Teambeschuss
Teambeschuss
Kapitel 20: Teambeschuss
„FRIDAY hat keine Befehlsgewalt über MISOTA.“ Rhodey verschränkte die Arme. „Ihr System agiert vollkommen autark, nur Tony und Sola besitzen protokollgestaltende Befugnisse.“
Ihren Blick beiläufig auf den Koffer aus schimmernder Titanlegierung gerichtet, den er wenige Minuten zuvor demonstrativ auf dem Couchtisch abgeladen hatte, fuhr Nat unbewegt damit fort, weitere Kerzen anzuzünden.
„Und ich dachte, FRIDAY sei die unangefochtene Nummer eins“, schmunzelte sie.
Das Kaminfeuer in ihrem Rücken ließ ihre roten Haare schimmern wie Bernstein.
„Tony hat ihr Anzugsystem unabhängig konzipiert. Damit ihre Schutz- und Verteidigungsprotokolle nicht von anderen KIs eingesehen oder modifiziert werden können. MISOTA studiert und entwickelt ihre Verteidigungsmetrik selbst. Damit bleibt ihr Verhalten bei Feindkontakt weniger leicht prognostizierbar, selbst wenn die Gegenseite Iron Mans Kampf- und Abwehrverhalten studiert haben sollte.“
„Die SUN-1 ist selten im Einsatz“, resümierte Nat. „Sehr wenig Bildmaterial, das sich auswerten lässt. Das macht es schwierig, sie vorab auszukundschaften.“
„Ganz genau.“
Als entsinne er sich der Monate nach dem Upper East Slide, in denen er Tony immer mal wieder in den letzten Arbeitszügen an meinem Anzug angetroffen hatte, sank Rhodeys Aufmerksamkeit spürbar nach innen. „Bislang hat sie es nicht ins Netz geschafft, was fantastisch ist“, befand er.
Was jetzt kein riesiges Wunder war, entschied ich. Schließlich war die SUN-1 bislang nur ein einziges Mal erfolgreich zum Einsatz gekommen. Während des Shutdowns im Avengers Tower hatte es, abgesehen von Tony und dem Team, keine Zeugen gegeben, die dies in die Welt hätten hinaustragen können.
Deswegen, sicher …
Die SUN-1 war unser wohlgehütetes Geheimnis.
Sah man mal von Daphne, Harley und den Bartons ab, mit denen ich den halben Sommer über meinen Anzug philosophiert hatte. Oder Elijah, der sich jeden Kommentars hierzu enthielt.
Wenn ich es wirklich ganz genau nahm, wusste sogar Nathy über die SUN-1 Bescheid, ganz gleich, wie wenig er seinen quietschglücklichen Humbug trällernd und aufgeregt auf meinem Knie hopsend wirklich zu unseren ausufernden Diskussionen beizutragen gehabt hatte. Als ich ihn höflichst darum ersucht hatte, seine Spucke herab zu schlucken, anstatt sie mit feuchten Fingern in meinem Gesicht und meinen Haaren zu verteilen, wann immer ihn die wilde Lebensfreude überkam, hatte der einjährige Barton schließlich auch nur mit so schüttelnd dramatischem Lachen reagiert, als hätte ich ihn aufgefordert, einen Überfall auf einen Softeiswagen am Zuma Beach zu erwägen.
Diese nahezu sorgenfreien, sonnensatten Vormittage in Malibu waren nicht sehr lange her und Nathys grundlos entzücktes Quietschen klingelte mir jetzt noch in den Ohren, obwohl es mir plötzlich erschien, als sei seitdem bereits ein halbes Jahr vergangen.
Tony und Happy waren seit einer guten Stunde fort, befanden sich inzwischen vielleicht sogar über dem Atlantik.
Bei uns in Berlin war es längst dunkel geworden, aber der Strom war noch nicht zurückgekehrt, weshalb sich Natasha Romanoff darauf verlagert hatte, mit urzeitlicheren Methoden für notdürftige Beleuchtung in unserem Apartment über der ansonsten geisterhaft lichterlosen deutschen Großstadt zu sorgen. In der Dunkelheit unten auf den Straßen zogen zwar dann und wann vereinzelte Autoscheinwerfer und Passanten mit leuchtenden Smartphone-Displays oder kleineren Taschenlampen dahin, doch ansonsten war es stockduster.
Ohne die dröhnenden Rotoren der Aufklärungshubschrauber hätte ich den Kaminschein und das sanfte Kerzenlicht vielleicht für heimelig befunden. Aber mit dem beunruhigenden Knattern über der mir weitestgehend fremden Stadt, Rhodeys fast schon militärisch anmutendem Outfit und dem Anblick des bereitstehenden Titankoffers auf unserem Tisch, dessen filigrane Touchscreens und Fugen im eisigen Blau des Arc-Reaktors schimmerten, weckte es in mir doch etwas zu viele Assoziationen an ein dystopisches Endzeitszenario.
Vermutlich gab es Schlimmeres als meine letzten Tage mit Nat und Rhodey zu verbringen und zweifellos versprach es ansehnliche Überlebenschancen, aber wenn ich mir inzwischen eines wünschte, dann ganz sicher, dass sich dies hier zu keinem Armageddon entwickelte.
Weder für mich, noch für irgendjemanden sonst.
„Die SUN-1 ist in dem Koffer?“, fragte ich still.
„Sie ist der Koffer.“ Rhodey wandte sich mir zu. „Sobald sie aktiviert ist, erkennst du sie wieder.“ Sein Blick kehrte zu Nat zurück. „Wenn Tony kein Veto einlegt, hat Sola das Kommando über den Anzug. Sie kann nicht gegen die aktiven Schutzprotokolle agieren, MISOTA wird sie im Zweifel aus der Schusslinie bringen, aber ansonsten besitzt sie die volle Kontrolle. FRIDAY kann die SUN-1 trotzdem kontaktieren und bereitstellen lassen. MISOTA reagiert auf ihren Weckruf.“
Meine Finger wanderten zu meinem Tech-Armband, das mich nicht nur verortete und FRI rund um die Uhr mit meinen Vitaldaten versorgte, sondern das der SUN-1 auch als Andockpunkt diente, wie ich inzwischen wusste.
Gleich zwei KIs, die mich im Blick behielten und mit allen ihnen oder Stark Industries zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen gedachten.
Der schiere Irrsinn des Ganzen erschien mir kleiner denn noch vor einem halben Jahr. Aber vielleicht auch nur, weil der Irrsinn, der mich umgab , neuerdings weiter und weiter anzuwachsen schien.
Rhodey fuhr sich über den Mund und sah wieder zu mir. „So ungern ich es sage: Steig in den Anzug, selbst wenn es bloß Sam oder Steve sind, die hier aufkreuzen.“
Betäubt schluckte ich. „Wieso?“
„Die drei suchen einen Ausweg aus der Stadt …“ In sacht rechtfertigender Geste spreizte er die Finger und ließ seine Hand wieder sinken. „Na ja, der Gedanke ist sicher nicht nur mir gekommen …“
Ich verstand nicht.
