Berlin
Berlin
Kapitel 19: Berlin
Als der Quinjet im Berliner Flughafen Schönefeld aufsetzte, war es dort längst helllichter, wenngleich graubedeckter Morgen.
Am Hangar für Privatflieger herrschte fast genauso reges Kommen und Gehen wie am etwas weiter entfernten öffentlichen Flugfeld. Schweigend beobachtete ich das inzwischen durchaus vertraute Treiben und Brausen sich nähernder und entfernender Turbinen, während Tony die Systeme des Quinjets herunterfuhr, ehe er mich schließlich anstupste und ich mich müde aus meinem Sitz hievte. Folgsam trottete ich ihm und Happy die geöffnete Rampe hinab nach und zu einem nahebei parkenden, klassisch schwarzen SUV-Modell herüber, das mit seinen blitzblank sauberen, dunkelgetönten Scheiben geradezu danach verlangte, bemerkt zu werden, weil es so sehr nach lausig vertuschtem VIP-Transport roch.
Während Happy die Autoschlüssel entgegennahm und unser recht überschaubares Gepäck aus dem Quinjet in den Kofferraum wechselte, lümmelten Tony und ich uns bereits auf den scheinbar noch fabrikfrischen Rücksitz. Der Boden schien vage zu vibrieren, was ich weniger meinen Nerven und der Fremde meiner Umgebung und mehr einem neueintreffenden Jet zuschrieb, der soeben seinen Platz auf dem Hangar suchte. Ich rümpfte die Nase angesichts des intensiven Geruchs nach Neuwagen, der uns umgab, und griff mir einen bereitliegenden Snickers und eine kleine Flasche Wasser, was Tony nur belustigt die Mundwinkel heben ließ, ehe er bereits wieder sein StarkPhone aus der Jacke fischte und einen Blick darauf warf.
„Wir haben kurz nach zehn ?“, schnaufte ich ungläubig, kaum dass ich die Zeitanzeige auf seinem Display sah, und sackte noch tiefer in die Polster zurück. „Ich dachte, wir waren bloß zweieinhalb Stunden unterwegs …“
„Berlin ist uns sechs Stunden voraus. Keine Sorge, ich habe dich nicht um ein Uhr nachts aus dem Bett geholt, weil ich den Sonnenaufgang über dem Alexanderplatz bestaunen wollte, sondern weil ich um eins im JCTC sein muss, bevor Ross ein zweites Harlem in Bukarest provoziert.“
Ich grunzte, als ich unsere Welt widerstrebend als den kontinuierlich rotierenden Erdball anerkannte, auf dem ich neuerdings spontan hin und her katapultiert wurde.
Tony sammelte meine angefangene Wasserflasche aus meiner Hand, ehe ich sie noch umständlich mit meinem abgebissenen Snickers zwischen den Fingern wieder verschließen konnte und trank ihren verbliebenen Inhalt in einem Zug aus.
Wir fuhren los und verließen den Flughafen.
Schweigend kauend richtete ich mich wieder ein wenig auf.
Ich war müde, aber nicht so sehr, dass ich mir meinen ersten Blick auf Deutschland entgehen lassen wollte. Eine Weile stierte ich hinaus, während Happy uns auf den deutschen Highway – nein, richtig, die Autobahn – mit all ihren seicht andersartigen Orts- und Verkehrsschildern und blinkenden Tafeln brachte und FRIDAYs friedlicher Navigation folgte, während Tony ein wenig tippte, hin und wieder seicht freudlos schniefte oder undefinierbar angestrengt in die Ferne stierte, ehe er seine Finger schon wieder über sein Display flitzen ließ.
„Kommen wir am Brandenburger Tor vorbei?“, erkundigte ich mich bei Happy.
Er sah über die Schulter zu mir zurück. „Tut mir leid, Kind, liegt nicht auf der Route.“
Leise enttäuscht sah ich wieder hinaus auf die weiten Felder und Lärmschutzwälle, die nichtssagend an uns vorbeizogen, während wir auf Berlin zuhielten.
„Wir schaffen es sicher die kommenden Tage mal dorthin“, setzte er schon nach. „Liegt gar nicht weit von uns entfernt.“ Er sah beiläufig in den Rückspiegel, wie auf der Suche nach kurzer Bestätigung, doch es blieb von Tony vollkommen unerwidert.
Er schien grübelnd tief in Gedanken versunken, sehr viel mehr als ich es angesichts etwaiger unerfreulicher Entwicklungen ohnehin bereits von ihm gewohnt war. Zwar hatte er auf unserem kurzen Flug ein wenig Ruhe gefunden, doch ähnlich wie mir war es ihm nicht wirklich gelungen zu schlafen und anders als mir winkte ihm nun kein Fünfsterne-Hotelbett, in dem er dies in Kürze nachholen konnte.
Er war bald vierundzwanzig Stunden auf den Beinen, ohne Aussicht auf Unterbrechung.
Und Steve und Sam arbeiten gegen ihn.
Das zumindest reimte ich mir inzwischen mehr oder weniger aus dem zusammen, was ich in den letzten Stunden in Bezug auf ihr Verschwinden und ihrer aller laufenden, internationalen Suche nach James Barnes aufgeschnappt hatte.
Stumm beobachtete ich Tony, ehe ich mich wieder meinem Fenster zuwandte.
Gut eine Viertelstunde später erreichten wir die Innenstadt. Ein ungemütlicher Nieselregen setzte nahezu zeitgleich ein und zwang die Scheibenwischer in erste behäbige Aktion. Auf den Gehwegen zogen Menschen dahin. Den Blick zu Boden gewandt, kämpften manche von ihnen mit ihrem Regenschirm oder ersparten sich den Aufwand und eilten stattdessen voran. Beigegelbe Taxen säumten die Straßen. Betriebsamer, wenn auch nicht allzu dichter Vormittagsverkehr umgab uns und zwang uns wiederholt in einen kurzen Halt vor einer roten Ampel oder jählings vorbeilaufender Passanten.
Nichts, das ich nicht bereits aus New York in deutlich trubelvollerem Format gewohnt war.
Ich ließ meinen Blick schweifen.
Betonbrücken, grüne Parkanlagen, gelbe und rote Baumwipfel, schmutzig helle Gebäude, Straßengraffitis, ab und an ein größeres, detaillierteres Werk, das an breiten Hauswänden prangte und ganz eindeutig mehr der Straßen kunst zuzuordnen war …
Eine Weile machte ich mir einen Spaß daraus diese besonderen Wandbilder ausfindig zu machen wie Diamanten unter Strass, dann fiel mein Blick auf eines der versammelten Silhouetten der Avengers, überzogen von einem ungenierten, weißen Schmier-Tag.
Killers.
Urplötzlich sprangen meine Gedanken zu Jeremy Lax, der mit Raffy Hannahs Stimme vorgegeben hatte für ein Street-Art-Projekt in New York zu sein, während er mich die nächtlichen Straßen der Upper East Side hinabgelockt hatte. Unvermittelt wandte ich meinen Blick wieder ab und sah zu Tony.
Er lächelte mild, als er meinen lau unruhigen Blick auffing. „Fast da, Pokerface.“
„Hm.“ Ich schielte auf sein StarkPhone. „Du bist nicht mehr sauer, oder?“, fragte ich still.
Er sah auf.
„Wegen Samstag?“, spezifizierte ich gesenkt, auch wenn es vermutlich vergebliche Mühe war, da Happy direkt vor uns saß und die Stille im Wagen überwog. „Wegen … Kens Party … und --- eben dieser ganzen Sache. Dass ich einfach hin wollte.“
Verblüfft hob Tony beide Brauen. Er steckte das StarkPhone fort. „ Nope . Wieso?“
Ich zögerte. „Einfach so.“
Er musterte mich kurz, dann entschied er sich für auflockernde Trockenheit: „Heckst du bereits das nächste Ding aus?“
Ich schnaufte, wenn auch mehr widerwillig amüsiert. „Nein ...“
„Falls doch, gib mir noch ein paar Tage, ja? Ich habe noch nicht entschieden, wie die nächste Eskalationsstufe zwischen uns aussehen soll.“
„Hausarrest bis Thanksgiving?“, schlug ich vor, obwohl etwas in meiner Bauchhöhle angesichts seiner Worte unweigerlich flimmerte.
Belustigt entließ er die Luft. „Halte ich nicht durch. Entgegen geläufiger Meinung bin ich nicht immun gegen anhaltendes Elend.“
Wir sahen uns an. Er lächelte.
Ich erwiderte es, einfach, weil es ansteckend blieb.
Die Gebäude um uns herum wurden zunehmend höher, mondäner und stattlicher. Verzierte Altbauten wechselten sich mit glänzenden Glasfassaden ab.
Schließlich näherten wir uns zwei auffälligen Hochhäusern. Der gläsernen Überdachung der nahen U-Bahnstation nach zu urteilen, schien es sich um den Potsdamer Platz zu handeln. Schon wenige Sekunden darauf hielten wir vor einem hellen Gebäude, vor dem mehrere Masten mit gehissten Fahnen standen. Die rechte Hälfte des Gebäudes ragte mehr als ein Dutzend Stockwerke empor.
Der elegante Schriftzug über dem gläsernen Vordach wies es als das Ritz-Carlton aus.
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Unsere vermeintliche Hotelsuite entpuppte sich als ganzes Penthouse.
An den üppigen Wohnbereich mit Bibliothekwand und Entertainmentausstattung grenzte ein Esszimmer mit langer Tafel, sowie eine vollausgestattete Küche mit integrierter Bar, zwei Schlafzimmer mit Kingsize-Bett mit jeweils angrenzenden Marmorbädern, sowie ein weites Büro, nebst zu einem eigenen kleinen Fitnessraum.
Schutzglasfenster, die schon der US-amerikanische Präsident und der kürzlich verstorbene König von Wakanda zu Augen bekommen hatten, wie Happy mir versicherte, boten einen Rundumblick über Berlin, vom geschäftigen Potsdamer Platz vor unserer Tür bis hin zu ferneren Stadtteilen, die ich bislang nicht genauer zu benennen vermochte.
Davon abgesehen: minimalistische Kronleuchter, abstrakte Gemälde, kleine, wenn auch massive Steinskulpturen … Zwei Kamine.
Obwohl ich mir sicher gewesen war, dass mich bei Tony eigentlich nichts mehr in punkto ganz selbstverständlich erworbener Extravaganzen überraschte, tat es das doch.
Probeweise öffnete ich im Vorbeigehen den Kühlschrank. Er war komplett gefüllt und wirklich alles darin schien verschwenderisch frisch. Ich griff mir eine Schokomilch und schlenderte zur Kücheninsel weiter. Neben der Empfehlung, dass wir uns bei Bedarf jederzeit einen der hauseigenen Köche für die private Bewirtung heraufrufen konnten, entdeckte ich auch eine komplette Serviceliste integrierter Dienstleistungen, die mich ein wenig fassungslos die Brauen heben ließ, ehe ich kurzerhand ein Foto davon knipste und an Daphne weiterleitete, die im Moment vermutlich noch immer selig schlummerte. An der Ostküste war noch nicht einmal die Sonne aufgegangen.
