LifeNotPlastic: Tower?
15:13 Uhr Ich: Bin im HQ. Upstate. Jmd muss mich an der Zufahrtsstraße einsammeln. So gegen halb 5 ok?
15:16 Uhr LifeNotPlastic: Halb wird nix, aber vor 5 geht klar. Weiß Meg, dass du kommst? Er sagte, du wärst beim Doc??
15:18 Uhr Ich: Hat sich erledigt.
°°°
16:15 Uhr Ich: Wie siehts aus?
16:17 Uhr LifeNotPlastic: Kennzeichen OGAT-2KN. Schwarzer SUV. Sollte vor 5 da sein. Mega. Wird der Hammer heute!!!
Es war keine Flucht, sagte ich mir.
Aber wenn ich schon bald ohnehin in den sauren Apfel dafür biss, dass ich meinen Eingriff hatte sausen lassen und Tonys Weckrufe derart demonstrativ ignorierte, dann mochte es sich für mich zumindest auch lohnen. Tony würde mich ganz sicher nicht einfach damit davonkommen lassen, dass ich nie in der MedBay aufgekreuzt war, nachdem ich ihm in Bezug auf alle medizinischen Themen zuletzt ausnahmslos das Leben schwergemacht hatte, wie er es mir vermutlich schon in wenigen Stunden mit dramatisch überdrüssiger Darbietung vor die Brust werfen würde. Und genau deshalb würde ich mir wenigstens Kenzos Party nicht entgehen lassen – nicht, nachdem ich bereits zugesagt und Tony mehr aus reinem Kalkül heraus entschieden hatte, dass meine Behandlung eben heute fortgesetzt werden sollte.
Ich warf einen schnellen Blick auf die Uhr und stieg in meine Boots. Um das Gelände des Hauptquartiers zu verlassen und die etwas entfernten Zugangsschranken zu erreichen, erforderte es vermutlich mindestens eine Viertelstunde Fußweg. Bislang hatte ich die gesamte Strecke stets nur im Wagen zurückgelegt, deshalb verließ ich mich da lediglich auf meine amateurhaften Schätzkünste. FRIDAY wollte ich damit dennoch nicht weiter betrauen, nachdem ich vor gut einer Stunde schon recht verdächtig nachgehakt hatte, ob sie Tony ganz allgemein informierte, wenn ich das Gebäude oder das Gelände verließ.
Sofern nicht anders angeordnet, war dies auch im Hauptquartier nicht der Fall, hatte sie mir recht sorglos versichert.
Natürlich mochte er trotzdem jederzeit nachhaken, wo ich mich herumtrieb, und spätestens an diesem Punkt griff FRIDAY auf mein Tech-Armband zu, um mich zu orten, was ihm recht schnell offenlegen würde, was ich verbrochen hatte, aber solange er mit dem Außenminister und dem restlichen Team beschäftigt blieb, gab es wirklich gar keinen Grund mich irgendwo anders zu vermuten als stur schmollend in meinem Zimmer oder rastlos umherstreifend irgendwo auf dem Gelände.
Das Meeting mitsamt seiner Nachbesprechungen würde jedenfalls ganz sicher noch Stunden in Anspruch nehmen, wenn Tony nicht ausgerechnet heute mit seiner jüngst etablierten Gewohnheit brach. Ergo besaß ich ein Zeitfenster, das sich so groß gestaltete, dass ich vielleicht sogar zurückkehrte, ehe er meine Abwesenheit noch wirklich bemerkt haben würde.
Nicht, dass ich wirklich darauf setzte hiermit durchzukommen, aber das war schließlich auch gar nicht der Punkt.
Ich griff bereits nach meinem Parka als mein StarkPhone wider Erwarten zu summen begann. Ein kurzer Schwall kalter Nervosität überrollte mich, als ich Tonys ID darauf erkannte, was all meinen vorherigen Kalkulationen so sehr zuwider lief, dass ich unweigerlich schluckte.
Verstimmt beließ ich den Parka über meiner Stuhllehne, wandte mich meinem Fenster in Richtung Hangar zu und hob das StarkPhone widerstrebend an mein Ohr.
Ich sagte nichts, aber das brauchte ich auch nicht. Tony registrierte augenblicklich, dass ich abgenommen hatte.
„Pass auf“, empfing er mich prompt, „ich habe gerade eine Besprechung zu Lagos und den Vereinten Nationen verlassen, die Nichts weniger als den Fortbestand unserer exklusiven Branche bestimmen wird, nur um sicherzugehen, dass du meine Nachrichten auch wirklich verstehst. Denn es machte auf mich nicht den Eindruck, dass dir klar geworden ist, dass deine Ärzte seit gut einer halben Stunde tatenlos bereitstehen, um deine vereinbarte Behandlung durchzuführen.“
Er klang schon jetzt so deutlich verstimmt, dass ich es bereute, das Gespräch überhaupt entgegen genommen zu haben.
Tatsächlich schien er nur halb vor die Tür getreten und sich anscheinend immer noch in der Nähe von Regierungsbeamten oder den versammelten Superhelden zu befinden, denn er sprach ärgerlich gesenkt: „Du bist immer noch in deinem Zimmer, richtig?“
„Ja“, murrte ich.
Er atmete durch.
„Vor zwei Wochen sagtest du mir, dass du dich nicht weiter mit alldem beschäftigen willst und ich alles weitere für dich in die Wege leiten soll“, erinnerte er mich. „Und ich habe dich beim Wort genommen-“
„Ja“, unterbrach ich rau. „Trotzdem kannst du diese Behandlungen nicht einfach legen, wie es dir gerade passt.“
„Ich habe sie auf heute gelegt, weil wir dieses Wochenende sowieso vor Ort verbringen müssen“, rechtfertigte er auf der Stelle. „Das hat sich kurzfristig ergeben und daran ließ sich nichts ändern, aber das erspart uns beiden ein anderes Wochenende nur hierfür nach Upstate zu kommen.“
„Du gibst mir einen Tag vorher Bescheid und bist nicht einmal dabei .“ Geladen begann ich durch mein Zimmer zu stapfen. „Ich sagte schon gestern und auf dem Weg hierher, ich mache das nicht -“
„Okay …“ Tony atmete aus. Ich spürte, wie er sich herzlich zusammenriss. „Ja, du musst da heute alleine runter, aber das ist keine große Sache-“
„Sie bearbeiten mein Gehirn .“
„Ein Blutgefäß.“
Ich schnaufte. „ In meinem Gehirn , Dad.“
„Und genau deshalb wollte ich, dass du dich vorher damit auseinandersetzt“, beschied er mir just. „Damit wir genau dieses Gespräch nicht jedes Mal erst am OP-Tisch führen.“ Meine Gedanken begannen zu kreisen. „Du wolltest es nicht. Du wolltest, dass ich das in die Hand nehme und diese Entscheidungen treffe und dich bloß über das Wie und Wann informiere. Und hey, das ist okay. Aber das bedeutet, dass du jetzt auch dort heruntergehen und dich dieser Sache stellen wirst, wenn sie ansteht, Sola.“
Ich biss die Zähne zusammen.
Tony atmete wiederholt durch. Seine Tonlage entschärfte sich. „Es ist nicht dramatisch, versprochen. Du bekommst heute lediglich eine Injektion und die Magnete erledigen den ganzen Rest. Sie überführen die Coils bloß in eine stabilere Superstruktur. Das wird den Prozess der Verödung beschleunigen. Das ist alles.“
Ich schwieg. Mein Blick wanderte zur Uhr. Zwanzig Minuten.
„Erinnerst du dich an die Induktionsgranaten?“
Finster grunzte ich. „Ja …“
„Das hier läuft ganz ähnlich ab.“
„Soll mich das beruhigen?“
Er ging gar nicht erst auf meine überspannte Dramatik ein. „Das Injektionsserum enthält Strukturen, die sich mit den Coils verbinden. Das Magnetfeld sorgt bloß dafür, dass sich das Netz in die vorgesehene Position faltet. Einmal geschehen, ist es bombensicher. Noch dazu erspart es dir einen zweiten chirurgischen Eingriff. Pures Win-Win.“
Beherzt wendete ich auf dem Absatz und marschierte wieder in Richtung meines Parkas.
„Du kannst auf den Live-Scans alles mitverfolgen. Sie werden wie beim letzten Mal das Holofeld zur Überwachung der Prozedur nutzen.“
„Ich will nichts davon sehen“, protestierte ich unverändert finster.