Oder wollte es nicht.
Rhodey atmete aus. „Hör mal, sie werden dir ganz sicher nicht wehtun, aber sie könnten versuchen, die Situation zu ihren Gunsten zu drehen. Zum Beispiel, indem sie dich für eine Weile mit sich nehmen, um eine Art Waffenstillstand oder zumindest Tonys Zurückhaltung in dieser Angelegenheit zu erwirken.“
Nat warf ihm einen stillen Blick zu, der einem Seufzen angesichts ruinierter Absprachen gleichkam, doch es schien Rhodey nicht zu beeindrucken, denn er betonte noch einmal trocken in die Runde: „Wir lassen nicht zu, dass Sola zu ihrem Passierschein wird, okay ?“
Als registriere sie das sich in mir herb verdichtende Unbehagen und versuche es umgehend zu zähmen, schmunzelte Nat und kommentierte: „So verzweifelt sind sie nicht. Tony würde Barbecue aus ihnen machen.“
„Und das zurecht .“
Ich machte einen Atemzug. „Steve-“
„-wird nicht viel von diesem Plan halten“, stimmte Rhodey direkt zu. „Aber sie sind zu dritt. Und unser Netz dort draußen ist eng gestrickt. Gerade, weil sie überzeugt sein werden, diese Sache kontrollieren zu können, könnte sie böse schief gehen. Sie kennen dich, ihr vertraut einander, Tony vertraut ihnen, weshalb eine vorgetäuschte Geiselnahme so verführerisch einfach klingt. Aber Barnes handelt nicht wie sie, er ist pragmatisch. Eiskalt trifft es nicht einmal annähernd.“
Ich schluckte.
Eine kurze Vibration in meiner Hosentasche ließ mich mein StarkPhone herausholen, während Rhodey und Nat bereits wieder gedanklich zum Vorfall im JCTC zurückkehrten und über Barnes’ möglichen Komplizen in der Stadt nachzugrübeln begannen, dem höchstwahrscheinlich der induzierte Stromausfall zuzuschreiben war.
Ich warf einen stummen Blick auf das Display.
19:02 Uhr Coopid: Kannst du reden?
Knapp sah ich wieder auf. Beide Erwachsenen sprachen, in taktischen Erwägungen versunken. Wortlos setzte ich mich in Bewegung und verließ den Wohnbereich.
Das Licht meines StarkPhones lotste mich durch den Flur in mein dusteres Schlafzimmer. Kurz erwog ich einfach die Tür zu schließen, dann sah ich wieder auf Coopers ominöse Nachricht herab, schielte über die Schulter, schritt weiter in mein extravagantes Marmorbad und riegelte kurzerhand hinter mir ab.
Wir hatten es noch nicht geschafft, auch hier ein paar Kerzen zu verteilen, weshalb der dunkle Stein um mich herum trotz des silbrigen Lichts, das aus meinem transparenten Display strömte, eine geradezu verschlingende Finsternis verursachte. Auf der Stufe der erhöhten Wanne nebst zu dem einzigen, bodentiefen Fenster ließ ich mich schließlich nieder und hob das StarkPhone an mein Ohr.
Cooper brauchte eine Weile, ehe er abnahm. Er klang wie immer; still taktierend und ein wenig heiser vor Stimmbruch. „Sola?“
„Jupp. Bin dran.“
Er zögerte. „Warte kurz ...“
Ich lauschte, während eine Gruppe lachender und blökender Teenager an ihm vorbeimarschierte. Jemand sagte etwas, Cooper verneinte und versicherte, gleich nachzukommen. Ein weiteres Mal realisierte ich, dass es auf meiner heimischen Seite der Erdkugel gerade erst kurz nach Mittag war. Vermutlich stand er irgendwo auf dem Schulhof seiner heruntergekommenen Provinz-High School, die er nach wie vor bis auf den letzten Backstein hasste, während seine Mitschüler soeben das Angebot fader Spaghetti gegen kalte Chicken Nuggets in der Schulmensa abwägten.
Es wurde etwas ruhiger um ihn herum, bis ich nur noch ein paar friedliche Straßengeräusche vernahm.
„Bist du allein?“, fragte er leise.
Vielleicht war es Instinkt oder vielleicht lag es doch am Jetlag und dem, was derzeit vor sich ging, aber mein Tonfall blieb ähnlich gesenkt: „Ich bin im Bad, ja.“
Cooper zögerte.
„Was ist da eigentlich bei euch los?“ Die Frage kostete ihn merkliche Überwindung.
Elijah hatte sie mir vor knapp einer halben Stunde ebenfalls gestellt, doch während ich ihm nur ein versicherndes und wenig aufschlussreiches „Bin okay, mir geht’s gut“ zugespielt hatte, das ihn nur ratloser zurückgelassen hatte, lag in Coopers Tonfall so viel zwiegespaltene Zurückhaltung, dass ich gar nicht erst auf die Idee kam, den Mantel des Schweigens über die neueste Avengers Interna oder mein klamm knetendes Herz zu breiten.
Cooper war kein Außenstehender. Er war wie ich .
„Es stimmt“, sagte ich. „Steve und Sam helfen ihm.“
„Diesem Winter Soldier?“
„Ja.“ Ich spähte zum Fenster, das sich direkt neben mir blau in der vollkommenen Dunkelheit absetzte. Berlin war immer noch lichterlos. Es ließ mich nur noch kleiner vorkommen. „Er ist angeblich ein alter Freund“, fuhr ich gesenkt fort. „Hydra hat ihn während des Weltkriegs … umgedreht oder so etwas ... Keine Ahnung, ob man das wirklich so sagt. Frag deinen Dad. Wahrscheinlich nennt er es extern rekrutiert oder-“
„Während des Welt kriegs?“
„Hm.“ Erleichtert, dass ich nicht die Einzige war, die auf solche zeitlich abstrusen Fakten noch mit solider Überrumpelung reagierte, entließ ich die Luft. „Er ist wie Steve. Ähnliches Serum.“ Ich schob meine Beine von mir. „Rhodey und irgendein deutsches Spezialteam haben ihn heute in Bukarest festgenommen und hierher nach Berlin gebracht.“
„Ja, sagten sie in den Nachrichten.“
„Am Nachmittag hat jemand für einen kompletten Stromausfall in der Stadt gesorgt. Mit einem EMP-Sprengsatz, glaube ich …“
Cooper pfiff leise. Es klang widerwillig beeindruckt und damit so verteufelt nach Clint, dass ich kurz stockte.
