Todesblick
Todesblick
Kapitel 17: Todesblick
„Bis Halloween ?“, wiederholte Ned, als wir uns am Dienstagnachmittag der Massenwanderung zurück zu unseren Spinden anschlossen. „ Verdammt .“ Er klang ein wenig zu enthusiastisch, als dass ihn mein Schicksal wirklich bewegte. „Aber das sind bestimmt …“
„Drei Wochen“, murrte ich.
„Hart.“ Peter verzog das Gesicht.
Seine Miene erschien mir wiederum etwas zu ehrlich, ganz als realisiere er, wie verteufelt glücklich er sich schätzen konnte, dass seine alleinerziehende Tante kein intelligentes Satellitennetzwerk und millionenteures Smart Home zur spontanen Disziplinierung in der Hinterhand hielt.
„Was hast du angestellt?“ Ned blinzelte. „Hast du einen seiner Anzüge ausgeliehen? Bist du damit herumgeflogen?“
Ich verdrehte die Augen. „Wenn mir das gelingt – und das ist ein verdammt großes Wenn – seht ihr mich nie wieder“, brummte ich. „Dann erledigt er mich nämlich und lässt mich irgendwo in Kambodscha verscharren.“
So zumindest meine Überzeugung nach den vergangenen zwei Tagen, in denen mir Dinge zu Ohren gekommen waren, die ich lieber ganz schnell wieder vergaß, weil sie mich einmal mehr daran erinnerten, dass Tony nicht Mum war und ich immer noch mit dem Feuer der Unerfahrenen spielte, wenn ich mich Hals über Kopf auf Abwege begab und dabei dem naiven Irrtum verfiel, mit den äußersten Grenzen von Tonys Repertoire an Konsequenzen bereits in Berührung gekommen zu sein.
„Aber drei Wochen Haft?“, stimmte Peter zu. „Inklusive 24h-Komplettüberwachung? Komm schon, irgendetwas musst du angestellt haben …“
„Jupp“, sagte ich. „Ich mache ihm das Leben schwer, also muss er sich revanchieren.“
Ned schien bestürzt. „Das hat er gesagt ?“
Ich hob die Achseln. „So in etwa.“
Und sonderlich weit hergeholt war das nicht, zugegeben .
Ned formte ein zweites tonloses Verdammt .
Vermutlich trug Iron Man soeben einen erheblichen Imageschaden davon, aber das hatte er ganz sich selbst zuzuschreiben.
Nach unserem chaotischen verbalen wie auch kurzweilig physischem Gerangel und meinem Telefonat mit Pepper am See hatte ich am Samstag tatsächlich noch eine ganze beunruhigende Abendstunde in der MedBay auf der Behandlungsliege verbracht, während der ich nicht viel mehr getan hatte, als mir einzureden, dass all die ernstdreinblickenden Mienen um mich herum keinen Grund darstellten, meinen letzten Willen festzuhalten, insbesondere, als das medizinische Induktionsfeld um mich herum sein ominöses Werk zu verrichten begonnen hatte und meine Live-Scans in verdächtig gesenktem Fachjargon analysiert worden waren.
Nat hatte mich nicht nur wie versprochen in die MedBay eskortiert und dort Tonys mitleidsloser Direktive übergeben, sie war auch mit dageblieben und hatte immer mal wieder im Vorbeigehen meine Schulter getätschelt, während Tony mich mit da noch weitestgehend schweigender Gegenwart gestraft hatte, auch wenn er auf jede meiner verhaltenen Bitten ganz umgehend eingegangen war; sogar der, meine Hand zu halten, was mir vor der Injektion fast noch zu kindisch erschienen war, um überhaupt danach zu fragen.
Letztlich hatte ich es dann aber doch – darum gebeten.
Dass Tony da längst nicht mehr wirklich über alle Maße sauer auf mich gewesen war (vielleicht, weil ich endlich brav auf der Behandlungsliege Platz genommen hatte), hatte ich auch daran erkannt, dass er meine widerlich schwitzige Hand selbst noch in der seinen behalten hatte, als meine eigene verstimmte, wie schuldbewusste Wortkargheit ihn wiederholt still herausfordernd die Brauen hatte heben lassen.
Nat hatte unsere wiederholten Blickduelle nicht weiter kommentiert. Aber sie hatte auch Tonys Schulter dann und wann getätschelt.
Als er mich schließlich nach einer laut meiner Ärzte mehr als zufriedenstellenden Behandlung in unseren Privatflügel zurückgebracht hatte, hatte er schon deutlich gelöster gewirkt.
Mein eigener Ärger war da ebenfalls längst weit genug versickert gewesen und meine Erleichterung, die ganze Sache hinter mich gebracht zu haben, zu groß, als dass ich mich noch viel länger hatte zurückhalten können. Die ersten lahmen Entschuldigungen waren bereits auf dem Weg zurück in unseren Flügel aus mir gepurzelt, eingeschlossen der, ihre Diskussion über das Sokovia Abkommen torpediert zu haben, von dessen Existenz ich wirklich keine Ahnung gehabt hatte, als ich Kenzos Fahrer für mich organisiert hatte.
Tony hatte alles daran ganz unbewegt zur Kenntnis genommen und mir schließlich lediglich versichert, dass er durchaus das notwendige Knowhow besaß, einen Wildfang meiner Sorte aufzuziehen. Was sei das überhaupt für ein Wort? War das präindustriell? Er hatte geschmunzelt und ich hatte es matt erwidert, auch wenn mir das Herz für einen Augenblick nur noch weiter in den Schoß gerutscht war, denn ganz hatte ich Steves beschämend ehrliche Predigt nicht abstreifen können.
„Cap entschuldigt sich übrigens“, hatte Tony nachgesetzt. „Er war da gerade nicht ganz er selbst … Ich bin sicher, er meinte, was er sagte, genau wie er es sagte, aber er hat einfach vergessen hinzuzufügen, dass er dich immer noch für sonderlich liebenswert und die weit vorzeigbarere Stark-Version hält und … schlicht und ergreifend nicht den geringsten Plan hat, dass Eltern heutiger Teenager nicht mehr unbedingt an den Rohrstock für feiernde High Schooler glauben.“ Sein trockener Humor hatte nicht so recht bei mir gezündet, vielleicht, weil er etwas zu beschäftigt gewirkt hatte. „Steve ist … ein wenig durch den Wind.“
„Wegen des Abkommens?“, hatte ich gefragt.