„Eine Narkose ist nicht möglich, Sola, du musst bei Bewusstsein sein. Das habe ich bereits geklärt. Aber du kannst dich ablenken. Ich habe einen zweiten Screen aufstellen lassen. Du kannst dir etwas ansehen, Katzenvideos, The Voice , irgendeinen Star Wars -Streifen … Du musst nicht mitverfolgen, was auf den Scans vor sich geht. Sie haben mir versichert, dass du nichts von der Prozedur mitbekommst und du heute Nachmittag höchstens ein wenig Druckkopfschmerz haben wirst, aber auch das erst im Nachgang; es ist nichts weiter dabei-“
„Tja, ich bin ziemlich sicher, Bruce Banner hat dasselbe gedacht, ehe er riesig und grün wurde“, platzte es aus mir.
Tonys Wortschwall verpuffte und in der Stille, die sich für einen kurzen Sekundenbruchteil zwischen uns manifestierte, verblieb nicht mehr als dichte, ankreidende Unzufriedenheit auf beiden Seiten.
„Okay, ich habe keine Zeit für das hier“, entschied er unvermittelt derart ernüchtert, dass es mir einen ersten milden Schauer schlechten Gewissens bereitete. „MedBay, in den nächsten fünf Minuten, habe ich mich klar ausgedrückt?“
Ich regte mich nicht.
„Mach damit, was du willst.“ Er legte auf.
-/_\-
Ich hatte den Weg dramatisch unterschätzt, realisierte ich, als ich kurz darauf aus dem Foyer hinaus auf den noch so makellosen Asphalt der Zufahrtswege trat und mich in Richtung Hauptstraße aufmachte. Die weiten Rasenflächen, Gebäude und Lagerhallen hatten im bloßen Vorbeifahren nie so ausladend ausgesehen, wie sie sich nun erwiesen, da ich das Tor zum Gelände in gut zehn Minuten zu erreichen versuchte.
Ich hatte noch nicht einmal die etwas entlegeneren Tagesstellplätze gänzlich hinter mir gelassen, als auf meinem StarkPhone bereits eine neue Nachricht von Tony einging.
16:52 Uhr IronDad: FRI sagt, du bist auf dem Weg. Ich schau vorbei, sobald es geht. Bleib tapfer. Hab dich lieb.
Mir wurde ein wenig heiß, während ich schnell zum gewaltigen Hauptgebäude zurücksah, dessen blitzblanke Glasfassade im trüben Nachmittagslicht trotz allem recht grau wirkte, dann beschleunigte ich schon wieder meine Schritte.
Als ich auch das letzte kleine Gebäude passierte, vor dem sich drei Männer in dunklen Uniformjacken unterhielten, zog ich den Kragen meines Parkas etwas höher. Alle drei hielten kurz in ihrem Gespräch inne, kaum dass sie mich bemerkten und dann auch erkannten und Blickkontakt suchten, um ihre Hilfe anzubieten. Da ich allerdings nicht weiter reagierte und bloß zielstrebig mit bemüht blanker Miene weiterstapfte, setzten sie ihr Gespräch letztlich wieder fort.
Niemand hinderte mich daran, nahe der Schranken durch das Drehkreuz zu treten; weder Mensch, noch KI.
Ich sah auf die Uhr. Es war fast fünf.
Sofort schweifte mein Blick weiter die Straße hinauf, vorbei an den dichten Baumbeständen der umliegenden Wälder und all dem sich herbstlich gilbendem Gras entlang des Seitenstreifens. Noch schien kein SUV auf mich zu warten, aber Kenzos Fahrer sollte jeden Moment eintreffen, deshalb schritt ich langsam in Richtung Hauptstraße weiter.
Während der Verkehr in Manhattan nie zum Stillstand kam, durchsiebte hier jeder dann und wann vorbeifahrende Wagen eine ansonsten ganz und gar beständige Ruhe. Im Moment tat sich so weit abseits der Metropole überhaupt nichts und verwandelte dieses Stück von New York State in eine urtümlich abgeschiedene Idylle.
Der Wind war kühl, beinahe feucht, aber es schien mehr den umliegenden Wäldern verschuldet als dem fernen See oder den schweren kompakten Wolken über mir.
Ich prägte mir gerade das Kennzeichen ein, das Kenzo mir gesandt hatte, als ein sachtes Geräusch in meinem Rücken mich auch schon den Kopf wenden ließ.
Es war Vision. „Entschuldige, ich wollte dich nicht beunruhigen.“
Wie er derart plötzlich hinter mir hatte auftauchen können, überforderte für einen Moment meinen Verstand, ehe ich mich entsann, dass er ein hochkomplexes synthetisches Wesen mit der Seele der ersten lebendgewordenen KI war, das allerlei Dinge beherrschte, die meine Realität beharrlich auf die Probe stellten, so sehr er sich in meiner Gegenwart auch damit zurückhielt, geradewegs durch Wände zu laufen, aus reiner Gedankenkraft durch geöffnete Tabs auf den Bildschirmen zu wechseln oder sich ganz unvermittelt der Schwerkraft dieses Planeten zu entziehen.
„Mr. Stark bat mich, dich zum Hauptgebäude zurück zu eskortieren“, erklärte er sich.
Da war eine immerwährende, geradezu tröstliche Ruhe in seiner Stimme, die es mir schwer machte, seine Worte jemals als etwas anderes denn sorgsamen Rat zu werten. Ein wenig wie FRIDAY nutzte auch Vision Emotionen stets auf eine Art, die zu gefällig war, um nicht das Produkt eines ganz und gar rationalen Verstandes zu sein.
Derbe Ernüchterung flutete mich. „FRI hat also gelogen.“
„Nein. Sie war äußerst diskret.“ Er zögerte. „Ich hatte registriert, dass du das Gelände verlassen hast. Da Mr. Stark anderer Annahme schien, habe ich diesen Umstand angemerkt und das Missverständnis lieber aufgeklärt, ehe es … komplexere Gestalt annehmen konnte.“
„Das Caretaker Protokoll ist nicht aktiv“, gab ich knapp zurück. „Ich kann mich frei bewegen.“
„Das ist wahr. Mir war nur nicht klar, ob Mr. Stark besagtem Bewegungsareal auch seine Zustimmung erteilen würde. Diese Gewissheit versuchte ich bloß herzustellen.“
Genervt entließ ich die Luft.
Vision senkte den Blick. „Es ist meine Aufgabe, Sola“, begründete er friedfertig. „Eine davon.“
„Mir nachzuspionieren?“
„Für die Sicherheit der Schutzbedürftigen auf diesem Planeten zu sorgen.“
„Ich denke, da gibt es noch eine ganze Menge anderer“, informierte ich ihn und wandte mich verdrossen zur Seite. „Kein Grund, ausgerechnet mit mir anzufangen …“
„Ich vernehme den Sarkasmus in deinen Worten und ich verstehe seine Ursache. Zu einem gewissen Grad verstehe ich sogar den Reiz. Dennoch …“ Er hielt kurz inne, dann hob er den Blick bedacht zurück in mein Gesicht. „Deine Rolle in dieser Gleichung ist etwas größer, als du annimmst.“
Etwas in mir erstarrte sachte.
Es lag nicht nur an seinen Worten, sondern vor allem an Fragmenten meiner Erinnerung, die in meinem Gedächtnis kurzzeitig zwickten; das vermeintlich vertraute Gesicht von Lax und quietschende Reifen, der Van und die Schüsse und --- Pepper, die an meinem Bett von einem kritischen Zugriff sprach, auf dessen Jagd die Männer laut Vision gewesen waren, obwohl ich es gewesen war, ich selbst , die sich als dieser entpuppt hatte. Dieser Vorfall, der Tony für Fanning überhaupt erst derart angreifbar gemacht hatte. Genau dieser Vorfall, in den ich blindlings hineingelaufen war, der sein Werk erst ermöglicht , Fanning in Tonys Kopf gelassen und Stane damit den entscheidenden Schachzug geliefert hatte.
Fury.
Plötzlich war da wieder diese leise Stimme in meinem Kopf, die raunte, dass er letzten Endes recht behalten würde.
Ein dunkler Wagen bog von der Hauptstraße ab und näherte sich uns.
Finster schluckte ich.
Als ich widerstrebend zu Vision zurücksah, stand plötzlich jemand ganz anderes vor mir. Blond, hochgewachsen, in feinem, grauem Mantel und Anzugschuhen und so menschlich, dass nicht einmal seine Iris beunruhigend unnatürliche Facetten besaß, schien er urplötzlich nur ein Mann, wie er einem vermutlich dutzendfach an der Wall Street begegnete.
Ich blinzelte.