„Barnes konnte sich wieder befreien und jetzt sind Steve und Sam mit ihm auf der Flucht und die ganze Stadt sucht nach ihnen.“ Wie zum Beweis meiner Worte vernahm ich bereits wieder einen dahinziehenden Hubschrauber. „Tony und der Rest versuchen jetzt, sie zu finden, bevor Außenminister Ross die Special Forces auf sie loslässt … Er hat ihnen ein Ultimatum gesetzt. Sie haben bis übermorgen Zeit, es zu klären, glaube ich. Tony sagte nicht genau, was geschieht, wenn sie es nicht schaffen und Ross übernimmt, aber es klang … na ja, eben nicht gut.“ Ich brach ab, denn Cooper protestierte mit jäh unverständlich genervt gesenkter Stimme, dann vernahm ich Lila: „Ist Tante Nat dran?“
„Nein, Sola.“
„Hast du sie gefragt ?“ Sie klang entgeistert. „Du solltest sie nicht fragen. Mum sagte-“
„Na und? Du solltest Nat in Ruhe lassen und hast ihr trotzdem geschrieben, oder?“
„O kay .“ Lila seufzte, nicht weniger entnervt als er. „Gib kurz her, ja? Lass mich kurz mit ihr sprechen.“
„Nein-“
„ Bitte . Dann stell wenigstens laut-“
Cooper schnaufte. „Lila, scheiße , lass meinen Arm los .“
Sie schienen zu rangeln. „ Hey ! Sei kein Idiot!“, grunzte die Elfjährige. „ Cooper !“ Seine Seite des Telefonats versank in schweres Rascheln und Scheuern. „Lila, im Ernst, halt die Klappe. Wenn ein Lehrer herkommt, erfahren wir gar nichts . Sie nehmen es mir weg und dann erfährt Mum hiervon und dann nimmt sie dir hundert Pro auch deines ab, bis Dad wieder da ist, und dann wissen wir gar nichts , okay?!“
Das schien sie irgendwie zu beeindrucken, denn das andere Ende der Leitung beruhigte sich schlagartig wieder.
Cooper kehrte ans Telefon zurück. „Sola?“
„Ja, bin noch da.“ Still winkelte ich die Beine wieder an. „Sag Lila, hi.“
Widerwillig überbrachte er die Botschaft.
„Hast du es ihr schon gesagt?“, vernahm ich sofort ihre ungeduldig betonte Stimme, die so gar nicht nach Junior-High-Schooler und sehr viel mehr nach einem gestresstem College-Senior klang, der eine Frist für eine Seminararbeit einzuhalten hatte.
„Sie hat gerade erst angerufen-“
„Dann sag es ihr. Frag, ob-“
„Sei still, Lila.“ Ich vernahm, wie er sich von ihr abwandte. „Wir wollten heute Nachmittag zum Wasserski“, erklärte er, „aber Dad hat vorhin abgesagt. Er sagte nicht warum, nur dass Mum uns heute aus der Schule abholt und dass er bereits weg sein wird, wenn wir nach Hause kommen. Lila hat Nat geschrieben und gefragt, ob sie weiß, wohin er gefahren ist, aber sie will uns auch nichts dazu sagen. Dabei ist es ziemlich offensichtlich, oder? Alle reden über Berlin.“ Resigniert entließ er den Atem, seiner antrainierten Erwartungslosigkeit längst wieder ergeben. „Was haben sie vor?“, fragte er schließlich. „Dein Dad und die anderen?“
„Er holt Verstärkung.“ Eine schwammig beunruhigte Hemmung beschlich mich, als sei ich geradewegs dabei Tonys Kreditkartendaten preiszugeben. Sie ließ mich zögern, aber nur einen Moment, dann verflüchtigte sich das Gefühl wieder und da erneut ein paar Schüler auf Coopers Seite der Leitung zu vernehmen waren, die mir jeden Grund gaben zu stocken, fiel es nicht weiter auf. Als das Geplapper sich wieder verlor, setzte ich weiter an: „Er ist vorhin los, zurück nach New York. Vision und Wanda sind noch im Hauptquartier. Vermutlich holt er sie dazu. So klang es jedenfalls, als er eben mit Nat gesprochen hat. Sie ist bei mir im Ritz geblieben, damit er aufbrechen und irgendjemanden herholen kann. Er sagte nicht wen, nur dass er … nichts versprechen kann. Ich dachte, sie reden von Wanda. Wegen der Sache in Lagos und dem Sokovia Abkommen durfte sie nicht mehr mit in den Einsatz und … na ja, sie verstehen sich gerade nicht wirklich ... oder überhaupt. Aber vielleicht … Ich meine, vielleicht meinte er gar nicht Wanda, sondern Clint? Sagte eure Mum, wann er wieder daheim ist?“
„Nein ...“ Cooper schien ebenfalls zu grübeln. Oder zu zögern. „Aber sie sagte, dass er jemanden etwas schuldet und bei etwas hilft.“
„Okay …“ Mager nickte ich. „Das ergibt doch irgendwie Sinn, oder?“
Cooper bestätigte widerstrebend.
Aus irgendeinem Grund besänftigte mein eigenes Argument das strahlend ungute Gefühl dicht hinter meinem Bauchnabel nicht.
Als ich wenig später mit dem Versprechen auflegte, ihm zu schreiben, sofern ich irgendetwas Neues erfuhr, begriff ich, dass ich ihn angelogen hatte. Es erschloss sich mir überhaupt nicht, wieso Clint oder Laura ein solches Geheimnis daraus machen sollten, dass er dem Team dabei half, Steve und Sam zu finden und zur Vernunft zu bringen, ehe die Sache mit Barnes vollkommen eskalierte.
Eine ganze Weile saß ich bloß weiter im Dunkeln auf dem kühlen, schwarzen Marmor des mir fremden Bads im Ritz-Carlton Berlin und stierte auf mein deaktiviertes StarkPhone und zum ersten Mal an diesem Tag wurde es so still um mich herum, dass ich meinen eigenen Herzschlag vernahm.
Die Ereignisse begannen sich zu setzen.
Berlin . Mein Tag in der Stadt. Hände und Smartphones und strahlende Gesichter. Das Blut auf Tonys Hemdskragen. Die Aufnahmen des Heli-Wracks, das aus dem Flusswasser vor dem JCTC geborgen wurde. Der blauschimmernde Koffer auf unserem Couchtisch.
Rote Astern in einem Kübel.
Irgendwann öffnete ich wieder den Chat und übersprang all die dutzenden eingegangenen neugierigen Erkundigungen und bestürzten Reaktionen, die seit einer guten Stunde unaufhörlich von meinen Mitschülern aus der Midtown, als auch aus der Bosworth und aus Nashua bei mir eintrafen, ohne dass ich bislang auch nur eine von ihnen irgendwie zu beantworten gewusst hätte.
In meinem Zielchat angekommen, tippte ich.
Dann entfernte ich die kurze Frage wieder aus der Textzeile.