Tony hatte kurz gezögert, dann aber den Kopf geschüttelt. „Eine gute Freundin ist gestorben. Peggy Carter. Er kannte sie von früher, von vor dem Eis … Traurige Sache.“
Betroffen hatte ich geschwiegen.
Als ich mich wenig später auf der Couch vor dem Kamin eingemummelt und Tony sich schon wieder angestrengt auf seinem StarkPhone tippend zu mir gesellt hatte, hatte ich ihm den Kopf zugewandt. „Ich weiß das alles zu schätzen“, hatte ich gewispert. „Was ich habe und … was du für mich tust.“
Dass du mich nicht einfach irgendeinem Internat oder einer Pflegefamilie überlassen hast, sobald die DNA-Analyse auf deinem Tisch lag, wie du es hättest tun können.
„Klar weißt du das.“ Er hatte sein StarkPhone unaufgeregt beiseitegelegt. „Du siehst mich bereits an, als sei ich nicht ganz zurechnungsfähig, wenn ich dir gleichzeitig Oreos und Cheetos aus dem Automaten mitbringe, Cinderella.“
Erleichtert hatte ich genickt.
Tony hatte sich wieder erhoben. „Ändert aber nichts. Das hier war eine Wiederholungstat mit dem selbsterklärten Ziel, mir die Laune zu verderben. So etwas nehme ich persönlich. Bis auf Weiteres heißt es für dich Home Sweet Home im FRIDAY Style.“
Und daran war seitdem auch nicht zu rütteln gewesen. Es ging sogar so weit, dass Tony mir erst gestern Nachmittag angedroht hatte, auch den Schießstand und meine unbegrenzte Bildschirmzeit zu rationieren, wenn ich diese Sache noch einmal aufbrachte und grummelnd hinterfragte.
Und darauf war ich nun so gar nicht scharf gewesen, weshalb ich mich jetzt mehr naserümpfend ergeben mit meinem Schicksal abgefunden hatte: Keine Unternehmungen für die kommenden drei Wochen. Amen . Nicht einmal Einladungen zu mir in den Tower, wenn diese Option nun ihren ungeahnten Reiz entfalten sollte. Nicht, um meine neuen Klassenkameraden näher kennenzulernen; nicht, um den Kontakt zur Bosworth zu halten, und auch nicht für Elijah, der bloß unzufrieden, wenn auch wenig überrascht geschnauft hatte, als ich ihm das ganze Durcheinander mit meiner wechselnden Zu- und Absage zur Party erklärt und Tonys mehr als stimmungsdämpfenden Urteilsspruch überbracht hatte.
Meine trockene Frage, ob er sich jetzt besser von mir lossagen wollte, hatte er nur mit einem knappen „War irgendwas Neues dabei?“ beehrt. Anschließend hatte er sich unser gegenwärtiges Thema in Englisch angehört und mir auch schon eine ganze Liste fundierter Stichpunkte für die nächste Stunde geliefert, um mich nach meiner absolut dürftigen letzten Performance in Mr. Liebers Unterricht bei nächster Gelegenheit wieder aus der mentalen Schublade der Sorgenkinder und Literaturbanausen zu befördern.
Tatsächlich hatte es mir so ziemlich den Hintern gerettet, da wir heute mit einem unangekündigten Test in die Englischstunde gestartet waren und mir zumindest ein paar clevere Fragmente seines telefonischen Diktats im Kopf hängen geblieben waren.
Dienstag war ohnehin der unbeliebteste Tag meiner Schulwoche, da gleich zwei meiner am wenigsten mir schmeichelnden Fächer darin ihren Platz einnahmen. Sozialwissenschaften I: Politik & Geschichte vor gut einer Stunde bei Mr. Cobbwell hatte ich jedenfalls nicht gerockt, so viel stand fest. Da hatten mir nicht einmal MJs wie in dämonischer Besessenheit starr weisenden Blicke geholfen, als ich an die Landkarte unserer geliebten Nation gerufen und die Missouri-Kompromiss-Linie unseres sehr viel weniger geliebten Bürgerkrieges hatte hinterlegen sollen und diese aus einem mir immer noch absolut schleierhaften Grund nicht einmal bei Missouri verortet hatte.
Clint würde mich lynchen, wenn ich ihm davon erzählte.
Es war deshalb einzig meinem Wahlfach Wirtschaftslehre zu verdanken, in dem ich fast immer brillierte, dass ich halbwegs ausgesöhnt aus diesem ansonsten malträtierend sprach- und sozialwissenschaftlichem Nachmittag trat.
„Ich habe am Samstag versucht zu der Party eines Freundes zu verschwinden“, klärte ich endlich das große Mysterium meines Verbrechens auf, als wir die lange Wand aus bohnengrauen Spinden erreichten, die den überfüllten Hauptkorridor der Midtown High säumte.
Da mein eigener Spind sich etwas weiter entfernt befand, ich aber keine große Motivation besaß, mich früher als notwendig in Happys Wagen zu begeben, nur um mich im Tower zu Tode zu langweilen, umfasste ich meine fertiggestellten Bilanztabellen und mein Geschichtsbuch mit beiden Armen, lehnte mich gegen die Metallschränke und verblieb bei den beiden Jungs, die bereits ihre Bücher verstauten und zeitgleich ihre Jacken und Taschen aus ihren Spinden zogen.
„Wir waren im Hauptquartier und …“
Obwohl Ned und Peter in ihren Handgriffen innehielten und schlagartig uneingeschränkt an meinen Lippen hingen, entschied ich doch mein Aneurysma und seine langwierigen Folgen für mich zu behalten, auch wenn ich Ned zumindest einen Teil der Wahrheit für die Geschichtshausaufgabe schuldete, die er mich soeben in unserer gemeinsamen Selbstlernphase hatte kopieren lassen.