Zumindest würde ich die kommenden Tage in keinem beengten Hotelzimmer eingehen, befand ich, als ich unentschlossen in den Wohnbereich zurückkehrte, in dem Tony noch immer recht unwillig telefonierte.
Während sich vor meinem kurzen Rundgang noch ganz eindeutig Rhodey am anderen Ende der Leitung befunden und ihn mit einem knappen Update aus einem anderen Teil Deutschlands – oder vielleicht gar Europas – versorgt hatte, schien sich sein Gesprächspartner inzwischen geändert zu haben.
Tony runzelte die Stirn, klopfte abwesend eine Tablette aus einer orangen Plastikdose, betrachtete sie eine Sekunde, warf sie widerwillig ein und lauschte noch eine Sekunde länger. „Ganz sicher nicht.“
Stille.
„Der Unterschied liegt darin, dass mein Netzwerk steht , bevor er das komplette Team auseinandernimmt.“ Er lauschte, sann zugleich eine ungeduldige Sekunde nach und stierte ziellos über die nahe Couch. „Klingt nach unterirdischen Erfolgsaussichten.“ Er schritt ein wenig weiter und hielt wieder inne. „Sehen Sie, jetzt befinden Sie sich genau da, wo ich seit einer geschlagenen Stunde hänge-“ Er atmete aus, als er scheinbar wiederholt unterbrochen wurde, ehe seine Miene wieder ernüchterte. Sein Verstand arbeitete, ich sah es genau. „Im Anzug erstmal nicht weiter bedenklich“, versicherte er. „Soll er es ruhig versuchen. Diese Legierung hält ganz anderen Kalibern stand. --- Nein, das übernimmt Colonel Rhodes.“
Draußen regnete es inzwischen fest und kontinuierlich. Ich trat dichter an das nächste Fenster und ließ einmal mehr meinen Blick über die deutsche Hauptstadt schweifen. Eine nahe zeltdachartige Kuppel fiel mir ins Auge. FRIDAY identifizierte sie für mich als das Sony Center, das anscheinend abendlich in bunter Beleuchtung erstrahlte.
„Wenn ich wüsste, wo die beiden gerade stecken, würde ich jetzt nicht im Ritz-Carlton stehen.“ Mit angespannt beherrschtem Lächeln hielt Tony knapp die Luft an. Sein Gesprächspartner schien unaufhörlich weiterzusprechen. Er schloss die Augen. „Etwa eine Dreiviertelstunde. Nehmen Sie mich bloß nicht beim Wort.“ Er legte auf.
Für eine Sekunde starrte er bloß vor sich hin, dann wandte er sich mir bereits mit seichter Fersendrehung zu und ließ den Kopf zurücksacken. „Wolltest du dich nicht in die Federn verkrümeln?“
„Ja, hm ...“ Ich stierte in die Richtung, aus der ich gekommen war. „Ich schätze, ich schlafe … bei dir?“
Tony blinzelte.
„Weil …“, erklärte ich mich schlapp, als bemühe ich mich in höherer Mathematik, „es sind zwei Schlafzimmer, nicht drei, und Happy …“
Er zuckte die Achseln. „Er hat ein eigenes Zimmer. Er quartiert sich gerade ein. Sobald ich ihn wieder ablöse, macht er Feierabend und lässt uns in Ruhe.“
Tony winkte mich bereits auffordernd mit sich und so folgte ich ihm. Tatsächlich fand ich mein Gepäck in dem geringfügig kleineren Schlafzimmer der beiden wieder.
Ein helles, üppiges Bett stand nebst zu gerahmten Spiegeln hinter einer champagnerfarbenen Lederpolsterbank. Kristallgoldene Bettlampen veredelten den Anblick.
Es fiel mir nicht schwer, mir vorzustellen, wie heißbegehrte Models wie Patsy Walker, Gigi Hadid oder Millie Collins hier regelmäßig ihren allumsorgten Zwischenstopp zwischen etwaigen europäischen Fashion Weeks einlegten.
Tony zog die Vorhänge zu, um das mittägliche Tageslicht abzublenden, während ich meine ungeöffnete Schokomilch auf den nächsten Tisch abstellte, auf die Polsterbank sackte und mir umständlich die Sneakers abstreifte. Ich stierte auf den cremefarbenen, gemusterten Teppich zu meinen Füßen.
„Schlaf nicht zu lange“, empfahl er, während er schon wieder an mir vorbeispazierte, „sonst bleibst du die ganze Nacht wach. FRI soll dich spätestens in vier Stunden wecken, ähnlich wie bei unserem Zwischenstopp in Tokyo. Ich weiß, klingt ätzend, aber so bist du später immer noch müde genug, um wirklich zu schlafen … Es gibt drüben eine X-Box. Vergnüg dich.“
„Okay …“
„Im Bad sollte alles vorhanden sein, was du brauchst. Falls nicht, gib dem Service Bescheid. Sie kümmern sich. Und, richtig --- iss etwas Vernünftiges, wenn du wieder aufgestanden bist.“ Er schnippte beiläufig zu meiner Schokomilch, als er bereits zur Tür schritt. „Der Heißhunger kommt vom Schlafmangel.“
Ich nickte. „Wann bist du wieder hier?“, erkundigte ich mich still.
„Ich habe keinen blassen Schimmer.“
Meine reglose Miene ließ ihn innehalten. Zuvor schon halb im Gehen begriffen, kehrte er langsam schlendernd zurück und fasste mich sorgfältig ins Auge. „Was ist los?“
Ich antwortete nicht.
Prompt ließ er sich neben mir auf der Polsterbank nieder, ohne mich aus seinem anfragenden Blick zu entlassen.
„Du musst los …“, erinnerte ich ihn.
„Stimmt“, bestätigte er. „ Nach dieser Sache.“
Ich öffnete den Mund.
„Nicht“, unterbrach Tony sofort, als durchschaue er meinen Gedanken.
„Aber es ist wirklich nichts-“
Mahnend knuffte er mich in die Seite. „ Hey , wir haben eine Abmachung.“
Ich wehrte seine Hand ab. „Immer noch?“
„Ja, Vereinbarung ohne Ablaufdatum. Ich möchte diesen Unsinn nicht hören, nicht einmal an meinem Sterbebett, verstanden?“ Er hob die Brauen. „Im Ernst, wenn dieser Satz fällt, ruinierst du den Augenblick.“
Ich starrte ihn an. „Das ist echt nicht lustig …“
„Absolut nicht. Es wäre grauenhaft.“
Da sein Blick mich unverändert rege zu durchdringen versuchte, als spaße er nicht gleichzeitig völlig trocken über sein eigenes Ableben, wich ich seiner Musterung wieder aus und schob meine Sneaker mit einem Fuß weiter beiseite.
Ich bemühte mich um eine nichtssagende Miene.
Unvermittelt erhob er sich wieder, fasste nach meinem linken Handgelenk und sank geradewegs vor mir herab, sodass ich ihn ansehen musste .
„Gut, ich will das hier nicht unnötig in die Länge ziehen“, begann er ruhig und drückte meinen Handrücken. „Ich weiß, das alles hat sich in den letzten Stunden ein wenig überschlagen und sieht von außen betrachtet ziemlich chaotisch aus. Du machst dir Gedanken, hm? Lass mich blind raten: Nat und der Anschlag. Es war so viel los, wir haben gar nicht mehr darüber gesprochen --- jetzt sind wir in Berlin … Hat dich erwischt, was? Die Sache in Wien?“
Wie auf der Suche nach einem Eingeständnis musterte er kurz schweigend meine Miene und als er es unweigerlich fand, hoben sich auch schon seltsam bestätigt seine Mundwinkel.
„Und die Sache mit Steve und Sam?“, fuhr er schon fort. „Klar, gibt vor niemandem ein gutes Bild ab … Nein, nein – bin noch nicht fertig“, unterbrach er mich, als ich widerwillig erklärend den Mund öffnete. „Womit wir beim nächsten Punkt sind: Unsere Suche nach dem Terminator-Verschnitt.“ Er kniff sachte die Augen zusammen. „Gefällt dir nicht bei halber Mannstärke. Macht dir Angst, hm? Hey, okay, hey , Sol …“ Er strich mir eine winzig glitzernde, übermüdete Träne aus dem Augenwinkel. „Das ist genau unser Kaliber. Überhaupt kein Vergleich zu den Chitauri oder Ultron. Rhodey beherrscht diesen Job, er hat sich immerhin für unsere Riege qualifiziert, nicht wahr? Und ich weiß in der Regel auch, was ich tue. Was ich nicht weiß, mach ich durch geniales Timing und Charme wett.“
Ich nickte rasch, wie um klarzustellen, dass ich das gar nicht in Frage stellte.
„Noch etwas?“
Still überfordert hob ich bloß die Achseln.
Er atmete aus. „War ein straffes Programm die vergangenen Wochen, hm?“
Ich schluckte anscheinend viel zu geständig, um ihn auch nur ansatzweise von irgendeiner Art Widerspruch meinerseits zu überzeugen, denn sein Blick blieb nachdenklich an meiner gespannten Stirn hängen, als er mich weiterhin sorgfältig musternd in Augenschein nahm.
„Was geschieht, wenn sie das Abkommen am Ende doch nicht unterschreiben?“, murmelte ich. „Steve und die Anderen?“
Tony legte den Kopf zurück. „Okay, worüber genau hast du mit Wanda bei eurer kleinen Pool-Party gesprochen?“
Ich sah beiseite. „Nichts genaues. Alles Mögliche …“
„ Hm . Ist klar.“
Er schwieg ein paar erwartungsvolle Augenblicke, aber ich setzte nicht weiter an, zu besorgt, er könne tiefer zu graben beginnen.
Tony nickte.
„Spielt keine Rolle“, antwortete er jäh. „Wir bringen diese Angelegenheit unter Dach und Fach. Deshalb bin ich hier. Wenn das erledigt ist, beruhigt sich alles wieder.“ Er setzte eine kurze, betonte Pause, die mich eindeutig zu überzeugen versuchte. „Mir ist gleich, wieso Sam und Steve miteinander durchgebrannt sind. Ob sie Barnes für ein missverstandenes Schmusekätzchen halten oder den wiedergeborenen Elvis. Wenn Barnes erstmal in einer Zelle festsitzt und sie beide wieder aufkreuzen, können wir über all das lang und breit diskutieren. Das lässt sich klären.“
Ich betrachtete ihn. „Ja?“
Er nickte und winkte knapp ab. „Aber die Unterschriften sind unverhandelbar. Die Situation für das Team hat sich verändert. Das ist weder neu, noch ist es schlecht, Sol. Als sich herausstellte, dass wir Shield nicht länger vertrauen können, weil Hydra den Laden schmeißt, mussten wir uns ebenfalls neu aufstellen. Und das haben wir getan. Diesmal ist es nicht anders. Ich unterstütze das Abkommen nicht nur, weil es hierbei um Verantwortung geht. Oder um Ethik. Nicht einmal bloß, weil es der einzige Weg ist, wie die Avengers und Iron Man überleben. Sondern ich tue es auch für uns beide, okay?“
„Uns beide?“
„Das hier sorgt für Klarheit, Sola, für Stabilität.“ Er schien überzeugt. „Es legitimiert, was wir tun . Es beendet die große Debatte, ob wir sein dürfen , wer wir sind, und schützt uns gleichzeitig vor uns selbst. Und wenn das bedeutet, dass ich Captain Iglu ein wenig gegen das Schienbein treten muss, damit er von seinem verklärten Ross steigt, dann sei es drum.“
Er drückte meine Schulter, hielt sie einen Moment, bis ich sacht nickte, griff sich dann beiläufig meine chaotisch abgeworfenen Sneaker und erhob sich zurück auf die Beine.