„Das macht es etwas einfacher.“ Er wies in Richtung des haltenden SUVs. „Darf ich?“
Immer noch sacht überwältigt angesichts seiner völlig veränderten Physis regte ich mich kaum. „Ich habe Kenzo gefragt, ob er mir seinen Fahrer schicken kann“, begann ich. Meine halbherzige Erklärung versandete in einem widerstrebenden Murmeln. „Es ist kein Uber oder so etwas …“
Vision nickte. „Gewiss. Ich kläre das.“
Mit längst mager verschränkten Armen verdrehte ich die Augen und nickte, ohne ihn ganz anzusehen.
Der Android, der nun mehr nach meinem Pressesprecher als meiner persönlichen Wächterdrohne aussah, trat an das Beifahrerfenster des dunklen Wagens, das kurz darauf herabgefahren wurde.
„Guten Abend, Sir.“ Er lächelte. „Bitte verzeihen Sie, die Fahrt hierher hat Ihre Zeit in Anspruch genommen, aber ich fürchte, Miss Stark Waters kann Sie nicht in die Stadt begleiten.“ Mit höflich betretener Miene setzte er eine Pause. „Sie wird heute daheimbleiben. Richten Sie dem jungen Mr. Ogata doch bitte aus, dass Sola dies ehrlich bedauert. Mr. Stark entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten. Er wird den Aufwand gerne entschädigen.“
Kenzos Fahrer schien den Vorfall gar nicht weiter zu hinterfragen. Vielleicht wurde er öfters ganz und gar zwecklos durch die Weltgeschichte beordert oder vielleicht war er auch einfach an launenhafte Teenager und ihre nicht minder launenhaften VIP-Eltern gewöhnt, denn er dankte Vision kurz, winkte ab, wünschte uns einen angenehmen Abend und verabschiedete sich wieder.
Verdrossen stierte ich schweigend auf die dunkle Motorhaube, bis der Wagen schlussendlich wendete und wieder davonfuhr.
Mein Samstag ging vor die Hunde, so viel stand fest.
-/_\-
„Weiß er es?“, erkundigte ich mich, kaum dass ich Vision widerstrebend zurück durch das Drehkreuz aufs Gelände folgte. „Dass ich zur Party wollte?“
„Ich denke, Mr. Stark hat deine Absichten größtenteils für sich erschlossen, ja.“ Keine Eile lag in seinen Schritten, die sich den meinen anglichen, bis wir gleichauf und in meinem Fall herzlich unmotiviert dahinschlenderten. „Aber auch mir haben sich die feineren Zusammenhänge gerade erst offenbart.“
Auch er las nicht meine Chats, verstand ich. Dass er das Kommen und Gehen auf dem Gelände im Blick behielt, war nichts Persönliches. Meine Privatsphäre war nicht gefährdet. Halleluja .
Mein mattes Naserümpfen blieb unbemerkt, als mein Blick zum fernen Hauptgebäude weiterschweifte; der angehobenen, kastenförmigen Fensterfront und weißen Fassade, die das sonst so kristallblauschimmernde Glas rahmte, das momentan unter dem bedeckten Oktoberhimmel bloß dunkel und trist erschien.
„Ich denke nicht, dass es schaden wird, die Situation aufzuklären“, befand Vision langsam. Da ich nicht reagierte, setzte er weiter an: „Die Wahrheit weiter zu verschleiern, wird für noch mehr Unmut und Unverständnis sorgen und nichts davon führt auf lange Sicht zu irgendeiner Form der Besserung.“
Er hatte sein Äußeres nicht wieder gewandelt und ein leises Gefühl sagte mir, dass er seine Menschengestalt ganz bewusst beibehielt, um auch diese Konversation weniger durch seine einschüchternd unnatürliche und damit auch bisweilen überlegenere Präsenz zu erschweren.
Und es funktionierte.
Ich spürte meine Barrikaden purzeln.
„Ich wollte zur Party“, antwortete ich. „Ich hatte bereits zugesagt. Das ist alles.“
„Du wolltest deine Freunde nicht enttäuschen.“ Er nickte, als erkenne er einen tieferliegenden Zusammenhang in all dem, und ich schwieg.
„Wenn mir gestattet ist …“, hob er vorsichtig an, wie in dem Versuch behilflich zu sein.
Ich hob eine Braue.
„Mir erschließt sich hieraus trotzdem nicht, wieso du die vorgesehene medizinische Behandlung ablehnst. Sie ist darauf ausgelegt, die Gefahr einer weiteren Gehirnblutung zu reduzieren und dies erscheint mir doch derart erstrebenswert, dass es nach meinem Empfinden nicht allein an einer fehlenden Übereinkunft oder einem Ärgernis dieser Sorte scheitern dürfte.“
Ich schluckte sachte.
„Fürchtest du dich?“
„Nein.“ Ich zögerte, hielt kurz den Atem an und entließ ihn wieder. „Nein, es ist … Wenn ich ---“ Ich biss in meine Lippe und sah rasch beiseite über die weite Rasenfläche, die fernen Landeplätze bis hin zum schimmernden Hangar. „Ich weiß nicht wieso , aber es fühlt sich falsch an“, gestand ich lahm. „Als würde ich mich --- gegen einen Instinkt wehren. Es ist keine Angst, sondern mehr als würde ich --- … als würde ich darüber nachdenken, mein Leben aufs Spiel zu setzen und das nicht richtig begreifen . Es ist bloß … so ein Flimmern.“
Und so gefährlich leicht mit Begeisterung zu verwechseln.
Es war mir in den vergangenen Monaten zu oft passiert. Ich hatte nicht darauf gehört, hatte mich in die übelsten Situationen manövriert, war fast erfroren, ertrunken, gar gekidnappt worden --- und nun war es so leise wie nie, und wenn ich es weiter missachtete, mich auch nur kurz davon abwandte, es schon wieder überging … hörte ich es vielleicht nie wieder.
Ich hielt inne.
Ich hatte zu sehr dafür gekämpft zu bleiben, um nun zu gehen.
Vision schwieg. Als ich befangen weiterschritt, tat er es mir gleich.
„Das, was Menschen hin und wieder als Überlebensinstinkt bezeichnen, ist oftmals mehr ein Reflex“, begann er nachdenklich. „Eine Art reaktives Verhalten von größter Bedeutung im Moment der Bedrohung. Beispiel: Man verliert an einem Berghang die Balance und das Gehirn unterlässt die Konsultation des Verstandes, um rechtzeitig alle erforderlichen Muskeln anzusprechen und den imminenten Sturz zu verhindern. Ein fest vorgegebenes Reaktionsprotokoll, das das Überleben garantiert, mag es auch dann und wann einer Überreaktion gleichen. Das bedeutet jedoch nicht, dass man in eben dieser unbedingten Muskelverhärtung dauerhaft verbleiben sollte, die einen vor besagtem Sturz bewahrte.“ Er sah mich an. „Wenn der Geist die Kontrolle über den Körper nicht zurückerlangt, verbleibt man am Berghang und damit auch in direkter Nähe der Gefahr, die dieses Verhalten überhaupt erst heraufbeschwor. Man darf sich von dem kurzen Schreck erholen, seine Energien bündeln, aber danach muss man den nächsten Schritt wagen.“
Ich beobachtete ihn.
„Heilung ist kein Reflex, Heilung ist Geistesarbeit“, verdeutlichte er. „Der Berghang verschwindet nicht von alleine, man muss sich selbst aus seinem Terrain begeben. Um weiterzukommen, darfst du nicht länger dem Reflex erliegen, Sola. Heilung – oder Verbesserung im Allgemeinen – ist der aktive Part. Der Punkt, an dem der Verstand in das Leben zurücktritt und Risiken, wie klein sie sich auch gestalten mögen, wieder eingegangen werden müssen, um der Heimsuchung ein Ende zu bereiten.“
Unvermittelt verstummte er. Als habe er sich selbst eine Antwort auf eine Frage geliefert, die ihn quälte, sah er nachdenklich auf.
Ich ließ seine Worte sinken. Als sich das Hauptgebäude bereits über uns erhob und wir auf die Stufen zum Foyer zuhielten, räusperte ich mich.
„Was sollte das vorhin bedeuten?“, fragte ich still. „Dass meine Rolle in dieser Gleichung größer sei?“
Wie um seine Worte überlegt zu wählen, zögerte Vision.
Schließlich schenkte er mir ein beschwichtigend beiläufiges Lächeln.
„Du gehörst zur Familie“, antwortete er.
-/_\-
Fast rechnete ich damit, dass Tony mir bereits im Foyer auflauern würde, doch zu meinem Erstaunen empfing uns dort niemand, was entweder bedeutete, dass ihre Besprechung mit Außenminister Ross noch immer in vollem Gange war oder aber dass Tonys Ärger bereits Früchte getragen hatte und ihm ganz anderes vorschwebte, als mich mit rein anklagender Theatralik zu beschämen.