„Kenzos Eltern waren dieses Wochenende nicht da“, holte ich aus. „Er hat daheim eine House-Party gegeben und Meg --- ähm, also, mein Freund Elijah war auch dort. Ich wollte dazukommen. Tony hatte aber … Termine mit dem Team und dem Außenminister. Und es hat alles nicht so wirklich gepasst und ich dachte … Na ja, er war beschäftigt und sowieso in diesem Meeting und ich dachte, es klappt vielleicht. Hat nicht hingehauen.“ Ich machte eine Pause und hob die Schultern. „Ich meine, ich wusste schon, dass es Ärger geben wird …“
„Und du darfst jetzt echt gar nichts unternehmen? Nicht einmal gemeinsam für eine Mathearbeit lernen?“ Ned schien immer noch ein wenig baff, dann sah er schon wieder grinsend von Peter zu mir zurück. „Also, meine Lola lässt eigentlich immer mit sich reden, wenn ich ihr sage, dass es irgendetwas mit der Schule zu tun hat. Beim Release des neuen Minecraft -Launcher hat sie mich zu Peter gelassen, bloß weil ich ihr erzählt habe, dass Meister Chakra das Spiel toll fand. Sie hält Minecraft jetzt sogar für pädagogisch wertvoll und glaubt, dass es mir bei meiner Bewerbung am MIT helfen wird.“
„Ja“, schnaubte ich widerwillig belustigt, „versuch so etwas mal Tony Stark oder seiner KI zu verklickern.“
Peter gluckste.
Zufrieden richtete Ned die Träger seines Rucksacks. „Ja, ich hab Glück mit meiner Lola …“
„Tut mir echt leid“, sagte Peter. Angesichts Neds umschlagender Miene ruderte er schnell zurück. „Oh, nein --- nein, nicht das mit deiner Lola. Sie ist spitze! Absolut.“ Zufrieden nickend gab Ned ihm recht. „Nein, das mit MJ vorhin.“ Peter runzelte die Stirn. „Ich meine, hat sie vorher schon einmal irgendjemanden eingeladen, bei ihr abzuhängen, um für eine Arbeit zu lernen?“
Sein bester Freund schüttelte den Kopf. „Glaube nicht.“
„Das war neu“, befand Peter zustimmend in meine Richtung. „Bedeutet, sie kann dich gut leiden. Deutlich mehr jedenfalls als uns, nicht?“
Hilfesuchend sah er zu Ned, der sofort eindringlich nickte.
„Also, mach dir einfach nichts aus dem … dem Blick, als du das mit deinem Hausarrest bis Halloween erwähnt hast. Das … hatte bestimmt nichts zu bedeuten.“
„So sieht sie jeden an“, stimmte Ned schon zu. „Mit Todesblick.“
„Ja, das ist … ihr neutraler Ausdruck. Dafür … kann sie nichts?“ Er stieß Ned mit dem Ellbogen in die Seite. „Ich meine, sie schaut nicht wirklich , als wolle sie jemanden umbringen. So hat sie dich nicht angesehen.“ Er schüttelte beharrlich den Kopf.
Ned fiel in dieselbe wenig überzeugende Geste mit ein. „Sie hatte definitiv keine Mordgedanken.“
Unglücklich schluckte ich. „Ja, ich weiß. Sie hat mir nicht geglaubt.“
Ich dachte an den Moment wenige Minuten zuvor zurück, als sie mich beim Zusammenpacken beiläufig angesehen, mit den Schultern gezuckt und mir auffordernd zugenickt hatte, ehe sie gewohnt emotionslos angeboten hatte, morgen bei ihr gemeinsam für die Mathearbeit zu lernen.
„Oh“, hatte sie schließlich nach meiner stockenden Absage nur gemacht. Dann hatte sie mich für einen Moment so undeutbar angesehen, als spiele sie mit dem Gedanken, Pompon ausfindig zu machen und zu grillen, und war gegangen.
Die Jungs hatten alles mit angehört. Schlimmer noch, sie hatten es gesehen.
Peter hob in absolut lausigem Schauspiel eine Schulter. „Aber hey , es war die Wahrheit ... Was hättest du bitte sagen sollen?“
Unzufrieden schnaufend stierte ich durch die sich ausdünnende Schar aufbrechender Mitschüler, die uns umgab. „Dass wir über Skype miteinander lernen könnten?“
Peter rieb sein Ohr. „Ja, okay, das wäre gut gewesen.“
„Oder dass ich Tony frage, ob er eine Ausnahme macht, weil es um die Mathearbeit geht, damit sie vielleicht zu uns kommen kann?“, schlug ich weiter vor. Mochte es dann potentiell auch Schießstand, ade! für mich heißen, ich hätte es zumindest versucht.
„Das kannst du immer noch“, erbot Peter lahm.
Mein StarkPhone vibrierte aufdringlich in meiner Hosentasche. Seufzend zog ich es heraus.
Drei Nachrichten von FRIDAY. Die erste informierte mich über Happys mehr als pünktliche Ankunft, die zweite erinnerte daran, dass ich mich nach dem Unterricht auf direktem Wege zum Wagen zu begeben hatte, sofern ich keine schulrelevanten Angelegenheiten mehr zu sortieren hatte, und die dritte war eine Verwarnung mit so ausdrücklicher Aufforderung, eine Rückmeldung zu geben oder aufzubrechen, dass mir tatsächlich ein wenig warm wurde, obwohl es bloß von einer KI kam und noch dazu eben derjenigen, mit der ich sonst so gerne herumalberte und Unsinn trieb.
Da wir am Montag mit dem Kolumbus-Feiertag schulfrei gehabt hatten, war es mein erster richtiger Schultag zurück unter dem Caretaker Protokoll und, verdammt , ich hatte vergessen wie unangenehm sich das Ganze gestaltete, wenn ich nicht nach Strich und Faden mittanzte.
Die Schulwoche war kurz. Mit dem morgigen Jom Kippur-Feiertag war sie durchsetzt von schulfreien Unterbrechungen und damit trotz anstehender Mathearbeit am Donnerstag eigentlich ein kleines Fest. Es hätte eine großartige Woche werden können, wie ich unverhofft niedergeschlagen realisierte.