Er stellte meine Schuhe in das vorgesehene Schrankfach. „Happy ist nebenan“, sagte er. „Falls du jemandem dein Leid klagen willst, sobald dich FRI wieder aus dem Schlaf reißt.“
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Stöhnend drückte ich mir ein seidenes Zierkissen ins Gesicht.
Es brauchte zwei erschlagene, lange Minuten, ehe ich nach meinem StarkPhone zu tasten begann, das sich irgendwo zwischen all dem üppigen Bettzeug vergraben hielt, um FRIs lästigen Weckruf zu beenden. Der Blick auf das transparente Display verriet mir, dass es inzwischen kurz nach drei Uhr nachmittags war. Was wiederum neun Uhr morgens in New York bedeutete, wie ich nach zähem geistigem Überschlagen resümierte.
Daphne saß sicher längst im Unterricht, denn anders als New York frönte New Hampshire keinem schulfreien Feiertag, aber auch MJ schien bereits wach und hatte inzwischen auf meine gestrige Nachricht reagiert. Wenn sie immer noch glaubte, dass Hausarrest bis Halloween mehr nach einem Ammenmärchen klang, um einen eigentlichen Korb zu verschleiern, überspielte sie es weitestgehend unbewegt:
14:32 Uhr MyJam: Kein Ding. Sehen uns morgen.
Ich stierte auf die wenigen Worte, die mich zwar ein wenig erleichterten, zugleich aber auch weiter ernüchterten, dann grummelte ich wiederholt in die Kissen und tippte.
15:17 Uhr Ich: Bin morgen nicht in der Schule. Wir mussten letzte Nacht nach Berlin. Hat mit Wien zu tun. kA, wie lange wir bleiben …
Ich wünschte ihr noch viel Glück bei Mathe, dann gab ich es auf, MJ zu bezirzen.
Elijah hatte ich bereits auf unserem nächtlichen Flug geschrieben, trotzdem sandte ich auch ihm noch eine schnelle Nachricht hinterher, dann hievte ich mich aus dem Bett, zerrte meine Vorhänge wieder halbherzig beiseite und schlurfte in charakterlosem Nachmittagslicht in die Küche.
Der morgendliche Regen hatte sich verzogen. Zwar hing immer noch eine dichte Wolkendecke über Berlin, aber inzwischen glomm sie grell genug, um fast ein wenig zu blenden, wenn man zu lange hinaufsah.
Eine Weile wühlte ich mich ziellos durch den fremden Kühlschrank und probierte mich durch verschiedene Snacks, die Tony vermutlich gerade noch als vernünftig durchgehen lassen würde, dann sah ich mich nach Happy um, fand ihn selig schnarchend in einem Sessel im Wohnzimmer und beschloss ihm ein paar letzte Minuten der Schonfrist zu geben, ehe ich die X-Box hochfuhr und diesen Raum für mich okkupierte.
Während ich gelangweilt das große Bücherregal überflog, knabberte ich an ein paar Bio-Naturchips, die von Möhren über Pastinaken, Taro, Maniok und Süßkartoffeln in der Tat (wie auf der Verpackung beschworen) alles abzudecken schienen, abgesehen von einem wirklich überzeugenden Geschmack. Als ich irgendwann einen Chip aus roter Beete erwischte, stellte ich die Tüte endgültig verprellt wieder ab und ließ auch die Sammlung Hochglanzbildbände verschiedener Motorvehikel links liegen, die Tony und Steve zweifellos einen ganzen sterbenslangweiligen Nachmittag in wohlwollendes Entzücken versetzt hätten.
Ich schlenderte umher, inspizierte unsere Lichtschalter, die allesamt über verschiedene, raumspezifische Modi verfügten, und machte mir gut zehn Minuten einen kleinen Spaß daraus, überall die aberwitzigste Variante einzustellen, die zwar im hellen Tageslicht kaum zu erkennen war, aber im Laufe des späten Nachmittags ganz sicher für Unterhaltung sorgen würde und sei es bloß die, Happy dabei zuzusehen, wie er in jedem einzelnen Raum wieder eine vernünftige Beleuchtung einzurichten versuchte und die absurde Voreinstellung des gesamten Apartments monierte.
Während die Bäder den Dancefloor erhielten, versetzte ich das Esszimmer ins Candlelight Rouge und die Küche in den höchst illustren Zustand einer Chefs Kitchen , was meines Erachtens von einer klassischen Flutlichtanlage im MetLife Stadion nicht wirklich zu unterscheiden war. Tony hinterließ ich das betörende Aquarium . Dann aktivierte ich in allen Räumen den Bewegungssensor, damit der Aha-Effekt auch wirklich nicht ausblieb, und wandte mich neuen Herausforderungen zu.
Kaum, dass ich entdeckte, dass sich die Regalwand im Esszimmer wie in einem Bond-Film per Knopfdruck ausfahren ließ, um den Zugang zu den privateren Zimmern abzuschneiden, spielte ich eine Weile damit herum und begutachtete die funktionalen Bauteile, bis ich auch diese überschaubare mechanische Spielerei für mich erschlossen hatte und desinteressiert wieder davon abließ.
Happy schlummerte nicht länger, saß aber immer noch im selben Sessel, als ich zurückkehrte.
„Gut geschlafen?“, fragte er.
Ich zuckte die Achseln. „Jupp.“
„Schon was gegessen?“
„Gerade eben.“
„Prima.“
Ich beäugte ihn.
„Ich habe vorhin mit Pepper gesprochen“, informierte er mich, während er sich widerstrebend aufrichtete und ein wenig streckte.
„Ja?“
„Soll dich fragen, ob du Hausaufgaben hast … Nach der ganzen Aufregung gestern glaubte sie nicht, dass du schon dazu gekommen bist. Nicht, dass es eilt, aber hier ist wenig zu tun. Sie dachte, es beschäftigt dich vielleicht ein wenig, bringt dich auf andere Gedanken …“ Meine Miene verdunkelte sich. „Hey, ich habe ihr versprochen, es anzusprechen“, rechtfertigte er sich. „Hab’s bloß weitergegeben. Ist keine Anordnung.“
„Sie sagte, ich soll Hausaufgaben machen?“ Wenig begeistert hielt ich seinen Blick. „ Mehr nicht?“
„Ja, klang, als sei sie gerade zwischen mehreren Telefonaten gewesen, aber als sie erfahren hat, dass wir nachts aufgebrochen sind, wollte sie zumindest kurz bei uns reinhören.“ Er hob beschwichtigend eine Hand. „Du hast noch geschlafen. Wir wollten dich nicht wecken, also habe ich ihr versprochen, es auszurichten.“
Ich schürzte vage die Unterlippe und nickte knapp. „Okay …“
„Ist keine schlechte Idee, weißt du? Lenkt sicher von all dem hier ab.“
Unbeeindruckt sah ich zur X-Box. „Tony sagte, ich kann zocken.“
„Tja, wenn er das sagte …“ Happy rieb sich die Braue. Als er sichtlich unentschlossen stehen blieb, verschränkte ich die Arme.
„Machst du jetzt etwa FRIs Job?“
„Was?“ Sein Kopf fuhr brüsk wieder empor. „Nein. Ich mache meinen Job.“ Er wich meinem unverändert still ankreidenden Blick aus und schritt los. „Beachte mich nicht, okay? Ich halte Ausschau nach … Scharfschützen und ungebetenen Gästen. Du weißt schon … Nicht, dass da etwas zu erwarten ist. Gibt keinen Grund zur Sorge, ist alles … ganz prophylaktisch.“
Wenig überzeugt, dass er sich nicht gerade darin versuchte, meine Tages-Mum zu spielen, sah ich zu den Fenstern. „Ich dachte, das sei Sicherheitsglas?“
„ Ist es. Aber man weiß eben nie.“ Grummelnd runzelte er die Stirn. „Hab schon alles erlebt; wird nie langweilig mit deinem Dad …“ Als ertappe er sich jäh dabei, schon wieder genau das Falsche gesagt zu haben, sah er abrupt zu mir zurück. „Spiel einfach dein Spiel, ja?“, brummte er. „Ich habe hier alles bestens unter Kontrolle.“
Ich enthielt mich jeden weiteren Kommentars, als auch schon mein StarkPhone vibrierte.
Finster seufzend zog ich es heraus, fest davon überzeugt, dass sich FRI in diese Diskussion einzuschalten und Tonys vorherige Gedankenlosigkeit mit der geballten Macht des Caretaker Protokolls unverzüglich auszubügeln gedachte.
Doch es war Nat.
16:29 Uhr Hot Donut Delivery: Hab gehört, du fragst nach mir. Mach dir keinen Kopf. Mir geht’s gut. xoxo
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Letztlich stellte sich die Frage nach meiner idealen jetlag-geplagten Nachmittagsbeschäftigung gar nicht, denn als mir wieder die Augen zuzufallen begannen, hatte ich längst beides hinter mich gebracht – Hausaufgaben in Form halbherzig heruntergekritzelter Reaktionsgleichungen für Chemie und eine halbseitige Ausarbeitung über die Bedeutung der Farbenfabrik in Der unsichtbare Mann , als auch eine ausschweifende Session auf der X-Box, garniert von den ersten High Scores, die Cooper und Harley vermutlich nur mäßig beeindruckt hätten.
Happy indes erholte sich gerade von meinem hundsgemeinen Lichtanschlag in der Küche, als Tony mit Abendessen und sichtbar tiefen Augenringen in unser Hotelapartment zurückkehrte.
„Was ist das?“, fragte ich, als er die Tüten kommentarlos neben mir auf dem Couchtisch abstellte.
„Der Warteschlange nach zu urteilen, der letzte Schrei.“
Er empfahl uns zu essen und ließ Happy wissen, dass sie Barnes tatsächlich in Bukarest lokalisiert hatten und nun den Einsatz der GSG-9 für morgen früh vorbereiteten. Rhodey würde diesen direkt vor Ort begleiten.
Während ich noch verhalten recherchierte, wie weit Bukarest von Berlin entfernt lag und wer zum Teufel die GSG-9 waren, rieb er sich die Augen und blinzelte kräftig. Kaum, dass sein Blick zu mir zurückkehrte, griff ich mir die Tüten, richtete mich auf und schlurfte ins Esszimmer.