So oder so war es selten ein gutes Zeichen, wenn er sich rarmachte.
Kaum auf der Teamfläche angekommen, wünschte ich auch schon, dass er sich für den Überfall am Empfang entschieden hätte.
Das Meeting schien vorüber, denn nahezu alle Superhelden saßen in der Lounge verteilt. Abgesehen von Steve schien jeder anwesend, der nicht ohnehin als irgendwo in den Weiten des Weltalls verschollen galt. Nur der Minister und seine kleine, blankdreinsehende Entourage war nicht länger zugegen, aber das war mir wirklich nur ein kleiner Trost, denn als mein Blick schnell in die Runde ging und ihrer aller mehr oder weniger wissender, unheilahnender Mienen begegnete, stockten meine Schritte.
Mehr aus der Not heraus, mir ein Motiv für mein feiges Innehalten vor versammelter Mannschaft zu verschaffen, nestelte ich an dem Reißverschluss meines Parkas und zog ihn bis zur Hälfte auf, dann trat Tony auch schon vor, nickte Vision knapp dankend zu und baute sich vor mir auf. Es beendete meine lausige Hinhaltetaktik und meine Finger gaben meinen eigentlich blendend funktionierenden Reißverschluss halbverrichteter Dinge wieder frei.
Einen Augenblick maßen wir uns nur mit finsteren Blicken.
Reglos musterte Tony meine Miene, dann ließ er den Kopf auch schon abfällig ankreidend zur Seite sacken. „Sind wir wieder da angekommen, ja? Du gibst den Ausreißer, nur um dich vor der eigentlichen Sache zu drücken?“
Schnaufend wandte ich den Blick ab.
„Nein? Wozu dann?“ Er ließ seinen Zeigefinger zwischen uns springen. „Damit ich mich mies fühle? Tja, ist dir gelungen, mir pocht der Schädel und ich habe eine Mordslust-“
„-mir den Tag zu ruinieren?“, unterbrach ich trocken. „Glückwunsch, ist dir schon vor vierundzwanzig Stunden gelungen.“
Ohne den Atem zu entlassen, hielt Tony mitten im Wort inne. Dann schloss er schon den Mund, hob kurz Mundwinkel und Brauen und nickte einmal. Ehe ich mich versah, griff er hinter mich und fasste so entschieden nach meinem Parka, dass sich der Stoff in meinem Kreuz spannte, als er mich bereits zielstrebig voranschob.
„ Hey !“ Ich stolperte.
Tony beachtete meinen überrumpelten Protest gar nicht, während er mich an einem der kleinen Esstische vorbeibugsierte, an dem Rhodey soeben irgendetwas auf einem Tablet inspizierte und merklich unheilahnend zu uns beiden aufsah.
Kaum, dass er mich neben Sam auf die cognacfarbene Récamiere ablud, deutete er auf ihn. „Los, redet.“
Perplex schloss Sam das dicke, recht amtlich aussehende Dossier, das er in den Händen hielt. „Was wird das?“
„Du sagtest, du übernimmst das.“ Tony warf ihm einen grimmigen Blick zu, während ich noch unwillig meine Jacke richtete und ihn anfunkelte.
„Ja, aber nicht so.“
„Mir ist gleich wie. Ihr habt eine Dreiviertelstunde, dann transportiere ich ihren Hintern runter in die MedBay.“ Er zog sein StarkPhone aus der Hosentasche und begann zu tippen. „Das Team ist noch vor Ort. Wir erledigen das heute.“ Kaum, dass er seine Nachricht versandt hatte und das StarkPhone wieder einsteckte, streckte er mir auffordernd die Hand entgegen. „Her mit der Jacke.“
Mein Gesicht begann zu glühen, als ich den Parka widerstrebend abstreifte und Tony ihn mir schon wie einer quengelnden Vierjährigen wortlos aus der Hand schnappte, ehe ich ihn noch ganz freigab.
„Ich mache das nicht“, knurrte ich.
Er trat einen Schritt dichter. „Wetten? Ich halte dagegen.“
„Tony …“, schallte es sanft von Nat. Ihr Blick glitt zwischen uns hin und her.
Obwohl sie und Wanda sich soeben am Kaffeeautomaten bedient hatten und einander zugewandt an der Theke ausharrten, wie um eine leise Unterhaltung zu führen, spürte ich auch ihrer beider Aufmerksamkeit unverändert an uns haften.
Mit ganz und gar unbeeindrucktem Schniefen wandte Tony sich ab, schritt zum fernen Kleiderständer herüber, hing meinen Parka auf und massierte sich die Lider. Die Hände in seine Hosentaschen gegraben, kehrte er sich uns wieder zu.
Ähnlich wie Sam schien auch Rhodey eigentlich etwas ganz anderes als mein rebellisches Intermezzo zu beschäftigen. Etwas, das ganz sicher ihr vorheriger Termin mit Ross auf den Tisch gebracht hatte und auch die seltsam überlegte Stille und Zurückhaltung des restlichen Teams mitverschuldete, die nicht alleine damit zu erklären war, dass Tony unser sehr privates Gerangel demonstrativ beschämend hierher verlegt hatte.
Rhodey seufzte. „Wie wär’s?“ Er legte sein Tablet beiseite. „Soll ich sie für eine Runde an den See mitnehmen? Ich meine, das brauche ich jetzt auch …“
Muffig sah ich ihn an. „Ich gehe nirgendwo hin.“
„Da kommen wir überein“, beschied Tony mir umgehend, während Rhodey meine fragwürdige Tonalität noch mit zweifelnder Miene bedachte. „Du stehst ab sofort unter dem Caretaker Protokoll. Wie auch unter Arrest. Bis Halloween, mindestens aber für die nächsten zwei Wochen ... Das Ganze war so lausig durchdacht, dass ich uns beiden die Peinlichkeit ersparen und es eigentlich nicht weiter kommentieren will, aber da du es anscheinend absichtlich auf die Spitze treiben und erwischt werden wolltest und das hier irgendeinen Test meiner elterlichen Hingabe und Entschlossenheit darstellt, kannst du absolut davon ausgehen, dass ich jede Absicht besitze, ihn mit Bravour zu bestehen.“ Ungezwungen hob er eine Schulter. „So wie ich jede Herausforderung meistere, die ich angehe.“
Halloween. Drei verfluchte Wochen Hausarrest dafür, dass ich es gerade einmal hinters Drehkreuz geschafft hatte. Ich schnaufte, doch während alles in mir schon wieder brodelnd aufbegehrte, behielt ich diesmal eine frostig unbewegte Miene.
Ich sah beiseite.
„Erwartungen soweit erfüllt?“
„Ich wollte bloß zu Kens Party“, bemerkte ich karg, da er eindeutig nicht lockerließ und uns nach wie vor das gesamte Team lauschte. „Wenigstens diesmal.“
Wenigstens das.
Tony schnaufte. Er schien nicht überzeugt, aber er nickte knapp. „Richtig, die haben sich vollständig erledigt.“
Mein Magen ballte sich. „Was?“
„Partys sind nicht mehr Teil des Repertoires.“
Ich starrte ihn an.
„Andererseits --- tja , was diesen Aspekt betrifft, bin ich im Moment noch für einen Deal zu haben.“
Meine Miene verdüsterte sich.
„Folgender Vorschlag“, erbot Tony und schlenderte los. „Für jede festgelegte Behandlung, der du dich unterziehst, gebe ich im Gegenzug eine High-School-Sause deiner Wahl frei.“ Er neigte sein Handgelenk und warf einen beiläufigen Blick auf die digitale Armbanduhr, in der sich auch sein nanopartikel-betriebener Repulsor-Handschuh verbarg. „Hey, wir könnten sofort mit diesem 18:30 Uhr Termin loslegen, der gerade angesetzt wurde. Damit wäre Halloween schonmal eine todsichere Angelegenheit. Wie klingt das?“
„Wenn du mich fragst, nach Erpressung“, amüsierte sich Nat beiläufig in ihre Tasse.
Er schielte kurz zu ihr herüber, behielt aber eine meisterhaft unbeeindruckte Miene, ehe er mich schon wieder in den Blick fasste und sacht die Brauen hob.
Ich antwortete nicht.
„Sie hat recht, das ist Erpressung“, befand Sam seufzend und legte das Dokument in seinen Händen lustlos zwischen uns beiden ab. „Ganz genau wie das hier.“
Mein Blick folgte seinem Zeigefinger herab auf das Deckblatt.