„Sorry, Leute“, murmelte ich, „FRIDAY ist kurz davor, mich in ein texanisches Bootcamp einzuschreiben …“ Ich steckte mein StarkPhone wieder ein und hob mein Geschichtsbuch. „Danke nochmal dafür.“
Mit betont gönnerisch geschlossenen Lidern winkte Ned ab. „Klar doch.“
„Nein, im Ernst. Danke.“
Seitdem ich mich neulich schonmal mit einer stibitzten Elektropinzette aus Tonys Werkstatt bei ihm für die Hilfe bei meiner Strafarbeit für Mrs. Carlyle bedankt hatte, die ihn heute noch strahlen ließ wie ein Honigkuchenpferd, wann immer er sie zur Sprache brachte, kam ich mir fast ein wenig schäbig vor, ihn nun auch bezüglich Mr. Cobbwells inhaltlich so ähnlich gestricktem Unterricht um Hilfe anzuhauen.
Ich wusste gar nicht recht, wann sich das überhaupt etabliert hatte.
Während Daphne, Jessy und ich in Nashua noch nahezu sämtliche unliebsamen Hausaufgaben gemeinsam diskutiert, aber dennoch jeder für sich erledigt und nur im zwingenden Notfall Kopien angefertigt hatte, begann ich mich neuerdings zunehmend sich bietender Gelegenheiten in den mir unliebsamen Fächern zu bedienen.
Aber da Peter es nicht weniger tat und in letzter Zeit immer mehr Hausaufgaben in Windeseile von ihm abschrieb, manchmal noch auf dem Eingangskorridor und auf Neds ergeben dahinhaltenden Ordner als Tischersatz gestützt, während dieser zugleich angestrengt Ausschau nach der Fluraufsicht im morgendlichen Getümmel hielt, und Peter damit ganz klar den sehr viel größeren Vogel abschoss, wähnte ich mich nach wie vor in der vertretbaren moralischen Grauzone, von der weder Tony noch Clint besser erfahren sollten, die mir jetzt aber auch nicht unbedingt schweißnasse Nächte der Unruhe bereitete.
Ich würde mich wieder bessern, gelobte ich. Das hier war das letzte Mal, dass ich mir nicht einmal die Mühe machte, es zumindest zu versuchen, anstatt meine Geschichtsnoten gleich mit der so viel sattelfesteren Unterstützung Dritter am Schwimmen zu halten.
Das zehnte Schuljahr hatte gerade erst angefangen.
Ich war einen guten Monat an der Midtown High.
Kein Grund, den Kopf schon jetzt fahrig in den Sand zu stecken, bloß weil die ersten Lehrer erkannt hatten, dass ich nicht das heimliche Rundum-Genie war, für das die meisten mich vermutlich angesichts meiner brillanten Abstammungslinie zu Beginn noch gehalten hatten.
Solange ich meine Stärken vernünftig ausspielte, gehörte ich definitiv zum oberen Drittel.
Naturwissenschaftlich und wirtschaftlich betrachtet war ich wirklich gut drauf, manchmal sogar ein regelrechtes Ass. Die anstehende Mathearbeit? Wirklich nichts, wegen dem ich mir irgendwelche Sorgen machte. Mein E-Bike-Jahresprojekt mit MJ? Immer noch ein kleines Schaulaufen meiner jüngst erworbenen Fähigkeiten in Tonys Werkstatt, das den Großteil unserer Klasse angesichts unseres dramatischen Vorsprungs regelmäßig verstummen ließ. Meine Performance im Wahlfach Robotik? Peter war nicht einzuholen, aber dahinter stand ich als Klassenzweitbeste auf dem derzeitigen Podium. Meister Chakra hatte einen Narren an meinen Antworten und Arbeiten gefressen, besonders bei unseren Minutenprojekten, bei denen wir spontane Lösungen ganz ohne die Hilfe des Internets finden mussten. Er nannte meine Denkweise unkonventionell, aber genau deshalb so charmant.
Und war es nicht genau das, worum es ging? Meine Stärken auszubauen, sie voll auszuschöpfen und mit dem zufrieden zu sein, was ich erreichte, statt darauf zu schauen, was davon abgesehen andere bewerkstelligten?
Es hatte Mum genügt. Und es genügte mir.
Das hatte es immer.
Wieso also sollte es plötzlich anders sein? Bloß, weil sich ein Stark in meinen Nachnamen hinzugesellt hatte? Oder weil die Bosworth mir bewiesen hatte, wie furchtbar schnell das Blatt sich wenden und ich restlos abgehängt im unteren Drittel enden konnte?
Jetzt da ich nicht länger mit Peter und Ned sprach, bemerkte ich, dass sich unter den verbliebenen Schülern kleine Trauben gebildet hatten, die aufgeregt miteinander tuschelten und hin und wieder zu mir zurücksahen.
Irgendetwas ging vor sich.
Na wunderbar , die ersten Reaktionen zum Sokovia Abkommen trudelten anscheinend ein. Vermutlich wurde online bereits aufgeregt diskutiert, welcher Avenger das Abkommen frühzeitig zur Ratifizierung unterzeichnet hatte und wer nicht.
Seufzend wandte ich den Blick ab, ehe noch irgendjemand auf die Idee kam, mich nach meiner Meinung oder – besser noch – der Wahrheit hinter den Enthaltungen zu fragen.
Ich wusste, dass abgesehen von Tony, auch Rhodey, Vision und Nat ihre Unterschrift gesetzt hatten, ehe Nat gestern Abend mit dem Quinjet aufgebrochen war, um der Abstimmung als Repräsentant des Teams in Wien beizuwohnen, da Steve das Abkommen nicht unterstützte und ohnehin gerade trauerte und Tony es für symbolischer befunden hatte, einen anderen Avenger vor die versammelte UN zu setzen als sich selbst, der ohnehin von vornherein am Abkommen mitgewirkt hatte. Das würde mit viel Glück so gut aufgenommen werden, dass es für eine kurze Weile von den Namen ablenkte, die noch nicht mitgezogen waren oder sich – wie in Clints Fall – mit dem Kommentar enthielten, nicht länger im Geschäft zu sein.