Ein paar Augenblicke später holte Tony mich eben dort ein. Beiläufig kurz kraulte er im Vorbeigehen meinen Nacken. „Alles okay?“
Die wohlduftenden, heißen Aluverpackungen sortierend nickte ich. „Jupp.“
Er wies auf das Essen. „Lasst etwas übrig, ja? Ich leg mich aufs Ohr.“
„Klar“, summte ich. „Gute Nacht.“
Zielsicher schnappte er sich eine hervorquellende goldene Pommes und schritt weiter in Richtung Schlafzimmer, wo er verschwand. Schon zwei Sekunden später trat er wieder auf den Flur zurück, deutete in den aquatisch blauschillernden Raum und sah demonstrativ zu mir herüber.
Ich hob die Achseln. „Feng-Shui?“
Tony verdrehte die Augen und machte wieder kehrt.
Matt gluckste ich. Dann fiel mir die discoreife Lichtershow im schwarzen Marmorbad wieder ein. Abrupt ließ ich die Essensverpackungen los und spurtete ihm nach.
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Die Beine über die Rückenlehne der Couch geschlagen, ließ ich den Controller leise schnaufend auf meinen Bauch zurücksinken und den Kopf zur Seite fallen, ehe ich das misslungene Rennen abbrach und weitestgehend lustlos auf die Suche nach einem etwas geschmeidiger zu lenkenden Fahrgestell ging, das es mir leichter machen würde, mich auch die kommenden Stunden ausreichend von dem Rallye-Videospiel vereinnahmen zu lassen, um nicht vor schierer Langeweile zu verenden.
Der frühe Morgen flutete unser Hotelapartment mit mildem Tageslicht. Tony sortierte sichtlich aufbruchsbereit das Sakko in seiner Hand, wie ich aus dem Augenwinkel registrierte, als er zu uns in den Wohnbereich trat und Happy auf dem Weg zurück ins Esszimmer abfing.
Sie wechselten gesenkte Worte, doch anders als noch während unseres allseits appetitlosen Frühstücks, das Tony pflichtschuldig schon kurz nach Sonnenaufgang hatte servieren lassen, um zumindest eine gute Viertelstunde Aufmerksamkeit für mich zu erübrigen, ehe er sich wiederholt für den restlichen Tag rarmachte, lauschte ich nun nicht länger nach jedem Fitzel Information.
Wenn alles gut ging, würde James Barnes in wenigen Stunden festgenommen und jeder weitere Anschlag damit verhindert sein, so viel hatte ich verstanden. Die Zeichen standen gut. Rhodey hatte zuversichtlich geklungen, wie ich seinem Anruf entnommen hatte, den Tony auf Lautsprecher mit ihm geführt hatte, während er noch die angemessene Stärke seines Kaffees ergründet und mir wortlos verschiedenstes deutsches Gebäck anzudrehen versucht hatte, welches uns in einem hübschen Korb serviert worden war und mich in seiner Mannigfaltigkeit absolut überfordert hatte.
Anders als am Vortag schlug mir zudem der Jetlag inzwischen auf den Magen. Ich hatte das Gefühl proppenvoll zu sein, obwohl ich immer mal wieder etwas kraftlos zu zittern begann, als friere ich trotz mollig warmer Raumtemperatur.
Auch deshalb hatte ich mich am Ende einfach mit ein paar Cerealien zufriedengegeben und Tonys beiläufige Beobachtung meines apathisch wandernden Löffels über mich ergehen lassen.
Wenn Barnes erst geschnappt war, würden auch Steve und Sam bald wieder aus der Versenkung auftauchen, das hatte Tony mir erst tags zuvor versichert. Alles würde sich klären. Der Aufruhr würde sich legen. Das Streitthema rund um das Sokovia-Abkommen würde schlussendlich irgendwie zu einem Abschluss kommen, denn --- ewig konnten sie nicht debattieren und Steve war ganz sicher nicht an der ernsthaften Auflösung der Avengers interessiert … Wir würden heimkehren, dann würde ich die Mathearbeit nachschreiben und …
In meinem Magen rumorten die Cornflakes.
Happy schien Tony soeben irgendetwas zugesichert zu haben, denn die beiden Männer trennten sich in Einigkeit, ehe Tony bereits um meine Couch herumtrat, mir damit die Sicht auf meinen brandneuen, schon bald zum Totalschaden verdammten Rallyewagen raubte und sich ganz ungefragt vor mir niederließ. Widerwillig ließ ich meine Beine von der Rückenlehne sacken, zog sie an und schob mich in eine aufrechtere Position hoch.
Dass ich mich bislang nicht einmal aus meinen Schlafsachen bequemt hatte, beließ er unkommentiert, obwohl sein Blick für einen Moment klar auf meinem zerknautschten Hosenbein voller sonnenbrillendekorierter Ananasfrüchte hängen blieb.
„Ich werde heute vermutlich länger unterwegs sein“, begann er ohne Umschweif.
Ich zögerte. „Bist du bei dem Einsatz in Bukarest dabei?“
„Nur aus dem Taktikraum. Falls wir ihn lebend gefasst bekommen, wird Barnes noch heute mit einem Sondertransport ins JCTC nach Berlin überstellt und anschließend weiter in eine spezialisierte Sicherungseinrichtung verbracht. Wir beaufsichtigen die Erstvernehmung und die Übergabe. Sobald das Raft-Gefängnis übernimmt, sind wir raus und kehren heim.“
Still entließ ich die Luft. „Okay …“
Tony griff in die Innenseite seines Sakkos, holte sein Portemonnaie hervor und zog eine seiner Kreditkarten heraus. Er reichte sie mir.
Ein wenig verdutzt ließ ich den Controller in meinen Schoß sinken und nahm sie entgegen.
„Du kannst es mit dem StarkPhone versuchen, aber ich vermute, dass der Stark Transfer hier nur stellenweise funktioniert.“ Er steckte sein Portemonnaie wieder fort. „Mit der sollte es überall gehen.“
Ich blinzelte. „Wozu brauche ich die?“
„Wozu du willst.“ Er strich seine seidenrote Krawatte zurecht. „Bevor du irgendwelche Immobilien erwirbst, gib bitte kurz Bescheid.“
Unverändert verwirrt hielt ich seinen Blick.
„Du hast heute Freigang.“ Mit einem vagen Schmunzeln erhob er sich. „Wir heben deinen Hausarrest für eine Weile auf, okay? Ich habe gerade mit Happy gesprochen, er begleitet dich in die Stadt, falls du dich umsehen willst. Fahrer und Wagen sind organisiert, damit ihr schneller vom Fleck kommt, sollte sich irgendwo zu große Aufmerksamkeit einstellen, aber ihr unternehmt ganz, wonach dir der Sinn steht. Sightseeing, Shopping, irgendetwas Wildes oder gleich alles auf einmal … Falls du nicht weißt, wo ihr starten sollt, FRI hat ein paar Ideen. Wird dir gefallen.“ Er nickte. „Passt das?“
Ein jähes Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus.
„Dachte ich mir.“ Still zufrieden wies Tony noch einmal auf seine Kreditkarte und wandte sich ab. „Die will ich später wiederhaben. Nicht spenden, nicht verwetten, nicht verschenken.“
Ich sah auf das schmale Stück Plastik mit seinem ausweisgültigen, hochgeprägten Namen zurück, als sei es urplötzlich heiß geworden.
„Ich versuch’s.“
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Kaum dass wir vor die Tür traten, war mein Jetlag vergessen.
Es war frisch, aber nicht kühl. Die Sonne schien und unter meiner Kunstlederjacke erwärmte es sich gerade genug, um ein Gefühl von Spätsommer zurückkehren zu lassen, kaum dass ich in unseren bereitstehenden Wagen einstieg, meinen schnell zusammengeschusterten Ausflugsplan aufrief und Happy mit unserer Tagesplanung vertraut machte.
Dass er nicht selbst am Lenkrad saß, war ungewohnt für uns beide, aber unser deutscher Fahrer Kai schien sich in der Stadt wirklich bestens auszukennen, denn den gesamten Vormittag standen wir nicht ein einziges Mal im stockenden Verkehr.
Und auch davon abgesehen verging er im Flug.
Nach einem kurzen, recht amüsanten Zwischenstopp am Checkpoint Charlie und einem kleineren Spaziergang an den kunterbunten Mauergemälden der East Side Gallery, verbrachte ich zu Happys stillem Leidwesen mehr als eine ganze Stunde im interaktiven Museum für Computerspiele.
Zu dem Zeitpunkt kitzelte es mich längst unfassbar in den Fingern, einige der coolen ersten Schnappschüsse des Tages auf Social Media zu teilen, auch wenn Erin mir tief eingebläut hatte, solche Posts am besten immer erst dann zu erstellen, wenn ich besagte öffentliche Orte längst verlassen hatte, um etwaigen medialen Aufruhr und grundlegende Sicherheitsrisiken zu minimieren. Etwas, das auch Happy und Pepper nicht müde wurden zu erwähnen und ohnehin dazu geführt hatte, dass sich der Großteil meiner nicht pressekoordinierten Social-Media-Aktivität seit unserer Aufräumaktion all meiner Accounts und Profile auf einen sehr privaten Zirkel beschränkte mit Ausnahme des einzigen offiziellen Accounts, den ich stets in klarer Absprache mit Erin pflegte und der inzwischen so viele Millionen Follower besaß, das mir der Blick auf die Abonnentenzahl immer noch ein wenig surreal erschien.
Also markierte ich bloß die Fotos, die ich womöglich die kommenden Tage dort zu veröffentlichen beabsichtigte, und bombardierte ansonsten Daphne, Elijah und die Malibu 5 mit spontaner Berichterstattung, obwohl sie allesamt noch tief und fest schliefen, ehe ich mich weiter durch verschiedene Jahrzehnte des Gameplays zockte.
Ich hätte vermutlich noch eine ganze Stunde länger in dem Museumskomplex verbringen können, doch als mich schließlich zwei Mädchen eines deutschen Schulausflugs erkannten und um ein gemeinsames Foto baten, sah ich den Zeitpunkt zum Weiterziehen gekommen. Ich posierte mit ihnen vor einem Pac-Man-Automaten und wechselte ein paar Worte, ehe ihre zwei strahlend begeisterten Gestalten wieder zu ihren restlichen Klassenkameraden aufschlossen und dort umgehend aufgeregt zu erzählen begannen. Sie winkten mir zu. So unauffällig wie möglich, verkrümelte ich mich aus ihrer Zone und überflog die restlichen Sektionen nur noch im Vorbeilaufen.
Ein paar ihrer Mitschüler blieben jedoch hartnäckig und holten schon bald wieder zu mir auf. Ihre sichtliche Begeisterung machte es mir schwer ihre Bitten abzuschlagen, also ließ ich mich auf weitere Fotos ein.
Am Ende posierte ich für dutzende, sogar eins mit ihrer gesamten Klasse.
Danach war an glückseliges Umherschlendern und Spielen nicht mehr zu denken, denn da schien längst das gesamte Gebäude von meiner Anwesenheit informiert, also verließen wir die Ausstellung und fuhren weiter zum Alexanderplatz, wo wir die bekannte Weltzeituhr mit ihren stählernen Ringen des Sonnensystems in Augenschein nahmen und schließlich eine gute Stunde auf dicht befüllten Straßen und Höfen voller Cafés, Boutiquen und Läden verbrachten, inmitten alter Gebäude mit faszinierenden Fassaden, die ich mit zwei neuen T-Shirts, ein paar Postkarten und einem festivaltauglichen Stoffrucksack, als auch ein paar hübschen Armbändern für Daphne wieder verließ. Dann holte mein Jetlag mich wieder ein und wir kehrten in eine traditionelle Gaststätte ein, die Happy schlussendlich auswählte, weil ich nur noch unfokussiert und zunehmend desinteressierter umherzuwandern begann.