DAS
RICHTLINIEN FÜR DIE REGISTRIERUNG
UND DEN
EINSATZ
VON
WEITERENTWICKELTEN INDIVIDUEN
„Ich bleibe dabei“, entschied Sam. Sein Kopfschütteln sagte mir, dass er an einer Debatte anknüpfte, die bereits vor meinem Eintreffen stattgefunden hatte. „Wenn wir das hier unterschreiben, feiern die bösen Jungs eine Party.“
„Und das geht nun wirklich nicht, da wäre Sola nicht einmal eingeladen“, foppte Nat weiter. Sie zwinkerte mir zu, obwohl ich sie so böse ansah, dass es Wanda sanft appellierend ihre Hand auf ihren Arm legen ließ.
Tony atmete aus.
Endlich schien sich seine Aufmerksamkeit von mir zu lösen, als er einen schnellen Blick in die Runde warf und die Stirn runzelte. „Wo wir dabei sind, wo ist Steve abgeblieben? Wir wollten hier etwas festhalten.“
Rhodey hob die Achseln. „Er sagte nicht, wohin er wollte.“
„Mir ist klar, dass er sich gerne vor Schlachten drückt, die er nicht gewinnen kann – kurz gesagt jede, an der ich teilnehme – aber schon aus repräsentativen Zwecken, hätte ich ihn gerne hier, wenn wir diese Sache endlich hinter uns bringen, dieses Ding verabschieden und freundlich in die Kamera winken.“
Sam lachte auf. „Okay, okay, warte, mach mal halblang. Ich glaube nicht, dass wir an dem Punkt sind.“
Tony gab sich unbewegt. „Was fehlt?“
Einen Moment schien Sam sprachlos und ich fragte mich, ob ich wenige Minuten zuvor genauso ungläubig dreingeblickt hatte, dann sah er schon zu Rhodey, Vision, Wanda und Nat weiter, hob einen Arm, ließ ihn nach einer Sekunde wieder sacken und entließ den Atem.
„Wir sind nicht einmal in der Nähe davon“, versicherte er Tony so ernst, dass ich vollends verstand, dass ich mitten in eine ergiebige Uneinigkeit geplatzt war.
Trotz allem halbwegs froh, dass Tony sich ein neues Opfer für seine bohrend wertenden Wortgefechte erkoren hatte, gab ich keinen Mucks von mir.
„Diese Diskussion hatten wir gerade“, protestierte er beherrscht. „Es ist geklärt. Gehen wir bei diesem Abkommen nicht freiwillig mit, stülpen sie es uns in Schimpf und Schande über. So oder so – sie werden uns nicht weitermachen lassen wie bisher. Dieser Zug ist abgefahren. Wir müssen uns bessern .“
Vision schien immer noch in eigene Überlegungen versunken, aber Nat, Wanda und Rhodey wechselten bedächtige Blicke.
„Und dazu braucht es das hier?“, bezweifelte Sam. „Das hier ändert gar nichts. Steve hat recht, es sorgt nur dafür, dass jemand anderes als wir selbst die Zügel hält. Jemand, der nicht an unseren Einsätzen teilnimmt oder auch nur versteht, was unser Job ist. Jemand, der in der überwiegenden Mehrheit der Angelegenheiten uneins ist und gar nicht in der Lage sein wird, zeitnahe oder unabhängige Entscheidungen zu treffen-“
„Okay, ich sage es jetzt so deutlich wie möglich“, unterbrach Tony ihn fest. „Wenn wir uns dem Angebot widersetzen unter der Aufsicht der Vereinten Nationen weiter zu operieren, wird man uns einsatz unfähig machen. Widersetzen wir uns auch diesem Beschluss, wird man uns für das nächste zivile oder internationale Debakel – wie klein es auch sein mag – belangen, aburteilen und die Reste von uns, die nicht geradewegs ins Gefängnis wandern, bis ans Lebensende unter geheimdienstliche Aufsicht stellen.“ Tony machte eine dunkle Pause. „Dieses Abkommen abzulehnen, endet nur auf eine Weise: Die Avengers wird es nicht mehr geben.“
Dichte Stille breitete sich aus. Ich sah zu Wanda, die sich betroffen abwandte und ihre Tasse auf der Theke abstellte, während Nat so unglücklich dreinsah, wie ich sie noch nie gesehen hatte.
„Was ist das Sokovia Abkommen?“, fragte ich, ehe ich meine lau besorgte Frage zurückhalten konnte.
Ich nahm den schweren Batzen Papier zur Hand, den Sam zwischen uns abgelegt hatte.
Böse Unruhe schwellte hinter meinem Brustbein auf, als ich die Seiten ziellos durch meine Finger wandern ließ und unendliche Passagen erblickte, die an Vertragszeilen und Gesetzesparagraphen erinnerten. Es schienen mehr als hundert Seiten Regelwerk.
„Ist das … dieser Entwurf?“, entsann ich mich dünn. „Dieser Antrag … zur UN-Konvention oder was das war?“ Irgendwann in den vergangenen Wochen war es mal zwischen Tony und Ross aufgekommen, auch wenn ich mir nicht mehr sicher war, worum es dabei gegangen war. Ich sah zu Tony herüber. „ Daran habt ihr die ganze Woche gearbeitet?“
Ein Stocken wanderte über seine Miene.
„Du wusstest davon?“ Sams verblüffte Stimme ließ mich zu ihm weiterblicken, doch als ich bemerkte, dass seine Frage gar nicht an mich gerichtet war, sondern an Tony, erstarrte ich jäh. „Du wusstest, dass sie das hier auf den Weg bringen? Und du hast nicht daran gedacht, das vielleicht mal zu erwähnen?“
Tony verdrehte die Augen, doch ich spürte, dass es diesmal mehr ein Verteidigungsreflex war, denn alle Blicke schienen nun leise überrascht.
„Ich weiß es erst seit ein paar Wochen“, versicherte er knapp.
Ich blinzelte.
Mindestens , korrigierte ich in Gedanken. Vielleicht mehr, wenn ich darüber nachdachte, seit wann genau sein Kontakt zu Ross sich derart verstärkt hatte, dass Tony fast wöchentlich unwillige und zugleich absolut verschwiegene Telefonate mit ihm zu führen begonnen hatte. Aber ich sagte nichts, viel zu beunruhigt, noch mehr zu verplappern, das er womöglich gar nicht mit dem Team zu teilen gedachte.
Rasch schloss ich das Abkommen wieder, auch wenn ich eine Hand darauf behielt und mein Daumen unruhig die Blattkanten rauf und runter zu streifen begann.
Sam sog geringschätzig die Luft ein und erhob sich.
Es ließ Tony herausfordernd die Arme verschränken. „Was?“, sagte er. „Dachtet ihr, das hier wurde über Nacht aufgesetzt?“ Er sah von einem zum anderen. „Richtig, sie arbeiten seit Monaten daran und sie werden es in den kommenden Tagen auch ratifizieren. Mit oder ohne uns. Sokovia hat es bewiesen und der Vorfall in Lagos nur weiter bestätigt – dieses Abkommen ist notwendig. Und das sagen nicht nur hundertsiebzehn Nationen, das sagt unsere eigene Unfallstatistik. Im Moment sorgen wir selbst für genauso viel Schaden wie wir beheben, nur gibt es kein Bravo-Team, das es mit uns aufnehmen und uns einen Dämpfer verpassen könnte, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Diese Menschen sind wehrlos. Wir müssen es selbst sein, die Grenzen akzeptieren und respektieren .“
Wanda verließ den Raum. Obwohl ihr alle für einen Moment nachsahen, war es allein Vision, der ihr nach kurzem Bedenken folgte.
„Ross hat dich also informiert …“ Sam schien Tony gar nicht wirklich zuzuhören, während er ziellos durch den Raum streifte. „Er hat dich vorab ins Boot geholt, damit du jetzt hier stehst und uns dazu bringst, unsere Unterschrift unter diesen Unsinn zu setzen. Hat er dich mürbe gemacht; dir etwas von internationalen Gerichtshöfen und schweißtreibenden Telefonaten mit dem Weißen Haus vorgejammert? Durftest du dir den Entwurf vorab ansehen? Ein paar Passagen streichen? Hier und da einen eigenen Vorschlag einbringen?“
Verdrossen beobachtete Tony ihn. Sein Mundwinkel arbeitete.
Sam schüttelte den Kopf und marschierte weiter.
Auch Nat und Rhodey schienen nicht sehr viel zufriedener denn zuvor, aber anders als Sam schien es sie beide nur tiefer in ihrer freudlosen Kapitulation zu bestätigen.