Ganz sicher spukten auch schon die ersten Gerüchte über einen Bruch des Teams in den sozialen Medien herum. Tony hatte mich am Morgen vorgewarnt, dass diese die noch zweigeteilte Meinung zum Abkommen genau als ein solches Indiz interpretieren könnten.
Und dass nichts an alldem dran sei.
Steve, Sam und Wanda würden schon noch mitziehen. Sie waren Sturköpfe allesamt, aber zwei von ihnen waren Patrioten und eine noch fast ein Teenager. Nichts, das sich nicht mit einer angemessenen Galgenfrist und ein paar augenöffnenden Sanktionen bekehren ließe, nicht wahr?
Ich hatte die Schultern gehoben, was ihn wiederum herzlich selbstzufrieden hatte dreinsehen lassen, ehe er mir im Vorbeigehen einen Kuss auf den Kopf platziert und mich auch schon in meine absurd weit entfernte Allerweltsschule verscheucht hatte, in welcher ich mich eben nun befand und inzwischen doch relativ fieberhaft durch meinen Spind arbeitete, um etwas Zeit wiedergutzumachen und zu Happys Wagen zu gelangen, ehe FRIDAY mich für weitere Sanktionen qualifizierte.
Eine davon seit Sonntagvormittag im Trainingsraum ein kleines, zart beunruhigendes Gespinst, das mich definitiv etwas weniger bockig stimmte denn zuvor.
„Was machst du jetzt?“, hatte Rhodey gefragt, als er mich während unseres Selbstverteidigungstrainings in den Schwitzkasten genommen und Nat sich mit fröhlich gezückter Fingerpistole vor mir aufgebaut hatte.
Finster hatte ich mir die Haare aus der Stirn gepustet und unmotiviert gegrunzt. „Sterben?“
An seinen sich bereits wieder lockernden Armen hatte ich Rhodeys resigniertes Augenrollen nach gut einer halben Stunde unkooperativer Verstimmung meinerseits geradezu physisch registriert, während Nat bloß betont betrübt die Lippen geschürzt hatte.
„Ich sage es ungern, aber ich denke, er hat recht“, hatte er ehrlich in ihre Richtung geseufzt und seine Arme endgültig in eine halbherzige Umarmung überführt. „Er sollte ihr hin und wieder den Hintern versohlen.“
Ohne ihre Fingerpistole zu senken, hatte Nat gegrinst. „Witzig. Genau das Gleiche sagte Steve gestern auch.“
„Würde mit dem schlechten Gewissen aufräumen, ehe es in Bewältigungsstrategien wie dieser hier entartet.“
„Trotz und taffe Worte?“
Nat hatte mich liebevoll angefeixt.
„Klingt verdächtig nach ihm, was?“ Rhodey hatte die Brauen gehoben. „Tony weiß, wie der Hase läuft …“
Mit schneller, halbgarer Technik hatte ich mich wortlos befreit und war schon zu unseren Trinkflaschen marschiert, während Nat meine Gestalt weiter mit ihrer Fingerpistole anvisiert hatte. „Hey, Hosenscheißer, stehengeblieben!“, hatte sie mir mit gekünstelt tiefer Stimme hinterhergeworfen. „Die bösen Jungs haben noch nicht entschieden, wie viele maßgeschneiderte Lamborghinis sie von deinem Dad einfordern wollen.“
Es war alles nur ein wenig Spaß auf meine Kosten gewesen, hatte ich mir gesagt und tat es auch jetzt noch, als ich aus dem Schulgebäude trat und auf Happy zuhielt, der bereits an die Seite unseres Wagens gelehnt dastand und vage erleichtert die Arme löste, kaum dass er mich in den Blick fasste.
Allerdings war es nicht das erste Mal, dass ich kleinere Seitenhiebe und Andeutungen dieser Sorte aufgeschnappt hatte.
Selbst Tony hatte es schon trocken ungeschminkt in den Raum gestellt oder dann und wann sehr viel ominöser als letztes Mittel seiner Wahl bezeichnet. Schwere Geschütze , entsann ich mich, die er sich lieber für dunklere Zeiten aufsparte .
Er hatte es nicht ausgeschlossen.
Und warum auch? Es war nicht so, als sei es besonders unüblich. Viele meiner Mitschüler sprachen ganz offen darüber.
Ich knabberte an meiner Unterlippe.
„Tut mir leid, Kleines“, wandte sich Happy mir zu, kaum dass er auf den Fahrersitz Platz genommen und die Tür zugezogen hatte. Es riss mich schlagartig aus dem Dunst meiner kalkulierenden Gedanken. „Wir müssen rauf ins Hauptquartier. Order vom Boss.“
Blinzelnd schob ich meinen Rucksack etwas von mir und schnallte mich an. „Hm, okay.“
„Seit dem Anschlag geht es dort drunter und drüber …“
Der Ton in meinem linken Ohr setzte aus. Ich spürte, wie ich rapide Farbe verlor.
„Welcher Anschlag?“
Happy stockte, sah zu mir zurück, dann hob er schon beschwichtigend eine Hand vom Lenkrad. „Es ist alles gut. Tony geht es gut. Das war nicht hier.“ Er ließ mir zwei flaue Atemzüge Zeit, wieder zu mir zu kommen. „Tut mir leid, Kind, ich dachte, du weißt davon … Ist schon ein paar Stunden her. Sie haben euch dort drinnen nichts gesagt, was?“
„Was ist geschehen?“, krächzte ich.
„Es gab einen Anschlag auf die UN-Sondersitzung in Wien. Eine Bombe ist hochgegangen, gerade als sie das Abkommen ratifizieren wollten. Üble Sache, es gibt einige Tote und Verletzte. Das halbe Gebäude wurde verwüstet, aber-“
Satte Übelkeit überkam mich, als ich benommen realisierte, dass er gar nicht vom Hauptquartier gesprochen hatte, nicht vom Team, nicht von Tony , dafür aber im selben Zuge auch begriff, was er wirklich sagte und ---
Nat war dort.
Nat war dort.