Es war bereits kurz vor zwei Uhr nachmittags und mein Magen grollte.
Da wir auf den dicht bevölkerten Pflasterstraßen anders als im Museum weitestgehend unerkannt geblieben waren und ich schier bettelte, ließ Happy sich letztlich wider besseres Wissen darauf ein, uns tatsächlich an einem freien Tisch direkt am Fenster niederzulassen, anstatt in einem der rückwärtigen und damit weniger gut einsehbaren Bereiche, sodass ich die schlendernden Passanten und wuseligen Touristengruppen und den vorbeiziehenden Verkehr weiterhin beobachten konnte.
Die Gaststätte erinnerte an einen irischen Pub. Einfache Stühle und Tische, Holzverkleidung an den Wänden und eine ausladende Bar, an der deutsches Bier gezapft wurde …
Die in Englisch verfasste Speisekarte, die uns gereicht wurde, enthielt ein paar Tippfehler und schien zum Großteil aus verschiedenen deutschen Fleischgerichten und Kartoffelspeisen zu bestehen. Beim Anblick der servierten Teller am Nachbartisch lief mir dennoch das Wasser im Mund zusammen.
Als uns wenig später eiskalte Coke und knusprige Schnitzel serviert wurden, hatte ich den eigentlichen Grund unseres Aufenthalts in Berlin endgültig verdrängt.
Vermutlich zu besorgt, nach dem Essen womöglich von mir in weitere Spielarkaden verschleppt zu werden, begann Happy unternehmungsfreudig all die Must-Sees von Berlin aufzugreifen, die mir, abgesehen vom Brandenburger Tor, ganz sicher noch gefallen würden. Ich lauschte mit halbem Ohr und schmunzelte hin und wieder höflich mit vollem Mund, blieb aber zu platt um wirklich sinnvolle Konversation zu betreiben.
Daphne hatte inzwischen auf meine Bilder reagiert und ergänzte Happys Bucketliste um weitere Unternehmungen, Elijah hatte einen Großteil meiner Bilder mit Herz-Emojis versehen und Harley diskutierte mit Cooper längst leidenschaftlich über die realistischen Chancen des höchsten möglichen Scores bei Pac-Man und dem berühmtberüchtigten Kill Screen.
Tony schrieb nicht.
Dafür tat es Pepper, die Happys ruhige Hand lobte, mit der er mich in mildem Sonnenschein entlang der bunten Überreste der Berliner Mauer auf einem Foto eingefangen hatte.
Etwas in mir wünschte, sie wäre ebenfalls hier wie dereinst in Tokyo. Dass ich sie spätestens beim Abendessen wiedersehen würde, bei dem wir allesamt in amüsierte Debatten und aufgeregte Anekdoten verfielen, bis wir stillschweigend glücklich vor leeren Tellern saßen und Tony uns mit unangekündigter Abendgestaltung überraschte.
Ich vermisste das Gefühl, der unentwegt fordernden Welt gewachsen zu sein, das niemand so mühelos beiläufig ausstrahlte wie sie.
Das wurde mir auch noch einmal deutlicher bewusst, als die ersten Smartphones vor der Gaststätte gezückt wurden, um Fotos von mir einzufangen, und ich nichts weiter tun konnte, als meinen Blick weiter abschweifen zu lassen, sodass er letztlich an einem kleinen Blumenladen an einer nahen Straßenecke hängen blieb.
In den dunklen Eimern vor der Tür stand eine Auswahl roter Astern.
Schwere sank auf mich herab; ein so vertrautes und zugleich unabwendbares Gefühl, dass es meinen Kopf in summende Stille zwang.
Alles um mich herum verfremdete.
Ich war in Berlin, wisperte es. Mitten in Europa.
Und Mum würde nie davon erfahren.
Sie würde kein einziges der unzähligen Fotos sehen.
Selbst, wenn ich mir die Worte zurechtlegte, mit denen ich ihr von all dem hier berichten wollte --- selbst, wenn ich sie ganz ungehemmt aus meinen Gedanken steigen ließ, blieben sie doch für immer unerwidert. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung, was sie davon gehalten hätte, mich an einem normalen Schultag in einer fremden europäischen Stadt zu wissen, in der mich Menschen auf den Straßen aus dem Nichts erkannten und ganz ungefragt Fotos von mir schossen.
Darüber nachzudenken schien fast noch drückender als die Leere.
Und plötzlich war es wieder da. Dieses absurd grelle Gefühl vollkommen und mutterseelenallein zu sein.
Zurückgelassen.
Bloß nur noch ein Vagabund.
In einem gefluteten Straßengraben voller Blech und Schrott vergessen.
Dass mein Nachtisch aus hausgemachtem italienischem Walnusseis langsam in einer kleinen, trostlosen Lache zu verenden begann, bemerkte ich erst, als ich irgendwann mit fast taubem Herzen in meine Schale zurücksah.
Das Geräusch von sich nähenden Polizeisirenen erhob sich.
Ich wandte den Kopf, als die meisten Restaurantgäste fragend wie irritiert hinaus zu stieren begannen und auch die Passanten auf den Straßen in ihren Schritten stockten. Es war nichts zu sehen, in unserer Seitenstraße blieb es ruhig, aber das Geräusch wurde lauter und hielt sich beharrlich, als ziehe ganz nahebei eine ganze Kolonne von Einsatzwagen vorüber.
Als ich zu Happy sah, konsultierte er bereits sein StarkPhone. Ich war mir nicht sicher, ob er irgendetwas gesagt oder die vergangenen Minuten bloß vor sich hin brummend etwaige SI-Angelegenheiten geklärt hatte.
„Ist etwas geschehen?“, fragte ich.
„Nein.“ Er zögerte. „Anscheinend haben sie ihn.“
Ich legte meinen Eislöffel ab. Aus irgendeinem Grund zitterte ich. „Den Winter Soldier?“
„Ja, sie haben ihn in Bukarest erwischt.“
Eine seltsam weiche Erleichterung flutete meine Glieder.
„Er wird gerade ins JCTC gebracht. Tony schreibt, es ist bloß die Eskorte, die seine Überführung vom Landeplatz sicherstellt. Alles in Ordnung. Steve Rogers und Sam Wilson sind bei ihnen.“ Zufrieden sah er vom Display auf. „Sieht aus, als kämen wir tatsächlich noch vor dem Wochenende heim, was?“
-/_\-
Vor dem Brandenburger Tor war es mäßig bevölkert.
Menschen schlenderten vorüber, posierten und schossen Fotos mit dem Selfie-Stick, während der rege Verkehr im Rücken des weltbekannten Monuments und die Springbrunnen des Pariser Platzes alles mit ihrem weißen Rauschen untermalten.
Eine kleine Gruppe Aktivisten in unserer Nähe verteilte Flyer.
Sie drückten auch mir im Vorbeigehen ein grellgrünes Exemplar in die Hand. Da es nicht Englisch war, konnte ich es nicht lesen, aber die monströse Faust, die darauf abgebildet war und eine Bierdose mit einem radioaktiven Symbol zerquetschte, schien eindeutig die des Hulks.
Es ließ mich schmunzeln, bis ich mich entsann, dass dieser Mann Bruce Banner war; keineswegs länger eine Gestalt aus fernen Großstädten, so fabelartig, dass es mich kaum berührte, sondern ein großartiger Wissenschaftler und Freund, verschollen und vermisst, von dem jeder um mich herum stets mit so viel Zuneigung sprach, dass ich ihn kaum mit dem Hulk in Verbindung zu bringen vermochte, der Hochhäuser und Straßen aus reiner Freude an der Sache in Schutt und Asche legte.
Ich hatte Aufnahmen von Tonys Kampf mit dem Hulk im vergangenen Jahr in Johannesburg gesehen. Wenn ich an sie dachte, verstand ich Elijahs neueste Klassenkameradin Hana Dime, die Superhelden seitdem nicht das Geringste abzugewinnen schien.
Vor allem aber verstand etwas in mir ihre Furcht.
Obwohl die Sonne immer noch mild auf uns niederschien, lag inzwischen ein kalter Wind in der Luft, der meine Haare durcheinanderwarf, wann immer ich mich zu Happy umwandte und an einem Stück meiner jüngst erworbenen Bretzel knabberte.
Inzwischen taten meine Füße weh. Irgendetwas in mir war übersättigt von all den gewaltigen historischen wie alten Gebäuden und Monumenten, die mir im Verlaufe des Nachmittags vor Augen getreten waren, trotzdem blieb immer noch ein lau faszinierter Funke für Berlins weltbekanntes Wahrzeichen übrig, der es mich eine ganze Weile vollkommen gebannt begutachten ließ. Von seinen eiserngrünen Pferden bis zu seinen massiven Steinsäulen.
Ich ließ meine Bretzel in ihre Papiertüte zurückrutschen, drückte sie Happy in die Hand und bat ihn um ein weiteres Foto, als wir wiederholt von aufmerksamen Passanten und zwei beharrlichen Presseleuten eingeholt wurden, die sich zwischenzeitlich schon einmal an unsere Fersen geheftet hatten.
Dass ich in Berlin herumlief, anstatt daheim mit meinen Mitschülern im Unterricht zu sitzen und meine erste Mathearbeit des Schuljahres zu schreiben, schien bei Weitem kein Geheimnis mehr.
Die kleinen Trauben von Menschen, die sich inzwischen überall recht schnell bildeten und mich dann bald auch vereinnahmten, sagten mir, dass ich online trendete oder aber meine Sichtungen inzwischen ganz aktiv getrackt und geteilt wurden, um es anderen Stark-Fans noch einfacher zu machen, mich für ein Autogramm oder ein Foto zu erwischen.
Dabei erkundigte sich fast jeder auch nach Iron Man.
An die hundertmal verneinte ich die Frage danach, ob er auch hier war, während Köpfe und Hälse sich begierig wanden und Ausschau hielten, als verstecke Tony sich irgendwo unter ihnen.
Happy ließ den kleinen Trubel meist kurz gewähren, während ich mehr unbeholfen Autogramme schrieb und meinen Kopf hier und da freundlich kurz in eine Selfie-Kamera neigte, ehe er die Menschentraube wieder zerstreute und mich aus ihren strahlenden wie aufgeregten Fängen befreite, indem er allen dankte und geschäftig verkündete, dass wir nun wirklich weitermussten.
In der Regel erst zum Wagen und dann weiter zu einem anderen Sightseeing-Spot, der zumindest für die ersten unentdeckten Minuten wieder ein wenig Ruhe versprach.
„Es werden mehr“, sagte ich, als mein Blick auf eine sich nun erneut nähernde Gruppe quirliger Gleichaltriger fiel, die eindeutig nur mit dem Ziel am Brandenburger Tor erschienen war, mir weiter durch die Stadt zu folgen und auf Tonys baldigen Auftritt zu lauern, von dem sie felsenfest auszugehen schienen.