Da niemand mehr etwas sagte und alle nur noch ihren düsteren Gedanken nachhingen, wandte Tony sich letztlich ab. Er schritt zu einem der Sitzhocker an der Kücheninsel herüber, auf dem er sein Sakko zurückgelassen hatte, und griff sich seine Krawatte; ein Exemplar in hochwertigem Design, seiden, dunkel und durchsetzt von roten, vage stroboskopisch wirkenden Akzenten, das ich noch heute Vormittag als überzogene Milliardärs-Warntracht bezeichnet hatte, bereits da reichlich verstimmt und doch insgeheim unverändert beeindruckt von seiner modischen Finesse, die er in der Regel keinem Stab Star-Stylisten zu verdanken hatte, sondern bloß seinem eigenen Geschmack.
Er brauchte nicht mehr als ein paar schnelle Handgriffe, dann schob er die sauber gebundene Krawatte schon unter seine Anzugweste und richtete seinen Hemdskragen. „Da sich scheinbar niemand sonst dazu berufen sieht, gehe ich jetzt Ross verabschieden“, informierte er uns. Er nahm sein Sakko auf und fasste mich in den Blick. „Du wartest hier. Sobald ich wieder da bin, lautet der nächste Programmpunkt MedBay.“
Trübe Nervosität kehrte in meinen Brustkorb zurück.
Ich schluckte. „Ich bleib ja, aber müssen wir wirklich-“
„Jupp, müssen wir.“
Angespannt warf ich den dichten Papierstapel, der sich das Sokovia Abkommen nannte, vor mir auf den Couchtisch ab. „Kann ich vielleicht mal aussprechen?“, schnaufte ich, während die Spielfiguren auf dem nahestehenden Schachbrett allesamt einen kleinen Sprung meisterten und vage verrückt wieder zum Stillstand kamen.
„Alles klar, bin ganz Ohr.“
Irgendetwas an seinem Ton gefiel mir noch weniger denn zuvor. Er schien zu abgeklärt, als dass ich wirklich darauf hoffen konnte, jetzt noch auf Verständnis zu stoßen, realisierte ich.
Tony zeigte sich unverändert ausgeglichen wie unbeeindruckt von meinen Sabotagen, doch eigentlich hatte ich bereits jede Geduld bei ihm verspielt, als ich mir einen Fahrer zurück nach Manhattan organisiert hatte, um ihm meine unmissverständliche Antwort auf sein jüngstes Verhalten zu senden, während er die Avengers von einem Abkommen zu überzeugen versucht hatte, das sie vor einer politisch sanktionierten Komplettdemontage bewahren würde, daran gab es keinen Zweifel.
Angesichts der angespannten letzten Wochen, in denen Medien und Politik intensive Kritik an den Avengers geübt und Forderung über Forderung erhoben hatten, war mir der gegenwärtige Ernst ihrer Situation durchaus bewusst. Mehr noch, es beunruhigte mich bereits mit grabender Sorge, seitdem die Nachrichten aus Lagos eingetroffen und Tony in eine nimmer endende Reihe von politischen Unterredungen und Debatten mit seinen Anwälten und anhaltender Abwesenheit entsandt hatten. Aber ich hatte nicht darauf gepokert, dass es mich mit schlechtem Gefühl zurücklassen würde, meine Unwilligkeit bewusst auf die Spitze zu treiben, nachdem es ihm ganz sicher nicht leidgetan hatte, mich die ganzen vergangenen Wochen im betont leichtherzigen Kommando-Ton herumbefehligt und jede meiner abwehrenden Gefühlsregungen in besserwissend abwinkender Manier beerdigt zu haben.
„Ich weiß , dass das erledigt werden muss“, sagte ich. „Das wusste ich auch schon vorher. Aber muss es wirklich heute sein? Können wir nicht --- vielleicht … einfach einen Termin an einem anderen Tag-“
„Okay, Schluss damit“, fiel er mir augenblicklich ins Wort. „Es ist eine einfache Injektion, Sola. Mehr nicht. Und daran ändert sich nichts, ob sie nun heute verabreicht wird oder in einer Woche.“ Ehe ich dem noch etwas entgegen zu halten wusste, erschien Steve. Ein wenig farblos um Nase und Mund stierte er für einen Moment in die Runde, während Tony beherrscht eine Hand in die Hosentasche grub, drei bewegte Schritte auf mich zumachte und ungehindert weitersprach: „Eine andere Sache ändert sich aber ganz gewaltig. Das Risiko einer weiteren Blutung wird noch im Laufe dieses Abends reduziert. Und weißt du was? Mir gefällt, wie das klingt. Ist ein Game-Changer. Lieber gehe ich heute mit dieser zusätzlichen Absicherung ins Bett als morgen.“ Er wies auf mich. „Solltest du auch.“
Still schloss ich den Mund.
Tony richtete sich wieder auf, dann sah er schon zu Steve weiter. „Lust, mich zu begleiten und Ross zu erklären, wieso er jetzt mit leeren Händen aufbricht?“
„Ich passe“, antwortete er. „Ich muss nach London.“
Tony hob eine Braue, aber Steve wich seinem Blick aus und räusperte sich widerstrebend. „In einem Punkt gehe ich allerdings mit“, stimmte er zu. „Jeder von uns sollte sich über seine Haltung zum Abkommen klarwerden, damit wir … entscheiden können, wie es weitergeht.“ Er fasste Rhodey, Nat und Sam nacheinander ins Auge, dann sah er schon zu mir zurück. Sein Ton verdunkelte sich: „Und du behältst ab jetzt beide Beine, wo sie hingehören. Du tust, worum dein Vater dich bittet, ist das klar?“
Überrumpelte Hitze stieg in meine Wangen.
Ein kleines selbstgefälliges Lächeln zog über Tonys Mundwinkel.
„Gebeten hat er ganz sicher nicht“, raunte ich.
Obwohl es für niemandes Ohren bestimmt gewesen war, entging es Steve nicht. Die laue Strenge in seiner Miene versteinerte.
„Vision sagte es mir gerade.“ Er löste die Arme. „Eine Party – ernsthaft? Du bist fünfzehn , Sola.“
Ich erstarrte.
„ Ja “, widersprach ich schon finster, kaum dass ich mich fing. „Und als Einzige wieder nicht dabei! Ständig heißt es, ja, klar, Pokerface, wo ist das Problem, hey, sieh her, ich bin cool -“ Tonys still konzentriertes Schmunzeln wuchs und machte mich nur noch schwächer vor Wut. „-und wenn es dann wirklich dazu kommt, lande ich hier , upstate, weitab vom Schuss-“
„Cool oder nicht, wenn Tony entscheidet, dass du daheimbleibst, tust du genau das“, unterbrach Steve mich. „Und wenn er dir weitere Untersuchungen und Behandlungen bei absoluten Topmedizinern organisiert, dann denkst du zur Abwechslung mal daran, wie viel Glück du hast, das alles vollkommen gedankenlos in Anspruch nehmen zu können, bevor du dich wie der reinste Wildfang aufführst, bloß weil eure Pläne für das Wochenende nicht übereinstimmen. Jeder Einzelne in diesem Raum steht hinter dir und ist für dich da, aber so etwas stößt hier bei niemandem auf Verständnis. Das ist einfach nur respektlos.“
Ich verlor Farbe.
Nat senkte den Blick.
Es waren gar nicht so sehr seine Worte, sondern vor allem seine unmissverständlich klarstellende Miene und dieser offen maßregelnde Ton, mit denen er mir auf diese Art noch nie begegnet war. Etwas, das ich nur aus Nachberichten diverser Einsätze im Fernsehen gekannt hatte und das immer gegen Missetäter und Verbrecher gerichtet gewesen war, die sich noch auf freiem Fuß befanden, schien schlagartig an mich selbst gerichtet und es schnürte mir ganz unvermittelt die Kehle zu.
„Cap, ich respektiere, was das hier wird …“ Betont leichthin trat Tony unvermittelt an seiner Seite, doch entgegen seines Tonfalls trug seine Miene nun eine Spur sorgenvolle Wachsamkeit. Jede winzige, kurzweilige Genugtuung war wieder verschwunden.
Da er sich ihm zugewandt hatte und damit Steves geballt anklagende Aufmerksamkeit auf einen Schlag von mir abkehrte, fand ich den Raum meinen stillstehenden Brustkorb wieder mit etwas Sauerstoff anzureichern. Mein Blick schwamm, wenn auch nur für einen Augenblick, dann hatte ich mich wieder im Griff.
„Was ist passiert?“, fragte er Steve gesenkt.
Dieser schüttelte knapp den Kopf. Er antwortete etwas, das ich nicht verstand. Ehe Tony noch ganz darauf reagieren konnte, schritt er stillschweigend zur Küche herüber, ohne mich nochmal anzusehen.
Tony sah ihm hinterher.