Ich tränte auf.
„Hey, hörst du, was ich sage? Es geht ihr gut.“ Happys Stimme brauchte viel zu lange, um zu mir durchzudringen. „Nat ist in Ordnung. Tony hat mit ihr gesprochen. Sie hatte unfassbares Glück. Sie war mit im Saal, hat aber kaum einen Kratzer abbekommen.“
Absolut unfähig noch etwas von mir zu geben, schluchzte ich derart herb erleichtert und zugleich geschlagen auf, dass Happy rasch seinen Anschnallgurt wieder löste, zwischen den Vordersitzen zu mir nach hinten griff und in beschwichtigender Geste nach meinem Knie fasste. Ich wusste nicht, woher diese schier erstickende Emotion kam, aber sie presste mir mein halbes Herz aus der Lunge, während ich schon meine grobe, üble Erleichterung zu verwinden versuchte und ein paar völlig wirre, unzusammenhängende Worte von mir gab.
„Na, na …“ Happy atmete aus. „Alles gut. Ihnen fehlt nichts.“
Schniefend nickte ich.
Er gab mir ein paar Minuten, dann tätschelte er ein letztes Mal mein Knie und startete den Motor.
„Hinten im Fach ist Soda“, informierte er mich behutsam. „Falls du etwas trinken möchtest.“
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Tony und Rhodey unterhielten sich gerade in ernst gesenkter Tonlage vor dem leeren Konferenzraum, als wir eintrafen und ihrer beider Blicke sich auch schon beiläufig mir zuwandten.
„Hey, Sonnenschein.“
„Hey.“
Kaum, dass ich Tony erreichte, drückte ich mich wortlos in seine Seite und umschloss ihn mit beiden Armen. Ein wenig stutzig sah er zu Happy und Rhodey weiter, als er seinen Arm ruhig um mich legte und mich für diesen kleinen bestätigenden Moment hielt, der mich innerlich ganz leicht und flau machte.
„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich, als ich mich einen Augenblick darauf auch schon wieder löste.
Für gewöhnlich umarmte ich ihn nicht, sobald ich durch die Haustür trat, noch hauchte ich ihm einen schnellen Kuss auf die Wange, wie ich es bei Mum immer ganz automatisch getan hatte. Es hatte sich bislang einfach nicht zwischen uns etabliert, dafür war Tony zu selten tatsächlich vor Ort, wenn ich eintraf. Auch wenn er mich trotz allem damit überraschte, sich immer öfter auf letztere Art zu verabschieden. Meist, wenn er bereits auf dem Sprung war, mich im Aufbruch begriffen gerade noch antraf oder gedanklich längst abwesend ganz dem Instinkt und der etablierten Gewohnheit mit Pepper folgte. Je öfter es passierte, desto dümmer fühlte ich mich, immer noch derart verkopft zu agieren.
„Ich habe ihr vorhin einen kleinen Schrecken eingejagt“, gestand Happy, ehe ich mich noch ganz erklären konnte. „Die Kids wussten noch nichts von Wien. Hat sie kurz aus der Bahn geworfen, als ich das Attentat erwähnt habe.“
„Richtig …“ Tony rieb sich den Hinterkopf, als sei dies keine Neuigkeit, sondern eine kleinere Nebensächlichkeit, die ihn soeben einholte und der er sich jäh wieder entsann. „FRIDAY hat alle Berichte zu Wien auf die Liste der zugriffsgesperrten Seiten des schuleigenen WLAN setzen lassen. Da dürfte nicht viel durchgekommen sein.“
Perplex blinzelte ich. „Du hast die Schulsysteme überschrieben?“
„FRI hat bloß dafür gesorgt, dass du dich ganz auf den Unterricht konzentrieren kannst.“ Unbewegt hob er eine Braue. „Caretaker Protokoll, klingelt da was?“
Ein wenig betroffen starrte ich ihn an. „So etwas macht sie?“
„Und noch einiges mehr.“ Sein Blick wandte sich kurz ins Leere. „Davon abgesehen wollte ich nicht, dass die Nachricht in der Schule ihre Kreise zieht, bevor überhaupt klar ist, was geschehen ist. Wenn Nat etwas zugestoßen wäre, hättest du es womöglich auf diesem Wege erfahren und das gefiel mir nicht.“
„Aber sie ist okay, richtig?“, vergewisserte ich mich nochmals mit augenblicklich wieder beunruhigt enger Brust.
„Ihr geht’s gut“, bestätigte Rhodey. „Wie lief die Schule?“
Ich hob die Schultern.
„Und da ist sie“, sagte Tony. „Die zweite gute Nachricht des Tages.“ Er schritt los.
„Was soll das bedeuten?“, brummte ich.
„Du hasst Dienstage. Englisch und Geschichte am selben Nachmittag …“ Ehrliche Überraschung, dass ihm das nicht entgangen war, streifte mich, als er sich schon wieder im Gehen zu uns umwandte und wissend beide Brauen hob. „Ist der einzige Morgen, an dem du erst in den letzten fünf Minuten herunterkommst und mich bereits ansiehst, als sei ich ein Chitauri, noch bevor ich den Mund aufmache. Ich musste das hinterfragen, richtig?“
Rhodey verkniff sich ein Grinsen.
„Ich sehe dich nicht an wie einen Chitauri“, widersprach ich und trottete ihm hinterher. „Ich weiß nicht einmal, wie ich einen ansehen würde . Bin noch nie einem begegnet.“
„Und das ist gut so“, befand Rhodey. „Bedeutet, dass wir uns dieses Debakel bislang erspart haben.“
„Guter Punkt. Ich bin immer noch nicht sicher, wie viel Kidnapping extraterrestrische Zivilisationen tatsächlich so betreiben“, ergänzte Tony trocken. „FRI, setz das auf die Liste der Fragen, die Thor uns beantwortet, sobald er mit dem nächsten Donnerschlag hier aufkreuzt.“
„Bevor, während oder nachdem er das Sokovia Abkommen unterzeichnet?“, erkundigte sich die KI.