Happy gab ein zustimmendes Brummen von sich. „Du bist jetzt ein Idol, Kind.“
Skeptisch schnaufte ich. „Du meinst, sie wären alle gerne ich . Ja, aber bloß wegen Dad.“
„Kannst du es ihnen verdenken?“ Er schielte zu mir.
„Schätze nicht.“
Wir entfernten uns vom Tor, als unvermutet die Fontänen beider Springbrunnen in sich zusammenfielen. Das schwere Rauschen, das damit endete, ließ mich beiläufig herübersehen.
Einen Augenblick später quietschten ein paar Reifen. Irgendjemand begann zu hupen.
Und dann noch jemand.
Beim dritten Wagen wurde ich hellhörig. Anders als vorher schien es nicht vom Brandenburger Tor zu kommen, sondern weit vor uns zu liegen.
Weiteres Hupen und Rufe tönten hier und da auf, schienen schleichend mehr und mehr zu werden, bis es irgendwann aus sämtlichen Richtungen schallte, als würde die Stadt unvermutet von Verkehrssündern überrannt.
Aus dem Starbucks Café zu unserer Linken strömten Menschen. Sie schienen irritiert. Ein paar neue Gäste wurden noch an der Tür abgewiesen. Da sie Deutsch sprachen, verstand ich nicht, was sie sagten, als zwei von ihnen kurz darauf mit überrumpelten Gesichtern an uns vorbeiliefen.
Auch Happy ließ seinen Blick schweifen.
Ohne es ganz zu bemerken, hatten wir beide innegehalten.
Die Menschen auf dem Platz begannen miteinander zu sprechen. Etwas schien sich langsam unter den Anwesenden zu verbreiten. Seicht überraschte Mienen, kurzes Seufzen, Smartphones, die irritiert zurate gezogen wurden, hier und da ein Schulterzucken … Einige zögerten, wendeten auf dem Absatz und ließen sich auf eine nahe Bank nieder, wieder andere sahen auf die Uhr und dann weiter planlos um sich.
Happy fing den nächsten, scheinbar informierten Passanten ab und erkundigte sich, was vor sich ging. Er sprach Englisch.
„Der Strom ist ausgefallen“, erklärte er. „Sie schließen vorübergehend die Kasse.“
Nachdenklich sah Happy zum nahen, nun toten Springbrunnen weiter und bedankte sich knapp.
Der Mann schritt zielstrebig weiter.
Ein paar rothaarige Kinder liefen zu ihren Touristeneltern herüber und sprangen erwartungsbereit vor ihnen umher, während ihr Vater enttäuschend den Kopf schüttelte, in seinem Smartphone scrollte und anscheinend eine Tagesplanänderung vornahm, die die beiden Jungs umgehend losjammern ließ.
Happy sah immer noch schweigend konzentriert über den weiten Platz bis hinüber zum Brandenburger Tor, vor dem die hörbare Verkehrsunruhe anhielt. Anscheinend blieb die breite Kreuzung ohne Ampelsignale für die meisten ein zu großes Hindernis, um in einen vorsichtig fließenden Verkehr zurückzufinden.
„Was ist los?“, fragte ich Happy.
Seine Miene hielt mich weiter am Fleck.
„Ich weiß nicht, vielleicht gar nichts, aber …“ Lau beunruhigt ließ er seinen Blick schweifen, blieb einen Augenblick an der US-amerikanischen Botschaft hängen, sah dann wieder zu mir und zog nachdenklich sein StarkPhone hervor. „Wir sollten wohl besser ins Hotel zurück. Die Ampeln sind ebenfalls ausgefallen, vermutlich ist der ganze Stadtteil betroffen … Sie werden alles vorübergehend schließen. Macht keinen Sinn herumzurennen, wenn nichts mehr fährt oder irgendwo einlässt. Unser Fahrer müsste irgendwo in der Nähe warten. Ich rufe ihn.“
Ich beobachtete, wie er rasch tippte.
„Tut mir leid, Kind …“, bemerkte er leise, als er meinen Blick registrierte.
Ich nickte nur.
Da es sinnlos schien zu protestieren, folgte ich Happy weiter den Platz hinab, bis wir eine lange Prachtstraße erreichten. Tatsächlich waren sämtliche Ampeln schwarz und vor den Läden tummelten sich all die kürzlich hinauskomplimentierten Menschen.
Die vielen verwirrten Gespräche belebten die Luft.
Happy hingegen blieb schweigsam. Er stierte die umliegenden Gebäude auf und ab, dann wieder zurück in unseren Rücken, als sinne er insgeheim noch immer über eine Umkehr zur US-amerikanischen Botschaft nach. Gerade, als sich in seiner Miene abzeichnete, dass er es ernsthaft zu erwägen begann, näherte sich unser Wagen und unser Fahrer Kai hielt trotz jedes Halteverbots direkt neben uns am Bordstein. Im selben Augenblick donnerte ein tieffliegender Kampfhubschrauber über uns hinweg.
Happys Miene sank endgültig in rege Unruhe. Noch während er die Autotür aufzog, bedeutete er Kai sitzen zu bleiben, anstatt uns behilflich zu sein, dirigierte mich auf den Rücksitz und sah dem Hubschrauber unheilahnend nach.
Auch mir entging nicht, dass er in Richtung der deutschen Regierungsgebäude flog, vor deren Flussufer Happy mich erst eine gute halbe Stunde zuvor leichtherzig darauf hingewiesen hatte, dass sich hier auch das JCTC befand, in dem Tony schon seit dem frühen Morgen weilte.
Kaum, dass er die Wagentür hinter uns zuzog, warf er einen wachsamen Blick aus dem rückwärtigen Fenster. „Bringen Sie uns bitte auf direktem Weg zurück ins Ritz-Carlton“, wies er Kai an.
„Die Straßen sind wegen des Stromausfalls dicht, Sir“, antwortete er. „Es wird vermutlich etwas länger dauern.“
„Ja, schon klar.“ Unglücklich atmete Happy aus. „Fahren Sie einfach, ja?“
-/_\-
Wir kamen nicht wirklich voran.
Ein weiterer Hubschrauber überflog uns gut eine Viertelstunde später und ließ mit seinen Rotoren den Himmel für einen Augenblick so deutlich dröhnen, dass selbst die Unruhe auf der uns umgebenden Straße nicht mehr zu vernehmen war. Ich folgte seinem Weiterflug erneut mit wachsamem Blick, gerade als Happys StarkPhone aufzusummen begann und er so unverzüglich dranging, als habe er längst darauf gewartet.
„Ja, wir sind auf dem Weg“, begann er. „Wir befinden uns auf der Ebertstraße, aber hier rührt sich gerade nicht viel.“
Augenblicklich sah ich zu ihm.
Es war Tony. Er musste es sein.
Happys Miene verriet nicht, was vor sich ging, während er zwei geladene Minuten lediglich lauschte, auch wenn sein Gesichtsausdruck mir trotz allem bestätigte, was ich bereits böse im Gefühl hatte: Der Stromausfall war kein Zufall und noch weniger war es das militärische Aufgebot in der Luft.
Irgendetwas war vorgefallen.
„Nein, keine Spur“, antwortete er, kaum dass Tony ihn anscheinend wieder zu Wort kommen ließ. „Ich bringe sie direkt ins Apartment. --- Ja, gut. --- Nein, keine Sorge, verstanden. Sag ich ihr. --- Gib Bescheid.“
Er legte auf.
Ich war mir längst sicher, aber ich fragte trotzdem: „War das-“
„Tony, ja. Das Umspannwerk für diesen Bezirk wurde sabotiert. Der Stromausfall fällt weitflächig aus; es wird noch ein wenig dauern, bis alle Stadtgebiete wieder versorgt sein werden. Er will, dass wir ins Hotel zurückkehren und erstmal dort bleiben.“
Ich musterte ihn. „Und die Kampfhubschrauber?“
Er zögerte. „Sie fahnden nach … den Verantwortlichen.“
Auch wenn er sich bereits abwandte und Kai auf eine sich soeben bildende Lücke im Verkehr hinwies, entging mir nicht, wie sein Blick erneut gespannt aus dem Fenster und über die nahen Fußgängerzonen streifte.
Als ein Fußgänger in einen seichten Trab verfiel und es Happy nur noch aufmerksamer hinsehen ließ, wusste ich nahezu sicher, dass er mir nicht alles gesagt hatte.
Mein Magen begann zu kneten.
-/_\-
Wir kamen kaum schneller als im Schritttempo voran, doch als wir schließlich den Potsdamer Platz erreichten und vor dem separaten Eingang zu den hoteleigenen Apartments hielten, führte mich Happy im regelrechten Eilschritt mit all meinen neuerworbenen Habseligkeiten ins Gebäude.
Vor dem Eingang zur nahen U-Bahn tummelte sich eine kleine Ansammlung Menschen.
Auch am Empfang erwartete uns ein sichtlich aus seiner Komfortzone katapultierter Portier vor allseits abgeschalteten Monitoren.
„Entschuldigen Sie bitte, es gibt zurzeit im gesamten Stadtgebiet einen Stromausfall“, informierte er uns, als sei es irgendwie möglich von außen hereinzukommen, ohne dies auf die eine oder andere Weise bereits bemerkt zu haben. „Die Aufzüge sind leider außer Betrieb, bis die Probleme in den Versorgungswerken wieder behoben wurden. Aber Sie können vorerst gerne in der Lounge, im Café oder der hoteleigenen Lobby Platz nehmen. Aufgrund der Umstände werden derzeit ausschließlich kalte Speisen und Getränke angeboten. Die anfallende Verpflegung geht für unsere Gäste selbstverständlich aufs Haus.“
Happy schien wenig verlockt. „Haben wir Zugang in unser Apartment?“
„Das Notstromaggregat steht zu Verfügung, Sir, aber es versorgt lediglich die gebäudeeigenen Sicherheitssysteme, Kartenlesegeräte, die Heißwasserversorgung, den Hauptrechner und die Kühlräume in der Hauptküche. Sofern Sie umgehend in Ihr Apartment möchten, führt der Weg derzeit nur über das Treppenhaus.“
Happy nickte. „Kein Problem.“
Ich verzog das Gesicht.
Sofern ich mich richtig erinnerte, lag unser Apartment im zwölften Stock.
Obwohl es noch heller Nachmittag war, versorgte uns der Portier dienstbereit mit Taschenlampen. „Uns liegen noch keine Informationen vor, wann wir wieder mit der Stromversorgung rechnen dürfen“, erklärte er. „Unsere Empfehlung lautet, vorhandene Kamine als Licht- und Wärmequelle zu nutzen, sofern der Ausfall heute Abend noch nicht behoben sein sollte. Es befinden sich zudem auch reichlich Decken und Kerzen in Ihrem Apartment. Falls Ihr Mobiltelefon aufgeladen ist, können Sie den Hotelempfang auf der bekannten Rufnummer erreichen, sollten Sie noch weitere Fragen haben oder Unterstützung benötigen.“
Happy bedankte sich freundlich wie klar, als er mich auch schon ungeduldig in Richtung Treppenhaus manövrierte.