Mein Daumen strich über den dunklen Rahmen meines StarkPhones.
Ich tippte sie wieder ein.
Als meine Nachricht in ihrer kleinen Blase an Clint versandt war, blieb mein Blick reglos an ihr haften:
19:38 Uhr Ich: Hilfst du Tony?
Ich wartete drei geschlagene Minuten, ehe ich das StarkPhone abschaltete.
-/_\-
Feine Fältchen hielten sich in ihre Augenwinkel gegraben.
Ich fragte mich, ob ich es als Beweis werten konnte, dass sie tatsächlich so zufrieden mit unserem zweisamen Leben gewesen war, wie sie es mir immer weisgemacht hatte. Lachfältchen waren schließlich das Resultat ehrlichen Glücks, hieß es. Ein Zeugnis von Charakter. Oder zumindest von wiederkehrender Freude. Unmöglich, sie zu fälschen.
Mum hatte sie schon mit Mitte Dreißig besessen.
Auch wenn es mir erst jetzt auffiel, da ich eines der letzten Fotos betrachtete, das ich je von ihr gemacht hatte.
Sie sah gerade zu mir herüber, halb überrumpelt, halb unterhalten. Ihre Lippen in sachter Verwirrung geöffnet, aber ihre Pupillen offen, warm und klar. Ihr Cardigan hing ihr halb von der Schulter und hinter ihrem rechten Ohr schien sehr viel mehr blondes Haar zurückgestrichen als hinter dem linken, ihr lässiger Dutt längst nur noch ein zerrupftes Überbleibsel nach verrichteter Arbeit.
Die Kamera meines damaligen Smartphones – das jüngste Modell einer Marktführerkopie, das Jane online zum halben Preis ergattert und mir zum vierzehnten Geburtstag geschenkt hatte – war bei Weitem nicht so hochauflösend gewesen, wie es die Kamera meines heutigen StarkPhones war, die wirklich jede Pore abzulichten schien. Sie hatte es ohnehin nicht lange gemacht, denn schon wenige Wochen später hatte ich es irgendwo im Wrack unseres gefluteten Autos verloren, ehe es schlussendlich von Tony wieder ausfindig gemacht, mit mäßigem Erfolg technisch ausgelesen worden und anschließend ziemlich sicher geradewegs in den Müll gewandert war.
Aber Mums Foto blieb trotz allem so unversehens aus dem Leben gegriffen, dass ich mich wieder entsann, dass sie an jenem Tag nach demselben Curry gerochen hatte, das ich von ihr geliebt hatte.
Ich hatte sie direkt danach umarmt. Kaum, dass sie mich darauf hingewiesen hatte, dass ihre Haare nicht gewaschen waren und in mir ein gelungener Paparazzo steckte, hatte ich sie gedrückt und trocken giggelnd versichert, genau dieses Foto den Nachrichten zur Verfügung zu stellen, sollte sie jemals verloren gehen.
Selig ahnungslos, wie bald sie es tun würde.
Oder wie viele ähnliche Fotos schon in gut einem Jahr von mir selbst im Internet kursieren würden.
Je länger ich ihr Bild auf meinem StarkPhone anstierte, desto surrealer wurde es wieder, dass sie nicht mehr existierte. Ihre Augen schienen aufmerksam verlässlich. Eine stille Versicherung, dass sie --- nein .
Da gewesen war, korrigierte ich mit starrer Brust, ehe die schmerzhaft selbstgezimmerte Illusion noch ganz Besitz von mir ergreifen und ihren Tod für einen Sekundenbruchteil vollständig aus meinem Gedächtnis radieren konnte.
Ich drängte den Schwall Tränen zurück, der auf meinen Unterlidern aufquoll, aber ich behielt meinen Blick zärtlich auf Mum gerichtet.
In Berlin brannten wieder Lichter, der Strom war seit einer Viertelstunde zurück, trotzdem lag ich im Dunkeln.
Clint hatte bislang nicht geantwortet.
Ich hörte Musik, nicht nur um die sprudelnde Unruhe in mir zu übertünchen, sondern auch um irgendwie zu vergessen, dass ich mich weiterhin in einem Hotelbett weitab von Zuhause befand. Die immer noch gelegentlich vorbeiziehenden Hubschrauber über der Stadt vernahm ich nicht länger.
Tatsächlich gestaltete sich meine Musik laut. Fast unangenehm, aber noch nicht so deutlich, um ihre dröhnende Betäubung auf mich zu verlieren oder FRIDAY ungefragt den Lautstärkenregler meiner In-Ears bedienen zu lassen.
Auch deshalb bemerkte ich Nat vermutlich erst, als sie bereits neben mir stand und auf mich herabsah. Sie sagte etwas, das es nicht durch den lebendigen Gitarrenriff von Guns N’ Roses zu mir hindurch schaffte.
Überrumpelt schaltete ich das Display meines StarkPhones ab, ließ Mums Foto damit hastig verschwinden, hob den Kopf und zog einen der Kopfhörer aus meinem Ohr. Ich schob mich empor und reduzierte die Lautstärke, bis ich mich urplötzlich beinahe taub fühlte.
„Du bist nicht mehr zurückgekommen“, sagte sie. „Ich dachte, ich schau nach, ob du in der Wanne eingeschlafen bist oder dich bloß vor dröge debattierenden Superhelden versteckst.“
„Sorry …“, murmelte ich.
Sie schüttelte den Kopf. „Beides berechtigt.“
Nachdenklich rieb ich mir das linke Auge, auch um die letzten Reste potentieller Nässe darin zu beseitigen, und schaltete widerstrebend das Bettlicht ein, damit wir uns wirklich anzusehen vermochten.
Nat ließ sich mir gegenüber auf das gewaltige Bett sinken.
Sie nickte mir zu. „Was hörst du?“
Als sei die Musik zuvor nicht bereits verräterisch laut um mich gedröhnt, nahm sie den wortlos dargebotenen Kopfhörer aus meinen Fingern, lauschte und spitzte noch etwas amüsierter die Lippen. „Ihr habt denselben Geschmack, hm?“
Ich hob die Schultern. „Die Playlist ist von ihm“, murmelte ich. „War ein Geburtstagsgeschenk …“
„Ein Mixtape?“ Sie lächelte. „Alter Romantiker.“
Sie reichte mir den In-Ear-Kopfhörer zurück.
Ich nahm auch sein Gegenstück aus dem Ohr und schaltete die Musik endgültig ab. „Es ist gut“, ließ ich sie wissen. „Es ist auch Neues dabei. Ein paar Lieblingssongs …“
Und davon keine, die mich fertig machen.
Die Playlist war sorglos. Belebend.
Und – viel wichtiger noch – sie war für mich gemacht.
Noch etwas, das Tony Stark für mich allein kreiert hatte.