„Hatten wir diese Angelegenheit nicht in die Lobby noch vor den ersten Handschlag verlegt?“
„Richtig. Mein Fehler, Boss.“
Obwohl er bloß spottete, klang er nicht sonderlich gelöst. Sein Humor wirkte finster und auch Rhodey schien nicht sonderlich zu Späßen aufgelegt. Was auch immer in Wien vor sich ging, hielt sie beide anscheinend schon seit ein paar Stunden unliebsam in Bereitschaft.
Wie um meinen Verdacht zu bestätigen, wurde Tony bereits wieder ernst. „Was macht die Suche nach Barnes?“, erkundigte er sich knapp.
FRI reagierte prompt: „Die eingegangenen Hinweise haben noch keine konkreten Ergebnisse geliefert.“
„Und unser Netzwerk? Was sagt die Satellitensuche rund um Wien?“
„Bislang keine Treffer.“
„Hat Steve sich gemeldet?“
„Ich habe ihn in der vergangenen Stunde mehrfach zu kontaktieren versucht, aber Captain Rogers hat bislang nicht reagiert, noch scheint er Ihrer Bitte nachgekommen zu sein.“
Tony grunzte. „Versuch es bei Sam. Finde heraus, warum sie beide noch nicht im Flieger nach Hause sitzen.“
„Wird erledigt, Boss.“
Rhodey verlangsamte seine Schritte. Er sah zu ihm. „Du glaubst doch nicht …“
„Nein?“ Tony warf ihm einen unzufrieden wissenden Blick zu. Entschlossen, die Berechtigung seines Argwohns unter Beweis zu stellen, atmete er aus. „FRI, wie lautet ihr aktueller Standort?“
FRIDAY zögerte. „Tut mir leid, Boss, ich kann die aktuellen Positionsdaten nicht bestimmen. Der Kontakt zu Captain Rogers und Sam Wilson scheint vollständig abgebrochen.“
Vielsagend sah Tony zu Rhodey zurück, der bereits seufzend die Lider schloss und sich bloß knapp übers Gesicht fuhr. „Na, großartig.“
„FRI, informiere Nat“, fuhr Tony schon fort, ehe ich mich noch einschalten und vorsichtig nachhaken konnte, was überhaupt vor sich ging. „Falls sie sich irgendwo blicken lassen, soll sie sicherstellen, dass sie nicht gleich wieder von der Bildfläche verschwinden.“
Nervös lauschte ich seiner kurzen Litanei aus Befehlen und Aktionsprotokollen an die KI, völlig ahnungslos, weshalb Steve und Sam urplötzlich beschlossen hatten, in den Stealth-Modus zu wechseln und sich vor ihrem eigenen Team zu verstecken, dann trat uns auch schon Wanda entgegen. Auf dem Fernseher nahe der Couch, von der sie sich erhoben hatte, lief die Berichterstattung auf CNN.
„Kann ich irgendwie helfen?“, erbot sie in ihrem urtümlich osteuropäischen Akzent.
Ihr Blick richtete sich widerstrebend auf Tony, ehe er schon zu Rhodey herüber wanderte, wo er müde aufmerksam verblieb. Alles an ihrer Haltung schien frustriert, als sei sie schon viel zu viele Stunden wach und als leide sie zugleich an seichter Übelkeit.
„Sicher“, antwortete Tony. „Unterzeichne das Abkommen.“
Wanda presste die Lippen zusammen. Ich konnte die Beherrschung spüren, die es sie kostete, nicht auf seinen trocken platzierten Hohn einzugehen, als Tony sie schon mit kurzem, bedeutungsvoll freudlosem Blick stehen ließ.
Ich ließ meinen Rucksack auf die Couch sacken.
„Wir fahren heute also nicht mehr heim?“, rief ich ihm mager hinterher.
„Sieht nicht danach aus, Bambina“, tönte es zurück. „Richte dich ein.“
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Meine Finger kreisten über dem Display, als Wanda eine gute halbe Stunde später wortlos zu mir auf die Teamfläche zurückkehrte und sich einen Tee zubereitete.
Für gewöhnlich verkrümelte ich mich bei längerer Anwesenheit im Hauptquartier inzwischen oft in unseren Privatflügel oder in den privaten Gemeinschaftsraum des Teams, der deutlich heimeliger gestaltet war als die offizielle Fläche, an deren Rande auch das komplette Avengers-Tagesgeschäft vonstattenging. Wer sich auf die private Fläche verirrte, hatte entweder Feierabend, störte sich nicht an anderer Gesellschaft oder suchte selbst ein wenig Abstand. Das machte es insoweit einfacher, da mich auf diese Weise auch niemand liebevoll vor die Tür setzen oder selbst in einen ungemütlichen Konferenzraum abbiegen musste, bloß weil ich irgendwo auf der Fläche herumlungerte und ansonsten etwas aufschnappen mochte, das nicht für meine nicht-volljährigen Zivilistenohren bestimmt war.
Aber da heute ohnehin kaum jemand zugegen war, den ich womöglich bei irgendwelchen taktischen Besprechungen stören mochte, und ich immer noch darauf hoffte, dass Nat bald zurückkehrte, und ich zudem auch danach lechzte, auf dem neuesten Stand der ganz und gar beunruhigenden Dinge zu bleiben, hatte ich mich entschieden, fürs Erste einfach an Ort und Stelle zu verbleiben.
Die Beine würdelos von mir gestreckt, verfolgte ich mit einem Ohr immer noch die Nachrichten. Seit zwanzig Minuten schienen diese allerdings nichts Neueres mehr zu den Entwicklungen in Wien zu berichten zu haben, weshalb ich mich inzwischen meinem StarkPhone zugewandt hielt und frustriert erwog, was ich MJ schreiben konnte, damit sie mir künftig nicht den Rücken kehrte, bloß weil sie glaubte, dass ich mir eine absolut lahme Ausrede aus den Fingern gesogen hatte, um meinen freien Tag nicht ausgerechnet mit ihr zu verbringen.
Ich wusste viel zu wenig über sie, erkannte ich, während ich dalag und grübelte.