Ich gab mich absichtlich ahnungslos, als ich ihn mit insgeheim unverändert flimmerndem Magen fixierte, kaum dass die Tür hallend hinter uns zufiel und er einen beiläufigen Blick die über uns liegenden Etagen hinaufwarf. „Ich spüre meine Füße kaum noch“, brummte ich. „Können wir nicht in der Lounge warten?“
„Die Stromzufuhr könnte erst morgen früh wiederhergestellt sein.“
„Und wenn wir uns kurz ausruhen? Eine halbe Stunde oder so?“
Er sah mich nicht an. „Besser, wir gehen direkt hoch. Dann haben wir es hinter uns.“
„In einer halben Stunde könnte der Strom zurück sein. Es sind zwölf Etagen, Happy. Das ist echt viel. Wir waren den ganzen Tag auf den Beinen.“
„Tony möchte, dass wir direkt hochgehen, also gehen wir.“
„Wieso?“
„Na, weil er der Boss ist.“
„Nein, wieso will er, dass wir direkt hochgehen?“
„Sagte er nicht.“ Happy log . „Jetzt komm schon. Wir sind in fünf Minuten oben.“
„Was soll die ganze Aufregung?“, bohrte ich ungerührt weiter. „Bloß, weil es keinen Strom gibt, müssen wir doch nicht auf eine Limo verzichten, oder? Der Mann sagte, es geht aufs Haus. Dad wird es nicht einmal merken, selbst wenn er die Rechnung beim Auschecken prüft. Was er sowieso nie macht.“ Ich wies zurück in Richtung Tür. „Vielleicht haben sie sogar Schwarzwälder Kirschtorte?“
Happy grummelte bloß. Er lief weiter.
Abrupt blieb ich mitten auf den Stufen stehen und gab mein Theater auf. Mein Zwerchfell brannte längst. „Es ist wegen dem Winter Soldier, oder? Barnes? Irgendetwas ist im JCTC geschehen.“ Ich funkelte ihn an. „Was ist los ?“
Sichtlich ertappt hielt er inne.
Meine Stimme wurde schmal. „Ist Dad okay?“
Er schloss die Augen. „Ja doch.“
„Wieso hat er mich dann nicht angerufen, sondern bloß dich?“ Meine Kehle stach. „Er wollte gar nicht mit mir sprechen. Er wollte nicht, dass ich ihn höre , richtig?“ Ich krächzte. „Happy, ist er okay ?“
„Ja ...“ Seine Stirn zerklüftete. „Ich denke schon …“
„Du denkst ?“
„Er klang ein wenig angeschlagen. Außer Atem. Nicht schlimm – bloß … als hätte er ein wenig eingesteckt.“
Ich verstummte.
„Ja, okay … Es gab einen Kampf. Barnes ist auf der Flucht. Deshalb sollen wir zurück ins Apartment. Einfach, damit Tony sich wegen uns keinen Kopf zu machen braucht … Es geht ihm gut. Er hat vermutlich ein paar blaue Flecken und gestauchte Knöchel, aber er klang bestens.“ Jäh vorwurfsvoll hob er die Brauen. „Er wollte nicht, dass ich dir hiervon erzähle. Und jetzt habe ich es trotzdem. Wunderbar.“ Genervt stapfte er voran. „Los, komm jetzt die Treppe hoch. Wenn du hier unten weiter herumschmollen willst, ruf ihn an und erklär es ihm selbst.“
-/_\-
Als wir den zwölften Stock erreichten, waren wir beide fix und fertig und völlig außer Atem, aber eine sichtliche Anspannung wich von Happys Schultern, kaum, dass wir in unser Apartment traten und das anhaltende Verkehrschaos am Potsdamer Platz nur noch aus tauber Entfernung erblickten.
Meine eigene Anspannung blieb bestehen.
Tony erschien gut eine Dreiviertelstunde später. Als ich das dumpfe Piepen des Kartenlesegeräts und das Ruckeln der schweren Türklinke vernahm, erhob ich mich von der Designerliege, auf der ich unruhig verschnauft und die erste Berichterstattung zu Barnes’ Flucht nach Hinweisen durchforstet hatte, die mir sagten, was wahrhaftig vor sich ging.
Da FRIDAY mir all die Artikel in den deutschen Nachrichtenetzwerken übersetzte, war ich zumindest nicht auf die erst verzögert hereinplätschernden News auf CNN oder WHiH World angewiesen gewesen.
Steve und Sam galten als vermisst. Ihre Fahndungsfotos wurden inzwischen direkt neben dem beunruhigend emotionslosen Anblick von Barnes geführt. Aufnahmen eines abgestürzten und vollständig demolierten Hubschraubers, der derzeit unterhalb des Gebäudes des JCTC aus den seichten Fluten der Spree geborgen wurde, riefen in mir eine erste Vorstellung davon wach, was sich dort ereignet haben musste. Augenzeugen berichteten von getöteten und schwerverletzten Beamten und Zivilisten im Gebäude, einem Schusswechsel und dramatischen Kampf in der Cafeteria, wie auch davon, Steve Rogers mit dem Hubschrauberwrack in den Fluss stürzen gesehen zu haben.
Doch von ihm, als auch von James Barnes, fehlte jede Spur. Allein, dass auch Sam nach zuvor unzähligen Sichtungen vor dem evakuierten Hauptgebäude verschwunden zu sein schien, gab mir die Hoffnung, dass sie beide wohlauf waren und Barnes lediglich nachgesetzt waren, um seine Wiederfestnahme sicherzustellen.
Als Tony jedoch mit weitestgehend verschlossener Miene durch die Tür trat, ahnte bereits etwas in mir, dass die Situation sich sehr viel verfahrener gestaltete.
Nat war bei ihm.
Abgesehen von ein paar fast verblichenen Kratzern, die sicherlich noch aus Wien stammten, und einer seichten Rötung an ihrem Hals, schien sie ganz und gar unverletzt. Tony hingegen wirkte etwas zerwühlt, seine Krawatte fehlte, Blutflecken fanden sich auf seinem weißen Hemdskragen wieder und um sein rechtes Auge prangten blutige, unbehandelte Blessuren, die sich gerade dunkel zu verfärben begannen.
Mein Magen drehte sich seicht, von einem neuerlichen kleinen Schock eingeholt, der mir noch etwas deutlicher wachrief, dass es im JCTC auch Tote gegeben hatte, als ich auch schon zu ihnen herübertrat und Tony instinktiv in die Seite fiel. Er zuckte sachte und ließ das Sakko in seiner Hand auf die Couch fallen, ehe er knapp in meine Haare fasste und mich schon wieder einen Schritt von sich zurückschob.
„Vorsicht“, warnte Nat, ehe er sich selbst erklären konnte. „Er ist ein wenig reparaturbedürftig.“
Rasch ließ ich ihn los. „Bist du verletzt?“
Tony winkte ab. „Ein paar Prellungen.“ Seine Miene verriet mir, dass er sie geistig zählen konnte, jetzt da ich sie wieder zum Pochen gebracht hatte. „Kein Drama.“
Ich schluckte.
Mein Blick überflog seinen Torso, doch sein Hemd und seine Anzugsweste ließen keine Rückschlüsse darauf zu, wie sich seine Haut und Rippenbögen unter ihrem Material gestalteten.
„Ja, er wird leben“, sagte Nat. „Pass bitte trotzdem auf. Sein linker Arm ist vermutlich gezerrt. Ich wollte ihn vorhin bei einem Bekannten absetzen, damit er ihn wenigstens fixiert, aber dein Dad spielt lieber den unbeirrbaren Helden.“
„Besser ich spiele ihn weiter, als mich auf der anderen Seite zu versuchen“, befand er.
Nat atmete aus, aber in ihrer Miene verblieb barmherzige Geduld.
Als ich sie ebenfalls wortlos umarmte, immer noch heilfroh, dass ihr nichts zugestoßen war, zog ein Lächeln über ihr Gesicht. Da sie mich nicht beiseiteschob und mich stattdessen zärtlich kurz drückte, verblieb ich an sie gelehnt, als mein Blick zu Tony zurückkehrte, der sich abwesend den anscheinend schmerzenden Nacken massierte.
„Du hast ihr also doch von allem erzählt“, befand er kurzerhand schnippisch an Happy gewandt.
„Ist nicht meine Schuld.“ Happy brummte. „Ich hab’s versucht, aber sie ist genauso eine Nervensäge wie du und sie hat Augen im Kopf. Seit einer Stunde kreisen so viele Hubschrauber am Himmel, als sei es Teil einer Militärparade. Versuch das mal mit Vandalismus zu erklären.“
„Was ist passiert?“, fragte ich still.
„Jemand hat die Stromversorgung der Stadt mit einem EMP-Sprengsatz lahmgelegt, um Bucky aus dem JCTC zu verhelfen“, antwortete Nat.
Sacht verwirrt sah ich zu ihr auf. „Bucky?“
„Barnes“, klärte Tony auf. „Können wir die Kosenamen auf unsere Seite beschränken?“
„Das ist jetzt das zweite Mal, dass du von Seiten sprichst.“ Tadelnd suchte Nat seinen Blick. „Steve und Sam haben uns nicht verlassen, Tony. Sie versuchen … “ Sie brach ab, als ihr nicht die rechten Worte einzufallen schienen.
Tony hob beide Brauen.
Ich löste mich von Nat, meine Unruhe begann wieder zu sprudeln. „Also stimmt es, sie sind verschwunden? Ihr wisst nicht, wo sie sind?“
Niemand reagierte auf meine stockende Erkundigung.
„Wäre es dir lieber gewesen, sie hätten Bucky einfach ziehen lassen?“, gab Nat schließlich zurück, als Tony sie unverwandt erwartungsvoll fixierte.
„Was ist geschehen?“, wiederholte ich. „Im JCTC? Nach dem Stromausfall?“ Mein Blick kehrte zu Tonys Blutergüssen zurück und mein Herz schlug etwas schneller. „In den Nachrichten steht etwas von einem Kampf in einer Cafeteria und Schüssen …“ Schwere Befürchtung breitete sich in mir aus. „ Wer hat gekämpft?“
„Barnes ist ausgebrochen“, erklärte Tony endlich. „Er hat sich seinen Weg aus dem Gebäude gebahnt. Wir haben versucht ihn aufzuhalten, aber er hat es aufs Dach geschafft. Von dort ist er entkommen.“
Ich entsann mich des abgestürzten Hubschraubers, der soeben aus dem Fluss geborgen wurde. Dann sprangen meine Gedanken zurück. „Du hast … gegen den Winter Soldier gekämpft?“ Meine Brust wurde eng. „ Ohne Anzug?“
Nat hob die Mundwinkel. „Er hat sich gut behauptet.“ Starr sah ich zu ihr. Vielleicht erschien ich fassungslos, denn sie ergänzte: „Tony konnte ihn entwaffnen.“
Wie um mich an seine Nanotech-Armbanduhr zu erinnern, hob er beiläufig sein rechtes Handgelenk. „Ich hatte die hier.“
Mein Magen rotierte.