Sicherlich dazu gedacht, mich von wandernden Gedanken abzulenken und zu beschäftigen, wenn er selbst es nicht konnte. Es funktionierte, wie ich widerstrebend zugab. Ich hörte sie nicht nur gerne in der Werkstatt, wenn ich seinen Übungsaufträgen nachging, sondern auch zunehmend öfter, wenn ich das Gefühl hatte, dass meine Stimmung einen ersten Abwärtstrend verzeichnete oder mich wiederholte Unruhe über unsere neuerdings ausgedünnte Familienkonstellation beschlich.
Zudem ergänzte Tony sie immer mal wieder. Mal um neuere meiner Gen-Z-Obsessionen, mal um Entdeckungen, die er dafür geschaffen hielt, zu solchen zu werden, und dann wieder um sogenannte Legenden , wenn ihn meine popkulturelle Ahnungslosigkeit manch einmal derart bestürzte, dass er sich gezwungen sah, mitten in seinem Tun innezuhalten, um meinen lausigen Classic-Rock-Horizont zu erweitern.
Weshalb diese Playlist länger und länger wurde.
Was nicht unbedingt schlecht war, ich ließ meine Musik oft stundenlang im Hintergrund laufen, seitdem ich endlich welche hatte, die mir etwas bedeutete und nicht Song für Song die Erinnerung an Nashua, Mum oder Jane wachrief.
Nat musterte mich aus aufmerksamen Augen. „Kannst du nicht schlafen?“
Ich zögerte. „Daphne wollte sich aus Kunst schleichen, um mich anzurufen, damit wir noch ein wenig sprechen können“, wich ich aus, „aber die Fluraufsicht hat sie erwischt.“
„Gab’s Ärger?“
Ich schnaufte, matt amüsiert von der Vorstellung, dass Daphne jemals in waschechte Schwierigkeiten geraten könnte. Würde sie auf frischer Tat dabei ertappt werden, sämtliche Spinde ihrer Schule auszuräumen, würde sie trotzdem noch eine so überzeugend besonnene Miene aufsetzen, dass es die Schulleitung zumindest erwägen ließe, ihr Verbrechen nicht weiter zu ahnden und bloß als kleinere Unannehmlichkeit zu werten, darauf verwettete ich Clints Bogen.
Nein, Daphne ging ohne einen Schein wegen Fehlverhaltens nach Hause.
Safe.
„Sie wird sie irgendwie bequatscht haben“, sagte ich. „Aber sie hat noch nicht zurückgeschrieben, also … versucht sie es vermutlich später nochmal.“
Nat summte in warmem Zuspruch.
Tony tat dies hin und wieder auch. Meist, wenn seine Gedanken längst abgeschweift waren, er mit dem Herzen aber bei mir war und bloß auf den rechten Moment wartete, mich gedanklich mitzunehmen.
Bei Nat schien es sich nicht anders zu verhalten, denn im nächsten Moment sah sie mich bereits wieder an, erwog kurz und neigte mir spielerisch ernst die Stirn entgegen. „Es gibt da eine Unterhaltung, die wir noch führen müssen.“
Ich blinzelte.
Als sie die Hand hob und ich die kleine, quadratische Verpackung zwischen ihren Fingern erkannte, spürte ich mich trotz aller brodelnden Unruhe unweigerlich erröten.
„Ich dachte, das hier sei vielleicht ein guter Moment“, fuhr sie fort und hob zufrieden die Mundwinkel. „Niemand Neunmalkluges in der Nähe, der dazwischenfunkt ...“
„Woher-“ Mein Blick zog zu der schimmernd dunkelblauen Kondomverpackung zurück, während ich mich innerlich ein wenig wand. „Hast du es extra besorgt?“
„Nein, das lag im Bad nebenan.“
Meine Miene ergraute.
Nat gluckste. „Das ist nicht von Tony.“ Ihr Blick fuhr über das aufgedruckte Emblem, während ich schamvoll fest die Augen zukniff und den Kopf vorwärts auf die Bettdecke sinken ließ. „Die liegen in Hotelzimmern hin und wieder in der Minibar oder in Badezimmerkits bereit“, erklärte sie völlig unbewegt. „Tony benutzt andere Marken.“
Finster schockiert sah ich sie wieder an.
„Ich habe sie mit auf die Einkaufsliste für seine Lieferanten gesetzt“, stellte sie klar, als helfe der entspannte Tonfall in irgendeiner Weise, mich von dem bereits aufgeblühten, albtraumhaften Kopfkino zu befreien. „Als ich als sein Shield-Schatten für Pepper gearbeitet habe und Tony es nicht einmal geschafft hätte, beim Bäcker vorbeizusehen, ohne ein irgendwie geartetes PR-Debakel zu veranstalten oder auf halbem Wege nach Vegas abzubiegen.“
„War das …“
„Vor New York. Während seiner Palladium-Vergiftung, ja. Habt ihr darüber gesprochen?“
Meine Stimme kippte ins Bittere. „Nicht wirklich.“
Sie nickte, ohne mich recht anzusehen. Die Art, wie sie zunächst nicht weiter auf meinen still anfragenden Blick einging, sagte mir, dass sehr viel mehr hinter dieser Geschichte steckte, als bloß das Wunder einer vorteilhaften Entdeckung.
„Er dachte damals, dass er sterben wird“, antwortete sie langsam, da ich nicht nachgab und in erwartungsvoller Stille verharrte. „Bevor er das neue Element für den Reaktor entdeckte. Seine Blutwerte sahen schlimm aus. Er stand kurz vor einem Organkollaps. Die Granatsplitter aus Afghanistan saßen noch in seiner Brust. Den Reaktor abzulegen, hätte ihn getötet. Wie sich herausstellte, tat es das Palladium auch, nur etwas langsamer. Tony war gerade dabei seine Abschiedsrunde zu drehen, um mit einem Knall abzutreten, als Fury kam, um ihn daran zu erinnern, wer er ist.“ Ich schluckte. „Gerettet hat Tony sich selbst“, endete Nat. „Das kann er gut. Fast genauso sehr, wie sich in Schwierigkeiten zu bringen.“
Ich starrte sie an, während sie ihren fast wieder vergnügten Blick auf mich zurück richtete.
„Bei dir wollen wir es besser machen“, versicherte sie. „Die Schwierigkeiten beschränken wir auf ein Minimum. Weshalb das hier-“ Sie hob die Kondomverpackung. „-unser nächstes Thema wird, einverstanden?“
Ich entließ die Luft. „Ich weiß , wozu man es braucht“, brummte ich.