Kaum, dass ich mich von der Récamiere erhob, wandte er mild den Kopf.
„Ich mache es, okay?“, bemerkte ich rau. „Wie ihr wollt.“ Mein Hals brannte. „Ich geh hin und lasse mich behandeln, Injektion und Induktion und das ganze privilegierte Zeug, von dem ich keine Ahnung habe und für das ich mich gefälligst glücklich schätzen soll …“
Seufzend fasste Steve sich an die Stirn. „Sola …-“
„Und ich bleib daheim“, fuhr ich schon fort. „Langweile mich bis Halloween oder Neujahr oder bis --- was weiß ich … bis ich fünfzig bin …“ Ich setzte mich in Bewegung. „Aber erst will ich mit Pepper sprechen.“ Schwer blinzelnd schluckte ich. „ Allein . Nicht hier.“
Tony stockte. „Alles klar.“
Auf der Stelle zog ich mein StarkPhone heraus und marschierte zum Ausgang. Ich sah niemanden an. Ehe irgendwer noch etwas sagen konnte, schnappte ich mir meinen Parka im Vorbeigehen vom Kleiderständer und war hinaus.
-/_\-
Als ich aus dem Treppenhaus trat, protestierte FRIDAY, aber zumindest verbarrikadierte sie nicht geradewegs die Türen vor meiner Nase, kaum dass ich das Foyer durchquert hatte und das Hauptgebäude verließ.
Das Caretaker Protokoll hatte wie gewohnt von einer Sekunde auf die andere unsere beiden Entscheidungsgewalten maßgeblich umgepolt und auch wenn die KI nie stolze Selbstgefälligkeit aufkommen ließ, wenn sie mal wieder am Ruder stand, war ich doch nicht gezwungen ihr dieselbe Höflichkeit zu erweisen, als sie mich mahnend darauf hinwies, ins Gebäude zurückzukehren, da mein Vater mich bis auf Weiteres unter erzieherisch wirksamen Hausarrest gestellt hatte.
„Ob ich draußen telefoniere oder drinnen macht keinen Unterschied“, beschied ich ihr grummelnd. „Das hier ist alles Privatgelände. Ich brauche Luft.“
Damit begnügte sie sich fürs Erste. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie mit Tony kritische Zwiesprache hielt und seine Freigabe für dieses Argument erfragte, aber auch das war mir nach den blamierenden Vorkommnissen auf der Teamfläche außerordentlich gleich.
Um mich wieder ins Gebäude zu bekommen, musste sie schon physische Form annehmen.
Obwohl ich mein StarkPhone in der Hand behielt, rief ich Pepper nicht an, bis ich auch die Nebengebäude hinter mir gelassen, weichen, belaubten Waldboden und schließlich den nahegelegenen Steg erreicht hatte, der auf eine kleine Plattform auf dem See hinausführte, die erst seit dem Sommer vollends hergerichtet war.
Es war nichts Pompöses, bloß eine Pergola mit integriertem Sonnensegel, ein paar Sitzbänke ohne Lehne und eine Feuerschale, in der sich schon jetzt verbrannte Kohle und Asche wiederfand, die ich selbst allerdings noch nie entzündet gesehen hatte. Das Segel war in seinen schmalen Bahnen eingeholt, die Bänke feucht, obwohl es nicht einmal geregnet hatte, und über das stahlgraue Wasser wanderte ein dünner Schleier Dunst, der sowohl dem nahen Abend wie auch der herbstlichen Waldluft zuzuschreiben war, die zwischen all den umliegenden Bäumen entlang der Ufer auf das Seewasser hinauszog.
Eine Vielzahl Blätter kreiste auf der Wasseroberfläche nahe der schwimmenden Plattform.
Halbherzig wischte ich mit dem Ärmel meines Parkas die klamme Nässe auf der nächsten Bank fort und ließ mich darauf nieder.
Ein paar Vögel in meinem Rücken zwitscherten, ansonsten war es nahezu still.
Ich sah trotzdem einen Moment über die Schulter zurück, als ich das StarkPhone letztlich an mein Ohr hob und darauf wartete, dass Pepper kurz abnahm, um mich – wie ich es für wahrscheinlich hielt – rasch auf später zu vertrösten.
Sechs Uhr war meist noch keine gute Uhrzeit, um bei ihr auf einen freien Moment zu hoffen, den sie nicht vorher selbst eingeplant hatte, das wusste ich aus bester Erfahrung. Entweder sie hielt gerade dem letzten Ansturm des Tages bei SI stand, der ihren eigenen Feierabend in die Ferne rückte, oder sie wappnete sich für eine Konferenz oder ein Meeting, das etwaige geschäftliche Zeitzonen anderer Beteiligter und Vertragspartner integrierte.
Deshalb überraschte es mich durchaus wie entspannt sie klang, als sie meinen Anruf entgegennahm. „Sola, wie schön. Wie lief es? Wie geht es dir?“ Ihre Stimme verriet mir, dass sie jemandem kurz dankend zulächelte, vielleicht um ihn oder sie stillschweigend aus ihrem Büro zu komplimentieren. „Ist alles verlaufen wie geplant? Seid ihr für heute fertig?“
Ich stockte. „Was meinst du?“
„Die Behandlung, das Supercoiling-Verfahren. Es sah auf dem Papier sehr vielversprechend aus. Hat es lange gedauert?“ Ihr Blick schien über irgendwelche geschäftlichen Dokumente zu wandern, denn ihr Ton senkte sich kurz. „Ich hatte FRIDAY nicht mehr nach der genauen Uhrzeit gefragt, aber Tony sagte gestern, es wäre für den Nachmittag angesetzt-“
„Ihr habt gesprochen?“
Pepper brach ab. „Gestern? Ja.“ Sie schien ein wenig belustigt. „Wir sprechen nicht immer nur über das Geschäft, weißt du?“
Nein. Ich wusste nicht einmal, dass sie überhaupt noch im Privaten miteinander sprachen oder sich außerhalb irgendwelcher offiziellen Auftritte sahen, aber das sagte ich nicht, denn ein kleiner, fester Knoten in mir löste sich ein wenig, stillschweigend hoffnungsvoll wie erleichtert.
Pepper schien mich trotzdem zu durchschauen. „Wir haben uns nicht getrennt, Sola, wir haben ein wenig Abstand genommen. Das zeichnet eine Pause aus. Dass man in sich geht, an der Situation arbeitet und hin und wieder miteinander spricht, um zu erfühlen, wie es weitergehen soll oder kann. Davon abgesehen, haben wir eine Menge Themen, die uns beide tangieren und die nichts mit SI zu tun haben. Tony wollte meine Meinung wissen, ehe er sein Go für das Verfahren gibt.“ Sie atmete aus. „Und jetzt erzähl“, bat sie. „Wie lief es?“
„Ich habe es noch gar nicht gemacht …“, gestand ich.
Überrascht schwieg sie. „Gab es Probleme mit deinen Blutwerten? Oder den Scans?“
„Nein“, druckste ich widerstrebend. „Ich bin einfach nicht hingegangen.“
Ihr kurzes Stocken ließ mich die Fingernägel meiner linken Hand verhalten in die tiefe Fuge zwischen Holz und Metall an der Kante der Bank zwängen. Da alles daran nagelneu und noch makellos war, bereute ich es nicht, indem ich mir einen Splitter zuzog, sondern bloß, indem ich meinen sinnestauben Ringfinger etwas zu fest einklemmte und nicht auf Anhieb wieder herausbekam.
„Tony musste mit den anderen in eine Besprechung mit dem Außenminister“, fuhr ich fort und strich mit dem Daumen über den nun brennenden Bereich meiner Fingerkuppe, die nur noch lebendig auf mich wirkte, wenn regelrechter Schmerz auf ihr pulsierte. „Ross ist hier, im Hauptquartier.“ Ich zögerte. „Weißt du von dem Abkommen?“
„Das Sokovia Abkommen?“ Pepper schien nicht überrascht. „Ja, darüber haben wir uns ebenfalls unterhalten.“
Ihr hatte Tony also von dieser Sache erzählt.
Ich wusste nicht, ob es mich eher beruhigte, sie immer noch so viel miteinander teilen zu wissen, oder es mich nur besorgter auf die soeben bezeugte Uneinigkeit auf der Teamfläche blicken ließ. Schließlich war es Pepper selbst gewesen, die schon Ende des Sommers all die unliebsamen Entwicklungen der vergangenen Wochen als unausweichliche Eskalation betrachtet hatte, die das Team in der Wahrnehmung der internationalen Regierungen endgültig von einer organisierten Gruppe Helden in Schwerverbrecher verwandeln würde, die es aufzulösen galt.