Während Betty Brant mir in den vergangenen Wochen in wirklich jeder freien Minute ihr Herz ausgeschüttet hatte, obwohl ich keineswegs behaupten würde, dass wir irgendwie dabei waren wirklich Freunde zu werden, wusste ich von MJ bislang größtenteils nur das, was ich selbst hatte beobachten können.
Sie besaß einen so trockenen, manchmal gar boshaft direkten Humor, dass selbst Daphnes selbstbewusstesten Schlagfertigkeiten nur selten an diesen heranreichten. MJ provozierte gerne Debatten, aber sie hielt sich die meiste Zeit heraus und brachte sich in der Regel nur ein, um einen weiteren Funken zu entfachen oder einen antiklimatischen Schlusspunkt zu setzen. Davon abgesehen zeichnete sie fast genauso gut wie Steve und las nahezu täglich ein neues Buch.
Nichts, womit ich mich brüsten konnte oder meine Freizeit zu verbringen pflegte. Und doch fühlte ich mich ihren so trocken urteilenden Blicken und Feststellungen deutlich verbundener als Bettys strahlender Begeisterung für jede Thematik, die ich zur Sprache brachte.
Nicht grundlos saß ich längst in nahezu jedem Fach neben MJ und hatte bereits so viele Partnerarbeiten mit ihr bestritten, dass wir begonnen hatten uns ganz selbstverständlich einander zuzuwenden, sobald das Stichwort „freie Partnerwahl“ fiel.
Und nun hatte sie angeboten, uns auch mal außerhalb der Midtown zu sehen, bei ihr daheim sogar, sich anscheinend durchaus bewusst, wie blitzlichtlastig und damit auch anstrengend es werden konnte mit mir auch nur einen Kiosk anzusteuern, und ich hatte nichts Besseres zu entgegnen gewusst, als dass ich morgen und bis auf Weiteres daheim festsaß und von daher passen musste.
Ich runzelte die Stirn.
„Ärger?“, fragte Wanda, als sie zur Couch kam und sich mit ihrer dampfenden Tasse Tee neben mir niederließ. Sie klang immer noch geschlaucht, auch wenn ihre Lippen ein sachtes Lächeln andeuteten. „Wem schreibst du?“
„Einer Freundin … aus der Schule.“ Ich entließ die Luft. „Soll heißen, ich versuche es.“
„Was ist los?“
Ich erzählte es ihr.
Mild schloss sie die Augen, dann lehnte sie sich in die Couch zurück, schüttelte sacht den Kopf und sah mich von der Seite an. „Schreib ihr, was du gerade sagtest. Das war gut.“
„Ehrlich?“
„Ehrlich ist am Überzeugendsten.“
Sie hob die Tasse an ihre Lippen und ihr Blick kehrte zu CNN zurück. Einmal mehr war das Portrait von König T’Chaka von Wakanda in Grauabstufungen eingeblendet, sowie das seines Sohnes T’Challa, der ihm nun auf den Thron folgen würde, nachdem der vorherige König dem Bombenanschlag zum Opfer gefallen war. Aufnahmen von kreisenden Hubschraubern folgten, Zelte verschiedener Einsatzkräfte, ausländische Polizeiwagen, die Straßensperren hielten, sowie Aufnahmen der Rauchschwaden kurz nach der Explosion entlang der weitestgehend zerstörten Fassade des Gebäudes, in dem Nat sich befunden hatte. Die Zahl der Opfer wurde noch immer stetig nach oben korrigiert, auch wenn sich die Berichtigungen inzwischen öfter auf das Verhältnis der Verletztenzahlen zu den Toten beschränkten.
Meine Haut zog sich immer noch zusammen.
Die körnige Aufnahme eines Mannes vor einem Lieferwagen, der als James Buchanan Barnes identifiziert worden war und für den Anschlag verantwortlich gemacht wurde, erschien neben den Berichterstattern. Ein berüchtigter Hydra-Agent, auch bekannt als Winter Soldier und verantwortlich für zahlreiche politische Attentate und weitere vergangene Terrorakte, wenn ihnen zu glauben war.
Ich schielte zu Wanda herüber.
„Was?“, fragte sie langsam, noch ehe ich realisierte, dass sie es bemerkt hatte. Sie sah erst nach einem Moment zu mir zurück.
„Nichts“, wich ich leise aus und sah wieder auf mein StarkPhone. Ich schrieb meine Nachricht an MJ, die etwas weniger dramatische Kurzfassung , dann schaltete ich das Display ab und versank in Gedanken.
„Steve versucht ihn zu finden“, ließ Wanda mich wissen. „Barnes.“
Ich sah zu ihr zurück.
„Er ist ein alter Freund. Aus der Zeit vor dem Eis.“
„Wie Peggy Carter?“ Ich runzelte die Stirn. „Er sieht nicht besonders alt aus.“
„Er hat ein ähnliches Programm durchlaufen wie Steve. Er ist ein Supersoldat. Das Experiment wurde von Hydra durchgeführt. Sie haben ihn gefangen genommen, ihm das Serum verabreicht und zu ihrem Mann gemacht.“ Wanda machte eine düstere Pause. „Der Winter Soldier ist sehr lange ihre wichtigste und gefährlichste Waffe gewesen. Zumindest bis … mein Bruder und ich kamen.“
Mein Blick kehrte zu CNN zurück, wo nun ein anderes, wenn auch nicht sehr viel schärferes Bild des dunkelhaarigen Mannes mit so stechenden Augen zu sehen war, dass ihr bloßer Anblick mir ein wenig das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Es stimmt, was sie sagen“, setzte Wanda nach und machte einen eigenartig ruhigen Schluck aus ihrer Tasse. „Er ist ein Geist.“
Ich fröstelte.
„Genug …“ Ruhig schaltete sie den Fernseher aus und stellte ihre Tasse auf den Couchtisch ab. Dann legte sie die Hände wie zum Gebet zusammen und ihre linke Wange darauf ab und musterte mich. Etwas sacht Verschwörerisches funkelte in ihren hellen Augen auf, während sie langsam zu schmunzeln begann, als überkomme sie ein verrucht verbotener Einfall.
Fragend hob ich eine Braue.
„Sollen wir schwimmen gehen?“, flüsterte sie.