„Theorie oder Praxis?“ Die Augen fest auf mein sich bereits wieder rüde errötendes Gesicht geheftet, begriff ich, dass sie mich absichtlich neckte. „Weißt du, das Verteufelte an der ganzen Sache ist, dass einem-“ Sie wandte den Blick gen Decke, vermeintlich selbst ein wenig verlegen. „-irgendwie schonmal der Verstand entgleitet, wenn es soweit ist ...“ Nachdenklich schüttelte sie den Kopf. „Ich meine, Tonys IQ bewegt sich in ganz anderen Sphären und er ist hier trotzdem nicht mit sonderlich gutem Beispiel vorangegangen, nicht?“
Da ich betont nichts erwiderte, sah sie mich unter meisterlich aufschlagenden Wimpern wieder an.
„Wie läuft es denn so?“, änderte sie ihre Strategie.
„Mit Elijah?“ Ich hob die Schultern. „Gut. Wegen des Hausarrests sehen wir uns gerade nicht, aber … alles cool.“
Ihre Augen funkelten sachte auf, als sich ihre Lippen zu einem zufriedenen Schmunzeln zusammendrängten und sie sich vage verschworen näher zu mir vorbeugte. „Knutscht ihr?“
Ergeben schob ich meine Beine von mir. „Ja, manchmal“, gestand ich, „aber wir haben uns noch nicht … ausgezogen oder so etwas … und auch nicht miteinander geschlafen. Bislang hat es keiner von uns überhaupt erwähnt.“
Meine Stimme verlor sich, denn ich wusste selbst nicht, ob ich dies sehr bald für möglich hielt, so interessant und unweigerlich intimer es auch an manchen Nachmittagen zwischen uns geworden war, als wir enger und enger aneinandergerückt waren.
Der Nachmittag am Pool vor ein paar Wochen kam mir wieder in den Sinn. Seine Hand auf meiner noch nassen, kühlen Haut, direkt an meinem Bauch, wie auch das sachte, fremdartig neue Kribbeln in meinem Inneren, das sich herab zu winden begonnen und ganz anders als Nervosität geschmeckt hatte. Fast ein wenig, wie in diesen ersten Momenten, in denen ich mich erfolgreich auf einer Welle aufrichtete und spürte, wie das Meer mit aller Kraft mein Surfboard übernahm und mich in unseren ureigenen Balanceakt zwang.
Es war ein gutes Gefühl. Ja, zugegeben, ein wenig sehr gut.
Und alle sagten es. Sie sagten es ständig . Sex mache etwas mit dem Verstand. Doch dieser Vorbote oder was er gewesen war, war mir nicht wie die Wogen schwereloser Taubheit erschienen, die beispielsweise Alkohol zuvor schon einmal in mir hinterlassen hatte. Ich hatte mich nicht unsinnig leichter gefühlt, wie nach dem Bier auf Fake-Raffys Pop-Up Party, ehe mir bange und unwohl geworden war. Ich hatte mich geerdeter gefühlt, schwerer , angezogen von nichts als Elijah selbst. Und wäre sein Dad nicht gewesen, wäre er nicht im Hinterhof erschienen … Ja, gut, vielleicht hätte es zu etwas mehr geführt.
Umm , nicht so viel.
Aber …
Nat hob die Verpackung.
Seufzend nahm ich sie ihr aus der Hand.
Meine Daumen spielten nachdenklich mit den gegenüberliegenden, erstaunlich stabilen Ecken, ohne dass ich Anstalten machte, sie zu öffnen.
„Ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll“, gestand ich leise. „Über das, was … gerade los ist.“
Behutsam musterte sie mich. „Hat er gefragt?“
„Er fragte, ob ich okay bin.“
Ich sah sie nicht länger an, den Blick weiter auf die metallisch blaue Plastikverpackung in meinen Händen gerichtet.
Die simple, objektive Antwort lautete Ja. Mir war nichts zugestoßen, ich war zum Zeitpunkt von Barnes’ Ausbruch nicht einmal im JCTC gewesen und selbst jetzt saß ich untätig im Bett und wartete bloß darauf, dass sich die Lage regelte und wir wieder heimkehrten.
Und genau deshalb hatte ich Elijah dies auch geschrieben. Ich war okay.
Sollte es zumindest sein.
Doch spätestens seit Coopers Anruf machte ich mir dahingehend keinerlei Illusionen mehr.
Das ringförmige Gummi drückte sich sichtbar unter dem Plastik ab. Ich vergaß, was ich da anstarrte, während ich schwieg.
Meine Kehle, schon eine ganze Weile schwer und trocken, verengte sich weiter. „Wieso tun sie das?“, fragte ich viel bitterer, als ich mich fühlte. „Wieso verraten sie euch?“
Wie um zu widersprechen, öffnete Nat den Mund, dann stockte sie. „Ich bin sicher“, begann sie überlegt, „sie versuchen bloß das Richtige zu tun. So wie wir auch. Nur-“
Schlagartig sah ich zu ihr auf „Das Richtige?“, unterbrach ich. „Er hat Menschen umgebracht, Nat. Gerade heute erst wieder. Und diese Bombe hätte dich fast ---“ Mir brach die Stimme weg. Machtlos wies ich durch die Luft, während ich einen elend schwachen Ton wiederfand: „Er hätte dich töten können. Oder Dad .“ Ärger schwemmte in mir auf. „Wie kann Steve -“
In Nats Miene mischte sich Rührung, sodass ich mich harsch zusammenreißen musste, als sie mich locker an sich zog und meinen abgehackten Protest damit beendete.
Ich schnaufte in ihre Schulter, kaum dass ich auf ihr zum Liegen kam und bloß weiter geradeaus stierte.
„Steve …“, sagte sie schließlich. „… sucht … Antworten. Richtig oder nicht, er wird Bucky nicht aufgeben, bloß weil es der Rest der Welt getan hat. Jetzt am allerwenigsten. Er ist das letzte bisschen Familie, das ihm geblieben ist.“
„Das ist nicht wahr“, wisperte ich. „Er hat euch.“
Nat sah zu mir herab.
Sie sagte nichts.
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Mein Schlaf gestaltete sich hellhörig und so entging es mir nicht, als Tony um halb fünf Uhr morgens in unser Apartment zurückkehrte.
Es lag immer noch dunkle Nacht über Berlin, auch wenn sich das Suchaufgebot im Himmel über unseren Köpfen geschmälert zu haben schien. Ich vernahm keine Hubschrauber mehr, noch irgendwelche alarmierten Einsatzwagen, was beruhigender war, als ich mir eingestand.
Unweigerlich überschwappte mich Hoffnung, dass sich die Dinge insgesamt geklärt haben mochten; dass das Team womöglich wieder an einem Strang zog, irgendwelche gewaltigen Missverständnisse geklärt worden waren oder man Steve, Sam und Barnes ganz einfach gefunden und sicher festgesetzt hatte.
Matt schnaufte ich in das fremdartig clean duftende Laken unter meiner Wange und wandte den verstrubbelten Kopf.