Und wenn sie damit recht behalten hatte, dann --- dann …
„Das ist gut, Sola“, versicherte sie sanft, als spüre sie meine sich schlagartig aufbäumende Beunruhigung. „Dieses Abkommen ist eine Lösung mit genau der Außenwirkung, die es jetzt braucht, um die allgemeine Aufregung zu beenden. Es verleiht dem Team globale Befugnisse, es sorgt für Klarheit und Transparenz und es zeugt von Verantwortung. Außenminister Ross mag von den Avengers halten, was er will, aber ein Operationsauftrag unter der Schirmherrschaft der UN ist per se eine sehr gute Sache.“
„Sie wollen es nicht.“
Pepper atmete aus. „Gib ihnen etwas Bedenkzeit.“
„Es klang nicht, als hätten sie eine Wahl“, bestritt ich still. „Tony sagte, wenn sie es nicht unterzeichnen, tritt es sowieso in Kraft und dann würde man sie für Kriminelle erklären, wenn sie weitermachen wie gehabt. Sam nannte es sogar Erpressung …“
„Dein Vater war auch nicht sonderlich begeistert, als Ross das Thema das erste Mal aufgebracht hat“, versicherte sie mir. „Dieser erste Entwurf, den Ross ihm vor Monaten zukommen lassen hat … Du hättest Tony hören sollen. Siebzig Prozent davon wurden wieder gestrichen, nachdem er gewisse Ansichten endlich aus den beteiligten Köpfen bekommen hat. Sie haben daran gearbeitet und die Vereinten Nationen haben zugehört. Tony versteht, dass es nicht weitergehen kann wie bisher. Er ist selbst überzeugt davon, dass sich etwas ändern muss. Diese Lösung funktioniert für beide Seiten.“
„Es ist wahr“ , raunte es irgendwo aus der unzugänglichen Finsternis meiner Erinnerung, aus meinem persönlichen Schattenreich, Wandas magischen Tresoren, „niemand kann Stark einen Riegel vorschieben, nicht einmal die Regierung – selbst, wenn sie es denn wollte. Es gibt nur einen, der Stark und diesen ganzen Heldenzirkus aufhalten kann---“
Fast fand ich meine Stimme nicht wieder. „Aber … Fanning und Stane …“, begann ich heiser.
„Mit Zeke Stane hat das hier nichts zu tun, Sola. Glaub mir, es geht Tony um das Überleben der Avengers, nicht ihre Beseitigung.“
Auch wenn es manch ein verschriebener Superhelden-Gegner wie Senator Boynton oder Stern als ersten Sieg verbuchen mochte, war es eigentlich ein gelungenes Patt, verstand ich. Noch dazu eines, das ihren Rang als selbsterkorene Beschützer unseres Planeten sicherte.
Ich ließ Stanes Echo in seine Gruften zurücksinken.
„Sie haben also diskutiert und darüber deine angesetzte Behandlung vergessen“, seufzte Pepper.
„Nein …“, murmelte ich, während in der Ferne ein paar reale Stimmen aufkamen und dann auch Wagentüren, die geschlossen wurden. Ross und seine Entourage, tippte ich. Ich überkreuzte meine Beine und gab mir einen Ruck. „Ich sollte alleine zur Behandlung. Aber ich bin nicht hingegangen … Na ja, ich war irgendwie sauer. Er hat es mir gestern erst gesagt. Dass wir herkommen und dass er diesen Termin organisiert hat, damit wir das direkt erledigen können … Und da war noch Kenzos Party und ich hatte schon vor Wochen zugesagt und dann musste ich wieder absagen und ich konnte nicht hin, genau wie letztes Mal --- … Und überhaupt, fühlte es sich falsch an; nicht bloß, dass es jetzt gleich geschehen sollte, sondern auch … generell … alles eben. Dad … hat eigentlich nichts getan, aber …“
Ich brach ab.
Tony hatte nichts getan, was meinen starr wachsenden Unmut verdiente, das stimmte, wenn ich wirklich ehrlich mit mir war, aber … er hatte auch nichts dagegen unternommen, realisierte ich. Nichts gegen die Leere und Stille, die seit Wochen daheim lastete, seit Pepper fort war und ich sie als Teil all dessen vermisste ; als etwas, das jetzt nicht länger dasselbe war und --- und auch nichts gegen das Gefühl, das mich nun seit geschlagenen zwei Wochen in die Schule begleitete, in der jetzt alle immer die Stimme senkten und tuschelten, um mir vermeintlich nicht zu nahe zu treten, wenn sie von den Avengers sprachen und davon, ob Wanda verhaftet werden würde oder nicht, ob sie es verdiente oder nicht …
„Ich weiß, diese Gewebetherapien müssen gemacht werden und es macht alles sicherer und einfacher --- aber …“ Meine Stimme sank weiter herab. „Ich wäre heute so oder so nicht zu diesem Termin gegangen, eben aus Prinzip , also habe ich Kenzo gefragt, ob er mir seinen Fahrer schickt-“
„Das hast du nicht“, seufzte Pepper vorwurfsvoll.
„Doch“, summte ich. „Ich dachte, … ehe sie fertig sind und Tony es überhaupt bemerkt, bin ich lange dort, vielleicht sogar schon zurück, und der Ärger hätte sich wenigstens … irgendwie gelohnt …“ Ich schniefte bitter. „Dann hat Vision mich aber auffliegen lassen, bevor ich überhaupt wirklich weg war, und er hat es erfahren und --- es hat sich überhaupt nicht gelohnt. So gar nicht.“
„Und jetzt ist er böse.“
„Ich habe Hausarrest“, grummelte ich. „Vermutlich bis Halloween.“
„Gut.“
„Und das Caretaker Protokoll ist wieder aktiv“, fuhr ich umso dunkler fort. „Und ich darf jetzt zu überhaupt keiner Party mehr, es sei denn ich habe sie mir vorher irgendwie durch kooperatives Verhalten freigeschaltet oder irgend so ein Blödsinn …“
„Ganz wunderbar.“
Mein protestvolles Schnaufen blieb zu leise, als dass sie es sonderlich ernst nahm. Ich stierte ins Wasser. „Er hat den Termin auf gleich verschoben.“
„Und diesmal wirst du hingehen und brav sein.“ Obwohl sie es mehr in spielerischer Strenge sagte, lag auch eine liebevolle Note darin, die sich unverhofft wie Balsam auf meiner buntfacettierten Unruhe niederließ.
„Ich weiß, es ist gerade alles nicht einfach, Sola“, setzte sie behutsam nach. „Das war es das ganze vergangene Jahr nicht und auch nicht die vergangenen Tage.“ Sie schwieg sacht. „Aber das sollte es sein. Und daran arbeiten wir. Okay?“
Ich gab einen leise vertrauensvollen Laut von mir.
-/_\-
Als ich wenig später mit dem Versprechen auflegte, mich nach der Behandlung nochmal bei ihr zu melden, schien sich der Dunst auf dem See weiter in seine Mitte verlagert zu haben. Die Sonne ging gerade unter. Eine dämmernd gelbe Blässe lag auf den Wolken, die nicht ohnehin bereits tiefhängend vor Nässe wie dunkle Rauchschwaden über allem hinwegzogen.
Ich schrieb noch eine schnelle Nachricht an Kenzo, in der ich mich knapp für das Durcheinander mit seinem Fahrer entschuldigte und ihnen allen einen genialen Abend wünschte, als mich Schritte auf dem Steg den Kopf wenden ließen.
Es war Nat.
Kaum auf der schwimmenden Plattform angekommen, sank sie mit einer Schulter gegen einen der Stützpfeiler der Pergola und legte die Arme entspannt übereinander.
„Du solltest besser bald aufschlagen“, riet sie. „Er fängt gerade an seine strahlend grauen Zellen zu fermentieren.“
Ich schnaufte. „Besser seine als meine.“
Nat schmunzelte.
Verhalten rieb ich das Display meines StarkPhones an dem weichen, rotbraunen Kunstleder meiner Hose ab, als sei es irgendwie nass geworden, bloß um noch ein paar weitere Sekunden zu gewinnen, steckte es widerstrebend in meinen Parka und erhob mich schließlich mit einem stillen Seufzen.
Nat verfolgte mein Tun. „Soll ich Geleitschutz geben?“
„Sicher, dass du eine Kugel für den respektlosen Wildfang riskieren willst?“, brummte ich.
Sie senkte den Blick, dann sah sie mich schon unter betont verschworen gehobenen Brauen wieder an. „Was genau mache ich hier, wenn ich nichts dafür übrighätte?“
Musik:
Bling (Confession Of A King) - The Killers