Tony ließ sich auf die Couch sinken. Seine rechte Hand fuhr unter sein Hemd und massierte seine Schulter, dann erhob er sich jäh wieder, rastlos wie ein Tier. „Steve und Sam sind mit Barnes verschwunden“, erklärte er widerstrebend, da mein betroffener Blick unverändert an ihm haftete. „Ich konnte sechsunddreißig Stunden bei Ross herausschlagen. Wenn es uns bis dahin nicht gelungen ist, die drei zu überstellen, übernehmen die Special Forces und die Sache ist nicht länger in unserer Hand.“ Ehe ich irgendetwas daran hinterfragen konnte, trat er schon wieder ernst versiert auf Nat zu und wechselte gänzlich übergangslos in die weitere Planung: „Sie können es aus Berlin schaffen, aber nicht sehr viel weiter. Die Grenzen sind gesichert, das gesamte Aufklärungsaufgebot ist in der Luft. Unsere Satellitensuche wurde freigegeben. Die deutsche Regierung ist genauso interessiert daran, Barnes festzusetzen wie wir. Wenn sie von hier wegwollen, werden sie Hilfe benötigen. Barnes wird überall erkannt werden, jetzt da die Bevölkerung sensibilisiert ist. Steve und Sam ohnehin. Je länger sie sich im Freien bewegen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir sie aufgreifen. Das schränkt ihre Möglichkeiten ein. Sie brauchen ein unbeaufsichtigtes, bestenfalls auf jemand anderen gemeldetes Transportmittel, das sie schnellstmöglich aus Europa bringt. Und das ganz in der Nähe.“
Konzentriert hielt Nat seinen Blick. „Eine Privatmaschine“, sagte sie leise. „Vielleicht gechartert. Der Flughafen.“
Tony nickte. „ Einer von ihnen. Es liegen mehrere Flugfelder im näheren Umkreis. Das spielt ihnen in die Karten. Aber sie müssen es erst organisieren und die große Aufregung von heute aussitzen, was bedeutet, dass wir noch ein paar Stunden haben. Wenn ich wetten müsste, versuchen sie es morgen Mittag.“
„Nicht gerade vorteilhaft, um unentdeckt zu bleiben“, gab Nat zu bedenken. „Nachts ist es einfacher.“
„Der Suchradius dehnt sich mit jeder Stunde aus, bis dahin werden die Aufklärer in der Luft sich weit verteilt haben. Heute Nacht werden sie nichts überstürzen. Nicht, wenn sie für die nächsten Stunden gut untergekommen sind und sie es nicht müssen. Sie müssen ihre Flucht erst organisieren. Kommende Nacht könnte es bereits zu spät sein. Bis dahin wird die Suchaktion längst neu koordiniert sein. Die deutsche Regierung wird nach vierundzwanzig erfolglosen Stunden deutlich mehr Auswertungsmaßnahmen zustimmen und weitere Geheimdienste für die Fahndung hinzuziehen, was es ihnen noch schwerer machen dürfte. Wenn sie dann noch in Berlin festsitzen, wird es schwierig.“
„Vorausgesetzt, Barnes spielt mit.“
„Wieso helfen sie ihm?“, warf ich wie betäubt ein. „Sam und Steve?“ Ich blinzelte. „Er hat … Menschen getötet …“
Nicht nur in der Vergangenheit, nicht nur für Hydra, nicht einmal nur in Wien.
Seine Bombe hatte Nat, eines ihrer Team mitglieder, um ein Haar umgebracht und heute hatte er es gleich wieder getan; Unschuldige verletzt, gemordet, sich mit brachialer Gewalt durch eine Menge gekämpft, rücksichtslos für jeden, den es treffen mochte --- auch Tony ---
Barnes hatte gegen ihn gekämpft, mit einer Waffe in der Hand, gegen --- meinen Dad, der kein Superserum in sich trug, ja, nicht einmal ein Soldat war --- er hätte ihn …
Meine Kehle schnürte sich schmerzhaft zu, während meine Sicht kurzzeitig im dröhnenden Rauschen verschwamm. Ich begriff es nicht. Ich begriff rein gar nichts mehr.
Wieso ließen sie Tony im Stich ?
Ob Steve Barnes nun von früher kannte oder nicht – es ergab einfach keinen Sinn , dass er einen gewalttätigen Attentäter zu verteidigen versuchte, der nicht aufhörte. Es war verrückt, dafür sein eigenes Leben zu opfern, die Seiten zu wechseln und all das zu verraten, wofür er stand und woran er glaubte . Steve, der Reden von Moral und Mitgefühl hielt, der Hydra fast im Alleingang ausgehebelt hatte, der von einer meterhohen Aussichtsplattform sprang, bloß weil ich vor einer Spinne erschrak, zu besorgt, es könne mir etwas zugestoßen sein, zu besorgt, er könnte Tonys Vertrauen verraten.
Selbst Sam.
Sam, mit dem ich seit ein paar Wochen an festgesetzten Terminen sprach, die er mich nie schwänzen ließ und in denen wir so oft diskutierten, in lockerer Art und doch ganz im Ernst. Sam, der mich aufzog und kontrastierte, bis wir letztendlich doch bei den kleinsten meiner Wahrheiten ankamen. Ans Eingemachte gingen. Der mich neuerdings immer mit dem Gefühl zurückließ, dass ich die Welt ein kleines bisschen nuancierter sah. All ihre Irrungen und Wirrungen und Unverbesserlichkeiten. Sam, der mir versprochen hatte ---
Nicht in Fannings Fußstapfen zu treten.
Ich verstand nicht, was ich in all dem übersah.
Oder wie Tony und Nat angesichts all dessen so unsäglich gefasst bleiben konnten.
Mein Kopf begann zu kreisen.
Ich hatte nicht mehr zugehört, doch als Happy sich in das Gespräch einschaltete und Tony sich jäh wieder mir zuwandte, spürte ich den Fokus meiner Aufmerksamkeit still schäumend zu ihm zurückkehren. „-haben keine Zeit. Ich will in einer Dreiviertelstunde in der Luft sein, damit wir es vor morgen früh wieder aus New York hierher zurückschaffen.“
Stumm öffnete ich den Mund. „Wir fliegen zurück?“, krächzte ich.
Tony nickte. „Jetzt gleich.“
Überfordert harrte ich aus. Meine Beine schienen plötzlich so schwach, dass ich mich nur noch setzen wollte.
„Vergiss das Packen.“ Er setzte sich bereits in Bewegung. „Zieh einfach etwas über. Wir sind in ein paar Stunden wieder hier-“
„Tony“, unterbrach Nat ihn still. „Sieh sie dir an, sie ist völlig fertig. Du kannst sie nicht schon wieder durch die halbe Weltgeschichte jagen. Sie ist dieses Zeitzonen-Hopping nicht gewöhnt, geschweige denn, eine Nacht nach der anderen durchzumachen und von A nach B zu jetten.“
„Was ich nicht kann, ist sie in einer Stadt mit einem entflohenen gehirngewaschenen Superassassinen zurücklassen.“ Zum ersten Mal seit seiner Ankunft trat sämtliche vergrabene Anspannung offen in seinem todernsten Blick zutage und übertünchte jede Erschöpfung.
„Steve würde niemals zulassen, dass Sola etwas zustößt. Er weiß , dass sie hier ist.“ Nat blieb unbeirrbar besonnen. „Davon abgesehen halten sich immer noch drei weitere Avenger in der Stadt auf … Sie ist hier sicher. Barnes hat es nicht auf sie abgesehen. Er sucht einen Ausweg aus der Stadt.“
„Mag sein“, widersprach Tony. „Aber ich brauche Happy in Queens. Er kann nicht hier bei ihr bleiben. Ohne ihn liegen wir nicht im Plan.“
„Dann bleibe ich.“ Sie nickte. „Das passt. Ich habe mit T’Challa gesprochen. Er wartet auf unser Signal. Du kümmerst dich um weitere Unterstützung, ich bleibe bei Sola.“
Einen langen Augenblick schien Tony mit sich zu hadern, während Nat unverwandt seinen Blick hielt, dann entließ er die Luft. „Also gut …“ Er zögerte, schien immer noch nicht vollends überzeugt. Sein auffällig knappes Nicken ließ mich nur noch unruhiger werden. „Ich wechsele das Hemd … und gebe Rhodey Bescheid. Er bringt die SUN-1 vorbei.“
Nat nickte. „Gut, einverstanden.“
Noch ehe ich ganz begriff, was vor sich ging, wieso er zurück nach New York musste oder wie sie diese unsägliche Situation zwischen Steve und ihnen aufzulösen gedachten, bevor noch mehr Menschen ihr Leben ließen und Außenminister Ross die Geduld mit ihnen verlor, verschwand Tony aus dem Wohnbereich. Als er gut zehn Minuten später zu uns zurückkehrte, trug er tatsächlich ein frisches, elegantes Baumwollshirt und ein graues Sakko, das so leicht und leger wirkte, dass es seinen strapazierten Arm anscheinend nicht allzu sehr belastete.
Mein Blick fiel wiederholt auf die dunklen Ergüsse auf seiner rechten Wange und Schläfe, die nun zumindest von dem beunruhigenden getrockneten Blut befreit waren, als er direkt an mich herantrat, ernst nach meinem Arm fasste und mich fest in den Blick nahm.
Ich konnte nichts anderes tun, als diesen schweigend zu erwidern.
„Ihr verlasst nicht das Apartment“, begann er. „Falls der Strom nicht zurückkehrt, gebt ihr euch damit zufrieden. Dein StarkPhone hat genug Saft für ein paar Tage. Das sollte heute Nacht kein Problem mehr werden.“ Stumm nickte ich. „Rhodey weiß, wo er euch findet. Er bringt die SUN-1 aus dem Quinjet zu euch, bevor ich abfliege. Von ihm abgesehen, lasst ihr niemanden sonst hier rein. FRI behält eure Umgebung im Blick. Kommt euch irgendetwas seltsam vor, steigst du direkt in den Anzug. Du wartest nicht. Du aktivierst ihn und ziehst ihn erst wieder aus, wenn ich Entwarnung gebe. MISOTA informiert mich, sollte es dazu kommen. Ansonsten …“ Seine Stimme wurde seichter. „Keine Debatten, kein Davonstehlen, keine sozialen Experimente, okay? Heb sie dir einfach für wann anders auf. Es wird noch viel bessere Gelegenheiten geben, versprochen.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich stell nichts an. Wirklich nicht.“
Kein Zweifel regte sich in seinen Augen. Tony nickte. „Iss etwas, leg dich in die Wanne und geh schlafen. Bis morgen früh bin ich zurück.“
Rasch küsste er meine Stirn, umfasste meine linke Gesichtshälfte, ließ mich wieder los und wandte sich Nat zu, ehe ich noch den Willen aufbringen konnte zu hinterfragen, was er vorhatte und weshalb er mich so mir nichts, dir nichts auf einem fremden Kontinent zurückließ.
„Ich verspreche nichts“, ließ er Nat halb zum Aufbruch gewandt wissen.
Sie verschränkte die Arme. „Ich schon. Mach dir keine Sorgen.“
Musik:
Video Games – Lana Del Rey