Warmes Flurlicht flutete unter meiner geschlossenen Tür hindurch, aber die schiere, unersättliche Müdigkeit hielt mich trotz aller Versuchung in meinen Kissen, während ich mir benommen die Augen rieb und den Bewegungen in der Stille lauschte, in denen ich Tonys Schritte und ausschlendernden Pausen so eindeutig erkannte, dass mir von der Erkenntnis allein ein Stück wärmer wurde.
Nur wenige Minuten später hörte ich ihn und Nat miteinander im angrenzenden Schlafzimmer sprechen, auch wenn ich nicht im Geringsten verstand, was sie sagten. Es schien bloß ein pragmatisch kurzer Austausch, dann kehrte erneut Ruhe ein, ehe schließlich jemand die Toilettenspülung im Bad bediente. Gedankenlos schläfrig lauschte ich dem Wasser, bis auch der wiederholt laufende Hahn verstummte.
Etwas in mir wollte wieder in die vertrauensvolle Woge aus schwammigem Nichts entschwinden, aus der ich erstiegen war, doch dann begannen Nat und Tony wieder zu sprechen und mein Bewusstsein setzte sich wissbegierig unzufrieden durch.
Obwohl sich alles in mir dagegen sperrte, das warme Bett zu verlassen, hievte ich mich mit schwer schläfriger Überwindung auf, torkelte im zwielichtigen Dunkel zu meiner Tür und öffnete sie einen unentschlossenen Spalt breit.
Keiner von beiden verließ jedoch das Schlafzimmer.
Unvermittelt erschloss sich mir, dass Nat zwischenzeitlich mit Tonys freiem Bett vorliebgenommen hatte, um selbst ein wenig Ruhe zu finden. Mein Verdacht bestätigte sich, als ich sie mit verschlafen warmer Stimme fragen hörte: „Wohin gehst du?“
„Ich leg mich nebenan aufs Ohr. Drei Stunden sind besser als nichts. Sagt zumindest mein Blutdruck.“ Freudlos entließ er die Luft. „Wenn das Abkommen steht und Barnes Mandalas im Pilgrim ausmalt, schlafe ich bis Neujahr. Mindestens.“
Nat schmunzelte. „Drei Stunden Schlaf pro Nacht? So hast du früher Awards gewonnen.“
„Ich weiß nicht, worauf du hinauswillst.“ Tony gab sich herablassend. „Bislang rocke ich diese Woche. Wenn du mich fragst, qualifiziere ich mich gerade für den ganz Großen.“
„Award oder Sparring-Partner?“
Es schien ein Insider, irgendein freundschaftlicher Wortwitz, denn sie schien zu lächeln.
Auch Tony schnaufte amüsiert wie übernächtigt. „Warum muss es immer Entweder Oder sein?“, beschwerte er sich. „Kann ein Mann nicht beides haben?“
„Du willst sagen, kann Tony Stark nicht alles haben?“
„Kann er nicht?“, stimmte er prompt zu, als sei es ein ernstzunehmendes Argument.
Ich sah sie nicht, aber ich wusste, dass Nat ihn nachdenklich amüsiert musterte. Tony schien wieder ein wenig umher zu laufen, etwas zu geschäftig, als dass es nicht mit irgendeiner Tätigkeit in Verbindung stand, bis er sich letztlich wieder der Tür näherte. Anscheinend hatte er sich umgezogen.
„Du wirst sie wecken“, bemerkte Nat seufzend. „Sie hat ewig gebraucht, um einzuschlafen.“
Er schien innezuhalten. „Hat sie etwas gesagt?“
„Nicht viel.“
Hatte ich vorher bloß auf den richtigen Augenblick gewartet, aus meinem Zimmer zu treten und mich trotz der irrsinnigen Uhrzeit zu erkundigen, wo er gewesen war und was genau er dort erledigt hatte, verlor ich diese Absicht ganz unvermittelt. Ich spürte meine Brust in eine verhaltene Atmung sinken, die mich noch etwas besser verstehen ließ, worüber sie sprachen, insgeheim dankbar, dass sie ihre Tür offenstehen gelassen hatten und es mir deshalb ersparten, mich zum Lauschen auf den Flur hinauszustehlen.
„Sie bekommt mit, wie angespannt unsere Lage gerade ist. Und sie versteht nicht, warum Steve und Sam ihm helfen. Das macht ihr wirklich zu schaffen.“
Tony schnaufte knapp wie in trockener Zustimmung.
Nats Ton wurde sachter. „Außerdem hat sie wieder Heimweh. Das weißt du, ja?“
Es war die schiere Sicherheit in ihren Worten, die mich traf.
Etwas in meiner Brust schwindelte.
Vielleicht, weil Tony ahnungslos oder erwartungsvoll dreinsah, fuhr sie fort: „Sie hat sich im Dunkeln Fotos von Maya angesehen, als ich nach ihr gesehen habe. Und sie hat geweint, glaube ich. Auch wenn sie gut darin ist, es zu überspielen und so zu tun, als sei alles bloß schrecklich ärgerlich und öde.“
Wieder gab Tony ein knappes Schnauben von sich und erneut war es Ausdruck bester Zustimmung, nur gefiel es mir diesmal gar nicht.
Es bewies wieder einmal, welch unerfreuliche Historie ich in seinen Augen aufgebaut hatte, Probleme und Gefühle zu verheimlichen, bis etwas eskalierte.
Obwohl er darin wirklich keinen Deut besser war.
Das bewiesen die letzten Tage und Wochen bestmöglich.
Was ich ihm aber ganz sicher nicht entgegenhalten würde, wenn er entschied, mich mit gezielten verbalen Spitzen aus der Reserve zu locken. Inzwischen konnte ich mir bestens ausmalen, wie viel mehr Zunder ich damit nur ins Feuer werfen würde, mich hinter genau diesem Argument zu verstecken. Zweifellos würde er es umgehend zum schieren Beweis erheben, dass ich auf dem allerbesten Wege war, seine Fehler zu wiederholen.
„Ich denke, es ist nicht weiter schlimm“, fuhr Nat bedächtig fort, wie um ihren Worten das schwellende Unheil zu nehmen, das sich bereits auf seinem Gesicht abzuzeichnen begann. „Es wird immer mal wieder aufkommen und wehtun. Es bedeutet nicht, dass sie nicht klarkommt. Es ist ein gutes Zeichen, dass sie sich damit auseinandersetzt, Tony, dass sie sich diese Fotos überhaupt ansieht. Das konnte sie lange nicht. Aber ich dachte, ich sage es dir, ehe …“
„… sie dem nächsten drittklassigen Amateur-Double in den Van folgt und wir böse auf die Nase fallen?“
Nat schwieg.
Ich konnte sie nicht sehen, weshalb ich mich alleine auf meine Fantasie verlassen musste, aber ich stellte es mir zu gerne vorwurfsvoll vor, während ich die Kiefer aufeinanderpresste und zugleich den Blick auf den cremefarbenen Designer-Teppich zu meinen Füßen herabwarf.
Ein Teil meiner Zehen stand im hereinsickernden Flurlicht.
„Du hast es nicht gewusst …“, befand Nat, als analysiere sie insgeheim unsere Lage.
Vielleicht tat sie es.
Vermutlich schon seit der Sekunde, in der sie in unser Apartment getreten war.
Tony atmete aus. „Keine Überraschung, wie du sagtest.“
„Aber du behältst es im Blick, ja?“
„Dass mein Kind die zwei wichtigsten Menschen in ihrem Leben verloren hat und darüber hin und wieder Tränen vergießt? Ja, habe ich auf dem Schirm.“ Er setzte eine theatralisch kurze Pause. „Oder, ob sie vor schierem Schmerz auf irrsinnig dumme Ideen kommt? Hab ich im Blick. So gut es eben geht.“
„ Oh , das muss du besser hinbekommen …“
„Welchen Part?“
„Rate.“
Tony blieb unbewegt, was mir sagte, dass ihn ihr stilltadelnder wie unverändert mitfühlender Ton nicht weiter aufbrachte. „Hör zu, ich kann keine Gedanken lesen“, erklärte er. „Soll heißen, ich kann es, annähernd jedenfalls, aber sie war kein besonders großer Fan dieser Sache ...“
„Sie ist kein Penrose-Diagramm. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Du kriegst es schon raus.“
„Was weißt du über die Schwarzschild-Lösung, Romanoff?“
„Gerade genug, um dich glänzen zu lassen.“ Dem sachten Klopfen nach zu urteilen, richtete sie sich mit schiefem Lächeln wieder in ihren Kissen ein. Sie seufzte. „Keine Angst, ich grabe dich nicht an“, versicherte sie. „Leg dich hin.“
Tony schien zu hadern.
Etwas in mir verlagerte bereits mein Gewicht, um möglichst geräuschlos in mein Bett zurück zu schleichen und mich schlafend zu stellen, vollends sicher, dass er sich nicht überzeugen lassen und stattdessen zu mir herüberkommen würde.
Aber dann tat er das Unmögliche.
Ich vernahm ihn gleichgültig seufzen. Er schien kehrt zu machen.
Eine Matratze knarrte und Bettwäsche raunte.
„Kein Wort zu Pepper“, bemerkte er.
Nat brummte in die Kissen. „Worüber? Du kannst dir kaum das T-Shirt ausziehen, ohne bleich zu werden.“
Er gab sich unbeeindruckt. „Ich wusste, du hast mich beobachtet.“
„Lass den Arm behandeln.“
„Sicher, ich vereinbare einen Termin für morgen Nachmittag, sobald Steve die Rechnung hierfür übernimmt.“ Er gab vor nachzugrübeln, als sie nicht weiter darauf einging. „Denkst du, er ist sich auch zu fein, seine Unterschrift auf einen Check zu setzen?“
„Sei still, Stark. Ich brauche meinen Schönheitsschlaf.“
Sein knappes Glucksen zerfloss in Stille.
Unentschlossen sah ich zu meinem eigenen Bett zurück.
Ehe ich mich noch ganz umgewandt hatte, schien sich jemand, dem jähen Knautschen der Bettwäsche nach zu urteilen, ganz unvermittelt wieder aufzurichten.
Ich erstarrte; schlagartig sicher, dass ich ertappt worden war.
„Was ist los?“, fragte Nat, ihre Stimme plötzlich so wach, dass es mich nur weiter starr auf der Stelle hielt.
Tony antwortete nicht. Als ihm ein leise finsterer Pfiff entwich, trieb das Geräusch eine Gänsehaut auf meinen Unterarm und Nacken.
„Was ist geschehen?“, wiederholte Nat.
„Sieh es dir an.“
Er schien ihr etwas zu reichen, vermutlich sein StarkPhone, denn anders konnte ich mir nicht erklären, was vor sich ging. Im selben Moment schien er wieder auf die Beine zu kommen.
Nats Sorge schien sich zu mehren. „Was hast du vor?“
„Erst einmal? Sicherstellen, dass das Hauptquartier nach Bartons Feuerwerk nicht noch im ersten Jahr seiner Fertigstellung abbrennt.“ Die seltsam unterschwellige Finsternis in seiner Stimme ließ sich wie ein ziepender Schwarm Moskitos in meinen Innereien nieder. „Danach … Das Außenministerium informieren? Maximoff zur Fahndung ausrufen? Klären, ob der stockwerketiefe Durchbruch bis ins Fundament die Statik des Gebäudes und damit das Leben unserer Nachtschicht gefährdet? Such es dir aus.“ Tony schien plötzlich so dicht am Flur, dass ich keine Zeit hatte, das Gesagte zu verdauen, und stattdessen instinktiv von meiner Tür zurückhopste und in mein Bett zurückschlich.
Er marschierte an meiner Tür vorbei.
Wieder brauchte ich eine Sekunde, um mich zu erinnern, dass es nicht einmal früher Morgen war und er mich im ahnungslos ohnmächtigen Schlaf wähnte.
Still schockiert lag ich da, knüllte meine Bettdecke mit beiden Fäusten und stierte an die nachtschwarze Decke.
Meine Gedanken schossen umher.
Etwas in meinem Magen begann zu kneten, als habe sich jeder Funke bösester Vorahnung bewahrheitet. Als sei ein Dämon unter meinem Bett hervorgekrochen, während ich noch mehr argwöhnend herabgestiert hatte, überzeugt, dass mein unvermutet wachsam pumpendes Herz die langweiligen Gesetzmäßigkeiten unserer Realität missachtete und dass es für jeden vermeintlich vorbeiziehenden Schatten eine sehr viel simplere Erklärung gab, als das Vorhandensein eines waschechten Spuks.
Dabei war dies das eigentliche Märchen. Dass Dinge unmöglich waren.
Starr griff ich nach meinem StarkPhone, unversehens entschlossen, FRIDAY zu überzeugen, mir zu zeigen, was im Hauptquartier geschehen war und was Tony meinte, wenn er von Bartons Feuerwerk und einem stockwerketiefen Durchbruch bis ins Fundament des Hauptquartiers sprach, was so deutlich nach fatal endgültiger Eskalation für mich klang, dass es mein Herz nur noch mit reger Schwere schlagen ließ.
Als ich mein Display aktivierte, sah ich, dass Clint mir geantwortet hatte.
Sofort öffnete ich unseren Chat.
19:38 Uhr Ich: Hilfst du Tony?
05:11 Uhr HawkBye: Halte die Füße still und lass das die Großen klären, ja?
So unbeschwert er es formuliert hatte, wusste ich doch, dass sich darin keine Bitte verbarg.
Ich hatte genug Zeit mit ihm und seinen Kindern verbracht, um eine wohlgemeinte Mahnung zu erkennen, wenn er sie aussprach.
Oder ein Nein.